Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 40
Der sanfte Herbst kam. Das Schiff glitt die südliche Küste entlang. Aus den Städten schrillte Musik; die Ernteprozessionen auf den Feldern böllerten; die Dschunken flitzten spielerisch über das dunkle Wasser. Totenstille auf dem schweren breiten Schiff der Hai-tang. Sie segelte nicht gleich in ihre Heimat, das Schiff landete vor der Insel Pu-to-schan. Hai-tang wollte gehen vor die gnadenreiche Kuan-yin, das Gebet der frömmsten Mönche für sich erwirken.
Besonnte Zacken der Granitberge. Träumerische Landschaften eingesenkt. Schlanksäulige Fächerpalmen mit hellen Stimmen. Kamelien hunderttausend. Hauchende Teiche, schwimmende Lotos. Zwischen Hecken, hinter steinigen Wegen Tempel am Fuße des Hanges. Starrgespannter Himmel.
Von zwei Frauen gestützt, knisterte Hai-tang hinauf, in faltenreichen grauen Gewändern, grauer Schleier vor dem Gesicht. Sie gingen durch die Eingangshalle, über die mächtige Terrasse und Plattform vor der Gebetshalle. Hai-tangs Augen erduldeten an der steilen Brüstung der Terrasse die Reliefs, welche die kindliche Liebe verherrlichten. Vor dem Altartisch qualmte im geschnitzten Holzgehäuse die ewige Lampe. Vorhänge, Flickteppiche, Standarten, Pauken, Weihrauch.
Riesengroß hinter allen Kuan-yin. Sie saß an der Wand in einem weißen Kleide da, die linke Hand fein angehoben; ihr Gesicht war golden; eine Krone von fünf Lotosblättern trug sie; ein Diadem faßte ihren blauen Haarknoten zusammen. Mit schlanken Hüften, starken Beinen saß sie, den Kopf leicht zurücklehnend, auf Marmorsockel; violetter Brustlatz, weißes Seidentuch floß über ihre engen Schultern. Die Lider unter den schwarzen Augenbrauen hielt sie gesenkt; aber die gelblichen Wimpern, die schmal geöffneten Lippen schienen leicht zu zittern. So milde schwieg sie; so versunken hörte sie und gab sie. Tafeln und Banner priesen: »Kuan-yin, die große Freundin. Ihr gnadenreiches Boot trägt alle hinüber. Die Gnade ist groß wie die Wogen der See. Für alles Volk ist sie erstanden. Ein mütterliches Herz. Ihr goldener Körper wird nicht vergehen.«
Die Mönche in braunen Mänteln vor ihr rieben die Stirnen am Boden; Murmeln, Klingeln, dumpfes Liturgieren. Hai-tang knüllte ihren Schleier, sie atmete stürmisch und lächelte, über die Mönche wegsehend.
Es war später Abend. Die Insel verschwand im Finstern. Mit Laternen zogen hundert Mönche aus ihren Zellen und Kapellen über die steinigen Wege. Hai-tang hatte eine ungeheure Summe gespendet, damit die Geweihten bei der Göttin für sie beteten. Sie saß an einer Biegung des Weges unter einem Granitblock. Der Zug murmelte an ihr vorüber, die Arme verschränkt, Kutte nach Kutte. Sie zählte die Mönche, kam nicht zu Ende. Stolz, triumphierend überblickte sie diese grenzenlose Menge: es mußte ihr gelingen, die Göttin zu überwältigen. Ruhe, Ruhe wollte sie; Wang-lun nahm ihr ihre beiden Kinder; die Rache war nicht geglückt; und wenn sie geglückt war, so gab sie keine Hilfe. Ruhe für sich, Frieden für die toten jungen Kinder, endlose, immer erneute Folter über Wang-lun! In ihr wurde es still, als die Fackeln unter Singsang in den Tempel verschwanden. Sie schlürfte die warme Luft; jetzt sollte sich die Göttin wehren, jetzt drangen die Mönche auf sie ein, rangen mit ihr -- für sie. Die Dienerinnen erhoben sich. Hai-tang ging auf das Schiff für die Nacht.
Am folgenden Abend saß sie wieder unter dem Granitblock. Die Fackeln schwankten an ihr vorbei. Sie drohte im Finstern mit siegesheißem, haßverzehrtem Gesicht nach dem schwarzen Tempel. Sie schüttelte über die Köpfe der Mönche ihre Arme.
Am dritten Abend schickte sie die Dienerinnen fort. Das Gemurmel des Zuges erfüllte die Wege. Hai-tang starrte in das blendende Fackellicht. Sie fiel nieder, schrie, zerriß ihre Brust. Die Göttin war stärker; die Mönche vermochten nichts. Sie konnten beten und beten und beten. Wer hatte die Kraft, wer rettete sie?
Da war ihr, als ob die Mönche schon wieder zurückkehrten. Es rauschte. Ein Licht floß über den Boden. In dem Schein des eben vortretenden Mondes schritt schmalhüftig Kuan-yin, die Perlmutterweiße, an ihr vorbei. Das Diadem auf dem geringelten Haar blitzte grasgrün bei der Drehung des schräggelegten Kopfes. Sie lächelte, sah Hai-tang an, sagte: »Hai-tang, laß deine Brust. Deine Kinder schlafen bei mir. Stille sein, nicht widerstreben, oh, nicht widerstreben.«
Hai-tang blickte weiter in den grünschleppenden Mondschein. Sie setzte sich auf, schob die Schaufeln ihrer Hände über das kalte Gesicht: »Stille sein, nicht widerstreben, kann ich es denn?«
_Ende_
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Hinzuziehung späterer Ausgaben, korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[p. 26]: ... Hinter zwei Höckerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ... ... Hinter zwei Hökerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ...
[p. 79]: ... erstenmal des Geräusch des Flusses und der stürzenden Schneemassen ... ... erstenmal das Geräusch des Flusses und der stürzenden Schneemassen ...
[p. 80]: ... geheimtuerischen Wesens benutzen. ... ... geheimtuerischen Wesens benutzten. ...
[p. 149]: ... Ring wird sich zusammenschließen. Die Zeit des Maytreya ... ... Ring wird sich zusammenschließen. Die Zeit des Maitreya ...
[p. 152]: ... Wasser, Bodenschwingung zu bestimmen, aus den Werfen der ... ... Wasser, Bodenschwingung zu bestimmen, aus dem Werfen der ...
[p. 154]: ... ihr Gemurmel: »Omito-fo, omito-fo!« ... ... ihr Gemurmel: »Omito-fo, Omito-fo!« ...
[p. 200]: ... die Höfe und Festigkeit der Ziegelmauern bewunderten, ... ... die Höhe und Festigkeit der Ziegelmauern bewunderten, ...
[p. 242]: ... Ein wildes Getümmel herrschte um abgezäumte Räume auf ... ... Ein wildes Getümmel herrschte um abgezäunte Räume auf ...
[p. 247]: ... den Enblemen ihre verschlissenen Kittel und gingen barfuß. ... ... den Emblemen ihre verschlissenen Kittel und gingen barfuß. ...
[p. 300]: ... Roten Stadt begleiteten durfte. Der Kaiser übersprudelte von ... ... Roten Stadt begleiten durfte. Der Kaiser übersprudelte von ...
[p. 316]: ... In diese Gleichmäßgkeiit wuchs Jische hinein, ohne Erregung ... ... In diese Gleichmäßigkeit wuchs Jische hinein, ohne Erregung ...
[p. 318]: ... an den drei Ecken stützten die gelbweißen Schale kleine steinerne ... ... an den drei Ecken stützten die gelbweiße Schale kleine steinerne ...
[p. 321]: ... von den Gängen die Blüten weg; wehmütig verfolgte Paladan ... ... von den Gängen die Blüten weg; wehmütig verfolgte Paldan ...
[p. 328]: ... in dem atemlosen, säulenumstellten Raum; ein goldener Gott ... ... in den atemlosen, säulenumstellten Raum; ein goldener Gott ...
[p. 343]: ... höheren Weihen empfing und in die Versammlug der Mandarinenten ... ... höheren Weihen empfing und in die Versammlung der Mandarinenten ...
[p. 390]: ... Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentücher, Tabekasdosen, ... ... Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentücher, Tabaksdosen, ...
[p. 397]: ... stellte Wang die vier als seine Landsleute aus Schantung ... ... stellte Wang die vier als seine Landsleute aus Schan-tung ...
[p. 406]: ... in Ho-kien eintritt und im Sippenhaus einer befreundeten Familie ... ... in Ho-kien einritt und im Sippenhaus einer befreundeten Familie ...
[p. 407]: ... kleines ländliches Besitztum bei der Stadt Lin-tsing verbrannt ... ... kleines ländliches Besitztum bei der Stadt Lint-sing verbrannt ...
[p. 430]: ... Ngoh, und daß kann ich nicht mit anschauen und darum bin ... ... Ngoh, und das kann ich nicht mit anschauen und darum bin ...
[p. 431]: ... Peking loszugehen, nachdem man sich mit den abtrünnigen ... ... Pe-king loszugehen, nachdem man sich mit den abtrünnigen ...
[p. 444]: ... Besetzung Pekings ausgetauscht waren, gaben sie ihre Spaziergänge ... ... Besetzung Pe-kings ausgetauscht waren, gaben sie ihre Spaziergänge ...
[p. 444]: ... der Soldaten. Die bunten Schwärme hasteteten aufgelöst über ... ... der Soldaten. Die bunten Schwärme hasteten aufgelöst über ...
[p. 445]: ... Pekings von den siegreichen Truppen Wang-luns erstürmt ... ... Pe-kings von den siegreichen Truppen Wang-luns erstürmt ...
[p. 448]: ... Jagd muß uns ein Bild des Krieges geben.« Er las weiter; ... ... Jagd muß uns ein Bild des Krieges geben.'« Er las weiter; ...
[p. 463]: ... Nordschantungs, hätten sich zusammen getan, um sich durchzuschlagen ... ... Nordschan-tungs, hätten sich zusammen getan, um sich durchzuschlagen ...
[p. 465]: ... dort das Mer lag, an das ihn die Rebellen gedrängt hatten, ... ... dort das Meer lag, an das ihn die Rebellen gedrängt hatten, ...
[p. 476]: ... abendliche Stadt blitzte. Cha-hoei folgte getrennt vom Brautzug ... ... abendliche Stadt blitzte. Chao-hoei folgte getrennt vom Brautzug ...
[p. 478]: ... Chao-hoei kehlte heißer im Winkel nach der Sänfte seiner ... ... Chao-hoei kehlte heiser im Winkel nach der Sänfte seiner ...
[p. 484]: ... Zug der schwankenden Deliquenten voranritten, durch die ... ... Zug der schwankenden Delinquenten voranritten, durch die ...
End of Project Gutenberg's Die drei Sprünge des Wang-lun, by Alfred Döblin