Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 39

Chapter 393,656 wordsPublic domain

Am Abend dieses Tages der drei Sprünge ließen sich zwei Damen aus der Stadt zu Wang führen. Eine elegante, schlanke Dame betrat zuerst das stille Jamen, in dem Wang auf der Matte sitzen blieb. Sie hob das Lid des linken Auges selten; dann und wann erkannte man auf dem Augapfel große, weiße Flecken. Eine rundliche, sehr schöne Frau folgte, die sich weniger sicher bewegte als jene elegante. Die erste Dame nannte sich Pei, die andere Jing. Auf der Matte sich niedersetzend erwarteten sie Wangs Begrüßung. Die Ältere ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen, als der Mann sie barsch nach ihren Wünschen fragte. Sie kämen aus der Roten Stadt. Sie hätten noch vor der Belagerung flüchten müssen. Sie böten den Bündlern ihre Dienste an. Die Dame Pei erzählte in Breite ihr Schicksal, endete mit der Erklärung, daß sie imstande sei, noch jetzt in die Rote Stadt einzudringen und die Häupter der Mandschudynastie mit einem Zauber umzubringen. Wang war einiges von der Angelegenheit dieser Zauberfrau zu Ohren gekommen. Eine kleine Zeit blieb er stumm auf seinem Platz. Dann stieg er herunter, dankte den Damen, bat sie, ihm ihre Adressen zu hinterlassen, schickte zwei Soldaten zu ihrem Schutz mit. Wang kam an dem Abend nicht zur Ruhe unter dieser Sache. Erst sandte er nach der Gelben Glocke; dann mußte der Bote zurückgeholt werden. Er wollte allein zu einem Beschluß kommen. Im Hof des Jamens trabte er herum. Das war ein neues Zeichen. Unerwartetes Ende der Mandschus. Sollte man zugreifen, mußte man nicht? Noch nicht der Nai-ho! Aber der anfängliche Widerwille kehrte zurück. Irgend etwas war unerträglich an dem Vorschlag. Er war ekel, das Ganze war sinnlos, es kam von außen her, war kein Wink, es störte nur den Verlauf. Was er mit der Gelben Glocke an dem kleinen Wasser erlebt hatte, war endgültig und da sollte niemand eingreifen. Nicht morden. Die Wege lagen alle eben da.

Und noch ehe die Nacht kam, schickte er vier Soldaten zu den Damen, die sie unter Aufsicht eines Offiziers aus der Stadt geleiteten. Man drohte ihnen Rutenhiebe an, wenn sie den Wahrhaft Schwachen wieder unter die Augen träten.

Es ist beschlossen, vollendet, jauchzte Wang. Glücklich schlief er ein. Im Traum stand er unter einer Sykomore, an deren Stamm er sich hielt. Über seinen Kopf wuchs der Wipfel des Baumes in die grüne Breite und Höhe, so daß er, als die schweren Äste sich senkten, ganz eingehüllt und versunken im kühlen Blattwerk war und niemand ihn mehr sehen konnte von den vielen Menschen, die vorüberspazierten und sich an dem unerschöpflichen Wachstum ergötzten.

* * * * *

Nachdem die gesamten Provinzialtruppen des Tsong-tous von Tschi-li Chen-juen-li vor Tung-chong aufmarschiert waren, wurden die Bündler zum Ausfall gereizt und besiegt. Chen-juen-li zog sich darauf zurück. Der Tsong-tou von Schan-tung mit Bannertruppen unter Chao-hoei stellte sich den flüchtigen Bündlern am westlichen Damm des Kaiserkanals entgegen. Der General des Tsong-tous kam in ein hitziges Gefecht mit den tollkühnen Rebellen, welche über den Kanal flohen, den weiteren Angriff in der Ebene vor der Stadt Lint-sing, östlich des Kanals, erwarteten. Hier entspann sich die große Schlacht, in deren Verlauf der Rest der Bündler in die Stadt getrieben wurde. Sie hatten sich vorsorglich der Mauern und Tore versichert, so daß nunmehr die regulären Truppen zu einer Belagerung Lint-sings gezwungen waren.

Die Zahl der Bündler betrug nicht mehr als Ma-nohs, kaum fünfzehnhundert Menschen, darunter viele Frauen. Wang-lun und die Gelbe Glocke hatten nur leichte Säbelhiebe erlitten. Ngohs rechter Arm war bis auf die Schulter zerschmettert. Der feine Mann hielt sich mühselig aufrecht, suchte sich für den Endkampf zu üben im Schwingen des Beils mit der linken Hand.

Unbeschreiblich innig hingen Brüder und Schwestern zusammen. Die Freunde von der Weißen Wasserlilie schienen verschwunden; unter der Schwere der letzten Ereignisse hatten sie sich aufsaugen lassen von den Wahrhaft Schwachen. Die frommen Lieder von der Fahrt zum Westlichen Paradies schallten über die Mauern. Es wogte die freudige Stimmung.

Unter den Frauen befanden sich manche, die glaubten, die Entsetzen einer Schlacht nicht noch einmal ertragen zu können. Diese waren es, die sich feierlich auf dem Markte erhängten, am zweiten Tag der Belagerung.

Der Geist einiger Brüder verwirrte sich, als sich erkennen ließ, daß die Umzingelung der Stadt durch unermeßliche Truppenmassen vollkommen war und daß es auf ihre Ausrottung ging. Sie tanzten nackt auf den Straßen, jauchzten mit markerschütternden Stimmen. Sie wüßten den wahren und guten Weg und den tanzten sie. Geheimnisvoll schlichen sie sich über die Plätze, sanken mit geschlossenen Augen über den Boden und röchelten im Delirium. Manche von diesen Männern brachten sich Wunden an den Armen und Lippen bei mit spitzen Steinen wie Fopriester; faßten, mit weißen Augäpfeln wandelnd, träumende Frauen bei den Händen an, und unmittelbar an Entrückungen, in Entrückungen erfolgte die Brunst der Umarmungen, die niemand verachtete.

Ein kleiner Teil der Eingeschlossenen sah schief, mißtrauisch, gehässig auf die andern, konnte sich nicht zur letzten Hingerissenheit entschließen, dachte irgendwie zu entweichen, die Bündler zu verraten. Dies waren die, welche viel auf den Höfen weinten, alle Stunden auf die Mauern krochen, gramvoll winselnd die Bewegungen der Kaiserlichen verfolgten. Dann horchten sie wieder alle aus, stopften sich in das Gedränge der Märkte und quälten sich über ihre zuckenden Gesichter die festliche Ruhe der andern zu spannen.

Hie und da vollendete sich in aller Raschheit ein Sonderschicksal. Ngoh hatte das Wu-wei gesucht, um für sich Frieden zu gewinnen. Es bedeutete ihm Qual, als die Verfolgungen begannen, daß er sich an der Führerschaft beteiligen mußte. Mit halbem Herzen ging er in die Schlachten und war glücklich in der Betäubung des Gewühls. Seine Abneigung gegen die Rote Stadt verdichtete sich mit dem Haß auf die Mandschus, die ihm die Kämpfe aufzwangen. Kaum einer aller Wahrhaft Schwachen hegte zuletzt einen so unbändigen Haß auf den Kaiser als der ehemalige Hauptmann Ngoh. Allein gelassen, von seinem Haß befreit, da der Untergang herannahte, saß er in Lint-sing. Er hörte trübe die abgestandenen Lieder seiner Freunde, sah sie in einer großen Entfernung von sich gehen. Die Erinnerung an den Kaiser, an die Wanderung mit Ma-noh, an seinen geliebten Knaben wachte auf und alles ohne Gefühl. Sein rechter Arm war zerschlagen; er übte den linken und bemerkte heimlich, daß es gleich war, ob er mit dem Beil gegen Holzpfosten, gegen Kaiserliche oder gegen sich selbst schlüge. Die Gespräche und Gesellschaft der Brüder suchend fand er nicht zurück. Er fragte sich, ob es nicht eben so gut gewesen wäre, seinen Knaben weiter zu lieben und neue zu lieben, und fühlte sich so heftig in diese Vorstellung hinein, daß er in geträumter Zärtlichkeit zerfloß, ja mit einer angstvollen Begierde sich diesen beglückenden verschollenen Gestalten näherte, bittend ihm zu verzeihen, weil er so lange ferngeblieben war, keine Parfüms, kein Konfekt brachte. Er dämmerte so ganze Tage herum. Die Gelbe Glocke fand ihn matt und in hohem Fieber. Der Offizier ging in Erschütterung von dem Kranken; diese Blicke tauchten schon in die letzte Dunkelheit ein. Als Ngoh in dem leeren Zimmer, das man ihm eingeräumt hatte, sterben sollte, tastete er schon zwischen den Frösten und Farbenblitzen nach den feinen Knien und Ohren seines Knaben, sperrte sich gegen das rieselnde Wu-wei mit krampfenden Kiefern, suchte sich bald mit Skepsis, bald mit Ungeduld zurecht zu finden, irrend, stammelnd, ganz still.

Das Heer, dezimiert, gänzlich erschöpft, war verloren. Dieser Rest durfte die letzten Tage Wang-luns miterleben. Von Nan-ku klang unter diesen Bündlern kaum noch ein Gerücht. Als Wang ihnen sagte, daß er von einer großen Wanderung zu ihnen zurückgekehrt sei, von Nan-ku über das Hia-ho nach Lint-sing, da wußten sie gut, wer er war und daß es sich lohnte, für das Wu-wei gelebt zu haben und in das Westliche Paradies einzugehen.

In der ersten Stunde des Nachmittags, an dem sie in die Stadt getrieben waren, zog Wang-lun, blutend am Hals, schweißtriefend, zitternd die Gelbe Glocke in den leeren Hof eines Hauses, umarmte ihn stürmisch, stotterte außer sich, mit leuchtenden Augen: »Bruder, wir sind besiegt. Es ist zu Ende. Bruder, die Tore sind zu. Wem soll ich danken?«

Die Gelbe Glocke stöhnte: »Wir sind besiegt.«

»Glaubst du? Ich sterbe gern. Es bleibt dabei, was ich in Tung-chong sagte: es kann anders nicht kommen. Der Nai-ho ist schlammschwarz. Aber ich bin bei euch, bei euch allen, hier ist das Einzige, was ich in meinem Leben geliebt habe: Nan-ku. Ich komme wieder zu euch. Die Tore sind zu. Wir dürfen beten; wir dürfen uns freuen. Wir sind alle auf einmal frei.«

In den nächsten Tagen öffnete sich Wang ganz. Über die Plätze und Straßen stieg er ununterbrochen. Er suchte jeden einzelnen der Bündler kennen zu lernen, ließ sich Schicksale erzählen. Er weinte mit ihnen über die toten Freunde, denen man ein gemeinsames Brandopfer auf dem Markt brachte, entschuldigte die Kaiserlichen, gegen die man hatte kämpfen müssen. Die Zeit, wo alle den reinen Weg gingen, sei noch nicht da. Nur durch die Ergebung und Sanftmut könnte man die Furchtbarkeiten des Lebens, die Eisenhiebe des Leidens verwinden.

Bei den Andachten auf dem Markte kletterte der barfüßige Barhäuptige auf die queren Planken einer Verkaufsbude. Er erzählte von seiner Wanderung nach dem Hia-ho, und wie sie ihm nicht genutzt hätte, von den tausenden glückseligen Brüdern und Schwestern, die Ma-noh nach dem Kun-lungebirge geführt hätte. Er nannte viele bei Namen, beschrieb sie. Andere Male, und dies geschah mit großer Eindringlichkeit, lobte er das Schicksal. Die Worte von Nan-ku fand er wieder; wie klein die Menschen wären, wie rasch alles verginge und wie wenig der Lärm nütze. Die Kaiserlichen und Mandschus könnten siegen; was würde es ihnen helfen? Wer im Fieber lebt, erobert Länder und verliert sie; es ist ein Durcheinander, weiter nichts. Die Wölfe und Tiger sind schlechte Tiere; wer sich diese zum Vorbild nehme, fresse und werde gefressen. Die Menschen müßten denken wie der Boden denkt, das Wasser denkt, die Wälder denken: ohne Aufsehen, langsam, still; alle Veränderungen und Einflüsse nähmen sie hin, wandeln sich nach ihnen. Sie, die wahrhaft schwach gegen das gute Schicksal waren, seien gezwungen worden zu kämpfen. Die reine Lehre dürfte nicht ausgerottet werden, gelöscht wie eine schlechte Tusche. Nun sei alles Kämpfen für sie vorbei, sollte vorbei sein; Beile, Schwerter, Sensen brauchten sie nur noch einmal zu nehmen. Das Wu-wei sei eingegraben in die Geister der hundert Familien. Es würde sich nach ihnen ausbreiten in heimlicher, wunderstrotzender Weise, während sie auf den weißen Wolken des Westlichen Paradieses spazierten und bis an die Lenden in dem schönen Ambraduft versänken. Von Leichnamen seien sie umgeben; Schatten und Skelette griffen sie an, der stärkste Zauber könne diese Bösen nicht bezwingen. Nur das Wu-wei vermöchte es; das trenne Leben von Tod mit so einfachem Griff. Das wußten schon die grauen Alten, von denen man spricht. Schwach sein, ertragen, sich fügen hieße der reine Weg. In die Schläge des Schicksals sich finden hieße der reine Weg. Angeschmiegt an die Ereignisse, Wasser an Wasser, angeschmiegt an die Flüsse, das Land, die Luft, immer Bruder und Schwester, Liebe hieße der reine Weg.

Er plätscherte von dem Traum, der ihm Nacht um Nacht erschiene: er stünde an dem Stamm; erst sei es wie eine Sykomore. Allmählich finge der Baum an, so schlank und gleichzeitig so zottig um ihn zu wuchern, ihn wie eine Trauerweide schwelgerisch zu überhängen, wie ein grüner Sarg zu umschließen. Manchmal beim Aufwachen nehme sein Kopf den Traum mit und dann käme ihm vor, daß sich der dünne Baumstamm nach Art eines saftigen Schmarotzers um seine Beine, seinen Leib und Arme gestengelt habe, so daß er sie nicht herausziehen konnte aus dem wässerigen Mark und ganz aufgesogen wurde von der reichen Pflanze, an deren Anblick sich alle beglückten.

Ekstasen schäumten und klatschten auf diese Reden Wangs. Oft kam es vor, daß sich Haufen zusammentaten, an den Toren versammelten und umnebelt hinausziehen wollten, um die Feinde zu belehren und ihnen zuzureden. Man drängte in Wang, in die Gelbe Glocke, man wolle Feste feiern. Und eines Tages flötete der Jubel eines Festes durch die Stadt, bei dem man das holzgeschnitzte Bild einer Göttin, der königlichen Mutter des Westlichen Paradieses, aus einem prächtigen Tempel holte, auf einen freien Platz außerhalb der Häuser trug, vor ihr räucherte, sprang. Brüder schritten hier mit bloßen Sohlen über ein Feld glühender Kohlen, die man vor die Bildsäule der Göttin geworfen hatte, lachend und triumphierend zu der königlichen Mutter hin. Die Brüder und Schwestern ließen nicht ab, Wang zu bitten, zu ihr Geister zu schicken, die sich vor sie hinwerfen sollten und sie lobpreisen für alle, die das heilige Wu-wei verehrten. Sie warfen Stäbe und losten. Fünf mal fünf Männer und Frauen schleppten Balken und lose Bretter über das Kohlenfeld. Und als das Holz in ganzer Breite loderte, rasselten sie unter den frenetischen Rufen der Menge hintereinander, übereinander, glucksend, belfernd in die blähenden Flammen vor dem sanften Bild, wie Kücken unter die Flügel der Henne.

Chao-hoei führte den Oberbefehl über eine beinah zehnfach dem Feind überlegene Truppe. Man erwartete täglich das Eintreffen jener mandschurischen Bogenschützen, deren Verwendung der Kaiser angeordnet hatte. Ein junger Offizier stand bei der Bannermannschaft des Generals: Lao-sü, Chaos und Hai-tangs Sohn. Wie Hai-tang erst Chao-hoei aus dem Hause gedrängt hatte, um die zarte Tochter zu rächen, so bald danach den eleganten Flaneur, der sich nach dem Tode seiner Schwester rasch veränderte. Er hätte des Wunsches seiner Mutter kaum mehr bedurft.

Lint-sing gliederte sich in Altstadt und Neustadt. Nur die Neustadt war stark ummauert und von einem besonderen Erdwall umgeben; die Mauer der Altstadt war nicht ganz gediehen, von ihren Wachtürmen nur zwei gebrauchsfertig. Yin-tsi-tu, ein Hauptmann von Chaos Banner, nahm, noch bevor die Bogenschützen eintrafen, zweihundert Mann, fiel in das Osttor der Neustadt, erstürmte die kaum verteidigte Mauer, machte die schlecht bewaffneten Rebellen nieder. Bei diesem Handstreich kamen nur vierzig Kaiserliche um, während man zweihundertdreißig tote Brüder und Städter zählte.

Tags drauf glühte eine rote Sonne. Als sie erlosch, gab Wang in der Altstadt allen, die Waffen besaßen, Auftrag, sich zu rüsten und die schlecht verschließbaren Häuser zu verlassen. Sie sollten sich in möglichst großen Häusern auf den engsten Straßen aufhalten. Kleine Trupps von Bogenschützen und Steinwerfern hätten sich auf den Mauern an bestimmten Punkten aufzustellen, sobald die Nacht anbräche. Die militärischen Anordnungen führte die Gelbe Glocke mit kalter Routine durch; seine Ruhe nahm dem Augenblick alles Unheimliche.

Wie es finster geworden war, kam jemand vor das Haus, das Wang bewohnte, gab, als man auf das Klopfen das Tor öffnete, eine Vase ab und sagte, man solle sie nicht öffnen. Der Mann, der das Tor geschlossen hatte, stand noch zweifelnd da und wollte fragen, da war der Bote verschwunden. Der Mann verriegelte unsicher das Tor, trug die verschlossene Porzellanvase, die nicht schwer wog, auf das Zimmer Wangs, stellte sie auf die Matte. Kurz darauf langte die Gelbe Glocke vor dem Haus an, um Wang zu sprechen. Er ging auf das Zimmer und sah Wang bei der Öllampe am Tisch sitzen, den Rücken nach der Türe gewandt; er schien zu lesen. Da rief der Pförtner vom Hofe, die Gelbe Glocke solle nach oben gehen; Wang-lun säße im ersten Stock bei den Brüdern und frage nach ihm. Erschreckt stolperte die Gelbe Glocke die Treppe hinauf; aus dem Zimmer oben tönte lautes Sprechen und Rumoren; Wang verteilte den Männern Spieße und kurze Dolche. Die Gelbe Glocke rief Wang an, der auf den entsetzten Blick des Offiziers die Dolche fallen ließ, mit ihm die Treppe hinunterstürzte, leise an die Türe trat. Die Erscheinung las noch am Tisch, Wang rief sie an, sie drehte sich um, sah Wang, der sich an den Hals faßte, mit seinen eigenen Blicken an, bewegte sich nach der Matte, verschwand. Die beiden gingen zögernd näher. Die Vase stand da, verschlossen. Die Gelbe Glocke hielt Wang, der schwankte, bei den Schultern. »Weißt du, Gelbe Glocke, was das war?«

Die Gelbe Glocke schwieg und schloß die Augen. Wang schlotterte:

»Das heißt, daß ich morgen sterben muß.«

Hastig und verstört gab Wang dem Pförtner Auftrag, die Vase vorsichtig hinauszutragen. Nach einem kurzen Vorsichhinstarren stieg er mit der Gelben Glocke hinauf.

Die Berennung der Tore begann kurz vor Sonnenaufgang von der Neustadt her. Der tapfere riesenstarke Yin-tsi-tu war der erste, der durch das gebrochene Tor in die Stadt stürmte; er suchte Wang-lun, den er mit eigener Hand erwürgen wollte. Dicht hinter ihm rannte Lao-sü mit einem roten Helmbuschel, ohne Schild, in jeder Faust ein langes doppelschneidiges Messer. Die Sprengung der südlichen Tore durch die Provinzialtruppen, denen sich die Bogenschützen angeschlossen hatten, erfolgte nicht viel später, weil im Augenblick, wo Yin-tsi-tu vom Osttor in die Stadt drang, alle Verteidiger sich von der Mauer in die Straßen und Häuser zurückzogen. Auf der südlichen Mauer stand eine gußeiserne Kanone, welche die Angreifer mit dem Blut einer Jungfrau, die sie in der Nacht vor dem Sturm abgestochen hatten, füllten und in die Stadt schossen, um die Luft von den Geistern der gefallenen Rebellen zu reinigen. Weiber stürzten den Soldaten mit grauenhaftem Jubel und Gekreisch aus den Gassen entgegen; sie versperrten die Zugänge der besetzten Straßen; dickes besessenes Menschenfleisch, das man wegräumen mußte. Von der Peripherie der Stadt ritten die Flammen der brennenden Häuser an.

Der tobende Straßenkampf begann. Die Brüder ließen sich nicht in den Häusern halten, ein Haus nach dem andern machte Ausfälle. Die Stadt bebte Mord. Die Straßen füllten sich mit würgenden Soldaten. Immer neue drängten von den Mauern her, fletschten die Zähne und waren nicht zu bändigen. Aus der Mitte der Stadt schwoll zwischen dem tobenden Gebrüll, den langen spitzen Schreien das heisere Gröhlen und Jauchzen der Rebellen, erstickt, wieder aufbrausend.

In einer mit Weiberleichen bepflanzten Straße, die auf den Markt führte, sahen Brüder, wie sie die Tore ihres Hauses zum Ausfall öffneten, Wang-lun in großen Sätzen vom Markt herlaufen, barhäuptig, sein Schwert über die linke Schulter geschwungen. Er rannte an ihnen vorbei, sein schweißübergossenes Gesicht eingesunken und unkenntlich; seine Augen leer, Yin-tsi-tu und Lao-sü hinter ihm an der Spitze von Bogenschützen und Lanzenträgern. Die Brüder hielten den Ansturm der Soldaten aus. Wang verschwand in ein großes leeres Haus am Ende der Straße. Eine kleine Schar Bündler mit Dolchen lief die Häuser entlang, stürzte sich auf die Bogenschützen vor dem letzten Torweg. Yin-tsi-tu hob, von Lao-sü gedeckt, stöhnend die Torflügel aus. Wang keuchte an der Hofmauer. Yin-tsi-tu parierte mit seinem Schwert den Schlag Wangs; sie rangen; der Hauptmann entwand dem Rebellenführer den Gelben Springer. Einem Dutzend Bündler gelang es, in den Hof einzudringen. Sie stießen Lao-sü mit ihren Messern nieder, befreiten Wang und krochen mit ihm zusammen in das obere Stockwerk des Hauses. Hier stapelten Bretter von Kampferholz; sie verbarrikadierten die Treppen mit dem umgeworfenen Stapel, mit Schränken und Tischen. Während die Bogenschützen von Kirin Pfeil auf Pfeil in die Fenster jagten, legten sie oben Feuer an und verbrannten, ehe nur ein einziger Soldat die Treppe erstiegen hatte.

Yin-tsi-tu toste die Straße herunter nach Rebellen; den Gelben Springer schleuderte er um sich; an zwanzig Schwestern und Brüder erschlug er.

Im südlichen Stadtteil hielt die Gelbe Glocke am längsten sein Haus. Als es von brennenden Pfeilen angezündet war, stieg er mit seinen vierzig Mann auf die Straße. Er focht mit größter Vorsicht gegen die kaiserlichen Bannersleute, die zurückwichen, als sie den in den Kasernen verehrten Offizier erkannten. Die ganze Stadt wand sich schon in den Händen der siegheulenden Regulären, da kämpfte er noch, mit einem hohen Schild sich deckend, hinter der vorderen Hofmauer. Eine Lanze in den Hals klafterte ihn um; seine letzten Leute wurden durch Beilwürfe gefällt. Die hundert Männer und Frauen, die unter Singen waffenlos auf den Markt gezogen waren, um sich niedermetzeln zu lassen, wurden umstellt, gebunden, zu Paaren in das Lager vor der brennenden Stadt geschleppt.

* * * * *

Die abschließenden Regierungsmaßnahmen in dieser Angelegenheit dauerten einen Monat. In dieser Zeit wurden die Gefangenen nach Pe-king transportiert; Khien-lung hörte sie größtenteils persönlich aus, um Begünstigungen der Behörden, Saumseligkeit der Verfolgung zu ermitteln. Dann wurden die Brüder und Schwestern vor Pe-king im Angesicht eines großen Volkes abgeurteilt nach den Bestimmungen des Ketzereigesetzes. Ihre Familien und die der bekannten Rebellen verbannte man nach dem Ili und der Mongolei; es waren etwa zweitausend Menschen. Das Dorf Hun-kang-tsun wurde völlig eingeäschert; die Leichname der Eltern Wangs ausgegraben, zerstückelt; sämtliche Einwohner des Dorfes vertrieben, ihr geringes bewegliches Besitztum konfisziert. Die Leichen der Rebellen verwesten auf den Straßen Lint-sings, vergifteten die Luft, so daß die wenigen Insassen der Stadt sich an den Präfekten wandten. Ein Dekret Khien-lungs ordnete dann an, daß die Kadaver gesammelt und vor die Mauern nächst dem Kanal geschafft würden. Man schaufelte zwei breite flache Gräber für die Männer und Frauen am Flußdamm, an einer Stelle, wo böse Geister sich versammeln. Hier hinein stülpte man die Karren mit den Kadavern, warf den Abraum der verbrannten Häuser und Balken hinzu. Vom Kanal sahen die beiden langen gewölbten Gräber und Schutthügel aus wie die Buckel zweier riesiger Maulwürfe, die sich aus der Erde aufwühlen.

Khien-lung sonnte sich. Dem Hohen Rat gab er bekannt, daß er Kia-king, seinen Sohn, der ihn mit seinen Ahnen versöhnt hatte, zu seinem Nachfolger ernenne. Die Offiziere, Generäle, hohen Beamten, Ratgeber, die sich an der Niederwerfung der Rebellion beteiligt hatten, erhielten Ehrentitel, Ländereien. Mit fester Hand schrieb Khien-lung am Tage des Dankfestes in der hinteren Halle des Kung-fu-tsetempels an: 'wenn Kung-fu-tse hier wäre, er würde nicht gründlicher vorgegangen sein als ich.'

Als noch die Leichen der Rebellen auf den stillen Straßen, in den Häusern Lint-sings faulten, der verkohlte Leib Wang-luns, welcher als Fischerssohn geboren, als Verbrecher gelebt, das Wu-wei gestiftet hatte für die Unglücklichen der achtzehn Provinzen und dafür unter das Ketzereigesetz gefallen war, der durchlöcherte Körper der Gelben Glocke, der der feinste und weichste der Brüder war und in tiefer Seelenruhe seinen Speer empfing, gegen eine weiße schöne Wolke zärtlich aufwallend, Ngoh, der schwächste von allen, von seinem Elend langsam zermahlen, die zahllosen Brüder und Schwestern, die unter dem Frieden des Wu-wei geblüht hatten, fuhr auf einem großen Trauerschiff Hai-tang, umgeben von ihren Frauen, nach ihrer südlichen Heimat die Küste entlang.

Chao-hoei, den gebrochenen Sieger, hielt Khien-lung am Hofe fest. Hai-tang wollte allein fahren; sie sagte zu Chao-hoei, als er sein Haus in Schan-hai-kwang verkauft hatte, er solle sich eine Nebenfrau nehmen, damit er von ihr einen Sohn bekomme.