Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 38

Chapter 383,700 wordsPublic domain

Schon tauchte in ihrem Rücken der Henker auf mit nacktem Oberkörper; den Knauf des zweischneidigen Richtschwertes mit den Händen umschließend, schwang er es hoch, daß sich sein Körper auf den Zehen erhob; niederschmetternd, sich krümmend und von der Wucht seitlich fortgezogen, trennte er Köpfe von Rümpfen.

Zwei senkrechte armdicke Blutquellen; der Kopf rollte, zwinkerte mit den Augen. Der Mund schnappte. Der noch knieende Rumpf schnellte mit einem Satz nach vorn, fiel hin.

Die Soldaten im weiten Umkreis spannten ihre Bogen teils auf die Rebellen, teils auf die finstere Menschenmenge.

* * * * *

Auf die Meldung des großen Sieges erhielten die Gouverneure von Tschi-li und Schan-tung die zweiäugige Pfauenfeder. Mit den Dekreten Khien-lungs traf sein eigenhändiger Brief an die Führer ein, in dem er die vollkommene Ausrottung der Rebellen und Ketzer befahl. Wie großes Gewicht Khien-lung auf die gründliche Erledigung der Angelegenheit legte, erhellte aus den Ernennungen, die er für den zweiten Teil des Feldzuges anordnete; er stellte den Feldherren den Präsidenten des Zensorenhofes, Sza-hoh, und den kenntnisreichsten und belesensten seiner Schwiegersöhne Zoh-wang-tao-roh-tsi als Berater zur Seite. Ferner ließ er in Solon und Kirin tüchtige mandschurische Bogenschützen in großer Zahl anwerben, die nach ihrer Aushebung sofort auf den Kriegsschauplatz rückten.

Die geschlagenen Bündler flüchteten durch das südliche Tschi-li, traten in das Bergland von Schan-tung, sammelten sich an mehreren Gebirgsorten, wo sie neuen Zustrom erfuhren. Sie stiegen geordnet in die Ebene des großen Kanals, den sie überschritten. Die kaiserlichen Truppen, nördlicher und östlicher stehend, konnten nicht verhindern, daß Wang-luns Anhänger in einer blinden Zerstörungswut die Stadt Sou-chong nicht ganz zwei Wochen nach dem Fall Schan-hai-kwangs ansteckten, zwei weitere Distriktsstädte besetzten, schließlich die ummauerte Stadt Tung-chong belagerten und einnahmen. Diese Orte grenzten dicht an Tschi-li; ihre Eroberung gefährdete die Grenzdepartements Kwan-ping und Ta-ming; der Tsong-tou erhielt Befehl, diese Gegend zu decken.

Wang-lun lag in Tung-chong am Kaiserkanal. Alle Rebellentruppen waren konzentriert in einem Umkreis von zwei Tagesmärschen. Der sengenden Hitze folgten Regentage, Sturm. In dem prasselnden Wetter warfen die Bauern die zweite Saat. Der Handel dieser reichen Gegend stand still, der Verkehr auf dem Kanal abgeschnitten. Die Rebellen in einer rasenden Betriebsamkeit zündeten alle umliegenden Dörfer in Brand. Den kommenden Anmarsch der Regulären hemmten sie durch das Ziehen mächtiger Querwälle, in die sie Kanalwasser leiteten. Die Hauptstraße unterwühlten sie; haushohe Hecken-, Bambus- und Sandbarrieren richteten sie von Strecke zu Strecke auf. Die Wachtürme, die durch aufsteigenden Rauch Signale geben konnten, trugen sie ab. Bauern, deren Anwesen sie nicht zerstörten, leisteten Frondienste.

Vormittags saß Wang im Magistratsjamen von Tung-chong und hielt Gericht. Die letzten Siege hatten das Heer erfrischt; man lebte im Kriege, man wog Siege und Niederlagen. Glück und Unglück hing an den schwarzen Mingfahnen; mit Zärtlichkeit und Entschlossenheit hielt die Masse des Heeres zu ihnen.

In diesen Tagen bot Wang-lun, sitzend auf dem Ofenbett des Gerichtszimmers im Jamen von Tung-chong, seiner regsamen Umgebung ein vielfach wechselndes Bild von Heiterkeit, Entflammtheit und Entrückung. Man kannte dies Verhalten an ihm schon seit der Pe-kinger Schlacht, nur daß die Auffälligkeiten des Zustandes zunahmen; einige behaupteten sogar, daß er mitten in den Kämpfen den Ernst verliere, Soldaten der Feinde die Mützen abrisse, sie auf seinen Gelben Springer stecke, mit den Angreifern wie eine Katze spiele, unbekümmert um den Stand des Gefechtes. Wie sehr er in die Eigentümlichkeiten des Kriegslebens versank, zeigte auch seine Ungeniertheit im Verkehr mit den Weibern der eroberten Städte. Wang nahm sich, was ihm gefiel, während er strenge Zucht über die Wahrhaft Schwachen übte. Er bat oft einen oder den andern seiner Freunde um Entschuldigung wegen seiner Liederlichkeit; sein Verhalten sei vielleicht lächerlich, aber man solle nicht schlecht davon denken; es solle sich niemand einfallen lassen, schlecht davon zu denken. Er fühle sich eigentlich recht glücklich und zuversichtlich; er hoffe, es werde alles noch besser gehen; längere Gespräche mied er; er mied auch die Unterhaltung mit der Gelben Glocke. Ngoh, der Sou-chong hielt, ekelte und graute vor Wang; sie hatten, abgesehen von den dienstlichen Mitteilungen, keinen Verkehr miteinander. Oft bemühte sich die Gelbe Glocke, Aufklärung von Wang zu bekommen. Als ihm Wang auswich, ging er in schwerer Beklemmung, in heftiger Trauer umher. Er hatte den unklaren Wunsch, Wang zu trösten und vor irgend etwas zu bewahren. Die Besorgnis der Gelben Glocke um Wang war so stark, daß er einige zuverlässige Leute beauftragte, den eigentümlichen Mann zu beobachten und ihm zu berichten; aber er konnte diese peinlichen Berichte nicht anhören und wußte sich in seiner Angst und seinem Mitleid nicht zu helfen.

Einmal brachte man vor Wang in das Jamen einen Räuber, einen zerlumpten, finster blickenden Halunken, der sich als Wahrhaft Schwacher vor Bauern ausgegeben hatte und dann, eingelassen, über die Wehrlosen hergefallen war; vielleicht zehn Fälle schweren Raubs in der nächsten Umgebung Tung-chongs waren ihm nachgewiesen. Wang fragte den starkknochigen, nicht mehr jungen Gesellen, woher er stamme. Der kniete und schwankte viel seitlich, weil man ihn, um Geständnisse zu erzwingen, nachts einige Stunden auf sechs dünnen Kettchen hatte knien lassen. Er seufzte und bat, ihn freizulassen; er sei unschuldig, man habe ihn verwechselt. Dann, den vertieften Blick seines Richters auf sich gerichtet sehend, bat er dringender mit Händeausstrecken, ohne Wangs Fragen zu beantworten. Schließlich sagte er, er sei der Sohn eines Pastetenbäckers aus Tiang-chong; früh wäre er dem weggelaufen, weil er sich nicht für die Bäckerei geeignet hätte, er könne nämlich keine Hitze vertragen, auch jetzt nicht; es sei ein unglückliches Geschick. Und dann log er weiter, bis er schließlich von der Rebellion sprach, wie er mit den Bündlern sympathisiere; er verplapperte sich, indem er angab, daß ihn manche Bauern für einen frommen Bruder gehalten hätten. Er mußte auf den Wunsch des Richters aufstehen und von einem der Häscher geführt in der Halle auf und ab spazieren. Mit schiefen Blicken, oft zusammenknickend, beobachtete der Verbrecher seinen sonderbaren Richter, der ihm unverwandt nachblickte.

So alt wie dieser war Wang auch; dieses Schicksal also hätte er gefunden ohne den und jenen Zwischenfall, ohne Su-koh in Tsi-nan, ohne das Elend auf Nan-ku und anderes. In Tsi-nan ging er herum wie dieser; jetzt schleppte man den Halunken hier; er hätte es vielleicht nicht so dumm gemacht wie der, aber einmal, einmal wären auch ihm die dünnen Kettchen unter die Knie ausgebreitet worden.

»Wenden!« rief Wang, »weitermarschiert!«

Ein verhungerter Bursche mit Klauen und Armen, wie ein Affe, zahnloses Maul, dürre Waden; er konnte klettern wie er lügen konnte. Sein Bruder, sein Bruder! wie gelogen, so wahr geredet; kein Wahrhaft Schwacher, aber sein Bruder.

Erstaunt besah sich Wang den Mann, sah sich nicht satt an seinen Lumpen, verglich seine eigenen Hände mit denen des Strolches; beobachtete ganz insgeheim den Häscher, ob die etwas merkten und sich auch wunderten, daß er hier oben saß und nicht selber da unten ging. Nein, man merkte nichts. Ob man nicht die Rollen vertauschen sollte, war der Halunke nicht zu beneiden? Verflucht sollten Su-koh und Nan-ku und alles sein, daß sie ihn bezwungen, weggerissen von seinem Wege hätten. Wer solch großes Maul haben und so scheel blicken könnte!

Nachdem der Verbrecher mehrmals vor dem Ofenbett auf und ab geschleift war, ließ Wang den Glücklichen, ununterbrochen sich Verneigenden ohne Strafe ins Gefängnis zurückschaffen.

Bei Einbruch der Dunkelheit schlich Wang in den Gefängnishof, wies die Aufseher beiseite, setzte sich neben den grinsenden Mann, der an den Füßen gekettet freudig seinen Gast umhüpfte. Statt ihn auszufragen, fing der Richter im Gaunerkauderwelsch mit ihm zu flüstern an, so daß der Gefangene erst stumm, erschreckt zurückwich, dann vergnügt einfiel, denn er wußte schon, wie gemischte Elemente zu den Wahrhaft Schwachen strömten. Der Gefangene erzählte witzige Geschichten von den singenden Brüdern und gar den aberdummen Schwestern, die die unglaublichsten Tiere seien; sie faßten zusammen einen Plan zu fliehen, den einen jungen Aufseher zu bestehlen und zunächst draußen den Bauern einen Denkzettel zu geben, die den Verbrecher festgenommen hätten. Der Gauner kam ins Schwatzen und Wang hörte zu; sie schlugen sich flüsternd die Schenkel. Sie mußten sich beiseite setzen, die andern Gefangenen kamen angehüpft und wollten an der Unterhaltung teilnehmen. Als Wang die zudringlichen Fratzen der Männer sah, die verstümmelten Nasen, Ohren, wurde er rasch stiller. Er hörte über das hastige Geplapper seines Nachbarn weg, starrte die grausigen, lachenden, struppigen Köpfe an. Beängstigt stand er auf, gab dem Verbrecher ein paar gute Worte, ging auf die Straße. Ihm fror der Magen; seine Därme stiegen ihm zum Zwerchfell. Durch die morastigen Straßen, in denen selten eine Laterne vor einem Hause brannte, hastete er; kleine Patrouillen liefen an ihm vorbei.

Nicht Verbrecher sein, kein Mord, kein Mord! Wie soll man das ertragen, zu morden! Helfen den andern, verstümmelten, helfen! Ihre Gesichter wieder gutmachen! Nan-ku, widerstreben, nicht widerstreben, das Schicksal besänftigen! O, diese waren schlecht und arm, sie sollten zu ihm kommen; dann brauchten sie nicht auf Ketten knien, nicht in ihrem Kot liegen, nicht die lange Rute dulden. Sein Bruder, seine Brüder, o, so wäre er geworden! Nicht morden, nicht morden!

Er gab am nächsten Morgen Befehl, keinen gefangen zu nehmen, auch die Gefängnisse alle zu entleeren. Wer von Verbrechern, die ergriffen würden in den Städten und der Umgebung, sich bekennen würde zum Wu-wei und gegen die Mandschus kämpfen, sollte in den Bund aufgenommen werden. In lebhafter Unruhe herumgehend schickte er mittags zu der Gelben Glocke, der eilig kam.

Wang erwartete den graubärtigen Offizier vor der Tür seines Jamens, zog ihn in das Haus, griff wortlos nach seinen Händen, umarmte ihn: »Wäre Ma-noh noch am Leben, würde ich zu ihm schicken; du müßtest dabei sein. Ich will dir bekennen: heute nacht habe ich die armen Verbrecher im Gefängnis besucht, aber ich kann nicht mehr Verbrecher sein. Ich hoffte es noch manchmal, aber es ist ein Irrtum von mir; das sind alte Geschichten, man wird nicht wieder jung. Ich habe sie im Gefängnis gesehen mit den abgeschnittenen Nasen, Ohren; sie haben nach mir gespuckt; o, giftig blicken sie. Du hast das noch nicht gesehen, Gelbe Glocke. Such dir einen aus, sieh ihn dir an, dann wirst du, wirst du mir recht geben, daß diese Menschen schrecklich, schrecklich sind. Ich weiß nicht, wie man schlafen kann, wenn man denkt, daß es so schreckliche Menschen gibt. Und wie ich es selber über mich brachte, einmal zu morden. O, sind dies Unglückliche, lieber Bruder, sind dies Arme; vom Mord laufen sie ins Gefängnis, vom Diebstahl legt man sie an Ketten, schlägt ihre Fußsohlen, schneidet ihnen Stücke Fleisch aus, brennt ihre Ohren ab; und wenn sie dann leben bleiben, dann rauben sie wieder, und sie wissen gar nicht, was man von ihnen will, wie das enden soll, warum alles so sonderbar zugeht: Mandarinen da, und da Kaiser, und da Bauer, und da Verbrecher. Ja wie soll das enden? Ich habe mein Wu-wei beschworen, damit ich mir und ihnen helfe; es sollte dann gut sein; alle auf Nan-ku haben es mir geglaubt und es ging vielen so gut. Ich will doch kein Königreich gründen; stoßen, schlagen könnte ich mich, so vergeßlich bin ich. Für sie und mich ist das Wu-wei gestiftet, und ich will uns untergehen lassen.«

Die Gelbe Glocke nahm Wangs Arm von seinen Schultern; sie hockten zusammen auf eine schmutzige Binsenmatte an der Tür; Wang hob die Arme nach den Wänden: »Die goldenen Buddhas müßten hier stehen, wie bei Ma-noh in der Hütte; die milden Götter sagen alles und nur gutes. Bin ich nicht wieder auf Nan-ku? Ich möchte wieder ganz in Weichheit, in Ruhe auf Nan-ku sein unter den Brüdern.«

Die Gelbe Glocke sprach mit einer zitternden Stimme:

»Hat es sich so gewendet in dir, Wang? Ich habe so um dich gefürchtet. Du konntest uns leicht verloren gehen, dachte ich. Ich dachte es nur. Ich bin ja glücklich für dich und für mich. Was fehlt dir noch?«

»Alles, lieber Bruder. Ich habe dich darum rufen lassen! Was hab ich nun, sag mir, inzwischen getan, seit ich von Nan-ku herunterkam? Ist das gut gewesen? Wie soll ich mein Leben verstehen?«

»Ich weiß es nicht, ich hab nicht alles gesehen, was du getan hast.«

»Das Wu-wei ist gut. Das kann mir niemand entreißen. Ich habe solche Angst um mich, Gelbe Glocke, daß ich den Weg verfehle. Und die Gefangenen sollen alle mit mir kommen, ich muß für sie sorgen.«

Der andere begütigte Wang; er mußte den Mann in der Halle herumführen; das Schicksal des Heeres sei gleich, das Wu-wei würde nicht untergehen.

Als sie wieder auf der Matte saßen, schwieg auch Wang bald, der sich anklagte. Nach einer Pause sagte die Gelbe Glocke leise, aus einer Versunkenheit auftauchend, er wolle seinem Bruder eine Geschichte erzählen.

»In einem Dorf der Provinz Tschi-li soll einmal eine Familie Hia gelebt haben. Hör mir ruhig zu, Wang, es ist eine Geschichte, die dich angeht; sei ruhig, lieber Bruder, ich will dir ganz meine Meinung sagen und dir helfen. Die Frau tat ihre Arbeit auf dem Feld, sie ging mit den Ochsen in der Frühe hinaus und pflügte. Ihren Mann liebte sie. Eines Morgens, bevor sie aufstand, kam aus der Wand ein scharfes Flüstern: 'Dein Mann trinkt Wein in der Schenke; er hintergeht dich mit deiner Nachbarstochter; er möchte sie zur Nebenfrau.' Ihr Mann nahm sie in die Arme, bevor sie aufs Feld ging, und küßte sie; sie faßte ihre beiden Kinder bei den Händen an und sie saßen mit ihr auf dem Feld. Die Ochsen brüllten; die Frau spielte mit den Kindern und ging nicht an den Pflug. Um Mittag wanderte sie mit den Kindern wieder nach Hause; leidenschaftlich herzte sie ihren Mann, sagte, daß sie sich krank fühle. Er mußte sich die Schürze umbinden, den Strohhut aufsetzen und pflügen. Sie setzte sich auf ein verfallenes Grab hinter dem Haus, dachte, wie die Männerliebe von Reisig und Stroh sei, weinte erbärmlich, und sann auf Trost. Mit entschlossener Miene erhob sie sich: 'Tu mir ein Liebes an,' betete sie zu einem Buddha, 'rette mich.'

In der finsteren Nacht schlüpfte sie von ihrem Lager herunter, nahm mit Winken der Hände Abschied von dem schlafenden Mann, mit Streicheln von den leise atmenden Kindern, ging in die blaue Nacht hinein, über ein breites Kohlfeld, und hinter einem weiten Brachacker stand ein Berg, in dessen steile Seitenwand die Treppe eingeschnitten war, auf der man in bestimmten Monaten zum Buddha kommen konnte. Es mußten schon andere aus dem Dorf diese Nacht hinaufgestiegen sein, denn während sie kletterte, bemerkte sie frische, erdige Fußtapfen. Ihr graute, weil die Treppe kein Ende nahm und sie fürchtete schwach zu werden. Sie trat und trat; sie holte andere ein; mit einem Mal glitten sie eine kleine Strecke tiefer und wurden dann von einem Schwung höher und höher getragen, ohne die Füße auseinanderzunehmen. Auf der Plattform saß der Gott mit angezogenen Knien auf einem Esel; zwei Männer mit Schirmen, Fächern und Laternen standen hinter ihm, und hielten den Esel beim Zaum, machten freundliche Gesichter. Auch der Gott lächelte; er hatte ein schmalausgezogenes Gesicht mit einem Ziegenbart; die Füße versteckte er in seinem grauen Obergewand. Die Frau stellte sich ganz zuletzt und wartete gesenkten Gesichts. Als die Männer ihr zuwinkten, schlich sie zögernd näher in den Lichtkreis; der Gott legte seine dünne Hand, die wie aus weißer Jade vom Laternenlicht durchschienen wurde, auf ihr Haar und fragte sie, indem er sie aufforderte, den Rücken ihm zuzuwenden und dann zu sprechen. Stockend redete sie, wobei ihr wurde, als ob auch sie aus durchsichtiger Jade war. Sie kehrte sich dem Gott wieder zu; er bückte sich, flüsterte ihr ein sonderbares Wort ins Ohr, sagte leise, nun könne sie wieder nach Hause, es sei gut. Sie legte die Hände vor das Gesicht, stand eine Weile, bis einer der beiden Männer sie an die Treppe führte.

Nun verging ein ganzer Sommer, bis die Frau, die nur manchmal noch aufs Feld ging, sich häufiger abermals auf das Grab setzte, ihre Kinder an sich zog und schließlich am Ende der Ernte wieder nach der Treppe wanderte. Das Steigen tat ihr wohl; ihre Füße schmerzten, das machte ihr Behagen; es schien ihr, als ob sie die ganze Nacht in die Höhe stieg. Sie ging ganz allein; es war nicht der Monat, in dem man den Gott aufsuchen durfte, aber sie sah dem ernsten alten Wächter oben ins Gesicht und verlangte zugelassen zu werden; sie habe ein Recht dazu, das ihr niemand bestreiten dürfe. Er führte sie traurig auf die dunkle, ungeheure Plattform, sagte, der Gott wäre da, sie sollte nur sprechen. Sie schrie sofort, nannte ihren Namen, klagte den Gott an, daß er ihr nicht geholfen habe. Er antwortete von ferne: 'Was willst du von mir, Frau?' Da rief sie: 'Nicht du hast zu fragen, sondern ich. Ich wollte sterben. Aber du hast mir ein Trostwort gegeben, hast mein Leben verlängert. Was willst du von mir? Darum komme ich zu dir. Ich bin die ganze Nacht gelaufen, um dich dies zu fragen.' Hart, ganz in ihrer Nähe fragte die Stimme: 'Wo hast du deine Kinder? Wer hat dein Hirsefeld im Sommer bestellt?' 'Mir sollst du helfen; meinen Kindern geht es gut; mein Hirsefeld kümmert nur mich.' 'Das Wort hat dir nicht geholfen, weil du widerspenstig warst, Frau.' 'Du hast mich an der Nase herumgeführt im Sommer, du bist ein sauberer Gott.' 'Frau, du hast deinem Mann und dir nicht helfen wollen.' Sie brach in Gelächter aus: 'Und das nennst du noch Trost?' Sie sprach kein Wort weiter. Vor einem Runzeln seiner schmalen Stirne, die sich dicht vor ihr aufstellte, schrumpfte sie zusammen, sauste als ein zackiger Stein den Abgrund herunter bis zum Beginn der Treppe, wo sie aufprallend in die Wolken stieg. Sie tauchte zwischen den Sternen unter, schwirrte als ein Meteor mit den Schwärmen heimatlos vor den Wolkentüren. -- Hast du mich verstanden, Wang-lun?«

Der saß mit gesenktem Kopf und nickte: »Ich habe einen Wink bekommen und soll ihn annehmen. Ich schlage dem Schicksal nicht ins Gesicht; aber glaube mir, Gelbe Glocke: Entschlüsse helfen dem Menschen nichts, wenn er unruhig ist. Man bezwingt mit Entschlüssen nichts in sich. Es muß alles von selber kommen.«

Er hob plötzlich sein ernstes Gesicht zur Gelben Glocke: »Du freust dich über mich. Und ich freu mich, weil ich heute diesen Wink bekommen habe und weil es mir wieder gut gehen wird. Ich fühle, lieber Bruder, es wird mir wieder gut. Ich fange wieder an Menschen zu lieben. Was für ein Durcheinander habe ich erlebt, jetzt kann ich wieder aufstehen und ruhig gehen und unser Wu-wei auf den Händen tragen.«

»Weh uns, Wang, daß wir es auf den Händen tragen müssen, mit Schwertern, mit Beilen. Weh ihnen, die uns Arme, Gute angreifen.«

»Es soll uns nicht kümmern, lieber Bruder. Sie machen das Wu-wei nicht schlecht. Wir, nur wir gehen den richtigen Weg, der auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit führt. Ich will leben, so lang ich darf unsere gute Lehre verteidigen. Diese Nacht wollte ich euch verlassen mit dem Verbrecher. Ich will diese Nacht nicht vergessen, in der ich zum zweiten Male auf dem Nan-ku-paß gesessen habe.«

Die Gelbe Glocke hielt immer streichelnd Wangs linke Hand: »Dies bist du, so wollte ich dich kennen, so bist du, lieber Bruder. Das Fieber hat dich verlassen. Man kann uns erschlagen; wer kann uns etwas anhaben?«

Sie erhoben sich; auf Wangs Bitte begleitete ihn die Gelbe Glocke durch die Straßen. Als sie eine Stunde gegangen waren, kamen sie an einen niedrig bewachsenen grünen Anger, der von einem seichten Bach durchrieselt wurde. Stämmig und breit schritt Wang-lun aus; es hing sein Gelber Springer an einem Strick um seinen Hals; er baumelte blank über dem blauen, kurzärmeligen Kittel; ein spitzer Strohhut bedeckte seine Stirn, die von einer roten Narbe durchschrägt war; herrische Augen in einem tiefbraunen Gesicht blinzelten gegen die Sonne. Die Gelbe Glocke machte mit langen Beinen weite Schritte; er ging gebückt, grauer Kittel und graue Hosen, auf Strohsandalen wie Wang; eingefallene Schläfen, tiefliegende Augen mit einem schwarzen Strahl, flatternder Bart. Die Lerchen und Finken sangen über ihnen.

Wang zeigte mit dem Finger nach der Mauer, lächelnd: »Nach Nan-ku kommen wir heute nicht.«

Sie streckten sich an dem Bächlein hin, schwiegen. Die Gelbe Glocke murmelte: »Ich werde nicht mehr viele solche Tage haben. Ich werde nicht mehr lange im Kao-liang liegen. Vor Schön-ting habe ich mit Ma-noh gelegen; im Lamakloster war eine schöne Sonne. Die Salzsieder klopften an die Tür, wir erschraken. Liang-li saß neben mir.«

»Du hast diese Schwester nie vergessen, Bruder Gelbe Glocke.«

Der Offizier hob abwehrend den Arm: »Wenn die Sonne scheint, denkt die Gelbe Glocke an Liang-li aus Schön-ting; wenn sie nicht scheint, wundert er sich, warum sie nicht scheint und warum er Liang vergessen hat.«

»Sie ist in der Mongolenstadt gestorben.«

»Wang, sie ist im Westlichen Paradies. Hinter den weißen westlichen Wolken erkenne ich manchmal ihr feines, kluges Gesicht.«

Das Tuten, Klappern von den Häusern herüber. Ohne Unterlaß zwitscherten die Vögel, die ganz hoch schwärzliche, regsame Klümpchen waren. Wang, liegend, zog die Beine an, warf sich um auf den Leib, kroch hoch und beobachtete die Vögelchen, wie sie fielen und stiegen, und den kleinen Bach. Er nahm seinen Strohhut ab, zog seinen Kopf aus der Schlinge seines Schwertseils, dann stach er das Schwert in den weichen Boden, stülpte den Hut über den Knauf, schwang die Arme und setzte die Beine, als wenn er Anlauf nehme: »Aufgepaßt, Bruder Gelbe Glocke, ich mache Sprünge.«

Mit einem Satz stand er jenseits des Bächleins: »Jetzt bin ich auf Nan-ku. Ma-noh tut, was ich tun will. Es wird alles schlecht. Ich muß weiter springen.«

Er sauste neben sein Schwert; der Hut flog vom Luftzug herunter: »Jetzt im Hia-ho. Eine schöne Zeit, Gelbe Glocke. Der Damm, der Hwang-ho, der Jang-tse; eine Frau hatte ich. Das Wu-wei kommt zu mir gewandert, noch bin ich nicht da, ich kann nicht so rasch folgen. Schlachte, mein gelbes Schwert! Und jetzt --«

Er hob sich im dritten Sprung über das Wässerlein: »Wo bin ich? Auf Nan-ku wieder, bei dir, Gelbe Glocke. Der Wink war gut. Die Verbrecher waren gut. Ich bin wieder zurückgekehrt aus dem Hia-ho, ich bin wieder zu Hause, in Tschi-li. Komm zu mir herüber, lieber, lieber Bruder: bringe meinen Gelben Springer mit, denn hier muß gekämpft werden.« Die Gelbe Glocke stand neben ihm.

Sie umschlangen einander die Schultern, sahen in das rieselnde, flinkernde Wässerlein: »Der Nai-ho«, lachte die Gelbe Glocke. Beide hielten sich fester. Wang senkte den Kopf, seufzte leise: »Der Nai-ho. Es kann anders nicht kommen.« Auch die Gelbe Glocke zitterte leicht: »Ich hatte ein gutes Schicksal gehofft für uns. Die blumige Mitte muß ich ungern verlassen.«