Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 37

Chapter 373,455 wordsPublic domain

Die Verhandlungen der beiden Familien verliefen rasch. Inzwischen, da das Belagerungsheer noch nicht zum Sturm vorgehen konnte, seine Ergänzung sich langsam vollzog, weil Detachements der Provinzialtruppen die Verbindung südlicher Rebellen mit dem Tschi-li-heere verhinderten, ging Wang in dem Treiben der Stadt auf. Er imitierte fast mit Bewußtsein seine Jugend in Tsi-nan. Als der Tao-tai Tang-schao-i aus seinem Jamen geholt, im Halskragen auf den Markt geführt wurde, stand Wang mitten unter den Gaffern, die das Schild lasen, das dem giftig schielenden Beamten auf Brust und Rücken gebunden war: daß alle in der Stadt sich ein Beispiel an dem Tao-tai nehmen sollten, die direkt oder indirekt Sympathien mit den Aufrührern äußerten und versäumten, Verdächtigen nachzuspüren. Wang war der erste, der das scheue Umschleichen und Flüstern um den mächtigen Mann beendigte, indem er von dem Boden faulige Kürbisreste aufhob und sorgsam nach dem Gesicht des Mannes zielte, ohne zu schleudern. Als die Ladung dann in die Augen des Gefesselten feuerte, hörte das allgemeine Höhnen, Hänseln, Anspeien erst auf nach dem Einschreiten des lahmen Aufsehers, der im schwarzlackierten Strohhelm mit schwarzer Hahnenfeder hockend, von einem toten Fisch an der Hand getroffen wurde und brüllend mit dem kurzen Bambus unter die Menge schlug.

Bei einem Bonzen in dem schmierigen Tempelchen einer kindergewährenden Kuan-yin lungerte er ein paar Tage; er fühlte sich gönnerisch in die bescheidenen Betrugsmanöver dieses pulverbereitenden harmlosen Geizhalses hinein, dann flanierte er mit falschem, grauen Bart herum, schäkerte mit Kindern, denen er spannende und drollige Geschichten erzählte. Nur gelegentlich sprach er bei den Freunden vor, um Neuigkeiten von der Reorganisation des Heeres zu hören. Er gurgelte seine Pfeife stundenlang auf einer sonnenbeschienenen Veranda eines Restaurants, in seinem Dahinbrüten vermißte er nur das Bauernmädchen, das im Lager geblieben war. Am Meer nördlich der Anlegestelle lagerte er sich in den steinigen Sand. An manchen Morgen blickte ihn die See giftig an aus gelben lehmigen Augen, spie klumpigen Schleim aus, murrte. Dann wieder war ihr Aussehen wechselnd zwischen grauschwarz und purpur, von einer kaiserlichen Pracht. Unter dem frischen Wind stolzierten lange Wellenzüge, Karosserien mit blitzendem Geschirr an das Gestade. Die Ruhe des händerieselnden Sandes. Hier eine Mulde, da eine Düne. Auftauchen und Hinschwanken der Segel. Anklimmen großer Dschunken die Kugel des Meeres herauf über die verschwebende Horizontlinie. Hun-kang-tsun lag südöstlich. Kleine schläfrige Augen machte Wang-lun, wand seinen Zopf auf.

Am zehnten Tage nach dem Erscheinen der Räuber im Hause des Generals verlautete, die Hochzeit der Tochter mit ihrem Verlobten, dem jungen Juen-ching, wäre vorbereitet. In dieser Nacht erwachte die Braut, weckte Mutter und Dienerinnen, die in demselben Zimmer schliefen. Auffahrend im Dunkeln hörten auch sie auf dem Gang draußen sonderbares Scharren und Rumoren. Geraume Zeit wagten die Frauen sich nicht zu bewegen. Als das Geräusch fortdauerte, stieß Hai-tang ein Fenster auf, gellte Angst in den hinteren Hof, wo die Bewachung schlief. Fast im Nu flogen die Fackeln über die dunkle Fläche her, das Haus scholl. Hai-tang lüftete die Türe und wich zurück. In dem hellen Fackellicht stand ein breiter Tisch vor der Tür, der aus dem Empfangssaale geholt sein mußte; die verblüfften Köpfe der Männer steckten sich zusammen über dem feinen Zepter aus Gold, den silbernen Ringen, den beiden Beutelchen aus Seide, dem Kästchen der gedoppelten Glückszeichen. Ein Scharren tönte ganz nah; die Männer leuchteten unter den Tisch; da schnatterten in einem Holzkäfig zwei rotbemalte Gänse und schlugen mit den Flügeln, vom Licht geblendet, gegen die Leisten. Über Nacht hatte jemand heimlich Brautgeschenke ins Haus gebracht; die schwarze an der Wand stehende Fahne mit den Mingzeichen sagte, wer.

Die Diener erschraken nicht weniger als Hai-tang, die man dann ohnmächtig in ihr Zimmer trug. Ihr Schluchzen und das Jammern der Tochter erfüllten die Frauengemächer bis zum Morgen, wo sie sich ankleiden und schmücken mußten für den Hochzeitstag. Chao-hoei fragte nicht, als die Soldaten und Diener in der Nacht zurückkamen vom Durchsuchen des Geländes in der Nachbarschaft; er wußte schon, daß sich nichts finden würde.

Die besten Astrologen der Stadt hatten sich widersprochen in der Festsetzung des Termins, ja in der Frage, ob die Ehe dieser beiden zu billigen sei; von fünf Astrologen fanden drei Tag, Stunde gut für die Verbindung, ein vierter las aus den acht Schriftzeichen von Geburtsjahr, Monatstag, Stunde der Verlobten das zweifelhafte Ehebündnis dritter Klasse; der fünfte warnte dringend vor dem geplanten Termine; die Verlobten gehörten zwar zu den harmonischen Elementen Metall und Wasser; aber die Hochzeit erfordere einen Monat unter den Zeichen des Pferdes oder der Ratte, nicht in dem verhängnisvollen Hundemonat. Die schreckliche Ehe der fünf Dämonen müsse er berechnen.

Eine nebelverschleierte Sonne beleuchtete den Hochzeitstag. Von dem hinteren Balkon des Hauses Chaos hing reglos eine Fahne aus roter Seide herunter, bestickt mit den Charakteren: »Drachen und Phönix verkünden Glück.« Die Ehrendame, eine ältliche Verwandte Hai-tangs, ärmelloses Gewand und roter Schleier, bestieg am Nachmittag die einfache Sänfte; man trug sie durch die Straßen, die eine größere Unruhe als sonst zeigten, weil Fischer soeben berichtet hatten, daß ein Truppenkontingent aus vereinigten Provinzialsoldaten Tschi-lis und Schan-tungs kaum eine Tagereise hinter der Stadt stünde und in der Belagererarmee große Bewegung herrsche. Im Hof der Sung-Familie war ein Zelt errichtet; drin speisten die Herren; die Ehrendame im Hause weihte mit dem Duft von neun Räucherkerzen den rotseidenen Brautschleier, füllte eine Vase mit Hirse, Weizen, Bohnen, richtete das Brautbett. Unter dem Schall der Pauken, Trompeten und Gongs legte ein Kind vier Äpfel auf die Ecken des Bettes, schützte das Zimmer mit zwei Stückchen Holzkohle auf der Schwelle. Schon glitt die Dame wieder hinaus, bestieg den Maultierkarren, gelangte im Geleit von Vorreitern, Weghütern und Treibern weit vom Magnolienhügel im schweigenden starren Hause des Zolldirektors Chao-sin, eines Vetters des Generals, an.

Hierhin hatte man in der grauen Frühe die Braut und ihre Angehörigen getragen, um die Hochzeit in Heimlichkeit zu begehen. In der Sänfte flehte Hai-tang den General an, die Hochzeit einen Tag zu verschieben nach dieser grausigen Nacht. Aber Chao-hoei sagte mit drohenden Augen: »Nein.« Hai-tang wußte, wie schwer sie ihm schon die Heimlichkeit der Hochzeit abgerungen hatte, schwieg, wand die Hände.

Die zarte Nai stand vor ihrer Mutter, ein goldenes Wunder, bewegte sich nicht in der überirdischen Kostbarkeit, die Hai-tang über sie gehäuft hatte, purpurnes Hochzeitskleid mit den weiten Ärmeln, metallblitzendes Diadem auf dem hochgetürmten Haar; die blauen Orchideen blühten auf den Ärmeln, das zauberische Einhorn lief über die vorquellenden blaugrünen Untergewänder, zwei Enten schwammen einträchtig über einen Teich; hell zwitscherte der aufstrebende Phönix. Hai-tang herzte die Hände ihrer Tochter, die aus ängstlichen Augen blickte; sie spielte lachend mit dem duftenden Brautschleier, den die Ehrendame ihr gab; sie plauderte, sang der Tochter das Lied vor, das sie neulich aus dem Garten gehört hatte. Da näherte sich Musik; die acht Herren, die die Braut holen sollten, fuhren vor. Laternenträger, Schilderträger, Musikanten voraus; sie trugen lustige grüne Röcke mit roten Tupfen und flache Filzhüte. Viele Kinder sprangen auf dem Hof herum; sie sperrten mutwillig vor den Herren das Tor; die klopften, warfen ihnen Geldmünzen hinein, bis das Tor sich unter dem Kreischen und Jauchzen der Kinder öffnete und die Musikanten eindrangen. Chao-hoei hatte die Überwachung des Zuges in eigene Hand genommen trotz der Warnung Hai-tangs, die gegen alle militärischen Maßnahmen war. Nachdem er im Empfangssaale des Hauses mit den acht Herren gespeist hatte, ging er hinüber in die Frauengemächer, in denen die Braut Abschied von ihrer Mutter nahm, mit zuckendem Gesicht, fliegenden Lippen herumtrippelte und nicht zu weinen wagte. Teppiche waren über die Stufen des Hauses in den Hof gelegt; auf dünnen Sohlen rauschte die kindliche Braut neben ihrem Vater, der die kaiserliche gelbe Ehrenjacke mit der Perlenkette trug; die Pfauenfeder schwankte an der Mütze; in schwarzseidenen Stiefeln trat er auf. Vor den Stufen umschlang er seine Tochter, trug sie auf den Armen herunter in die geschlossene rote Sänfte; das Kind sah ihn demütig an. Ein Trompetensignal; die Sänftenträger in blauen Jacken, gelben Hosen hoben an, langsam schritten sie vorwärts; der Zug formierte sich und die helle Musik klang im Echo von dem stolzen Hause nieder, das düster über die abendliche Stadt blitzte. Chao-hoei folgte getrennt vom Brautzug in geschlossener Sänfte.

Zunehmendes Gewimmel in den Straßen. Dreißig Soldaten, zehn Berittene, die Leibwache des Generals, eskortierten ihn mit Hellebarden. Es wurde dunkler, während man sich über die Straßen schlängelte, durch die Märkte wühlte. Laternen flammten. Die Trompeten wechselten ab mit dem Flötengesang.

Ohne Zwischenfall erreichte man das rasch aufgesperrte Tor des Juenhauses, an dessen Eingang die festlichen Herren warteten. Aus der Mitte des Hofes stieg weißlicher Rauch: über die glühenden Kohlen hoben die Sänftenträger die feine Braut.

Da, während Diener im Begriff waren die Tore zu schließen, entstand ein Getümmel der zuschauenden Menschenmasse, die stark mit Soldaten gemischt war. Das Gedränge schleuderte ein paar vornstehende Frauen und Männer in den Hofraum hinein. Sie versuchten, in den Haufen zurückzuschlüpfen, wurden, da sie andere stießen, geschlagen. Heftiges Zanken und Kreischen erhob sich am halbdunklen Tor, die Menschen schoben sich, indem sie sich einmischten, in Erregung und Neugier über den Hof. Die Sänftenträger hatten die Braut noch nicht an die Schwelle des Wohnhauses getragen, da überfluteten die sich schlagenden gedrängten Männer den ganzen teppichgeschützten Platz, keilten die Sänfte ein, rissen eine Anzahl der geschmückten, vor der Tür harrenden Herren seitlich fort. In das strömende Durcheinander hieben unter »Platz«rufen Soldaten und Polizisten mit Stöcken und Peitschen. Viele drehten sich um, stolperten über die Teppiche, wurden umgeworfen, glitten unter die Füße der Menge. Ein langer Soldat, der mit seinem Stab blind auf Mützen und Schädel trommelte, wurde von zwei Männern angegriffen. Man wand ihm den Bambus aus der Hand, mit spitzen Fingern stachen ihm einige in die Augen. Auf den dumpfen Schrei: »Mord! Mord!« bemächtigte sich einer gewissen Zahl der Menschen sinnlose Angst. An mehreren Stellen sowohl der Straße wie des Hofes begannen Soldaten und Bürger zu ringen, sich die Kleider abzureißen. Waffen kamen bei Fischern, Lastträgern, gutgekleideten Spaziergängern zum Vorschein.

Die Berittenen und Soldaten des Hochzeitszuges, zusammen mit Chao-hoei an die Hinterwand des Hofes gedrängt, dessen Tor zum zweiten Hof sie nicht öffnen konnten, fällten luftschnappend ihre Hellebarden bajonettartig. Die Berittenen spornten die Flanken ihrer geputzten Pferde, die von dem Gejohle scheu gemacht, sich auf den Hinterbeinen aufrichteten, mit ihren Hufen die Menschen niederschmetterten, auf den Körpern ausglitten, niederstürzend Männer begruben. Im Moment war der leere Raum von fallenden, anklammernden, brüllenden Menschen bedeckt. Vor den Hellebardenstößen suchten die vordersten auszuweichen. Auf die rückwärtsstehenden aufgemauert krümmten sie sich, die Leiber einziehend; sie wurden von der Menschenmenge, die sich wie eine Gasblase ausdehnte, auf die Spieße geschoben, wenn sie sich nicht hinwarfen und von dem Zentnergewicht der Pferde und Menschen ersticken und zersplittern ließen.

Chao-hoei kehlte heiser im Winkel nach der Sänfte seiner Tochter. Der letzte Berittene rief zurück, daß er einen roten Tuchhaufen und zerbrochene Holzstangen in der Mitte des Hofes sähe, bevor er die Arme aufwarf, seitlich mit seinem von unten aufgeschlitzten Tiere abkippte. Die Hellebarden der Soldaten niedergetreten, die Blaujacken umfaßt und verschlungen, zerrieben von der mit sich ringenden Menge.

Mit Krach barst das überlastete hintere Tor. Die Eingeklemmten, Chao-hoei, taumelten, flogen rücklings über den zweiten Hof.

Auf der Straße, in der Mitte des Vorderhofes, bekamen die Männer die Arme frei. Jetzt sah man zwischen sich die Zertretenen und Erstickten.

Horden von kräftigen Männern, an mehreren Stellen im Gedränge arbeitend, schrien mit verbissenen Gesichtern: »Auf die Präfektur! Die Soldaten nieder!« Dolche, Messer, Schwerter schwangen sie. Sie spannten und knickten die Menge auseinander auf der Straße: »Die Soldaten morden uns!«

Bürger, der Liegenden, Niedergeschlagenen, Aufgespießten ansichtig, stimmten, die Augen verdeckend, besinnungslos in den Ruf ein. Über die Nachbarstraßen flackerte das entsetzte Geschrei. Gruppen rennender und tobender, blutender, zerrissener, wutgetragener Männer und Frauen schlossen sich zusammen. Überall krachten die eingetretenen Haustore auf unter den Fußstößen der »Mord! Die Soldaten morden uns!« Heulenden.

Die Straßen lagen im Dunkeln.

Aus allen Straßen schäumte es.

Die fernere Stadt erwachte. Über den Präfekturmarkt hallten die Schreie zuerst. Einzelne Menschen schossen wie Bälle aus den Seitengassen. Dann warfen die Straßen größere Fetzen einer Menschenmenge über den ungeheuren Platz. Schließlich stand diese Menge selbst, gleichzeitig aus allen umliegenden Straßen aufwachsend, ein tausendarmiger Buddha schwarzen Gesichts vor der stummen Präfektur, dem Gefängnis, der Stadtkaserne.

Trübe Laternen glommen verstreut, schwammen wie Boote über eine Brandung. Die stummen Gebäude umgürteten den rotäugigen Buddha, dessen Leib schwoll; sie stachelten in seine Haut. Die Fackeln näherten sich, gierige Wölfe den Höfen, den Torhäusern der Präfektur.

Bevor noch die Flamme, die im Jamen schmauste, den weißen Kopf aus dem Fenster steckte, hatte man das Gefängnis erbrochen, die Eingesperrten losgerissen.

Tang-schao-i erkannt, im Nu erwürgt und zerfleischt.

Das wollüstige Juchzen, das die unsichtbaren Mörder anstimmten, den Kopf des Tao-tai auf eine Polizeistange gestoßen, hetzte die entfernteren, die ungesättigt im Chor »Feuer! Niederschlagen!« riefen. Als der weiße Flammenbogen über das Präfekturdach und den Torweg des Gefängnisses stieg, tanzte der besessene Riese, johlte gleichmäßig, verzückt, brünstig: »Feuer! Feuer! Niederschlagen! Zerreißen!« Mit den Armen rissen sie aneinander, kletterten sich auf die Schultern.

Frauen, aufgesogen von dem vorüberspritzenden Menschenstrahl, verdrehten die Augen, zerrten sich Kämme aus den Haaren, röchelten, suchten sich zu entkleiden, zogen einen weißen Schaum durch die mahlenden Zähne. Ihre Pupillen wurden klein wie Punkte. Sie hantierten an den Schultern und Nacken von Brüllenden, die sich mechanisch abwischten. Hie und da hing sich ein schlanker Mann, ein zarter, erschreckter einem Fremden um den schweißigen Hals, seufzte widerstrebend, als die blaugrüne Flamme in breiter Ausdehnung aus den Brüsten der Menge brach: »Wie schön, wie schön.« Schon flackerten seine Arme wie der hitzige Schein. Er war mit walzendem Gehirn in den steifen strengen Drang hineingenommen.

Die Luft über den Köpfen brodelte.

Innerhalb der westlich auf dem Platz gelegenen Kaserne sperrten zweihundert alarmierte Soldaten den Torweg. Beim Knistern der Holzspalten dicht über sich schmissen sie Bogen und Säbel hin, sprengten gegen den Ruf der Offiziere die Tür. In dem schmalen Eingang entspann sich das Würgen. Die Menge schraubte sich auf die Höfe.

Von Zeit zu Zeit verhüllte der Qualm das große Licht der Dächer. Dann leuchtete die Flamme, plötzlich den grauen Mantel ablegend, über den Markt, entlarvte die tausend verzerrten Tiergesichter, die die schwarze Nacht versteckte.

Sechs Rotten stürmten die breiten Straßen nach Norden herauf; von dem Lager und der Mauer trommelten die Kompagnien herunter. Trompetenstöße, Handgemenge in finsteren Straßen. Von Dächern und nahen Hügeln hauchende Pfeilschüsse, sausende Speerwürfe in die gebäumte tolle Menge. Die Massen stauten sich. Neue Kompagnien bullerten von Norden her, pfählten sich in die Aufrührer, schwangen sich auf die niedrigen Dächer, schossen in langen Reihen, Straße über Straße bildend auf den Markt. In die kürzeren Pausen des Johlens klang ein fernes, wildes Blasen, Schurren, Rumoren; ein Bergrutsch: die Rebellen draußen berannten die Tore. Unbarmherzig drängte die Masse nach Norden, zerrieb sich an der Barriere der Soldaten.

Als das blitzartige Hinsinken der Pfeilgetroffenen begann, spie man in die Richtung der Soldaten. Dann dehnte man sich unter Wutgeheul nach den südlichen Ausgängen, zertrümmerte, was in den Weg kam. Verwundete bröckelten ab, von der Masse losgelassen. Sie warteten nicht, bis der Hauptzug, von den Kompanien zurückgeschlagen, über den qualmdicken Markt zurückhetzte, und das Brausen der Soldatenrufe und die steinernen Trommelwirbel das Gröhlen, die Hetzrufe, Pfeifen überschallten.

Der Kampf von Gruppen auf Markt und Seitenstraßen dauerte eine Stunde. Die Kaiserlichen, im Besitz der nördlichen Stadt und des Marktes, protzten auf vor den verrammelten südlichen Zugängen. Heftiger krawallte es von der westlichen Mauer.

Am nächsten Morgen schwangen die siegreichen Belagerer auf dem größten Umfang der Mauer die schwarzen Fahnen, in ihr eigenes Lager marschierte aber die Vorhut der Provinzialarmee ein. Der entscheidende Kampf dieses Tages vollzog sich in den ersten Vormittagsstunden. Die an Zahl schwächeren Aufständischen wurden von den frischen regulären Truppen nach dem härtesten Ringen geworfen. Sie flohen südöstlich, geführt von Wang-lun und der Gelben Glocke.

Am Nachmittag fand ein wenig rühmlicher Kampf zwischen den alten Ilisoldaten, die durch Provinzialmannschaften verstärkt waren und den städtischen Aufrührern statt. Auch die Piraten nahmen an dieser Phase der Schlacht teil, indem sie zunächst die Dschunken der Flüchtigen zum Kentern brachten, dann an Land steigend einen kleinen Teil der verzweifelt Kämpfenden umstellten und gefangen nahmen.

Chao-hoei wurde bei diesem nachmittaglichen Endgefecht von Provinzialsoldaten im zweiten Hof des Juen-Hauses aufgefunden. Er lag in einem Schuppen auf dem Gesicht, mit Quetschwunden beider Arme und Hände, in einer Art Schlummer oder Verwirrtheit. Er kam zu sich. Man trug ihn durch die verwüsteten Straßen in einer Mietssänfte in sein Haus.

Wenige Stunden später brachte man auf grauverdeckter Bahre die Leiche der jungen Nai, die erstickt, dann zur Unkenntlichkeit zertreten war.

Das Kampfgetöse entfernte sich von der Stadt.

Rote Fahnenstangen grub man in die Erde vor Chaos Haus, die totenlockenden Seelenbanner spannte man daran auf. Auf dem Podium des überdachten vorderen Hofes stand der offene Sarg mit der Leiche. Blaue Schuhe, bestickt mit Pflaumenblüte, Kröte, Gans, sahen unter der kostbaren gelben Decke hervor, die das zerschmetterte Gesicht bedeckte. Die Gebetsformeln des Stoffes überschütteten die Tote. Um den Hals unter dem Leichentuch hatte ihr Hai-tang eine goldene Kette mit einem winzigen Glaskrug geschlungen, ein Briefchen in den Krug geschoben; in dem nannte sie den Namen der Liegenden, ihrer Sippe, ihr Alter. Sie beschrieb die Schönheit, Wohlerzogenheit und Unschuld, das Schicksal, das sie erlitten hatte. Die Geister mögen sie herzlich aufnehmen und mögen sich nicht beklagen, daß sie nicht mehr den Boden des mittleren Blumenreiches beträten.

Die weißgekleideten Gäste erschienen am Nachmittag, warfen sich vor dem Libationstisch am Fußende des Sarges dreimal nieder auf die Stirn; Pfeifen schrillten, der Gast spendete den Wein, Paukenschlag, Klirren eines einzelnen Gongs, Stille. Zwei lamaische Priester im gelben Mantel, goldgeschmückte Tiaren auf den Schädeln, sangen Litaneien, Weihbecken schwingend. Vor dem Magnolienhügel verbrannte man abends die schönen papiernen Sänften, den Silberschrein, die Flitterkleider, das Schatzhaus, Lauten und Geigen, die Lieblingsbücher der Braut, damit sie sie über den Nai-ho mitnehmen könnte.

Als der dritte Tag nach dem Tode gekommen war, wo die Seele noch einmal zurückkehrt, hasteten Chao-hoei und Hai-tang lange Stunden unter den Ulmen, lüpften die Ecken, wippten die Äste auseinander, riefen die Entschwundene bei allen Kosenamen, jammerten, schrien, fielen sich in die Arme, klammerten sich lauschend an die Gartenpfoste, liefen stöhnend jedem Vogelruf nach, stiegen auf das Dach des Hauses. Sie solle wiederkommen, die schlimmen Menschen seien fort, ihr Bräutigam erwarte sie. An ihrem Zimmer sei nichts verändert, Bücher und Lauten lägen herum, die Freundinnen weinten und wollten sie wiederhaben; die Feinde seien alle geschlagen und nun zögen sie wieder nach dem sonnigen Hia-ho. Oh die Thujen da, die Ziwitbäume, die Fächerpalmen, wenn sie daran dächte, die weiche warme Luft, und die Bananenstauden. Kein Mosquito würde sie beißen. Boot, kleines buntes Boot sollte sie fahren, wenn sie bei ihrer Mutter bleiben wollte; ja sie könnte bleiben, sie müsse bleiben, sollte nur wiederkommen. Um Hing-hoa stünden sie, Seen voller Rosen, die blühten und dufteten; man wolle wieder fort von hier, kommen, kommen, kommen sollte sie! Zu ihrem Vater! Zu ihrer Mutter! Nai! Ob ihr Seelchen in das Haus kommen wollte, oder unten in den Garten oder wohin? Nai! Nai!

Die Müdigkeit lähmte die Knie; sie tasteten sich in ein Zimmer, sanken auf eine Bank. Wieder rafften sie sich auf, schleppten sich fort, suchten, wehten mit Puppenfähnchen, reckten die Hälse, schrien, schluchzten.

Mit winselnden Pfeifen, monotonen Trommeln zogen am Morgen des Begräbnisses die Knaben vor das stolze Haus; Musik raschelte an den Mauern wie die unsicheren Hände eines schwindsüchtigen Fieberkranken; ein überlauter Gongschlag warf sie immer hin.

Zwölf Sargträger, wesenloses Grau und Weiß huschten heran, bemächtigten sich still des mit weißen Tüchern und Bändern überhäuften Sarges. Wehklagen, Kreischen, Stöhnen der Gäste im Hof. Das Haus verlassen, das Podium leer. Das lange blaue Seidenbanner der Sippe Chaos führten vierundzwanzig Träger; durch das Tor schlüpften noch hinterher die Träger der Schirme, der viereckigen Mondfächer, der Fähnchen und Hellebarden. Die Mehlkügelchen für die obdachlosen Geister flogen in den Staub am Weg.

Hai-tang spielte mit der Pipa der kleinen Nai im Zimmer der Toten. Ihre Haare hingen. Das Gesicht ungeschminkt. Sie drehte das Instrument hin und her.

An denselben Tagen fuhr man auf großen Lastwagen die gefangenen Bündler vom Markt auf die Richtstätte vor die Stadt. Die kleine Nai lag schon in ihrem Hügel, als die Soldaten auf schweren braunen Pferden dem unabsehbaren Zug der schwankenden Delinquenten voranritten, durch die Mauer in den sandigen Talkessel. Posaunenstöße vom Markte. Die Wahrhaft Schwachen und die Anhänger der Weißen Wasserlilie, fast hundertundfünfzig, trugen hölzerne Fußfesseln; auf ihre Rücken waren Kaoliangrohre gebunden, mit Papier umwickelt, die die Namen des Verbrechers anzeigten. Die Ochsenwagen ratterten durch die Straßen; die Brüder lächelten herunter und winkten mit den Händen den Städtern zu, die ihnen Reisschalen, Tassen mit Wein hinaufreichten. Sie sangen vom Westlichen Paradies. Von allen Seiten lief man hinzu, zeigte sich die Freunde, Bekannten, weinte und wagte nicht zu fluchen auf die Sieger. Draußen umwogte den Richtplatz eine ungeheure Menschenmenge, die Reiter mit flachen Säbeln und Polizeistöcken in Ordnung hielten.

Die Ochsenwagen fuhren an; der Gesang verstummte. In Reihen zu zwanzig hüpften sie hintereinander.