Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 36
Auf die Kunde von der Ausdehnung der Rebellen kamen aus Nan-king zwei Männer gewandert, die behaupteten, Nachkommen des alten Minggeschlechtes zu sein. Sie stießen zu den Bündlern am Tage nach der Niederlage in Pe-king, kämpften sogleich mit größter Bravour beim Zusammenstoß mit Chao-hoei. Sie waren Vettern, der Ältere ein Bauer in den fünfziger Jahren, der Jüngere etwa in den Zwanzigern. Sie fielen durch Ernst und sympathische, zweifellos vornehme Haltung auf. Sie vermochten sich natürlich nur durch Erzählungen sehr phantastischer Art zu legitimieren, fanden allgemeinen Glauben. Von seinem Ritt um die Stadt zurückkehrend, fragte Wang den Jüngeren der Mingvettern, ob er verheiratet sei. Der verneinte. Da betrachtete Wang den zarten, tiefbraunen Jüngling, meinte, es sei vielleicht zu erwägen, ob er sich nicht verheiratete. Der schlanke Mensch drehte sein längliches Gesicht lächelnd beiseite; er freue sich über Wangs gute Laune; er hätte für Wang ein kleines Kistchen kandierter Datteln aufbewahrt und sie wollten zusammen Späße machen. Der andere lobte das, und wo er denn die Datteln hätte. Vor einem Zelt lutschend und spuckend, sahen sie sich vergnügt an. Er hätte solche kandierte Datteln schon lange nicht gegessen, sann Wang, zuletzt in Schan-tung; es sei schon lange her. In Po-schan sei er einmal eingeladen gewesen bei einem Kaufmann, der die Weiße Wasserlilie führte; da hätte er viele davon essen müssen und seinen Spaß gehabt. Ja, erwiderte der Ming, sie seien ziemlich rar in dieser Gegend, besonders jetzt. Ob er also wirklich nicht verheiratet sei, fuhr der andere fort; in Kriegszeiten sich verheiraten, zeuge von großer Vorsicht; denn man könne vielleicht einen Sohn bekommen und dann stürbe man ruhiger. Ja, er brauche ihn nicht so anzusehen. Also kurz und bündig: ob der junge Ming sich mit der Tochter des Mandschugenerals Chao-hoei verheiraten wolle. Wenn er wolle, brauche er nur zugreifen; Wang werde den Vermittler spielen. Der junge Mensch verneigte sich sehr ernst vor Wang; er wolle Wang nicht verletzen; aber solche Späße verdiene er nicht; er lege keinen Wert auf seine Mingabstammung in diesem Moment. Unbeirrt wiederholte Wang: es handle sich um Dinge, die so klipp und klar wären; gebe Chao-hoei seine Tochter her, so hätte man den General mitgewonnen; gebe er sie nicht, dann, nun dann würde man ja sehen. Die Mings sollten nicht trotzig auftreten, durch Ruhe entwaffnen, diplomatisch denken. Verwirrt, errötend stammelte der Ming etwas. Jedenfalls bliebe es dabei, bestimmte Wang, bevor sie an das Kochen von Hirse gingen, daß er, der Ming, unverlobt, Wang zur Vermittlung ermächtige. Er solle ihm sogleich Geburtstag, Jahr, Monat, Stunde für die späteren Berechnungen aufschreiben.
In der Stadt gab es Anhänger der Bündler. Die Belagerer suchten mit ihnen in Verbindung zu treten. Die anfänglichen Bemühungen, Nachrichten und Verabredungen auf Papier in hohlen Lanzen zu befördern, scheiterten; die Zettel kamen überhaupt nicht an oder an falsche Adressen; man erschwerte durch jeden mißglückten Versuch den Brüdern drin die Arbeit. Aussichtsvoller war der Wasserweg.
Zwei Tage nach der Zernierung der Stadt langte eine große Flotte stark bemannter Schiffe draußen an; sie kamen vom Süden herauf. Die Belagerer, die zuerst jubelten, weil die Schiffer keine kaiserliche Tracht trugen, sondern ersichtlich Seeräuber waren, wurden bei dem ersten Annäherungsversuch schwer enttäuscht; die Rebellendschunken wurden von zwei der großen Schiffe einfach überrannt. Es waren Seeräuber, die von dem Tsong-tou von Tschi-li geworben waren und deren Anführer der Kaiser zur Belohnung eine Pfauenfeder im voraus verliehen hatte. Sie schwammen stolz auf dem Wasser, kaperten verdächtige Boote, verpraßten in der Stadt und benachbarten Küstenorten ihr Geld und begönnerten Chao-hoei.
Wang-lun ging mit fünfzig seiner verwegensten Leute in eins der Küstennester. Er sagte seinen Männern, sie wollten die Stadttore von innen öffnen. Stark bewaffnet näherten sie sich dem Fischerdorf, in dem die Mannschaften dreier großer Schiffe saßen. Lärmend zogen sie aus einer südlichen Seitenstraße in die auf einer Dünensenkung kriechende Hauptstraße. Die überraschten Piraten, mit Strohhüten und geflochtenen Strohmänteln, traten aus den Häusern auf die Straße. Wang stieg zu einer Schenke herauf, vor der eine Rotte stand, fragte, wem die Schiffe draußen gehörten.
Einer, der Wangs Größe hatte, zweifellos aber nicht Führer war, drängte sich nach vorn und sagte, das ginge Wang nichts an. Wang schob ihm den breiten Strohhut aus dem Gesicht; das solle er nicht so sagen; wenn die Schiffe keinem sicher gehörten, dann wolle er sie mit seinen Kameraden nehmen. Die Piraten brüllten vor Vergnügen, sicher gehörten die Schiffe keinem; aber inzwischen gehörten sie ihnen, und da sei es nichts mit dem Wegnehmen.
Dann sei er ganz zufrieden, meinte Wang; das hätte er ja nur wissen wollen. Dann sei es eben nichts. Aber ob sie nicht irgend wo anders kleinere Schiffe, Segeldschunken gesehen hätten, die man wegnehmen könne. Er und seine Kameraden wollten zu Schiff gehen, weil es mit dem Lande nichts wäre.
Das meinten die Piraten auch, beschauten die Ankömmlinge, zufrieden als Besitzer, sagten spöttisch, Dschunken würden sich schon irgendwo finden; sie seien ja rüstige Burschen, die wohl gut schwimmen könnten. Als neulich das große Hagelwetter war, seien sechzig kleine Dschunken und fünf große Schiffe vielleicht sechs Li vor der Küste gekentert; die könnten sie bequem holen, die gehörten jetzt keinem und seien vorzüglich ausgerüstet. Wenn sie gut tauchen würden, könnten sie die Schiffe nicht verfehlen; es sei da hinten, in südlicher, etwas östlicher Richtung.
Wang fand diesen Rat außerordentlich; die genaue Ortsangabe würde er sich gut merken. Freilich seien seine Kameraden ebenso wie er selbst noch zu wenig an das Wasser gewöhnt, um gleich so anstrengende Tauchübungen zu machen. Da die Sache nach ihrer Beschreibung so einfach sei, so würde aber ihnen beiden bald geholfen sein. Er werde sich mit seinen Begleitern der drei Schiffe draußen bemächtigen, an diese Arbeitsweise seien sie als Landbewohner gewöhnt, sie sollten dann neben den Schiffen schwimmen; er werde sie sicher zu der Stelle hingeleiten, sechs Li vor der Küste, wo die sechzig kleinen Dschunken und fünf große Schiffe auf sie warteten.
Schweigen und Flüstern bei den Piraten, prüfende Blicke auf beiden Seiten. Der Strand war leer; alle Seefahrer schoben sich vor der Schenke; sie sahen die Äxte, Dolche, Bogen der Fremden.
Als sie schwiegen, sagte Wang, sie sollten sich die Sache ruhig überlegen; er werde inzwischen mit seiner Horde schon an den Strand gehen und die Schiffe besichtigen.
Nach einem Hin und Her zwischen den untersetzten Männern, welche die Führer zu sein schienen, kam einer von diesen, der eine gespaltene Oberlippe hatte, auf Wang zu und fragte höflich, wer sie wären. Auf dem verschlossenen Gesicht des braunen Fremdlings spielte ein bedauerndes Lächeln; er könne sich die Brust zerschlagen, daß er vergaß, dieser einfachen Anstandspflicht nachzukommen; man gewöhne sich auf den Landstraßen schlechte Manieren an. Sie seien aus verschiedenen Dörfern Nordschan-tungs, hätten sich zusammen getan, um sich durchzuschlagen in ein fruchtbareres Land; nichts sei ihnen geglückt; bei Pe-king hätten sie sich den Rebellen anschließen müssen, aber die seien geschlagen, ein paar Tage hätten sie Hundereis gegessen im Institut der Großen Menschlichkeit zu Pe-king, nun wollten sie es mit dem Wasser versuchen.
Warum denn so Starke Waffen trügen.
Um nicht mehr bitten zu müssen.
Nach dieser Unterhaltung zog sich der Unterhändler wieder zurück unter tiefen Verneigungen; Wangs Leute sperrten zu beiden Seiten die Straße; die Situation war für die Piraten aussichtslos.
Da kamen sie mit einem Vorschlage zu Wang, den sie mit mehreren anderen in die Schenke nötigten. Sie sagten, daß sie mit ihren Schiffen vom Kaiser zum Schutz von Schan-hai-kwang geworben seien; ob sich die Fremden ihnen anschließen wollten gegen hohen kaiserlichen Sold.
Wang erklärte: gern, wenn der Sold für ihn und seine Leute hoch genug wäre.
Freilich, es kämen auf jeden Mann zwei Taels für zwei Monate.
Die Fremden besprachen sich; ihr Führer antwortete, es sei zu wenig, außerdem, welche Sicherheit gegeben würde; sobald sie alle im Hafen der Stadt wären, würde man sie auslachen und ans Land setzen.
Nach längerem Feilschen kam man überein: die bewaffneten Fremden besetzten zwei Schiffe zur Sicherheit; das dritte Schiff fährt in den Hafen, verschafft die Hälfte des Geldes; alsdann fährt man gemeinsam vor die Stadt; kommt das dritte Schiff mit Polizei zurück, soll das als Verrat gelten und an der Besatzung der zurückgebliebenen Schiffe gerächt werden.
Der Plan wurde ausgeführt; Wang empfing das Geld, sie setzten sich auf die Schiffe, ankerten vor der Stadt. Als sie an Land gingen, wozu sie die Piraten eingeladen hatten, war dieses Abenteuer rasch zu Ende; denn hinter ihren Booten scholl das Hohnlachen der Seeleute, denen ihr Streich gelungen war; die Schiffe, die zu den andern in See stachen, waren Wang und seinen Leuten verloren.
Wang ging mit mehreren Begleitern wegen der andern Hälfte des Geldes klagend in die Stadt; die Mandarine wiesen ihn ab, für solche Verträge gäbe es kein Recht; die Piraten seien nicht zu fassen, und in diesem Augenblick Freunde des Himmelssohnes. Er suchte seine Anhänger in der Stadt auf; kleidete sich um, spazierte auf den Märkten und Straßen. Mehrere Tage unternahm er nichts als Flanieren, Besuchen der Tempel, Anhören des Klatsches, Feilschen mit Pfeifenhändlern, Lungern in den Teestuben. Es war frisches schönes Sommerwetter; um seine Begleiter kümmerte er sich in diesen Tagen nicht. Dann versammelte er sie in dem Hause eines Gefängnisaufsehers; seine Absicht war, Dinge besonderer Art in der Stadt zu veranstalten, darauf Revolte, wobei sich das weitere ergeben sollte.
Chao-hoeis Palast stand einsam hinter der Stadt auf den nordwestlichen Abhängen der Magnolien. Der besiegte General verließ selten sein Haus; wanderte von einem Zimmer ins andere, aus dem Hof in den Garten. Er stand nicht mehr an dem Fenster, das nach dem Meer blickte; der Triumphbogen am Ausgang der Hon-pun-straße störte ihn nicht; nur daß dort das Meer lag, an das ihn die Rebellen gedrängt hatten, ergrimmte ihn, daß seine Soldaten und sein Feldherrnglück nichts waren und er wie eine Katze, die man ertränken wollte, am Wasser hin und her jaulen mußte.
In seinem friesumzogenen Arbeitszimmer saß er viel, blies die Wasserpfeife und grübelte. Er war ein sonderbarer Torhüter Pe-kings; durch eine rätselhafte Wendung des Kampfes war Pe-king noch im letzten Augenblick gerettet worden; ihn setzte man ans Wasser; wo war sein Kriegsruhm, was dachte Khien-lung? Er konnte nicht mehr A-kui und kundige Eunuchen anklagen, daß sie ihn auf den verlorenen Posten geschickt hätten. Kampf war da, und Niederlage war da. Der junge unerfahrene Tsong-tou von Tschi-li Chen-juen-li wird sich ein Vergnügen daraus machen, die Stadt zu entsetzen; auch der Herr von Schan-tung und Pi-juen von Ho-nan werden sich Ehren gewinnen, an ihm, dem Verunglückten. Er hatte das Gesicht verloren. Schande über sein Haus, Schande über seine Ahnen.
Die jugendliche Hai-tang, seine rechtliche Frau, tröstete den Melancholischen; sie trieb den ergrauten Mann aus dem Hause heraus, damit er die Mauern inspiziere, die Zucht in der Stadt kontrolliere. Aber Chao hatte einen Widerwillen gegen diese Stadt, die er einmal geliebt hatte; ihn ekelte es vor den zweideutigen Bürgern, er begegnete mit Widerwillen dem betrügerischen Tao-tai, Tang-schao-i, der sich beim Einzug der Truppen in die Stadt bedankt hatte, daß ihm das schlimme Schicksal der benachbarten Magistrate erspart blieb, freilich durch das Unglück seines verehrten Freundes Chao-hoei. Die Wunden seines Sohnes Lao-sü waren längst geheilt; untätig saß der General mit ihm beim Morraspiel, hockte in den Frauengemächern, hörte seiner Frau zu, die die zarte Nai, die fünfzehnjährige Tochter, im Spiel der Pipa unterrichtete.
Eines Vormittags, während die gesamten Truppen auf den Hügelflächen zwischen Mauer und Stadt exerzierten, zog aus einer Gasse im Nordwesten der Stadt, wie aus dem Boden auftauchend, eine feierliche prunkvolle Prozession geradeswegs über die Chaussee auf das Wohnhaus Chao-hoeis zu. Es mußte sich um ein freudiges Ereignis handeln; die Männer, die zwei goldgeschmückten Sänften folgten, trugen lange rote Schärpen über ihren schwarzen Gewändern. Mit Gongschall und »Platz«rufen marschierte man unter dem warmen Sonnenlicht; der Zug schlängelte sich rasch den einsamen Magnolienhügel hinan. Das Väterchen ohne Zunge, Chaos Haussklave, nahm unter grotesken Verbeugungen die riesige rote Visitenkarte entgegen, die ihm aus einer Sänfte gereicht wurde. Der schlanke Mandarin im Haus legte seine Perlenkette um, ging an der Türe des Saales der zwölf grünen Säulen seinen Gästen entgegen. Ein unbekannter mandschurischer Name hatte auf der Visitenkarte gestanden. Sechs der Fremden, in ernster Haltung, starke ausdrucksvolle Gesichter, traten in die Halle; Wang-lun und fünf Gefährten. Wang stellte sich zuerst vor unter dem mandschurischen Namen der Visitenkarte, mit frei erfundenen die andern, dann setzte man sich auf Einladung des Wirtes an einen kleinen Tisch zwischen zwei Pfeilern und schwieg. Chao-hoei schlug in die Hände nach Diener und Tee; das Blut stieg ihm ins Gesicht; es kam niemand. In Scham bat er seine Gäste um Entschuldigung, er klatschte nochmal, vor Erregung zitternd. Aber die Fremden lenkten begütigend ein, sie seien geschäftlich anwesend, zu Schiff eingetroffen, würden nur kurze Zeit verweilen; auf das Gesinde sei nirgends Verlaß.
Man sah sich prüfend an. Chao-hoei wollte in einer plötzlichen Regung sich erheben, um nach den Dienern zu sehen, aber wiederum baten die Fremden, sich nicht anzustrengen; sie würden ja in Raschheit ihre Angelegenheit erledigt haben.
Wieder schwiegen sie. Wang, in einem schwarzen Gewand, das ihm nicht den Knöchel bedeckte, zog den Fächer aus dem Gürtel, preßte das Gesicht zusammen, sagte mit kaltem, festem Blick, er und seine Begleiter kämen als Brautwerber in das Haus des ruhmreichen Generals; er hätte bei einem Aufenthalt im Hia-ho von der gebildeten und kunstverständigen Hai-tang, der Tochter des ehemaligen Tsong-tous von An-hui, Hwang-tsi-tung, gehört; von der Feinheit und Wohlerzogenheit der Tochter spreche die Stadt; so ungewöhnlich das Vorgehen sei, so bliebe doch seinem Herrn, in dessen Auftrag er erschiene, keine andere Möglichkeit, die Verbindung anzuknüpfen. Er reichte mit seinem langen Arm ein großes rotes Kuvert mit dem Personalschein über den leeren Tisch.
Der General steif, zuckte mit den Mundwinkeln. Wang sprach ruhig weiter, lud ein, das Kuvert zu öffnen; das Volk singe: »Wie fängt man an, Holz zu spalten? Ohne ein Beil kann es nicht geschehen. Wie fängt man an, eine Frau zu nehmen? Ohne eine Mittelsperson kann es nicht geschehen.«
Als der General mit einem Blick auf die Visitenkarte die Lippen bewegte, den Mund öffnete, tonlos fragte, wer er sei, antwortete der Gast, die Visitenkarte sei zur Täuschung der Dienerschaft gegeben; er sei Wang-lun, ein Anführer der Belagerer; er werbe für einen der Mingprinzen, der den Thron besteigen solle; freilich, es handle sich um einen Chinesen; aber so niedrig achte kein Chinese die Mandschus, daß er nicht die wohlerzogenen Mandschutöchter zu rechtlichen Frauen werben möchte.
Der Mandarin, aufgesprungen, stürzte an das Gong, schrie: »Diener! Tai-tsung! Tai-tsung!«
Die Fremden erhoben sich im Tumult, als der Mandarin an ihnen vorbei ans Fenster stürzte; zwei deckten das Fenster; Chao-hoei ausgleitend, hinfallend, wurde von ihnen gehoben, unter Verneigungen, mit eisernen Händen an seinen Platz gedeichselt.
Wang lauschte an der Tür, am Fenster; im Nu stand er vor dem heftig stöhnenden General, dessen Augen entgeistert blickten. Der große Personalschein sei gebracht; die Werbung vorgetragen; den Schein der Braut zu bringen und das Glück und Unglück der acht Ehezeichen bestimmen zu lassen, läge dem General ob. Sie würden sich Antwort holen.
Der General schlug auf den Tisch, explodierte: »Verbrecher! Schurken!« Vier hielten ihn, banden mit roter Schärpe Arme und Beine, legten ihn auf den dunklen Gang vor der Tür. Wang flüsterte: »Überlegen Sie, General. Wir kommen wieder.« Und er malte mit dem breiten Tuschpinsel, den er von einem Wandregal nahm, auf den polierten Boden des Saals die drohenden Zeichen der Mingdynastie. Schon bestiegen zwei der Männer draußen im Hofe die Sänften; Gongs, »Platz«rufe; blitzrasch setzte der Zug den Magnolienhügel herunter, verschwand in einer Seitengasse.
Fünf Offiziere, die zum Mittag bei Chao-hoei eingeladen waren, fanden eine halbe Stunde später zwei Haussklaven im vordern Hof geknebelt im Schmutz. Das Väterchen, befreit, rannte heulend ins Haus; das Haus dröhnte vom Geschrei. Die Frauen kamen aus den Gemächern, als das Väterchen flennte. Der Schwarm suchte mit Angstrufen nach dem General, über den man stolperte. Im hellen Empfangssaal hielt Hai-tang seinen besudelten Kopf; er seufzte; man flößte ihm Wein ein; er betrachtete blaß die vielen, die sich um ihn drängten. Die Offiziere nahmen mit den Dienern die Spuren der Fremden auf; es dauerte Stunden, ehe man ermittelte, in welche Gasse der Zug verschwunden war. Die militärische Durchsuchung aller Häuser des Viertels ergab nichts Verdächtiges; die wenigen Bewohner der Gasse wurden sofort ausgepeitscht; das Ergebnis der Untersuchung, das am Abend Chao-hoei vorgetragen wurde, lautete: die Belagerer müssen in der Stadt viele Freunde haben. Da ein Eindringen der Rebellen von der Mauer aus unmöglich ist, müssen die Fremden vom Meere gekommen sein; die Polizei am Seezollamt ist zu verstärken; auf die befreundeten landenden Seeräuber und Schiffer, die Proviant bringen, ist ein wachsames Auge zu richten.
Man stöberte in der Stadt alle Keller, verfallenen Häuser nach Wang und seinen Begleitern auf. Chao-hoei ging im Zimmer der Hai-tang; er riß sich von ihr los: »Was bleibt, Hai-tang? Du bist so klug und verstehst nicht, was so klar ist. Ich bin zum Gespött der Stadt geworden, zum Gelächter der Feinde.«
»Deine Feinde sollen nur lachen, sie werden bald kreischen, wie sie in Pe-king gekreischt haben. Den teuren Lao-sü haben sie geschlagen, dich haben sie hingelegt, nach der feinen Nai wollen sie greifen. Die Seidenschnur gehört nicht dir, sondern den Stadtbehörden, dem Präfekten Tang-schao-i und den andern. Räche dich, Hoei!«
»Es nützt nichts; wir werden uns nicht halten können. Sie dringen vom Meere ein. Sie laufen auf der Straße, auf dem Markte zwischen uns herum; vielleicht grüßen sie uns, wir erkennen sie nicht. Sung hat recht: wenn die Sandkörner gegen die Menschen sind, sollen die Menschen weggehen. Wir Mandschus werden gehaßt. Mich machen sie zum Gespött.«
»Wenn Hai-tang in dir wäre, Hoei! Es ist dein und mein Kind, das man bespeit. Ich will das nicht hinnehmen. Wenn du nicht Rache willst: ich will sie.«
»Was redest du, Hai-tang? Hier im Haus haben sie gesessen, jetzt sind sie -- wo? Räche dich, wenn du im Käfig sitzst.«
»Tang-schao-i ist ein Betrüger. Er glaubt nicht an dich; er fürchtet für sich; er hat den Rebellen diese Schandtat ermöglicht, mit dir will er es nicht verderben. Die seidene Schnur ist für ihn.«
Chao öffnete das Fenster; die Ulmen standen mit spärlichem Laub gegen den roten Himmel; laue Luft wehte herein; plötzlich süßes Singen aus dem Garten.
Hai-tang trippelte neben ihn an das Fenster: »Das Kind singt«, sie bog entzückt den Kopf auf die linke Schulter. »Warum haben wir die Zeit der Pfirsichblüte versäumt, als Juen-chings Eltern fragten wegen der Heirat? Sie wäre nicht mehr bei uns.«
»Ich will das zarte Kind noch behalten.«
»Aber jetzt wünscht Chao-hoei auch, er hätte sie verheiratet zur Zeit der Pfirsichblüte. Sie werden noch kommen, die Verbrecher, dich fesseln, die Sklaven fesseln, mich fesseln, das Kind entführen. Sie wollen sie stehlen, sie werden sie stehlen, o wenn Nai nicht mehr bei uns wäre!«
»Still, Hai-tang, das Kind hört dich. Sie singt wieder. Das Haus ist gesichert. Meine Wache verdoppelt. Die tollen Hunde werden nicht noch einmal auf meinem Hofe bellen. Ich werde Tang-schao-i einsperren lassen. Das Grinsen werde ich dem Gauner vertreiben.«
»Was nützt Tang-schao-i mir? Wenn du siebzig einsperren läßt, kommen siebenhundert neue. Das Kind singt. Wie lange wird es singen? Wo soll ich es hinbringen? Hoei, was soll mit meinem Kind geschehen?«
Hai-tang saß auf der Matte, wiegte sich weinend. Die Tränen verwischten die roten Schminktupfen ihrer runden Wangen. Gefärbte Tränen tropften schmierig vom Kinn auf das hellblaue Oberkleid: »Für wen hat Wang-lun geworben?«
»Wang-lun? Für einen Mingprinzen, es ist lächerlich, den er nicht beim Namen nannte. Er gab zu verstehen, welche Gnade der Mingprinz übe, indem er eine Mandschutochter heiraten wolle. Wir wollen nicht davon sprechen.«
»Ich weiß nicht, was an den Mandschus und den Chinesen schlecht ist. Aber wäret ihr nicht ungerecht gewesen, wäre es nicht zu diesem Aufstand gekommen. Sieh Tang-schao-i an; in allen Städten solche Gauner. Mußte es nicht zum Aufstand kommen? Und wir haben zu leiden. Es ist ein Zeichen von eurer Schwäche und Unklugheit, daß im Lande Rebellion entsteht; werft die Bündler nur hin; nach zehn Jahren kommen sie wieder. Wie helf ich Nai? Wo ist Juen-ching?«
»Juen-ching tut Dienst an der Mauer.«
»Ich möchte ihn gerne sehen. Du mußt jemand schicken und ihn auffordern lassen, zu uns zu kommen.«
»Er kann in den nächsten Tagen nicht fort; ich weiß auch nicht --«
»Aber ich weiß. Ich will mit ihm reden. Ich will ihn sehen. Ich will seine Eltern sprechen. Wir müssen beraten, was mit Nai geschehen soll. Wir haben es abgeschlagen, im Frühjahr sie wegzugeben; jetzt ist Not.«
»Es wird keine guten Zeichen geben.«
»Du brauchst nicht zu sagen, es wird keine guten Zeichen geben, du brauchst mich nicht noch unglücklicher zu machen, Hoei. Es ist unser Kind, und wir können nicht am Fenster stehen und zuhören, wie sie singt, und singt und nichts weiß. Was wird diese Nacht bringen, was wird morgen der Tag bringen? Sie muß mit ihren Dienerinnen in meinem Zimmer schlafen. Ich will Juen-ching sehen, ich will mit seinen Eltern sprechen. Oder, ich will dir sagen, wenn Wang-lun wieder kommt, er kommt wieder, verlaß dich drauf, er kommt wieder, will ich dabei sein. Ich will ihn sehen, ich will ihn fragen, für wen er wirbt. Der Prinz soll zu uns kommen, wenn er kein schlechter Mensch ist. Und er soll Nai haben. Ja, Hoei, die Chinesen sind nicht schlimmer als die Mandschus; es wird gut tun, wenn wir uns versöhnen. Ich will mein Kind nicht wegen eurer Laster verlieren.«
»Jetzt, liebe Hai-tang, weißt du nicht, was du sprichst. Nein, du weißt es nicht. Weißt du, was für ein Schurke dieser Wang-lun ist. Ein Mingprinz! Er will uns zeigen, wie gefährdet wir sind und was er mit uns machen kann.«
»Ich will Juen-ching sprechen. Er muß für einen Tag, für morgen, vom Wachdienst befreit werden. Nein, lache nicht, Hoei. Ich kann nicht leben. Wenn ich ein Weib bin, brauchst du nicht zu lachen. Ich hab den ganzen Jammer zu tragen; wenn dich ein Spott trifft, greifst du nach der seidenen Schnur. Hilf mir, Hoei, hilf der Hai-tang, die du einmal geliebt hast.«