Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 35
Khien-lung stand am Fenster mit drohend vorgestoßener Faust, Kia-king erhob sich. Nach einer Pause Kia-king: »A-kui hält die Tatarenstadt. Unsere Wälle und Mauern sind gut besetzt.«
»Ich weiß, du meinst, sie sind nicht gut besetzt. Es sind genug für die da.«
»Ob es nicht besser wäre, Vater, vielleicht mehr Truppen von dem mandschurischen Banner, von den Bogenschützen aus Kirin in die Rote Stadt zu werfen. Es laufen Gerüchte von der Unsicherheit einiger Regimenter der anderen Banner.«
»Unsere Banner sind alle gut. Von wo hast du Gerüchte?«
»Ich konnte nichts festes ermitteln. Mein Diener gab mir eine verdächtige Wachstafel mit Geheimzeichen, verloren in einer Bannerkaserne. Ich habe herumgefragt, man hat mir sagen können, daß schon sonst gemunkelt wird.«
Khien-lung feixte ihn an: »Gemunkelt. Eine verdächtige Wachstafel gefunden. Bannerkaserne. Meine Eunuchen sollen besser aufpassen. Weibergeschichten. Weiter nichts.«
»Immerhin, es beunruhigt --«
»Das merke ich. Es beunruhigt dich.«
»Die Prinzessin und andere Prinzen haben von den Gerüchten gehört. Wenn wir uns fürchten --.«
»So ist das eure Sache, Kia-king. Prinzessinnen haben sich um die Verteidigung der Roten Stadt keine Gedanken zu machen. Die Dynastie liegt auf meinen Schultern.«
Knallte das Fenster zu: »Schließ die Vorhänge, Kia-king. Hitze schlägt herein. Das Lärmen ist langweilig. Erzähl mir von deinen Pfauen.«
Kia-king blickte ihn fragend an.
»Wieviel hast du jetzt? Hat sich dein Wärter bemüht, Zuchttiere vom Wang von Turfan zu bekommen? Ich habe sechs außerordentliche.«
Kia-king schwieg. Der Kaiser deklamierte gleichmütig mit strafferer Haltung auf den Polstern: »Du interessierst dich nicht für Pfauen? Oder jetzt nicht? Das ist unrecht. Tiere und Bücher sind gleichmäßig gut; sie wechseln nicht. Die draußen werden schon aufhören zu schießen. Die großen Bewegungen werden am ehesten matt. Das ist eine rechte Bewegung, dieser Mingaufstand. Mach dir keine Sorgen, Kia-king.«
Der alte Herrscher ging mit etwas steifen Knien im Zimmer hin und her. An einem Tisch, der mit Bogen und Büchern bedeckt war, griff er nach einem Buch, blätterte; seine Stirnfalten stellten sich auf; sein viel verrunzeltes Gesicht nahm rasch einen vertieften Ausdruck an.
Lesend setzte er sich wieder an das Fenster: »Ja, es ist so. So ist es. Wie gut, daß es Bücher gibt, die ich selbst geschrieben habe. Ich kann mich vergleichen, suchen, finden. Ich möchte hin nach Mukden. Wie schön ist es; ich hab es so beschrieben wie ein Jüngling, der sich die Reize seiner Geliebten aufzählt; die Berge, die Forsten, die zahllosen Fische in den Flüssen, der Ta-ling-ho. Die Jagden; ja Tai-tsung sagte: 'Gehen wir kämpfen! Das ist die einzige Erholung der Mandschus; unsere Gebirge geben uns eine neue Art Feinde; die Jagd muß uns ein Bild des Krieges geben.'« Er las weiter; Kia-king leise erhob sich, tastete sich zum Ausgang. Khien-lung rief ihn an, er lächelte: »Bleib bei dem alten Mann. Er beruhigt dich vielleicht. Geh nicht zu den Frauen, sonst verlierst du die Haltung.« Kia-king kauerte hin; der Kaiser betrachtete ihn lächelnd.
Während Kia-king beim Kaiser saß und ihn von neuem vergeblich zu einer Heranziehung starker Garden nach der Purpurstadt zu veranlassen suchte, kalt hingehalten und bespöttelt von Khien-lung, herrschte Unruhe zwischen den Palästen. Das ungewohnte Gemisch von Eunuchen und Soldaten wogte an den Mauern durcheinander. Die Eunuchen zählten die Soldaten, verstopften sich die Ohren bei jedem neuen Jubelschrei aus der brennenden Chinesenstadt, liefen in das Innere der Stadt, um den ängstlichen Damen und Würdenträgern, die sich hatten einschließen lassen, zu berichten. Viele der aufgeschwemmten Eunuchen saßen beieinander, angstvollen Herzens, schwerbewaffnet unter Helmen, Schwertern, Schilden. Manche der älteren Würdenträger trugen die seidene Schnur oder die feinen Goldplättchen bei sich, um den leichten Tod zu sterben. Hie und da lief ein gutgelaunter Soldat mit einem lebenden schwarzen Hahn unter dem Arm herum, zeigte den schreienden Vogel den rennenden Eunuchen mit der Tröstung, sie sollten unbesorgt sein; er würde von dem Kammblut dieses dreijährigen Tieres opfern, um ihre Seelen auf dem Grabweg zu stärken; was sie ihm dafür im voraus bezahlten? Gegen Abend vor Anbruch der Dunkelheit trug man Khien-lung an die Mauerstraßen der Purpurstadt; er inspizierte hier eine Stunde lang die Verteilung der Mannschaften und die Besetzung der Torwachen. In einer grausamen Ruhe bewegte er sich. Für die Nacht war Kia-king zum Kaiser befohlen. Fast weinend und außer sich flehte der Prinz, aufs rascheste mehr Truppen in die Palaststadt zu werfen. Khien-lung wurde ungeduldig und bemerkte, man dürfe sich nicht vor dem Schicksal verstecken, wenn es komme, um die Reine Dynastie aufzusuchen. Ob der Prinz daran zweifle, daß die Mingphantasten sich die Stirne einrennen müßten, müßten! Und dann quälte er Kia-king mit der Aufzählung der Mannschaften, die so gering waren.
Wie erwartet begann mitten in der Nacht der Angriff der entfesselten Rebellen auf die Tataren- und Rote Stadt. Es schien keinerlei Ordnung in diesem Angriff zu liegen; zu gleicher Zeit hallten die Sturmschreie vor den beiden Nordtoren, den Toren Te-cheng und An-ting, und vor den drei südlichen Schun-tschi, Ha-ta und Tschien, das das Einfallstor der großen Kaiserstraße war. Der Elan des rebellischen Sturms war außerordentlich. Brechen der Tore, Niederschlagen und Verdrängen der Torwachen beanspruchte ziemlich kurze Zeit. Auf das anfängliche Zurückweichen der Mandschutruppen folgte hartnäckiges und erbittertes Festsetzen in Straßen, Kasernen. Überflutend, ertränkend drangen über Haufen der Gefallenen Rebellenschwärme durch die angelweiten Tore der Südstadt. Die Massen untermischten sich mit Händlern, Kaufleuten des Chinesenviertels, die rasch dem siegreichen Mingbanner folgten.
Die kurzbeinigen plumpschultrigen Mandschusoldaten schlugen sich mit den riesigen Bauern der nördlichen Ebene, die Rache für die Dürre heischten, in Kasernenfenster kaltblütig einstiegen, mit wetzenden Dengeln, zischenden Dreschflegeln, von irgendwoher erschossen wurden. Die gesonderten Gruppen der Brüder und Schwestern spieen Tod und würgten ihn herunter.
Das blendende Weißrot des Feuermeers im Osten der Tatarenstadt trug in das Bild die Durchschneidung der Helligkeiten und schwerer Schatten ein. Das nördliche neue Kornmagazin loderte. Von dem Funkenregen wurde das südlicher gelegene unermeßliche Reislager befruchtet und gedieh in Minuten zu einer im Wind tosenden flammenden Riesenmohnblüte. Unter diesen feierlichen Lichtern wühlten die zuckenden Massen ineinander. Groteskes Zappeln, Verrenken, Armschwingen, Hüpfen von Silhouetten, gespensterhaftes Rennen über verschattete Kasernenhöfe und Gassen. Schwirren, Platzen, Prasseln in überhitzter Luft von allen Seiten, überschüttend die herkömmlichen Geräusche des Frage- und Antwortspiels zwischen dem Tod und dem menschlichen Leben.
Über eine Doppelstunde rang man, dann kollerten Mandschus und Rebellen in die stinkenden nördlichen Gräben vor der Purpurstadt, die kohlschwarz bewegungslos hinter ihren Mauern wartete.
Die abweisende Starre, in der sie lag, löste sich in dem Augenblick, als Böllerschüsse vom oberen Nordtor krachten, und als das grelle Licht des Feuers nicht mehr die Wipfel der Thujen und Zypressen erhellte, sondern nach Minuten des Schweigens dieser Schein hinkroch zwischen den angeprallten Stämmen über den Boden, dicht, nah zwischen den Treibhäusern des nördlichen Blumengartens wanderte. Die Rebellen hatten das obere Nordtor gebrochen. Sie ergossen ihre verzerrten Gebärden, den Gestank der Gräben und Gassen in die strenge Kaiserstadt.
Die Karrees der sicheren Garde finsterten hier. Leere Frauenpavillons bebten unter dem Gestampf der feindlichen Zerstörer. Das kleine östliche Schatzhaus wurde erbrochen; hier spritzten die Silberbarren, Truhen, Seidenstoffe die Treppen herunter, die Vasen zerscherbelten ihre gewölbten Bäuche.
Eingekeilt zwischen der Nordmauer und einer Querwand, welche die kaiserlichen Wohnungen beschützte, bissen sich die Gegner ineinander fest. Aus der brennenden Tatarenstadt drang keiner in den vollgestopften Raum. Kampftolle Weiber erstickten im Torweg.
In die Garden riß voran Wang-lun klaffende Löcher. Er stöhnte, mit seinem langen Schwert um sich wuchtend. Er arbeitete fast nackt in einer halben Bewußtlosigkeit, ohne Gefühl seiner automatisch gehobenen und hämmernden Arme. Von Zeit zu Zeit drängte er sprengend nach hinten, stand, den Kopf nach vorn gesenkt, schweißträufelnd, beweglos wie ein Bronzestier, in einer Menschenwoge, die er zerteilte, die Augen blutunterlaufen, die Hände dick wie in Handschuhen, das Gesicht verschwollen unter einer Lehmmaske. Dann bogen sich die Scharniere der eisernen Knie, Schultern und Ellenbogen keilten die Massen auseinander. Der Gelbe Springer blitzte, mischte Blut mit Blut in dem Mörser des kaiserlichen Blumengartens.
Ngoh, blutübergossen nicht weit von ihm, bohrte mit dem kurzen zweischneidigen Schwert, zerschmetterte die vorragenden Spießlanzen. Ritze neben Ritze hieb er in die weiche lebende Mauer, die Körper sprudelten.
Von der Palastmauer flatterten die schlanken Schmetterlinge, die Pfeile über die Rebellen, setzten sich auf gähnende Wangen, Schultern, Hälse; schmückten Taumelnde, Leerlächelnde.
Während in der Tatarenstadt über den weiten Plätzen die Kehlen tobten, klang zwischen den beiden Mauern nur gelegentlich ein geller Ruf. In dieser wenig von Licht zerfetzten Finsternis pfauchte, ratterte, stampfte eine Maschine. Zähne malmten. Die Karrees der Garden schmolzen. Das Einfallstor in die verbotene Stadt mußte bald frei sein. Ein Winseln erhob sich unter den Verteidigern. Da flogen die kaiserlichen Soldaten seitlich auseinander, der Pfeilregen von der Mauer hörte auf. Aus der inneren Stadt fegte donnerklatschend ein frisches Regiment durch das Tor, spießte sich in die prallen Rebellenhaufen, die barsten.
Jäh wich in der Tatarenstadt das Jubeln zurück vor dem durchdringenden Pfeifen der Mandschureiter, dem bodenschwingenden Trappeln von Pferden. Der zehntausendfache Wehe- und Wutschrei zwischen den beiden Mauern. Schrittweises Zurückkeuchen hinter Pyramiden von Leichen. Das obere Nordtor preßte die Fliehenden zusammen und zermanschte sie. Die Kaiserstadt erbrach die Rebellen. Die Gräber rollten sie kopfüber herunter. In die Tatarenstadt geschoben wurden sie den Hufen der braunen Pferde preisgegeben. Von zwei Seiten gefaßt posaunten sie Todesschreie zum Himmel. Stirn und Rücken zerfleischten die krummen Mandschusäbel.
Dann kam ein Zittern in die willenlose Masse.
Ein tiefes, ausholendes Atmen.
Das Platzen eines Kessels.
Die Front der Berittenen im Nu zerrissen.
Der Elan der letzten Wut zerstob die Mandschus. In einer unduldsamen Bewegung schleuderten sich die Rebellen hinter die brennenden Speicher durch die beiden verlassenen Osttore Tong-chi und Tschi-hoa, aus der Tatarenstadt heraus, aus Pe-king heraus.
Ein Flug trug sie in die stumme nachtkühle Ebene, legte sie vor die kleinen Dörfer.
Pechschwarz die Purpurstadt. Khien-lung seufzte am Fenster seines Palastes, eine trübe Öllampe auf dem schmalen Tischchen neben sich. Sein Loblied auf Mukden hielt er noch in der Hand. Kia-king betete, hingeworfen vor einer niedrigen Kung-fu-tse-statue auf einem Bronzesockel. Der Kaiser beobachtete ihn eisig. Als sich der Prinz erhob, klatschte der spöttische Greis in die Hände, flüsterte den Eunuchen etwas zu. Kia-king sah auf zwei Holzschüsseln die Köpfe der beiden verräterischen Wachoffiziere.
* * * * *
Die schwarzen Fahnen der Weißen Wasserlilie und der Wahrhaft Schwachen wehten nordwärts und ostwärts. Das Versagen der rebellischen kaiserlichen Regimenter war bald aufgeklärt. Khien-lung hatte, unterrichtet, die verdächtigen höheren Offiziere am vorangehenden Abend festnehmen und in der Roten Stadt einsperren lassen. In dem nördlichen Bezirk, der dem Angriff ausgesetzt war, untergebracht, waren sie sämtlich während der Schlacht befreit worden, fünf gefallen, vier andere, darunter die Gelbe Glocke, von der Flucht mit fortgerissen. Die eingeschüchterten rebellischen Truppen hatten in der Nacht ihre Kameraden angegriffen und besiegt. Die beiden so kunstreich gewonnenen Wachoffiziere waren, wie es schien, von Khien-lung in kurzem Verfahren beseitigt worden.
Die drei Hauptführer, Wang-lun, Ngoh, die Gelbe Glocke, trafen rasch zusammen. Wang tobte gegen seine Truppen. Eine nicht kleine Zahl seiner Anhänger ließ er unterwegs enthaupten, weil sie erwiesenermaßen Panik verbreiteten. Die ganze Hitze seiner Wut war gerichtet auf die geschlagenen Truppen. Nur seinem steinernen Wesen war es zu verdanken, daß die Heere schon nach zwei Tagen in geschlossener Ordnung nach Nordosten, unmittelbar gegen den heranziehenden Chao-hoei sich richteten. Sechstausend Mann unter Ngoh blieben als Rückendeckung zurück. Man kam in Fühlung mit den irregulären Haufen, gewann sie zu planmäßigen Plünderungen und Überfällen.
Chao-hoei lehnte jede Unterstützung der Provinzialarmee ab. Auf die Nachricht von der Niederlage der Aufständischen in Pe-king peitschte er alle zurückbleibenden verfügbaren Mannschaften zusammen.
Unter dem Donnern und Leuchten des ersten Gewitters dieses Sommers, zehn Gluttage nach der Flucht aus Pe-king, trafen sich die Heere an den Hügeln von Ying-ping. Das Schnauben und mähnenschüttelnde Grunzen am Himmel, das Zähnefletschen, Schwanzschlagen, Augenrollen fand keine Beobachter auf der Hügelplatte. Aus schwarzer Luft hing an unsichtbarer Leine ein Riesengong über den Armeen, dessen Schläge hetzten. Zwei weiße Panther übersprangen sich. Die Ilisoldaten wanden sich in der Wollust des gesättigten Blutdurstes. Die Bündler ließen sich umklammern von ihren heißesten Feinden, zerkrachten ihnen das Rückgrat.
Chao-hoei schaukelte auf seinem Schimmel, oben auf dem Hügel. Wang-lun rollte seine Walze auf der Chaussee, mahlte sein Korn. Dann riß die Schwärze des Himmels auseinander, Hagelschlossen stürzten aus dem Schlitz, tanzten auf den Schädeln. Die Wahrhaft Schwachen kämpften in dem blendenden Gewühl des Unwetters mit eisiger Gelassenheit. Keine Wunde berührte sie. Es war gleich, ob sie starben oder lebten. Das Feuer der Ilisoldaten fraß sich nicht durch, fing an zu rauchen, zu flackern. Kein stürmischer Angriff erfolgte von den Rebellen: still, weniger drängend als von ungewollter Notwendigkeit gedrängt überwanden sie die Feinde.
Als Chao-hoei sich mit seinen zertrümmerten Soldaten wandte, hingen sich die Rebellen, gezogen, an seine Spuren. Beides Verfolgte. Liefen davon, ließen die zerbrochenen Menschen, Wagen mit Stieren, muskellose Schwerter und Beile, als wäre es Jauche.
Der geschlagene kaiserliche General ließ sich in der Stadt Schan-hai-kwang einschließen.
* * * * *
Die Gelbe Glocke und Wang-lun umritten den westlichen meerabgewandten Stadtteil.
Der rote Palast des Generals blitzte wie eine aufgestellte Hellebarde, südlich spreizte das graue Ehrentor die Beine; die Tafeln an seiner Stirn priesen Siege über alte Mongolenfürsten.
Man konnte von dem höher gelegenen Außengelände das schlammgelbe Meer liegen sehen, die weißen Segel der Dschunken schmeichelten sich über das Wasser. Die Stadt glitt ins Meer; sie überschüttete die Flußmündung und geschützte Küste mit Hausbooten; wäre nicht die meterbreite Mauer mit den Wachtürmen, diese steinharten, quetschenden Kiefern der Stadt, konnten die Rebellen die kaiserlichen Truppen in einem Anlauf ins Meer jagen.
Die Gelbe Glocke sah träumerisch die grauen Dächer, über die die schwachen Sonnenstrahlen spielten. Er erinnerte an die Nacht, in der der Vollmond schien, und sie am Rande eines Gehölzes vor einer zerfallenen Stadt standen. Das Blatt hatte sich gekehrt. Wie lange noch, würden diese Mauern ihr Schicksal erleben.
Wang betastete seinen Arm. Wenn es auf ihn ankäme, möchten sie die Stadt bald haben. Aber wie stark und kostbar waren die Brüder und Schwestern in der Mongolenstadt, wie stark waren sie!
»Weißt du, Gelbe Glocke, wie das Schicksal aussieht? Wie eine Leiche; sie läßt sich nicht ansprechen, nicht besänftigen, nicht erzürnen; du kannst nach ihrer Seele mit Tüchern wedeln in Gärten, auf dem Dache, vor der Tür, im Hof!
Wie viele leben noch von den Brüdern aus Nan-ku? Zu keiner Zeit, glaube ich, hat die Erde rasch so viele kostbare Krieger aufgenommen; von den süßen Geistern duftet das Land. Und ich bin noch übrig, und soll zum Sieg führen. Und was tu ich jetzt weiter und weiter? Verschlingen, den Boden sättigen mit kostbaren Körpern; hinter Ho-kien in Pe-king, bei Ying-ping. Mich haben sie nicht mitnehmen wollen. Vor mir häufen sich die Opfer, ich bin selbst schon eine Leiche, nach der der Boden nicht schnappen will, um mich fernzuhalten von den teuren Geopferten. So werde ich noch eine Zeitlang auf der Erde herumrasen; der Name Wang-lun wird den Klang eines Höllengottes bekommen; ich werde irgendwo irgendwann einschlafen, ohne zu wissen, warum das alles gewesen ist.«
Sie stiegen in einer Ulmenpflanzung ab, banden ihre Pferde fest, saßen im Moos.
Die Gelbe Glocke streichelte mit schmerzlichem Ausdruck Wangs Schultern: »Was ist das? Was ist das?«
»Wir müssen das Reich für uns erobern. Die Mingkaiser, die unsere Kaiser sein sollen, müssen wir einsetzen. Das darf nicht über mich fallen, daß alles nichts gewesen ist. Ma-noh sagte, seine Brüder und Schwestern seien zu einem Ring zusammengeschmiedet; er wollte sich nicht von mir retten lassen. Und so sage ich auch. Wir dürfen es uns nicht entreißen lassen, dieses durch keine Niederlage, daß wir das Kaiserreich der Mings aufrichten. In mir, lieber Bruder, schwirrt es auf und ab. An dieser eisernen Stange beiß ich mich fest; der Weg ist vorgeschrieben; ich komme nicht in Frage.«
»Was willst du damit sagen, Wang, daß du nicht in Frage kommst?«
Wang drehte sich geheimnisvoll zu dem langen Offizier: »Es ist ein Unterschied zwischen dir und mir. Ich bin der Boden, auf dem das Wu-wei gewachsen ist, das einen Teil meines Geistes mit sich fortgenommen hat. Früher glaubte ich, ich müßte dem Wu-wei eine schöne, reiche, weiche Wohnung unter den Menschen Tschi-lis bereiten, bin mit dem Gelben Springer hin und her gelaufen; jetzt hat das Wu-wei eine Stimme und tönende Kehle für sich bekommen, seufzt deutlich, es wäre ein Geist meines Körpers und ich sollte ihm Obdach und Ruhestatt in mir bestellen. Es lacht über mich, wie Ma-noh gelacht hat. O, Ma-noh, der auf Nan-ku mich belehrt hat über die milden, wegschauenden Buddhas, kommt so viel über mich. Jetzt richtet sich, lieber Bruder, alles auf mich, und nimmt ein so sonderbar gequältes Gesicht an. Meine Frau sitzt im Hia-ho und weint nicht über mich; aber mein Sohn, den ich ohne Frau gezeugt habe, das Wu-wei winselt nach mir. Du weißt ja selbst, was ich sagen will. Mein Sohn kann winseln. Ich muß die Brüder und Schwestern beschützen, wie ich's schon immer getan habe. Wir müssen das Kaiserreich der Mings aufrichten . . .«
Der Offizier blickte seitlich, ohne sich zu einer Äußerung zu sammeln, dann: »Du bist anders, als Ma-noh, du bist ganz anders. Mein Bruder Wang-lun geht einen guten Weg mit -- Angst und Widerangst. Die Gelbe Glocke hat nicht viel erfahren von dem harten Schicksal Wang-luns. Die Gelbe Glocke denkt, man muß kühn werden, mit der Welt streiten. Wir sind Kinder der hundert Familien, ich sage auch: was kommt es auf mich an? Unser Haus wollen wir reinigen, damit es uns gut geht, Wang, lieber Bruder.«
Wang berührte ihn zärtlich an der Hand: »Komm weiter, Bruder. Ich bin, seitdem ich aus dem Hia-ho kam, zum Lachen verwirrt. Ich weiß nur, daß ich aus Hun-kang-tsun stamme, so starke Knochen und solch Maul habe; sonst weiß ich nichts von mir. Einmal kannte ich einen Mohammedaner und einen Bonzen. Das waren früher meine Gesellen. Du mußt nicht so darauf hören, was ich sage. Auch Ngoh hat den Kopf geschüttelt.«
Sie ritten fast auf Pfeilschußnähe an die Mauer, auf der eine Abteilung der eingeschlossenen Soldaten patrouillierte. Sie konnten noch über die Mauer wegsehen, die vollgestopften Straßen erkennen, die untätigen Rotten auf den Märkten zwischen den Händlern unterscheiden. Wang-luns Pferd tänzelte; auf dem Gesicht des Reiters markierte sich eine freudige Neugier; die listigen Augen zerlegten die ganz kleinen Gruppen drüben. Auf einen Ruf der Gelben Glocke riß er sein Pferd um; die Patrouillen spannten ihre Bogen. Sie sprengten weiter um die Stadt.
Blitzschnell war vor Wang alles Quälerische versunken. Ma-noh und die Gebrochene Melone hatte er ausgelöscht in der Mongolenstadt, wie mit einem Strich unter eine verlorene Rechnung. Er war Ma-noh gefolgt, der ohne ihn alles verwirklichte von der Wu-wei-lehre; mit Spannung und Grauen sah Wang die Entwicklung und Beendigung; der letzte Schluß lag ihm ob in dieser Sache, die im Grunde seine Sache war; die Gemeinheit durfte nicht in das Sterben dieses Traums hineinjohlen. Er schleppte noch in einer Art Rachsucht sein Schwert, lief todverheißend von dem Totenfeld, aber heimlich erkannte er schon, daß hier eigentlich nichts zu rächen war, daß kein Feind da war, gegen den er sein Schwert erheben sollte, weil alles dies Ende nehmen mußte. Und als Ngoh ihm vom Tod Ma-nohs erzählte, wurde die Decke der Rachsucht mit einem grausamen Ruck weggezogen; besiegt war er, vernichtet, schlimmer erwürgt als der Tu-ssee. Der Ekel kam, zu Ende war es mit dem Wu-wei! Das Hia-ho mit seiner entschlossenen Versenktheit tauchte auf, die erpreßte Ruhe einiger Monate; der Bauer in Wang schien langsam hervorzutreten. Inzwischen fraß seine Lehre in Tschi-li um sich; er konnte sich nicht lange taub und blind stellen, seine Vergangenheit wie Staub von sich abschütteln; der Grimm über den Kaiser entkorkte ihn wieder; das Wu-wei, zwar fortgeschleudert, war seine eigenste herzlichste Sache. Halb gestoßen kehrte er zurück, die stürmische Bewegung riß ihn dann mit sich; er selbst wußte oft nicht, was er sollte, dachte an die Sanftheit des Nichtwiderstrebens und sah sich in einem endlosen, hoffnungslosen Morden. Er fand nicht zu sich. Über die Mauer von Schan-hai-kwang blickend, sah er das lebendige Gewimmel der Märkte, Straßen; eine freudige Erregung überwältigte ihn blitzschnell; Entschlüsse, ein Drang unbegründeter Art wurden in ihm ausgehebelt: »Da hinein, da hinein, ohne Waffen!« Er wußte nicht, daß das Bild des alten Tsi-nan-fu vor ihm stand, daß das Wu-wei ihm aus allen Poren schwitzte. Dulden, dulden, leiden, ertragen! Nicht widerstreben! Su-koh! Zum ersten Mal liebte er wieder das Leben. Er hob jauchzend seine Arme gegen die Stadt. In einem Gefühl von Schwäche begehrte er wieder Stadtnarr zu sein.
Das Heer der Bündler hatte seine anfängliche Zweiteilung völlig aufgegeben; die Waffenbrüderschaft hielt die Weiße Wasserlilie und die Wahrhaft Schwachen unlöslich gebunden. Die starken Männer und Frauen rannten, schlugen Zelte, fuhren Proviantkarren, schwangen Beile und Schwerter; die schwarzen Fahnen klatschten; das weitere stand nicht vor Augen. Man mußte siegen, Mandschus vertreiben, goldene Mings wieder einsetzen. Die Wahrhaft Schwachen unterschieden sich nicht von den Geheimbündlern, nur daß sie stolzer waren, in den Schlachten Berserkerstücke verrichteten, in den Lagern zum Sport gefährliche Zwei- und Vierkämpfe ausfochten, eine drohende Zuversichtlichkeit zur Schau trugen.
Man lagerte im weiten Umkreis um Schan-hai-kwang, ruhte von den letzten Schlachten, erwartete die Hilfstruppen, die aus Schan-tung und Kan-su im Anmarsch waren. Aus Tschi-li und den Nachbarprovinzen verlautete die Sammlung von Provinzialheeren; Zuläufer wollten so wissen, daß die Provinztruppen zu großen Kontingenten angewachsen seien. Jede Nachricht wurde mit Gelächter und Wonne aufgenommen.