Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 34

Chapter 343,609 wordsPublic domain

Wang schwankte nicht; kalt und sicher ging er vor; nur hintertrieb er an manchen Tagen, an denen er ohne Spannung schien, die Aufnahme anziehender Haufen ohne Grund, um seine Anordnung freilich später zurückzuziehen. Ein Mädchen, das ihm bei einem Dorf das Leben rettete, indem sie ihn auf einen Bauer aufmerksam machte, der aus einem Fenster nach ihm seinen Bogen richtete, nahm er auf seinen weiteren Zügen mit. Ob sie seine Geliebte wurde, wußte man nicht. Das angenehme, nicht gerade schöne Bauernmädchen hatte eine naive Zutraulichkeit. Wang schien sich sicherer zu fühlen, wenn sie in der Nähe war. Man wunderte sich zwar über diese Regung, aber er erklärte mehrmals, er müsse etwas für sich tun, um die nächsten Monate durchzuhalten; sie sei sein Amulett. Aber einige behaupteten doch bald, daß er schwach gegen sie war. Man wußte in diesen Wochen nie recht, wessen man sich von ihm zu versehen hatte; der Wind blies aus dieser, aus jener Ecke.

Sechstausend Mann zogen aus Ho-kien unter Wang-luns Führung, Reiter und Fußsoldaten. Und während sie, von dem Volk auf den Äckern gegrüßt, nordostwärts gegen eine große Abteilung Chao-hoeis marschierten, stießen starke Haufen von Süden und Norden zu ihnen.

Wang-lun schwang entzückt die Hände: »Sie kommen wie die Ratten aus ihren Löchern heraus,« sobald die Trommeln von weitem sich näherten, »ich habe eine Tasse Wein umgestoßen; jeden Tropfen hol ich mir wieder. Ich habe einen schuppigen großen Drachenleib, den ich hundert Li weit hinter mir herziehe. Bis ich meine schöne warme Höhle gesucht habe!«

Der Ungestüm ihres Angriffs bei Pau-ting war beispiellos. Hunderte Frauen, meist Schwestern, mischten sich in den Kampf, schossen Pfeile, hetzten, warfen brennende Scheiter, gossen Eimer siedenden Öls. Sie liefen mit großen schwarzen Fahnen, die das Mingzeichen trugen, über die Gräber und Bodendeckungen hinauf; die Kaiserlichen mußten sie würgen, gliedweise wie Eidechsen von sich abschlagen. Sobald man in Nahkampf kam, war die Schlacht entschieden, die Ilisoldaten fanden ihre Meister. Das war ein schauerliches Wüten. Diese Wahrhaft Schwachen schlugen sich entmenscht; das Bestialische ihres Aussehens, ihrer Katzen-, Tigermalereien flößte Entsetzen ein. Als das Dorf, das den Rücken der Kaiserlichen deckte, plötzlich helles Feuer schnaubte, ohne daß eine Umzinglungsmannschaft bemerkt war und das heisere Kreischen der Weiber auch vom Dorf anraste, wurden die Kaiserlichen zwischen zwei Mühlsteine gequetscht und bis auf wenige von den Katzen, Tigern und Weibern zerrissen.

Bei dem Schmaus nach der Schlacht toste statt der Lieder rauchendes Gelächter auf Gelächter. Die Männer ahmten das Kreischen der Weiber nach, die Weiber schrien, kochten und aßen die Lebern von Brüdern und Feinden, um sich Mut zu erhalten.

Die Woge dieser Menschen hob sich vom Boden und wollte auf Pe-king rollen. Der Kern von Chao-hoeis Truppen stand nördlich der Hauptstadt; ihre Heranziehung vor dem Andringen der Wahrhaft Schwachen war nicht mehr möglich. Die nördliche Residenz mußte sich auf ihre Bannertruppen verlassen.

* * * * *

Khien-lung hatte Boten an Chao-hoei, an den Tsong-tou von Tschi-li geschickt. Die ahnungslosen Leute wurden von den Rebellen abgefangen, die zu einem Teil sich nicht der Hauptmasse Wangs anschlossen, sondern von den Führern der anmarschierenden Armee orientiert den Nordwesten und Nordosten auf eigene Faust unsicher machten. Der Krieg unterschied sich in keiner Weise von früheren Rebellionen; die Grausamkeiten auf beiden Seiten überboten sich; nur die Raschheit des revolutionären Vorgehens und der Umstand, daß überall zuerst die Behörden abgeschlachtet wurden, war einigermaßen bemerkenswert.

Die wichtige Verbindung zwischen der Rebellenarmee und den heimlich revolutionären Garden bei Pe-king wurde von Ngoh hergestellt. Der Kriegsrat drang zwar darauf, daß Wang-lun sich seiner unvergleichlichen Gewandtheit zu dieser Aufgabe bedienen sollte, aber nach einigem Zögern lehnte Wang es ab. Wie überhaupt bei ihm eine gewisse Lässigkeit und Schwerfälligkeit, die freilich nur der Näherstehende bemerkte, deutlich hervortrat und einige Gildenführer irre machte. Sie konnten nichts damit anfangen, daß Wang sich manchmal mit einer trüben gelangweilten Miene von den Übungen der Truppen entfernte, den Befehl einem der signierten Offiziere abgab und sich selbst, die Wasserpfeife rauchend, nervös mit anderen in ein Zelt zurückzog. Er erzählte seinen Freunden schmachtend in ewigen Wiederholungen von Ma-noh, wie groß der angestiegen wäre, in der Tat bis zu seinem Ende ein Wahrhaft Schwacher; er unterschlug die sichere Tatsache, daß Ma-noh von einem gemeinen Soldaten erwürgt war, und rühmte, wie rasch der Tod alle hingerafft hätte. Welcher Wahrhaft Schwache wohl jetzt noch den Mut hätte, das zu ertragen, was die Brüder der Gebrochenen Melone erduldet hätten. Wie unverständlich, bewundernswert war die Sicherheit Ma-nohs, ja bis zu seinem Ende. So und ähnlich redete Wang öfter. Und dann träumte er pfeiferauchend. Die kleine Geliebte mußte vor ihm die Laute schlagen oder ihn angaffen; er duldete nicht, daß man sie wegwies; sie mußte, so peinlich es den Führern war, auf einen Einfall Wangs bisweilen während einer Beratung in das Zelt oder Haus gerufen werden und sich ihm gegenüber setzen.

Ngohs Unterhaltungen mit der Gelben Glocke wurden unbemerkt bei Pe-king auf dem schönen Begräbnisplatz der Prinzessin Fo-schon-kung-chu am Kanal geführt. Ngoh und der Offizier promenierten harmlos unter den Menschen zwischen den weißen Stämmen der Fichten. Wo die Allee der marmornen Tiere und Männersäulen zum Mausoleum der Prinzessin führte, bogen sie um.

Die Gelbe Glocke hatte die Raschheit und den Umfang des schon errungenen Erfolges nicht erwartet; aber es war innerhalb der Roten Stadt und außerhalb alles von ihm vorbereitet. Er verlangte begierig, mit Wang-lun zusammenzutreffen; Ngoh empfand wieder die große schlichte Sicherheit, die der Offizier ausströmte, deren Ungebrochenheit noch Wangs zu übertreffen schien.

Ngoh erfuhr aus dem Bericht der Gelben Glocke, mit welcher Berechnung er sich der Leute bedient hatte. Da war die Frage der Öffnung der beiden Westtore der Purpurstadt schwierig gewesen; die beiden hier wachthabenden Offiziere, selbst einer kaiserlichen Nebenlinie entstammend, konnten mit den revolutionären Plänen in keinem Fall vertraut gemacht werden. Die Gelbe Glocke hatte beide Soldaten über ihre Liebe zu Weibern stolpern lassen.

Es hatte sich ihm nämlich ein außerordentlich kluges und schönes Fräulein aus dem Hause eines Richters genähert, der ihm verwandtschaftlich nahe stand. Das unverlobte Mädchen ließ dem schweigenden, stets ernsten Offizier in nicht hergebrachter Art Briefe und Bücher durch ihre Dienerin überreichen, bei ihren Ausfahrten mit der Dienerin wußte sie, die sonst die größte Zurückhaltung beobachtete, es einzurichten, daß ihre Sänfte in die Nähe des Jamen der Gelben Glocke kam, dem auch dies nicht entging. Das Fräulein, die Enkelin jenes Richters, war nach dem Tode ihrer Eltern von ihm zu höchster Sittenstrenge, zu einer eisigen Kälte erzogen worden. Da der einsame Beamte wünschte, die Enkelin bei sich zu behalten zu seiner Pflege, hatte er ihr von früh auf eine tiefe Abneigung gegen junge Männer eingeflößt. Er ließ sie sorgfältig unterrichten, hielt sie aber auch von Altersgenossinnen fern, so daß sie aufblühend zu einer aparten Schönheit nur Bediente des Hauses und fünf, sechs Herren und Damen kannte. Sie lächelte eitel, wenn sie mit ihren Puppen und Tieren spielte, lebte ganz in Musik, in Büchern, in der Ehrfurcht vor ihrem Großvater.

Die Gelbe Glocke, von dem alten Beamten oft empfangen, und ihr begegnend, setzte sie in Verwirrung. Eine intensivere Beschäftigung mit den Puppen, eine leidenschaftliche Vertiefung in philosophische Literatur folgte. Unaufgefordert dankte sie oft ihrem Großvater für die gute Erziehung. Es wechselten die Neigung zur Einsamkeit und zu weiten Ausflügen; sie führte einen unverhohlenen Stolz spazieren; sie blickte hinter ihren Schleiern und Tüchern aus der Sänfte auf andere Damen und fühlte ein Gemisch von Abscheu, Haß und Spott. Sich selbst betete sie an, ja in dem kleinen Silberspiegel, den ihre Mutter zurückgelassen hatte, schaute sie sich mit Entzücken und fieberhafter Erregtheit an; sie streichelte ihr Haar, küßte sich im Spiegel, ja sie warb um sich, erhörte sich, lehnte sich ab. Sie führte Wiedersehens- und Abschiedsszenen vor dem Spiegel auf, bei denen sie in heftiges Schluchzen ausbrach, so daß ihre Dienerinnen davon dem Richter mitteilten, dem sie erzählte, sie trauere um die tote Mutter, die ihr manchmal erschiene. Der alte Herr schüttelte dazu den Kopf, sprach von einer absurden Mädchenschrulle und veranlaßte die Dienerinnen, oft mit ihr Boot zu fahren, ins Grüne zu gehen, die Theater zu besuchen.

Sehr widerstrebend ließ sie sich zu solcher größeren Lebendigkeit bringen; aber sie entwickelte bald auf ihren Ausflügen ein derart unterhaltsames Wesen, daß die Dienerinnen dem Richter die freudigsten Berichte machen konnten. Das Fräulein übte eine sehr spitze Zunge; sie mokierte sich über all und jedes und äußerte sich in einer Form, so daß die Begleiterinnen nicht aus dem Lachen herauskamen. Sonderbar war, wie fein das junge Mädchen den Dienerinnen ihre grobe Ausdrucksweise abhorchte, wie sie auch auf den Spaziergängen mit besonderem Behagen die primitiven Äußerungen des Volkes am Wege beobachtete und aufnahm, ihre witzigen bissigen Reden mit so gefundenen vulgären Derbheiten untermischte. Vor dem Großvater schwieg sie von solchen Dingen oder verteidigte eine ihr gelegentlich entfahrene Wendung, so daß er sich den Bart strich und lachte. Sie küßte sich nach der Heimkehr von den Ausflügen vergnügt und herzhaft im Spiegel ab; es geschah aber dabei, daß sie sich bespöttelte, verrückt schalt, tiefsinnig überlegte, wie merkwürdig Menschen sein können. Sie sann halbe Stunden lang vor sich hin und trauerte nun wirklich plötzlich um ihre Mutter, die eine ruhige gute Frau gewesen sein mußte. Sie geriet in den Drang, von der längst toten Frau zu erfahren. Sie erforschte einiges über sie bei dem Großvater; als der aber nur Banales und nichts Günstiges erzählte, belästigte sie ihn nicht wieder damit, war beleidigt und verehrte ihre Mutter heimlich um so andächtiger. Unter diesem Gefühl nahm sie eine gemessenere Haltung an, witzelte auf den Ausflügen von oben herab, wiegte sich in elegischen und pathetischen Empfindungen.

Um diese Zeit wurde die Gelbe Glocke wieder öfter Gast im Hause des Richters. Das Fräulein nahm mit einem gewissen Mißtrauen gegen ihn an manchen Unterhaltungen teil. Er sprach nicht viel, immer in seiner gewählten Höflichkeit; wenig Notiz nahm er von der jungen Dame; denn die schöne Liang-li aus Schön-ting war tot und er war ohne sie.

Da drang eines Tages nach einem Besuche das Fräulein stürmisch auf den Richter ein, verlangte, die Gelbe Glocke in Zukunft abzuweisen, er sei schamlos zu ihr gewesen. Auf die erstaunte Frage des Mandarins, wo und wann und womit, antwortete sie eben, bei dem Besuch, durch seine ganze Art. Die Gelbe Glocke tue bloß traurig und streng; der Mann sei hinterlistig, so viel Menschenkenntnis hätte sie schon; er suche sich durch sein Auftreten in besonderes Licht zu stellen; sie empfände dies Verhalten als frech und wolle ihn nicht mehr sehen. Der Mandarin wies sie energisch zurück, freilich freute er sich innerlich, weil seine Enkeltochter so große Abneigung gegen Männer offenbare, und lud die Gelbe Glocke nur noch in Abwesenheit des Fräuleins zu sich.

Als diese aber sah, daß sie ihren Willen durchgesetzt hatte, fand sie ihren Groll auf die Gelbe Glocke nicht nachlassen, stellte es in Gesprächen mit ihren Dienerinnen so dar, als ob er sich vor ihr geflüchtet hätte -- aus einem Grunde, den sie nicht angab; und kam bei ihren Ausflügen auf den Gedanken, ihm nachzustellen, ihn durchzuziehen und ihr Mütchen an ihm zu kühlen. Die Vorstellung: ihn durchzuziehen war in ihr besonders lebendig, wobei sie sich die Gelbe Glocke vorstellte als einen Aal, den sie mit der Hand am Kopfe faßte und rasch über einen sumpfigen Boden zog. Sie erzählte einmal, der Offizier hätte ihre Mutter beleidigt; man solle es ihr glauben; sie würde ihn dafür hassen.

Die mannigfachen mädchenhaften, oft boshaften Scherze, die die Gelbe Glocke nun jetzt von ihr erfahren mußte, berührten ihn wenig. Er hätte nicht gedacht, wie wenig Sorgfalt der alte Mandarin auf die Erziehung seiner Enkeltochter legte. Erst als die Spitzen manche Feinheit erkennen ließen, er Bücher über vorgeschriebene Gesellschaftsformen empfing, ihm zugleich auffiel, daß das Fräulein sich nicht mehr an den Empfängen beteiligte, wurde er nachdenklicher. Dies war die Zeit, wo er sich mit Ngoh zum erstenmal über den Beginn der Rebellion unterhielt und in der Umgebung der Hauptstadt Maßnahmen traf.

Die Späße des sonderbaren Mädchens reizten und beschäftigten ihn. Er konnte nicht leugnen, daß er, inmitten der gefährlichen Vorbereitungen, mit einer gewissen Teilnahme ihre Sprünge verfolgte. Er pflegte seine Mahlzeiten, da er unverheiratet war und keiner Pe-kinger Sippe angehörte, an wechselnden Orten einzunehmen, in städtischen Restaurants, bei schöner Witterung auf den Blumenbooten, in Wohnungen befreundeter Offiziere. Das Treiben der Besucher öffentlicher Lokale, die spielerischen und zweideutigen Unterhaltungen mit den bedienenden Mädchen, stießen ihn ab.

Eines Tages bemerkte er in einem eleganten öffentlichen Restaurant die besondere Lebhaftigkeit der Gäste, das helle Lachen und Schwatzen, erblickte drei neue Dienerinnen, erkannte zu seinem Schreck die junge Enkeltochter des Richters, die seit Wochen geschwiegen hatte, und ihre beiden Begleiterinnen. Sie tat, als sähe sie ihn nicht, bediente ihn nicht und dann aus dem Schwarm der kokettierenden Herren zu ihm hinspringend, fragte sie ihn barsch nach seinen Wünschen, mit einem wilden Blick über ihn fahrend. Er bestellte seinen Wein; sie schickte ihm Kanne und Tasse durch eine Dienerin, schäkerte weiter mit einer Gewandtheit, als wenn sie täglich den Umgang junger Elegants genieße, verabschiedete sich aber plötzlich nervös von den verblüfften Herren, denen der Wirt erklärte, daß sie nur gelegentlich zur Aushilfe einspringe.

Die Gelbe Glocke, schwermütiger als sonst, kehrte noch zweimal an den nächsten Mittagen hier ein. Am zweiten Tage setzte er sich allein in einen abgeteilten Winkel des Restaurants, sie stolzierte; er bestellte Wein für sich und eine Dame. Sie blieb starr am Tisch stehen, beugte sich über die Platte zu ihm herüber, fragte noch einmal: »Eine Dame?« Dann halb ohnmächtig, während ihre Augen erloschen: »Pfui, pfui«. Und wollte zu ihrer Sänfte stürzen, zu Hause ihre Wut und Scham auswürgen, ihren Spiegel zerschmettern und reuevoll sich vor den Großvater hinwerfen. Aber die Gelbe Glocke hielt den Ärmel ihres grünen Obergewandes; sie zitterte, weinte, sank hilfewimmernd, bittend, ihr nichts zu tun, auf die Bank neben ihm, wo er längere Zeit freundlich und sanft zu ihr sprach; ihr fein bemaltes Gesicht lag auf der hölzernen weinbefleckten Tischplatte.

Sie ging schließlich, sich mühsam schleppend, gebrochen hinaus, mit schlaffen leeren Gesichtszügen.

In dem Restaurant traf der Offizier sie nicht mehr. Öftere Besuche bei dem Richter waren erfolglos; sie zeigte sich nicht. Die Empfindung der Gerührtheit über das kapriziöse kleine Wesen bedrückte ihn; die geheimen kriegerischen Vorbereitungen ließen alles zurücktreten.

Und mitten, während er in der schwierigsten Arbeit der Gewinnung neuer Offiziere stand, erschien sie auf der Bildfläche mit höhnischen Briefchen. Seine erste Verstimmung über diese unerwartete Art der Annäherung überwand er. Als ihre Sänfte sich in der Nähe seines Jamens zeigte, ritt er heran, ging, abgesessen, grüßend und plaudernd neben der jungen Dame, die sich drin auf den Polstern witzelnd und lachend rekelte, dabei ihn dauernd scharf beobachtete. Die Gelbe Glocke steckte schließlich den Kopf hinter den roten Vorhang, flüsterte, indem er die Zurückprallende ernst anblickte, er müsse sie unbedingt und eilig sprechen; er hätte sie um Hilfe zu bitten; es handle sich um eine Sache von der größten Wichtigkeit für ihn.

Bei dem heimlichen Besuch, den sie bei Anbruch der Nacht in seinem Jamen machte in Begleitung ihrer Dienerinnen, erklärte er ihr ohne Umschweif seine revolutionären Pläne, zeigte seine Kartenskizzen, den Gang der Operationen. Das Fräulein, mit großem Ernst folgend, tat sachgemäße Fragen. Er entwickelte ihr die Schwierigkeit des Eintritts in die Rote Stadt durch die Tore von Westen; und man könne nur durch diese Tore eindringen, weil der Eintritt durch die östlichen und südlichen Tore eine Umzinglung der gesamten Purpurstadt nötig mache, was eine Zersplitterung der nicht sehr zahlreichen Mannschaften zur Folge habe. Auf die beiden Wachtoffiziere kommend, erzählte er mit Vorsicht von deren Eigenheiten, der Unmöglichkeit, sie in die Revolutionspläne einzuweihen; bemerkte nebenbei, wie eitle Gesellen das wären, Schürzenjäger schlimmster Sorte. Das Fräulein, nachsinnend, lächelte bald, und er nahm ihr Lächeln auf, und so brachen beide in vergnügtes Lachen aus, sie schmetternd, er weich unter Dämpfung.

Aber es gab dann eine große Pause, wo sie mit tränenden Augen auf ihrem Stuhl saß, nicht antwortete und nur bat, sie hier sitzen zu lassen. Der Offizier ging von Wand zu Tisch, von Tisch zu Wand, machte sich Vorwürfe über seine Roheit, nahm entschlossen die Papiere weg, erklärte ihr leise, er hätte sie nicht kränken wollen, dies alles solle nicht geredet sein. Das Fräulein stand ernst auf, lehnte solch Mißverstehen ihrer begreiflichen Ermüdung ab; sie fühle sich übermäßig geehrt durch sein Vertrauen, dessen sie sich wert zu erweisen hoffe; fragte wieder nüchtern nach Einzelheiten, nach den Wahrhaft Schwachen, Wang-lun, sagte, sie wolle sich noch morgen einen Plan aushecken und ließ den unruhigen Offizier, der nicht mit sich fertig wurde, allein.

Und schon am nächsten Tage begegnete er wieder ihrer Sänfte. Sie prunkte in einem reichen, mit Fasanen bestickten blauen Kleid, Bänder aus grüner Seide fielen von den Schultern und aus dem Gürtel; auf dem klugen Kopf erhob sich das helmförmig getürmte schwarze Haar. Ihre Augen trauerten ihn an; sie wolle ihm beweisen, daß sie auch anderes leisten könne als zynische Briefe schreiben. Es gelang ihr in der Tat, in wenigen Tagen das Entzücken der beiden Offiziere zu gewinnen. Einmal war sie Tänzerin, das anderemal verlassene Ehefrau; das Fräulein hielt die beiden verliebten Gesellen völlig in der Hand.

Nachdem Ngoh von der Gelben Glocke über den Stand der Vorbereitungen orientiert war, Pläne über die gemeinsame Besetzung Pe-kings ausgetauscht waren, gaben sie ihre Spaziergänge unter den Fichten des schimmernden Begräbnisplatzes auf. Ngoh riefen Eilboten zurück. Die Heere der Weißen Wasserlilie und Wahrhaft Schwachen setzten sich in Bewegung.

Glühende Hitze in den nördlichen Provinzen, als sich die rachegeschwellten Massen der Rebellen gegen Pe-king anwälzten. Die Dürre verbreitete Entsetzen. Auf ihrem Wege begegneten sie Prozessionen von Bauern, die aus den Dörfern ins Freie zogen, um Regen zu erbitten. Vor den kleinen Bauerntrupps lief ein Mensch, der einen grünen Helm bis über den Schädel gestülpt hatte, ein grünes Holzschild auf dem Rücken trug. Von Zeit zu Zeit machten alle Halt auf den graubepuderten Feldern. Der kostümierte Mann, der den Regengott darstellte, stützte sich wie erwischt auf zwei kolbige Stäbe, ähnlich den Fühlhörnern einer Schnecke. Und nun überfielen die Wütenden ihn, berieselten ihn mit Wasser aus Gießkannen, mit Jauche, schlugen auf das krachende Schild mit Flegeln und Mistgabeln. Manche solcher Bauernhaufen zogen direkt von der Prozession in den Aufruhr, sie gaben dem Kaiser die Schuld für die schwere Dürre.

Kanäle schlängelten sich wie leere Därme, mit trockener, schmierigfauler Höhlung durch die Landschaft. Die Blätter der Laubbäume rollten sich, hingen braun, fahl über den tonig zerriebenen Feldern, es dampfte aus brühwarmen Bächen, auf denen sterbende Fische trieben, Maul und Kiemen sperrend.

Die erhitzte Platte der Felder dumpfte unter den Schritten der Soldaten. Die bunten Schwärme hasteten aufgelöst über die tote Ebene. Voran flohen die schwarzen anklagenden Fahnen. Das heiße Element überholte sie; ringsum stiegen die Häuser in Flammen auf. Hingeworfen lagen die Soldaten vor Pe-king südlich des Flüßchens Liang-choei. Das herrliche Kloster Tsin-tai-tse jenseits des Hun-ho, den Lieblingsaufenthalt des Gelben Herrn, erfüllten sie, gröhlten über die roten Mauern nach Pe-king herüber, zwischen den Eichen und Ligustern des alten Jagdparkes suchten sie Schatten.

Chao-hoei rückte in Eilmärschen näher. Der kleinste Teil seiner Soldaten kam von der Stelle, kein Proviant zu beschaffen, Wege verbarrikadiert, durch Steingeröll, Rebellenhaufen täglich im Rücken und in den Flanken.

An dem Tage, an dem die Mauern der südlichen Stadt Pe-kings von den siegreichen Truppen Wang-luns erstürmt wurden, saßen Khien-lung und Kia-king im Tsien-tsang-kung, dem privaten kaiserlichen Palast der Roten Stadt, und hörten schweigend die unerhörte Musik der brüllenden Schreie aus dem Chinesenviertel.

Khien-lung, abgemagert, leicht gebückt im gelben Kleid auf den Ruhepolstern am offenen Fenster: »Als der Taschi-Lama riet, die religiösen Sekten zu dulden, Schonung zu üben, wußte ich nicht, ob ich recht tun würde im Sinne meiner Ahnen. Als die Minister und Zensoren zusammenkamen und die Prinzen der ersten Ordnung neben mir standen, verfaßten wir das Edikt, das die Sekten zerschneiden sollte.«

Kia-king, den Blick auf dem Boden, murmelte: »Es ist recht. Wir haben gute Mauern. Chao-hoei ist bald da.«

»Die Schreie kommen über die Mauern. Es muß Gerechtigkeit geben, Kia-king. Es liegt nicht an meinem Leben. Ich muß gerecht sein. Wäre es vielleicht besser nachzugeben?«

»Wenn ich meinen Vater anflehen könnte, sich nicht wieder und wieder in die Beklemmungen zu stürzen.«

»Ich bin ganz ruhig, Kia-king. Wir wollen das nur einmal durchsprechen, es wird dich belehren.«

»Mein Vater hat dem Himmel zu jeder Zeit geopfert, den großen Ahnen nachgeeifert, ihnen geräuchert an den vorgeschriebenen Tagen, das Volk ist aufgeblüht.«

»Das Volk ist nicht aufgeblüht. Mein Volk ist nicht mehr friedlich, denn es ist nicht mehr glücklich. Sieh die Flammen nördlich dem Ackerbautempel: so schlimm opfert mir das Volk. Das Volk lieben --?«

»Sie haben für das Volk so Ungeheures, Beispielloses getan, daß ich nicht den Mut habe, eine Regierung, die kommen wird, mit Ihrer zu vergleichen.«

»Worte, Kia-king, Worte. Die Masse denkt anders. Ich habe das Gesicht verloren. Meine Zeit ist um.«

»Der Mörder Wang-lun bringt die Mings wieder herauf, die Mings!«

»Das ist lachhaft. Du wirst nach mir regieren. Ich frage nur, ob ich dem Augenblick genug tue, wenn ich, ich zurücktrete?«

»Vater, ich habe Sie angefleht. Wie soll ich nach Ihnen regieren können, ich ohne Verdienste, ohne Geist, ohne literarische Ehren, unfähig den Bogen zu spannen, das Pferd zu besteigen, nach Ihnen, und Sie sollen nicht genügt haben.«

»Wie diese Chinesen brüllen.«

»Es scheint Jubel zu sein. Das sind Böllerschüsse. Da -- Raketen.«

»Damit wir sehen, Kia-king. Ein tolles Volk. Kein Gehirn.«

»Ich werde die Fenster schließen, die Vorhänge ziehen, Vater.«

»Laß nur, mich stört das nicht. Es ist lehrreich. Du mußt diesen Augenblick gut miterleben. Wir kommen nicht oft in die Lage, den Menschen so nah ins Gesicht zu sehen. Es werden die Mings nicht kommen. Ihr -- ihr Dummköpfe. Man wärmt keine Kaiser auf. Wie gut, wie zehnmal gut, daß die reine Dynastie gekommen ist mit den Mandschus. Eisen gehört über euch. Für dieses Volk gibt es keine Freiheit. Nur Liebe, die durch die Straßen marschiert mit dem krummen Säbel am Gürtel.«