Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 33

Chapter 333,616 wordsPublic domain

Der Alte und der Agitator trennten sich von dem stummen Ngoh. Sie nahmen teil an dem Strahl der Gesichter, dem Händeschwingen, dem Promenieren, Schlingern durch die Gänge. Scharren, taktmäßiges Trampeln, Kichern durchdrang die gedämpfte Unruhe. In einen Seitengang war einer gesprungen, erging sich in absonderlichen Grimassen, sich plusternd, den Kopf werfend. Zwei andere pfauchten vor ihm: »Platz für den Tao-tai!« pufften nach vorn und seitlich, immer in Sätzen auf die Nächststehenden zufahrend. Er trug ein grobes Sacktuch statt eines Obergewands; auf dem glattrasierten Schädel hatte er ein Stückchen Kürbis liegen, das den Mandarinenknopf vertrat. Schnitt unheimliche Gesichter, schritt lächerlich großartig hinter seinen Läufern her, setzte sich unversehens auf eine niedrige Holzbank, die er aus einem Stapel herauszog, und ritt auf ihr Galopp, stieß schrille Rufe aus. Eine Anzahl andere Männer suchten hinter ihm seinen Schritt nachzuahmen; sie konnten aber vor Lachen nicht Haltung bewahren, torkelten; bis der reitende Tao-tai sich auf seiner Bank umdrehte und mit einem Säbelhieb einen von ihnen so zu sagen umbrachte. Die ganze Gesellschaft schüttelte sich; auch der weise Alte war auf einen Prunkschrank gekrochen und grinste herunter. Der Niedergeworfene faßte den Tao-tai bei den Schultern, schlug auf ihn ein; die Nachbarn beteiligten sich vergnügt am Dreinschlagen; der Reiter wehrte sich, kroch zur brüllenden Freude der Zuschauer unter seine Bank, die sie umwarfen, ihn mit den Füßen stießen. Der Alte schrie von seinem Schrank herunter; sie sollten ihn zur Wut bringen. Man zerteilte sich langsam, als sich der Reiter aufrichtete und an der Wand vor sich hinblickte; man klopfte ihm auf die Schulter. Die Vertrauensmänner der Ausschüsse berieten in einer Ecke des dumpfen Speichers. Die Versammlung schien aufgelöst. In Einzelgruppen wurden Reden gehalten. An die Vorstandsgruppe im Saalwinkel liefen Männer, baten um Feststellung, wer hier sei; welche Gilden vertreten seien, wer sprechen würde. Sie erhielten zur Antwort, daß man warten müsse; es würde bald Bescheid ergehen. Das »Wang-lun muß kommen« hatte sich der ganzen Gesellschaft mitgeteilt. Das goldene Wort »Ming« tönte aus vielen Gruppen. Das Getöse nahm ab, als die Vertrauensmänner mit Ngoh sich erhoben, sich durch die Gänge drängten, der alte Lehrer auf die Leiter stieg. Der Ernst schlug durch. Der Alte sprach wie ein Rechner. Wieder wurden die Anklagen gegen den Kaiser, die Mandarine, die Soldaten auf die Versammlung losgelassen. Die Wahrhaft Schwachen seien Vertreter, Kinder des Volkes; entstammten einer Bewegung, die nur in einer Zeit der Unterdrückung möglich sei; das Unglück sei ihr Schicksal. Und hier blühe die Weiße Wasserlilie. Der Schrecken der Fremdherrschaft, die Niedrigkeit der Mandarinen vereinigte sie, und so hätte auch das Komitee in Schan-tung geurteilt. Es sei beschlossen worden, füreinander einzustehen, und den Beschluß des Poschan-Komitees anzunehmen. Man müsse das Land von den Mandschus befreien und die lügnerischen, betrügerischen Beamten ausrotten. »Die Mings!« riefen zwei, drei Stimmen aus der Versammlung. Das Gesicht des Alten verklärte sich; ja, diese Zeit der Mings müsse man wieder vorbereiten; wie die Wahrhaft Schwachen nach dem Westlichen Paradiese suchten, so müßten die Freunde der Weißen Wasserlilie und des Wang-lun gleichermaßen das Zeitalter der goldenen Mings erstreben. Kummervoll bewegte er den Kopf: man würde noch warten müssen, bis Wang-lun selbst käme, noch eine, zwei Wochen. Bis dahin könnte manches Unglück sich ereignen. Aber ihnen verbliebe Ngoh, und es sei sicher, daß in Pe-king selber Kaiserliche Truppen sich ihnen anschließen würden.

Die Gruppen gemauert. Der Alte war von der Leiter gestiegen. »Keine Beschlüsse fassen?« scholl über ihn. Die Theaterlampen brannten noch. Die Namen »Wang-lun« und »Ming« klingelten. Die Masse lockerte sich. Man schob sich in Abteilungen durch die Türen, auf den grundlosen fließenden Tempelhof, auf eine unbelebte Seitenstraße, auf den verregneten Park, der zum Tempel gehörte. Manche blieben in dem Speicher, knallten Fenster auf, rollten sich auf die weichen Ballen und schnarchten.

* * * * *

Wang lief nach einem kleinen Dorf bei Ho-kien, das fast nur seine Anhänger und Freunde der Wasserlilie beherbergte. In einer knappen Woche stand er mit achthundert leidlich gerüsteten Soldaten hinter dem Ort. Schwere Erregungen, leidenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinen Anhängern, die sich an anderen Stellen wiederholten, waren der Einstellung Wahrhaft Schwacher als Soldaten vorausgegangen. Die Verwandlung der friedlichsten Menschen -- denn hier war man durch keinen Übergriff direkt gereizt worden -- in eine Schar todspendender und todgewillter Krieger vollzog sich unter Schmerzen. Ohne kaiserlichen Truppen zu begegnen, rückte Wang-lun auf Ho-kien zu. Und vier Wochen, nachdem die Gelbe Glocke Ngoh aufgesucht hatte, drei Wochen nach der Versammlung im Pfandhaus, warf sich Wang mit seinen Soldaten gegen die Stadtmauern; Torwachen, Polizisten wurden niedergemacht; die Besatzung der Regierungsarmeen erst eingeschlossen, dann mit Pfeilschüssen über die Mauern gejagt; die Beamten mitleidlos der Volkswut preisgegeben. Die große Stadt war schrankenlos Wang-lun zugefallen. Die Menschen jubelten auf den Straßen. Wie eine klirrende Schar Bestien waren Wang-luns Soldaten eingebrochen: bissig unter der Vergewaltigung ihrer Seelen, jetzt wirklich rachedürstig. Der Sieg bedeutete ihnen nichts; sie mußten fort und alles verrichten, zu nichts weiter, um wieder ruhige Bettler, stille Handwerker und Arbeiter zu werden. Chao-hoei konnte aufatmen; der Rauch verzog sich; die nackten, sägenden Flammen brachen hervor.

Auf dem Hof des geschlossenen Magistratsjamens saßen am Morgen nach der Einnahme der Stadt Wang-lun und Ngoh. Sie saßen in einem Holzverschlag, den die Bittsteller aufzusuchen hatten. Das Treiben der Straßen rumorte, Freudenschüsse, Gongschläge der Umzüge. Wang, im grauen, hängenden Kittel ohne Gürtel, den breiten Strohteller auf dem Kopf, schlug die Beine übereinander; seine Stimme hatte einen militärisch hellen, scharfen Klang angenommen. Wenn er lachte, so ratterte und kolkste es brusttief wie das Wiehern aus einem Pferd. Er blickte sicher, gerade, rechts, links, forschend, kontrollierend und äußerte sich willkürlich, erweckte den Eindruck, als ob er auf eine verdeckte Art befehle, entschiede, Aufklärung gebe. Er betrachtete Ngoh gutmütig: »Bist du noch schlecht gelaunt von damals da drüben?« Ngoh antwortete mit einem schwarzen Blick von unten, strich sein einfaches Obergewand: »Gewesen, Wang.« -- »Ist auch recht, Ngoh. Es war ein etwas kaltes Bad für mich, was du mir damals brachtest, von Ma-noh. Hab's zuerst nicht gut vertragen.« Und dabei bellte er so laut, frei, ungeniert, daß es Ngoh eben an das Gelächter Wangs mit der Dirne unter dem Torweg erinnerte. »Holter polter den Berg runter, durch den Schnee; mein Gelber Springer mitten dabei, vergnügt. Hätte mir zwischendurch die Hand abgeschnitten. Ngoh, was waren das für Zeiten!«

»Mag sein, tolle Zeiten. Wang, ich habe mich wenig verändert seit den tollen Zeiten.«

»Tausend Li Entfernung, Hia-ho, Kormoranjagden beruhigen. Was hast du? Ngoh!«

»Trauer, Wang-lun.«

»Das seh ich.«

»Nun also.«

»Du machst mir Vorwürfe?«

»Nicht doch, Wang. Ich halte nicht Schritt mit der Zeit.«

»Meine Soldaten haben es besser verkniffen. Bogen in die Hand, Pfeile vor, und es wird geschossen. Dazwischen nur der Gedanke: treffen! Wer einen andern Gedanken hat, den kann ich nicht brauchen, der Mann ist mir zu gut.«

»Das Hia-ho hat dir wohlgetan; ich beneide dich.«

Wang federte hoch, er zog Ngoh an den Händen mit hoch: »Ngoh, aufgepaßt. Aufgepaßt, überlegt und geantwortet. Wenn ich die Soldaten, meine Wahrhaft Schwachen so verleite: Bogen anlegen, zielen, schießen und immer treffen, habe ich recht damit oder unrecht? Gut überlegt, Ngoh.«

Ngoh wiegte den Kopf: »Laß doch meine Hände. Ich bin froh, daß du da bist.«

»Das mag sein. Aber: wer bist du, was mach ich mit dir?«

»Setzen wir uns. Ich bin nicht so weit wie du, am liebsten möchte ich mit Ma-noh nach der Mongolenstadt gegangen sein und dein Gift getrunken haben. Dann wäre ich geblieben, wo ich bin und sein wollte. Es ist die Blüte deines Bundes, Wang, glaub mir, die in der Mongolenstadt umgekommen ist. Die Gelbe Glocke geht anders, du gehst anders, viele gehen anders; ich kann nicht mit. Ich häng dir an und kann dir das Unglück Ma-nohs verzeihen; nur, was jetzt kommt, verstehe ich nicht und kann ich nicht mitmachen. Ich bin ein Wahrhaft Schwacher, will mich dem Tao anähnlichen, dem Schicksal niemals widerstreben, bei keinem Schlag, den ich erleide. Auf dem Pferde hab ich gesessen, bevor ich zu euch auf die Nan-ku-berge kam, geschossen, das Schwert, die Lanze geschwungen. Was ich damals erduldet habe und weil ich damals so viel erduldet habe, bin ich fortgeschlichen von den Pferden und Waffen und habe mich auf deine gute, o so gute, nochmals gute Lehre gebettet. Frei sein, frei bleiben, was kann mir geschehen, welcher Knabe, welcher hoffnungslose Wunsch wird mich quälen! Du hörst es an meiner geschwätzigen Stimme: du hast uns nicht enttäuscht. Unsere Seele zermergelte sich nicht nach Reichtum, langem Leben. Das Unglück fiel uns mit einem Seufzer zu. Das türschleichende Unglück, das angebetete, totgestoßene Kind fand bei uns Einlaß. Wang-lun, das kann alles nicht das Hia-ho fortgenommen haben von dir. Die Flüsse und das Meer sind so wild; der große Damm hält nicht stand, aber sie können nicht das Sicherste, Unverrückbare in dir fortgerissen haben. Ich selbst, Wang, habe ja mit halbem Herzen das vorbereiten helfen, was nun gekommen ist. Die Gelbe Glocke redete mir zu; wer krank ist, hält sich an das Nächste, das er findet. Aber ich weiß jetzt schon besser: es wäre besser gewesen, wir gingen alle unter wie die hunderte, die Chao-hoei schon getötet hat. Das ist zehn-, tausend-, endlose Male besser, glaub mir, Wang-lun, bitte, glaub es mir doch, als daß du in die Stadt einziehst, mordest, bestenfalls ein neues Königreich aufrichtest, das bald so schlecht sein muß wie alle andern.«

Ngoh, mit gelöster Mimik, blickte Wang aus überzeugungskranken Augen an.

Er berührte den tiefbraunen Mann nicht: »Es ist gut, Ngoh, daß du zu mir so geredet hast. Ich werde dir antworten. Auch viele meiner Soldaten haben zu mir gesprochen.«

»Ja, antworte, erzähle. Du wirst mich heilen, wenn du zu mir sprichst, wie auf den Nan-ku-bergen zu den Bettlern. Und schließlich, es macht mich ruhig, du bist ja derselbe, immer Wang-lun, auf den alle bauen, ich gebaut habe und baue.«

Wang wippte auf, setzte sich erst, während er sprach; er redete in dem harten, überrennenden Tone: »Daß der Kaiser ein Edikt erlassen hat, uns auszurotten, weißt du. Wer ist der Kaiser? Ja, wer ist das, 'Kaiser'? Ich kenne Blitze, die Menschen an Flüssen, auf dem Wasser, unter Buchen erschlagen; man kann von einem Bergsturz zerquetscht werden; Überschwemmungen gibt es, Feuer und wilde Tiere, Schlangen. Auch Dämonen. Die können uns alle umbringen. Es gibt kaum eine Rettung dagegen. Wer ist 'Kaiser'? Die unerhört schamlose Anmaßung des Kaisers, uns umzubringen, worin liegt die begründet? Er ist ein Mensch wie du, ich, die Soldaten. Weil sein Ahne, der tote Mann aus der Mandschurei, hier anmarschierte und das Mingreich eroberte, hat der Kaiser Khien-lung das Recht, die Wahrhaft Schwachen und mich umzubringen. Diese Tat seines Ahnherrn setzt ihn den Überschwemmungen, Bergstürzen, Schlägen gleich? Das sollst du mir beweisen, Ngoh. Solange du mir nicht den toten Chu widerlegst, der in den Kaisern Einbrecher und Massenmörder sah, bestreite ich, daß sie das Schicksal der Gebrochenen Melone und der Wahrhaft Schwachen sind. Ich vergifte mich nicht freiwillig. Ich weise sie zurück, wohin sie gehören. Unser Bund lebt auf der Erde, die ihm gehört.«

»Das ist ganz neu, das hab ich von dir noch nie gehört, Wang, ich finde mich darin nicht zurecht.«

»Ist eilig, sich zurecht zu finden, lieber Bruder.«

Tiefer erstaunte Ngoh: »Glaub es, glaub es. Was soll ich tun? Das sind ja Sätze, die ich selbst gesprochen habe -- zu andern.«

Wang hob die Hände: »So sind wir ja eins.«

Ngoh, sich bewegend mit unsicherer Stimme: »Was soll das heißen, Wang, wir sind eins? Worin sind wir denn jetzt eins?«

»Was willst du von mir? Warum bedrängst du mich? Bin ich dein Schuldner? Habe ich dir etwas gestohlen? Der Kaiser ist ein Einbrecher, Chu hat das gesagt; damit mußt du dich abfinden, Ngoh. Da läßt sich weiter nichts sagen.«

Ngoh riß die Lider bis zur Stirn hoch; Wangs Augen wanderten über den leeren Hof. Sie schwiegen. Wang schlug sich aufs Knie.

»Auch die andern haben sich damit abgefunden.«

Eine ganze Zeit stummes Lauern und Visieren. Als ein Umzug am Jamen gongte und Ngoh, der bei jedem Trommelschlag zusammenfuhr, mit den Blicken nach der Tür suchte, stampfte Wang verächtlich auf, ging mit plötzlich zorngedunsenem Gesicht in dem Bretterverschlag hin und her, pflanzte sich vor Ngoh auf, stülpte ein Knie auf die Bank:

»Es ist mir alles gleich. Du kannst dich entscheiden, wofür du willst. Ich will keine Menschen sehen, die nicht Vertrauen zu mir haben. Ich will dich gar nicht; es kommt nicht an auf einen Menschen. Will mir abzwingen, weiß ich was.«

Der schlanke Ngoh stand müde auf; klares Gesicht, klare Stimme: »Ich geh schon, Wang.«

»Das sag ich ja; will mir abzwingen, was er kann. Aber kein Vertrauen. Nein, keine Spur von Vertrauen. Was hab ich euch gegeben: unbesiegbar hab ich euch gemacht; gerettet seid ihr worden aus --. Aber nichts, wenn ich einmal komme, als weiße Wände, Holzstücke. Fragen, warum, warum, warum? Es genügt nicht, daß ich komme und sage, so und so und so; es muß auch bar auf den Käsch bezahlt werden, begründet von fünf Seiten, daß nur nichts verloren geht. Ha, ich kenne euch, nicht wahr?«

»Zu wem du sprichst, weiß ich nicht.«

»Zu Ngoh.«

»Wang, ich hänge an dir; ich frage dich eben, weil ich keine tote Wand bin. Ich kann nicht in diesen Kampf, ich bin geflohen davor. Du hast mir ein paar Jahre Ruhe gegeben, tausende sind gestorben, weil sie nicht zurück wollten, und jetzt kommst du selber, willst mich würgen, der ich noch lebe, und ich soll dich noch nicht einmal bitten dürfen.«

»Bitten dürfen, fragen dürfen. Ich sage ja, sprich doch nur wieder aus: Warum! Du hast mich einmal in Erregung gebracht. Sprich nur weiter. Gestern bin ich in die Stadt gedrungen; wir haben uns die letzten Tage herumgeschlagen. Du solltest mich schonen. Der Kaiser, sag ich, ist ein Einbrecher. Der Kaiser Khien-lung hat kein Recht gegen uns, Edikte zu erlassen. Das mußt du verstehen. Er ist ein Henker und kein Schicksal. Und da gibt es nichts nachzurechnen.«

»Ich rechne schon nicht mehr nach, Wang, verzeih mir doch, halte doch an dich.«

»Du rechnest mir doch nach, du. Du rechnest alles zweimal nach. Ich sag dir auch alles, damit du es auch weißt. Da hast du's, da, pack es an.

Es -- ist -- uns -- nicht -- beschieden --, Wahrhaft Schwache zu sein, -- es ist -- uns -- nicht beschieden; ich will mich ganz für dich auspressen.

Fünfmal hab ich es geträumt von der Mongolenstadt, dann hab ich es gewußt. Ja, du sollst alles hören, speichle nicht dazwischen. Darum bin ich nach dem Hia-ho geflohen, darum hab ich dich ausgelacht, euch mit den Füßen fortgestoßen. Ich hab mich geirrt auf den Nan-ku-bergen; das Schicksal schlägt nach uns, mit dem Huf, wo wir uns sehen lassen. Ein Wahrhaft Schwacher kann nur Selbstmörder sein. Und sie sind's gewesen, und ich hab's gesehen in der Mongolenstadt und die kaiserlichen Generäle haben's gesehen. Und das ist Unsinn, Ngoh, und das kann ich nicht mit anschauen und darum bin ich wieder hergekommen, weil ich schuld daran bin, und es kann doch nicht so endlos weitergehen. Es sollen alle zu Grunde und auf einmal hingeschlagen werden, und ich mit ihnen auf einem Haufen. Ja, die Mongolenstadt war noch besser! und so soll's mit uns werden und schlimmer.«

Ngoh kam mit zitternden Knien auf Wang gegangen, der gegen die Wand des Verschlages seine Sätze schäumte und dessen weiße Lippen troffen, betastete seinen schlenkernden Arm: »Es ist ja nicht wahr, Wang-lun, es ist ja nicht wahr.«

Als Wang aufröchelte, ließ Ngoh den Arm; Wang zerrte sich den Strohhut herunter, sackte auf die Bank hin, stöhnte: »Es ist gemein, es ist gemein!«

Er rieb den Schädel rückwärts gegen die Bretter; sein verbissenes starres Gesicht schattete geradeaus: »Geh, ich will nichts wissen von dir, Ngoh. Mach mich nicht ungeduldig. Lauf weg, Ngoh, lauf weg, ich fürchte mich für dich, ich bitte dich. Geh rasch hier weg.«

Der verwirrte Ngoh pendelte automatisch an das Holztor.

Als das Tor hinter ihm knarrte, trommelten Wangs Fäuste gegen die Holzverschalung. Seine blutdurchwirbelten Klauen wuchteten die Bank los, auf der er gesessen hatte, zerknickten und zerschleuderten sie. Er arbeitete erbittert gegen die hinfällige Bude, wütete über den sonnenhellen Hof: »Schurken, Schurken sind hier, Halunken, Mörder! Ich bin in eine Schlangengrube gefallen.« Rannte mit anstemmendem Rücken, Knieen gegen den schwankenden krachenden Verschlag: »Ich kann mich umbringen.«

Nach zwei Stunden schmauchte Qualm aus den Fenstern des Jamens; die beiden vorderen Gebäude quietschten, zeterten, heulten maulvolle Flammen. Als man das Hoftor erbrechen wollte, polterte es, von innen geöffnet. Wang-lun knirschte durch den Spalt; kranke waffenprahlende Blicke: das Jamen solle abbrennen; man achte auf die Nachbargrundstücke.

Am Abend dieses Tages fand militärische Beratung im Stadtgott-Tempel statt. Dreißig Männer trafen ein; zwanzig Führer der bisherigen Truppen, zehn aus der Stadt, von den Gilden präsentiert. Ngoh, auf Wang-luns Wunsch eingeladen, erschien. Die Debatte, die bis in die Nacht währte, behandelte die Organisation der Stadtjugend und ihre Bewaffnung. Zum ersten Male tauchten hier Vorschläge auf, Wang zum König zu machen. Wang-luns Plan, nach Vorbereitungen direkt auf Pe-king loszugehen, nachdem man sich mit den abtrünnigen Garden vereint hatte, fand Billigung. Es sollte proklamiert werden: der Drachenthron wird der Mingdynastie wiedergewonnen.

Am nächsten Mittag, nach dem Turnen und Ringübungen der Soldaten, näherte sich Ngoh dem rasch ausschreitenden Wang, der sich den Schweiß abwischte. Sie gingen durch morastige Seitengassen nach dem Innern der Stadt.

Das feine Gesicht des ehemaligen Offiziers vibrierte, es wurde einen Farbenton blasser: »Ich will mich nicht darum biegen; ich habe dich um Entschuldigung zu bitten.«

Wang, ablehnende Fingerbewegung ohne Blick: »Arbeiten, Ngoh. Nicht reden.«

»Das soll geschehen. Ich habe mir alles überlegt, Wang.«

»Mit dem Kaiser?«

»Auch mit dem Kaiser. Ich bleibe bei dir. Ich werde mit gegen Pe-king reiten. Wer wird König werden?«

»Was soll das? Vielleicht du, oder -- ja, ein Mingprinz aus den südlichen Provinzen.«

»Du nicht. Ja, ja, das ist gut, Wang. Ich bleibe bei dir. Wir wollen über die alten Sachen nicht reden.«

Wang prüfte Ngoh mißtrauisch von der Seite: »Du wirst mitreiten?«

»Ich rede etwas matt, meinst du. Das wird sich schon verlieren. Ich habe ein großes Verlangen, mit dir zu reiten. Nach Nordwesten, Pe-king. Die Mauern der Roten Stadt brechen wir ein; ich bin gut orientiert über alles, was wir brauchen. Häuser, Mauern, Gärten, Paläste werden wir hinlegen; es soll nichts stehen bleiben von der Roten Stadt, möchte ich.«

»Alles zerstören?«

Ngoh leidenschaftlich: »Ich kann nicht mitreiten, wenn ihr die Rote Stadt nicht hinlegt, Wang. Das muß mit ihr geschehn; so reite ich gern mit.«

»Gut, wie du willst; es kommt darauf nicht an; es kommt auf ein paar Häuser nicht an.«

Sie bogen um eine Ecke, standen am Marktplatz vor einem schmalen Haus, in dem Wang sich einquartiert hatte; Wang machte, überlegend, kleine Augen; dann lud er Ngoh ein. Eine Frau kam gestelzt; die beiden Männer saßen in einem verräucherten Zimmer auf der Matte, schluckten Tee.

Wang nach einer Pause, versunken: »Ich lebe noch, wie du siehst. Das Jamen ist heruntergebrannt.«

»Wir wollen nicht davon sprechen.«

»Das Leben dreht sich wie eine Mühle; man weiß nicht, welche Seite man gerade erwischt hat. Jetzt bin ich wieder einmal -- nicht verbrannt.«

Ngoh sehr leise: »Es geht uns allen so.«

»Seufzen kann man, wüten, brüllen, wenn man nur weiß, wo man hält. Es kann mich einer umbringen, ohne daß ich wüßte, ob er recht oder unrecht tut.«

»Ich habe das nicht verschuldet, Wang.«

»Im Hia-ho, was machen sie jetzt? Meine Frau -- wohnt bei ihrer Sippe; meinen Namen wird sie schon wissen; sie wird nicht viel nach mir jammern. Das ist noch gut. Sonst liegt auch im Hia-ho etwas, das nach Jahren kommt und sagt, ich müsse kommen, weil irgend etwas von mir noch nicht fertig ist. Immer liegt irgendwo so Wolken, Wasser, Unbestimmtes, das nach Jahren sich besinnt und mich haben will.«

»Wang, hat dich einer geholt?«

»Es ist gleich; ich bin gekommen. Die Mühle stand so. Ma-noh hatte es noch nicht fertig gemacht. O wie habe ich diesen Mann beneidet; er war kein Priester; er hatte viel mehr Mut als ich, obwohl er kein Schwert angerührt hat. Ich diene. Er hat rasch alles getan, während ich lief, Hilfe suchte, die Wasserlilie anrief. Seinen Bund geschlossen; gelitten, was ich voraus wußte; dann den Sprung getan, sein Königreich gegründet. Es ist schon alles geschehen.«

»Wir werden alle untergehen und unsere Westliche Heimat gewinnen.«

»Ich möchte noch einmal nach Nan-ku gehen oder nach Tsi-nan-fu und mich besinnen.«

Wang blitzte Ngoh an: »Oder ich versuch es doch? Wer weiß vorher, was möglich ist? Die Fische springen eben hoch und gleich ersticken sie im Netz. Ma-noh war vielleicht nicht gut; man muß Waffen tragen, Pferde haben, Städte haben.«

»Ja, so, so hast du recht, Wang. Wolken und Wasser sind Unglück. Wir brauchen Hoffnungen.«

Wangs Oberlippe zuckte böse. »Feinde brauche ich, Ngoh, -- will ich, will ich. Ich ersticke noch nicht im Netz. Ich tu dem Kaiser nicht die Freude. Der Kaiser ist der Feind. Man läuft nicht nach dem Westlichen Paradies wie ins Theater. Ich hab es mir zu leicht gedacht. Die Westliche Heimat liegt auf dem Kun-lungebirge hinter Klippen und Eis, oberhalb aller Wolken und Wasser!«

»Ja, das ist alles gut.«

Näher trommelte das Lachen unter Wangs Stimme. »Hinter Pe-king liegt das Westliche Paradies. Wir sind so viele, das ist unser Unglück gewesen. Wären bloß du und ich und zehn andere, so wäre uns nichts geschehen. So waren wir Tausende und Tausende sind schon tot, und der Kaiser hat Angst vor all den Schatten. Daß sich aus seinen Provinzen Tausende zusammenballen und dem Wu-wei angehören wollen, frißt ihm an der Milz. Und mir speist es das Herz.«

Er prustete schadenfroh, schallend heraus. Er stocherte dem träumerischen Ngoh vergnügt in die heißen Backen, unter die ratlosen Augen, sang aus offenem Halse durch das Haus.

Bei den folgenden Kämpfen wurden die Wu-wei-Anhänger rasch dezimiert. Diese Wahrhaft Schwachen waren die tollkühnsten Soldaten, die ihrem Drange zu sterben nicht widerstehen konnten. In währender Schlacht erschlug Wang Ängstliche. Sie düngten den Boden für das heilige Reich.