Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 32

Chapter 323,569 wordsPublic domain

»Es scheint, als ob hier nur Schreihälse und Männer ohne Leber sich vordrängen.«

Der Schmied streifte Ngohs Ärmel auf:

»Haltet die Mäuler! Ich nehme mir solch Mal, drei Brenner untereinander. Ihr Schreihälse werdet am Arm kein Mal gebrauchen; man wird euch schon die Stirn brennen und die Köpfe abschlagen.«

»Was nutzen die Vorwürfe, Schmied? Wie sollen wir uns helfen? Wir werden nicht über die Truppen herfallen, damit es mit uns eins, zwei, drei hopp geht. Der Heuchler, Hetzer!«

»Er ist ein Narr, ein Fopriester!«

»Er hat Li verführt; jetzt kommt er und prahlt mit seinem Kopf.«

»Laßt mich sein, was ich will. Ihr seid nicht meine Brüder.«

Einer sprang besessen um den Tisch und klatschte in die Hände: »Wir wollen nicht deine Brüder sein, wir wollen nicht deine Brüder sein. Hört ihn nicht an, werft ihn heraus, er ist gefährlich, er bringt uns alle, alle ins Unglück. Ich habe einen Vater und drei kleine Kinder!«

»Ngoh soll reden, was er zu reden hat. Ngoh, sprich los.«

»Brüder, ich steh hier, ich geh nicht hinaus, bring euch nicht ins Unglück. Löscht das Licht aus; man erkennt Schatten von draußen.«

In das finstere lebendige Zimmer sahen die zwei kleinen quadratischen Papierfenster, die der weiße Mond beschien, als erschrockene Augen hinein. Scharren, Murren an den Wänden.

»Er bringt uns ins Unglück!«

»Ich halte eure Schimpfworte aus, weil ihr mir leid tut. In ein paar Wochen, Monaten wird alles geschehen sein. Wang-lun ist unterwegs; die Weiße Wasserlilie, euer Bund, hat euch aus Schan-tung benachrichtigt, was geschehen wird. Man hat euch den Halskragen noch nicht übergeworfen; eure Häuser stehen noch. Jetzt liegen schon die Soldaten in der Stadt. Ich spreche doch nicht erregt, wie ein Verführer. Wir Wahrhaft Schwachen finden unseren Weg ohne alle Hilfe; wir können ihn nicht verfehlen.«

»Träume nicht, Ngoh; sprich weiter, weiter.«

»Von unserem Westlichen Paradies will ich euch nichts erzählen. Die Wahrhaft Schwachen sind nicht süchtig nach dem schwarzen Fluß, man soll uns nicht wie Unkraut totschlagen dürfen. Ich kann von keinem Feind reden; aber wenn es einen gibt, so haben wir einen gemeinsam. Und darum spreche ich zu euch; und darum müßt ihr mich anhören, denn euch liegt am Leben, an Eltern, Söhnen.«

Der Schmied zischte: »Es ist keine Gerechtigkeit für uns niedrige Menschen, keine Gerechtigkeit. Es gibt keine Götter, die auf uns hören, nur die Spione des Totengottes; alle sind auf uns los: der Kaiser ist der Sohn des Himmels, alle Geister der Städte und Mauern, Flüsse, Äcker sind ihm untergeben. Freut euch doch, daß Gewalt kommen soll gegen die Verräter des Bodens. Ich freue mich, seht ihr!«

Ngoh klapperten die Zähne: »Wir sind aus der Bahn geworfen; wir können nicht unsere Brüder und Schwestern meucheln lassen. Wir wimmern alle und jammern, wie ich es tue. Ich bin kein Hetzer; ich bin traurig, weil ihr das glaubt von mir. O was tut ihr, daß ihr uns fortstoßen wollt! Wie soll ich das Blutbad mit ansehen, das man anrichten wird unter uns und euren zahlreichen Sippen. Habt ihr von Ma-noh gehört? Schweigt doch nicht, hört den Schmied; war euch Li nicht lieb, dessen Geist jetzt hier an der Türe huscht? Ich bring euch kein Unglück; von Eltern, Ahnen, Ehren hab ich mich losgesagt; glaubt ihr, ich hab das für nichts und nichts getan? Ihr seid erbarmungslos, sinnlos, ich bin nicht anders. Ich reiß die Türe auf, ich reiß das Papier von den Fenstern ab und schreie auf die Straße: daß ich Ngoh bin, der ehemalige Hauptmann der Kaiserlichen Garde, dem der Kaiser ein Pfefferminzsäckchen verliehen hat, daß ich ein Freund Wang-luns, des toten Ma-nohs, des erschlagenen Lis bin, hier im Gildenhause sitze, verlassen von den Gilden, die zu mir halten sollten, aus Feigheit nicht zu mir halten. Ich schreie es über die Straßen, daß die Geister, böse, ruhelose Seelen, im Straßenkot zwischen den Ästen es hören. Sie haben keinen Platz auf der Erde wie wir Wahrhaft Schwachen, keine Schonung, keinen guten Blick, keinen Weihrauch, sie werden mich hören. Helft mir, helft mir, böse, liebe Geister!«

Und schon sprudelte er die Namen der verruchten Dämonen heraus, deren Nennung schon den Tod bringen kann; gleichmäßig bewegte der alte Dämonenbezwinger den Kopf hin und her, rief die unseligen Namen. Ängstlich drängten sich Gildengenossen in den Ecken zusammen, stopften sich die Finger in die Ohren, rangen die Hände. Dem Schmied riefen sie zu, er soll den Ngoh binden, in eine Kammer sperren. Der Schmied und Ngoh flüsterten zusammen. Gemeinsam scharten sich alle plötzlich um die beiden, hockten hin, flüsterten, Pupillen und Nüstern weit in Erregung über den Geisterherrn. Ngoh, wieder langsam atmend, starrte vor sich, verbeugte sich.

Am Marktplatz stand das prächtigste Haus des ganzen Viertels, der Tempel des Stadtgottes. Zwischen Läden und Buden war es eingebaut; weit war das Hinterland, ein Park mit schönen Blumenanlagen und einem Treibhaus. Ungeniert warfen die Markthändler ihren Abfall und Kehricht vor der hölzernen rotbemalten Torhalle auf; bisweilen konnten Gaukler so hoch springen, daß sie mit der Hand die grünen Büschel der hängenden Lampions berührten. In Herden trieben sich die Bettler und blinden Musikanten zwischen den beiden steinernen Löwenhunden zu den Seiten des Eingangs herum; die grauen Tiere, deren Augen gleich Eiern hervortraten, hielten ihre Schwanzhaare gesträubt, wie einen Fächer der eine, wie einen entfalteten Pfauenschweif der andere. Die hohen Doppeldächer schwangen sich wie Schiffskiele; von ihren schwarzen Rippen blitzten herunter die gepanzerten Reiter, die Hellebarden, die geschwungenen Schwerter und Dolche. Auf dem höchsten Dachfirst trabte ein silberner Krieger zwischen zwei schildbewährten Bogenschützen, die herunterzielten. Durch die Torhalle schoben sich die Menschen; drängten sich zu Theatervorstellungen auf dem Tempelhof. Barbiere rasierten in dem Durchgang, Narzissenverkäufer schrieen; Straßenreiniger, öffentliche und private, gingen auf und ab, sammelten mit Harke und Schippe den Kot; bestaubte Kinder spielten Ziegelwerfen.

Vor der Gebetshalle inmitten des riesigen Hofes stand allseitig frei die Bühne. Über sie hatte der Erbauer jeden Pomp gehäuft, den Glanz hochgetrieben gegen die gehaltene Pracht des Tempels; sie erhob sich vom Boden wie eine Tänzerin, die mit ihrem gerundeten Blick die Welt zum Verschwinden bringt. Acht glatte Holzpfeiler warfen das Dach hoch, dessen vier Kiele, gewaltsam nach oben gezerrt, über der Traufe endeten, als sollte die Bewegung, die von oben lautlos herunterrollte, mit einem Anprall wieder in die Höhe. Rotblaue Puschel, Fähnchen, Glocken von der Traufe. Über die schwarzen Dachrippen trappelten die weißen Pferdchen, klirrten die metallenen Behänge, Rüstungen der wilden Kämpfer. Dicht unter das Dach kroch ein Tier pfeileraufwärts, schmiegte sich mit gestrecktem Bauch an, dicht unter dem Dach lockerte es die schillernden Flügel, grub den weißen Schnabel in das Holz, rotgold glitzernde Rücken: Vogeltier, der Phönix.

Erst jenseits der Bühne, so hoch, daß sich sein Dachfirst nicht vom Hof blicken ließ, ragte der Tempel. Nicht breitbeinig wie ein Bauer, sondern sein Geheimnis war, daß er dem buckligen Zikadenfänger glich, von dem Liä-dsi erzählte: er balancierte Erdkügelchen auf der Leimrute; als er fünf Kügelchen nebeneinander halten konnte, war er reif und konnte die Zikaden nur so abpflücken, hielt seinen Arm wie einen dürren Ast, seinen Körper wie einen Baumstrunk; sein Wille hatte sich ohne Zerteilung verdichtet. Machtvoll stand der Tempel, hörte nicht die Musik der Spieler, er verhehlte die Bewegung des Stolzes, ließ spöttisch wenig Licht fallen in die Versammlung der Geister, Götter, die er deckte. Das Unglück lag über ihm. Die hölzerne Bildsäule des Stadtgottes, vor einem Monat noch reich bekleidet, im Besitz eines Siegels, lehnte geschändet in dem Dunkel des Raumes. Man hatte einen Unwürdigen zum Stadtgott gemacht; als die Unruhen, Überfälle, Feuerbrünste kamen, ließ ihn der Magistrat nackt ausziehen, zur Verschärfung der Strafe vor die Torhalle schleppen, Ketten um den Hals hängen. Als sich Ruhe einstellte, fuhr man ihn wieder an seinen Platz, bekleidete ihn mit billigen Kitteln und Röcken; geschwärzt vom Sonnenlicht und Anwürfen schwieg er in dem totenstillen Raum. Keiner der vielen bunten Gehilfen, die ihn umgaben, seine Sekretäre, Spione, Henker, Spitzel, Polizisten zweifelten daran, daß der zerquälte, willensstarke Gott bald das Äußerste wagen würde. Einen Dämon hatte sich die Stadt gezüchtet.

Und dicht neben dem Eingang zum Tempel lag der Geheimeingang des großen Pfandhauses, das den Gilden, Geheimbünden zu Beratungen diente. Die Rebellen fanden den Ort neben der Wohnung des Beschützers der Mauern und Wallgräben am sichersten. In dem langgestreckten niedrigen Speicher stapelten Wohnungseinrichtungen, Kleiderballen, Theatergarderoben, Schmucksachen, Sänften dicht gereiht. Aus Ballen und Kisten stieg ein öliger Geruch. Hier liefen durch viele Tage nur Ratten und Mäuse. Am dritten Tage nach Ngohs Besprechung im Gildenhause hockten hier, es war nach Ende des Marktes, schweigend und wartend mehr als dreihundert Menschen. Sie saßen überall herum; meist gewöhnliche Trachten. Grüße, Winke, sonderbarste Posituren; fast alle kannten sich, Ausschüsse der führenden Genossenschaften, Brüder, Schwestern der Wu-weisekte, der verschlossene Ngoh. Der Schmied rief gedämpft einen weißbärtigen Mann an:

»Will der alte Lehrer den Gästen nicht sagen, was sie hören möchten?«

Die wohllautende Stimme des Lehrers:

»Laßt euch ehrerbietig grüßen. Der kenntnislose Knecht wagt nicht, euch zu belehren. Sein wackelnder Kopf weiß nichts mehr. Danken will der halb Tote, daß er euch alle sehen durfte!«

Viele setzten sich um ihn; man schob ihm eine niedrige Leiter zu. Ngoh verneigte sich tief: »Der alte Herr möge uns belehren«; andere riefen dasselbe. Der Lehrer lächelte nach allen Seiten, pappelte mit dem zahnlosen Mund, er trippelte zwei Stufen hinauf:

»Ich bin aus dem Dorf in Schan-tung, wo der Weise Lo-hwai geboren ist. Er ist unser großer Lehrer; diesen Schuppen mit Kleidern, Ballen hätte er recht gefunden für eine fromme ernste Zusammenkunft. Große Mächte und Kräfte gibt es; aber, ob ihr dem Wang-lun folgt oder ihm nur Freunde seid, wißt ihr, daß wir keine tausend Buddhas wie die Bonzen und Fopriester anbeten, den Taschi-Lama und den Dalai-Lama überlassen wir dem Kaiser Khien-lung. Unser, unser Buddha blickt uns aus Himmel, Bergen und Bächen an; die Donnerschläge grüßen ihn besser als Pauken und Gongs; sein Weihrauch sind Wolken und Wind; er trinkt seinen Tee aus den fünf Seen und den vier Meeren und horcht auf das Rauschen der Wipfel und Äste, das Rauschen seiner geschwungenen Banner. Wir haben keinen Buddha, als warmen Wind und Regen, keinen Buddha, o weh, als die Taifune, die an den Küsten entlang laufen; niemand ist mit uns, im Süden, Westen und bei uns; wir schwarzhaariges Volk der Söhne Hans sind allein geblieben. Wir sind gelb wie die Erde, das Wasser. Die im weichen Süden leben, schwemmen auf, tänzeln in bunten Kleidern; am schwarzen Drachenfluß ist das Land so hart wie die Menschen. Und darum können sie alle leben. Unmerklich wie bodenständige Kresse wachsen unsere Häuser von der Erde ab, achten die Geisterpulse und Luftströmungen; so machen wir uns ähnlich dem Tao, dem Weltlauf, versagen uns ihm nicht. Wir, die den Wang-lun aufgenommen haben, sind nicht mit Halskragen und Beinstricken an das Schicksal gebunden. Wie die alten Worte lauten: schwach gegen das Schicksal sein ist der einzige Triumph eines Menschen; zur Besinnung müssen wir kommen vor dem Tao, uns ihm anschmiegen: dann folgt es wie ein Kind. Der alte Speichler redet ohne Zusammenhang, o, er schämt sich seines Schwachsinns.«

Der Greis stieg eine Stufe herunter, kauerte, ein weißer Pavian, hin und schloß die Augen. Vertieft saßen viele der starkknochigen Männer in den Gängen; Gruppen kauerten auf den riesigen Zeugballen und sahen herüber, drückten die Ballen platt.

Ein fein gekleideter junger Mensch, der seinen Fächer öffnete, richtete sich auf einem wackligen Achtgenientisch auf, schräg gegenüber der Leiter des Alten; man drehte sich nach ihm um, als der Tisch knarrte; er kehlte in einer hastigen Art.

»Der alte Herr und die werten Genossen wollen es mir nicht mißgönnen zu tönen. Ich will nicht wetteifern mit dem alten Herrn. Wir haben keine prächtigen Tempel, keine Klöster, die der Drachensohn ausschmückt und mit Goldbarren beschenkt. Für uns beten keine Bonzen in Seide, die östliche Kinder und Mädchen verführen. Für die fremden Altäre haben wir nur Lachen, Achselzucken. Auch ich gehe den reinen Weg und will zu den Kihs. Dem Gipfel der Kaisergewalt werden wir und unsere Nachkommen uns nähern. Aber wie ihr andern, die es nicht mit uns Wu-wei-freunden haltet, über uns denken möget: wir sind östlich und nicht die gelben Bonzen, wir sind Kinder der hundert Familien, und nicht der Heilige und Großwürdige vom Gnadenberge, den der Kaiser in einem Siegeszug empfangen hat. Von Tibet ist der herübergestiegen, ist bei Kuang-tse gestorben, in einer goldenen Stupa heimgesandt worden. Die Fremden halten zueinander, die Mandschus und die Lamas. Die Lamaserien fressen das weiche, warme Gekröse des Landes auf; sie dürfen das; uns, ja, uns schlägt man die Köpfe, die wir nichts verlangen, keinen stören. Wir tausende, aber ihr kennt uns doch, liebe geehrte Brüder, ihr Herren Lastträger, von den Dschunken und die andern. Wir sind auf der gelben Erde geboren und wollen uns nicht, da wir friedlich sind, von fremden Priestern und Kaisern ausrotten lassen. Wir müßten gebieten über die achtzehn Provinzen, über achtzehn Provinzen von Liao-tung bis zu den Miao-tse. Was haben wir getan? Toll gewordene Strolche in Soldatenuniformen preschen mit Hellebarden über unsere Märkte; wen wird man heute fesseln und wem die Zunge abschneiden, wen wird man morgen stäupen? Wir sind in dieser Provinz geboren und dürfen uns friedlich darin ergehen.«

Ein allgemeines Gemurmel: »Gut, gut.«

Der junge erregt auf dem Tisch zappelnde Mann sprach mehr, der Alte suchte ihn durch Zurufe zu besänftigen.

»Wißt ihr, wer unsere giftigsten Feinde sind? Ganz und gar unsere und eure? Wie unser Feind heißt? Der Stein, der Baumstrunk, die zerbrochene Laute? Kung-tse!«

Weiter lief es über die Gänge: »Die Mandarinen, die Literaten, Kung-tse, Kung-tse!« Ein allgemeines: »Kung-tse!« Ein zähneknirschendes: »Die Erpresser, die Mandarinen!« Ein hetzendes: »Kung-tse!«

Von dem zitternden Achtgenientisch krächzte es weiter:

»Wer ist Kung-tse, was will er? Das dritte Übel! Er hat gelehrt den Mund ausspülen, die Haare kämmen, vor Fürsten buckeln, vieles Gute, vieles Schlechte. Für uns armen Leute ist er schon lange tot und sagt kein Wort mehr. Mandschus, Lamas und Mandarinen beten ihn an, darum können wir ihn nicht anbeten, sie haben ihn uns weggeschnappt, haben weggenommen, was gut an ihm war für uns. Sein Geist soll sich bedanken in Pe-king, daß wir ihm nicht räuchern und ihn von unseren Schwellen blasen mit häßlichen Worten. Ich hasse ihn, wir hassen ihn, den leeren Messingtopf. Der alte kluge Herr, der vor mir redete, hat recht gesprochen: schwach müssen wir sein gegen das Schicksal, es bleibt uns nichts weiter. Wir sind arm; gut tut, wer alles hinwirft, und selbst wenn er alles hinwirft, verliert er den Kopf beim Spaziergang wie Li. Unterdrücker, fremde Wölfe, Krokodile, Füchse sind unser Schicksal. In den Ämtern spreizen sich die Mandschus, bei den Prüfungen lügen sie sich vorwärts, auf der Straße werfen sie unsere Wagen und Sänften um, treten die Wege breit mit ihren breiten Füßen. Die verruchte, gottlose Dynastie! Ihr Schicksal wird sich erfüllen, vor unserem, nach unserem. Die Langnasen werden das Land vernichten und Schuld hat Kung-tse. Uns bleibt nichts übrig als die Schwäche!«

Er hatte sich selbst ruhig gesprochen, eine höhnende Agitationsschärfe in Stimme, Geste, Mimik gelegt. Frauen gingen schluchzend auf und ab. Erregte Gruppen ballten sich, lösten sich; neue strömten zusammen. Der junge Sprecher, die blasse Stirn mit Schweißtropfen, schlenderte straff Schulter an Schulter mit Ngoh durch einen Gang. Auch Ngoh waren wider seinen Willen Tränen in die Augen gerutscht. Das Zauberwort »Ming« lag in der Luft. Es erschien in allen Versammlungen der Weißen Wasserlilie, oft in den der Wahrhaft Schwachen, wie in anderen das Chihkraut, die östlichen Inseln, das Westliche Paradies.

In die langgestreckte Halle leuchteten viele kleine Papierfenster. Es dunkelte. Das Klappern, Rasseln, Pauken, Ausrufen, Kreischen auf dem Markt, im Tempelhof ließ nach. Durch die Fenster der Schmalseite des Raums, von dem Hof her prallten breite blendende Lichtgarben auf Körbe, Geräte. Man hörte während der Rede des jungen Menschen leise Musik, feinen Gesang, jetzt Deklamation: Theater hatte angefangen.

Während man sich durcheinander schob, Stirnen runzelte, Schweißgeruch von sich gab, griffen zwei ältere Männer von der Lastträgergilde einen kleinen schmerbäuchigen Herrn bei den Armen, suchten ihn nach der Leiter zu bewegen. Dieser sauber gekleidete, fettglänzende Herr war ein gebildeter Mann, der ein Gut und eine Windmühle zum Enthülsen von Reis besaß, und wie viele andere aus Ehrfurcht vor den Vätern die Mingtradition hielt.

Er schmatzte, von freudigen Stimmen übergossen, auf der Leiter, verneigte sich, man schloß sich um ihn. Der Kopf saß ihm tief zwischen den runden gepolsterten Schultern. Während der Herr sprach, schwang er die dicken Pfötchen possierlich nach oben und unten, links, rechts. Er lächelte. Es war eine Paraderolle, ein Schlager, was er vortrug. Er sagte, sein Organ war weich und dunkel: »Es lebte einmal ein Abt«, manche unter den Zuhörern sangen es nach, eingelullt, zeigten entzückt das Zahnfleisch. Der Herr nahm seinen Zopf über die Schulter vor, streichelte ihn wie ein Kind:

»Es war einst ein Abt. Er lebte in seinem Kloster zufrieden. Als eines Mittags die Sonne sehr warm schien, legte der Abt seine Mütze auf das Gesicht, schlief ein. Er träumte. Vom Rat der Götter träumte er. Die drei großen Reinen sah er an einem Tisch, dabei den Nephritherrn, den mildtätigen Sohn des Königs Lautertugend und der Königin Mondglanz. Ich erzähle euch ein halbes Märchen. Da beugte sich der Nephritherr zu dem Abt herunter, hob die Schultern geheimnisvoll und sagte: 'Ich will in dein Kloster eine Frau wandern lassen, die wird einen großen Kaiser gebären. Unter meinen Zeichen, Sonne und Mond wird sie ihn gebären.' Als der Abt aufwachte, fragte er den Pförtner, ob eine Frau gekommen sei. Keine war gekommen. Alle Zellen und Hallen durchging der fromme Mann, auf den Berg, in die Höhlen kletterte er. Kein Kind schrie. Am Abend kam mit seinem Trödelkarren ein Händler vor das Tor, seine gesegnete Frau begleitete ihn, in Lumpen waren beide gekleidet. Traurig gab der Abt ihnen Pillen, damit die Geburt gut vonstatten ginge. Im Kloster schlief alles. Morgens kam das Kind. Leise Musik von Geigen und Pansflöten war in der Luft, die Vögel pickten das Papier von dem Fenster, wo die Mutter lag. Dicht saßen sie wie auf Leimruten und sangen schmetternd zu dem Wimmern des Kindes. Um die Sonne erschien ein Hof. So arm war der Vater, daß er den Fluß hinauf ging und einen Fetzen rote Seide fischte. Da hinein schlugen sie das Kind. Den kleinen Tsi-juen, das zitternde Würmchen Tsi-juen schlugen sie ein in einen Fetzen rote Seide. Und als er nun größer wurde, mußte er mit den Kuhjungen auf das Feld. War selbst Kuhjunge. Und als sie eines Tages zu fünf auf dem Feld waren, wollte er sie bewirten. Er ging hin, schlachtete ein Kälbchen, den Schwanz klemmte er in eine Felsspalte. Tsi-juen klemmte den Kalbsschwanz in eine Felsspalte. Und da nannten sie ihn ihren Hauptmann. Aber der Mann, dem das Kalb gehörte, suchte das Tierchen, fand den Schwanz. Nahm eine Rute, und zwei Ruten, und betrübt floh der Knabe. Ging Tsi-juen hungernd über die Felder. Aber die Sonne zeigte den Weg, Mond führte weiter. Ein Klosterbruder nahm ihn bei der Hand, geleitete ihn in seine Höhle, schor ihm den Kopf. Wurde Tsi-juen, Zwerglein Tsi-juen mit geschorenem Kopf Küchenjunge im Kloster. Die Lampen mußte er anbrennen im Haus, Weihrauchnäpfe schwingen, schwere Näpfe für die feine Hand, viele Kräuter dörren, die Klingel rief den ganzen Tag. Er war in dem Kloster, in dem ihn seine Bettelmutter geboren hatte. Sie schlugen ihn, neckten ihn im Haus herum, auch der Abt, dem der Nephritherr die Prophezeiung gegeben hatte. Aber wie der Abt einmal den Knaben ansah, hatte der einen rosa Flammenschein um das Gesicht. Angst bekam der Abt. Er schickte ihn in einen Wald, jenseits des Sumpfes Brennholz zu holen zu einer feinen Sauce. Tsi-juen lief eilig, sank, als er an den Sumpf kam, ein, sank ein. Tsi-juen sank bis an die Schultern ein, bis an den Hals, bis an den Mund. Und da kam, als er erbärmlich schrie und im Moor wie eine Kröte wühlte, schrie nach seinem lieben Vater, nach seiner lieben Mutter, kam aus dem Wald eine goldene Fee. Ei, ich erzähle euch ein Märchen, ein schönes Märchen, das hat mir mein Großvater erzählt. Die Fee zog ihn an den Fingern heraus. Da war er kein Küchenjunge mehr. Das Wasser hatte lauter weiße Perlen um seinen Hals gelegt, mit Purpur und Brokat war er bekleidet, wo er in das Moor getaucht war; Gürtel und Jadespangen trug er. So übersät mit Prunk spazierte Tsi-juen anmutig wie ein kaiserlicher Prinz in das Kloster zurück. Und der Abt wußte gleich seinen Namen.«

Sie stießen sich an, die an seinen Lippen hingen, stießen bekräftigend heraus: »Ming, es war Ming.«

Sie gingen lächelnd herum. Der Schmied rief, während gegen die Fenster Regen prasselte: »Eine Mauer brauchen wir, eine weiße Wand um Pe-king herum!«

»Ach, warum sind die Mings gestorben! Warum hat das Volk sie verlassen!«

»Es leben noch Mings, am Jang-tse sollen welche leben!«

»Wang-lun soll ein Ming sein. Darum haßt ihn der Kaiser so.«

»Das ist's ja eben. Darum versteckt er sich. Er weiß schon warum. Sobald der Kaiser ihn erwischt, ist er hin.«

»Oder der Kaiser ist hin.«

»Wang-lun weiß, daß er ein Ming ist und daß der Kaiser sich hütet.«

In Ngohs feinem Gesicht zitterte es; auch der junge Agitator und der Lehrer schmunzelten. Der alte Herr zwinkerte Ngoh an, schüttelte den Kopf: »Sie haben unrecht und nicht unrecht. Wang-lun ist ein Ming und mehr als ein Ming.« Ngoh träumte mit verschlossenen Augen. »Ich möchte Wang-lun bald sehen.« »Ja, Ngoh, wir brauchen ihn alle.« Ngoh seufzte: »Ich bin der Sache nicht gewachsen. Wenn nicht einer mir die Sache abnimmt, werde ich das erste Opfer des Krieges sein.« Auch die beiden andern senkten die Köpfe.