Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 31

Chapter 313,640 wordsPublic domain

Als der Fischer drohend verharrte, der Händler an den Rand des Floßes trat, schwirrten die Kormorane an und der Knöcherne kehlte dem Händler zu: »Geh an deinen Platz.« Einige Vögel fraßen die zappelnden Fische im Flug; die Ruten pfiffen auf ihre Rücken; krächzend rissen die Kormorane die Schnäbel auf, die Fische schnellten blutend in die Körbe. Die Strömung riß heftiger an dem Floß; die Ruderer bremsten und rangen mit dem Wasser. Wangs Floß drehte langsam bei zu der übrigen Flottille, die vor einer eben mit platten Dächern auftauchenden Ansiedlung lag. Während sie mit den langen Stangen sich gegen den Flußboden stemmten, schoß der lange Fischer unter seinem ungeheuren Strohhut wilde Blicke auf die arbeitenden Händler.

Tang, der ihm am nächsten stand, rief er an:

»Wer hat euch auf mein Boot mitgenommen?«

»Du selber.«

Wang raste. Seine Steuerstange glitt seitwärts. Sie schwammen weiter.

»Ihr lügt, ihr seid allesamt Betrüger, Nichtstuer, Lungerer. Gesteht es doch. Was kommt ihr zu mir Arbeit suchen? Euere Körbe sind halbleer. Seht doch hin, wie die Kormorane schmausen, ihr Affen. Solche Leute brauche ich nicht. O, solche Halunken mußten mir in den Weg kommen; es gibt hier so viele tüchtige Leute.«

Er vergaß in seiner Wut völlig zu steuern, der junge Tang balancierte heran, bückte sich nach der Steuerstange, wurde von dem Fischer an der Schulter gepackt und hingeworfen. Triefend, wortlos schleifte Tang an seinem Korb, fing an zu zittern.

Wang führte sie wieder langsam an die Flottille heran. Ein Gewitter war mit blauem Wolkenschiefer, baßtief orgelnd, heraufgekommen. Die Wellen duckten sich eigentümlich flach. Plötzlich keifte der gezüchtigte Tang, der die Fassung zu verlieren schien:

»Wenn es doch herunterführe, alles zerschlüge! Es müßte alles zerschlagen, ins Wasser gestopft werden. Das wünschte ich.«

Mit gläsernen Augen beobachtete ihn Wang:

»Du auch? Wir fahren an Land. So rasch geht nichts, Tang. Der Drache läßt dich los. Das sind so ausgerechnete Geschichten, ich kenne das. Nichts wünschen, nur nichts wünschen.«

In der Schenke, die sie in der kleinen Ansiedlung aufsuchten, stellte Wang die vier als seine Landsleute aus Schan-tung vor. Wang, wie die andern an einer Tasse Fleischbouillon hängend, vertiefte sich im Gespräch in die Details einer verschimmelten lokalen Streitigkeit. Er spann sich in große Behaglichkeit ein, erzählte von dem Vater seiner Frau, der ihm den fettesten Teil seiner Maisfelder billig verkaufen wolle.

Ein alter Mann, Freund Wangs, steuerte das Floß am Spätnachmittag zurück mit der Muskelkraft der vier Händler. Wang selber fuhr mit einem Nachbarn, einem wohlhabenden Fischer, der ihn nicht losgelassen hatte.

Den Abend verbrachten die Fremden in dem alten Häuschen Wangs. Er präsentierte ihnen seine junge Frau, ein kleines, lächelndes Wesen, das die Fremden verwundert ansah, zweimal besorgt nach ihren Absichten fragte, sich zurückzog.

Als Wang, der sie zärtlich bei den Händen herausgeführt hatte, wiederkehrte, blieb er am Türpfosten stehen vor ihnen, die nebeneinander auf der Bodenmatte hockten und Tee schlürften, streckte überkreuz die Arme vor:

»Also?«

Da sie sich nicht regten, ihn nur anblickten:

»Ihr habt nichts mitgebracht? Schade.«

Die Arme sanken:

»Es wäre einfacher gewesen, mich binden und wegschleppen. Statt langer Unterhaltung. Ihr seid aber sehr sicher. Es geht auch ohne Stricke.«

Die Matte raschelte, er saß vor ihnen, sie glucksten schweigend.

»Sagt mir nun eure Namen noch einmal, und woher ihr stammt. Erzählt mir weiter gar nichts. Es ist nicht nötig.«

Sie nannten sich leise.

»Jetzt kenne ich euch. Ihr vier oder fünf kommt euch wohl sehr rühmlich vor, daß ihr von Tschi-li durch Schan-tung, Kiang-su bis hier an den großen Damm gedrungen seid? Ich bin auch einmal so nach Schan-tung gefahren. Besonders du, Tang, machst ein schlaues Gesicht. Es ist eine rechte Heldentat. Es liegt nicht daran, Tang, daß du den Eimer mit Chus Kopf da bei deinem kranken Freund stehen gelassen hast. Der Wirt hat den Kopf schon längst gesehen. Aber du verspekulierst dich, wenn du glaubst, ich bin nun mit euch verraten und muß weg aus dem Hia-ho. So fängt man mich nicht, ihr zahmen Kaninchen. Erzähl doch mal, du mit der lahmen Schulter, wie bist du an die Wahrhaft Schwachen geraten?«

Einer der sprachkundigen Tschi-li-läufer, dem eine Schulter hing, verneigte sich:

»Es fehlte mir in meiner Heimat nichts. Meine Sippe ist nicht arm. Du bist ein großer Wundertäter.«

»Ja, ich weiß schon. Es ist richtig so. Als wenn ich Gift um mich gespritzt hätte. Es geht immer so weiter. Nun redet doch. Wie kommt ihr euch also vor, wo ihr so dasitzt? Ihr braucht keine Furcht vor mir zu haben. Ich bin nicht verstockt wie mein toter Bruder Ma-noh war, als ich ihm zuredete. Wie ich euch am Ufer hab stehen sehen, hab ich alles gewußt. Mein Schicksal, mein ganzes Schicksal, das Schicksal meiner Frau. Ich hab euch erwartet, ihr, seit Monaten gefürchtet! Weil mir alles entzwei geht. Gefürchtet, o.«

»Weiß Wang-lun,« fiel nach einer Stille Tang ein, »daß er das Brüllen eines Löwen ausstößt, eines trägen Löwen, den man aus seinem Käfig jagt?«

»Für euch hab ich zu viel getan, so viel. Nicht einen Käsch gebt ihr mir zurück. Ihr blitzt mich nur mit solchen Worten an, feilt an mir herum. Ihr grabt mich aus. Ihr wollt mich nach Tschi-li ziehen, damit ich an der richtigen Stelle geopfert werde, oder nach Schan-tung. In Tsi-nan-fu muß ich geopfert werden. Was macht ihr für Wesen um die Dinge. Wie viele hat der Kaiser Khien-lung von euch wieder morden lassen? Sagt rund tausend, zehntausend, zwanzigtausend. Ihr werdet gar nächstens noch Menschen zählen, ein paar mehr, ein paar weniger. Die Weiber auf den Schiffen drücken alle Tage einem kleinen Wurm den Schädel ein, darum werde ich nicht behelligt, darum wandert keiner von euch nur von hier bis an den Ofen. Es ist gleich, es bringt mich in Wut, was der Kaiser macht oder die Weiber machen oder das Darmfieber macht, es geht mich nichts an. In keinem Buch steht, daß man mich auch totschlagen soll, wenn zehntausend, hunderttausend in Tschi-li totgeschlagen sind. Was lauft ihr mir wie Gespenster nach? Ich bin euch nichts schuldig. Ich kann nichts, ich kann nichts dafür.« Es war ganz dunkel. Auf dem Fußboden saßen sie mit baumelnden Köpfen, erkannten sich nicht.

»Was habe ich schon alles geopfert, was hat man mir weggenommen? Ja, zu mir kommen sie mit solchen Sachen. Mit erwürgten Freunden. Mit abgedrehten Köpfen. Als wenn ich eine Jahrmarktbude, ein Schaukabinett wäre und sie mich füllen müßten. Ich bin froh, daß Vater und Mutter tot sind, sonst liefen der und der hin und schlügen sie rasch tot, brächten mir ein bequem transportables Bein, ein eingesalzenes Gesicht, ein sauber verpacktes Stück Brust von meiner Mutter. Um mich zugänglicher zu machen. Das ist mein Los. Ich weiß schon. Ich werde euch folgen. Eine Frau hab ich, ein Gut, Baumwolle, ein Floß, man ehrt mich. Man hat mir einen versalzenen Kopf im Eimer vorgesetzt und daran muß ich fressen und alles hier lassen.«

Wang tappte im Zimmer herum. Ein Feuerzeug schlug an, die kleine Öllampe brannte oben auf dem Ofenbett. Wang tappte weiter, sackte neben sie, einen langen bastumwickelten Gegenstand über den Knien. Als er den Bast abgehalftert hatte, blitzte das lange blanke Schwert. Sie duckten wieder rasch die Köpfe. Wang-lun wiegte den Gelben Springer in den Armen.

Am nächsten Morgen fuhren die Karren in der ersten Frühe aus der Herberge, der Natternfänger hinkte und ließ sich stützen, sie verließen das Dorf nach Norden. Hinter dem Dorf holte den langsamen Zug der fünf Händler die große gebückte Gestalt im Strohhut ein.

Wang-lun fauchte, warum sie heimlich aufbrächen, so daß erst der Wirt jemand schicken müßte, um ihm die Reise seiner Landsleute anzuzeigen. Die Händler sahen sich bedrückt an, der mit der schlaffen Schulter schniefte unter der Nase:

»Wir haben uns geschämt. Es tat uns leid, daß wir hergekommen sind. Wir wollen an dem nicht schuld sein, was du gesagt hast.«

»Wir sind Brüder,« gab Tang von sich, »wir wollen dich nicht zwingen.«

Wang-lun drängte an Tang, überfuhr ihn mit Zorn: »Ihr seid feige, ihr schämt euch, wollt nicht schuld sein! Warum nicht?«

»Was nützt das Schimpfen?«

»Kaum hab ich euch angeblasen, seid ihr fortgelaufen. Ihr seid Boten. Man flüchtet nicht, sag ich euch, und man fürchtet sich nicht. Warum denn nicht zwingen, du Schlaukopf, warum denn nicht schuldig sein? So sehen meine Wahrhaft Schwachen aus! Wahrhaft, wahrhaft Schwache!«

Wang-lun drängte sie zum Weiterfahren, man könnte sie im Morgengrauen vom Dorf sehen. Sie erlebten an dem letzten Wegstein zum Dorf Wangs Abschiedsschmerz; er schied von dem Land, von seiner Frau. Dann fuhren sie getrennt, Wang-lun mit Tang. Wang war nicht mitteilsam; mit Laufen, Verstecken, heimlichen Einkäufen und Betteln von Reis, Melonen und Wasser wurden die Tage zugebracht. Tang konnte den Eindruck nicht verlieren, daß er einen Gefangenen mit nach Tschi-li brächte. Wang, der öfters nachts leise mit sich sprach, schien sich herumzuschlagen mit sich und sich niederzuhalten. Auffiel dem klugen Tschi-li-läufer, daß das einzige, was sich der unheimliche Mensch immer wieder erzählen ließ, brünstig, gierig danach schnappend, Bluttaten der Ili-Truppen waren, grausame Mißhandlungen, Quälereien der Brüder, daß er sie mit Vergnügen einsog. Bruchstücke solcher Erzählungen hörte Tang ihn sogar nachts sich vorsprechen. Der junge Händler fühlte sich neben seinem Begleiter seines Lebens nicht sicher. Vorwürfe ließ Wang gelegentlich gegen ihn los und beteuerte grimmig, daß er sie schon lange mit Grauen erwartet hätte. Aber sie sollten ihn haben. Sie sollten ihn haben. Vor sich jammerte der junge Händler, was er angerichtet hatte, überlegte wegzulaufen, aber es war augenscheinlich, daß Wang-lun ihn beobachtete. Er wagte nicht, den Fischer zu fragen.

Bis sich diese Spannung zwischen ihnen jenseits des Hwang-ho langsam löste, wo Wang anfing, sich für die Bewohner zu interessieren, Wettläufe mit Tang anstellte und nachdem er sich in den gelben Brokatmantel eines taoistischen Wanderdoktors geworfen hatte, mit einer eigentümlichen Heiterkeit stolzierte. Sie genossen den Frühling, den angehenden Sommer. Die freie Stimmung erstarb bei Wang, eine Unruhe, Ungeduld schmachtete um ihn. Je näher sie den Bergen Schan-tungs kamen, um so weniger konnte er sich beherrschen. Er riß sich hinter einem Dorf das Taoistenkleid ab, zog sein graues, zerrissenes Bettlergewand mit Ausrufen des Glücks an; sein Schwert hing ihm an einem Seil um den Hals. Er fragte unermüdlich seinen Gefährten nach den Ereignissen der letzten Jahre aus, forschte in den Dörfern. Nachdem er schon halbe Tage den heimkehrenden Tang allein gelassen hatte, verschwand er vor Tsi-nan-fu völlig. Nur den Auftrag hatte er Tang hinterlassen, er möchte überall bei den Brüdern und Schwestern verbreiten, daß sie sich nicht verlieren sollten. Es würde ein Umschwung eintreten.

* * * * *

Wang lief wie vor Jahren die harte Kohlenstraße von Schan-tung. Rauchsäulen, dunstige Pfeiler in der Luft. Welliger Boden; auf der nackten steinernen Ebene die große Stadt Po-schan. Chen-yao-fen hatte den Besuch Wang-luns lange erwartet. Den Kaufmann hatte das Unglück in der Mongolenstadt mit ungeheurer Ehrfurcht vor seinem ehemaligen Gast erfüllt. Während des Winters und bis zuletzt fanden Beratungen der Häupter der Weißen Wasserlilie statt; ungeteilt war die Empörung über die Maßnahmen des Kaisers, der den fremden Lamaismus begünstigte und die volkstümliche Bewegung mit Waffen niederschlagen ließ.

Als Wang-lun sich durch die Hintertür des Hauses drückte und neben dem Altar hinter dem Wandschirm hervorkam, schlang Chen-yao-fen seine Arme um die Schultern des großen lumpenbekleideten Bettlers und preßte ihn an sich. Wang fragte, ob sie allein wären und ob er nicht die andern holen wollte. Der Kaufmann gongte. Sie saßen in der Halle unter der gefelderten Decke, an der eisengetriebene Vögel und Drachen die Lampen und Laternen hielten. Der Bettler wies den Tee zurück, zeigte dem Kaufmann, seinen Mantel zurückschlagend, mit stolzer Mimik den Gelben Springer. Chen, das Schwert anhebend und mit einem Blick auf die eingelegten Schilder, erzählte von einem Offizier, der angab zu den kaiserlichen Bannertruppen zu gehören, viermal selbst in Po-schan erschien und bei Chen sich nach Wang-lun erkundigte. Er nannte sich Hai, wollte Oberst eines Kavallerieregiments sein, ein äußerst höflicher, hagerer Mann mit hängendem Kinn- und Knebelbart. Wang fragte erregt weiter. Ja, der Mann nenne sich auch die Gelbe Glocke, er hätte Chen beschworen, sich Wangs anzunehmen, der wahrscheinlich verzweifelt über den Tod Ma-nohs herumirre, und ihn in eine bestimmte Kaserne nach Pe-king zu wenden, wo Hai sein Jamen hätte. Chen hätte zwar alles versprochen, aber nichts begriffen, da der Mann sich ausschwieg und vielleicht ein Spitzel war. Von Wang aufgeklärt wanderte Chen, die Arme verschränkt, auf den Teppichen. Er war verblüfft; das Gesicht der ganzen Sache veränderte sich. Auch Wang-luns Augen glitzerten.

Die Sänften hielten vor dem Haus; die Vorhänge rauschten. Verwunderung der reichen Kaufleute beim Anblick des zerlumpten Mannes, den sie nicht erkannten, dann freudiges Händeschwenken und Geflüster.

»Luft!« schrie Wang, »Luft, Luft!« und umarmte Chen, der mühsam an sich hielt. Mit großer Kälte sprach Wang vor den zwanzig eleganten Herren, die ihn in einem Gemisch von Grauen und Ehrfurcht anschauten; sie traten vor ihm zurück. Naive Wendungen gebrauchte er; er äußerte seine Absicht, es nicht beim alten bleiben zu lassen, er brauche Geld, um Männer zu bewaffnen und zu bezahlen. Das sei schmählich, aber es werde aufgenötigt. Seine Brüder und Schwestern hätten vielleicht nicht Gewöhnliches, Überliefertes getan, aber ihre Ausrottung wolle er nicht ansehen. Das dürfte die Weiße Wasserlilie auch nicht. Sie hätten Schutz versprochen; jetzt komme er, um ihn zu holen.

Die Herren fragten. Man schwankte, ob man alle Saiten spielen lassen sollte und den glimmenden allgemeinen Volksaufstand anfachen. Der Anlaß war zu klein, die ganze Angelegenheit betraf nur zwei nördliche Provinzen; der ungeheure Süden wußte nichts. Man wollte wagen, was sich wagen ließe. Der Kaiser Khien-lung hatte Bewunderung, nie Sympathien gehabt; mit der Begünstigung des Lamaismus, den furchtbaren Verfolgungen hatte er Haß gesät. Die Feigheit, Besorgtheit der Kaufleute war längst zurückgetreten. Chen, von Wang mehrfach unterbrochen, gab die Besuche der Gelben Glocke und ihre Bedeutung preis. Man faßte sich bei den Schultern, Zöpfen, umdrängte Chen.

»Die Mandschus vertreiben«, wurde geflüstert. Das Geschlecht gezeichnet, der Kaiser halb irr, die Söhne verbrecherisch, ohne Ehrfurcht.

»Die Bannertruppen fallen ab«, rief man sich lachend zu. Was für ein Hohn für die Provinz, die bluttriefenden Totschläger vom Ili vor die Stadttore zu stellen. Der Kaiser liebt das Volk nicht.

Eisig fuhr es den Herren in die Glieder, als Wang in schwerer Bewegung erklärte, daß die Wahrhaft Schwachen selbst sich beim Beginn der Kämpfe bewaffnen würden; es sei für die Anhänger des Wu-wei Notwendigkeit da, sich des Schwertes zu bedienen. Sie müßten alle ihre Reinheit und Hoffnungen wie schöne Kleider und Weihrauch auf einen Altar von sich entfernen und vor ihm opfern. Kaiserliche Truppen müßten sie opfern, die letzte Dynastie, sich selbst; es bliebe nichts übrig. Als Wang dies hervorbrachte, sahen die Herren von ihm weg, beherrschten sich mühsam.

Chen gestikulierte im Gespräch. Ringgeschmückte Hände, warme Luftwirbel, Tuscheln. Wang atmete heftig, seine stark gefältete Stirn zuckte. Die Herren sollten beraten, ob sie ihm Geld geben wollten für Waffen und Soldaten. Ihre Anhänger an seine Seite neben die Wahrhaft Schwachen schicken. Man könne nicht wissen, wie es ausginge. Sie selbst sollten nicht zu viel dran setzen, damit nicht alles für später verloren sei, wenn es nicht gut verlaufe. Mit heftiger Stimme, die tief hinter der Brustwand hervorschwoll, endete er: nur zusehen könne er nicht mehr, seine eigene Aufgabe sei ein für allemal festgelegt; rasch, in ein paar Tagen müßten sie sich entscheiden, damit die Sache noch vor Beginn des Winters zum Austrag gebracht würde. Wieder wurde das Gespräch auf die Gelbe Glocke gelenkt. Chen zog Wang beiseite an den großen Wandschirm. Flüsternd saß man um die Tischchen, kauerte in den Ecken.

Der Ausgang der durch zwei Tage geführten Unterhaltung war: Vertrauenspersonen, deren Namen Wang-lun genannt werden, erhalten Anweisungen, ihm jede geforderte Summe aufs rascheste bereit zu stellen; der Einfluß der Weißen Wasserlilie in den nördlichen Provinzen wird mobilisiert, die Gilden zu aktiver Beteiligung bei ausbrechendem Kampfe angewiesen; Aufruhrpläne für die einzelnen Städte sind rasch zu entwerfen; wo Beteiligung nicht tunlich oder sinnlos ist, muß von Fall zu Fall entschieden werden. Man riet, jeweils die Situation zu benutzen, um mißliebige, ungerechte, bestecherische Mandarine zu beseitigen.

In der Hitze staubte Wang-lun die Kohlenstraße zurück, das Gebirge, das ihn schon oft verborgen hatte, nahm ihn auf; als die Ebene von Tsi-nan-fu aufschimmerte, hatte er keinen Blick für sie, lief achtlos nach Nordwesten; Schafherden, Kao-liangfelder, Reismühlen, ausgetrocknete Kanäle, Truppenpatrouillen. Kein Bettler auf den Landstraßen; gefangen, erdrosselt, in Städte verdrängt. Keine Brüder, keine Wahrhaft Schwachen! Das Bündnis mit den Geistern des Wassers, des Bodens, der Bäume aufgehoben, alle ohne Gnade zum Verwelken zwischen die Lehmmauern getrieben!

Wang reiste noch als taoistischer Doktor mit dem unruhigen Tang durch Kiang-su, als die Gelbe Glocke, auf der Suche nach Wang-lun an Ngoh gewiesen, mit seinen beiden Dienern in Ho-kien einritt und im Sippenhaus einer befreundeten Familie Wohnung nahm. Die beiden gewandten Diener, ihrem großmütigen Herrn unbedingt ergeben, in der Frühlingsluft auf den Plätzen, an der Mauer herumtreibend, stöberten den ehemaligen Hauptmann auf, der Turn- und Schießlehrer einer Gesellschaft städtischer Beamter geworden war, im Hause eines höheren Revisors unbemerkt lebte. Ngoh, verschlossen, schon halb von der Wu-weisache abgefallen, saß mit der Gelben Glocke an vielen Abenden in einem Pavillon des Revisorgrundstückes. Die Gelbe Glocke erklärte, für den Fall, daß Wang-lun nicht bald auftauchte, zusammen mit Ngoh den Widerstand gegen die Regierung organisieren zu wollen. Er könne für seine Regimenter, denn es hätten sich schon andere Offiziere angeschlossen, bürgen; die Organisierung der Volksmassen müsse einem andern überlassen bleiben.

Ngoh, lange lau, unter der Erinnerung an Wangs Abschied leidend, gesundete unter der ruhigen Entschiedenheit der Gelben Glocke. Als die Gelbe Glocke auf seinem Schimmel durch das Stadttor hinausritt, von seinen Dienern gefolgt, Ngoh neben dem Schimmel schreitend im schwarzen Bürgerkittel, schlossen sich ihnen Bettler, Brüder an, die den vermißten Ngoh stürmisch begrüßten und klagten. Die Gelbe Glocke, in Erinnerung an Ma-noh und die schöne Tote Liang-li, wandte tränend den Kopf ab, dann rief er die Bettler leise an als Brüder. An dem Hügel, den der tobende Wang-lun in seinem Schmerz um Ma-noh heruntergewälzt war im Schnee, vermochte Ngoh nicht vorüber zu gehen; er verabschiedete sich von der Gelben Glocke, der sich in den Bügeln aufrichtete, mit seinem langen Säbel grüßte, davon trabte unter weiß blühenden Bäumen.

In Ho-kien verbargen sich Massen der Wahrhaft Schwachen; die Weiße Wasserlilie herrschte. Ngoh sprang hetzend an.

Die Gilden der Ölhändler, der Lastenträger und Schmiede besaßen ein gemeinsames Klubhaus in der Stadt. Das unansehnliche Gebäude, mit Restaurationshallen, kleinem Theatersaal, nahm in zahllosen Zimmern die werktätigen Menschen auf, die aßen, sprachen, sich abtrennten, schliefen, Musik hörten, rauchten. Das Gerücht von Wang-luns Wiederauftauchen schlug ein. Zwischen die Mitteilungen von Truppenbewegungen unter Chao-hoei schwirrten die Aufforderungen des Schan-tungkomitees, keine Truppenübergriffe zu gestatten. Im Klub schrie man sich an. Ein alter Schmied, dem sein kleines ländliches Besitztum bei der Stadt Lint-sing verbrannt war, schüttelte in einer abendlichen Beratung stöhnend die Arme, verfluchte die Dynastie, verglich sie einer Schmarotzerpflanze. Li hieß der angesehenste der Lastenträger, ein robuster gerader Mann, der zu den Wahrhaft Schwachen gehörte, seit dem Sommer der Gebrochenen Melone in der Stadt wohnte. Während der Beratung kam ein junger Mensch aus seinem Nachbarhause in das lange Zimmer, hielt sich keuchend die Hand vor den Mund, berichtete stoßweise mit verstört geisternden Blicken, die Herren sollten aufpassen: Polizisten mit einer Rotte Soldaten durchsuchten das Haus, in dem Li bei Sippenverwandten gewohnt hatte; der Lastenträger selbst --. Als der junge Mensch hier nicht weiterkam, die zusammengedrängten Arbeiter über ihn herfielen, der Schmied ihm den Rücken klatschte, machte der atemlose verwirrte eine Handbewegung nach seinem Halse.

Da schlichen schon zwei ältere Gildengenossen herein, sperrten die Tür ab, japsten, Li sei ergriffen worden; Polizisten seien von Soldaten begleitet, die den Kopf Lis in einem Käfig auf ihren Lanzen trügen; die Sippenangehörigen des Toten würden eben ins Gefängnis transportiert. Der junge Mensch nickte weinend. Das flüsternde Durcheinander nahm ein Ende, das Durcheinander von Furcht, Wut und Drohung: jeder wollte in sein Haus.

Li war auf die Nachricht von Wang-luns baldigem Eintreffen aus südwestlicher Richtung dahin aufgebrochen, mit zwei langen Messern und einem versteckten Dolch; als Bettler an einer Soldatenrotte vorbeigehend, nicht weit von der Stadt, fiel er durch seine Ruhe auf; sie stellten ihn, er gab Auskunft über Person, Wohnort; das weitere verlief wie bei dem alten Chu und zahllosen anderen. Nach Zugehörigkeit zu den Wahrhaft Schwachen gefragt, meinte er, er sei Bettler und ginge seinen guten Weg; angefaßt zur Durchsuchung setzte er sich zur Wehr, kam rasch um, sein Kopf kehrte nach Nordosten zurück.

Der Soldatentrupp lagerte in einem alten Regierungsjamen innerhalb der Mauern. Die Nachtwächter trommelten die erste Nachtwache; die Gildengenossen hockten in dem langen Zimmer des Klubhauses bei verhängten Fenstern. Als einer auf das verabredete Klopfen die Tür öffnete, wand sich ein einzelner schlanker unbekannter Mann herein, wurde rasch festgehalten; man leuchtete ihm ins Gesicht, das berußt war; es war Ngoh. Mehrere pfiffen, was er hier suche; seine Wühlereien in befreundeten kleinen Genossenschaften waren bekannt. Er bat höflich um Schutz; er fürchte sich, da der Revisor ihn gewarnt hätte und er warne sie selbst; es verlaute, daß man in der Stadt auf größere Truppenmassen warte, um über verdächtige Gilden zu fallen. Die Ängstlichen, um den niedrigen Tisch mit Teetassen gehend, riefen, er brauche sie nicht zu warnen; was er hetzen wolle?

Ngoh entblößte seinen rechten Arm, zeigte drei große strahlige Brandnarben, die ihm Ma-noh beigebracht hatte auf seinen Wunsch:

»Meine Arme sehen nicht schön aus. Erst habe ich dies als Male meiner eigenen Befreiung aufgefaßt; jetzt als Male meiner Fesselung. Wenn ihr mich schimpft und wartet, werdet ihr andere Fesseln tragen, liebe Herren. Die Fasane schreien, die Leoparden, Löwen brüllen; ihr wißt schon, welche Goldfasane ich meine; die Panther von Chao-hoeis Soldaten, die Literatenlöwen. Aber schimpft!«

»Du warst selbst Panther! Sieh deine Hände; so weiche Finger hat keiner aus dem Volk!«

»Warum bist du aus deinem Käfig ausgebrochen, Ngoh?«

»Er glaubt er ist besser, als die Soldaten drüben.«

»Schimpft nur, ich will die Male nicht beflecken, indem ich sie von euch begaffen lasse. Wenn ich Panther bin, seid ihr Hunde und Katzen. Es tut mir leid, daß ich euch gestört habe. Oder: Hunde ist zu gut gesagt; Hasen, Bohrwürmer, Maden.«

»Hetzer!«