Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 30
Den wollte er in der Nähe ansehen, den Menschen, der da feist schlief auf seinem Teppich; ei, der sich gefangen hatte, der Fuchs mit dem lahmen Bein. Der hatte sich gut gefangen; nicht einmal die Wachen hatten etwas bemerkt.
Stier und vorsichtig auf Kia-king losschleichend hielt er vergeblich seinen Atem fest, der kollerte und sägte. Da dunkelte ein Schwindel über seinen Rücken, zwischen die Schulterblätter gegen den Hinterkopf. Er segelte langsam um auf die Hände.
Kroch auf den vieren weiter, mit höllischem Vergnügen, schadenfroh, als er mit dem linken Daumenballen etwas Knackendes zerpreßte und die Hand aufhob. Er hielt sie dicht an das Auge, leckte den Perlensplitter mit der Zunge weg, spuckte ihn aus. Den Kopf schaukelnd duckte er sich eine Weile über den Splitter. Eine große Perle blinkte gerade vor ihm auf dem Teppich. Khien-lung verlängerte das Gesicht, riß den Mund auf. Er fuhr mit der Hohlhand sachte von oben über die Perle, als wenn er Fliegen fing, zog sich nach vorn, glotzte sprachlos abwechselnd auf den dicken Kia-king und die Hand unter sich. Dann tastete er zweifelnd mit der Linken nach seiner zerrissenen leeren Kettenschnur. Und breitbeinig, mit horizontalen Armen balancierend schwankte er aufrecht gegen Kia-king vor, die eine Perle in der Faust, die Brust kochend, raffte im Vorübergleiten von einem Tischchen einen zerbrochenen Buchrahmen, schlug hinstolpernd mit Fluchen, dumpfem Geschrei auf Kia-king ein. Kia-king schnellte hoch, kreischte; sie rangen.
Der Gelbe Herr brüllte heiser: »Der hat meine Perlenkette zerrissen, der Schuft, der Mörder, der dicke Dieb.«
Verzweifelt krächzte er, als ihn Kia-king umlegte: »Alle hat er zertrampelt. Meine schönen Perlen. Wache! Wache! Meine Halskette wirst du mir wiederbringen. Mord!«
Auf den Korridoren rumorte es; Lichtschimmer durch die Türspalte. Waffenklirren. Aufspringen der Türe. Der anschwingende Eunuch riß sie auseinander, löste ihre Finger, hob Kia-king an und fuhr ihm mit der geballten Faust in den Rachen. Zurückprallend beim Blick der erstickenden Augen erkannte der Mann Kia-king. Um Khien-lung, der sich wälzte, zwei Wachen. Der Prinz, ächzend, orientierte sie mit atemlosen Silben.
Der Kaiser brüllte auf dem Teppich, mit den Armen nach Kia-king greifend, schluchzte, jammerte, zeigte seine zerrissene Perlschnur: »Mörder! Meine Halskette wirst du mir wiederbringen. Haltet ihn fest!«
Schnappend tastete sich der Prinz an die kühle Luft.
An dem Steinpfeiler fand er den Strick angebunden, genau solch Strick, wie Khien-lung um den Hals trug; in der Schlinge steckte ein trockener vielzweigiger Baumast. Der Dämon hatte sich schon verwandelt.
Der krankhafte Zustand, in den Khien-lung verfallen war, dauerte zwei Wochen. Während dieser Zeit wurde der Knebelbart des Kaisers völlig weiß, sein Gesicht wie eine Mumie.
Als er genas, saß Kia-king bei ihm; der Kaiser erinnerte sich nicht an die Vorgänge der Nacht.
Der Schnee tanzte über der Purpurstadt; der Kaiser nahm wieder die Regierung in die Hand. Da sprach er in einem der riesigen Treibhäuser unerwartet einmal über die Sektenangelegenheit mit seinem Sohne.
Kia-king, völlig über die Entwicklung des letzten Sommers orientiert, schwoll von Vorwürfen gegen die Bündler über, die das Land zerrütteten und verarmten.
Khien-lung äußerte mit der Apathie eines Verfallenen, daß sich die Ahnen schlecht über ihn ausgesprochen hätten, daß der lamaische Papst nicht hätte raten können und wie schwer die Angelegenheit sei.
Da beschwor der Prinz seinen Vater, indem er ihn aus der Nähe des heißen Ofens führte, sich zu erinnern, wodurch sich das Reich unter seiner Regierung ausgedehnt hätte, ob durch Milde oder kriegerische Strenge, daß Kung-tse und andere Weisen Duldung empfohlen hätten, nicht aber gegen Rebellen. Ja es mache sich der Herrscher eines Verbrechens gegen seine Untertanen schuldig, der nicht Rebellen, welcher Art sie seien, mit dem Schwert und Beil niederschlüge.
Khien-lung stand mit dem abgefleischten Gesicht gegen eine Fächerpalme und pellte einen langen Rindenstreifen ab. Worüber also, meine Kia-king, seien die Ahnen erbost und hätten ihre Zeichen gegeben?
Über die Schwäche im Angriff, über die Nachlässigkeit der beteiligten Behörden; eine Warnung sei das Ereignis gewesen; eine Mahnung, an das Schicksal der achtzehn Provinzen zu denken, welches unabwendbar heraufziehe, wenn Neuerer, Schwärmer, Halbnarren und Schwindler ungestört das kenntnislose Volk beirrten. Und mit blitzenden Augen sprach Kia-king auf den Gelben Herrn ein, der öfter mit abwesenden Blicken das pralle mienenbewegte Gesicht seines Sohnes streifte. Es würde der ganze Westen über das Blumenland stürzen. Statt daß Tibet ein Tributreich des Ostens sei, unterliegen die achtzehn Provinzen den Hirngespinsten phantastischer roher Pfaffen. Die Lamas bedienten sich feiner Waffen. Und wie lange würde es dauern, dann würden die langnasigen Weißen aus Indien sich einstellen, und die rotborstigen Barbaren mit Knuten von den nördlichen Grenzen. Die klare uralte Weltregelung des Weisen von Schan-tung ginge verloren unter dem Schwall ungezügelter Träumerei westlicher Barbaren. Kung-tse müsse geschützt werden. Das Schwert müsse rechtzeitig gehoben werden.
Sie schleppten zwischen den Palmen und Kakteen ihre Leiber schwer atmend auf und ab. Ein Silberfasan stolzierte vor ihnen auf den wasserbetropften Marmorplatten; seine roten Füße setzte er mit einem plötzlichen gnädigen Entschluß; geziert bog er seinen blauschwarzen Hals, um den Glanz seiner Federn aufleuchten zu lassen. Vor dem bebuschten runden Stamm eines Ölbaums trennte sich Khien-lung von seinem Sohne. Die eingesunkenen Augen Khien-lungs, fältchenumrahmt, blickten unruhig. Er sagte zu Kia-king, dem er einen Arm auf die Schulter legte, er möchte sich zu den folgenden geheimen Beratungen einfinden.
* * * * *
In den folgenden Besprechungen, bald mit Kia-king, bald mit A-kui, Song, Chao-hoei, wand und bog sich der alte Kaiser, wie ein Lebensmüder, den man retten will. Er wollte diesen blitzartig erleuchtenden Vorschlag Kia-kings nicht annehmen; er hatte sich tief in hoffnungslose Verworrenheiten hinein verloren, es war eine heimliche selbstquälerische Freude, die ihn hier festhielt. Schwer wurde der Entschluß zu hoffen. Eine dunkle Scham kam hinzu, die des geretteten Selbstmörders vor dem Leben.
Die Deduktionen keiner Beratung hätten das vermocht, was dem feinen Takt Kia-kings gelang. Der Prinz schwieg über die früheren Ereignisse, ließ seine ganze Schlaffheit sinken, warb um den Kaiser, den er anbetete um dieses inneren Zwistes willen.
Als Khien-lung, halb geneigt zu folgen, heimlich erfreut über seinen Sohn, mißtrauisch wurde, griff Kia-king zu einem Gewaltmittel. Er zeigte sich betroffen über den Widerstand seines Vaters, stimmte ihm bei, verließ bei einem Besuch den aufgewühlten Kaiser mit nervösen Worten, unsicheren Bewegungen, blieb in seiner Wohnung.
Dem Kaiser, der ihn bald aufsuchte, gab er sich trostlos, weil es also wahr wäre, daß ihre glanzvolle Dynastie von den Ahnen verlassen sei. Der Gelbe Herr, ungläubig, starr, aufgespalten von einem Beilwurf, suchte sich angstvoll jammernd den Rest von Hoffnung zu retten, hielt stotternd Kia-king dieselben Argumente vor, mit denen ihm Kia-king gekommen war. Der feiste Prinz näselte, grapste tränenselig an den Gründen herum, beschnüffelte sie, vom Kaiser in jedem Atemzug, Wimpernschlag belauscht. Sie schoben sich ächzend hin und her, Khien-lung jeden Augenblick sein Todesurteil fürchtend, beide gegeneinander minierend und sich hitziger aufstachelnd, sich Entschlüsse abringend. Der Kaiser bot seine ganze blau und grün gewordene Verzweiflung auf. Er mußte das träge bockige Flennen seines Sohnes überwältigen. Bis Kia-king nachgab und sich gekränkt umwarf.
Das Spiel war gewonnen. Der Kaiser fühlte sich an Kia-king in einer dunklen Beziehung gekettet. Khien-lung grollte noch tagelang; man durfte mit nichts Politischem kommen.
Dann hatte er angebissen. Als wenn es von ihm käme, schleuderte er mit einem rauchenden Zorn den Wunsch einer gewaltsamen Unterdrückung der Rebellion in den Hohen Rat.
Drei Wochen vergingen nach jener Nacht. Da trugen Kuriere in die winterlichen Landschaften den Erlaß des Kaisers hinaus, der unter Mitwirkung des gesamten Ministeriums, unter Hinzuziehung der ältesten Prinzen und aller Zensoren formuliert war.
Die Kundgebung bestimmte die Anwendung des Ketzereigesetzes in verschärfter, genau angegebener Strenge auf die Sektierer der nördlichen Provinzen. Jeder Widerstand sollte als Rebellion gefaßt werden. In dem Erlaß klagte der Kaiser, auf wie schlechten Boden seine frühere Milde gefallen sei. Die sofort einzusetzenden militärischen Maßnahmen zur Unterdrückung des Aufruhrs würden erfolgen unter Chao-hoei, dem besondere kaiserliche Vollmacht und der Oberbefehl über die Provinzialtruppen der beteiligten Gebiete verliehen sei.
Das Land möge sich nicht beunruhigen.
Der Drachenthron würde die Lehren Kung-tses und des Himmels verteidigen.
Viertes Buch
Das Westliche Paradies
Die Veröffentlichung des winterlichen kaiserlichen Erlasses stieß auf keinen stärkeren Widerstand. Wenige östliche und südliche Präfekturen in Tschi-li unterschlugen die Befehle. Im übrigen brauste der Erlaß als ein Kampfruf über die nördlichen Provinzen.
Chao-hoeis Truppen, die gefürchteten Mordbrenner vom Ili, rückten in die nördliche Provinz ein. Ein paar hundert herumstreifende Brüder und Schwestern, auf die man in Rotten stieß, wurden ergriffen, nach ihrer Vernehmung hingerichtet, kleine Trupps, die Widerstand gegen die Gefangennahme leisteten, waren rasch umstellt, niedergeschlagen, nach Folterungen in Stücke zerschnitten. Es bedurfte zu diesen Ereignissen nur weniger Wochen, dann gähnte Chao-hoei in der nördlichen frierenden Provinz, konnte nicht nach Pe-king Unterwerfung melden und konnte nicht angreifen. Die Wahrhaft Schwachen waren vom sichtbaren Erdboden verschwunden. Überfälle auf gefangene Boten, Briefe bewiesen, daß sich die Geheimbündler in die Städte und Dörfer verschoben hatten, daß die Bevölkerung sie aufgenommen hatte und daß mit einem Schlage riesige Massen hinter den Wahrhaft Schwachen schwelten. Die Weiße Wasserlilie tauchte auf wie das Gespenst einer brutalen undurchdringlichen Menschenwand. Weder Chao-hoei, noch die Tsong-tous von Tschi-li und Schan-tung trauten sich zu prüfen, wie diese fürchterliche Freimaurerverbindung zu den Wu-wei-leuten stünde. Ein eisiger Winter brach an.
Es war nach dem letzten Kampf einer Bündlerrotte mit den Regulären, als sich fünf Händler aus jenem Dorf, bei welchem der Kampf stattgefunden hatte, aufmachten und mit ihren Segelkarren nach Süden zogen. Dieses waren entschlossene Brüder, welche Wang-lun holen wollten. Hochgetürmte einrädrige Karren ließen sie im frostprustenden Wind vor sich laufen, über den gefrorenen Schnee rollten sie wie auf Schienen. Nur zwei von ihnen verstanden den Dialekt der südlichen Provinz, in die sie reisten; aber die drei andern waren kräftige Burschen, die sich auf Schlagen und Landstraßenwälzen verstanden. Tang, einer von ihnen, war, als Ngoh anordnete, man solle sich verstecken, mit einer Anzahl anderer auf die Dörfer gelaufen, suchte Rebellion gegen die Mandschus zu schüren, erlahmte bei diesem Treiben. Er faßte es als ein Zeichen auf, daß er der letzten Umzingelung durch die Kaiserlichen entrann, überredete rasch seine Begleiter, mit nach Süden zu reisen zu Wang-lun. Er wußte von Ngoh den Aufenthaltsort Wangs. Nach einer Tagereise kehrten sie um; Tang suchte sich eine Legitimation zu verschaffen für Wang-lun. Bei dem Dorf wieder angelangt, fand man aber den alten Chu nicht mehr, der, wie er oft erzählte, auf den Nan-ku-bergen die Geburtsstunde des Bundes miterlebt hatte; bei der Plünderung des Dorfes hatte er sich verdächtig gemacht und nun lag der alte Fanatiker, dem bei dem zudringlichen Ausfragen die Galle übergelaufen war, neben einem geborstenen Maulbeerbaum im weichen Schnee und hielt seinen steifgefrorenen Kopf zwischen den Füßen. Sie warteten die Nacht ab, begruben den Körper hinter der Mauer des Magistrats, damit er der verräterischen Behörde Unglück bringe, wälzten den klebrigen Kopf in einen Salzeimer, den Tang an der Lenkstange seines Karrens führte und hatten nun die Legitimation, die sie brauchten. Viel ist später über die Fahrt dieser fünf einfältigen Brüder nach dem Hia-ho, wo Wang-lun wohnte, gefabelt worden. Wahr ist sicher, daß man in allen Städten und Orten hinter ihnen tuschelte; die Zopfschnüre, Lampen, Dochte, Federblumen, Seidentücher, Tabaksdosen, die sie verkauften, warf man nach ein paar Tagen weg in Angst behext zu werden; die, welche Süßigkeiten von ihnen gekauft hatten, behaupteten, Kriebeln in den Fingerspitzen zu spüren, Absterben der Zunge, und gaben sich Mühe zu erbrechen. Man erschrak über das rasche Erscheinen und Verschwinden der Händler; der enorm niedrige Preis, zu dem sie verkauften, erregte hinterher Verdacht, dazu der grimmige tiefsinnige Gesichtsausdruck Tangs, der über den Tod des alten Chu trauerte; auch die sonderbare Ängstlichkeit der fünf Wanderer. In ganz anderer Weise sollte drei Monate später Tang mit Wang-lun dieselben Ortschaften durchwandern; freudig still neben dem freudigen und stillen Wang-lun, beide im herrlichsten Frühling in die Mäntel taoistischer Doktoren gehüllt; sie schoben abwechselnd einen kleinen Handwagen mit geweihtem Zauberwerk; auch an der Deichsel dieses Wagens schaukelte der Salzeimer mit dem Kopfe des toten, hitzigen Chus, den sie neben seinem Körper vergraben wollten. Die Provinzen Tschi-li, Schan-tung und Kiang-su durchhetzten die fünf Händler, sie hielten sich an die Richtung des Kaiserkanals; das reiche Tiefland dehnte sich unermeßlich nach allen Seiten. Den Jubel des Neujahrsfestes, Lärmen, Knattern der Bambushölzer erlebten sie in Schan-tung; jeder Festtag ließ sie das Vorrücken der Zeit empfinden, blies in ihre Segel, kniff in ihre Waden. Tang trug viel Geld bei sich, das er unter Drohungen einem Kaufmann in Tschi-li abnahm, bevor er auf die Dörfer lief, sechs starke Barren Hacksilber, die er in den Boden seines Karrens versteckte unter einer Bretterlage. Sie mußten viermal ihre Warenbestände erneuern, sich selbst zweimal einkleiden auf dem Wege, um als Händler der Gegend zu erscheinen, die sie durchfuhren. In Kiang-su war es schon Frühling geworden. Zuletzt mußte man sehr langsam reisen, weil Chen, ein Natternhändler, einer der sprachkundigen des Zuges, beim Fang eines Tieres in den Hacken gebissen war; die feine Rißwunde flammte auf, heilte nicht, ja an manchen Tagen blühte das ganze Bein schwellend wie ein Kuchenteig. Die Häuser wuchsen höher, hatten weiße Stirnen, waren umrankt von Efeu, Kürbis, seltsamen breitblättrigen Pflanzen. Die Dachverzierungen wurden prächtiger. Dunkle Menschen begegneten ihnen, die sehr rasch, auffallend laut und weich sprachen. Auf vierrädrigen Büffelwagen holperten Bauern vorbei; breite Flüsse, welche die Einwohner verschieden benannten, schaukelten Städte von Booten, in denen die Menschen wohnten. Der schreckliche Hwang-ho wurde überschritten; über den Hwai-ho setzend, bogen sie östlicher ein. Sie näherten sich dem Hia-ho, dem seenreichen Gebiet nördlich vom Jang-tse-kiang, das sich in fruchtbarer Niederung vom Damm des Kaiserkanals bis an den meerabwehrenden großen Damm Fang-koung-ti erstreckte. In dem Marktflecken Fou-ngan, an der südlichen Grenze des großen Damms, sollte ein Mann namens Tai wohnen. Dies war Wang-lun. An den Grundstücken der großen Salzsieder knarrten die fünf Händler vorbei, ein reger Wasserhandel wurde hier getrieben. Auf dem Damm wogten die Pflanzungen von Baumwolle, Ölbohnen, Mais.
An einem stürmischen Mittag langten sie in Fou-ngan an, krochen in ihre Herberge, schliefen bis zum lichten Morgen. Tang machte sich an den Wirt, einen älteren schlauen Gesellen, der leise herumging, fragte ihn nach den Ortsverhältnissen, nach kaufkräftigen angesehenen Leuten, erfuhr dabei die Wohnung Tais, der eine Baumwollpflanzung besitzen sollte, zurzeit auf Fischjagd lag.
Die zunehmende Erkrankung des glücklosen Natternhändlers, sein überkochendes Fieber erübrigte eine Begründung für ihr langes Verweilen am Ort. Sie brachten ihre Karren in der Herberge unter, Tang schob seinen kostbaren Karren durch die lange Dorfstraße, die drei andern Männer liefen hinterdrein. Sie kauerten am Ufer des Jang-tse hin, der breit wie ein See in wilder Strömung nach dem Meere rollte. Sie hatten bis zum Abend lange Stunden Zeit, das schlammige gelbe Wasser zu betrachten. Wie in Tschi-li flogen die Tauben in Schwärmen über ihnen, tönend wie Äolsharfen; wunderbar fein klangen die Pfeifchen in ihren Schwanzfedern, wenn sie sich näherten. Niedrige Felsklippen faßten beiderseits dem Meere zu den Fluß ein, an den Felsbuchten gab es ein Schweben und Senken der Mandarinenten. Im Rücken der vier träumenden Händler tappste der Lärm, Wasserträger schrieen, die Saat wurde auf die Felder geschleppt, Bootzieher trabten nach den Querkanälen.
Gegen Abend sprangen die vier auf und rieben die Knie. Eine Flotte von vierzig flachen Dschunken näherte sich dem Dorf, legte an. Die Tschi-li-läufer stellten sich in die Gruppe der ausgestiegenen Fischer, die Körbe und Netze von den Fahrzeugen trugen. Frauen und Kinder zwitscherten den Damm herunter. Der Himmel schwankte und schwappte wie ein übervoller Bottich von Purpur, hochgelb, violett. Der Name Tai wurde von Trägern gerufen, ein riesengroßer Mann mit magerem Gesicht antwortete, der Korb nach Korb von den rüttelnden Planken eines Schiffes räumte. Die vier Tschi-li-läufer stießen sich im Gedränge. Sie legten einander die Arme um die Schultern und ihre beweglichen Augen glänzten. Lauter wurden die Schreie, das Scharren durcheinander, als die Fischer in die langen, schmalen Gehege uferentlang ihre Beute hoch aufgeschultert stampften. Tang stand schon mit seinen Freunden an dem Gehege des knochigen Mannes, wartete bis zum Ende des Verstauens. Sie folgten Tai, als er über eine sonnenbeschienene Bodenerhebung mit baumelnden, großen Händen allein ins Dorf stieg. Der Karren des breitschultrigen Tang querte seinen Weg. Tang bot dem wassertriefenden Barfüßler im Vorüberrollen einen großen roten Frauenschal an. Der Fischer: »Heb ihn hoch, sonst wird er naß.«
»Tut nichts«, meinte Tang.
»Aber unser Boden wird rot«, grinste der Knöcherne stärker, schlürfte an dem Karren vorbei. Sie fuhren hinter ihm her. Tang sauste quer über den Weg, der zwischen steile Tung-chu-bäume führte. Tai stehen bleibend, schrie dem ungeschickten Händler ein wütendes »Ho-oooh!« zu. Der Händler aber seinen Karren festhaltend, der ihm im Schwung fortrollen wollte, riß mit der freien linken Hand den Salzeimer von der Deichsel: er wolle ihm noch etwas anderes anbieten; vorher hätte er sich vergriffen; dies hier färbe auch rot. Die schnüffelnde Nase des Fischers fuhr zurück vor dem auf der rosigen Salzkruste herausragenden Halsstumpf. Die drei andern Männer trollten herzu, hielten den zappelnden Karren. Tang stellte sich höflich neben den Fischer, dessen kleine Augen von einem zum andern hüpften. Den Eimer auf den Boden gesetzt, zog er am Stumpf den Kopf des alten Chu heraus, drehte noch im Eimer das Gesicht nach oben. Tai bückte sich tiefer, tiefer herunter, hockte ohne Wort neben dem Eimer, die Hand des Tang fortstoßend. Er schien Merkmale von dem stinkenden schwarzbraunen Leichengesicht abzuzählen: den kleinen zusammengeklebten Kinnbart, die geriefelte Haut, die dicken Augensäcke, den vorragenden Unterkiefer. Dann blickte er an dem Holz des Gefäßes entlang, stubbte den Leichenkopf zurück, sprang auf, wischte sich die Hände im Sand und ging, mit den Fäusten den vier drohend, die er »Strolche« angiftete, mit langen Schritten zum Dorf hinüber.
In ihrer Herberge unterhielten sich die fünf in der Kammer des Natternhändlers. Tang mußte die andern beruhigen. Ob sie geglaubt hätten, die Sache wäre mit vier krummen Buckeln und einem Grinsen abzumachen.
Der Wirt wußte schon, daß sie sich mit Tai unterhalten hatten, daß er ihnen aber nichts abgekauft hatte. Er riet ihnen, sich ganz früh bei der Abfahrt der Kormoranfischer am Fluß einzufinden. Da strömten Frauen und Männer zusammen. Ihnen läge doch nicht gerade an Tais verschlossenem Beutel.
Als der scharfe Morgenwind über den Gelben Fluß seine prallen pfeifenden Luftsäcke entleerte, standen die vier unter den rüstenden Leuten. Dutzende lange Flöße schwankten auf dem Wasser, schmal, vorn wenig aufgebogen. Eine Anzahl glitt im weißgrauen Morgenlicht stromabwärts, von Männern, die auf dem Vorderteil des Schiffs mit Ruderstangen liefen, geführt. Als Tai über den Sand drei lange Schiffsstangen hinter sich schleifte, löste sich aus der Gruppe der vier Händler Tang gegen ihn zu. Gleichzeitig sah der Fischer sie an und rief. Sie sprangen zu. Nachdem sie Stangen und Netze auf sein Floß geworfen hatten, das eine große Breite aufwies, stiegen sie mit ihm auf das Floß. Er gab jedem der Männer, langsam um sie herum gehend, einen Platz und eine Stange. Vor jedem Platz auf den schwankenden Brettern stand ein hoher Korb, auf dem hinteren Floß schrieen und hüpften die abgerichteten Vögel, die Kormorane.
Während die Fischer der Strömung folgten, um Klippen und Sandbänke glitten, tauchten die Vögel, watschelten vor dem Floß, brachten feuchtigkeitsprühend Fische im Schnabel an, die sie in den Korb fallen ließen, nach ihnen hackten. Die rudernden Männer, torkelnd, breitbeinig, sprachen im Tschi-li-dialekt miteinander, ohne sich umzudrehen. Tai fragte, wo sie im Dorf wohnten und wo der Eimer wäre. Als Tang geantwortet hatte, unaufgefordert vom Tode Chus präludierte, Wang-lun gleichmütig ihn hieß, seine Arbeit zu tun, dann würde es ihm gut gehen, schwieg ihre Unterhaltung. Langsam schwammen sie, von Wang gesteuert, gegen eine schwarze senkrechte Uferklippe, ließen die übrigen Flöße vorüber. Das gelbe Element schäumte, rieselte unter ihren nackten Füßen, die Vögel flatterten.
Wang-lun drehte sich um: »Ich habe euch schon gestern gedroht. Ihr habt hier nichts zu suchen, mit dem Kopf des alten Chu. Ich werde euch ins Wasser werfen.«
Tang erwiderte, es sei einer von ihnen in der Herberge, sie fürchteten sich nicht.
Verächtlich fixierte ihn der Fischer, hieb abstoßend in die Klippe. Sie schwammen weiter über den Strom. Als sie ruhiger arbeiteten, schrie einmal Wang plötzlich: es sei eine Kinderei, eine Niedrigkeit, den Kopf des alten Chu durch alle Provinzen zu schleppen. Wozu? Wem sie damit einen Gefallen täten? Chu sei alt, erfahren, hätte genug Provinzen durchwandert, sie hätten ihm Ruhe gönnen können.
Tang erwiderte, Chu sei noch zuletzt unter die Kämpfer gegangen; er habe gewünscht, ruhelos weiter gegen die Füchse, die Pelzdiebe, die Mandschus zu kämpfen, und das wäre ihm jetzt gegönnt.
»Wodurch?« fragte Wang.
Tang trat einen Schritt näher: »Das weißt du selbst. Er wirbt zum Kampf.« Tangs Augen blitzten.
Wang-lun drohte: »Ich werde euch ins Wasser werfen.«
Tang höhnte: »Die Kormorane werden uns wieder in deinen Korb legen.«
Wang-lun: »Fressen werden die Haie euch.«
Wang-lun und Tang taumelten sich auf dem Floß mit geschwungenen Ruderhölzern entgegen. Tangs Holz sank. Der Mann warf sich auf die Knie: »Ich will ins Wasser springen. Verlangst du?«