Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 29

Chapter 293,751 wordsPublic domain

Geige, Laute und Frauenstimme sangen auf den Wunsch des Gelben Herrn noch dreimal das Lied Tu-fus von der Vergänglichkeit.

Dann erhob sich Khien-lung. Ein Eunuch stand neben Kia-king und flüsterte ihm ins Ohr. Tanz, Gesang, Schmauserei wurden unterbrochen vom feierlichen neunmaligen Berühren des Fußbodens.

Während in der Halle die Fröhlichkeit zunahm, die wilden Bändertänze zu der stachelnden Musik geschwungen wurden, Spieler in grünen und roten Säcken auftauchten, sich sonderbar umringten, gegeneinander wühlten, schritt der Gelbe Herr hastig neben Kia-king unter der unnahbaren Schwärze der Zypressen, die ihre finsteren Flammen, Säule neben Säule, zu dem rosigen Abendhimmel rauchten.

Khien-lung verlangte von seinem Sohne, dessen schokoladenbraunes Obergewand bei dem raschen Vorwärtsschreiten brandrote Falten warf, sich über das Vorkommnis zu rechtfertigen, das er kenne.

Kia-king seufzte, er antwortete nicht gleich; drückte seine Gereiztheit und Ungeduld herunter, wies leise auf seine Briefe hin, die er nach Jehol bei dem Hochverrat Mien-khos gerichtet hatte.

Das genügte Khien-lung nicht; er verlangte mündliche Rechtfertigung; das Wort »Entschuldigung« entfuhr ihm und gab Kia-king einen Wink.

Der Kaiser wollte Frieden. Kia-king staunte. Es lag etwas Peinigendes in der Vorstellung, daß Khien-lung sich schwach fühlte.

Kia-king übertrieb seine Höflichkeits- und Ergebenheitsäußerungen, erklärte sich schlicht schuldlos, ohne den geringsten bitteren Ton anzuschlagen.

Der Kaiser brach in wilde Vorwürfe aus; sie seien hier in der Purpurstadt eine saubere Gesellschaft; nach dem Leben trachteten ihm seine Kinder, alle Ehrfurcht vor den Eltern sei hin; er könne Kia-king nicht stark genug versichern, wie genug er davon hätte, Vater von Söhnen zu sein, die die Gesellschaftsordnung kaum dem Namen nach kannten. Das Alter käme an ihn heran, sie hätten es richtig beobachtet. Das Verhalten seiner Kinder ekle ihn; er schäme sich für seine Kinder.

Ohne auf die Anklagen einzugehen, seufzte Kia-king, er habe gehofft, dem toten Paldan Jische sei es gelungen, die Unruhe des Vaters zu beheben. Ob nicht das große Lehrerjuwel ihm in Jehol geleuchtet hätte und den Weg beschienen hätte.

»Den Weg beschienen! Kia-king, wir sind keine jungen Knaben. Sieh einmal hin, wie mir dieses Juwel geleuchtet hat, bevor es erloschen ist: ja, hat es mich nicht betrogen, dieses Lehrerjuwel, bevor es erlosch? Die Präfekten schicken mir Berichte auf Berichte vom Aufruhr; ich freue mich, daß es so schön brennt. Und das ist Paldan Jische gewesen, der Pantschen Rinpotsche, der Weisheitsozean, die Kostbarkeit vom Gnadenberg. Es wäre dazu nicht so viel Weisheit nötig gewesen.«

Kia-king flüsterte, vorsichtig sondierend: »Der fremde Mann kennt nicht die Bodengeister unseres Landes. Er redet und erwägt mit Weisheit. Man kann kaum mit tibetanischer Weisheit östliche Menschen beruhigen.«

Khien-lung streifte seinen Sohn mit einem fremden Blick; er wurde finster, als er sich wieder den Zypressen zuwandte. So fremd ging er neben dem Kia-king, unter dessen Abwesenheit er gelitten hatte. Sie nahmen zum Entsetzen Kia-kings auf jener Bank unter der Thuje Platz, in deren Erde die Gespensterpuppe Mien-khos und der Dame Pei begraben war. Der Kaiser ließ sich wuchtig auf die kleine Holzbank fallen, streckte das Kinn vor, blickte auf die Erde, die er mit seinem Fächer anwehte, sprach weiter, während er Kia-kings Augen nicht losließ.

»Du sollst mein Nachfolger sein, Kia-king. Ich gebe die Hoffnung auf, einen besseren Nachfolger zu finden. Ich mag nichts mehr hoffen, ihr habt mir das vergällt. Hier, sieh, diesen kleinen Schlüssel, der zu meinem Schreibtisch paßt; wenn mich der Himmel rufen sollte, so wirst du meinen Schreibtisch öffnen und ein Schreiben im Buche Li-king finden, das dich zum Thronerben ernennt.«

Er fixierte immer weiter Kia-kings feistes gleichmütiges Gesicht. Kia-king blickte traurig vor sich hin; in seinem schlaffen linken Augenlid zuckte es: »Ich möchte nicht Ihr Nachfolger sein, Majestät. Ich sehe keinen Unterschied in Ihrer Art, Pou-ouang nach dem Ili und mich auf den Thron der Tai-tsings zu schicken. Sie klagen mich an. Ich habe es nicht verdient.«

Beide schwiegen. Das feine Singen aus der Halle der Gäste tönte herüber: »Ach, wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft.«

Der Kaiser schien das Gespräch vergessen zu haben. Kia-king war tief erstaunt über den außerordentlichen Wechsel im Gesichtsausdruck des Vaters; es gab ein Hin und Her von kräftigster Anspannung und völliger Erschlaffung. Daß Khien-lung eingefallene Schläfen von Jehol zurückgebracht hatte, einen Mund, dessen Bewegung und Linien die Schärfe verloren hatte, merkte Kia-king erst jetzt. Zunächst schien der Kaiser die alte Impulsivität zu besitzen, aber es brach aus den Augen öfter etwas Hilfloses, Jammerndes, Ängstliches, das an Khien-lung neu war. Besonders erschreckte Kia-king jetzt ein manchmal auftretender lauernder, gehetzter Ausdruck, der sich regelmäßig vor der Apathie einstellte. Den Prinzen lähmte dieser Ausdruck selbst so, daß er sich kaum erwehren konnte, in seinem unklaren Unglücksgefühl davon zu gehen.

Er fragte, als er merkte, daß Khien-lung dauernd dem fernen Gesang lauschte: »Mein Vater hat lange Tage die Weisheitssprüche des Westens hören dürfen. Sie wollten davon sprechen.«

»Von Paldan Jische?«

»Ja.«

»Oder von dieser Bank? Sie gefällt mir mehr als Paldan Jische. Du kennst doch diese Bank? In einer Neumondnacht sind hintereinander diese drei, vier geschlichen: die halbblinde Dame Pei, der dicke Mien-kho, Pou-ouang, ein Kind mit einem Verbrecherherzen, die Frau Jing, die ich nicht kenne. Ich war der fünfte, Kia-king. Ich saß zwar in Jehol, oder in dem Kloster Ko-lo-tor und schlief; aber die Dame Pei hatte mich bezwungen, während ich schlief. Das ist möglich, daran ist nicht zu zweifeln; ich kenne es von meinen Krankheiten her, wenn ich mich verliere für ganze Wochen und mich wiederfinde. In die kleine Jadepuppe hat sie vermocht mich hinein zu quetschen, mich weggezaubert mit einer Handbewegung so oder so oder so; und dann trugen sie mich Lebendtoten hier vorbei an der Bank, hier herunter in die Erde. Damit der Vampyr eingesperrt, halberstickend an mir gut reißen könnte, was das Weib mir noch übrig gelassen hatte. Dabei stand Pou-ouang, mein Sohn, und Mien-kho, mein Sohn; ihre Augen glitzerten schon vor hungriger Freude, der kleine Pou-ouang, das Vieh Mien. Ich kann mir diese Nacht gut vorstellen. Wo warst du denn in dieser Nacht, Kia-king.«

»Bei der Nephritquelle am Wan-schou-schan.«

»Du warst in Wan-schou-schan. Ja, Ihr seid gut um mich, wo ich Euch brauche. Wenn die Toten nicht wären, wären wir ganz verlassen. Sie sind meine einzigen Freunde; ich hoffe auf sie noch immer. Die Schatten sind meine einzigen Freunde.«

»Ich fürchte, der Besuch des Tibetaners hat Eure Majestät sehr angestrengt. Sie blicken so erschöpft; Ihre Arme zittern.«

»Das war die Dame Pei, und Mien-kho, und Pou-ouang, die ganze Sippe. So weit haben sie es doch gebracht. Halb verrückt haben sie mich gemacht, daß ich vor Paldan Jische bettelte um einen Rat, und mich glücklich pries ihn zu empfangen, ich hier auf der Bank, mit den zitternden Armen, der Sohn Jong-tsings, der Enkel Kang-his. Das ist die Lösung dieses west-östlichen Rätsels. Ja, Pantschen Rinpotsche, dein hölzernes Zepter macht mich nicht beben, deine schwarzen Borken, deine Häutung ist mir viel interessanter. Entlarvt. -- Ich zittere wohl viel, Kia-king?«

»Es mag an dem späten Nachmittag liegen. Wenn wir in die Halle zu den Gästen zurückgehen, wird meinem Vater besser werden. Oder wenn wir zu den Orchideen hinübergehen. Sie hatten früher eine Vorliebe für meine Orchideen. Wollen Sie sich erheben? Sie würden mir das größte Glück geben mit Ihrem Vertrauen, Vater. Ich habe nichts unterlassen und will nichts unterlassen Sie zu verehren. Wollen Sie sich erheben?«

»Nein, bleibe noch hier.«

»Suchen Sie etwas an der Erde? Ist Ihnen etwas hingefallen.«

Khien-lung hatte sich vornüber gebückt und wühlte mit seinem edelsteinbesetzten Fächer in der Erde.

»Nichts. Nichts ist hingefallen. Ich will dir nur zeigen, daß ich keine Angst habe. Mit der Dame Pei und dem schlimmen Mien kann ich es aufnehmen. Vor der Nacht fürchte ich mich nicht. Gestern nacht hättest du mich sehen müssen. Wie ich an den Wachen vorbei aus der Tür gegangen bin. Durch den Garten; keiner hat mich gesehen. Es brauchen nicht vier Menschen zu sein, um eine Puppe zu tragen; man hält sie in einem Leinentuch auf dem Arm wie ein Kind. Sie ist etwas schwerer, etwas kälter. Ich habe Pou-ouang selber oft so getragen; ich liebe Kinder sehr. Solche Puppe schreit auch nicht. Siehst du, Kia-king, ich habe die Stelle.«

Er bohrte mit Anstrengung in dem Boden; einige Stangen seines weißen Fächers zerbrachen und hingen lose beiseite. In dem Loch mußte er etwas erkannt haben; er griff hinein, rüttelte. Die Erde lockerte sich. Er zog ein weißes Tuch hoch an einem Ende; etwas schwarzes kam mit hoch; plötzlich rollte es auf dem Tuch fort. Kia-king sprang gleichzeitig mit dem Kaiser auf, der die Puppe von der Erde aufraffte und sie dem zurückweichenden triumphierend zeigte.

»Hab ich nun Furcht, Kia-king, oder hab ich keine Furcht? Du brauchst dich nicht zu ängstigen; das bin ich ja selbst; ich hab niemanden andern bezaubern wollen. Es liegt mir nicht daran, Euch, wie Ihr heißt, zu bezaubern; mit Euch werde ich schon fertig. Wie schön man mich hier ausgestattet hat. Die Dame Pei muß eine vorzügliche Schneiderin sein, daß sie meinen Kittel, mein Obergewand, meinen Gürtel, meinen Fächer, ja sieh, meinen Ring so genau nachmachen konnte. Wenn ich ein Dämon wäre und nicht wüßte, wer Khien-lung ist, würde ich mich selber verlaufen in dieses Ding hier. Schön ist die Figur, kostbar; Brüderchen, Brüderchen, bist du schön, lebendig! Kannst du mir deinen Ring schenken; wir wollen uns doch begrüßen, altes spätgeborenes Brüderchen aus Jade.«

Kia-king ächzte und schauderte. Er fürchtete sich die Figur in dem Leichentuch anzufassen und mußte sie Khien-lung entreißen.

»Vater, was soll das. Geben Sie mir die Figur. Es ist nicht recht, mit der Figur zu spielen. Tun Sie es mir zuliebe, Vater; man wird Sie und mich von der Halle aus sehen.«

Die feinen Geigentöne wehten wieder durch die Zypressen herüber. Der Gelbe Herr, mit freudig verzogenen Mienen, ließ nicht ab, die Puppe zu betrachten, an sich zu drücken: »Tu-fu hat unrecht, Kia-king. Zu guter Letzt hat Tu-fu unrecht, das freut mich. Wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft. Ich kann ihn wandern, denn ich habe einen Kameraden gefunden, aus Stein. Ich weiß bald nicht, ob er es ist, der hier steht, oder ich es bin, der da gelegen hat. Wir beide, das ist sicher, halten zusammen, die Puppe und ich, Kia-king. Und finden den Weg des Lebens so erträglich. Opfere für uns, Kia-king, mein lieber Sohn, verehre uns gemeinsam. Und begleite uns beide nach meiner Wohnung herüber, nach unserer Wohnung.«

Es gelang Kia-king, dem Kaiser die Puppe aus dem Arm zu drehen, sie in das Loch fallen zu lassen.

Der Kaiser machte ein feierliches Gesicht, über das sich eine Erwartung spannte. Er sah gerade aus zu den Marmorpfosten seines Palastes herüber, ein verzücktes Hinhorchen, ein dankbares Neigen des Ohrs zu schwer hörbarem Geräusch.

Er wiederholte flüsternd: »Begleite uns herüber, lieber Kia-king, in unsere Wohnung. Wir werden deine Freundlichkeit nicht vergessen.«

Sie wechselten kein Wort mehr. Sie schlugen die Richtung nach dem Wohnhaus des Kaisers ein über die Marmorbrücke. Khien-lung aber wandte sich plötzlich nach der tönenden Gästehalle. Auf halbem Wege kehrte er um und folgte Kia-king.

Immer langsamer ging der Kaiser, je näher sie seinem Palaste kamen, vor dem die weißen und gelben Laternen brannten. Des verwirrten Kia-king Abschiedsgruß und Verbeugungen übersah er. Auf der Schwelle bückte sich Khien-lung, als wenn er unter etwas hindurchginge.

* * * * *

In dieser Nacht, die wieder eine Neumondnacht war, schlief Kia-king unruhig. Er träumte so wild, daß er schon um die dritte Nachtwache es auf dem heißen Ofenbett nicht mehr ertragen konnte, heruntertaumelte und sich in einer halben Schlaftrunkenheit ankleidete im völlig finsteren Zimmer. Erst als er völlig angezogen war und im Zimmer, auf den Tischen nach seiner Mütze suchte, kam er völlig zu sich, im Gefühl eines klebrigen zu hohen Gaumens, an dem er schnalzte, stand da und wunderte sich, warum er sich mitten in der Nacht angezogen hatte.

Er saß eine kleine Weile so im Finstern, ging ein paarmal zwischen Vasen, die am Boden standen, hin und her, verließ in einer plötzlichen Unruhe das Zimmer, und stand auf dem vorderen Hof.

Im Wachtelstall, dessen Umrisse er unsicher erkannte, gurrte und scharrte es, ein feuchter kalter Nachtwind fegte von Zeit zu Zeit durch die weiten Parkanlagen der Roten Stadt, die in einer solchen furchtbaren Dunkelheit lag, wie Kia-king nie gesehen hatte.

Sein Herz klöppelte und fauchte dünn; er wußte nicht, warum er hier stand und warum er die Baumwipfel betrachtete.

Er drehte sich langsam, um in sein Zimmer zurückzugehen, aber nach ein paar Schritten bemerkte er, daß dies nicht sein Plan war und daß er lieber hinausgehen wollte in den Park unter die Wipfel, um sich von seiner Unruhe zu entlasten.

Er schlurrte langsam durch das Hoftor auf den Weg. Die Kiesel knirschten unter seinen weichen Sohlen; er ging seitwärts auf den Rasen, um kein Geräusch zu machen; denn seine Schritte ängstigten ihn. Es ängstigte ihn, daß hier im Finstern einer ohne Begleiter schlich; und er wunderte sich dabei, wie es kam, daß dieser sich keinen Begleiter mitgenommen hatte.

Kia-kings Unruhe wuchs beim Vorwärtsschreiten; sie nahm bei jeder Wendung des Weges zu. Er wußte selbst nicht, nach welchen Grundsätzen er den Weg wählte. Er glaubte bei jedem Häuschen, das zwischen den Bäumen auftauchte, da zu sein; er wußte nicht recht wo, aber er war noch nicht da. In seiner großen Erregung seufzte er und rieb sich mit beiden Händen die Backen.

Die Wege lichteten sich; an riesigen schwarz fingernden Brunnen tastete er sich entlang. Da stand er plötzlich in sich geduckt da, die Arme wie ein Schwimmer zum Hals angezogen, die Augen zusammenkneifend.

Eine schwarze Erscheinung kam rasch über den Weg hergelaufen, er konnte sie nur an der gleitenden Bewegung erkennen; sie wollte an ihm vorüber, sie war schon vorbei. Da lief er hinter ihr her, erreichte sie in vier Sprüngen, hielt sie fest.

Es war eine Frau mit aufgelöstem Haar, die den Kopf gegen seine Brust stemmte, um ihn wegzustoßen.

Sie flüsterte: »Was hab ich dir getan?«

Er schlug ihr ins Gesicht, rang mit ihr zu Füßen einer Zypresse. Jetzt erkannte Kia-king, daß er in die unmittelbare Nähe des kaiserlichen Wohnhauses gekommen war.

Er keuchte ihr zu: »Dämon, wo warst du? Was hast du vollbracht? Nenn deinen Namen!«

Sie biß ihn in den Finger, sah ihn tückisch von unten an. Er warf das Gespenst gegen eine Baumwurzel; ohne daß es ein Geräusch gab, sie hielt sich an seinen Beinen fest.

Er konnte sie nicht bewältigen, und wie er ihr tückisches Lächeln bemerkte, fuhr ihm ein Grauen über den Rücken, daß er sich mit wilden Fußtritten von ihren Händen befreite, die Frau warf sich kreischend beiseite. Kia-king faßte nach ihrem Gürtel, da hatte sie einen festen Strick hängen, den sie ihm zu entreißen suchte. Aber rasch hatte er sie aufgestellt, ihre Hände in einer Schlinge gefangen und rannte in großen Sätzen, die leicht wimmernde Frau hinter sich, nach dem kaiserlichen Wohnhaus, das in die tiefste Finsternis eingesunken war, band sie, die sich sträubte und geiferte, mit Händen und Füßen an den Steinpfosten fest, die zum Fesseln der Elefanten dienten, blieb zitternd an der Türe stehen.

Er schob sich über die Schwelle. Ihm fiel ein, wie merkwürdig sich der Kaiser, diese schlanke kleine Gestalt unter dem hohen Torbogen gebückt hatte. Er mußte sich selber so bücken.

Khien-lung war an dem Abend nicht schlafen gegangen. Nachdem er auf seinem Schreibzimmer Blätter durchgesehen, Korrekturen an seinem großen Gedicht auf die Stadt Mukden angebracht hatte, aß er wenig zur Nacht. Aber es fiel den Hofmarschällen auf, wie viel Wein der Kaiser trank, daß er nach Beendigung der Mahlzeit stumm an der Tafel sitzen blieb, keine Kapelle, keinen seiner Vertrauten zum Morra befahl.

Verschlossenen Mundes, als säh er sie nicht, ging er an den purpurgekleideten anmutigsten Schönen seines Harems vorbei, die Hu zur Erheiterung der kaiserlichen Stimmung herbeigerufen, an die Tür des Speisesaals gestellt hatte. Die niederstürzende Reihe der Eunuchen und Dienerinnen passierte er mit raschen, dann wieder zögernden Schenkeln. Einmal hob er zu dem folgenden leuchtenden Kammerdiener die Hand, stieß hervor »A-kui«, besann sich, winkte ab.

Bei der Öllampe versuchte er in seinem Schlafzimmer zu lesen; es war ein Werkchen, das ihm Paldan Jische geschenkt hatte, eine tibetanische Schrift, die ins Mandschurische übersetzt war, mit dem Titel: »Das von dem Abgrunde des Zwischenzustandes befreiende Gebet.«

Er streckte sich auf ein Polsterbett, nachdem er die Diener entlassen hatte, schlief kurze Zeit mit den holzgerahmten Blättern ein, sah sich aufgewacht in dem breiten hohen Zimmer um, das von Ambragerüchen erfüllt war. Sein Kinnbart war zerdrückt und zusammengeklebt, eine Wange glühte, ihn fror an Händen und Füßen. Er schnüffelte. In seiner Kehle steckte eine heiße Bitterkeit.

Kein Geräusch draußen, es mußte schon späte Nacht sein. Khien-lung tappte von dem Polster an die Kante des offenen Bettes; sein Gürtel drückte ihn; er schnürte ihn auf und ließ ihn mit dem zerbrochenen Fächer und klirrenden Behängen auf den roten Teppich sinken, dessen goldene Orchideen am Boden Sterne aufblitzten, wie matte Scheiben hingedrückt ihre Fläche deckten.

Er bemerkte, daß er laut stöhnte und daß er wohl wieder krank würde, aber nur in manchen Augenblicken bemerkte er das. Dann wirtschaftete der taumlige Mann zwischen Schränken, Spiegeln und Vasen, suchte in Ecken, tastete mit den Fingern den Teppich ab, kratzte mit dem Daumennagel die eingelegten Blüten, machte, hingekniet, die Hand hohl und wollte die aufschimmernden Goldsternchen einfügen oder quetschen, um sich die Zunge mit ihnen abzureiben.

Eine kleine Bronzekuh in einem Winkel zupfte Gras. Khien-lung legte gebückt den rechten Arm, dessen Ärmel er hochstülpte, auf den eisigen Metallrücken, bewegte ein Bein und wippte an, als ob er das Tier besteigen wollte.

Die Blätter des tibetanischen Buches hob er auf. Auf den Polstern sitzend, drehte er die Tafeln um und um und wieder um, drückte sie laut wimmernd gegen seine Brust, so daß die Rahmen zerbrachen und seine Halskette abriß. Lauter winselnd wühlte er das Papier an sein Gesicht, schluchzte »Paldan Jische, Paldan Jische«, und fühlte, den Kopf so in den linken Arm verbergend, mit den blinden Fingern der rechten Hand nach den Perlen, die nacheinander von seiner Kette rannen, ihm über den Schoß liefen.

Der alte Herr suchte sie, hingleitend, auf dem Boden; kaum er eine Handvoll gefunden hatte, steckte er sie an die Stelle seines Gürtels, so daß sie sanft abrollten.

Versunken richtete er sich auf, schlürfte über den Teppich, murmelte: »Beten, beten. Paldan Jische, beten. Man bestiehlt mich. Beten, Paldan Jische.«

Er drängte sich am Fußende seines weißen Bettes gegen die Wand. Die Mauer war schrankartig vertieft; ein kleiner Aufbau mit der Ahnentafel füllte diesen Raum. Khien-lung rutschte seitlich vor dem Aufbau um; sein Winseln und Stöhnen, von der Höhe zur Tiefe gehend, klang wie der monotone Gesang eines Gefolterten. Der Kaiser, mit stumpfen Augen, tränentriefend, wandte sich nach seinem Bett, zog eine purpurne Decke herunter, zerrte sie hinterher nach der Wandvertiefung. Er stolperte, sich in das Tuch verstrickend, und hielt zweimal inne, weil unter seinen Sohlen Perlen knackten. Dann hob er das purpurne Laken auf und hing es mit unsicheren schüttelnden Händen über den Aufbau, stopfte es fest um die silberne Ahnentafel.

Er seufzte und ließ sich auf einen Hocker fallen, wo er still blieb, während ihm der Kopf auf die Brust sank und er von Zeit zu Zeit die Stirn runzelte und die Lider hoch zog. Er bewegte oft die Lippen.

Gleich nachdem der Wirbel der zweiten Nachtwache verklungen war, schwankte die Tür. Khien-lung beobachtete es angestrengt, ohne den Kopf anzuheben. Er hatte geglaubt, die Türe wäre geschlossen. Aber sie mußte offen sein, denn sie schwankte sichtlich. Auch die lockere Seidenspannung des hohen Wandschirms neben der Tür blähte sich. Zwei Perlen, dicht zu seinen Füßen, rollten weiter, von dem Schirm rollte eine große Perle weg. Als hinter seinem Rücken etwas klapperte, drehte sich der Kaiser um.

Eine schlanke Frau in rauchblauem Mantel ließ sich von einer unbeleuchteten Ampel herunter und konnte nicht gleich mit den Füßen den Boden finden. Von der Decke kam ein Luftzug; die Frau war von der Decke eingestiegen.

Mit zerzausten Haaren schwebte das Gespenst auf Khien-lung, der sich erhob, und schrie ihn, sich gegen seine Brust drängend, an: »Warum stehst du auf? Warum hilfst du mir nicht?«

Der Kaiser wich ängstlich zurück, bat um Entschuldigung, er kenne sie nicht.

Sie schlug ihren Mantel zurück; da hing an ihrem Gürtel ein Bündel dünner Seile. »Lauf nur weg,« schrie sie weiter, »du kennst mich nicht? Auf wen wartest du denn hier. Mein Mantel ist zerschlitzt.«

Sie huschte, sich im Zimmer umsehend, an die Wandvertiefung: »Meine Kämme habe ich verloren.«

Sie zerrte das rote Laken von dem Aufbau herunter, der alte Herr lief bettelnd herbei.

Ein feines Klappern erhob sich in der Ahnentafel. Wimmernd suchte Khien-lung sie bei den Händen zu fassen. Unter höhnischem Lachen und Bläken der Zunge warf das Gespenst ein Seil um die Bronzeketten der Ampel, schleifte die rote Decke hinter sich, so daß Khien-lung auf dem gleitenden Stoff fehl trat und zu Boden dumpfte, verschwand durch den Türspalt.

Der Kaiser wälzte sich mühsam hoch, hinkte hustend, speiend, seine Brust haltend, an die Ampel, stieg auf einen Hocker, wand sich unter Schwanken den Strick um den Hals und stieß, die Schultern anziehend, den Stuhl mit schlagenden Beinen beiseite.

Als Kia-king in das trüb erleuchtete Zimmer kam, hing der Kaiser, mit den Füßen den Teppich streifend, an der Ampel. Die Tür war offen, eine rote Decke lag auf dem Gang vor dem Zimmer, mit einem Zipfel über der Schwelle. Die Schlinge war nicht fest geknotet. Der Körper sank durch seine Schwere, das gedunsene Gesicht mit dem schäumenden aufgesperrten Mund, den glotzenden Augen fühlte sich warm an. Ehe Kia-king in dem verwüsteten überheizten Raum eine Schere fand, plumpste der Körper auf den Teppich, mit dem Gesicht nach unten.

Kia-king troff der Schweiß juckend hinter den Ohren, um den Hals. Er knotete das Seil unter Khien-lungs Kinn auf, wälzte den Körper auf den Rücken, knetete die offene Brust, goß Wasser aus einem Weihbecken über die Stirn. Ein Spiegel, den er dem Kaiser vor den Mund hielt, überzog sich mit einem dünnen Hauch. Knistern und Röcheln stieg ganz von innen aus Khien-lungs Bronchien. In den hochgezogenen Lidern zuckte es; die hervorgequollenen Augen traten zurück und bekamen einen blanken Schimmer; das Herz, das nicht aufgehört hatte, langsam zu schlagen, verfiel in ein mörderisch überstürztes Tempo ohne Kraft.

Als Kia-king mit tränenschwimmenden blöden Blicken in einer Erschöpfung über den Teppich sank und das Morgengrauen im Zimmer die Röte des Ölflämmchens umstellte, stützte sich der Gelbe Herr mit beiden Armen auf, keuchte, hustete, stammelte. Er stand ganz auf, torkelte an das Fenster, wobei er sich mit den Händen seinen zerschnürten Hals hielt und rieb, knickte auf das Polsterbett, unsicher und unausgesetzt den ausgestreckten Kia-king betrachtend mit blutunterlaufenen Augen. Er rasselte stürmischer.