Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 28
Die Tauperlen des Waldes hingen noch an seinem Hute, als er das Kloster der fünfhundert Lohans betrat, von dem niederstürzenden Abt und dem großen Mönchskapitel empfangen. Mit hoher Pracht schimmerten hier in einer Grotte die achtzehn Martern und neun Belohnungen aus Ton geformt.
Eine Nacht verbrachte der Heilige in dem seitlich versteckten Kloster des Liegenden Buddhas; er war, als der Abend kam, schon seit Stunden in Kontemplation vor der Kolossalstatue versunken; als er sich losgerissen hatte, genoß er den Anbruch der weichen, warmen Nacht unter den Roßkastanien des Parkes, zwischen der gebärenden Feuchtigkeit der Teiche.
Dieses östliche Land war gesegnet. Die Menschen erfüllten es; das gute Gesetz machte unter ihnen Fortschritte. Mit fremden freudigen Augen betrachtete der Taschi-Lama die bergehoch gehäuften Schönheiten der Gebiete, ohne Begier, wie ein Spender, Gönner, der still lächelt und Vergnügen aus der fremden Freude gewinnt. Die Gebete und Bitten, die heimlichen Klagen der Fürsten klangen zu ihm; auch die warme Luft besserte nichts, die Marmorbrücken waren leicht wie ein Atemzug, die hohen Sorghofelder, die Reispflanzungen mit aller Üppigkeit verschwanden, wenn man die Hand vor die Stirn legte. Welch gutes, tüchtiges, maskenfrohes Volk spielte hier; wie es herrisch die Nachbarvölker bedrückte. Aber selbst der Kaiser, der Herr der Gelben Erde, wußte, wie wenig das bedeutete, zehn Jahre, fünfzig Jahre, hundert, tausend Jahre, klagte. Es regte sich hier im Lande von dem reinen, süßen, bewältigenden Geiste des Allerherrlichst-Vollendeten; noch war nicht die Zeit, wo das Reich des Cakya-muni sich erfüllen sollte, erst mußte die Bedrängnis der heiligen Lamas, so lautete die Weissagung, bis ins Unerträgliche wachsen.
Was hatten die Stillen zu leiden, die Träger des Wu-wei, von denen Khien-lung klagte, deren Untergang schwere Zeichen begleiteten. Arme Suchende; Buddha würde ihnen ihren Platz unter den Wiedergeburten geben. Grauenvoller Widerspruch; der Kaiser ahnte, wie er ein Nichts wäre, und ließ die morden, die es noch tiefer ahnten, die es inniger bekannten.
Rettungsloses Wuchern der Geburten aus allen Teichen, Verzehnfachen, Vertausendfachen der Welt in einem Augenblick.
Wäre der Weltenberg Sumeru nicht von sieben Meeren und sieben Felsgürteln umringt, so würde die Wildheit der Gelüste alle Grenzen sprengen und überfluten, in das Leere eindringen, aufrauchen in die Glanzhimmel der Formen und Formlosigkeit.
Wie dem Einhalt gebieten, wie nicht erschrecken, den Atem verlieren und keuchend auf die Stirn fallen -- vor Angst und Ohnmacht.
Die Lamas lebten, Pfähle in dem Morast, Inseln in der erregten See, Glücksblicke des Lichtes, Beender des Kreislaufs, Ringlöser.
Mehr Hilfe, mehr Kerzen.
Und es brannten nur so fein in der Finsternis die kleinen wandelnden Kerzen, die Wahrhaft Schwachen, die Laienbrüder, die Toten dieser Mongolenstadt.
Ein leises, zunehmendes Plärren, Quaken von Fröschen ließ sich vernehmen; ein breitsitzender, behäbiger Chor blies sich im Wasser auf.
Einmal ließ sich der wunderbare Mensch auch herbei, zu den Frauen des kaiserlichen Harems zu gehen. Unter einem Schirm von gelber Seide saß er in der offenen Sänfte; er hielt die Blicke gesenkt, um sich nicht zu besudeln durch das Anschauen der schönen Weiber; sie erschauerten unter seinen segnenden Händen und küßten sich, als er sie verlassen hatte, glücklich ihn gesehen zu haben.
Die Zeit des Aufenthalts in Pe-king neigte sich zu Ende. Da bemerkte man, wie der Wanderer vom Gnadenberge stiller und zurückhaltender wurde. Eine Müdigkeit lastete auf ihm. Er seufzte viel; aus seinen Versenkungen erhob er sich mit leeren, eingesunkenen Augen. Man fragte ihn nicht, in keiner Weise ließ man erkennen, daß man eine Veränderung seines Zustandes merkte. Es wäre auch gegen die geistliche Einsicht gewesen, zu trauern, da es ja dem lebenden Buddha freistand, seinen leiblichen Wohnsitz zu wechseln. Man wurde von einer menschlichen Angst um den gnadenspendenden Mann ergriffen. Ihn schien etwas zu drücken. Er rückte mit einer Äußerung zu dem Tschan-tscha Chu-tuk-tu heraus, zu diesem Bücherwurm, der ihn beschnüffelte, registrierte; es sei das heiße Klima und die eigentümliche Feuchtigkeit des Landes vielleicht ungünstig; er habe Verlangen nach den schwarzen Filzzelten und den Schneesteppen. Das war nur eine einzelne Bemerkung; der Pantschen Rinpotsche schwieg sich über sich aus.
Er war nicht von der Art der Frommen, die eine Leichtigkeit, Fröhlichkeit durch die Existenz begleitet; er schloß sich wenig an Kinder und harmlose Naturen an. Beim Anblick der runden Kinderaugen fror ihn. Wo die schweren Seelen waren, bettete er sich. Da wurde ihm leicht, er fühlte sich in guter Luft; ließ sich gehen, ließ sich strahlen. Er kannte von klein auf nur die härtesten und furchtbarsten Dinge, sah sich von Schicksalgeschlagenen umringt.
Und nun, in dieses kaum vorbereitete Riesenreich verschlagen, türmte und wackelte es von allen Seiten ungeheuer über ihn her. Ohne Ende streckten sich die Länder und Menschen. In einer Verwirrung beugte er sich. In dieser Verwirrung erschien er sich als ein Bauer, der dieses Land der achtzehn Provinzen bepflügen sollte, allein bepflügen sollte. Ein unsicheres Zittern, Schwirren, tiefinneres Schwindeln berührte seine Kopfhaut, füllte sein Gehirn wie ein Schwamm. Eine große Ermüdung fühlte er im Kreuz; sein Herz und seine Lungen schienen wie aus Holz in ihm zu hängen und gelegentlich zu klappern.
Vier Tage waren schon die Tore und Höfe des Klosters Kuang-tse geschlossen. Paldan Jische war krank. Er erinnerte sich in manchen Augenblicken des Klosters, das er zuletzt besucht hatte, mit dem Liegenden Buddha. Das Bild hatte sich seinen Augen sehr eingeprägt. Er lächelte; er konnte sich mit den Beinen nicht aus dieser Stellung herausfinden. Die Ärzte, die ihn begleiteten, tibetanische und mongolische, waren noch nicht zu einer Diagnose gekommen; fünfstündlich wurde einem andern die Gnade zuteil den Puls des Kranken zu betasten.
Bis am fünften Tage das Fieber ausbrach, im Gesicht des Heiligen kleine Blütchen, zarte Pusteln erschienen und mit Entsetzen von dem Ärztekollegium des Klosters die schwarzen Blattern erkannt wurden.
Mit einmal war das Licht aus der Menge der Kardinäle, Priester und Frommen gerissen. Die Hochbetitelten, die Magister, die Überströmenden, die Gesetzesfürsten, liefen durcheinander, Sandkörnchen und rollten nur, rollten. Aus den weihrauchdampfenden Korridoren lief das schreckliche Gerücht, wie eine schwarze Katze schleichend, heimlich sich an die Wände zur Seite drückend, die Höfe kreuzend, dann mit einem klatschenden Absprung der Hinterpfoten hoch, in eine beschwingte Fledermaus verwandelt, breiter, ein gelles Pfeifen ausstoßend, als klumpige, schwefelhelle Wolke am Horizont fliegend, den Himmel bedeckend.
Kia-king wechselte mit anderen kaiserlichen Prinzen am Krankenbett in Kuang-tse ab; der Kaiser selbst, schon unterwegs, ließ durch Eilläufer anordnen, dreihunderttausend Taels unter die Armen der Stadt zu verteilen. In Kuang-tse, dicht am Lager des vom Fieber Verbrühten, hörten die Messen nicht auf. Die Höfe klangen noch unter den Festpauken, den Zinken, weißen Trompeten, Glöckchen, Gongs, der blauweiße grelle Prunk der heiligen ausgestellten Gefäße lockte das Licht und die Menschenblicke an. Die Mönche zogen einen Wall um das Kloster mit Andachtswimpeln, Segensbäumen, Glücksschärpen. Die Menschenströme, von außen gegen das Kloster anbrandend, warfen Mauern aus Gebete tragenden Steinen um die Klosterwände aus.
Drin war es still. Der Buddha rang mit der Pockengöttin. Die spitzhütigen Bischöfe und Würdenträger, in Brokat und bunten Stiefeln, liefen matt und übernächtig umeinander; ein Fasten höhlte ihre Leiber aus.
In der kleinen Kuppelhalle des Tempels schauerten jeden dritten Tag Sodschongs, die großen Opferfeiern. Während auf den Klang der Posaune des Gesetzes sich vor der Klostermauer die Menschenmassen von Osten nach Westen in Bewegung setzten, schwerfällig vorrückten um die Mauern unter dem Scharren des Sandes, dem Klappern der Rosenkränze, dem gewitterartig anschwellenden Om mani padme hum, zerquetschten die Geweihten in der Kuppelhalle ihre Knie, lastend auf den Matten in langen Reihen, Gelbmantel hinter Gelbmantel. Murmeln, Glöckchenklingen, Vorbeten, Händeklatschen, brausende Instrumente. Schwermütig nahm der Tschan-tscha den kleinen Goldspiegel vom Altar, hob ihn. Der älteste Chan-po schwenkte das schnablige Weihwassergefäß, hielt in der Linken einen gebuckelten Teller. Und während der Tschan-tscha den Spiegel drehte, so daß der Schatten Buddhas hineinfiel, goß der Chan-po. Die Gemeinde hingesunken. Das zuckersüße Wasser lief über das Gesicht des Spiegels, tropfte in den Teller. Der leise Gesang bebte, von Hand zu Hand wanderte der gefüllte Teller. Die Priester bestrichen sich Scheitel, Stirn, Brust, und weinten.
Paldan Jische delirierte. Die Geschwüre krochen über seine Bronzehaut; flossen zusammen. Erst füllte sie eine gelbe Flüssigkeit, dann begann sie zu dunkeln, dickrötlich, schwarz zu werden.
Kia-king saß stundenlang am Fenster der Zelle und betrachtete das verschwollene, unkenntliche Gesicht, das dem weisesten Menschen angehörte, das Gesicht, in dem manchmal zwei ganz unirdische Augen sich von dem Verschluß hartkrustiger Lider befreiten und kühle helle Blicke an die blaue Decke sandten, wie die kristallenen Springbrunnen unter den Ulmen von Kun-ming-hu. Der feiste Prinz empfand einen stechenden Neid auf den Taschi-Lama, der sein Nachfolger im Vertrauen Khien-lungs geworden war. Aber er wurde wehrlos gegen den Fremden beim Beobachten dieser befreiten Blicke. Bis zu der Krankheit mied der Prinz nach der einmaligen Visite den Tibetaner, den er als gefährlichen Parasiten ansah, als König der gelben Pfaffen. Die Hingeworfenheit des Kranken machte den Prinzen geneigter; er beschnüffelte ihn, schließlich zitterte Kia-king unter dem Gedanken, daß sein Vater auch diesen Mann verlor. Kia-king tat Gelübde, damit Paldan Jische leben bliebe.
Die Ärzte bestrichen den Leib des Kranken mit Safran; sie banden seine Hände zusammen, hielten seine Ellenbogen und brannten siebenmal seine rechte und linke Seite mit dem trockenen Stengel von Moxaholz, das sie in Hanföl tauchten. Die Papierfenster bekritzelten sie mit roten Zeichen, die Wände, die Schwelle. Als die Krankheit zunahm, auch im Mund die Geschwüre platzten, duldeten die Doktoren, daß die sechs Tschoßkjong, naive volkstümliche Zauberer, denen der Taschi-Lama wohlwollte, eingelassen wurden.
Im Federfell, mit Vogelklauen, unförmigen Helmen, an denen der fünffache Totenkopf grinste, hüpften sie zu dritt im Zimmer vor dem Halbbewußtlosen herum, flüsternd, überzeugt, heute ihr Meisterstück zu verrichten. Sie riefen den furchtbaren Takma an.
Sie warfen das Bett umkreisend ein dünnes Pulver in die Luft.
Sie hielten eiserne Rasseln in den Händen; mit leisem Schüttern fuhren sie über den Kranken: »Die fünfundfünfzig, die auf der Stirn zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern. Die siebenundsiebzig, die auf dem Hals zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern. Die neunundneunzig, die auf der Brust zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern.« Sie wirtschafteten geraume Zeit in ihrer halsbrecherischen Art herum; trabten hintereinander heraus, über die Schwelle noch zu einer krausen Malerei hinkauzend.
In der Tat wurde der Heilige in den nächsten Tagen freier, er konnte den Mund mehr öffnen, schluckte kalten Tee.
Da langte Khien-lung an.
Auf dem Fensterplatze, den Kia-king eingenommen hatte, wartete der große Kaiser und rang um die Seele des Sterbenden.
Für Khien-lung gab es keine Zensoren, keinen Astrologenhof mehr; mit einer greisenhaften Einengung der Gedanken hielt er an dem Pantschen Rinpotsche fest, den er verantwortlich machte für den Aufruhr in den Nordprovinzen und der mit der Wahrheit, der eigentlichen Wahrheit zurückhielt. Ja, nur Paldan Jische konnte helfen.
Mit unbeweglichem Gesicht saß der Gelbe Herr hinter dem rotbemalten Papierfenster, wartete auf das Erwachen des Heiligen. Khien-lung, die Hände auf dem Schoß gefaltet, verfolgte jede Regung im Zimmer mit stummen Augen. Er war ohne die geringste Ungeduld. Paldan Jische konnte ihm nicht entgleiten.
Am folgenden Tage kam er wieder und wartete.
Am Nachmittag des dritten Tages hielt Paldan Jische die braunen Augen lange offen, unter der Maske der schwarzen Blatternkrusten hervorblickend, erkannte Khien-lung und bewegte die Lippen. Er erkannte auch die sechs Bischöfe, die in Bettlerkleidern an den Wänden standen und keinen Augenblick das Zimmer verließen, um beim Eintritt des Todes zugegen zu sein.
Khien-lung beugte sich zum Ohr des Kranken: »Ich traure, Eure Heiligkeit, daß Sie leiden in meinem Lande.«
Paldan Jische schien lächeln zu wollen. Er schüttelte den Kopf und gluckste.
Unbeirrt um das ungeheure Ereignis, das sich hier vorbereitete, die Trennung des Buddhas von seinem jüngsten Körper, redete dann der alte Kaiser. Er fragte oft, ob ihn der Kranke verstünde. Der nickte deutlich. Mit einer harten Bestimmtheit trug Khien-lung die letzten Ereignisse vor, den Aufruhr, die Ruchlosigkeit Miens. Paldan Jisches Augen wurden lebendig, während Khien-lung flüsterte. Der Heilige war in seinem Element, unter den schweren geworfenen Seelen. Als Khien-lung zu Ende war, sah er die Glocken der braunen Augen sich bewegen, aber die Lippen des Kranken zuckten ohne ein Wort zu bilden.
Der Kaiser richtete sich auf, warf den Kopf mit Strenge zurück.
Am nächsten Nachmittag saß er wieder am Bett des Heiligen. Die sechs Bischöfe standen unbeweglich in Bettlerkleidung an den Wänden, warteten. Dringlicher flüsterte der Kaiser, wiederholte den Bericht, faßte den Kranken bei den Handknöcheln, verlangte neuen Rat, versprach der Gelben Kirche Klöster in jeder Provinz neu zu bauen.
Der Kranke mühte sich nach Worten, lächelte. Nur der Blick sprach, schwieg. Der Zorn verzerrte das Gesicht des Kaisers.
Als der Kaiser am nächsten Nachmittag eintrat, fand er den Heiligen sitzend im Bett. Es standen nur vier Bischöfe barfuß an der Wand in braunen Kutten. Zwei stützten den Heiligen, der die Augen geschlossen hielt und sie unter der kissenartigen Schwellung von Wangen, Lidern, Stirn, nicht mehr öffnen konnte. Die beiden Kahlköpfe hielten ihn, denn er hatte Zeichen gegeben, daß er wandern wolle. Eine schwere Weihrauchwolke hüllte den Raum ein. In dem Nebel blieb der Gelbe Herr erstarrt stehen. Keinem Blick begegnete er. Der Heilige war mit dem Gesicht nach Westen gedreht worden. Khien-lungs Sänfte kehrte rasch zurück.
Zwischen dem Zickzack der Delirien, Verschleierungen, bunten Wirrsalen wachte und träumte Paldan Jische. Ein fleischschnürender Krampf, ein hohler Schwindel über Schlünden, eine klare federnde Helligkeit wechselten. Die große Ermüdung verdunstete. Die weißen Mauern des Labrang tauchten auf, die Dächer leuchteten in dem matten Gold. Der tote Dalai-Lama erschien und ging rasch unter seinem Schirm vorüber. Die Bilder bewältigen, Besinnung, Besinnung! Kurze Rast in weißen Sälen. Menschen, wieviel Menschen, auf Kamelen, Karren, tauchende sinkende Menschen. Hoftüren, Sänften, Gongs. Hilfe über dem Meere, große Boote, kleine Boote. Er schleifte riesengroß, unkörperlich seinen Glanzleib mit einer phosphoreszierenden Schleppe, war ein himmelhoher Pfeiler, der sich rund drehte. Ihn befiel kein Zittern. Er wußte nicht, ob es sein Empfinden war, das er empfand, ob es anderer, vieler, zahlloser Empfindungen waren. Schwebend. Schwebte geheimnisvoll zwischen sechs geheimnisvollen Silben.
Drei Tage und zwei Nächte hielten die sechs Bischöfe den Heiligen, der als Buddha sterben mußte. Sie stemmten sich zu zweien von hinten gegen seinen Rücken, der sich immer wieder rundete. Einer umfaßte den Kopf und trieb ihn hoch. Einer preßte die schilfernden Hände gegen die Brust und drückte oft die winkelspitzigen Ellenbogen dicht an den Leib. Einer schlug die Beine des Sterbenden übereinander. Der sechste bog die Sohlen, die flammendrot waren, nach oben um.
Am Morgen des dritten Tages verließ Amithaba den Körper Lobsang Paldan Jisches. Der tote Leib erstarrte in der Stellung des betenden Buddhas.
Wochen vergingen, bis der Leib Jisches die Rückreise nach Tibet antrat, Monate, bis er in Taschi-Lunpo, der tränenfließenden Stadt eintraf. Der Geist des Buddha wanderte schon längst über die geliebten Schneefelder, Grassteppen, streichelte die zottigen Yaks, irrte herum, suchte das Kind, in dem er seine neue Wohnung nehmen wollte.
Die Menschen in Pe-kings Kloster Kuang-tse umschlangen den ausgeglühten Leib des Lobsang Paldan Jische, Sohnes jenes tibetanischen Zivilbeamten. Sie balsamierten ihn ein.
Am Vormittag nach dem Tode hallten die kaiserlichen Gongs vor dem Kloster. In der weißen Totenkleidung stand Khien-lung ohne Gürtel, ohne Ring, mit kahlem Schädel vor der Samtbank, auf dessen Violett im gelben päpstlichen Ornat ein furchtbarer Buddha die Schenkel kreuzte, thronend in einer grausigen Ruhe.
Schwarze brandige Borken hingen in Fetzen von einem geblähten Gesicht herunter. Ein blutiger Schleim tropfte von Minute zu Minute aus dem Munde. Dicke runde Wülste durchquerten statt Lippen die untere Gesichtshälfte. Die Lider geschlossen; aber in eigentümlicher Weise hatte sich ihre Schwellung verloren, so daß neben der kloßförmigen Nasenwurzel zwei grünlich schimmernde Höhlungen sich in den Schädel senkten. Die Mitra mit den fünf edelsteinbesetzten Buddhabildern rutschte auf dem Kopf schief vor. Über den bestickten Goldbrokat der Brust sickerten die Schleimtropfen und rannen hinter die angelegten Ärmel.
Rechts und links von dem thronenden Buddha standen auf Tischchen die Opfer für den Toten, niedrige Reis- und Tonpyramiden. Räucherstäbchen brannten. Die Bischöfe, der Tschan-tscha stopften ihre Münder auf die Dielen.
Khien-lung verharrte minutenlang ohne Bewegung. Sein Blick schweifte nach dem Fensterplatz, auf dem er das Erwachen des Heiligen erwartet hatte, nach der Ostwand, wo sich am Boden die Holzklötze des Sterbebettes erhoben. In einer kalten Gelassenheit prüfte er die Züge des emporgestiegenen Lamas. Keinen Abscheu spürte er, verfolgte die langsame Entwicklung einer Blutblase auf der Unterlippe der Leiche und wie die ekle Flüssigkeit abquoll.
Dieser Mann war mit Recht gezeichnet. Sein Körper zerplatzte aus Eitergeschwüren. Er war nicht besser als die betenden Pfaffen. Sein Schicksal bewies es klar. Hier die Mongolenstadt, da die Blattern: man konnte es auf eine Wage legen. Der hingeraffte Pfaffenkönig vermochte nicht zu raten trotz der Bücherhaufen Kand-schur und Tand-schur.
Und da wurde Khien-lung unsicher. Seine Kälte zerbrach. Er fiel vor der thronenden Leiche auf die Knie und weinte, aber niemand im Zimmer wußte, daß er vor Wut über den Lama weinte, in tobenden Anklagen, weil der prunkende Weise ihn betrogen hatte. Khien-lung hatte sich in Verblendung auf das Eis dieses Betrügers locken lassen. Und der Gnadeüberfließende war ihm entwischt, ehe er ihn gestellt hatte. Blut hatte der Tote speien können, Trostblicke werfen, aber der hohnvolle Priester entschloß sich zu keiner Silbe.
Einen Sarkophag in Gestalt einer Reliquienpyramide befahl Khien-lung aus Gold herzustellen. Da hinein versenkte man den Körper Paldan Jisches. Die leer bleibende Höhlung und den Körper überschüttete man mit weißem Salz.
Es kamen die hundert Tage für Seelenmessen, an denen die nördlichen Provinzen, die ganze Mongolei teilnahmen. Ein ganzes Volk zerbrach in Schmerz um den entschwundenen Buddha. Und noch war man nicht in Tibet.
Der endlose Trauerkondukt setzte sich in Bewegung, nicht nach Norden, sondern Westen. Man drang mühsam durch die westlichen Provinzen; die Menschen schlossen sich um die goldene Stupa zusammen und hielten sie fest, als wäre sie eine Pagode, die den Ort beschützt. Weder Tag noch Nacht berührte der schwere Schrein mit der Leiche den Boden; von Schultern glitt er auf Schultern. Nachdem er in Kuang-tse unter Dröhnen der ungeheuren Posaunen aufgehoben war vom Boden, sank er in Taschi-Lunpo herunter, im weißen jammerberstenden Labrang, nach sieben Monaten und acht Tagen. Bei Kuang-tse wuchs im selben Jahre der Marmorobelisk, den Khien-lung dem Andenken des Heiligen widmete; der Stein von der goldenen Papstmitra gedeckt; der Opferaltar an einer Seite, umweht von langen Seidenwimpeln.
* * * * *
Zwei Tage nach dem Tode Paldan Jisches saßen in der kleinen Empfangshalle vor der Estrade des Himmelssohnes die Vertrauten Khien-lungs. Er selbst blickte viel zu den weitgeöffneten Fenstern hinaus. A-kui kauerte unten neben Chao-hoei, Song; auch Kia-king, dessen Höflichkeitsbesuch der Kaiser angenommen hatte, den er zu Audienzen berief, ohne ihn eines Gespräches unter vier Augen zu würdigen.
An kleinen Tischen gruppierten sich die zwölf Herren, lackierte viereckige Tische, um die schwarze Holzhocker standen, mit gelben und roten Kissen belegt. Ein größerer runder Tisch in der Mitte der unteren Halle trug die Platten mit Obstsorten, Melonen, Salat, gesalzenen Enteneiern. Die Schälchen mit den zahllosen Suppen verdrängten sich auf den Tischen, Schwalbennester, Haifischflossen mit Pilzen, Meerwürmer, Wurzeln des Nenuphar, Bambusschößlinge; Entenbraten mit Wallnüssen, gerösteter Schweinebraten in Stückchen. Mit Süßigkeiten, Mandeln, Melonenkernen schloß man. Die kaiserlichen Diener huschten mit Täßchen und Weinkannen. Allgemeines Verneigen, Schwingen der Täßchen, gemeinsames Setzen, Murmeln.
Die Saitenmusik begann. Es wurde gebeten, sich des Fächers zu bedienen. An der Längswand der Halle, gegenüber der kaiserlichen Estrade, war eine kleine Bühne geöffnet. Zu den näselnden Tönen unter Zutritt von Holzschlägern stiegen Tänzerinnen auf die Bühne; so feine schlanke Leiber sie hatten, es waren Eunuchen. Aus weichen Augen verhaltene verstummende Blicke; Wangen, Münder, Augenbrauen unter der Schminke geformt; Perücken und klingelnder schaukelnder Silberbehang der schwarzen Haare; schwarze Seidenkittel in bauschigen Falten, lockere gelbe Hosen, in grünen hohen Stiefeln aus Atlas belebte Füßchen. Nur ab und zu würdigte sie einer der Gäste eines Blickes. Sie stellten, zu Paaren tanzend, Pfauenfedern auf die Bühne, wanden sich blitzschnell hindurch, zerrten sich graziös zueinander, wippten in die Höhe über eine Feder weg und erstarrten auf einen spitzen Fuß aufspringend, drehten sich langsam auf den Zehen um sich selbst, während ihre winkligen Arme in die Höhe rangen, sich suchten und verschlangen.
Sie tanzten lautlos, ein Schattenspiel. Khien-lung richtete oft die Augen auf Kia-king, der wie immer allein saß und träumte.
Eine zarte Frauenstimme sang zur Geige und Laute hinter der Bühne. Wie es in dem alten Liede heißt: mit Tönen gedämpft, von Traurigkeit verschleiert, die tiefen Saiten wie die Flut rauschend, die oberen flüsternd, und als die Töne lebendiger wurden, glaubte man einen Perlenregen zu hören, der auf eine Marmorplatte fiel. Die klagende Stimme sang das Lied Tu-fus: »Ich bin bewegt von tiefer Traurigkeit und lasse mich in das dichte Gras nieder. Ich beginne, mein Schmerz tönt. Tränenüberströmt, tränenüberströmt. Ach, wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft?« Und wie es in dem alten Gedicht heißt: das Ende des Spiels glich einem zerbrochenen Gefäß, aus dem das Wasser hervorströmt; und zum Schlusse fuhr der Bogen über die Saiten, die unter einem einzigen Strich erzitterten, wie wenn man ein Stück Zeug zerreißt.
Khien-lung nickte. Der thronende blatternbesäte Buddha aus Tibet stand vor seinen Augen; Fetzen schwarzer brandiger Haut hingen von gedunsenen Backen; die sonst platte gerade Stirn beulte sich wie bei einem Wasserkopf. Als lebender Buddha von Taschi-Lunpo nach Jehol gewandert, als geschwüriger Fleischklumpen von Kuang-tse aufbrechend.