Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 27
Sie avancierte aber in dem Viertel, in dem sie wohnte, nicht zur Königin des strahlenden Blumenfeldes. Denn mit achtzehn Jahren befiel sie eine Augenkrankheit und obwohl sie der sonst zuverlässigen Göttin des Augenlichtes viele Geschenke machte, silberne Brillen mit Elfenbeinstäben brachte, heilte nur das rechte Auge, auf dem linken blieben große weiße Flecken zurück, welche den Kurswert des Fräulein Pei sehr erniedrigten.
Sie vermochte nun durch ihre ganz raffinierte Anschmiegsamkeit einen reichen Justizbeamten zu veranlassen, sie zur Nebenfrau zu nehmen. Sie wollte aus dem bemalten Hause heraus. Schon nach zweieinhalb Jahren verließ sie die Wohnung des Richters, nachdem ihr von der rechtlichen Frau eine Abstandssumme gezahlt war.
Die Dame Pei bewohnte jetzt mit mehreren Dienerinnen ein kleines Haus, lebte zurückgezogen, empfing hie und da Besuche, verkehrte nur in Familien mit großem Namen. In ihrem Zimmer pflegte sie die alten Erinnerungen. Sie hatte mit einer gewissen Neigung die Galanterien in dem bemalten Pensionat vollzogen. Duftende Räucherpfannen stellte sie auf, in denen jeden Tag Ambra, der Drachenspeichel brannte. Morgens löffelte sie den gewohnten Napf Ingwersuppe. Sogar den heißen Wein trank sie allein, Wein auf Wein, Trunkenheit auf Trunkenheit, wie man zu sagen pflegt. Das Gesinde begriff nicht, was die Dame auf ihrem verschlossenen Zimmer den halben Tag trieb. Da man sie drin leise trällern und das Juch-kin greifen hörte, wurde man neugierig.
Wie dann die Dame zum Schminken und Ankleiden für die Nachmittagsbesuche klatschte und man sie oft trotz aller Würde leicht erregt, freudig, noch unruhig fand, kam man auf Gedanken. Gespräche mit der Nachbarschaft bekräftigten diese Vermutungen, welche auf nichts weniger hinausliefen, als daß die Dame Pei ein weiblicher Wu, eine Zauberin wäre, die auf ihrem Zimmer mit Gespenstern kose.
Die junge Frau bemerkte das scheue Tuscheln der Mädchen. Eine Blumenverkäuferin trug ihr das Gerede zu und Frau Pei wurde nachdenklich. Sie nahm unbeschäftigt aus Laune den sonderbaren Wink an, ging zu einem berühmten Wu, der sich vor Lachen heiser krähte: sie diene ihren sanften Erinnerungen vom Blumenfelde, und man hielte sie für eine tätige Wu. So zärtlich nähme doch niemand Schatten auf! Sie bat, sie in den Beschwörungen und Gebräuchen der Zauberer auszubilden, nur wenig; sie wolle damit nur den andern Schrecken einjagen; vor der wirklichen Zitierung eines Schattens fürchte sie sich. Da sie eine runde Summe vorbezahlte, ging der geschäftskundige Wu auf den Handel ein, versprach, ihr nicht den geringsten Schatten zu zeigen, ihn nur dicht heranzuzwingen.
So lernte sie die verschiedenen Sorten Geister, Gespenster, Dämonen benennen, ihre Merkmale unterscheiden, die Umwandlung in Werwölfe, Füchse, Rattendämonen, die Art ihrer Fesselung und Entlarvung, die Handhabung der Aschen, Amulette, Papiere, Schwerter, Wasser.
Zwischen Schauern und Zärtlichkeiten schwebend blieb sie die junge würdige Dame Pei, die reich genug war, um ihren Launen nachzugehen. In den Zirkeln ihres Verkehrs widersprach sie niemals dem geheimnisvollen Reden hinter ihrem Rücken. Sie war geduldig, wartete auf die Gelegenheit ihre Kräfte zu zeigen, denn sie hungerte nach Einfluß in diesen Sphären.
Nun nahm an den Damenunterhaltungen auch eine bildschöne Frau Jing teil, welche Dienst bei einer kaiserlichen Prinzessin tat; so zierlich und ebenmäßig die Person war, so dumm war sie auch. Die Dame Pei hielt sich von ihr fern, weil sie in der Nähe von Schönheiten bitter wurde. Frau Jing riß staunend den Mund auf, als sie die abenteuerlichen Mächte der Dame erfuhr; sie drängte sich an die Überraschte heran, fragte sie aus, besuchte sie in ihrer Wohnung, bewarb sich sichtlich um die kühle Pei, die mit ihr spielte und sie von oben herab behandelte.
Aber im Augenblick änderte die Pei ihr Benehmen, als eines Tages Frau Jing entzückt aus ihrer Sänfte stieg, sie umarmte und eine Einladung der Prinzessin überbrachte zu einer kleinen Tasse Tee. Mit Herzlichkeit erwiderte jetzt die Pei die stürmischen Liebkosungen der jungen Jing, die sich in der Nähe einer Wu glücklich und geborgen fühlte. Auf die erste Höflichkeitsvisite bei der Prinzessin folgten intimere Besuche, und die schmutzige Haussklavin des Vorstadtbarbiers stand im Beginn ihrer glänzenden Karriere.
Sie war am Hof der Roten Stadt unter Weiber und Eunuchen hineingeraten, die im Schwall abergläubischer Verworrenheiten versanken. Hier zentrierte sich in kurzer Zeit alles um die geschickte Dame Pei. Einige Prinzen fanden sich bei den Konventikeln ein; die dunklen Seancen wurden im verschlossenen Zimmer abgehalten, Damen und Herren standen rasch unter der Suggestion der sich elegant und sicher bewegenden Frau, die heimlich selbst nichts mehr fürchtete, als daß eins ihrer Experimente gelänge.
Der Günstling Khien-lungs, der Prinz Pou-ouang, war ein freier dreister Knabe; seine Schwester wünschte ihn zu bekehren; schnell störte er die geheimnisvollen Arrangements der Dame Pei, die er wegen ihres angeblich bösen Blicks nicht leiden mochte. Seine Zähmung gelang leicht; die sanfte und scheue Prinzessin, schokiert durch sein Auftreten und in Schmerz um die betrübte Pei, drang in die Zauberin, den Prinzen durch eine Handgreiflichkeit zu überzeugen. Sie bot ihr an, gar keine Mühe an den Jüngling zu verwenden, ihn zunächst auf einen groben Betrug hereinfallen zu lassen. Und halb widerwillig mußte die entzückte Frau darauf eingehen, dem lächelnden Pou-ouang eine morgendliche Begegnung zu prophezeien, für deren Ausführung die Prinzessin in einem Pflichtgefühl gegen ihren gekränkten Gast sorgte. Die Verblüffung des Prinzen war nicht geringer als seine folgende Demut und Unsicherheit vor dem Schützling seiner Schwester.
In seinem Eifer brachte der Knabe den berüchtigten Prinzen Mien-kho in den magischen Kreis, dem auch der Obereunuch angehörte. Mien-kho, breitschultrig, gedrungen, immer in Generalsuniform mit dem Löwen im Brustschilde, ein bramarbasierender tollpatschiger Mensch, fühlte sich außerordentlich geehrt, in diese ungewöhnliche Gesellschaft aufgenommen zu sein, saß in dem Balkonzimmer, das für die Sitzungen diente, mit geschwollenem Kopf und offenem Munde. Khien-lung haßte diesen Sohn, der durch sein rohes Wesen auffiel und in den Hintergrund gerückt wurde. Als dieser breitbeinige, von sich eingenommene Mann die Künste der Dame Pei wahrnahm, lehnte er nicht ab wie der junge Pou-ouang, sondern zeigte sich bei den gemeinschaftlichen Rückwegen aus dem Boudoir schweigsam, finster erregt, so daß Pou-ouang noch mehr von der wunderbaren Frau überzeugt war.
In dem wirren Gehirn des Kriegsmannes setzte sich eine Idee fest: sich der Dame Pei zu bemächtigen und sie zu zwingen, ihre Fähigkeiten ihm zur Verfügung zu stellen. Die junge Frau Jing, die vor ihrer Verheiratung seine Konkubine war, und der Obereunuch Schang erschraken, als der Prinz sie auf dem Wege zur Frau Pei einholen ließ durch seine Läufer, sie in seine eigene Sänfte einlud und durch die Straßen spazierend ihnen ohne Umwege sagte, daß die Dame Pei ihm ihre Dienste angeboten hätte und er von ihren dunklen Kräften Gebrauch machen wolle. Frau Jing und Herr Schang müßten ihm behilflich sein, sich der Dame zu versichern. Es sollte nicht zum Schaden der beiden Herrschaften sein. Festnehmen aber müsse man die Zauberin, denn es sei absolut nötig, sich vor Verrat zu schützen.
Den Einwand des Herrn Schang, daß man ja bei der Bereitwilligkeit der Wu nichts zu fürchten hätte, wies der heisere Prinz, der aus gequollenen Bullenaugen blickte, zurück. Man müsse alles mit Entschiedenheit und Gewalt machen. Auf ein Gespensterweib sei kein Verlaß; wozu die entschlossene Frau Jing nickte.
So geschah an diesem Nachmittage das Seltsame, daß die geschmückte Dame Pei von Herrn Schang und Frau Jing abgeholt in der Sänfte des kaiserlichen Prinzen Mien nach einem abgelegenen Haus der Verbotenen Stadt gebracht wurde, wo sie angekommen in ein Hinterzimmer geführt von dem häßlichen Prinzen angefallen, gefesselt und auf den Boden gesetzt wurde. Das Seidentuch nahm er ihr aus dem Mund, als die fast Erstickende durch wildes Kopfnicken erklärt hatte, nicht zu schreien. Während sie nun in ihrem prächtigen pelzgeschmückten Kleid an der Erde saß, leise weinend und für ihr Leben fürchtete, dröhnte Mien vor ihr auf und ab, prasselte den Prunksäbel hin und erklärte sich für ihr Leben und ihre Sicherheit einzusetzen, wenn sie sich ihm ohne Einschränkung zur Verfügung stelle.
Die Dame Pei mußte sich an die Wand lehnen. Sie glaubte, der schwarze Prinz hätte sie entlarvt, und statt dessen -- begehrte er sie. Das war ein Raub nach seiner Draufgängerart. Sie tat beschämt, wies auf ihre gute Familie hin. Der massive Mann stemmte sich auf seine Waffe und resümierte roh: »Ja oder nein?« worauf sie, trotzdem sie sein Gesicht nicht sonderlich schön fand, ein zärtliches Ja hauchte, wieder leise weinte und zu ihm hinschielte.
Er erklärte in demselben mürrischen Tone, sie würde für einige Zeit jetzt hier wohnen, das Haus nur in verschlossener Sänfte in Begleitung der Herrschaften Schang und Jing verlassen. Sie dürfe keine Geister beschwören, Schatten zitieren, Krankheiten in der Entfernung heilen oder erzeugen, sondern sich ganz ihm zur Verfügung stellen. Was sie mit seufzender Zustimmung beantwortete.
Frau Jing erstaunte nicht wenig, als sie am Abend bei ihrer eingeschlossenen Freundin erschien und diese ihr lachend um den Hals fiel. Die Dame Pei meinte, sie würde sich rasch in die neuen Verhältnisse einleben. Erst hätte sie sich vor dem wilden Prinzen gefürchtet, aber im Grunde sei nur sein Benehmen so fürchterlich. Was er von ihr verlange, würde ihr zwar einige Schwierigkeiten seelischer Art bereiten, aber --. Und Frau Jing nahm glücklich das Aber auf, redete ihr zu, doch alles in Frieden und ohne Lärm hinzunehmen. Der Prinz schwöre auf sie, aber es müßte alles geheim bleiben.
Erst der nächste Morgen versetzte die liebeshungrige Pei in eine schwierige Lage. Sie mußte, vom Prinzen aufgeklärt über seine gar nicht leidenschaftlichen Absichten, ihre Enttäuschung verbergen und in der Verwirrung seinen Plan anhören. Der schlimme Plan Miens bestand darin, einen bestimmten Mann auf sympathischem Wege zu einer gewissen Zeit erkranken und nicht lange darauf sterben zu lassen. Frau Pei hatte sich mehrfach bei der Prinzessin in Miens Gegenwart solcher Fähigkeit gerühmt, die jedem vielerfahrenen Wu innewohnt. Jetzt weinte die Dame Pei aufrichtig und konnte von dem Prinzen nicht beruhigt werden; sie weinte über ihre verlorene Schönheit und wie schmählich alles verlaufe. Es fehlte nicht viel, daß sie aufsprang, dem gewappneten Mann ins Gesicht schlug und ihre Unfähigkeit herausschrie. Das ganze Manöver zeigte den Prinzen in einer Dummheit, vor der sich die verwöhnte Frau ekelte. Sie weinte wütend weiter, erinnerte sich ihrer Kindheit im Hause des Barbiers und beruhigte sich sehr langsam. Der Prinz, der sie verlassen hatte, kam nach zwei Stunden wieder; sie bat ihn um Verzeihung, ein weibliches Herz könne sich nicht leicht neuen Dingen anschließen; Mien fragte sie genauer aus nach den Methoden, mit denen man Entfernte behext, umbringt; sie hielt es für das einfachste, ihm einen Trank zuzuschicken, was Mien nach einigem Überlegen ablehnte; diese Methode schien ihm zu gefährlich. Ob sie im Hause, ohne sich aus dem Zimmer zu rühren, seine Absicht ausführen könne. Nach einigem Nachsinnen meinte die Dame Pei aufleuchtend, daß dies ginge. Sie schlug vor, den Geist des zum Tode Verurteilten in eine Puppe zu zwingen, die Puppe an der Schwelle der Wohnung des Menschen zu vergraben; in kurzem würde dann der Mensch verwirrt werden, sich umbringen oder auf andere Weise rasch sterben.
Dazu schwang Mien die Arme; dies sollte ausgeführt werden. Er nahm ihr nochmals das Gelöbnis des Schweigens und der Konzentrierung ihrer Kraft ab; sie würde, wenn alles glücke, belohnt werden wie sie wünsche; nichts würde ihr abgeschlagen werden.
Und so war die Dame Pei, in dieser Weise gefangen, nur wenig erschreckt, als der ungeheure Mensch sich zu ihr waffenklirrend bückte und ihr ins Ohr flüsterte, nachdem er die Perlschnüre beiseite geschoben hatte, die ihr vom Kopfputz herunterhingen, es handle sich um den Kaiser, den sie verzaubern solle.
Das Vertrauen, das man ihr in diesem Kreise schenkte, hatte sie schon früher erregt; jetzt schoß ihr eine Wut in den Kopf, eine Blendung fiel über ihre Augen; sie nahm sich vor, zu können und zu herrschen.
Außer Frau Jing, dem Eunuchen, die für die Geheimhaltung des Aufenthaltes der Pei raffiniert sorgten, wurde in das Geheimnis ein Steinschneider einbezogen, der mit dem Eunuchen befreundet öfter in den Palästen der Roten Stadt arbeitete. Er erhielt vom Prinzen Mien viertausend Taels und ein goldenes Amulett, den Gott des langen Lebens darstellend. Frau Pei beauftragte ihn, mit möglichster Sorgfalt eine armgroße Statue des Kaisers in Jade zu schneiden; er solle den Kaiser liegend nur mit einem Leinenrock bekleidet darstellen; die weitere Ausstaffierung der Puppe würde sie übernehmen.
Länger als fünf Wochen dauerte es, bis dieser Bildhauer, der geheim schaffen mußte, seine Arbeit fertig hatte und abends eine fein gebeizte und geschnittene Büchertruhe vom Karren hob und aufgeschultert in das Haus brachte, welches die Dame Pei bewohnte.
Die Puppe aus grünem Nephrit ähnelte erschreckend dem Himmelssohn. Schlafend lag der Kopf auf die rechte Seite gedreht; der Mund atmend leicht offen; ein dünnes Kleid wallte bis auf die bloßen Füße und war in der Schlafunruhe von der rechten Schulter her verzogen, über den linken starken Knöchel verschoben; die Hände fielen dickgeädert schwer zu beiden Seiten. Der glasig grüne Stein gab dem Bild eine Leichennähe und gleichzeitig eine unirdische Bewegtheit, die von innen aus dem Stein heraus geradezu sprechend gegen den Tod sich wehrte.
Die Verschwörer standen um das Bild herum. Mien mit siegesgewisser Freude umarmte den einfachen jungen Steinschneider, der mit stolzen Blicken sein Machwerk prüfte und eine Falte anders gelegt haben wollte.
Frau Jing weinte, wich in eine Ecke, wo man sie schnauben hörte; auch der Dame Pei, die erst die Puppe mit einer gemachten Ruhe fixiert hatte, wurde übel; sie seufzte, lief in Angst aus dem Zimmer und mußte von Frau Jing auf das Geheiß des Prinzen zurückgerufen werden.
Die weitere Arbeit lag der Dame Pei ob. Als sie sich von der Gesellschaft ihrer Gäste befreit hatte, brauchte sie mehrere Tage, ehe sie sich der Puppe gelassen nähern konnte; dann gab ihr der Prinz Gelegenheit, Khien-lung zwischen den Magnolien und Lotosteichen der Purpurstadt spazierend zu sehen. Und immer wieder sog sie mit beschwörenden Gesten etwas von der Seele des wandelnden Mannes ein, heute die Geister der fünf Eingeweide, der Leber, Milz, Lungen, Herz, Nieren, dann den Geist der Augen, des Hirns; jedesmal trug sie einen kleinen Gegenstand in der geschlossenen linken Hand, das Organ, dessen Geist sie bannte; aus blauem Holz die Leber, aus weißem Metall die Lungen, aus feuerroter Seide das Herz; zu Hause preßte sie die eiförmigen Stoffe der träumenden Puppe auf den Leib, die Brust, die Stirn; unter Brennen des Weihrauchs, Abdunkeln der Fenster. Wie ein Schwamm nahm die Puppe die Geister auf; der Stein begann sich dunkler zu verfärben, die Figur wurde undurchsichtig, braune Kerne bildeten sich in ihrem Innern, von denen sich feine Linien und Sprünge wie Adern in die Glieder senkten und über die Haut sprossen.
Nachdem die Dame Pei in einer letzten schmerzvollen Zusammengerissenheit den Lebensgeist des Kaisers heimgebracht hatte, verschloß sie über fünfmal fünf Tage die Truhe, in der die Bildsäule ruhte. Gegen Ende dieser Zeit stöhnte und stocherte es in dem Kasten vernehmlich; der schwarze Prinz Mien, der Steinschneider und die schöne Frau Jing bückten sich über den Kasten, als die Pei, die ihre Kniee bezähmt hatte, im gelben rotüberflammten Wukostüme mit kräftigem Anstemmen der Arme den Deckel sprengte. Ein warmer Dunst schwälte mit faulig fadem Geruch aus dem Kasten. Vor dem Gesicht trug die Dame Pei eine schlangenzüngelnde, goldverzierte Göttermaske; ihre lebendigen, rotgeschminkten Hände ergriffen die Puppe, die sie rasch wie eine wilde Katze gegen ihre Brust anpreßte.
Sie sahen alle, die Zauberin umringend, daß der Kopf der Bildsäule leicht nach der Mitte zu gedreht war; das rechte Auge hatte blinzelnd das Oberlid angezogen; die Gewandfalten lagen glatt; die Puppe hatte sich gestreckt. Auf dem schwarzgefilzten Tisch neben der Öllampe lagerte die Frau vorsichtig die Figur, einen Finger immer gegen sie andrückend; die zitternde, nervös rülpsende Frau Jing, die ohne es zu merken oft wimmerte, brachte ein zierliches weißes Trauerkostüm, mit dem die Zauberin rasch die Gestalt bekleidete.
Es war Nacht; der dicke Nebel floß über die stillen Paläste der Purpurstadt; vor die Glückseligkeitshalle, in der der Kaiser schlief, tasteten sich die vier Verschwörer an einen uralten Thujabaum, unter dem Khien-lung zu sitzen liebte. Rasch gruben der Prinz und der Steinschneider mit einer bereitgelegten Schaufel ein oberflächliches Loch, versenkten die zwischen zwei Bretter eingeklemmte Puppe. Die Zauberin stammelte ein paar Worte hinunter; ein Kratzen kam herauf; die Erde wurde übergeworfen.
Man trennte sich; es war geschehen.
Die Puppe würde in Erstickungskämpfen des letzten Restes der Seele Khien-lungs sich bemächtigen; der Kaiser mußte sterben; die Puppe war gefesselt, konnte nicht aufstehen.
Diese Ereignisse fielen in das Jahr der Gebrochenen Melone. Wenig hielt sich der Kaiser in der Purpurstadt auf; die Angelegenheit rückte nicht vor. Die Dame Pei wohnte schon wieder in der Stadtwohnung. Der Prinz Mien besuchte sie nicht selten; er wurde bald erregt und drohend zu ihr, da er überzeugt war, daß sie aus Angst vor dem Kaiser nicht alle Künste spielen ließ. Er schlug die empörte Dame einmal so heftig auf den Schädel, daß ein Arzt ihre Kopfgeschwulst behandeln mußte.
Sie klagte ihre Not der Dame Jing und dem Steinschneider, die bei ihr aus- und eingingen. Die Jing freute sich ersichtlich über das Unglück, denn sie war eifersüchtig auf die Pei geworden.
Der Steinschneider war ein verschlagener, geldgieriger Mann, der dem Prinzen große Summen in dieser Sache erpreßte. Als er den Eindruck gewann, wie schwierig die Angelegenheit war, begann er an dem Erfolg des Unternehmens zu zweifeln, hielt die Pei für eine Geldschneiderin wie sich selbst und suchte sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die Dame Pei krümmte sich vor Wut, als er vorschlug, den Prinzen noch einmal gründlich anzuzapfen, dann wolle er sie heiraten und mit ihr in seine Heimat nach Schan-si gehen. Zurückgewiesen und hart vor den Kopf gestoßen plante er Rache.
Bei der Herstellung einer steinernen Girlande an der Front eines Pavillons am südlichen Lotosteich vermißte er angeblich eines Tages ein Stück Jade von bedeutender Größe. Er erstattete dem Oberaufseher der Bauarbeiten Meldung, der die Untersuchung energisch in die Hand nahm. Der Steinschneider erklärte, es wäre möglich, daß der Stein schon seit Monaten verschwunden sei. Da erhielt er auf der Stelle Prügel für seine Unachtsamkeit, und nun erst in seinem Schmerz bemerkend, wie dumm er die Sache angestellt hatte, so daß er schon im Beginn bestraft wurde, gestand er schreiend die ganze Verschwörung.
Die Jadepuppe wurde ausgegraben unter dem Entsetzen der Hofbeamten, die die Sache zu vertuschen suchten.
Den Erdboden unter der Thuje fand man gelockert; wenig tiefer dringend stieß man auf eine eigentümliche Höhlung wie eine Luftblase und auf deren Grund lag die Puppe; die Bretter in der Mitte gesprengt und nach oben verbogen; die Puppe, die Hände vor den Mund geschlagen, sitzend vornüber gekrümmt. Weiße Maden bedeckten sie, als wenn sie ein Leichnam wäre.
Man fahndete nach den Damen Pei und Jing. Beide waren flüchtig.
Den Prinzen Mien traf man in seinem Palaste an; auch er suchte zu entkommen. Nachdem ihm von dem Minister der Strafen, der die Untersuchung übernommen hatte, bedeutet war, daß er sich bis zum Entscheid des Kaisers in seinem umstellten Palaste aufzuhalten habe, brüllte er, fast platzend vor Wut, von wem der Minister zu solcher Maßnahme gegen einen kaiserlichen Prinzen autorisiert sei. Auf die kalte Antwort des Ministers, er übernehme die Verantwortung, hieb der tobende Mann ihm mit seinem Prunksäbel gegen den Kopf, so daß die Mütze mit der Pfauenfeder herunterfiel. Die Palastwachen stellten sich vor den Angegriffenen; der Prinz trat, beschimpfte sie in widerlicher Weise, ohrfeigte andrängend den Hauptmann, der sich nicht wehrte. Dann zum Fenster hinausblickend und die starke Besatzung vor seinem Haus bemerkend, zog er sich still mit giftigen Augen in sein Schlafzimmer zurück, atmete Goldplättchen ein und erstickte.
Zur Zeit, als Khien-lung den Taschi-Lama in Jehol empfing, kam der Prinz Mien-kho so um. Die Untersuchung wurde auf Befehl des Kaisers weitergeführt und ergab den dringenden Verdacht einer Beteiligung der Prinzessin und des Prinzen Pou-ouang.
Diese Nachricht war es, die den Kaiser, dem die Beruhigung seiner Ahnen durch Sühnung des Verbrechens von Yang-chou fehlgeschlagen war, in Jehol erreichte und seiner Seele einen grausamen Stoß gab. Briefe von Kia-king kamen an, in denen der Prinz ihn tröstete, von seiner grenzenlosen Zugeneigtheit zu seinem Vater sprach, bat, bittere Mißverständnisse aufklären zu lassen oder zu vergessen. Khien-lung, von der Idee besessen, bald sterben zu müssen und ungereinigt vor seinen Ahnen zu erscheinen, erreichten diese Tröstungen nicht. Er rang um seine Stellung unter seinen Vätern wie nie um ein Land. Er sah sich von rechts und links verlassen; manchmal glaubte er vom Lande ausgespieen zu sein; meistens stand er allein auf einem mächtigen Steinacker und kämpfte gegen die Gespenster, vor denen alle flohen.
Er erfuhr, daß Tschi-li in Flammen stand unter dem Aufruhr. Er sah der Empörung mit einer kalten Ruhe ins Gesicht. Was er wollte, erfuhren seine Begleiter später als die Hofbeamten in Pe-king, wohin Khien-lung Briefe schickte, auch einen kühl dankenden an Kia-king: der Kaiser verlangte rasch nach Pe-king zurück, um den Taschi-Lama vor seiner Heimreise nach Tibet noch einmal zu sprechen.
* * * * *
In einem kleinen Fichtenwald nördlich der Tatarenstadt Pe-kings lag das Kloster Kuang-tse. Hier wohnte der Heilige aus Tibet.
Sein Zug von Jehol nach Pe-king war auf einer einzigen Triumphstraße erfolgt. Die Vögel der Anbetung rauschten in schwarzen Scharen um seine Mitra. Als er sich in das kleine Kloster Kuang-tse gesenkt hatte, schienen tausend magnetische Arme über die Klostermauern nach außen zu wachsen und die Anbeter herbeizuziehen. Auf kaiserlichen Befehl umgab beständig eine Kompagnie des Roten Banners den Wohnort des hohen Gastes; sie vermochten den Andrang nicht zu regeln.
Unübersehbare Menschenströme; Wagen, Karren, Reiter, Mütter mit Säuglingen, Bettler, Fürsten, Vagabunden; ein Zusammenschlagen und Vereinigen aller Blicke; ein Brechen aller Knie vor dem hölzernen Zepter, das der ernst lächelnde starke Lama an der Hoftür hob.
Aus Hintertüren verließ Paldan Jische, der zu Fuß ging, an Vormittagen in Begleitung zweier Gelehrter das Kloster, spazierte wie ein einfacher gelbrockiger Lama im spitzen Hute. Er besuchte das östliche Tung-huang-tse, das Kloster des Tschan-tscha Chu-tuk-tu, machte in der Sänfte einen großen Ausflug nach dem Jagdpark Hung-schan, westlich des Kun-ming. Die herrlichen Waldungen der Ulmen, Maulbeerbäume durchschritt er in einem strahlenden Entzücken; Marmorbrücken führten über Schluchten und grüne Bäche; die schlanken Rehe jagten dicht vorüber.