Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 26

Chapter 263,552 wordsPublic domain

»Ich bin Herrscher des größten Reiches der Welt, und ich verlange keine Verwandlung. Ich bin als Sohn des Himmels geboren und werde auf dem Drachenthron sterben.«

»Wenn Sie dieser schöne Tag nicht reut und ich Ihnen das warme Sonnenlicht nicht verdunkle, will ich Eure Majestät fragen nach den Dingen, die Sie gestern berührten. Warum haben die Soldaten Eurer Majestät jene tausend Menschen in die Mongolenstadt getrieben, in der sie untergegangen sind?«

»Diese Menschen waren Rebellen, Paldan Jische, die meine Dynastie schmähten, ein eignes Königreich in meiner nördlichen Provinz gründeten.

Sie hatten eine verlogene Art, das heilige Wu-wei, das Nichtwiderstreben des Lao-tse in die Praxis überzuführen. Sie streiften, statt die Felder zu bestellen und Kinder zu erzeugen, in den Distrikten einher; bettelten, beteten wenig, hofften auf das Westliche Paradies. Da sie sich rühmten, durch Vereinigung mit dem Schicksal in den Besitz übernatürlicher Kräfte zu gelangen, strömten ihnen tausende tüchtige Männer, auch zahllose Frauen aus allen Gegenden zu. Es ging nicht an, daß meine Beamten da zusahen. Sie suchten sie zu zerstreuen; auch einige Schichten der Bevölkerung empfanden das Bedrohliche der Bewegung. Und dies war der Anfang von ihrem Ende.«

»Ich weiß noch nicht gut den Anfang. Aber das Ende weiß ich: daß Khien-lung ruhelos geworden ist. Wer hat für gut befunden, die Sektierer anzugreifen? Da sie doch selbst, wie Eure Majestät bemerkten, nicht angriffen.«

»Der Name dieses Mandarins ist mir nicht genannt worden.«

»Es kommt darauf nicht an.«

»Dies ist kein Verbrechen, Eure Heiligkeit: Männer, die ihre Frauen und Kinder verlassen, in ihre Häuser zurückzutreiben, Söhne, die den Dienst der Ahnen vergessen, zur Besinnung zu peitschen. Die Äcker müssen gepflügt, besät werden; die Steuern zur Erhaltung des Gesamtreiches müssen aufgebracht werden. Wenn Frauen, die ein Schatten und Echo im Hause sein sollen, unter Sektierer laufen, so soll man sie auf kleinen Ketten knien lassen; die unzüchtigen Frauen und Nebenfrauen, die ihre Wohnungen verlassen, um unter Leuten, die sich schamlos 'Brüder, Schwestern' nennen, Dirnendienste zu tun, mag man bestrafen, wie es in den einzelnen Gegenden Brauch ist: lebendig vergraben, in Säcke einnähen und ertränken, mit acht Schnitten töten.«

»Dies alles ist Recht. Ich schweige schon. Ich vermag nicht zu fassen, wie aus solch prunkendem Anfang das bejammernswerte Ende entstehen soll.«

»Nein, Pantschen Rinpotsche, dies bleibt rätselhaft. Genau soll man tun mit den Verbrechern, wie ich sagte. Und doch ist das wie ein Kopf, der eben noch ernst, würdevoll blickte, und plötzlich das Maul und die Augen wie ein Tiger aufreißt und brüllt. Was ist dieser Kopf, Pantschen Rinpotsche? Warum gähnt er mich an?«

»Lassen Sie ab, Khien-lung. Schließen Sie Ihre Seele ein. Ich hebe mein Zepter. Der Buddha Cakya-muni hat die Ursachen des Daseins und ihre Verknotung enthüllt; zurzeit der Morgendämmerung vor seiner Erhöhung wurde dem Königssohn von Kapilevastu die Erkenntnis. Sie häkelten Ursache mit Ursache zusammen; ich nehme den Faden, löse die Naht auf. Die Sekte wanderte im Dunkeln, suchte den Buddha und hätte ihn gefunden. Sie sind über die Männer und Frauen gefallen. Sie haben tausend ruhelose Geister geschaffen. Sie haben die Kette ihrer Wiedergeburten unnatürlich verlängert. Man kann nicht schlafen, wenn es nachts mit tausend jammernden, anklagenden Geisterknöcheln gegen Türen und Pfosten klopft. Khien-lung, Sie halten Ursache neben Ursache.«

»Was soll ich tun, um die Kette zu zerreißen? Ich weiß, meine Ahnen haben hier etwas nicht gebilligt. Aber ich kann die Menschen nicht wieder zum Leben bringen. Ich kannte diese Sektierer nicht; ich werde für sie opfern lassen.«

Der Heilige lächelte; er streichelte die Seidenpuschel seines Brustschmuckes nachdenklich: »Länder und Menschen sind grundverschieden; zehn Tagereisen nach Osten von Tibet hat sich alles verändert und man weiß weder von den Weltumwälzungen noch von dem Kreislauf der Geburt und des Todes. Hundert Familien nennen Sie sich; nicht einmal der Tod bricht die Familien in Stücke; Ihre Ahnen bleiben bei Ihnen. Wie abgeschliffen glatt ist das, häuslich, über den Boden gebückt. Eine Räucherung versöhnt für den Sturz in die Kaskaden der Wiedergeburten; ein Töpfchen Butter will eine Seele für die jahrtausend verlängerten Qualen entschädigen. So lassen Sie für die Geister dieser Toten in Ihrer Weise opfern; errichten Sie ihnen Wegschreine. Die Reste der Wu-wei-Sekte schonen Sie.«

»Mein Kopf ist leer, faßt keine Gründe. Sie wollen mir helfen, Sie wollen mir helfen!«

»Wieder ist der Tag schön. Milde sein, still sein heißt die Hand, die alle Riegel hebt. Kommen Sie zu mir, alter Mann, finden Sie sich, bevor Sie sterben.«

Der alte Gelbe Herr starrte vor sich hin: »Der Hochwürdige vom Gnadenberg hat eine leichte sanfte Art, die Fäden zu lösen. Ich werde meinen Ahnen Sühneopfer bringen; ich werde nach Mukden an die Gräber gehen. Für Wang-lun und seine beladenen Anhänger Versöhnungen ersinnen. Kang-hi, Jang-tsing wollen es.«

Khien-lung steifte die Wirbelsäule. Der Papst der Gelben Kirche zog die Knochenkette durch die rechte Hand; sein Gesicht war dem Kaiser zugewendet.

Den Kaiser umringten die Schatten seiner starken Ahnen; sie drückten auf seine hochgezogenen Schultern; sie musterten ihren hinsinkenden Nachkommen. Der Kaiser bäumte sich; dies waren Kang-hi, Jang-tsing, die ihn in ihren stillen Kreis aufnehmen sollten. Durch ihren Nebel leuchtete das bronzene, freie Antlitz des Heiligen von Taschi-Lunpo.

In einer Verwirrung und Erschütterung schlotterte der Gelbe Herr vor dem fremden Mann hoch, berührte seine seidenen Ärmel: »Sie sind, Paldan Jische, der zeptertragende Lama. Khien-lung fürchtet sich; haben Sie ihm gut geraten?«

* * * * *

Wang-lun hatte man nur eine Woche nach dem Fall Yang-chous zu verfolgen vermocht. Der Verbrecher lief am hellen Tage durch die westlichen Flecken; niemand wagte sich an ihn heran. Ahnungslose warf der riesenstarke Mensch zur Seite; Angriffen mehrerer entzog er sich auf eine schlaue Art. Zuletzt wurde er um die Zeit des ersten Schneefalls in Ho-kien, westlich des Kaiserkanals, gesehen, vor der Mauer dieser volksreichen Stadt.

Seit da hatte ihn niemand in den Provinzen des Nordens gesehen, weder im Winter noch im folgenden Sommer hörte man von Wang-lun. Auch unter den Brüdern und Schwestern gingen nur unsichere Gerüchte über ihn. Ngoh, der ehemalige kaiserliche Hauptmann, schien am meisten Kenntnis über Wangs Aufenthalt zu haben; Ngoh war es, mit dem Wang vor den Mauern Ho-kiens zusammengetroffen war. Von ihm erfuhr man, daß Wang lebte; er gab manchmal in zögernder Weise zu, daß Wang auch bald wieder kommen würde, aber sobald die Rede auf den Gründer des Wu-weibundes kam, verstummte Ngoh, blickte zur Seite und war schwermütig.

Wang-lun hatte völlig die nördlichen Provinzen verlassen, zwei Tage, nachdem er von Ngoh Einzelheiten des Untergangs der Gebrochenen Melone erfahren hatte. Das Gerücht war rascher als Wang gewesen, der einen ganzen Tag sich hatte verstecken müssen. Der sehnige Ngoh wußte nicht viele Vorgänge; einige, die man ihm mitteilte, vergaß er unter der grausigen Wucht des Ganzen.

Als Wang vor ihm stand, mit eingefallenem Gesicht, blutunterlaufenen Augen, verwandelt in einen Kriegs- und Rachedämon, nur Gehirn und Arm zu seinem berüchtigten Gelben Springer, erschrak Ngoh derart, daß ihn Wang an dem Wams festhalten mußte.

Sie gingen an der Mauer entlang; in einen zerbrochenen Hockkäfig, der von Bettlern als Nachtlager benutzt wurde, setzten sie sich; Wang wartete, bis sich Ngoh beruhigt hatte. Dann gab Ngoh Antwort auf die Fragen des Mannes, leise, vor seiner eigenen Stimme sich entsetzend, öfter fragend: »Was soll mit dir geschehen, Wang?«

Ngoh konnte von dem nächtlichen Tumult in der Mongolenstadt berichten, von den Versuchen einzelner Brüder, aus der Stadt zu entkommen, vom Todessturze über die äußere Mauer. Mehr Einzelheiten wußte er von dem Eindringen der Bürger in die Stadt bei Anbruch des Morgens; auch die Namen des Führers der ehemaligen Stadtsoldaten und anderer, die Namen der beschwörenden Bonzen waren ihm bekannt. Als Wang erfuhr, daß kein einziger der Eingeschlossenen die Nacht überlebt hatte, atmete er auf, schlug sich dröhnend gegen die Brust, saß aus Erz da.

Dann fragte Wang, während sie stoßweise der Wind mit lockerem Schnee von den Latten des Käfigs überschüttete, wessen Schicksal besonders bekannt geworden.

Ngoh schwieg zuerst, erzählte einige Vorkommnisse, ohne die Namen der Betroffenen angeben zu können, schilderte, wie man die schöne Liang-li aufgefunden, noch lebend; er redete sich in große Erregung hinein und endete klagend mit dem Tode Ma-nohs.

In ein gellendes Geheul brach Wang-lun aus; er hielt sich an Ngoh fest, stopfte sich die Ohren zu, wand sich.

Er rannte aus dem Käfig hinaus, durch den weichen Schnee an der Mauer entlang, Ngoh hinter ihm her. Unaufhörlich gellte Wang, warf sich, die Erde mit Fäusten bearbeitend, auf den Boden, raffte sich wieder auf; schließlich liefen sie hintereinander auf eine kleine Anhöhe. Der schreiende speichelnde Mann setzte sich in den Schnee, hielt sein Schwert mit beiden Händen hoch, schwang es gleichmäßig durch die fallenden Flocken von rechts nach links, von links nach rechts. Er zog es herunter, küßte stöhnend die Klinge, betrachtete mit fremden Blicken den ratlosen Ngoh. Er wälzte sich auf der Erde, rollte den Hügel herunter, malte eine lange hellrote Spur in den weißen Schnee mit der blutspritzenden Hand, die am Gelenk geschlitzt war. Ngoh fiel in sein Wimmern ein; er rüttelte an dem Mann, hob ihn auf, preßte Schnee gegen die Wunde, zerrte Wang hinter sich her, der den Kopf mit dem verzerrten Gesicht im Kreise drehte, mit der rechten Hand sein abgerissenes Schwert hinter sich schleifte wie ein Kind sein rollendes Wägelchen.

Dicht vor einem Tor fühlte sich Ngoh an der Schulter gepackt; Wang stieß ihn schnaubend mit wilden Blicken von sich, blieb zuckend stehen, betrachtete, sein Schwert hinwerfend, die breite Schnittwunde am linken Handteller, wehrte dem unaufhaltsamen Wimmern Ngohs ab. Der riß sich einen Lappen aus seinem Mantel, band die rote Fläche zu. Rasch entfernte sich Wang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich umzusehen.

Am zweiten Tage hatte das zarte Schneegestöber aufgehört; durch die blendende Landschaft zitterte das Klingeln der Lustschlitten, das glückliche Kichern. Die Ebene vor dem Tore war mit spazierenden Männern und Kindern schwarz betupft. An der Mauer drückte sich Ngoh mit Wang-lun entlang unter den Bettlern, die in Reihen lagen, ihre verstümmelten Glieder zeigten, den Hundereis, den ihnen die Wohltätigkeitsanstalten schickten, aus Kübeln schöpften. Jenseits des Hockkäfigs wurde es stiller; sie schlenderten ohne zu sprechen am Fuß der Mauer weiter.

Ein Pfeifenverkäufer, ein langer Mensch, ging an ihnen vorbei; seine Bambusrohre, die er auf der Schulter trug, streiften Wang mit ihren weißkupfernen Saftstücken am Hals; Wang fuhr hastig zusammen und drehte sich um. Er warf einen bösen Blick auf den Händler, der gemächlich im Schnee vorantrabte. Auf der Anhöhe, die sie neulich im Gestöber erstiegen, standen viele Kinder, Knaben mit bunten Kappen; das Schlagen eines Tamburins scholl herüber; im Kreise der Kinder sprang ein Mann mit einem angeketteten schwarzen Bär; der Mann klirrte seinen runden fellbezogenen Rahmen über den Kopf, auf den Rücken, wirbelte sich herum; der Bär umging ihn sachte, aufrecht, suchte mit den Vorderpfoten die Schultern des Herrn zu berühren, die Kinder kreischten.

Wang, in sichtlich großer Erschlaffung, sagte, die Nachricht vom Schicksal Ma-nohs sei auf ihn doch tiefer eingedrungen als er geglaubt hätte. Es komme ihm vor wie ein Steinschlag in den Brüchen, den er einmal gesehen hätte; zwei überlebende Leute hätten dagesessen und immer gelacht. So ginge es ihm wirklich auch. Er redete in dieser Weise weiter, in einem unnatürlich gleichmütigen berichtenden Tone.

Als Ngoh, der wieder ängstlich wurde und sich Erregungen nicht gewachsen fühlte, fragte, was Wang vorhabe, lächelte der große Bettler eigentümlich traurig und sah leer vor sich hin. Sie kehrten um. Und als sie schon in der Höhe des lustigen Kinderhügels waren, umhalste Wang seinen Bruder und sie spazierten umschlungen.

Es hätte sich alles so unübersehbar gewendet, meinte Wang, daß er keine Lust habe, mehr etwas zu ändern oder herbeizuführen oder überhaupt irgend etwas von Belang zu verrichten. Er führte Ngoh, der unruhig folgte und ihn nicht verstand, auf den Hügel, um dem Bärentanz zuzusehen. Beim Anblick der beiden Zerlumpten stoben die Kinder lautlos auseinander; der Tamburinschläger zerrte sein widerspenstig brummendes Tier hinter sich her. Die Männer machten abwinkend kehrt.

Ja, er sei fröhlich, fuhr Wang fort. Es sei alles unübersehbar, aber schließlich hätte Ma-noh recht behalten. Der warnte am Ta-lousumpfe davor, den Gelben Springer zu gebrauchen; es wäre ein Verstoß gegen die Lehre des Nichtwiderstrebens. Weil er, Wang, nicht dieser Meinung war, hätten sie sich getrennt. Das Unglück in der Mongolenstadt wurde heraufbeschworen. Zum Schluß pralle das Schwert gegen seine Brust zurück: es geht nicht an zu widerstreben. Ma-noh prophezeite sein Schicksal, und er habe versagt.

Ngoh wendete ein: was denn dabei für ein Grund wäre zu lachen und sich zu freuen.

Soviel Grund, sagte Wang mit aufleuchtenden Augen, wie einer hat, der ganz unerwartet, ganz plötzlich über sich belehrt wird von Grund aus, als ob ihm das Fell vom Leib abgezogen würde. Man ist zufrieden. Man fühlt einen Boden unter den Sohlen. Man weiß, woran man mit sich ist.

Wang war ersichtlich zu zerstreut, gut aufgelegt, rechts und links abgelenkt, um viel zu sprechen. Später schwatzte er, aber so eigentümlich Belangloses, daß Ngoh erstaunte. Wang zeigte Interesse an den einfahrenden Schlitten, mokierte sich über die wackelnden Damen und die hinter ihnen schwänzelnde Eleganz, erzählte Gauneranekdoten. Ngoh konnte erkennen, wie aus dem erschlafften Gesichte Wangs sich neue verblüffende Züge herausarbeiteten. Ein bäurischer Spaßmacher, ein anderer Mensch mit anderer Stimme schlenkerte neben ihm.

Sie setzten sich auf einen plötzlichen Einfall Wangs zu ein paar Bettlergruppen am Tor, würfelten mit ihnen. Ngoh erwartete von Wang eine auffällige Gebärde, einen schmerzlichen Blick. Aber der Träger des Gelben Springers schien sich immer mehr wohl unter dem habgierigen faulen unflätigen Gesindel zu fühlen. Er war heiter ohne Krampf, rekelte sich und beachtete Ngoh nicht mehr.

Als er ein schmutzstarrendes Mädchen, den Gemeinbesitz dieser Bande, zu sich auf den Schoß nahm, stand Ngoh angeekelt auf. In einer wühlenden Verwirrtheit schlich er nach dem Tore.

Am Eingang erreichte ihn Wang mit dem Mädchen. Beide schüttelten sich vor Lachen. Wang hatte dem Mädchen erzählt, daß der Hauptmann wegen eines Lustknaben den kaiserlichen Dienst quittiert hätte. Die Dirne konnte fast platzen vor Vergnügen über den verrückten Kerl und fragte quietschend Ngoh nach dem Namen des Knaben, indem sie mit dem Zeigefinger ihre Stirn berührte. Rasch ging Ngoh in die Stadt hinein. Er hörte noch, wie Wang hinter ihm herrief: »Lebe wohl, alter Bruder! Ein Wiedersehen im Westlichen Paradiese.« Und wie er zur Freude des Mädchens die Torwache anrempelte.

Nach diesen Ereignissen verschwand er den Brüdern völlig aus dem Gesicht. Ngoh schwieg über die Begegnung. Als die kaiserlichen Erlasse erschienen und Wang-lun aus Hun-kang-tsun, Hai-ling, Schan-tung völlige Straffreiheit verhießen und Duldung seiner Lehre, saß der ehemalige Bandenhäuptling auf seinem kleinen Acker im Hia-ho, fuhr mit den Kormoranen auf Fischjagd, seine Frau kannte ihn unter dem Namen Tai. Er war ein gewiegter Mann, ehrerbietig gegen den Magistrat, kameradschaftlich, nicht ganz zuverlässig im Umgang. Mit dem Glauben hielt er es wie alle Bauern: betete zu den Göttern, die ihm am meisten Gewinn versprachen. Unter den Zuwanderern des letzten Jahres nach Sicherung des Großen Dammes gegen Springfluten war Tai der meistgeschätzte.

* * * * *

Nach ein paar Wochen erfuhren die Präfekten der Distrikte und Städte Tschi-lis und Schan-tungs, in wie sonderbarer Weise sich die Untat in Yang-chou-fu an dem Gelben Herrn ausgewirkt hatte.

Die weitere Verfolgung der Sektenanhänger wurde durch das Tribunal der Riten, die Zivil- und Militärbehörden gleichzeitig verboten. Ein kaiserlicher Erlaß an die Tsong-tous und die Präfekten der Kreise belegte den völligen Sinnesumschwung der höchsten Instanz über das Ereignis. Magistratsbeamte und Literaten der westlichen Provinz Tschi-li wurden mit empfindlichen Geldstrafen und Degradierung bestraft, weil sie falsche Mitteilungen über das Wesen der Sektierer gemacht hätten. Es verlautete aus dem Astrologenhof der Roten Stadt, daß sich aus der Untat in Yang-chou schwere Konstellationen für den Gelben Herrn ergeben hätten.

In den Literatenzirkeln, in den Tempeln des Kung-tse saß man niedergedonnert beieinander. Bestimmter drang durch, daß der Sinnesumschwung des Kaisers datiere von dem Besuch des Lamas Paldan Jische beim kaiserlichen Hof in Jehol. Die nicht ordnungsmäßige Begründung des Abweichens vom Ketzereigesetz fiel auf; nichts verlautete von Eingaben des Zensorenhofes; das Nachschleppen des astrologischen Bureaus sprach nicht für eine Initiative dieser Instanz. »Der Lamaismus am Hofe«, dieses alte verhängnisvolle Lärmwort erschreckte die konservativen Elemente; sie erregten sich; von den trüben Zuständen des alten Herrschers raunte man, von einem Mißbrauch finsterer Altersstimmungen durch mystische Pfaffen.

Hetzereien gegen die Wahrhaft Schwachen setzten mit außerordentlicher Wut ein. Der Erlaß wurde kaum in dem vierten Teil des Landes zur Kenntnis des Volkes gebracht, zum Schein über Nacht an Mauern angeschlagen, von gemieteten Strolchen abgerissen. Es erfolgten erbitterte Zusammenkünfte, Beratungen, Beschlüsse der Kung-tsefreunde. Im Westen Tschi-lis erfolgten die ersten Zusammenstöße. An mehreren Orten wurden Brüder niedergeschlagen und gefoltert. Sie zerstreuten sich oft; das Martyrium lockte neue Bekenner.

In der verhängnisreichen Gegend des Ta-lousumpfes standen zwei Trupps, die, umzingelt von ihren gehässigen Verfolgern, von einigen Verzweifelten mitgerissen, sich zur Wehr setzten, ja in einem blinden Aufwallen den Angreifern ein regelrechtes Gefecht lieferten, das für die Bündler siegreich verlief. Dies war der Anfang einer besinnungslosen Hetze auf die Vaganten in dieser Gegend. Im Norden Pe-kings, im südöstlichen Tschi-li ging es ebenso; unabhängige Ortsbehörden organisierten Angriffe auf sie. Hier und da wurden lamaische Priester angefallen.

Kia-king, der starke fürstliche Kia-king zweifelte nicht an dem Wahnsinn seines Vaters, an einer Betörung durch den heimtückischen Taschi-Lama. Eine Abschrift des kaiserlichen Versöhnungserlasses zerriß er in seinem Palast vor den Augen Chao-hoeis und Songs, die ihn besuchten. Als die Nachrichten von dem Umsichgreifen der Rebellen kamen, funkelten seine Augen vor Freude. Man hetzte ihn Partei zu ergreifen; er konnte des Anhangs aller Freunde des Kung-tse aller wahren Patrioten sicher sein, die mit Abscheu den Sieg der Gelbmäntel am Hofe verfolgten. Er hielt an sich; aber die Schlüssel zu seiner Schatzkammer warf er nach einer solchen zornigen Unterhaltung dem Aufseher seiner Gärten zu. Jetzt geschah etwas Erstaunliches: der Widerstand der Behörden hörte in den Provinzen rasch auf; dafür wuchs der Anhang der Sekte zu einem unerhörten Umfang, und die Anhänger schien alle zusammen ein Taumel von Wut, ein Rausch von Kampflust zu ergreifen, der wie ein Meer alle Sanftheit mit einer einzigen Flut ertränkte. Es waren von der Eunuchenumgebung Kia-kings unbedenklich mehrere Tausend entlassener Soldaten an verschiedenen Orten angeworben worden, die den Auftrag erhielten, den Wahrhaft Schwachen zum Schein beizutreten, im übrigen Befehle aus Pe-king entgegenzunehmen. In einigen Wochen vollzog sich eine entsetzliche Umwandlung des Bundes.

Zwei Greueltaten wurden von Pe-king aus mit feinstem Geschick arrangiert: ein Attentat auf den einzigen Sohn Chao-hoeis, des Lieblingsgenerals Khien-lungs, und ein Scheinangriff auf Mukden, wo der Kaiser sich eben aufhielt. Lao-sü hieß der Sohn Chao-hoeis; bei Schan-hai-kwang stand sein Wohnhaus auf den nordwestlichen Abhängen der Magnolien. Während der junge Lao-sü mit einem Freund eines Abends durch die dunklen Straßen der Stadt spazierte, um zu scherzen, sie trugen elegant Gardenien in den Händen und liefen mit dem tänzelnden knickenden Schritt der Gaukler, wenn sie auf Bambusstäben jonglieren, fielen Kerle im Finstern über sie her, schlugen ihnen mit Holzkloben über den Kopf, rissen ihnen das mandschurische Brustschild aus dem Oberkleid. Sie schleppten die beiden Besinnungslosen vor das Tor eines verfallenen Hauses, malten ihnen mit Erde das Zeichen der fünf bösen Dämonen auf die Stirn. Chao-hoei, der bei Khien-lung weilte, brach hin über die Schmach, die man seinem Hause angetan hatte; Lao-sü heilte schwer. Neben den Kaiser her schleppte der General sein Unglück.

Unmittelbarer Teilnehmer an einem Exzeß der Bündler wurde der versunkene Kaiser in Mukden; er sah vom Garten aus die züngelnden Flammen, welche eine Pagode und einen Ehrenbogen ergriffen, die er selbst zu Ehren seiner Mutter errichtet hatte. Er hörte auch die Todesschreie der Bündler, armer Soldaten, denen man eine große Geldsumme für ihre Familie gegeben und eine kostbare Beerdigung versprochen hatte.

Er verließ die Mandschugräber, reiste nach Jehol. Widerstrebend öffnete er die Berichte, die von den Tsong-tous eingelaufen waren: Rebellion, offene Rebellion war im Lande.

Todesstille in dem kaiserlichen Wohnhaus, als dem Himmelssohn die Berichte vorgelegt waren. Er hielt sich eingeschlossen. Am Mittag des folgenden Tages stieg er gebückt allein in die Ahnenhalle, wo er bis zum Abend blieb. Khien-lung fühlte sich schlaff und elend. Er fürchtete, sein Tod könnte jede Stunde eintreten. Das grausige Gespenstergesicht aus der Mongolenstadt hatte seine Züge nicht verändert. Er konnte es nicht ändern. Er konnte seine Ahnen nicht versöhnen. Sein Leben endete schmählich. Der Himmel hatte dies über ihn verhängt. Es sollte nicht anders enden.

Und in diesen Tagen, wo der alte Gelbe Herr auf sich eindrang, um seiner Seele einen Zornesausbruch abzuringen, traf ihn ein Schlag, der aus seinem eigenen Hause auf ihn gerichtet war.

* * * * *

In einer Clique, die sich in einem Pe-kinger Hause zur Pflege von Klatsch, Intrigen, Veranstaltung von Theateraufführungen zusammenfand, spielte eine große Rolle eine Dame namens Pei, deren Vergangenheit den meisten der vornehmen Besucher des Hauses unbekannt war.

Die Dame Pei behauptete selbst die Tochter eines westlichen Mühlenbesitzers namens Pei-sih-fu zu sein; früh verwaist wäre sie nach einer Vorstadt Pe-kings geschickt worden, wo sie ein im Ruhestand lebender Mandarin adoptierte und erzog. Die elegante Person hatte unzweifelhaft die Allüren der gebildeten Gesellschaftsklasse, sprach das reinste Kuan-ha, beging nur öfter Schnitzer in elementaren Sachen, mißverstand literarische Anspielungen. Das traf sich gelegentlich, da sie sich sonst außerordentlicher Zurückhaltung befleißigte. Es hätte niemand aus der Vorstadt Pe-kings, in der sie wirklich »erzogen« war, in der auffallenden und klugen Dame Pei die kleine Haussklavin eines verwitweten Barbiers Yeh wiedererkannt, bei dem sie in einem unsauberen Haushalt den Schmutz vermehrte, täglich von den verwahrlosten Barbierkindern geprügelt wurde und fast verhungerte. Sie lief weg und es scheint, als ob sie in einem der bemalten Häuser am Kanal erst Küchendienste tat, dann unterrichtet, selber die höheren Weihen empfing und in die Versammlung der Mandarinenten aufgenommen wurde.