Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 25

Chapter 253,581 wordsPublic domain

Die Jahrzehnte verstrichen. Mit dem Alter wuchs in dem Ehrwürdigen der Reinen Andacht das Gefühl der Größe seiner Aufgabe. Das Leiden, das er in Nähe und Ferne sah, erschütterte ihn gewaltsam. Dies war in der Tat die Welt, auf die noch die Welt eines Maitreya folgen mußte; die Buddhas dieser Epoche und ihre Emanationen reichten nicht aus für die niederringende, niederklafternde Last des Leidens und Verderbens.

Monate vor dem Aufbruch richtete sich der Strom der frommen Bettler, Pilger und Pilgerinnen aus allen Provinzen und der Mongolei auf Taschi-Lunpo. Viele, die die golddächrige Priesterstadt erreichten, begannen den Weg, den der Heilige gehen sollte, in ihrer Weise abzuwandern: sie warfen sich lang hin, zeichneten mit einem Stein die Stelle ihrer Stirn, traten auf den Strich, warfen sich hin und maßen so die Strecke mit ihrem Leib.

Von Lhassa zogen Karawanen südwestlich nach Lunpo; sie schwenkten auf den Reiseweg des Lamas ein; die Strecken, die sie gegangen waren, erkannte man. Zahllose Gebetswimpel hingen an Schnüren von Baum zu Baum, von Stange zu Stange: Steinhaufen mit den beseligenden sechs Silben om mani padme hum wälzten sie auf. Auf den Pässen und Bergen legten sie Schulterblätter von Schafen nieder. Sie rissen sich Zähne aus und stopften sie zum Opfer in die Ritzen der Felsblöcke; schnitten sich die Haare ab, banden sie mit Schnüren zusammen, ließen sie flattern neben bunten Lappen.

Dann erfüllte der Zug die engen Straßen, verlassend die Klosterhäuser mit den karmesinfarbenen Brustwehren, dem Purpur der Erker, den steilen Wänden, dem Drüber und Drunter der Felsentreppen, Dächer und Zellen. Das goldprunkende Labrang blickte aus seinen schwarzumrandeten Fenstern hinter der heiligen Karawane her, wie eine Witwe, der die Tränen erfrieren. Bunte Wimpel huschten, Posaunen schrieen. Lobsang Paldan Jische, der Ozean an Weisheit und Güte, hatte sich auf den Weg nach Pe-king gemacht.

Es war Winter geworden. Das ungeheure Aufgebot, das den lamaischen Papst begleitete, rückte schwerfällig vor. Baumlose Steppen nahmen kein Ende. Auf dem harten Boden standen Dornensträuche, kümmerliche Kiefern und Fichten. Kalte Luft wehte. In kostbarer geschnitzter und bemalter Sänfte mit gelben Seidenvorhängen trugen vier Mönche den Heiligen, der mit untergeschlagenen Beinen reglos auf dem roten Polster hockte mit bloßem kahlgeschorenem Kopf. Seine Ohren waren groß, lang ausgezogen; er trug ein schwarzes blaubesticktes Seidenkleid mit weiten Pelzärmeln. Blätter aus dem Kan-dschur vor ihm.

Im Gewimmel um ihn die Lehrlinge, die Geweihten, Doktoren, Magier, Mediziner, die ausgewählt waren. Der Zug vergrößerte sich im Vorrücken; Gelehrte der Mongolei und aus Indien schlossen sich an.

Die ganze finstere Heiligkeit der Tempel begleitete den Lama. Priester schwangen auf den Wegen, die sonst Karawanen mit Ziegeltee und Seidenballen zogen, die furchtbaren Handtrommeln: zwei Menschenschädel, mit den Scheiteln aneinander geschlossen und fellüberspannt.

In der Sänfte des Papstes zu seiner Rechten eine herrliche Schädelschale in Gold gefaßt mit gebuckeltem Golddeckel; sie ruhte auf einem dreieckigen Untersatz aus schwarzem Marmor; an den drei Ecken stützten die gelbweiße Schale kleine steinerne Menschenköpfe, in rot, blau und schwarz.

Von Zeit zu Zeit, wenn man zur Andacht haltmachte, bliesen die Trompeten aus Menschenknochen; in einem Bronzeansatz mit weiten Nüstern endeten sie; ihr Tönen erinnerte an das Wiehern jenes Pferdes, das die Geister in die Freudenhimmel trägt.

Vor den wandernden Doktoren, die in spitzen, gelben Filzhüten gingen, auf deren Rückseite flauschige Kämme in die Nacken liefen, zogen riesige Jaks die ungeheuren und beispiellos kunstvollen Gebetsmühlen auf Karren.

Einheimische Tunguten in kleiner Zahl, dazu fünfzehnhundert kaiserliche Soldaten deckten den Zug. Nordöstlich schob man sich vor, an dem blauen See vorbei, dem Tsomawang, auf dessen Grund der Gott in einem Türkiszelt haust.

Ungeheuer ragte der Eisgipfel des heiligen Kailasberges herüber. Nach vielen Tagereisen kam man auf die Schneefelder und Berge, die zum Kukunor führen. Jetzt setzten die gefürchteten Nordstürme ein. Der heilige Zug, sich in Täler senkend, über Bergrücken windend, begegnete auf allen Wegen den Spuren des weißen Todes, Tierleichen, Menschengebeinen. Hier waren auf jedem Paß bittende Fähnchen, Knochen hingelegt für die furchtbaren Götter.

Und die furchtbaren Götter gaben auch den gnadenvollen Wanderern von Taschi-Lunpo das Geleite. Jamantaka, der grausigste der Göttergespenster, schrie gefräßig im Sturm über die grenzenlose Einsamkeit der Wege und fiel die Jaks, die Maulesel und Menschen an, er mit dem Stierkopf und der Pyramide von neun Köpfen, sechzehn Beinen, vierunddreißig Armen. Aus den schwingenden Armen sausten die eisernen Speere, er zerfleischte die Menschenkörper, fraß ihre Herzen, soff ihr Blut, er, der das Entsetzen verbreitete aus seiner Feste, die er durch sechzehn Tore verlassen konnte. Den Geweihten und Heiligen vermochte er nichts anzutun; die Dragsed, höllische Weiber kämpften gegen ihn, von den Magiern beschworen.

In den grausigen Bezirken rückte man langsam vor. Man betrat unter Dankgebeten die Provinz Am-do, die dicht an der Grenze der kaiserlichen Provinz Kan-su gelegen war. Dann traf man in der herrlichen talversenkten Klosterstadt Kumbum ein. Das Haus des Erneuerers der Gelben Kirche, des heiligen Tsonkapa, des Lehrers der Tugendsekte, träumte noch unter dem schönen Sandelholzbaum. Nach Osten ein Wall von Eis und Schnee.

Der gelbe Gott verharrte hier den Winter hindurch. Die Welt hatte einen neuen Mittelpunkt. Die Ströme der Wallfahrten und Karawanen endeten hier. Ein mongolischer Häuptling, dessen Scheitel Paldan Jische berührte, schenkte ihm dreihundert Pferde, siebzig Maulesel, hundert Kamele, tausend Stück Brokat, einhundertfünfzigtausend Mark Silber. Für Ärmste und Arme legte er täglich an tausendmal seine Hand auf safranbestrichenes Papier. Das Land schlürfte glückselig an dem Gott, der sich verschwendete.

* * * * *

Dann war der Winter und erste Frühling vergangen. Eine Ehrenwache von zehntausend Mann zog dem heiligen Tibetaner entgegen; es dauerte noch sechzig Tage, bis die wundertragende Karawane unter dem Geleit kaiserlicher Prinzen und des lamaischen Erzbischofs des Reiches, des Tschan-tscha Chu-tuk-tu, die westlichen Provinzen, die große Mauer, Dolonor überwunden hatte und sich dem marmorstrahlenden, gesangerfüllten Lustschloß Jehol näherte. Der Großlama bedurfte seines Schirmträgers nicht nach dem Eintritt in den kaiserlichen Garten; es waren an niedrigen bemalten Stangen Seidengewebe, bauschige gestickte Kostbarkeiten aufgehängt über den Weg, den der Hochwürdige ging zwischen den schwarzen himmelhohen Zypressen und schlanken Thujen. Rote und weiße Lotosblüten lagen auf der schimmernd braunen Erde, die seine Sohlen betreten sollten.

Aber an dem eisernen Gitter blieb der Taschi-Lama stehen. Er weigerte sich, die Blumen zu zermalmen. Er blieb in der warmen Luft fast eine halbe Stunde vor dem offenen Eingang stehen. Alles verzögerte sich; man räumte hastig drin von den Gängen die Blüten weg; wehmütig verfolgte Paldan Jische die Arbeit; auch die Äbte und Doktoren hinter ihm standen mit gesenkten Köpfen da, peinlich betroffen von diesem barbarischen Empfang.

Und als dann der tibetische Papst auf seinem Wege seitlich neben einem Zypressenstamm einen kleinen Haufen der zusammengefegten Lilienleichen sah, konnte er sich nicht enthalten, in einer Art Grauen stehen zu bleiben, zu dem Hügelchen hinüberzugehen und in Gegenwart des goldüberladenen Hofstaats, der singenden, fähnchenwedelnden Chöre auf der bloßen Erde hinzuknieen, Blüte um Blüte mit den segnenden Händen zu berühren.

Eine breite Allee führte gerade auf das Schloß. Als von der Schloßterrasse der Zug sichtbar wurde, die Gongschläger und Posaunenbläser voraus, ging ein einzelner Mann im gelben Seidenkleide rasch die drei Marmorstufen herunter; das Gefolge wich auseinander bis vor dem Taschi-Lama; zwischen zwei der riesigen Zypressen wurden Khien-lung und Lobsang Paldan Jische einander ansichtig, der schlanke graubärtige Herr der Gelben Erde und der große etwas fette Papst, dessen Gesicht einen Schatten von Trauer trug. Er hatte die hohe Mitra auf dem Kopfe; sein goldfarbener Goldmantel war über und über bestickt mit Buddhafiguren und anbetenden Heiligen. Vor der Brust trug er zwei ausgestopfte Ärmel, mit künstlichen weißen Händen, die sich falteten; Jische verkörperte einen vielarmigen Buddha.

Vierzig Schritte kam Khien-lung dem bronzefarbenen Mann mit den weichen Lippen und den glänzenden stillen Augen entgegen; sie verneigten sich gegeneinander; die Musik schwieg.

Leise, seufzend pries sich der Gelbe Herr, daß ihm der Himmel das Glück dieser Minute verliehen habe vor dem Sterben, hieß den Heiligen willkommen, wollte sich tief vor ihm bücken.

Aber der Hochwürdige hielt ihn bei den Ellenbogen, trat, um weiterzugehen, neben den Kaiser. Der war verwirrt und stand noch lippenbewegend da. Sie gingen dann beide, nur von den Fächerträgern begleitet, über die drei Marmorstufen und die Terrasse in die Zimmer, die dem Geistlichen Herrscher bestimmt waren, wo sich Khien-lung rasch verabschiedete.

Tage wurden ausgefüllt mit Besuch, Gegenbesuch, Festmählern, Geschenkaustausch. In einem Seitenflügel des Palastes war eine Halle hergerichtet worden, ganz gesondert für sich, nach drei Seiten freistehend, nur durch die Türwand mit dem Hauptgebäude verbunden; in diesem luftigen Raum, in dessen Mitte sich drei Sessel auf schwerem Teppich erhoben, fanden die Unterredungen des Heiligen mit dem Gelben Herrn in Gegenwart des Tschan-tscha Chu-tuk-tu statt, zweimal ohne seine Anwesenheit.

Ein Altar mit der riesengroßen Statue eines sitzenden Buddhas aus Gold blickte zu den drei Plätzen hin, auf dessen erhöhtem mittleren der Pantschen Rinpotsche, das hochwürdige große Lehrerjuwel vom Gnadenberg in Tibet, sich bald nach rechts, bald nach links neigte und dem Kaiser und dem Kardinal geheimste religiöse Worte ins Ohr flüsterte. Eines Tages riefen mongolische Karawanen, die bis dicht vor Jehol gereist waren, den Tschan-tscha ab, um Streitigkeiten bei ihnen in letzter Instanz zu schlichten; dies war heimlich von Khien-lung veranlaßt worden. Die beiden Tage, an denen der eine Sessel leer blieb, konnte sich Khien-lung ergehen.

Wie immer bei den Unterhaltungen war die Halle auf dreißig Schritt von der kaiserlichen Leibwache umstellt; die drei anstoßenden Zimmer wurden verschlossen, Posten vor die Türe des entferntesten Zimmers gestellt. Khien-lung rückte seinen Sessel halb von dem mittleren ab, so daß er dem Pantschen Rinpotsche schräg gegenüber saß und dem Altar an der Fensterwand leicht den Rücken kehrte. Paldan Jische ließ nachdenklich seinen Kopf auf die Brust sinken, zog den Rosenkranz durch die Finger der rechten bloßen Hand, kleine unregelmäßige weiße Kugeln aus Menschenknochen mit Edelsteinen besetzt.

Bevor er aus seiner Kontemplation auftauchte, fing Khien-lung, der die Arme verschränkte, zu reden an: »Eure Heiligkeit haben mir Unwürdigen so viel gegeben; meine Seele glättet sich. Ich bin zwar Kaiser, aber nur ein Mensch. Ich bin der Sohn des Himmels, aber vor der Innigkeit Ihrer Beziehung zu den großen Weltherrschern schauere ich. Manchmal schrieb ich Gedichte; meine Akademie, der glänzende Pinselwald, lobte sie; ich vermag, vergeben es Eure Heiligkeit, zu Ihnen kaum eine menschliche Stellung gewinnen. Mögen in Ihrem Lande der Gräser und schwarzen Zelte die Leute gewöhnt sein an Sie, an Ihre Milde, Ihre überwältigende Gesinnung; ich vermöchte weder Sie persönlich, noch was Sie mir sagten, zu träumen, zu dichten.«

»Die Majestät beschützt mein kleines, armseliges Schneeland. Wir nehmen ein Winkelchen ein in dem Haus, das Eure Majestät beschützt. Cakya-muni hat seine Laufbahn in dem südlichen Lande beendet; meinem eisigen verschlossenen Lande ist die Pflege seiner ewigen Lehren überlassen geblieben. Die Geister sind bei uns; die Wiedergeburten der kostbarsten Buddhas erlebt das kahle Gebirge, das den Tod speit und die Kälte haucht wie eine der verheißenen Eishöllen.«

»Die Erde bebt nicht unter dem Atem. Alle Münder schnappen nach dieser Luft, die vom todspeienden Gebirge ausgeht.«

»Eure Majestät ist ein weiser frommer Krieger. Sie suchen die Länder, die Ihnen zustehen, zu gewinnen. Tibet hat mit der Reinen Dynastie früh innige und friedliche Fühlung gehabt.«

»Ich bin nicht fromm. Ich habe mich viel bemüht, zu denken, wie Eure Heiligkeit sprach. Es wurde mir schwer; man kann nicht Kaiser und fromm sein. Lassen Sie; ich versichere Sie, es ist so. Man hätte mich längst ermordet, wenn ich auch nur eine halbe Stunde fromm in Ihrem Sinn gewesen wäre. Ich bemühe mich. Und darum habe ich Sie gebeten, zu mir alten Manne zu kommen.«

»Ich bin dem östlichen Herrn zugetan. Die Verstrickungen, in die er fällt, sind groß. Ich weine mit ihm, wenn er sich ängstigt.«

»Pantschen Rinpotsche, wie hieß jener reiche indische Almosenverteiler, von dem Sie dem gelehrten Chu-tuk-tu und mir gestern erzählten? Der fromme Mann kam dem Siegreich-Vollendeten entgegen, ließ ihm ein Kloster bei Sche-wei, der Stadt des Hörens, bauen; unzählige heilige Bücher, sagten Sie, schrieb dort der Sohn des Cakya.«

»Ich sprach von Sudatta.«

»Ich heiße Khien-lung, und bin tausendmal reicher als Sudatta bei Sche-wei. Sie werden meinen Besitz nicht nachprüfen können. Ich lege Ihnen hin, Pantschen Rinpotsche, was Sie wollen. Ich baue Ihnen Klöster, wie Sie nie gesehen haben; meine Baumeister, Architekten, Maler sollen ihr Letztes hergeben. Ich verleihe Ihnen den Besitz der benachbarten Städte, der ganzen Provinz, in der Sie wohnen. Bleiben Sie eine kleine Zeit in meinem Lande. Ihr Tibet kann Sie entbehren; dies Land wird noch vor Heiligkeit bersten; andere, die Sie brauchen, leiden Hunger. Ich brauche Ihnen nicht die Schönheit meiner Provinzen zu schildern. Sie sind selbst alt, Pantschen Rinpotsche; der Lobsang Paldan Jische, den Sie jetzt bewohnen, mag sich im Lande des Östlichen Drachensohnes wärmen. Der siegreich vollendete Gautama hat solches Geschenk nicht verschmäht; ich denke wie Ihre Gläubigen, wenn ich sage: Eure Heiligkeit segnet mich, indem Sie mein Geschenk annehmen.«

»Was will der Östliche Kaiser von dem Körper Paldan Jische?«

»Blicken Sie nicht finster, Pantschen Rinpotsche. Es handelt sich nicht darum, Sie gefangen zu nehmen. Meine Regierung ist fest überzeugt von der guten Gesinnung in Ihrem Lande. Es ist nicht Politik; glauben mir Eure Heiligkeit.«

»Ich habe Vertrauen zu der Duldsamkeit Khien-lungs.«

Der Kaiser sah auf das blaßrote Teppichmuster. Der warme Blick des Heiligen ruhte über seinem Gesicht, unter dessen Linien die Abgründe klafften.

»Setzen Sie sich aufrecht, Khien-lung; sprechen Sie deutlicher.«

»Es ist leicht gesprochen. In den achtzehn Provinzen gibt es Betrüger wie überall. Ein Mann aus Schan-tung, ein Fischersohn aus einem Seedorf, hat eine Sekte gestiftet, die er Wu-wei nennt. Dieser Wang-lun ist ein mehrfacher Verbrecher, Mörder, Räuber. Er entzweit sich mit einem Teil seiner Anhänger, die sich einen frechen Namen beilegen, in einer nördlichen Provinz eine Rebellion erheben, zum Teil niedergeschlagen werden, zum Teil sich in den Vorort einer westlichen Stadt einschließen lassen. Hier ist nun, Paldan Jische, Pantschen Rinpotsche, das Verbrechen geschehen, unter dem ich noch bebe, noch keine Ruhe finden kann. Bevor die Truppen vor der Stadt ankamen, sind in einer Nacht die tausende Menschen, Männer und Frauen, mit einem Schlage in der Altstadt umgekommen, auf eine so grauenhafte Weise, wie die Geschichte dieses östlichen Landes nicht kennt. Wie es nun ist, ob sie durch Wasser vergiftet sind, oder Dämonen über sie herfielen, ich komme nicht zur Besinnung darüber. Der Verbrecher Wang-lun scheint seine ehemaligen Anhänger umgebracht zu haben, in einem Gemisch von Rachegefühl und Hochmut; meine Beamten haben den unerhörten Menschen nicht ergreifen können. Ich muß mich aber fragen, was ich getan habe, daß solches Ungeheuer am Abend meiner Regierung sich zeigt. Ich muß erkennen, wessen ich bezichtigt werde durch eine so offensichtliche Anklage.«

»Khien-lung, Sie sind alt geworden. Früher hat der Todessturz ganzer Völker nicht Ihr Ohr erreicht; jetzt genügt schon das Schreien und Sterben einiger tausend Menschen, um Sie schlaflos zu machen.«

»Ich will keine Anklage von Ihnen hören.«

»Ich klage Sie nicht an. Sie leben in der Welt der Gelüste; es ist mir eine Freude zu hören, daß Sie keinen Schlaf finden.«

»Damit helfen Sie mir nicht, Pantschen Rinpotsche. Sie dürfen es nicht genug sein lassen mit solchen Worten. Ich bin der Kaiser des mächtigsten Weltreiches; ich habe nicht wie eine Puppe auf dem Thron gesessen, sondern mich bemüht um den Ruhm und Reichtum meiner Dynastie. Man muß mich nicht für einen Menschen wie diesen und jenen nehmen, mich auf gewöhnliche Wege zerren wollen. Hilfe will ich von Ihnen, Pantschen Rinpotsche. Sie stehen mit den tiefsten und furchtbarsten Dingen der Welt, in einer Verbindung von unbegreiflicher, unsagbarer Nähe; in Ihnen herbergt der Geist eines Buddha; Sie sind der einzige, den ich greifen, fassen, sehen, hören kann, und zu dem ich Zutrauen habe, nachdem mein bester Sohn von mir abgefallen ist. Denken Sie, daß ich unverändert Kaiser des Reiches der Mitte bin, legen Sie mir nicht Unmögliches auf.«

»Majestät, das klingt alles so gut, was Sie sagen. Sie bedürfen der Hilfe des zeptertragenden Lamas nicht. Sie tauchen aus dem Sansara auf, nachdem Sie den Ruf gehört haben.«

»Ich bin Kaiser und lebe in keinem Sansara. Ich will keine Wege zum Buddha gehen; mein Reich ist gut, es war mir nie, auch jetzt nicht eine Hölle. Paldan Jische, seien Sie nicht taub. Ich bettle doch.«

»Seien Sie nicht taub, Khien-lung! Wie soll die Erweckung im Menschen erfolgen, wenn nicht so, durch Unruhe, Beängstigungen, im nächtlichen Umherwandern, Händeringen, Hilferufen in die vier Gegenden.«

»O sind Sie grausam. Ich habe Sie für einen Ozean der Milde gehalten und mich getäuscht.«

»Lassen Sie mich weinen mit Ihnen. Und lassen Sie mich beten, daß Sie stark bleiben und daß es nicht von Ihnen abläßt.«

Khien-lung war fassungslos mit der Stirn gegen die goldene Lehne seines Sessels aufgeschlagen. Seine Schultern und Arme hoben sich stoßweise unter der dröhnenden Erweiterung seines Brustkorbes. Der Anwesenheit des Taschi-Lamas achtete er schon nicht. Das Gefühl der grauen Verlassenheit überwältigte ihn.

Der Heilige nahm seine Mitra vom Kopf; der kahlgeschorene Schädel war mit feinen Schweißtröpfchen besetzt. In dieser nur von dem schnaufenden Atem des Gelben Herrn unterbrochenen Tonlosigkeit wuchsen die Minuten zu gedehnten Stunden. Die Stille war nur durch eine kleine Hülle, dünn wie eine Gummihaut, geschützt; dahinter spannte sich ein Luftgemisch, das jeden Augenblick brüllend die Hülle zu durchreißen drohte. Der Pantschen Rinpotsche rauschte an den Altar, nahm das Gebetszepter in die Hand, warf sich nieder. Als er sich erhob und umdrehte, war der stechende trübe Blick Khien-lungs auf ihn gerichtet. Der Heilige scharrte stockend zurück; die bildgeschmückte Mitra hob er sich langsam auf den Schädel. Er verneigte sich vor dem steifsitzenden Gelben Herrn, dessen Gesicht den großen Kriegskaiser zeigte, sagte: »Wenn es Eurer Majestät gefällt, will ich jetzt zur Andacht gehen.«

»Ich bitte Eure Heiligkeit, mich morgen einer Unterweisung zu würdigen.«

»Ich werde Auftrag geben und den hohen Tschan-tscha Chu-tuk-tu anflehen, sich auch morgen um die mongolische Karawane zu bemühen.«

Um dieselbe Nachmittagsstunde des nächsten Tages traten Khien-lung und Paldan Jische in die Halle der drei Sessel. Ein umfangreiches Schmuckstück prunkte vor dem Sitz des Heiligen. Schwarzer glatter Dreifuß aus Holz mit kreisrunder grünbemalter Platte, breit wie ein ausgestreckter Männerarm. Auf der Platte hatte eine wunderbare Miniaturkunst eine Stadt aus blitzendem Metall, Edelsteinen und bunten Stoffen gebaut. Innerhalb der Randmauer, der Ringmauer drängten sich die Häuser mit geschwungenen Dächern. Die Ehrenbögen, Tempel; breite Alleen teilten die Stadt, in der ein hohes Fest gefeiert wurde, viele Banner wehten von den bemalten Stangen, prächtige Gebetsmühlen hatte man auf die Wege geschleppt. Das Zentrum buckelte eine Halle aus, die eine glatte Kristallkuppel trug; vier Stufen führten in den atemlosen, säulenumstellten Raum; ein goldener Gott schwieg in der Mitte. Dies war ein Abbild der Götterstadt auf dem Weltenberge Sumeru.

Nach Austausch der Begrüßungs- und Dankformeln saßen die beiden Herrscher nebeneinander. Das gelbe Sonnenlicht fiel schräg durch die Halle.

Der Gelbe Herr erschien lebendig, aufgeräumt. Paldan Jisches Brustschmuck glitzerte, ein kalmykisches Geschenk, eine halbmondförmige blaue Agraffe; Kettchen, die von ihr herunterhingen, hielten zwei runde Platten aus Silber mit eingelegten Korallen, Bergkristall und kleinen Perlen; die Kettchen endeten in langen Seidenpuscheln, die auf den Schoß des Großlamas fielen.

Der Pantschen begann zu reden: »Der gelehrte Tschan-tscha Chu-tuk-tu klagt, daß seine Amtstätigkeit ihn auch heute von der Zusammenkunft mit Ihnen und mir fernhält.«

Khien-lung lachte: »Ich finde es recht despektierlich von dem gelehrten Chu-tuk-tu; für die Karawanen und Viehherden findet sich vielleicht noch ein anderer geistlicher Richter. Lassen mich Eure Heiligkeit mein Beileid aussprechen zu einem so anmaßlichen Diener, der in meinem Lande sich eine zu große Selbständigkeit angewöhnt hat. Wenn Sie anordnen, werde ich seine Bestrafung verfügen.«

»So hat der Tschan-tscha Chu-tuk-tu nicht sicher gefühlt, als er Sie und mich allein ließ?«

»Eure Heiligkeit kennen Khien-lung nicht. In einer Hinsicht bin ich noch kein Jahr gealtert: in meiner Vorliebe für das schöne helle Sonnenwetter. An solchen Tagen fühle ich nur den Himmel über mir, und ich habe die Überzeugung, daß er es mit mir gut meint. Paldan Jische, an solchem Tage braucht Khien-lung keinen Rat; er ist heute nur überströmend froh, ihn mit der Blüte des Schneelandes gemeinsam zu verleben.«

»Ich zweifle, was ich Eurer Majestät sein kann. Die Sonne und die hellen Tage sind schön, aber sie sind überflüssig. Sprechen Majestät nicht so zu mir.«

»Wie soll ich zu Eurer Heiligkeit sprechen? Soll ich anfangen, wie gestern, die Beängstigungen meiner Nacht in den schönen Tag hineinzerren? Sie werden mich anblicken, mitleidig, aber: 'Gut, gut, noch mehr!' dazu sagen. Da Sie nicht verstehen wollen, daß ich alter Mann keine neue Weisheit mehr lernen kann. Der Tag ist schön; ich bedaure aufrichtig, den weisen Chu-tuk-tu nicht zu empfangen; belehren Sie mich allein, Pantschen Rinpotsche.«

»Wo ein Fluß das Ufer unterwühlt, wird man ungern eine Pagode errichten.«

»Ich wünschte, Pantschen Rinpotsche, der Chu-tuk-tu wäre hier und hörte Ihnen zu. Sind Sie nicht Mörder in Ihrem Mitleid um mich, in Ihrem Verlangen mich zu retten? Ich lobe diesen Tag, der mich aufrichtet und wieder glücklich macht nach Ihrem harten 'Nein' von gestern. Aber die Sonne soll nicht wärmen und die Lerchen sollen nicht singen, weil sie für Sie überflüssig sind. Wissen Sie, Pantschen, was Sie mir bedeutet haben, wie ich Sie die letzten Monate erwartet habe! Ihr Anblick im Garten hat mich erschüttert; mir ist zumute gewesen, als sollte eine Art Gericht über mich hereinbrechen. Ich habe mich getäuscht und will tun, als hätte ich nur den Besuch des Herrschers von Tibet empfangen, der im Begriff ist, mich unmäßig zu beschenken.«

»Schlagen Sie gegen mich.«

»Ich will unverändert bleiben wie ich bin. Meine Väter haben wie ich gedacht. Sie beten wir an, ohne die Kraft zu haben Ihnen zu folgen, ja, es ist ein Eishauch um Ihre Lehren.«

»Ich habe zum Amithaba für Sie gebetet. Wenn ich das Lichtlein, das in Ihnen brennt, anfachen wollte: verzeihen Sie mir. Seien Sie der kleine arme Mensch, Khien-lung, der Kaiser des mittleren Reiches.«