Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 24

Chapter 243,439 wordsPublic domain

Dies war der Tag, an dem ihm der Bericht von der Mongolenstadt und dem Untergang Ma-nohs vorgelegt werden mußte. Ein Unterdrücken oder Verzögern war nach dem erfolgten Einlauf der vizeköniglichen Akte unmöglich. Der ersuchte Astronom berichtete nach einer Doppelstunde, daß der gefallene Stein ein Meteorbröckel war; unbewegt nahm der graue Herrscher die Meldung an. Da man das kaiserliche Signum dieses Tages auf die Akte erhalten mußte, wandte sich der stellvertretende Vorsitzende des Hohen Rats an Kia-king. Der, angewidert von der Feigheit des Menschen, übernahm den Vortrag. Der Bericht des Tsong-tous war nackt; er begann mit dem Hinweis auf die eingeleitete militärische Aktion gegen die Reste der Sekte, beschrieb die eingeleitete Zernierung von Yang-chou, den letzten Stand der Truppen unter den namentlich aufgeführten Generälen, dann den Befund beim Anmarsch des Heeres, wobei man die gesamte eingeschlossene Bevölkerung tot vorfand; Wang-lun wurde als Mörder bezeichnet, das Gerücht von einem Untergang durch Dämonen nicht unterschlagen.

Kia-king, dem das Schaudern über den Rücken lief, wog die Rolle in der Hand. Wäre er Kaiser, so wären innerhalb eines weiteren Tages der Vizekönig von Tschi-li und sämtliche beteiligten Generäle hingerichtet worden, mit Einschluß des Trägers der Botschaft und der Kuriere. Er bestellte für den Nachmittag drei Subdirektoren der Enzyklopädie zum Vortrag bei dem Gelben Herrn, darunter den geistvollen Khui, der den Kaiser stets zu fesseln verstand. Auf der Fischfangterrasse trug erst der stellvertretende Vorsitzende des Hohen Rats Neuigkeiten vor von den Rüstungen gegen Birma; Khien-lung fragte lebhaft; Khui wurde vorgeschickt. Dann Kia-king. Der Kaiser war noch halb versunken im Nachdenken über die Zitate Khuis, als er sein rotes Signum auf die Rolle zeichnete. Die Knaben sangen aus dem dreidächrigen Pavillon der Instrumente im Wechselgesang mit zwei Chören im Boot. Der Kaiser plötzlich wieder zerstreut schob eine Vase aus dem Porzellan der »blauen Familie« zurück; er wollte Khui noch etwas fragen. Dann: nicht Khui; er verstünde schon die Anspielung. Vielmehr was da berichtet sei von den --. Kia-king in Unruhe meldete Details von den Birmanen. Der Kaiser verblüfft fragte, woher er die Details wüßte. Kia-king: es sei doch eben vorgetragen worden. Und was ihn denn die Birmanen interessierten neuerdings, daß er so die Details behielte; übrigens dies sei es nicht; vielmehr hätte doch Khiu --. Nach längerem Hin- und Herfragen und -blicken blieb der Kaiser an Kia-king haften: was er sich nur für Politik interessiere und was Kia-king selbst vorhin vorgetragen habe, diese Lokalangelegenheit aus Tschi-li. Er wolle ihm einmal demonstrieren, mit was für Dingen man einen Kaiser belaste, was für Lappalien vor ihn kämen. Also die Akte. Der Thronfolger kniete neben dem Kaiser, der ihm mit einem kleinen roten Stäbchen Zeile nach Zeile des Berichts vorlas. Schon nach dem ersten Drittel legte er das Stäbchen hin, las stumm, dann hieß er Kia-king etwas von ihm entfernt hinzuknien. Und eine Viertelstunde lang schwiegen die zehn Menschen um den lesenden Gelben Herrn; den Gesang schien der Kaiser nicht zu hören, denn er verbot ihn nicht. Ohne einen Blick auf einen einzigen des Gefolges zu werfen, erhob sich der Kaiser rasch, die Rolle in der Hand, bestieg seine Sänfte.

Was an diesem Tage abends sich weiter in der Purpurstadt begeben hat, ist in Details nicht bekannt. Der Kaiser verblieb den Abend mit A-kui allein auf dem Zimmer, nachdem ein Teil der Vertrauten das Zimmer aus irgendwelchen Gründen, anscheinend wegen eines plötzlich ausbrechenden Erregungszustandes des Kaisers hatten verlassen müssen. Weinend und fassungslos soll Khien-lung drin ein wunderbares seltenes Gefäß zerschlagen haben, das auf einer Porphyrsäule stand: ein altes tellerförmiges Bronzegefäß, ein Lotosblatt, das von dem Rücken einer Blindschleiche abglitt. Spät abends wurden zwei Astrologen in den dunklen Wohnpalast erst gerufen, dann weggeschickt. Erst als die Obersten der Leibgarde unruhig sich vor den kaiserlichen Fenstern bewegten, weil es drin zu lange still blieb, schlug das Gong Khien-lungs an. Der saß in einer gezwungenen Haltung vor den Trümmern der Schale; A-kui überbrachte mit drohendem Ernst den Befehl, für morgen den besonderen Staatsrat zusammenzurufen, sogleich für eine Reise nach dem Sommerpalast zu rüsten. Die Majestät verlange in ihre Schlafräume. Die Fackelträger erschienen.

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Am folgenden Nachmittag fand eine Beratung statt, in der der Zensorenhof zur Untersuchung der Angelegenheit Ma-noh aufgefordert wurde. Den Morgen darauf verließ der Gelbe Herr mit kleinem Gefolge fluchtartig die Purpurstadt. Auf Booten fuhren sie über die künstlichen Seen bei den kaiserlichen Palästen, durch die nördliche Stadtmauer den Abfluß des Kun-ming-husees hinauf. Keine Flöten spielten auf den gelbbewimpelten Booten: der frische Herbst griff in die Pinien der prächtigen Ufergärten, läutete die feinen Glöckchen, die zu Tausenden an den geschwungenen Dächern der eleganten Lusthäuser, der versteckten Pavillons hingen; aus den Booten traf sie kein Blick. Die Ruder knarrten in den Gabeln, gleichmäßig schlugen sie ein, man glitt unter die eisig weißen Marmorbrücken, von Kao-liang-kao bis herauf zur prunkvollen Buckelbrücke, lief in den Kun-ming-hu ein. In der herrlichen Umgebung schien sich der Kaiser zu beruhigen. Die Zensoren kamen herüber aus Pe-king.

Viel mehr als die Unterhaltungen darüber, ob in der Geschichte des Reiches irgendwann Dämonen derart massenweise Menschen umgebracht hätten, förderte der Bericht der kommandierenden Generäle die Einsicht: daß sich ein berüchtigter Räuber, namens Wang-lun, der mehrere Morde begangen hatte, wie man nachträglich erfuhr, angeboten hatte, die Sekte innerhalb dreier Tage zum Verschwinden zu bringen auf irgendeine Weise; dies zusammen mit eigentümlichen Vorfällen in der bewohnten unteren Stadt Yangs vor dem Untergang lege die Vermutung nahe, daß Wang-lun sich der Brunnenvergiftung mit noch unbekannten Helfershelfern schuldig gemacht hatte. Die Spuren des in Schan-tung und Tschi-li berüchtigten Mannes, der bei dem gemeinen Volk als Zauberer in ganz ungewöhnlichem Ansehen stehe, wurden zur Zeit verfolgt.

Khien-lung schlotterte und fror vor Entsetzen. Er meinte zu Chao-hoei, es sei unmöglich, sich in solch Ungeheuer hineindenken; das seien in der Tat Handlungen, die man nicht messen könnte. Er verfügte mit einer gewissen Lauheit, einer rätselhaften Nachdenklichkeit die möglichst rasche Festnahme des Mörders, sofortiges Transportieren nach Pe-king; keine Vernehmung; die einzige Vernehmung Wang-luns werde er selbst vornehmen. Niemand durfte den Namen Kia-kings erwähnen.

Für die Minister war mit der Entscheidung die Sache zu Ende. Der Kaiser aber wälzte sie in sich. Der eben genesene Mann war mehr als je geneigt, auf Dinge von außen zu achten, zusammenzufahren beim Klirren unbekannter Ereignisse. Wund, gereizt ließ er nicht los. Er schnüffelte nach Zusammenhängen, Winken, Stimmen.

Blieb in Jüan-ming-yuen nicht lange; schon nach einem Monat brach der kaiserliche Hofstaat nach dem südwestlich von Pe-king gelegenen Dorf Ko-lo-tor auf, wo sich das Kloster Tsiu-tai-tse, eine riesige Anlage, in der bergigen Fichtenwaldung dehnte. Dies war Khien-lungs Lieblingsaufenthalt; der ungehinderte Blick auf die tausenddächrige Stadt fand Sättigung; die feinen Pavillons auf dem Kohlenberg blitzten auf; weißes Schimmern der Lou-kou-kiao-Brücke; dicht vor den Füßen die Wellen des grünlichen Hun-ho.

Während der alte Herrscher auf der Terrasse sann und sann und Pe-king wie ein Vertriebener mied, sprühte das freche Vergnügen in der Roten Stadt; der dicke Kia-king benahm sich wie ein Aufsässiger. Jenen stellvertretenden Vorsitzenden des Hohen Rates ließ er gelegentlich eines Etikettenverstoßes ohne Ermächtigung des Kaisers durchpeitschen. Dem Gelben Herrn drohte er Rache, weil er es wagte mit ihm umzuspringen. Mit einem Ruck, zu dem ihn die Angst vor Beunruhigung drängte, machte er sich entschlossen von der erschütternden Sache los. Er strich besänftigend an sich herum, gab sich gute Worte. Am Hofe inszenierte er Späße, Roheiten. Aufzüge veranstaltete er, die sich zu Travestien hoher und höchster Personen auswuchsen. Als verlautete, daß der Gelbe Herr zurückkehre, entwich er mit seinen Gauklern und Musikern nach dem Wan-wu-schan, wo auf dem Berge der Nephritquelle sein Haus stand, unter dem Schutz einer hohen Pagode aus der Zeit des großen Mandschukaisers Khang-hi.

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An Khien-lung entwirkte sich ungehindert, während an den Grenzen des Reiches ungewohnte Ruhe herrschte, mehr und mehr jenes grausige Ereignis. Er begriff die Nachdenklichkeit der Hofastrologen, die vielfache Zerstreutheit seiner Zensoren; sie erwogen, was mancherlei, das sie nicht sagten, vor allem dieser Untergang, dieses unerhört scheußliche Unglück bedeute, welche Instanz verantwortlich gemacht werden müßte. Der Kaiser wollte dem Lanzenstoß nicht ausweichen; er war der Lenker des Reiches; der Himmel redete, was er redete, nur zu ihm.

Drei Zensoren trieb er, auffahrend aus unzugänglicher Stummheit, noch einmal im Winter zur Untersuchung des Falls nach der Mongolenstadt Yang-chou. Sie kamen kopfschüttelnd zurück: es handle sich um eine der vielen verbotenen Sekten, die den Geist der kleinen Leute verwirren und die Provinzen verarmen.

Khien-lung höhnte über diese ablenkende Erklärung; Vorgänge von solcher Ungeheuerlichkeit konnte man nicht rationalistisch erklären.

Im zehnten Monat des Jahres liefen die kaiserlichen Kuriere eines Tages nach Pe-king hinein, in dieses ummauerte Areal, das neben Wiesen, Brachland, auch eine Stadt trug, die sich auf Stunden zu einem überschlagenden Geschrei aufquälte. A-kui wurde zu Khien-lung geladen, der treue Chao-hoei, Song, der Geschichtskenner, und einige andere.

In der Halle des Geistigen Wachstums, dem Yang-hsin-tien, empfing sie der Kaiser, in einem hohen schmalen Raum, der nur zu geheimen Vorberatungen diente. Eine absolute Stille herrschte, nachdem der Kaiser erschienen war und die Gäste sich niedergeworfen hatten; dann nahmen sie auf ein Wort des Herrschers Platz. Mit einem riesigen gelben Seidenstoff war die Decke der kleinen Halle bespannt; ein mächtiger Drache, in Gold, blau und rot gestickt, rauschte über die gleichmäßig gerafften Seidenfalten, die in der Mitte der Decke sich zusammenschlossen. Die Fenster waren verhängt trotz des Tageslichts; schwere Bronzeampeln, an Ketten hängend, durchbrachen die seidene Decke, warfen ihr rötliches Öllicht über die teppichbekleideten Stufen, den Herrn in der gelben Jacke und die prunkenden stillen Gäste. Lautlos bewegten sich oben und unten die jungen Eunuchen, trugen auf den goldenen Servicen Tee auf. Khien-lung hielt, das Täßchen über seine Gäste schwingend, sein Porzellanschälchen noch lange in der Hand und las den Vers, der auf dem Täßchen stand, den er selbst gedichtet hatte: »Über ein gelindes Feuer setze einen Dreifuß, dessen Farbe und Korn seinen langen Gebrauch zeigen, fülle ihn mit reinem Schneewasser, koche es so lange, als es erforderlich wäre, Fische weiß und Krebse rot zu machen. Gieß es auf die zarten Blüten von erlesenem Tee in eine Tasse von Ju-eh. Laß es so lange stehen, bis der Dampf in einer Wolke emporsteigt und auf der Oberfläche nur einen dünnen schwimmenden Nebel zurückläßt. Trink diese köstliche Flüssigkeit, wie es dir bequem ist; so wirst du die fünf Ursachen des Mißmuts vertreiben. Ich kann diesen Zustand der Ruhe nur schmecken und empfinden, nicht beschreiben.«

Die harte leise Stimme des Gelben Herrn tönte. Die Umtriebe im Lande, besonders die nördlichen Provinzen erfordern verschärfte Aufmerksamkeit. Die sogenannte Wu-weisekte sei gebildet von einem Manne namens Wang-lun; Zwistigkeit unter den Anhängern habe zur Ablösung einer Gruppe geführt, die sich den schimpflichen Namen Gebrochene Melone gab und offene Rebellion trieb. Die Wu-weisekte sei selbst scheinbar vom Boden verschwunden, ebenso Wang-lun; man müsse den Leuten nachspüren, die sich in die großen Städte und Landbevölkerung eingegraben hätten.

Song erklärte, es sei Chen-yuen-li, der Tsong-tou von Tschi-li, ebenso Sü-tsi, Gouverneur von Schan-tung, orientiert worden. Der geheime Beobachtungsdienst in den Städten wäre vermehrt; die Kontrolle über plötzliche Todesfälle, unerklärliche Angriffe, erführe mehrfache Verbesserungen; die Aufsicht über Zuzug und Abwanderung sei auf Dörfern wie Städten der beiden bedrohten Provinzen in strengster Weise geregelt, die Oberaufsicht und Listenführung absolut zuverlässigen Beamten anvertraut.

Der Kaiser sprach: »Ich habe verboten, daß die Elitetruppen der Exzellenz Chao-hoei vor meinem besonderen Befehl aufgelöst werden. Ich behalte mir vor, diese Truppen gegen die Aufrührer zu verwenden; schon jetzt ordne ich an, Exzellenz Chao, daß Sie mit Ihren kriegsmäßig ausgerüsteten Mannschaften sich nördlich von Pe-king konzentrieren. Die lokalen Behörden mögen bekannt machen durch Maueranschläge und Ausrufer, daß von Zivilmaßnahmen abgesehen werden wird; die siegreichen Elitetruppen der Exzellenz Chao werden ermächtigt, unter Mitwirkung des Tsong-tous unmittelbar gegen verräterische Ortschaften vorzugehen.«

Liu-ngoh, ehemaliger Vizekönig von Tschi-li war anwesend; gebeugte große Gestalt mit langem Kinnbart; erschreckt wie die andern warnte er vor scharfen Drohungen, die eine unerwartete Wirkung üben könnten; der antidynastische Charakter der Wu-weisekte stünde nicht fest, nicht einmal das Vorhandensein dieser Sekte sei erwiesen; man könne mit den Drohungen etwaige Überreste der Sekte stärken, unruhige Elemente zusammenführen.

Chao-hoei, die Spannung in dem kaiserlichen Gesicht erkennend, replizierte; er wies auf das Faktum hin, daß vor einem Monat vierzig Männer und Frauen im Distrikt Ta-ming ergriffen seien, zugestandene Anhänger Wang-luns, die unter den Provinzialtruppen agitierten gegen den Krieg und die kriegerische volksfeindliche Reine Dynastie.

Khien-lung fixierte eisig den alten Vizekönig. »Was will man gegen die Reine Dynastie? Meine Ahnen sind nicht freiwillig in das Land der blumigen Mitte heruntergestiegen. Wenn wir Tai-tsings nicht gekommen wären, wo wäre dies Land heute?«

Nach einer Pause hitzigen Vorsichhinstarrens fuhr Khien-lung fort: »Die Herren, die zu begrüßen ich die Ehre hatte, sind keine Astrologen. Meine Astrologen sind gewissenhafte Gelehrte; sie brauchen viel Zeit, um ein Resultat herauszurechnen. Jetzt sind sie mit einer Vermutung sehr rasch gewesen; sie haben eine Vermutung ausgesprochen, bevor ich eine Frage gestellt habe. Auch die drei Zensoren, die diesen Winter gereist sind, um das Unheil in der Mongolenstadt Yang-chous aufzuklären, haben mir eine versüßte Vermutung zurückgebracht. Wenn irgendwo ein Haus, ein Theater, ein Regierungsgebäude brennt, so gilt dafür verantwortlich, neben dem Stadtgott, der Tao-tai bis zum Feuerlöschmann und Polizisten. Die alten Bücher sagen, daß dies Verfahren nicht auf einen außergewöhnlichen Vorgang anzuwenden sei: das weitere können sich meine Herren Berater denken. Nach Vermutung, zehnfach verheimlichter, eingewickelter, kandierter Vermutung der Astrologen und Zensoren soll ich mich an die Stirn fassen und in den Himmelstempel gehen, mich rechtfertigen, Sühneopfer bringen, fragen.«

»Ketzereigesetze«, begann A-kui mit ungeölter Stimme, »sind notwendig. Sie sind nicht erst von Eurer Majestät erfunden und angewandt. Das Handeln der Wu-weileute und der unflätigen Sekte fällt unter die Bestimmungen dieser Gesetze.«

»Folglich«, schloß Chao-hoei, »liegt hier ein ordnungsmäßiges Ereignis vor mit sachlichem Abschluß.«

»Die achtzehn Provinzen, Tibet, Ili, die Inseln fasse ich nicht mehr. Ein kleines Ereignis wahrscheinlich, die Tat dieses Wang-lun kommt mir zu Ohren: was höre ich alles nicht? Und nichtsdestoweniger hat man mich hingesetzt auf den Drachenthron, damit ich sehe, aufnehme, lenke, dem Himmel verantworte. Woher soll ich die Kraft nehmen! Und wie kann ein einzelner gebrechlicher Körper die Foltern tragen, die ihm auferlegt werden müssen für so viel Fahrlässigkeit, Nachlässigkeit. Daß man mir nicht beisteht, entschuldigt mich nicht. Sie klagen mich nicht an. Sie leisten mir nicht viel. Wang-lun läuft noch im Lande herum. Die Sache hat eine Stimme, die ich deutlich, deutlich schreien und warnen höre, und Sie bleiben meine Lobredner.«

Chao-hoei wollte bitten, etwas sagen zu dürfen; er trat vor Song, der schon den Teppich mit der gelehrten Stirn drückte, zurück: »Die Dinge, die Eure Majestät berühren, sind in der Tat zu fein, um nur von politisch und militärisch geschulten Männern beraten zu werden. Ich möchte den Vorschlag unterbreiten, eine Kommission zu ernennen aus den fünf ältesten Astrologen und drei politisch orientierten Dienern Eurer Majestät. Mag diese Kommission befähigt sein, den Fall allseitig und gründlich klar zu stellen und Bericht an Eure Majestät und den Zensorenhof zu erstatten.«

Chao-hoei, der weichlicher war als er erschien, bat mit zitternder Stimme: »Wie immer Eure Majestät sich entschließt, wollen Sie nicht Abstand nehmen von Ihrem ersten Befehl: die nördliche Residenz militärisch zu schützen.«

Khien-lung suchte langsam mit den Augen einen nach dem andern ab. Dann nickte er, streckte den fein geformten Kopf vor, als wenn er etwas mit Nachdruck sagen wollte; er redete leiser als sonst: »Veranlassen Sie die Einsetzung der gemischten Kommission. Der Direktor der westlichen Wege der Provinz hat mir berichtet, daß der Winter dieses Jahr kurz und sanft zu verlaufen scheint; die Wege von Tibet werden schon in den Talpartien frei. Ich hoffe noch auf einen andern, außerordentlichen Ratgeber. Ich dürste nach dem Ozean der Weisheit, dem Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische. Dies wollte ich Ihnen sagen. Denken Sie nach, Durchlaucht Song, Exzellenzen A-kui, Chao-hoei, mit meinen Astrologen; ich habe Sie zwar ausgezeichnet, aber Sie sind mir noch mehr, viel mehr schuldig.«

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Und dies war in der Tat schon vor der Beratung in dem Palast des Geistigen Wachstums geschehen: Khien-lung hatte einen Brief an jenen Mann geschrieben, an jenen Weisheitsozean. In einer unsicheren Scham verschwieg es der Kaiser. Dreimal hatte der Gelbe Herr ihn in früheren Jahren zu sich gebeten; der Taschi-Lama, Lobsang Paldan Jische, tibetanischer Papst der lamaischen Kirche, Stellvertreter des unmündigen Dalai-Lama lehnte ab; er fühle sich in seinem hohen Alter der Reise nicht gewachsen; im Grunde wußte der weise Mann, daß er als Vasall und Tributträger vor den östlichen Herrscher treten solle. Jetzt ergriff den Kaiser auf eine leidenschaftliche Weise der Wunsch nach dem ungeheuren Menschen im Westen. Der Brief, in einer großen Hoheit geschrieben, bemüht keine Hilflosigkeit durchscheinen zu lassen, wies erst politisch auf die Freundschaft, die der Taschi-Lama dem Georg Bowle bei dessen Besuch in Taschi-Lunpo erwiesen hatte, dem Gesandten der Engländer aus Indien, dem fremden Mann. Khien-lung billige diese Freundschaft, denn er erkenne daran, wie weit sich der Einfluß lamaischen Wissens erstrecke und daß auch barbarische Völker durch den Papst Anschluß an das beschützende Reich der blumigen Mitte suchten. Er sehne sich danach, persönlich den Mann zu sprechen, der stündlich zeige, daß er den Buddha Amithaba verkörpere. »Ich bin jetzt so alt, und die einzige Wohltat, die ich genießen kann, ehe ich das Leben verlasse, wird die sein, Sie zu sehen und mit dem göttlichen Taschi-Lama gemeinsam zu beten.«

Der Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische war wenig jünger als der Kaiser. Er zögerte lange mit der Antwort auf die Einladung Khien-lungs. Der Mann, dessen Augen so dunkel blitzten wie der türkisblaue See Tsomawang, in dem sich der ungeheure Kailasberg spiegelt und der Gott Schiwa wohnt, wartete zwei volle Tage beklommen, bevor er aus den Händen des chinesischen Residenten den eigenhändigen Brief des östlichen Weltbeherrschers entgegennahm. Er fastete diese beiden Tage, verließ seine Zelle nicht, im Labrang, seinem Kloster gegenüber der weißdächrigen Stadt Schigatse im Flußtal des Ngang-tschu.

Die Ringmauern der Klosterstadt waren am Morgen des dritten Tages mit einem Reif bedeckt; der goldene Überzug der prunkvollen Grabkapellen früherer Lamas war erblindet; der weiße Wollschal, den der Großlama am Fenster sitzend um den Hals geschlungen hatte, spielte mit seinen Fransen über den schwarzen massiven Fensterrahmen, tastete, im scharfen Wind zuckend, über die verwitterten Steine der Fassade.

Erst da verwandelte sich die Botschaft des Kaisers vor dem versunkenen Manne, wich von ihm ab.

Paldan Jische war ein fleischerner Mensch gewesen; etwas Sterbliches, Kleinliches hatte aus einem Winkel durch die Gewölbe seines Geistes geblasen. Während der zwei Tage des Zögerns bedeutete ihm der östliche Kaiser Khien-lung etwas.

Jische hatte für sein Fleisch gefürchtet.

Die Augen des unvergleichlichen Mannes blickten wieder warm, mitleidsvoll; in einer leisen Scham trat er vom Fenster zurück.

Der Gesandte Khien-lungs möchte kommen; es würde ihm eine tiefe Freude sein, den Brief des östlichen Herrschers zu lesen. Viel später darauf erfolgte die Zusage, nachdem fast einen Monat hindurch seine Umgebung in ihn gedrungen hatte abzulehnen. Sie konnten die Ruhe des Heiligen nicht mehr stören; er sah in den Gesichtern seiner Schüler, Äbte, Doktoren, Gelehrten dieselbe Angst wühlen, die seinen Leib zwei Tage geknetet hatte.

Lobsang Paldan Jische stammte aus der südlichen Provinz Tibets; sein Vater war der tüchtigste Zivilverwalter des Schneelandes gewesen, die unentbehrliche Stütze des gelehrten und träumerischen Chu-tuk-tu, dem die Provinz übergeben war. Als der Taschi-Lama starb, sein Vorgänger, war Paldan Jische drei Jahre alt.

Drei schöne kluge Knaben standen vor dem alten Dalai-Lama unter der goldstrahlenden Kuppel seines Labrang in Lhassa. Zusammen mit den höchsten Äbten betete er inbrunstvoll vor dem hundertarmigen Buddha, dessen Verkörperung er selbst war. Als er sich lächelnd nach den Kindern umsah, traf sein Blick zuerst die dunkelbraunen Augen des kleinen Jische, der in einem rätselhaften Ernst seinen Blick ertrug. So wurde in dem Kinde die wandernde Seele des Taschi-Lama erkannt.

Er wurde seinem Vater entrissen, einsam gehalten die folgenden Jahre; kannte keine Spiele, keine Spaziergänge durch die belebten Straßen, sah keinen Knaben, kein Mädchen. Die Welt trat vor ihn nur in den Pilgerzügen, die in den Höfen Lhassas eintrafen, um einen kleinen Moment den Dalai-Lama zu sehen, der rasch und freundlich nickend in seine Kapelle oder zu einer Doktorpromotion ging. Immer geschah dasselbe: Gebete, Niederwürfe, verzückte Grüße.

In diese Gleichmäßigkeit wuchs Jische hinein, ohne Erregung und Ablenkung. Er mußte den Kopf neigen wie der Dalai-Lama. Alte Männer, Bettler, hohe Priester krümmten den Rücken vor ihm; mit seiner Person wurde ein grausiger, unirdischer Ernst verknüpft; Jische kannte und sah nichts anderes.

Er erschrak nicht vor sich. Er lernte die ungeheuren Zusammenhänge der Welten und ihre starre Verflochtenheit kennen. Die Weltalter dreier Buddhas waren ehemals, das Weltalter des Cakya-muni bestand; der Maitreya sollte kommen. Ein weltbefreiender Geist, der Buddha Amithaba wuchs in ihm; er durfte nur sorgsam auf die Regungen des Wandernden lauschen, sich jeder eigenen Bewegung entschlagen.

Jische reifte. Seine Weisheit war umfassend. Er lebte schon wie der Dalai-Lama in dem tiefen Glücksgefühl, der reinen Erkenntnis und dem schweren Mitleid. Den Platz, den er im Weltensystem einnahm, kannte er. Da wurde er nach Taschi-Lunpo geführt als Lehrer der großen Theorien.