Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 23

Chapter 233,434 wordsPublic domain

Auf der Treppe eines Hauses, das in einem Winkel des Marktes stand, zappelte eine mit Narzissen geschmückte junge Frau; sie gellte: »Ich bin Liang-li; ich will zu meinem Vater nach Schön-ting.« Als man sie an den Füßen herunterzerrte, schlug sie um sich und war tot.

Man drang in die Zimmer des Hauses. Ein kleiner Mensch hockte auf dem Ofenbett in einer Ecke des wüsten Zimmers. Er maulte, als die Soldaten eintraten.

Er starrte sie an, den Kopf balancierend, von den beschlagenen Augen mühsam die Lider hebend. An seinen Mundwinkeln zähe Schleimklumpen. Seine Lippen hellgelb; sein Gesicht von einer dicken wächsernen Haut überzogen; Löcher in den Schläfen. Schnarchen, Näseln: »So kommt sie doch; die Königliche Mutter kommt selber.« Lächelte stolz wie ein Befehlender.

Der vorangehende Soldat erkannte den Führer der Rebellen, nahm ein rotes Papier in den Mund, um den Dämon nicht an sich zu locken. Er riß erst Ma-noh mit der Spitze eines Pfeils einen Schmarren über Mund und Kinn. Der runzelte die Stirn, schob sich an der Wand in die Höhe, krächzte tierisch: »Pfui, ah, pfui!« torkelte in Wut und Grauen nach vorn. Der Soldat fing ihn an der Brust, drückte ihn würgend vom Ofenbett auf die Diele.

Drittes Buch

Der Herr der Gelben Erde

Khien-lung, der große Kaiser, der das Reich der Welt von der sich umwälzenden Natur und dem Himmel erhalten hatte, tauchte aus den nördlichen Steppen auf von seinen Jagden und Vertiefungen, kehrte nach Mukden zurück.

Er hatte wieder die ungeheuren Tatarenlandschaften gesehen. Wenige Tage war die tiefe Stille durchbrochen worden durch Tributträger. Die Tiger liefen aus den Wäldern hervor. Von Woche zu Woche kamen Ergebenheitsbriefe der kaiserlichen Prinzen und hohen Würdenträger, fragend nach seinem Befinden.

Den gealterten Kaiser begleitete kein großes Gefolge: zweihundert Mann seiner Leibgarde, eine rein mandschurische Kompagnie, eine kleine Anzahl Vertrauter, Freunde, Sklaven, schließlich die erlesene Musikkapelle. Er jagte im Randgebiet der Mongolei auf dem Hochland östlich von Kalgan. Helle kalte Luft, freies weites Grasland, Gebirgsschluchten, zerrissener Durchblick. Im muldenförmigen Tal bei Süen-hwan-fu hielt er sich auf. Die Häuser waren in die Lößerde gegraben mit Stuben, Gewölben, Gängen. Auf den dünn belebten Flächen tummelten sich braune langhaarige Pferde. Teebeladene Kamele schwankten vorüber. Die nomadisierenden Horden lagerten in weiten kreisrunden Filzzelten. Plattgesichtige braune Mongolen mit bunten Gehängen warfen sich hin.

An der Grenze schloß sich dem kaiserlichen Zug der Kommandeur der Grenzsoldaten an in roter Pelzkappe und rotem Flügelkragen. Dann überschritt man die Randketten des großen Chin-gan, stieg herunter nach Mukden.

Die Blicke des Kaisers waren fremd, seine Mienen von einer furchtbaren Kälte. Unter den hohen Weidenbäumen tauchten die seltsamen Häusergruppen auf. Nach langen Windungen der Felswege betraten sie die niedrigen Hügel und sahen Laubbäume, die Frauen mit den Pfeilen im Haar und den frischen Blumen. Von den acht Türmen der Mauer Mukdens schollen die Kanonenschüsse. Sie zogen durch die graden Linien der Stadt, hinter ihnen die Mongolen auf niedrigen Ponys, bis sich die Dächer mit den gelben glänzenden Ziegeln in der Mitte der Stadt zeigten. In seinem Palast blieb Khien-lung fünf Tage.

In dem herbstlichen Park an einem Teiche saß der Kaiser allein auf einem Schemel und hielt grüne Salatblätter im Schoß. Vor ihm schlief eine ungeheure Schildkröte.

Sie trug ein Rückenschild von schwarzer Farbe mit gelben Riefen. Die breite Mittelleiste des Rückens war gelb gefeldert mit tiefen Kerben. Die plumpen Vorderfüße ragten seitlich heraus wie Schwimmflossen, mit Zehen wie Stifte, die man in die Füße eingeschlagen hat. Die Hinterbeine eingezogen unter dem Panzer. Der Kaiser im schwarzen Seidenkleid und Seidenmütze ohne Schmuck, schlug auf das Tier mit einem dicken Ast, an dem Tannenzapfen hingen.

Und dann kam aus dem Gehäuse das graue hornige Haupt, das wunderliche leidenschaftslose Haupt an einem faltigen Hals, der wie getrocknete Fischhaut glänzte. Wie eine Königsmumie: der lang sich reckende verwelkte Hals, in spöttischer Ruhe den dreieckigen Schädel wendend. Die Kiefer fest, mit Lineal und Hobel streng gearbeitet. Die Nüstern mit dem Lochbohrer eingeschlagen. Zur Seite, lidlos, unbeweglich, kluge weise Augen, Fenster eines erkühlten Gehirns.

Langsam hebt sich das Schild von einer Seite auf, senkt sich, schiebt sich vor. Es ist der mühselige Gang eines behenden doch gichtischen uralten Mannes, der den Steiß anhebt, das Knie nicht beugt, die Beine seitwärts steif herumschleift, sich langsam um Kanten windet. Die Vorderflossen schwimmen, rechts, links, stoßen ab. Der Panzer senkt sich, weit strecken sich die Hinterbeine und folgen. Ein hohes Schnaufen, ein sanftes Zischen kommt aus den gestanzten Nüstern. Wieder hebt sich der Steiß an, die Vorderflossen schleifen vor. Es ist ein Klettern über den Boden.

Der Kaiser saß mit seinem Tannenzweig auf dem Schemel. Er suchte der Schildkröte nachzukommen, ihr nachzuahmen, und sann darüber nach. Im Vorüberschieben richtete sie scheinbar die Augen auf ihn. Er glitt langsam, seinem Zweig nach, auf die Erde, lag auf den Knien hinter dem Tiere, das sich von ihm entfernte nach dem Teich. Aus irgendeinem Grunde beugte er sich hinter dem Tiere.

Sehr langsam, so wollte Khien-lung, rückte der Zug weiter. Breite Sandflächen wechselten ab mit Feldern der Wassermelone. Der Liau-ho rollte schwarze breiige Wassermengen, in denen grüne Streifen auftauchten. Man wartete zwei Tage, um dem Flußgeist zu opfern, einem uralten Verkehrsdirektor aus Niu-tschwang, bis man die Fähre mit dem stillen Kaiser dem Wasser anvertraute.

Seine Umgebung kannte die Zustände schwerster Versunkenheit und Erschlaffung an ihm. Sie stellten sich mit dem höheren Alter ein. Man mußte mit dem sonst energischen, ganz beherrschenden Manne alles tun, ihn führen, setzen. Das Gesicht des großen Fürsten war, als sie die viele Li lange Verkaufsstraße von Hsin-mit-sun ohne Laut durchschritten, beängstigend in seiner unglaublichen Willenlosigkeit, der gummiartigen Weiche und Stumpfheit der Augen. Seine Lippen hingen, er brummelte nichtssagend. Wie die acht Träger auf dem welligen Sandboden langsam marschierten, öffnete sich seine Sänfte von innen, er stieg aus, während die vorderen Träger sich erstaunt umwandten, und pendelte allein neben einem alten Hellebardenträger, der ihn nicht erkannte. Als hinten die Zeremonialmeister entsetzt aus ihren Sänften sprangen, vor ihm hinfielen, ihn bei den Händen zu seiner Sänfte führten, schwankte er mit, hob seine gequollenen Lider schwerfällig, sah sie unsicher fragend an. Seine Augen tränten. Sie wischten ihm, ehe er in die Sänfte stieg, den Speichel aus seinem grauen Kinnbart. Sie gingen neben seiner Sänfte einher. Jenseits des Ta-ling-ho kam man auf kaiserlichen Weidegrund. Aus den hohen Wachtürmen im Zentrum von Kint-schu-fu schollen wieder die grüßenden Böllerschüsse.

Die Behörden standen vor der verschlossenen Sänfte. Sie lagen im Staub vor seinem schlafenden Körper. Der teilnahmslose Zustand besserte sich, als man sich der Großen Weißen Wand, der Großen Mauer, näherte. Eine leichte Erregung befiel den Kaiser. Er aß viel, weigerte sich in der Sänfte zu liegen, riß Blumen am Wege aus. Die Reise mußte beschleunigt werden. Ohne zu sprechen, winkte er, wenn man sich nach seinem Befinden erkundigte, mit seinem Fliegenwedel ab. Halb verwirrt stieg er einmal während dieser Tage auf einen Gneisblock, der seitlich der Straße lag, und stürzte. Aber er wurde sichtlich zugänglicher, beobachtete die Arbeit auf den Feldern, befahl seinen Reisebibliothekar neben sich, den er aber nichts fragte. Man war glücklich zu sehen, daß er wieder seine eisigen Blicke warf.

Eine warme Luft wehte. Die Vorhänge seiner gelben Sänfte hatte er aufgezogen. Am Spätnachmittag spazierten vor der kaiserlichen Sänfte der Direktor des Ritenministeriums Song und Hu-chao, der Oberaufseher der kaiserlichen Eunuchen. Song, ein gebückter Mann, der in seinem faltigen kleinen Gesicht eine Hornbrille trug und aus seinen verkniffenen Augen vergeblich die landschaftliche Schönheit zu erblicken suchte, die ihm Hu warm schilderte. Hu, der wohlbeleibte Herr mit aufgeschwemmten Backen, griff im Eifer seiner Beschreibung öfter nach der Hand des würdigen Song und drückte sie, so daß wenigstens so der begierige Minister etwas von der allgemeinen Hingerissenheit empfand.

Sie plauderten über die Zartheit, mit der ein junger eben aufkommender Dichter die Schwermut der Silberpappeln behandelt habe und wie ihm ein paar interessante Verse geglückt seien über das alte Thema einer Mondscheinfahrt auf dem Weiher. Hu, obwohl nicht gebildet wie der Akademiker Song, erging sich in Lobsprüchen über die strenge Form dieses Gedichtes, über die wunderbaren, zum Teil neuen Charaktere, die der Dichter gemalt hätte. Sie atmeten den starken Dunggeruch der Äcker.

Da wehte ein feines Parfüm neben ihnen. Ein seidenes Rauschen. Zwischen ihnen ging ein mittelgroßer kräftiger Mann, der sie schon, als sie sich hinwerfen wollten, bei den Zöpfen packte und mit ihnen weiterspazierte, die Arme auf ihren Schultern. Die leise harte Stimme Khien-lungs klang zwischen dem gemessenen Fistelton Songs und dem enthusiastischen Dröhnen des dicken Hu.

Der Kaiser lächelte, als sie sich betreten anblickten, weil er eine Wendung ihres Gesprächs aufgriff: »Sprich nicht auf der Straße, sagt man zwischen den vier Seen; unter dem Pflaster sind Ohren. Exzellenz Hu meinten, in wie wundervollen Charakteren der junge Verfasser das Gedicht niedergeschrieben hätte. Ich hatte vor Monaten in Pe-king das Vergnügen, einen Missionär der Jesureligion zu sprechen. Die rothaarigen Völker sind barbarischer, als man bei uns weiß. Sie erzählten mir in ihrer aufdringlichen Händlerart vieles; auch von ihren Dichtern. Diese Herren schreiben, wie es ihnen gefällt. Die Handschrift ist für die Dichtung belanglos. Dichter kann sogar ein schreibunkundiger Bauer sein.«

»Es ist lächerlich, Majestät,« meinte der greise Song, »die westlichen Langnasen sind eben, -- die Ameise hätte bald gesagt: Strolche. Wie einsichtslos überhaupt, uns von ihren sogenannten Dichtern zu erzählen.«

»Durchlaucht Song haben ja von mir manches gelesen.«

»Alles, Majestät.«

»Nun alles. Ich will nicht geschmeichelt sein. Auch Exzellenz haben manches von mir gelesen?«

Hu marschierte unruhig; er begeisterte sich zwar leicht, machte einen aufrichtigen Bewunderer und Beschützer der Künstler, doch ließ seine Sachkenntnis zu wünschen übrig.

»Der Esel hier, Majestät, hat in der Tat manches aus dem kaiserlichen Pinsel gelesen --«

»Aber nicht verstanden; keinen Vorwurf darum, Hu. Wird auch kein Urteil verlangt. Was ich meine, ist ja etwas anderes. Eine Bauersfrau, wie die dort drüben, wirft das weiße Korn in den Boden; ein Knabe führt eine Karre hinter ihr her mit Jauche. Lerchen singen, Herbst. Man hat keinen Anlaß, diesen Anblick -- zu dichten; er ist unübertrefflich vorhanden. Immerhin könnte ich in die Versuchung kommen ihn zu dichten, aber dann übernehme ich eine Verpflichtung gegen -- den Anblick.«

»Sehr fein, Majestät.«

»Noch nicht, Durchlaucht. Nämlich die Verpflichtung, ihn ehrerbietig zu schonen, den Geist dieser Minute unberührt zu lassen, ihm als irdisches Geschöpf zu opfern. So denke ich mir, wenn ich in der Schreibstube sitze, das Dichten. Ich, das kleine Menschenkind, sitze in meiner Schreibstube, und vor fünf Tagen lebte der Geist einer verehrungswürdigen Minute: das sind zwei Dinge. Ich opfere dem himmlischen Geist in der Weise eines reichen Mannes und mühe mich, dem Geist der ehrungswürdigen Minute zu gefallen. Das kann ein Bauer, ein Bettler gar nicht; für den sind auch andere Geister da. Das schönste weicheste Papier muß dienen; für den Pinsel steht Tusche aus tiefstem Rot und Schwarz bereit. Und jetzt male ich die Charaktere. Das sind keine Mitteilungen, obwohl sie doch auch zu Mitteilungen dienen; runde beziehungsvolle Bilder, Anklänge an die Bücher der Weisen, schön in sich, schön gegeneinander. Diese Bilder sind selbst kleine Seelchen, und das Papier nimmt an ihnen teil.«

»Noch immer fein, Majestät,« fistelte Song, »ich Dummkopf habe mir von unserem Astronomen, dem Portugiesen, gleichfalls sagen lassen, daß man im Westen schreibt wie man spricht. Was natürlich ebenso bequem wie einfältig ist. Aber, wenn die Allerhöchste Majestät mich einer Gnade würdigen will, möchte ich eine Bitte vortragen.«

»Durchlaucht?«

»Mich setzen zu dürfen in meine Sänfte oder am liebsten in ein Zelt hier auf der Wiese, um Eure Majestät noch zu hören, so lange sie es mir gewährt. Die alten Füße des Sklaven Eurer Majestät versagen.«

Der Minister gab auf das Kopfnicken Khien-lungs zwei Lanzenträgern vor ihm kurzen Befehl; der riesige Zug hielt unter dem freien Himmel. Während das gelbe kleine Reisezelt des Kaisers mitten auf einer Wiese aufgeschlagen wurde, die Lanzenträger das Feld von den Bauern säuberten, stand er selbst vor dem schmerbäuchigen Hu und dem Minister, dessen Gelehrtengesicht Zeichen von Müdigkeit trug, ließ die Hände schlaff fallen und seufzte.

Aber die beiden hohen Beamten, die sich bestürzt ansahen, hatten unrecht; Khien-lung dachte an Pe-king und seufzte vor Ungeduld.

Der Kaiser wünschte noch zwei Tage zu reisen.

Der Aufschub der Heimreise erregte im ganzen Zuge Freude. Der ungewohnte Anblick des Himmelssohnes, der in voller Elastizität nach seiner Art sich bewegte, belebte alle Mitreisenden. Stundenlang disputierte der Kaiser bald mit Song, dessen Gelehrsamkeit er außerordentlich schätzte, bald mit dem derben untersetzten General A-kui, den er selbst aus einem gemeinen Soldaten zum Offizier befördert hatte. Das schlagfertige Wesen A-kuis erfrischte ihn; die Drolerien dieses ungebildeten Mannes bildeten eine Quelle des Vergnügens für die ganze kaiserliche Umgebung.

Man rückte längs des Chao-ho vor, überschritt auf der grauen Steinbrücke den Pai-ho. Jenseits des Dorfes Niu-lang-schan bog der Zug westlich von der Straße ab, um auf eigens angelegten Chausseen zu den Bergen nordwestlich der Residenz zu gelangen, wo Lustschlösser des Kaisers standen.

In der nördlichen Tatarenstadt Pe-kings säuberte und glättete man die Straße, die der Zug passieren mußte; man vernagelte den Zugang der Querstraßen mit bemalten Brettern; verbot das Verlassen der Häuser und Kasernen für die Vormittagsstunden bei Todesstrafe: Gongschläger und Trommler riefen den ganzen Tag aus. Da die Astrologen im kaiserlichen Zuge nicht rechtzeitig die Stunde des Einzugs in die Rote Stadt berechnen konnten, verzögerte sich der Einzug über den Vormittag, obwohl die Reisegesellschaft einen ganzen Tag auf den nordwestlichen Bergen lag, die Landleute die wunderbare Musik der Hofkapelle hörten, die fast ununterbrochen spielte über dem blanken See Kun-ming-hu.

Auf dem Gipfel des Wan-wu-schan, in den Hainen der weißrindrigen Fichten verlebte der Kaiser den letzten Tag vor der Heimkehr; bevor es dunkelte, ging er zum östlichen Seeufer herunter; über die siebzehnbogige Marmorbrücke wandelte er auf die kleine Insel, welche einen Tempel trug, den nur er betreten durfte; stumm stand eine Bronzekuh am Eingang. Im Tempel sprach der Kaiser mit seinen Ahnen.

Die Wasseruhr zeigte die Doppelstunde des Drachens, als der Kaiserzug morgens das Dorf Hai-tien passierte. Auf dem Steinwege kam man an das nördliche Tor der Mandschustadt Pe-kings, Te-schang-man. Die Schlangendoppelstunde brach an, als der Himmelssohn die purpurnen Mauern erblickte.

Kia-king war ein Sohn Khien-lungs, der Sohn der legitimen Gemahlin des Kaisers; Kia-king war der einzige, der Khien-lung auf den Spaziergängen durch die Gärten der Roten Stadt begleiten durfte. Der Kaiser übersprudelte von Lebendigkeit, unter den ungeheuren Zypressen blieb er stehen, redete auf seinen schwerfälligen Sohn ein, der ihn um einen Kopf überragte. Der Prinz, noch nicht vierzig Jahr alt, hatte ein schwammiges faltiges Gesicht, ein Lächeln fand auf dieser breiten aufgeschwommenen Fleischmasse keinen Platz. Wenn der hochgewachsene Mann, der den kugelrunden Kopf stark in den Nacken drückte, sich freute, entstand ein Flimmern und Flirren um den kleinen prallen Mund; die Linien, die aufschlängelten, wurden von den unbeweglichen Wangen zurückgeworfen, und so zappelte das Lächeln wie auf einer Insel um seine Lippen. Die wulstigen Augenlider hingen. Das linke Auge konnte er nur wenig öffnen. Krankhaft hell war seine Hautfarbe. Seine Hoheit war unsäglich, keiner kam ihm wirklich nahe; vor der körperlichen Nähe der meisten Menschen seines Umgangs hatte er geradezu Angst. Der Prinz hörte unentschlossen und gleichgültig seinem Vater zu. Er hing an seinem Vater wie an einer gesegneten Sache, die man nicht beschnüffelt, mit Dankbarkeit empfängt. Sie sprachen von den mohammedanischen Unruhen. Kia-king lenkte ab auf seine und des Kaisers Neigung, die Menagerien. Ein grünschillernder Pfau stolzierte über die Marmorbalustrade einer weißen Brücke. Ein ganz leichter Wind verzog das Bild der Brücke, das sich in dem dunklen Wasser spiegelte. Er hob den Saum des gelben kaiserlichen Mantels wenig an und schlenkerte Kia-kings goldene Gürtelquaste.

Schon in der Nacht trat Regenschauer und Kühle in die Purpurstadt. Zwei Tage gönnte sich der Gelbe Herr Ruhe. Er saß morraspielend in der Säulenhalle des kaiserlichen Wohnhauses. Dicht hinter ihn rückte man seinen Schreibtisch aus massivem Gold, niedrig. Die Platte ruhte auf dem Rücken eines Elefanten, dessen plumpe Beine die Säulen des Tisches bildeten; von dem langen Gesicht des Literatengottes, der vor einer zierlichen Pagode inmitten des Tisches stand, und von den Gewandfalten pflegte Khien-lung seine Gedichte abzulesen. A-kui, sein Spaßmacher, der biedere Draufgänger, kauerte dem Kaiser gegenüber an der Ebenholzplatte. Ein untersetzter kurzbeiniger Mann mit vierkantigem Gesicht und steifem Nacken. A-kui war immer gleichmäßig; man konnte ihn in eine Ecke stellen und wieder hervorholen: er bewegte sich, als wäre nichts geschehen. Seine Rauhbeinmanieren, heiseres Lachen, grobe Wendungen, galten als sanktioniert, wurden gepflegt am Roten Hofe. Er selbst schien sich dessen nicht bewußt, zeigte sich unglücklich über jede Verletzung der Etikette, machte sich durch gelegentliche Versuche zur Vorsicht noch komischer. Er spielte glänzend Morra, der Bauer, besser als Khien-lung. Bei einigen verlautete, A-kui sei nicht nur geizig und habgierig, sondern direkt unzuverlässig; er sei ein Intrigenflechter, ein Klatschträger, der seine Tolpatschigkeit kräftig ausnütze. Freilich bildete sich solch Gerede leicht um hervorragende Hofmänner; die großen Verdienste A-kuis in dem schweren Feldzug gegen die Miao-tses ließen anderen keine Ruhe. Wenn der graue kapriziöse Herrscher mit A-kui vor den Spielbrettern saß, lachten die eleganten und hochgebildeten Herrschaften, die sich auf der Fischfangterrasse damit vergnügten, Drachen steigen zu lassen; sie glaubten zu wissen, daß der Kaiser seinen dummen Spaßvogel schnattern ließe; ernsthaft gehöre er ihnen. Aber der Kaiser gehörte ihnen auf der Fischfangterrasse und A-kui und andern; er brauchte vieles zu seinem Leben und ging an allen vorüber.

Am Morgen des zweiten Tages ritt Chao-hoei durch das Mittagstor und machte den neunfachen Fußfall vor Khien-lung im Palast der Höchsten Eintracht. Der Gelbe Herr bestieg sein Pferd; es ging zum westlichen Blumentor hinaus und in mäßigem Trab um die drei Seen herum, Chao-hoei neben dem Kaiser, auf den vogelzwitschernden Kohlenberg. Der hagere elastische Mandarin war nicht nur berühmt durch seine unvergleichlichen Verdienste im Feldzug gegen die Dsungaren an der Nordwestgrenze des Reiches; niemand vergaß, was der elegante Mann geleistet hatte am grünen Ili; das knochig ausgearbeitete Gesicht Chaos hatten die Schneestürme gebeizt; seine kleinen wenig gefälteten Ohren hatten mehr Todesschreie einlassen müssen, als irgendein Mensch seiner Zeit. Chao-hoei, der den Titel: »Bewacher eines Tores von Pe-king« erhielt, dem der Kaiser nach der Niederwerfung der Dsungaren mit einer Teetasse an der Tür des Sommerpalastes entgegenkam, war auch berühmt durch seine rechtliche Frau. Ihre Gedichte, ihre stürmische und doch gehaltene Prosa las Khien-lung oft. Hai-tang hieß sie; sie war die Tochter des ehemaligen Statthalters von An-hui. Als sie heirateten, erlangten sie durch kaiserliche Dotation große fruchtbare Ländereien im Hia-ho, dem südlichen Gebiet am Jang-tse-fluß; noch jetzt sangen die Literaten dort am Muschelkanal unter dem warmen Himmel von Hai-tangs Klugheit und Lieblichkeit, von ihrer hohen Bildung, auch von ihrer Unbezähmbarkeit. Ihm waren die berüchtigten Ilitruppen, die Mordbrenner vom Ili unterstellt; man hatte nicht gewagt diese Bestien zu entlassen; sie standen in Tschi-li als Reservegarde.

Man ergötzte sich zwei Tage an dem Spiel der Kampfvögel, der Wami und Chuschitscha, ruderte über die künstlichen Lotosteiche. Kia-king, der Thronfolger allein spazierte die Ufer entlang; er bestieg kein Boot; er konnte die Ruderer nicht in seiner Nähe ertragen; er machte, eingeladen, stets seine typische Bewegung: das abwehrende Aufstellen beider Hände vor der Brust; schon die Einladung beängstigte ihn und man mußte ihn zu Hause beruhigen, mit seidenen Tüchern Gesicht und Hals abreiben.

Dann deckten den Gelben Herrn die schweren heiligen Laken der Vergangenheit. Er tauchte in die grauenhafte Höhe, das abgöttische Licht seines Ranges ein; er fand sich an seinem bereiteten Platz. Mit keiner Fingerbewegung rührte er an die strengen Riten. Ohne den geheiligten Ritus zersprang die Welt: die Erde lag für sich da, die Menschen rannten gegeneinander an, Luftgeister rasten, der Himmel rollte sich ein; alles fiel sich an. Der Zusammenhang mit dem Himmel und der Unterwelt mußte festgehalten werden. Das Altertum und seine glanzvolle Blüte, Kung-tse, erkannte, daß durch jede Bewegung des scheinbaren Alltags das Blut des Himmels fließen müsse; nichts war bedeutungslos. Darum entzog sich Khien-lung rädernden Zeremonien nicht. Er war sich nicht zu gut dafür; er pries sich glücklich, Träger dieser von Menschen unabhängigen furchtbaren Dinge sein zu dürfen.

Wenn er am Tage vor dem Himmelsopfer fastete und aus seinem reglosen Gesicht die scharfen Augen blitzten, so wußten seine Diener so gut wie die Priester, die Vertrauten des Gefolges, daß dieser Mann nichts Äußerliches tat. Das Mechanische ihrer Handlungen war durch einen einzigen Blick seiner Augen aufgedeckt. Khien-lung betete wahrhaft, zum Erschauern echt, als Sohn des Himmels.

Eines finsteren Herbstmorgens trug man den Gelben Herrn in den Ahnentempel. Wie er die letzte Stufe stieg, prasselte ein Stein keine Handbreit vom Kaiser entfernt auf die Plattform und zerspritzte. Über das böse Vorzeichen verwirrt, ging der Kaiser hinein an die Tafeln, verrichtete die Gebete. Man sah ihn im Wohnpalast in großer Zerstreutheit auf und ab gehen. Die Ahnen lasteten auf Khien-lung; sie peitschten ihn. Der hitzige rastlose Mann vermochte, je älter er wurde, seinen Vorfahren nicht gerecht zu werden. Ihn schüttelte, daß er in die furchtbare Verantwortung des Nachfolgers geboren war.