Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 22

Chapter 223,732 wordsPublic domain

Völlig gelassen wies der Reiter die beiden zurück und bückte sich zu Wang herunter, um ihn in dem Dunkel gut zu erkennen.

Was also der Offizier hier zu suchen habe; es sei noch für einen vollen Tag und einige Stunden jede Feindseligkeit zwischen der Mongolenstadt und den Truppen eingestellt, wie er als Träger des Saphirknopfes wissen könnte.

Der lange Reiter sprang vom Pferd, fixierte den Mann unter dem riesigen Strohhut, in dem dichten Strohmantel, den er mit einer Hand vorn geschlossen hielt. Was er denn hier zu suchen hätte; wer ihm das gesagt hätte von der Einstellung von Feindseligkeiten. Ob er ein Wächter der Eingeschlossenen sei.

Wang bückte sich wieder zur Erde, sagte »ja« und öffnete seinen Mantel, so daß sein Schwert sichtbar wurde. Er sei ein Freund des Ma-noh, der die Eingeschlossenen führe, ein naher Freund.

Der Offizier sah ihm ins Gesicht; er redete sehr leise: »Du bist kein Freund des Ma-noh. Mas Freunde tragen keine Schwerter.«

»Das waren die früheren Freunde Mas.«

»Seit wann ist der fremde Wächter ein naher Freund Mas?«

»Seit dem Untergang der Insel der Gebrochenen Melone. Auf der Flucht habe ich mich ihnen angeschlossen.«

»Und die Freunde Mas, viele Freunde Mas tragen jetzt Schwerter?«

»Viele Freunde hat Ma nicht.«

Der Offizier ging langsam mit Wang zurück, gab einem Diener den Zügel seines Pferdes; sie stellten sich, aus dem Dunkel hervortretend, gegen zwei Kiefernstämme, standen sich stumm gegenüber. Der gelbe Strohmantel Wangs schimmerte in dem Lichte; am Gürtel des sehr langsamen, ruhigen Reiters bewegte sich ein goldener krummer Prunksäbel.

»Wenn du ein Wächter und Freund Ma-nohs bist, so bitte ich dich, mir von ihm zu erzählen, wie es drüben in der Mongolenstadt geht, was Ma tut und spricht, wer seine Vertrauten sind.«

»Der mit dem Leoparden Geschmückte ist kein Feind der Gebrochenen Melone?«

»Ich heiße Hai, bin Oberst eines Kavallerieregiments. Vor ein paar Monaten trug ich nicht das Brustschild mit dem Leoparden. Ich ging ähnlich wie du, war ein Bruder unter ihnen drüben. Sie nannten mich wegen meiner Sprache die Gelbe Glocke. Du hast vielleicht den Namen gehört.«

»Ich habe deinen Namen nicht mehr gehört. Es sind die meisten tot, die dich gekannt haben. Auch haben uns viele verlassen wie du.«

Die Gelbe Glocke lächelte traurig, drehte den großen Kopf nach den Mauern, auf denen man die schwarzen Punkte der Wächter sich bewegen sah.

»Mich hat keine Gefahr erschreckt, als ich fortging; aber ich will nicht darüber zu dir sprechen, der du noch Bruder des heiligen Bundes bist und in so schlimmer Zeit Bruder bist. Ich möchte von dir hören, wie es Ma-noh geht, wie die Geister in der Stadt gerichtet sind.«

»Sprich nur. Du verwirrst mich nicht. Wir sind ruhig, unbeirrbar ruhig.«

In einer freudigen Bewegung legte die Gelbe Glocke eine Hand an Wangs Brust: »Ihr seid ruhig, ihr seid nicht in Angst? O, ist das schön, o, bin ich dem Fremden dankbar, daß er mir das sagte. Ihr weint nicht, ihr gebt euch nicht verloren! O, ist das schön. Ich bin nur darum hierher geritten, um dies von jemand zu hören. Ma-noh ist nicht von Haß geladen, er wütet gegen niemand.«

»Da du unser Bruder warst, weißt du ja, daß das Schicksal uns nichts anhaben kann. Eure Truppen und wer sonst kommt quälen uns nicht.«

»Ihr redet wie früher. Aber Ma-noh wütet nicht! Er widerstrebt nicht!«

»Du bist wieder Soldat geworden. Du hattest kein Vertrauen auf unsere kostbaren Regeln.«

»Ich vertraute auf die kostbaren Regeln. Und vertraue noch. Sieh mich nicht an. Ich wäre hier nicht in der Nacht hergeritten, wenn zwischen Ma-noh und mir nichts mehr wäre. Ma-noh ist der Mörder der Gebrochenen Melone, das weiß er. Ich war in den Tagen um ihn, als er es wurde. Er hätte länger und vorbereitet mit allen Brüdern und Schwestern leben können, wenn er sich nicht von den tollen Salzsiedern hätte verleiten lassen. Er war stolz, er war ehrgeizig, er trug im Geiste Pfeil, Bogen und Schwert; er war kein Wahrhaft Schwacher, kein Bruder der herrlichen Gebrochenen Melone. Darum habe ich ihn verlassen, der ich Reinigung und Frieden für meinen Geist brauchte. Aber das gehört nicht hierher.«

»Das wilde Tier auf deinem Brustschild blickt nicht friedlich.«

»Auch dein Schwert sieht nicht nach Frieden aus. Und doch stehen wir beide vor dieser selben Ebene und sehen durch den Mondschein nach der Mongolenstadt -- nicht mit feindlichen Gefühlen. Ich habe mich nicht verändert. Aber die Gelbe Glocke singt jetzt einen andern Ton.«

»Es scheint so. Aber sie scheint auch nicht dasselbe Lied zu singen.«

»Die Gelbe Glocke hat den Brand des Klosters angesehen; die Schwestern ließen sich rösten in den Kapellen; den Brüdern schlug man Köpfe und Hände ab. Man kann sich nicht vorbereiten von heute auf morgen, von einem Jahr auf das nächste; ein langes Leben gehört dazu, glaube ich. Die ganze Saat ist umsonst hingemäht worden; die feinen, tiefen, starken Brüder und Schwestern haben ihre Geister verloren, ich glaube, ich werde den Gedanken nicht los, als wenn sie gelegentlich erschlagen wurden; eben erschlagen, wie wenn ich hier zufällig von dir erschlagen wäre, weil du schon dein Schwert entblößt trägst und ich erst den Zügel hinwerfen und meine Klinge freimachen muß. Durch solchen Tod haben sie nichts gewonnen. Aber ich trage jetzt einen Säbel.«

»Warum? Gegen wen? Dein Säbel ist eine Lächerlichkeit. Du hättest ruhig deinen Säbel in der Truhe bei deiner Sippe liegen lassen sollen, wo du ihn hingelegt hattest. Keiner von euch wird ihn anrühren, solange ich bin. Lächle nicht; ich sage dir das. Gegen wen trägst du deinen Säbel?« Wang griff nach dem Säbel.

»Nicht gegen Ma-noh, wie du glaubst. Der wird doch bald sterben, gelegentlich. Und Liang-li. Wehe mir, wehe mir.«

»Gegen wen trägt der Mann mit dem Leoparden seinen Säbel?«

Die Gelbe Glocke rang mit sich. Er sah in den Wald zurück. »Gegen die Mandschus, denen ich jetzt diene, für die da drüben, die du bewachst, die in zwei drei Tagen in Schuttgräber gescharrt werden. Aber ich bin glücklich, daß du mir so Gutes von ihnen drüben erzählst. Es wäre nicht nötig gewesen das alles.«

»Das Schicksal ist immer nötig, Gelbe Glocke, mein Bruder.«

»Wenn du Ma-noh siehst, erzähl ihm nicht von mir. Erzähl keinem von mir.«

»Wir wollen uns trennen. Deine Diener kommen. Wohin wirst du weiter gehen von den Mandschus?«

»Wir sammeln Menschen, Truppen, viel Waffen. Uns ist das Westliche Paradies nicht gegeben, uns noch nicht, lieber Bruder. Ich will dann Wang-lun aufsuchen, der ein Schwert tragen soll wie du. Nur das hilft, weiter nichts. Daß du jetzt ein Schwert trägst, hilft nichts mehr. Sei nicht zornig, weil ich anders denke als du. Geh in die Stadt hinein oder fliehe wie ich.«

»Wo stehen deine Truppen? Ich will mich deiner Worte erinnern.«

»Bei Pe-king. O, welch schönen Weg, lieber Bruder, gehen unsere Schwestern und Brüder drüben. Ich bitte nichts dringender, als daß sie zum Jaspissee hinfinden und von der Königlichen Mutter aufgenommen werden. Das Mondlicht ist so hell. Mögen sie den Weg leicht finden. Leicht finden.«

Die Gelbe Glocke trat von dem Stamme zurück. Sie verneigten sich voreinander, berührten sich an den Schultern.

Wieder irrte Wang, ohne Schlaf zu finden, zwischen den Kiefern.

* * * * *

Am grauen Morgen holten die Gefährten Wangs die zweirädrigen Wasserkarren aus den Höfen ihrer Besitzer ab, schirrten die Pferde an, trabten zum Brunnen. Nachdem es nicht gelungen war, den alten widerspenstigen Träger zu bewegen, sein Gefährt für den Tag abzugeben, hatten zwei der Helfer Wangs den Mann, als er aus seinem Hause in der Dunkelheit trat, ergriffen, seinen Mund mit Werg verstopft, ihn geknebelt, in eine Kuhhaut gebunden und auf einem gestohlenen Karren in ein abseits gelegenes verfallenes Haus gefahren, wo sie ihn in einen Winkel warfen.

Bei der ersten morgendlichen Fahrt in die Mongolenstadt begleiteten die Wasserträger ihre Schüler, später gingen sie nach Hause, streiften durch die Schenken. Das Fehlen des alten Mannes fiel nicht auf, da der Sonderling nicht regelmäßig fuhr.

Es war ein warmer Tag. Bei den Fahrten am Spätnachmittag zeigten sich die Gefährten Wangs besorgt um die Bottiche, die offen auf den zweirädrigen Karren standen. Sie gingen klopfend an den leeren Gefäßen vorbei, bückten sich tief hinein, wobei sie den Inhalt ihrer Flaschen unbemerkt auf den nassen Boden gossen.

So fuhr der entsetzliche Zug der Wahrhaft Schwachen zum letztenmal mit den wassergefüllten Wagen durch die Mongolenstadt, Wang an der Spitze, kehrte mit geleerten Bottichen durch das Tor herunter, das hinter ihnen geschlossen wurde. Rasch spülten und wuschen sie die Bottiche aus, brachten die Karren zurück. Einer lief in das Haus, wo der alte Mann lag, schnitt ein Loch in die Kuhhaut, so daß sich der Hilflose befreien konnte.

Auf den Mauern herrschte bei den Bewaffneten noch bis in den Abend hinein rege Tätigkeit. Es hieß, daß Wang-lun mit einer großen Heeresmacht ihnen zu Hilfe kommen würde; über die Zahl der Entsatztruppen stritt man sich, aber sie war jedenfalls ungeheuer, viel größer, als der Tsong-tu der Provinz aus eigener Kraft aufbringen konnte. Unterhalb der Mauern, innerhalb der Stadt hatten sich die Bewaffneten, die Mitläufer Ma-nohs, eine Reihe von flachen Hütten aufgeschlagen aus dem Fachwerk der angrenzenden Häuser, die ihnen nicht geheuer waren. Hier lagen große Schutthaufen, Backsteine; tiefe Gruben hatte man geschaufelt, in die man Wasser laufen ließ, soweit man welches heranschaffen konnte, um Lehm zu bereiten. Binsen und Schilf lagerte in hohen Schichten in den anstoßenden Straßen. Man schleppte die Fuder heran, um Lücken in den Mauern zu dichten, Lehmmassen zu sichern. An diesem Abend wuchs der Lärm der Arbeiter außerordentlich. Eine riesige Mauerlücke, die man aus Mangel an Zeit nur oberflächlich mit Backsteinen verdeckt hatte, sollte ausgefüllt werden. Die ganze Tiefe war schon mit losem Geröll, Sand- und Lehmmassen, Halmen verstopft. Das Tor nach der unteren Stadt war geschlossen, mit Querstangen verdeckt. Die Städter verrammelten das Tor auch von außen, um einen Kampf zwischen den Provinzialtruppen und Belagerten auf die obere Stadt zu beschränken.

Die Männer liefen im Halbdunkel durcheinander. Ihr Arbeitsdrang war unbezähmbar. Halb nackt, mit strammgegürteten Hosen rannten sie vor dem großen Mauerloch, stürzten mit kleinen Schilfbündeln hinein, glitten aneinander vorüber. Einer schrie, warum der andere so wenig nehme; der schulterte sein Bündelchen hoch: ob das nicht genug wäre. Sie schleppten auf Holzmulden ungeheuerlich getürmte Steinmassen, die ihnen wie Wellen über Köpfe und Füße rasselten. Sie rannten unermüdlich mit anscheinend maßlosen Kräften herein, heraus, polterten hin, bluteten.

Auf der Mauer neben dem Durchbruch wurde ein starker Arbeiter müde; er klatschte einem langen Maurer eine Hand Lehm auf den Buckel. Sie schwatzten und kicherten schon seit einer Stunde über einen Maultiertreiber, der heute morgen statt getrockneter Datteln Säcke voll Sand in die Neustadt geschleppt hatte; erst auf dem Markt bemerkte er, daß er unterwegs bestohlen und betrogen war. Als sich der Maurer umdrehte, platzte ihm aus zwanzig Mäulern ein brüllendes Gelächter entgegen. Sie kugelten hin, wälzten sich auf die Seite, um in Ruhe das Gelächter an ihren Bäuchen massieren zu lassen, die Beine in die Luft zu stochern und das Zwerchfell zu schwingen. Andere rüttelten die Leitern hinauf, schrien mit: »Wie sieht der aus! Wie sieht der aus!« Und gurrten über sein sonderbar geschwollenes Gesicht, seine kolbenförmige Nase.

Der Lange fixierte den vierschrötigen Tischler, wischte ein paarmal über die Nase, schimpfte auf die elenden Zwiebeln, die sein Freund ihm in den Bohnenbrei getan hätte; davon würden ihm die Augendeckel und die Nase dick. Und er schlug bekräftigend dem Tischler, der das Schlucken bekommen hatte, in die Weiche.

Der bog sich zusammen auf diesen Hieb; sie fingen an, sich bei Hälsen und Hüften zu kriegen. Erst hetzte man; als die beiden sich ringend über den Rand der Mauer wiegten, raffte man sie tumultuös auseinander: »Es muß entschieden werden. Vors Gericht! Sie müssen es austragen. Vors Gericht! Vors Gericht!«

Drängten die Leitern herunter, als gäbe es in der Mongolenstadt ein Gericht für sie.

Auf dem Wege durch die anliegenden Gassen wurde ihr Haufe größer. Ein gellender Lärm wälzte sich mit ihnen; sie hatten kein Maß für die Stärke ihrer überschlagenden Stimmen. Einige von ihnen schleppten Balken hinter sich. Man stolperte darüber, aber sie zogen sie fest hinter sich her, um sie gelegentlich fallen zu lassen, ohne es zu merken. Andere steiften die Rücken und trieben die Schulter hervor unter ihrer leeren Holzmulde, die sie mit fest zupackenden, steinharten Muskeln drückten, fluchten über den raschen Schritt der andern, und sie könnten nicht mit.

Zwei ältere Handwerker, mit nacktem schwarzbraunen Oberkörper, betasteten an einer Straßenecke die Balken, die liegen geblieben waren. Ein Balken war über einen breiten Stein gefallen. Die beiden grinsten sich an, von entgegengesetzten Seiten an dem Holz entlang suchend, bis sie dicht nebeneinander standen, ihre Hände sich berührten und sie nun, den Balken zwischen den Beinen, Platz nahmen, sich schaukelten und dabei fortwährend sich ehrerbietig voreinander verbeugten und sich pathetisch Glück wünschten zu der Begegnung. Sie baten einander vorlieb zu nehmen mit den gegenwärtigen Umständen, sanken, als sie die Hände beteuernd schwingen wollten, seitlich ab und lagen da, der eine quer über den Beinen des andern, schmerzlich sich entschuldigend für die Unvorsichtigkeit, tasteten sich an den Hosen des andern entlang.

In dem Haufen, der sich auf kleinen Plätzen öfter ganz auflöste, wuchs die Verwirrung. Einzelne ergriff eine ausgelassene Fröhlichkeit. Ein ehemaliger Salzpfänner geriet in Wut. Er sagte, er ginge nicht mehr mit. Liu sei ein böser Dämon, er liefe doppelt im Zuge, ein Liu ginge drüben an den Häusern, ein anderer neben ihm. Dann treffen sie immer zusammen, prallen voneinander zurück, als wenn man ins Wasser sinkt. Die vor ihm marschierten, gondelten bei seinen Klagen rückwärts, nahmen ihn in ihre Mitte, grunzten heiser, fielen ihm unsicher um den Hals.

Ein junger Mensch drängte sich zwischen sie, brüllte: »Der Schuft, der. Er macht selbst solche Späße. Habt ihr nicht gesehen? Eben steht er hier und jetzt sitzt er auf dem Dach. Was hat er zu schimpfen auf Liu?« Sie kniffen ein Auge zu, zwangen Liu und den Pfänner sich rasch nebeneinander zu stellen. Ein paar visierten breitbeinig aufgepflanzt nach ihnen durch den gekrümmten Finger, visierten nach dem Dach. Inzwischen zerstreuten sich die meisten, torkelten unter zufriedenem Gegröhl hinter dem Hauptzug her, der sich nach dem großen Markt bewegte.

Aber der Zug kam nicht so weit. Man hatte längst vergessen, was man wollte. Man buddelte zwischen den Straßensteinen. Man krähte, leckte sich schläfrig die Finger, kreiste die Arme. Die Köpfe baumelten, fielen in den Nacken.

Von anderen Teilen der Mauer waren die Männer schon vorher in die Stadt gedrungen. Die Lungen waren ihnen sonderbar gefüllt. Ihnen schauderte unter einer Hitze, die fingertief unter ihrer Haut flammte und erlosch. Das Blut sprühte in ihren Köpfen. Der Rumpf fiel ihnen weg. Sie setzten die Schritte so vorsichtig, da sie fürchteten, mit ihren Strohsandalen in Glas zu treten; immer fein traten sie mit den Zehenspitzen auf, immer fein mit den Zehenspitzen. Man ging sicherer, wenn man die Sandalen auszog. Und so balancierten manche im Gänsemarsch durch die Gassen, in den wagerechten Armen ihr Schuhwerk.

Weiter innerhalb der Stadt stiegen sie hier, da über einen Menschen, sie flüsterten einander Vorsicht zu mit signalisierenden Armen, versuchten mehrmals über denselben Körper wegzutreten. Der lag schnarchend da, die Beine an den Leib gezogen, die Stirne kraus.

Vor manchen Häusern standen die Menschen angewurzelt. Sie lehnten mit blauen Lippen an den Pfosten. Ihnen wurde der Atem mit einem heftigen Ruck aus der Brust gerissen. Sie stöhnten, pfiffen und schnaubten wie Blasebälge. Brüder legten sich unsicher mit dem Leib über Bänke; alle Bilder, Häuser, Menschen, das Dunkle des Himmels sauste in einer Spiraldrehung herum, die Erde vertiefte sich unter ihnen zu einem großen umgestülpten Spitzhut. Sie zogen zum Sprung unbehilflich die Kittel aus, keuchten, warteten was kommen würde. Ihre Rippen traten wie Schnallen hervor; sie prusteten im Flug.

Hunderte versteckten sich in den Häusern, auf den Korridoren, unter den Tischen, denen eine Presse die Därme, die Milz und den Magen zusammenschnürte, dann wieder losließ. Die Traubenpresse arbeitete an ihnen in einem Rhythmus, der immer schneller wurde. Sie würgten die gelbe Galle heraus, ihr Darm verspritzte sich und suchte zu entweichen. Ihre Gesichter verlängerten sich. Grüne Tiere liefen an ihren Gesichtern vorbei nach rechts, dann kehrten die Tiere um; die ganze Reihe lief nach links herüber.

Männer taumelten nach dem Tor, nach der Mauer. Aber sie stiegen zwischen den Sprossen hindurch beim Besteigen der Leiter, arbeiteten sich vergeblich heraus, stürzten die Leitern über sich um. Einem gelang es nach oben zu kriechen. Man hörte wie er ging, da kippte er nach außen ab in den Graben und muckste noch.

Die schwarze Nacht. Das Wasser strömte vielen die Flanken entlang. Ein kleines Rad drehte sich vor ihnen, wurde immer weiter, es war ein Nadelöhr, ein Maulwurfshügel, eine Höhle. Sie verdrehten die Augen, blieben in einer Radspeiche stecken.

In den dumpfen Zimmern die Brüder schraken bei den Schreien und Stürzen draußen zusammen. Sie hockten über sich gebückt. Sie stutzten plötzlich, blitzten heftig atmend um sich, als wenn sie etwas hörten, standen schwankend auf, richteten immer wieder den Oberkörper gerade, der ihnen wegsank: »Die Soldaten kommen! Es ist alles verloren! Wang ist mit zehntausend Mann erschlagen!« Sie machten Front gegen die stillen Zimmerecken, sie schmetterten Stühle in die Winkel, flohen die Köpfe duckend ins Freie, griffen im Finstern der Straßen nacheinander. Hier und da erdrosselten sich zwei. Sie dumpften unter Verzweiflungskrächzen nebeneinander hin. Sie schwangen im Traum Beile, kneteten und erwürgten den dicken Kot, der zwischen ihren Fingern durchquoll.

Auf den Dächern, die flach aneinander stießen, sangen einige. Sie sangen von der Großen Überfahrt. Ihre Hände bewegten geträumte Gebetsklingeln. Sie predigten zueinander herüber. Sie schrieen nach den glänzenden Spitzen der Kaiserherrlichkeit, die sie sahen; ganz nahe daran waren sie. Und wenn einer die bellenden Stimmen jenseits der Straße hörte, seufzte er: »Bruder!«, mit tränenden Augen, entzückt. Sie erhoben sich und zersprengten ihre Schädelkapsel auf der Straße, zermorschten im Fall einen Sterbenden.

Als die Nacht vorrückte und viele auf den Gassen, in den Erdlöchern, unter den Dächern phantasierten, blies ihnen etwas streifig Helles, Weißes, Spitzkühles in den Nacken über den Hinterkopf herauf. Sie wurden, wenn sie sich umwandten, von einem unsichtbaren Dämon ergriffen; auf einen Schrei riß etwas ihren Körper zuckend in die Länge, streckte ihn in einer Spannung hin, als sollten Füße, Hände, Kopf vom Rumpf dehnend abgerissen werden. Und dann schleuderte es die Glieder hin und her, rollte den Leib wie einen zerfließenden Kuchenteig. Wenn sich die Menschen schweißtriefend von dem Kampf erholten, schrien sie über die Feigheit des Dämons. Er möchte einmal wieder herankommen, sich nicht verstecken. Sie stierten mit glasigen Augen, speiend, um sich. Und er kam wieder. Mit einem Ruck hatte er sie gefaßt. Sie grätschten und schnellten, wie vom Katapult geschossen, zusammen. Bis die lange Starre ihre Sehnen eisenhart anfaßte, in schwerster Wut nicht losließ. Und wenn sie sie losließ, so blinzelten sie noch sonderbar und vergaßen zu atmen.

Als Abends von den Mauern aus ein Lärm in die Mongolenstadt hinein sich fortpflanzte, fuhren die Nachtwächter eilig in der unteren Stadt schwere Holzblöcke auf Ochsenwagen heran, häuften sie vor dem Tore nach der oberen Stadt auf. Sie durften keinen Eingeschlossenen herauslassen. Es schlug von innen gegen das Tor.

Das Toben drin nahm von Augenblick zu Augenblick zu; bald mußte die ganze untere Stadt geweckt sein.

Nun wirbelten drei Wächter ihre Trommeln durch die Straßen, weckten die hundert ehemaligen Provinzialsoldaten, die über die Stadtteile verstreut, noch Waffen bei sich hatten; sie sollten kommen, um einen Ausbruch der offenbar angegriffenen Sektierer nach der unteren Stadt zu verhindern. Wie die Soldaten anliefen, die Wachtürme der Stadt erstiegen, lag das Feld bis an die Kieferwaldung im umwölkten Mondlicht regungslos da; völlige Finsternis in den Straßen der Mongolenstadt, in der das tausendfältige Gebrüll, Kreischen und Heulen brodelte. Der Feind mußte schon in der Stadt sein. Aber das Unheimliche: man hörte keine Waffen schlagen, keine Bogen; kein Haus brannte.

Drin raste man. Und jetzt war es klar, daß die bösen Dämonen, die die Brüder und Schwestern bisher bezwungen hatten, sich losgemacht hatten und über sie selber hergefallen waren. Man weckte Priester und Bonzen der Stadt.

Drin hörte man Leitern an das Tor anstellen; gedämpft knirschende Körper purzelten herunter.

Mit einmal schauten dicht nebeneinander zwei gedunsene verzerrte Gesichter über das Tor, Schaum vor den Mündern, wie die Pferde geifernd. Die Priester wirbelten ihre bronzenen Weihrauchbecken, hohen Rauchfässer und knallten sie ihnen ins Gesicht. Aus den zerbrochenen Fratzen tropfte dickes Blut herunter auf die Wächter, die entsetzt zurückwichen. Die Priester richteten Brander über die beiden oben, die sich höher zogen. Plötzlich bäumte sich der eine und krachte herunter. Der andere gröhlte unmelodisch zum Nachthimmel, wälzte die zottige Brust über den Torrand; dann stürzte innen seine Leiter um; er sackte abwärts; seine Hände blieben am Tor hängen; die Soldaten hieben ihm die Finger ab; er plumpste schwer und lallte lange an der Erde.

Kein Bürger der unteren Stadt wagte sich auf die Straße. Gegen Morgen legte sich das Geschrei. Ein gelegentlicher geller Ruf wehte herunter. Den letzten Teil der Nacht schmachtete aus einem Haus der Straße, die parallel dem Tor lief, eine einzelne Stimme, eine Mädchenstimme; sie sang Verse eines unflätigen Liedes; dazwischen lockte sie, rief Männernamen, röchelte.

In der grauenden Dämmerung wurden die äußeren Stadttore geöffnet. Die Händler, Gemüseverkäufer, zahllose Karren bewegten sich die Straßen herauf, die Wasserträger kamen. Wagen stauten sich vor dem Tor der Mongolenstadt. Man machte Platz für die grüne Sänfte des Tao-tai. Der Befehlshaber der ehemaligen Provinzialtruppen, jetzigen Stadtgarde, ein baumlanger Mensch, gab Befehl zum Öffnen des Tores. Die Balken wurden weggeräumt; die Querbäume gelöst; die Soldaten schoben die Flügel zurück.

Im Augenblick, wo sich das Tor öffnete, sauste von dem Torbogen ein abgelöstes Mauerstück herunter, hüllte den Eingang in dicken Staub. Man mußte mit Gewalt die beiden Türflügel verschieben, die inneren Querriegel umbrechen, bis der Eingang frei war.

Drin hatten die Eingeschlossenen vor Anbruch der Nacht als Barriere einen schweren Eisenstab noch zwischen den Steinwall geklemmt; an dem lehnte gebückt eine ganze Reihe Menschen; als man die Schranke abhob, stürzten die Körper den Eindringenden entgegen, krachten mit den Gesichtern vornüber zwischen sie hin. Einzelne von diesen lebten und riefen die Städter mit schwachen Stimmen an. Die Soldaten zogen voran. An einer Straßenecke standen schräg gegeneinander zwei Mädchen; eine den Kopf auf der Schulter der andern; sie fielen erst um, als man der einen die Arme von der Hüfte ihrer Freundin losriß. Hier und da bliesen Sterbende die Backen auf in langen Pausen. In mehr als zwanzig Häusern, auf Treppen fand man Frauen in Blutlachen; sie hatten in den Krämpfen entbunden; in den Krämpfen hatten sie sich Nabelschnur und Mutterkuchen aus dem Leib gezerrt, waren rasch verblutet.