Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 21

Chapter 213,625 wordsPublic domain

Der Vorgänge in ihrer Heimatsstadt erinnerte sie sich nun auf einmal, tief verblüfft, völlig verständnislos. Sie hätte sich verschworen, daß sie das nicht war. Ihr Vater, ihr Kind, ihr Mann dämmerten ihr, Erinnerungen, die auch aus einem Geschichtenbuch stammen könnten, nur mit dem Eigentümlichen behaftet, daß sich Liang dumpf gepeinigt abwenden mußte, sobald sie blaß auftauchten. An einem Ziehen in ihren Zähnen, einem rundherum laufenden öden Gefühl in ihrem Unterkiefer merkte Liang, daß sie auftauchen wollten.

Seit den Tagen am Ta-lusumpfe hatten Brüder und Fremde die Versenkung in ihr Blut begehrt, und sie hatte sich ihrer heiligen Pflicht nicht entzogen. Sie besaß keine lüsternen Organe. Seit dem Brand des Klosters aber, wo sie mit Ma-noh zusammen geritten war, umschlang sie, einer Unruhe ihres Körpers folgend, öfter einen Bruder und schaffte sich vorübergehende innere Gelassenheit. In der Mongolenstadt wuchs ihre Heftigkeit ungestüm; sie erinnerte sich ihrer Krankheit nach der Geburt des Kindes, fand sich nicht zurecht zwischen einem Drange zu weinen, die Arme zu werfen, unwillkürlich zu ächzen und herumzuwandern. Sie verlangte öfter in ihre Heimat zurück, widerrief es. Die Gebetsformel zu sprechen, sich in die vorgeschriebenen Ekstasen zu versenken, ekelte sie, wie sie ohne Scham tausendmal laut am Tage und jammernd in der Nacht erklärte. Mit Tränken, Aschen, Beschwörungen suchte man sie zu heilen. Dann zerrte die Schreiende ein derber Bauer, an den sie sich in diesen Tagen gehalten hatte, aus einer gesichterquellenden Nacht zu Ma-noh. Dem mit wenigen Worten und Handstrichen über Mund und Brust alles gelang. Sie überwand die Krise. Ganz besänftigt, blaß und dünn nahm sie manches Besondere von Ma-nohs Haltung wie einen körperlichen Talisman an, seinen abwesenden Blick, die schützende Bewegung der linken Hand vor die Augen, seine erstickt schnappende Mundöffnung.

Ein Liu, der ältere, lebte noch. Das zweifelsüchtige Dreierlein hatte sich bei dem hauptstädtischen Feste in einer unhemmbaren Aufwallung jenen Brüdern beigesellt, die sich von den Mandschugefangenen niedermetzeln ließen. Den älteren Liu hatte das Unglück zu einem Spaßvogel gemacht. Sein Zinnoberkrügchen schleppte er noch am Gürtel herum, zeigte es jedem, den er sah, verspottete sich. Wenn durch die Gäßchen der Mongolenstadt Gelächterstöße hallten, so stand vor einer Tür Liu mit einer toten Ratte, einer abgefallenen Filzsohle zwischen zwei Fingern und hielt komische Leichenreden. Oder er schaukelte sich quer über die Straße an einem vornüberhängenden lockeren Dachsparren und knüpfte daran seine Gleichnisse. Es war diesem Mann sicher, daß sie sich in einem neuen Königreich noch prächtiger als vorher festsetzen würden und daß ihre Geister in einem einzigen riesigen Schwung nach dem bergigen Paradies gelangen würden. Die Verfolgungen, die sie erlitten, waren vom Neid diktiert; man konnte dem Kaiser den Neid nicht verdenken, und die Bündler hatten keinen Grund sich zu beklagen: wer mit einer hellen Laterne geht, zieht die Räuber herbei.

In dem Winkel des leeren Marktes, in dem kleinen Hause saß Ma-noh.

Er war ganz in sich eingesponnen. Sein Hochmut schmetterte Posaunen, mit der drohenden Stärke, die den Boden aufwühlt. In ihm entfaltete sich ein kaiserlich rauschendes Banner. Um dieses Banner wanderte Ma herum. Er ließ keinen zu sich, um das Banner immer zu hören. Wang-lun hatte geglaubt, Ma wäre reif geworden für die schwere Schicksalslehre. Aber das Schicksal griff den Priester nicht an. Er zog selber das Unglück mit greifenden Armen an sich wie ein Irrsinniger, der nicht Speise und Gift unterscheiden kann. Er schluckte höhnisch das Unglück, das ihm nichts anhaben konnte. Er knäulte sich nicht auf. Er war ein Fleischbündel und sonnte sich. Die Dinge, die an ihm vorüberliefen, hatten keinen Geruch und keinen Ton. Im Hintergrund warf und wühlte sich etwas: das Westliche Paradies, nach dem er seine vertrocknete Hand ausstreckte. Er ging seine Schuld unbarmherzig und glatt einziehen.

Versteinert blieb er. Wie ein kaiserliches Banner rauschte sein Stolz. Er glaubte, Wang-lun hätte sich zu ihm bekehrt. Das blumige Land der vier Seen hat nichts erblickt, was der Gebrochenen Melone gleichkam.

Dazwischen heulten die Minuten der entsetzlichen Selbstzerfleischung, wo er sich entlarvte als den mißratenen Mönch von Pu-to-schan, den heftigen korrekturbedürftigen Ekstatiker. Er lederte sich die Haut ab, drehte die weißen Nervenbündel heraus, schnitt ein grausames Resumee seines Lebens: Stehenbleiben auf einem unsicher schwappenden Fleck, Wühlen um den eigenen Schädel herum nach Sicherung, -- unter Menschenopfern, Zertrümmern ganzer Städte. Es war nichts ausgerichtet, er riß sie mit sich zugrunde. Pu-to stand noch wie eine Festung, die er nicht besiegte, als er an ihr vorüberjappste. Das Grauen dieser Vorstellung brauste über ihm. In das Schicksal hatte er eingegriffen. Es war nichts in allem, was geschehen war, nichts zu suchen als Unrat, Verderbtheit, eitle Spekulation. Die Tausende draußen: beliebig Verunglückte; tausend Bettler und Verbrecher mehr in dem riesigen Lande. Und er wie sie: ausgerutscht, in die Grube geplantscht, Mist geschlürft bis in die Bronchien, -- so dumm, so dumm, kaum zu bemitleiden, zum Auslachen.

Mit solcher Angst schlug sich Ma-noh schweißgebadete Minuten herum. Dann schreckten seine Arme und Knie zusammen unter einem Hämmern draußen, Trappeln des Türhüters, Aufzischen eines Branders von der unteren Stadt. Er keuchte aus seinem Brüten auf, schleifte sich auf den Markt. Die Schwestern sangen. Die Frauen blickten ihn ehrfurchtsvoll an; ruhige vertrauende Augen. Es gab keine kostbaren Schmucksachen mehr, keine hochzeitlichen Blumen. Die Geigen und Gitarren zertrampelt in einem Morast. Die Mädchen, die armen, stülpten nicht mehr ihr Inneres um und breiteten sich aus: sie hatten nichts für sich behalten und die Gefahr war doch nicht abgewendet worden. Den Hals hatten sie sich bewahrt; der mußte durch. So wollte es das Schicksal und so war es gut. Sie sind wie das Wasser gewesen, das sich jedem Gefäß anpaßt. Sogar damit war zu wenig getan, um leben zu können.

Ma-noh schlürfte an den Brüdern vorüber, die aus stumpfem Herumhocken aufsprangen, ihm ihre lehmigen, ausgemergelten Gesichter zukehrten, ihn anbetend umringten. Was für Nachtschatten ihn befielen. Pu-to mit seinen knechtenden Vorstellungen hatte sich in sein Gehirn eingearbeitet, es ließ nach Jahrzehnten seinen Diener nicht los. Man ging hier strengere Wege, einen harten Weg ohnegleichen. Die nackte tötende Furchtbarkeit der Existenz war ihnen aufgezwungen worden; sie hatten sie auf sich genommen, ohne sich zu verstecken, alles selbst, wie der heilige Siddharta, der Kronprinz, alles durchversucht. Wenn das Westliche Paradies geöffnet wurde, so ihm und diesen. Die kaiserliche Fahne wehte über ihren Weg. Sie rannten auf den Gipfel wie Pfeile.

Er sank auf der breiten Mauer mit den Schultern über sich. Irgendwo streifte jetzt Wang-lun in dieser Ebene. Der, seiner eigenen Lehre verloren.

Hier gischte Brandung. Man ließ sich treiben, man schwamm nicht einmal mehr. Es triumphierte das Wu-wei.

Alles gehäuft über die kleine Mongolenstadt. Banner über Banner!

Die Geisterpulse pochten durch die kleine Stadt.

Den Schlüssel zu den goldenen Toren preßte man in den Händen. Körper saßen unbeweglich wie Leichname herum. Ein Hauch, sie fielen um. Wer das Tao in sich hat, will nicht sehen, nicht schmecken, nicht hören. Dreht seinen Körper heimtückisch zur Seite. Fliegt.

Und in der Tat. In einem finstern, heißen Gebetsrausch lag die Mongolenstadt. Besessene starre Rümpfe kauerten auf den Gassen, taub, blind.

* * * * *

Am Tage, nachdem Wang-lun die Mongolenstadt besucht hatte, arbeiteten in einem großen Dorfe südlich der Stadt die beiden Apothekergehilfen auf dem langen Hof ihres Hauses. Der ältere, unfern dem Tor, schob Holzkohlen in einen kleinen eisernen Ofen. Eine breite, tiefgebauchte Porzellanschale dampfte oben. Der feine weiße Kohlendunst entwich seitlich durch einen Schnabel; der Medizinofen, rauchend, erschien wie eine vergrößerte Teekanne. Der Gehilfe drehte langsam auf einem schwächlichen niedrigen Körper einen schön gewölbten Schädel. Er hatte dicke Hängebacken, zwischen denen die Nase versank. Die Lippen suchten darunter mit Wülsten hervorzuquellen. Dieses war ein verschlossener Mann, von dem der Besitzer viel hielt. Er gehörte zu den Anhängern Wang-luns, die sich nicht zu dem Wanderleben verstanden. Sein Gesicht war stumpf, aber wenn er phlegmatisch von seiner Arbeit aufsah, verriet er sich; man sah, daß in ihm eine Bewegung mit großer Beharrlichkeit erfolgte und nicht ruhte.

Abgewandt von der Richtung des Dampfes ritt an der Hauswand der jüngere Gehilfe auf einem Schemel, trat das Rad einer Tretmühle; das Rad zerquetschte in der flachen Holzschüssel trockene Kräuter zu Pulver.

Der ältere Apotheker schlenderte in das Haus, um sich ein feines Haarsieb zu holen, er wollte aus Hasenleber einen Trank gegen Vollblütigkeit und Wutzustände herstellen, als das Tor schleuderte, und ein langer Bettler vor dem Medizinofen stehen blieb.

Der Gehilfe rief, er möchte draußen warten; der Mann trat dicht auf ihn zu, strich den Strohhut zurück, griff dem Gehilfen schon besänftigend an die Schulter, als der, Wang erkennend, sich vor ihm verneigen wollte. Sie flüsterten zwei Worte; mit lauten Segenswünschen dankte der zudringliche Bettler für den Käsch, den der Gehilfe aus dem Gürtel zog.

Nach einer Stunde wanderte der Gehilfe mit Wang-lun die westlichen wild bewachsenen Hügel und Täler bei dem Dorfe ab; Wang ließ ihn allein. Der Apotheker suchte.

Die Landschaft war sumpfig; weite Torfmoore grenzten an. Auf den niedrigen Hügeln vergilbten Kaoliangstauden und gespreizte Farne; der Weg über die höheren Hügel war finster, so dicht drängten sich die immergrünen Eichen. Engmaschiges Strauchwerk hinderte am Gehen. Hier war das Revier der kleinen bunten Knaben, so genannt nach der üppigen farbenreichen Pilzvegetation.

Zwischen den massiven Stämmen lugte am Boden der Wulstling mit grünlichweißem Hute; schöner weißer Kragen fiel schlaff am Hals herunter; um nicht den quellend feuchten Boden zu berühren, trug der Fuß eine zarte Kappe, einen Schuh dünn wie Haut. Der kleine Apotheker, die breite blaue Sammeltasche vor der Brust, schurrte einen Abhang herunter, wo es rot blitzte und die purpurne Würde des Fliegenpilzes prunkte. Mit kleinen Warzen waren viele Hüte besetzt, weißen Tüpfelchen, aus denen Zähes, Glasiges heraustrat. Viele von ihnen brach der Sucher ab, warf sie in seine Trommel. Nicht weit im Kraut blühten die Reitzker; mit breiten ziegelroten Mulden bedeckten sie ihre Köpfe; von ihren Hüten wehte der braunweiße Schleier, der aussah, als wäre er vom Winde zerfasert. Als er die Stämmchen umbrach, quoll schleimiger Milchsaft hervor, der an seinen Fingern klebte. Er stopfte seine eiförmige Tasche voll, bis der Preßsaft vorn durchsickerte.

Kam am Nachmittag in die Apotheke, wo er sich in seine Kammer zurückzog. Dann schleppte er mit dem Kameraden den kleinen Ofen über die Treppe in die Kammer herauf und begann zu arbeiten bei geschlossener Tür, wenig geöffnetem Fenster.

Er warf in das siedende Wasser der Schale eine Handvoll Pilze, die er in kurze Stücke zerschnitten hatte; nach einer kleinen Zeit, die er genau an einer Sanduhr ablas, faßte er die Schale mit Holzgriffen, goß die zähe bräunliche Brühe mit den Pilzstückchen durch ein enges Sieb in einen Holzeimer. Die zurückgehaltenen Stücke warf er in einen zweiten Eimer. Wieder brachte er Wasser in der Schale zum Sieden, zog Pilzsaft aus, siebte. Als er alle mitgebrachten Pilze verarbeitet hatte, begann er die zurückbehaltenen Stücke im Eimer mit einem Holzmörser zu zerquetschen und zermantschen; spülte sie in die Schale, verkochte sie lange und filtrierte wieder. Den Rückstand des Siebes stopfte er noch in ein dünnes Beutelchen, das er in den großen Holzeimer mit dem Absud auspreßte. Dann klatschte er den fasrigen Matsch im Beutelchen in einen Abfalleimer.

Nun begann die langwierige Arbeit an dem Absud. Auf Ofen wie Herd in der Ecke der Kammer, wo ein Kessel von einer Eisenstange herabhing, wurde die bräunliche Flüssigkeit langsam eingedampft. Er schürte, den Atem oft einhaltend, ein kleines Feuer im Ofen und unter der Herdplatte; dann trappte er, nachdem er das Fenster weit aufgestoßen hatte, herunter in die Apotheke an seine Arbeit, zum Mischen der offizinellen Pillen. Von Zeit zu Zeit stieg er breitbeinig zurück, goß neue Flüssigkeit aus dem Eimer zu in Schale und Kessel. Hantierte in der Apotheke unten und in seiner Kammer die Nacht durch bis zum Morgen. Als der Absud stark wie Sirup eingeengt war, entleerte er den Inhalt des Kessels in die Schale. Erst frühmorgens, als er zuletzt die dampferfüllte überhitzte Kammer betrat, war der Inhalt der Schale gediehen; der Saft war klebrig, tiefbraun geworden, zog Fäden beim Eintauchen der Rührkelle.

Lange musterte und roch der Gehilfe daran herum; dann holte er aus der Apotheke eine Tüte schwarzer gepulverter Holzkohlen und eine weißliche Erde herauf, schüttete sie rührend hinein, schichtete heißes Wasser über und füllte die schwarze Flüssigkeit in einen hohen Glaskrug. Nach kaum einer Stunde hatte sich in dem Krug eine weißliche und eine schwarze Schicht an den Boden gesetzt, darüber stand leicht braunes durchsichtiges Wasser, das der Gehilfe mit Vorsicht über eine schmale Holzrinne in zwei Kürbisflaschen, hohe dickbäuchige Gefäße, überfüllte. Ihren Inhalt verteilte er nach einigem Nachdenken in sechs kleine Tonkrüge, die er fest verschloß, sich an Stricken um die Schulter hängte. Noch in der Morgendämmerung knarrte das Hoftor. Der Gehilfe verließ mit den Krügen Haus und Dorf.

Während der Apotheker im Revier der kleinen bunten Knaben still botanisierte, ratterte es ununterbrochen durch das nördliche und westliche Tor der unteren Stadt von Yang-chou. Schubkarren zogen in langer Folge ein, Handelsleute mit Weib und Kind zu Fuß, breite gedeckte Reisewagen, ein Segelkarren, der eine weite Reise hinter sich hatte. Tuten, Gongschläge: das Tor wurde eine kurze Zeit gesperrt; langsam trug man die grüne Sänfte eines Mandarins mit großem Gefolge heraus; der hohe Beamte ließ sich in der schönen Herbstluft spazieren fahren. Die Torwächter schlugen mit kurzen dicken Knütteln auf große halbnackte Jungen, die hinter dem Gefolge betteln liefen.

Noch vor der Mittagszeit trabte eine Schar Händler herein, katzebuckelnd vor dem stämmigen Torwächter, der eine sichelartig gebogene Hellebarde trug. In der Stadt trennten sie sich nach ein paar Straßen.

Der eine trug ein Galgengestell, an dem Zopfschnüre baumelten; um die Brust hielt er eine blaue Leinewand gewunden, auf der in schwarzen Charakteren die Vorzüge seiner bewährten Zopfschnüre gerühmt wurden.

Ein paar verkauften unter dem Lärmen von Holzklappern Betelnußkuchen, die sie in Kästchen vor dem Bauche trugen und tafelweise abschlugen.

Andere schleppten Narzissen in Eimern mit sich.

In einer vielbesuchten Bouillonschenke neben einem großen Verleihinstitut für Sänften, Hochzeitsgegenstände trafen sie nacheinander ein und saßen zusammen. Ein großer, etwas gebückter Mann, dessen Schädel schlecht rasiert war, setzte sich zu ihnen; er stellte seinen glockenrunden Holzkasten, der mit schwarzen Strähnen bemalt war, vor sich unter den Tisch; er handelte mit Menschenhaar. Dieses war Wang-lun.

Sie ließen sich aus der riesigen Porzellankanne das Ca-tang-pang, eine heiße Brühe, in die flachen Schalen gießen. Als man ihnen warme Mehlkuchen servierte, stand Wang und der Schnurhändler auf. Sie mischten sich unter die Gäste, die sich an dem Eingang zur Küche drängten, unterhielten sich höflich; sie orientierten sich über die Absatzmöglichkeit ihrer Artikel in der Stadt, fragten nach den andern Betrieben, Gilden. Wang erinnerte sich eines alten Freundes, der in dieser Stadt einmal als Wasserträger schönes Geld verdient hätte und sich später in Pe-king als Bootsverleiher niederließ; er fragte gelegentlich nach den Quartieren der Wasserträger und wo man einen von ihnen sprechen könne. Nachdem Wang und der Schnurverkäufer festgestellt hatten, daß die Wasserträger sich in einer Bouillonschenke zwei Häuser entfernt träfen, verabschiedeten sie sich von ihrem Tisch und gingen herüber.

In dieser Schenke ging es still zu, denn um die Mittagszeit waren die Wasserträger am stärksten beschäftigt. Wang und sein Kamerad setzten sich in die Mitte des Lokals, schmausten Fleischpastetchen und tranken dünnen Tee. Der höfliche Wirt stellte sich neben sie, erkundigte sich nach ihrem Befinden, dankte für die Ehre des Besuches.

Währenddessen stampfte schon einer der Stammgäste über die Holzdielen, drei andere hinter ihm her. Sie klatschten beim Eintritt in ihre Hände, schlugen sie über die Schultern zusammen; vom Halten der Pferdeleine wurden ihnen die Finger klamm. Der Wirt wollte die Gäste placieren, aber Wang stand als Fremder auf, stellte sich und seinen Kameraden vor, lud die Wasserträger ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen; erzählte von seinem Freund, den keiner von ihnen kannte; nur einer erinnerte sich dunkel, von einem Arbeitsgenossen gehört zu haben, der später in Pe-king oder bei Pe-king Bootsverleiher wurde; aber das müsse schon lange her sein. Im Laufe der Unterhaltung erkundigten sich die beiden Fremden, die ersichtlich viel herumgekommen waren, nach der Regelung des Wasserverkaufs unter ihnen, ob die Verdienste nicht sehr variierten nach der Verkaufsgegend. Sie erfuhren, daß dies natürlich so sei; in einzelnen Stadtteilen respektive Straßenbezirken hätte man seine Plage durchzukommen; die zehn zum Beispiel, die jetzt die obere Stadt versorgten, wo es doch keine Brunnen gäbe, könnten sich vor Arbeit nicht halten auf den Beinen, ihre Pferde seien bald schlapp, und der Verdienst? Man wechsele alle zwei Tage ab unter den Wasserträgern, weil die Leute oben so unglaublich arm seien; verdursten könne man sie nicht lassen, obwohl eigentlich der Magistrat schon gemunkelt hätte, es könne den Wasserträgern später schlecht ergehen für ihre Wohltätigkeit.

Zu seinem Vergnügen erfuhr Wang, daß zwei seiner Tischgenossen zu den Arbeitskolonnen gehörten, die heute und morgen den Wasserdienst in der Mongolenstadt versahen. Er hängte sich mit dem Schnurhändler an sie, als sie neben ihren Gespannen zu dem ummauerten Brunnen zogen, aus dem sie das Wasser in riesigen Eimern schöpften. Die acht übrigen Wagen quietschten schon gefüllt die Straße herunter. Wang erfuhr Namen und Wohnungen der übrigen Wasserträger, erklärte, während er seinen neuen Bekannten beim Schöpfen zusah, daß er ihren Beruf doch schön und ruhig fände gegen seinen jämmerlichen, bei dem er sich herumzuschlagen habe mit jedem Barbier, mit protzigen Blumendamen, die keinen Käsch später, wenn sie zahlen sollten, hätten und alles vernaschten. Ihm käme sein Freund, der Bootsverleiher in Pe-king, nicht aus dem Sinn. Er wolle einmal mit seinem Freund sehen, ob sie sich für den Beruf eigneten; er wolle es einmal versuchen, einen Tag über; vielleicht sei die Sache nicht so einfach, wie er sie sich denke.

Die beiden Wasserträger lachten laut über den Vorschlag; und wer ihnen denn den Verdienst bezahlen sollte, der ihnen für diesen Unterrichtstag entginge?

Das sei, sagte Wang, natürlich seine Sache; er wolle ihnen doch für ihre Unterweisung und ihr Entgegenkommen keinen Schaden zufügen; selbstverständlich, wenn sie darauf eingingen, was ja ein außerordentliches Entgegenkommen gegen einen armen Mann sei, würde er ihnen die Durchschnittstagessumme bezahlen, wobei sie freilich bedenken müßten, daß er selbst arm sei und nicht viel überflüssig habe. Aber schließlich sei doch ihr Verdienst sicherer als sein trauriger.

Nach langem Hin- und Herreden einigte sich Wang mit ihnen; man hielt es für das Einfachste, daß er sich mit den andern acht Wasserträgern in Verbindung setzte, die den fast unbezahlten Dienst in der Mongolenstadt heute und morgen täten. Sie würden Wang und seine Landsleute über die Arbeit, Bedienung, Fütterung der Tiere, Ställe unterrichten; er hätte vorher eine Summe zu erlegen, die dem gemeinsamen Durchschnittsverdienst in der unteren Stadt, wohlgemerkt in der unteren Stadt, entspräche und müsse den morgigen Wasserdienst in der Mongolenstadt ganz auf sich nehmen. Er mache sich für jede Beschädigung der Wagen, des Zaumzeugs, der Tiere haftbar. Das alles natürlich nur, wenn die andern acht damit einverstanden wären.

Wang wand sich über die Höhe des Preises hin und her, konnte sich mit ihnen über den eventuellen Schadenersatz nicht verständigen, weil sie ihm vielleicht brüchige Wagen stellen würden, die er dann bezahlen müßte.

Die schon abfahrenden Leute blieben unerbittlich. Da sagten die beiden zu. Als die Wasserkarren um die Ecke fuhren, hörte Wang die Träger laut losplatzen über diese Bauern und Dummköpfe.

Die Verständigung mit den andern acht verlief glatt; nur glaubte jeder von ihnen sich verpflichtet, noch besondere Schwierigkeiten zu machen, damit die Bauern den Betrug nicht merkten. Ein einziger älterer Mann lehnte den ganzen Handel ab. Er erklärte, seine Arbeit ruhig weitermachen zu wollen, das brauche er zum Leben; und mit den armen Leuten oben habe er sich angefreundet, so daß er sich freue, wenn er zu ihnen käme ohne bei der Polizei Verdacht zu erregen. Nichtsdestoweniger bezahlte Wang die ganze verabredete Summe an die sieben Wasserträger, die mit ihm abends in der Bouillonschenke zusammenkamen. Er erklärte in einer gewissen enthusiastischen Weise, daß er schon jetzt eine gewisse Freude am Wassertragen habe; es ließe sich da noch auf verschiedene Weise Geld machen, wenn zum Beispiel die Gilde selbständig Brunnenbauten übernähme oder Privatbrunnen pachte. Er gefiel den trägen Burschen nicht schlecht.

Er verließ noch vor Torschluß allein die Stadt; seinen runden Kasten mit Menschenhaaren ließ er in der Schenke. Es war eine Vollmondnacht. Breit dehnte sich die Ebene vor den Mauern; kleine Bodenerhebungen warfen auf die völlig unbewachsene weiße Fläche tiefschwarze Schlagschatten. Hinten zog sich eine Kiefernpflanzung, die das Mondlicht nur an den Wipfeln berührte.

Die Bauern, die die Mongolenstadt bewachten, bemerkten dort drüben um die Zeit, als die Nachtwächter die zweite Wache trommelten, ein eigenartiges Blitzen; es bewegte sich am Rand des Kiefernwaldes entlang. Dann trat ein Mann in den hellen Mondschein; drei der Wächter erkannten in dem Mann mit dem großen Hut und dem herunterhängenden blitzenden Schwerte Wang-lun.

Sie riefen einander an, zeigten auf ihn, der sehr deutlich in dem blendenden Licht zu erkennen war, waren wach und überglücklich. Er war da; er hatte sie erreicht. Auf ihn konnte man sich verlassen. Die Weiße Wasserlilie war da. Man lief in einen Wachturm. Es war Wang-lun, der allein dort saß gegenüber der Mongolenstadt; nach einer langen Zeit glitzerte wieder sein Schwert; er tauchte in das schwarze Dunkel des Waldes zurück, rasch, wie verschluckt.

Als Wang, der keinen Schlaf fand, ein paarmal durch den totenstillen Wald geirrt war und, von Unruhe getrieben, sich der Ebene zuwandte, sah er durch die schlanken Stämme am Randweg einen Reiter traben, dem zwei andere folgten. Er lief ihnen in dem Dunkel voraus, erkannte an der Kleidung einen hohen Offizier der Provinzialarmee und zwei Diener. Sie ritten langsam an der Mongolenstadt vorbei. Als sie dem Weg folgend eine Strecke zwischen die Stämme einbiegen mußten, trat Wang an den hageren großen Offizier heran, der einen langen Kinn- und Schnurrbart trug und fragte, ob er ihm Auskunft geben könne über den Weg nach einem Dorfe.

Der Offizier wies mit der Hand südostwärts.

Wang ging ruhig neben dem Braunen einher; der Offizier hielt an; ob der Fremde noch etwas verlange.

Nach der Erde zu sprechend wünschte Wang, der Offizier möchte einen Augenblick seine beiden Diener ein paar Schritt abreiten lassen, damit er etwas fragen könne.