Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 20

Chapter 203,671 wordsPublic domain

Den verzweifelten Waffenträgern gelang es, die Torwache zu überrumpeln, die ahnungslose Besatzung von zweihundert Mann niederzumachen und sich eines besonderen Teils der Stadt zu bemächtigen, der innerhalb der Mauern gelegen, durch eine Mauer von der übrigen Stadt abgegrenzt war, das Überbleibsel einer ehemaligen Mongolensiedlung. Hier verbarrikadierte sich der Rest der Geschlagenen.

Das heilige Königreich war verloren. Die Brüder und Schwestern gingen in die eigentliche Stadt herunter, und einem Aufflackern der Sympathien für die Gebrochene Melone verdankten die Eingeschlossenen es, daß sie von der Stadt verproviantiert wurden, wenngleich man ihnen keine Waffenunterstützung zuteil werden ließ und jede Aufnahme in die Häuser der unteren Stadt versagte.

Während die Formationen der Provinzialarmee die weitere Verfolgung aufnahmen und langsam sich um die Stadt Yang-chou-fu konzentrierten, liefen die Boten Wang-luns, die Feigenverkäufer, in die Zelte der Generäle der kämpfenden Truppen. In allen Briefen stand: er sei Wang-lun, der Führer der Wahrhaft Schwachen, welche der neuerlichen Rebellion fernstünden. Er bäte die Generäle für ein zwei Tage ihr Vorgehen zu verzögern und ihn, Wang-lun aus Hun-kang-tsun, zu einer wichtigen Besprechung zu empfangen. Er würde ganz allein kommen. Zur Legitimation würde er in das Zelt der versammelten Generäle sein Schwert schicken, den Gelben Springer, der an seiner Klinge sieben eingelegte Messingscheiben trüge und unterhalb des Knaufes eine Lotosblume aus eingelegtem Silberdraht. Die Generäle zeigten sich die Briefe, rieten herum, worum es sich handele und kamen überein, dem berüchtigten Mann die Unterredung zu gewähren, gleichzeitig aber Vorkehrung zu treffen, ihn für den Fall eines üblen Ansinnens auf dem Heimwege niederzumachen. Am Tage der Unterredung kamen noch rechtzeitig an die Generäle von befreundeter Seite, die sie ins Vertrauen gezogen hatten, Warnungen, sich an dem Mann zu vergreifen und dringendes Zuraten, auf eventuelle Pläne, die er vorbrächte, einzugehen; der Hinweis auf geheime Korporationen, die hinter Wang ständen, verstärkte den Rat.

Die vier Generäle wohnten bei dem Magistrat eines Dorfes vor Yang-chou; im ärmlichen Jamen empfingen sie am Mittag, wie verabredet, das Schwert in einer Feigenkiste, von einem ortsansässigen Händler einem Türhüter überreicht. Eine Stunde drauf meldete der Türhüter, es stünde ein ziemlich zerlumpter Mann draußen in Soldatentracht, der behaupte, seine Visitenkarte vor einer Stunde abgegeben zu haben. Die Generäle, nachdem sie Auftrag erteilt hatten, den Mann auf Waffen zu durchsuchen, ließen ihn herein.

Wang-lun, ein Riese, erschien in seinen dünnen Kleidern, seinen leer herabhängenden Händen noch höher in dem Zimmer, in dem die Generäle wie Richter hinter einem Tische saßen, ohne ihrem Gaste entgegenzukommen. Sein hartgeschnittenes ernstes Gesicht leuchtete einen Augenblick auf; er lehnte am Türpfosten, zog die Türe zu, sagte in einem schlauen Tone: »Dies ist Wang-lun aus Hun-kang-tsun; und Ihr seid die Generäle des Himmelssohns; eins, zwei, drei, vier. Ich begrüße die alten Herren. Es ist sehr weise gedacht, daß sie Wang-lun nicht entgegenkamen; denn schließlich sind die alten Herren Gäste in diesem Land, und Wang-lun bedauert, den alten Herren nicht schon bei ihrem Eintritt in sein Land begegnet zu sein und Ehrfurcht gebracht zu haben.«

»Setz dich neben uns, Wang, laß die Türe frei; wir sind ohne Lauscher.«

»O, ich fürchte mich nicht, denn die Männer, die lauschen, sind meine Brüder.«

»Du hast uns Feigenkisten geschickt und Briefe hineingelegt. Wir haben dir Briefe geschrieben. Du hast dich durch dein Schwert legitimiert. Was willst du?«

»Ich irre mich doch nicht, Generäle, wenn ich zu wissen glaube, was Ihr wollt. Hier im Distrikt. Ihr wollt nach Yang ziehen, nachdem Ihr gesiegt habt, und wollt die Gebrochene Melone und meinen früheren Bruder Ma-noh ausrotten und vom Boden vertilgen.«

»Dies wird noch vor dem Vollmond geschehen sein.«

»Wang zweifelt nicht an der strategischen Tüchtigkeit der alten Herren und der Kriegsbereitschaft ihrer Truppen. Er glaubt an das Schicksal, das Ma-noh herausgefordert hat und das sich an ihm entladen wird. An ihm und nicht weniger an Euch, ein Jahrzehnt früher, ein Jahrzehnt später. Ihr werdet also die Gebrochene Melone und Ma-noh ausrotten?«

»Du hast es gehört. Der höfliche Mann, der bedauert, uns nicht bei unserem Eintritt in seine Heimat begrüßt zu haben, hat noch nicht erklärt, warum er sein Schwert und Briefe geschickt hat.«

»Ihr werdet also die Gebrochene Melone und Ma-noh ausrotten. Sie sind zwar besser als ihr und werden euch in höheren Gestalten bei den Wiedergeburten überleben. Aber das nutzt für den Augenblick nichts. Ihr seid fünftausend Mann, tragt starke Waffen; sie rühren keinen Bogen, keinen Stock, keinen Stein an. Ihr habt den Mut, die wehrlosen Brüder und Schwestern niederzumachen, wo sie ihre Verbrechen hundert- und tausendfach gebüßt haben. Ihr wißt, wer schuld daran war, daß sie das Kloster beim See einnahmen; es ist den kundigen Herren nicht unbekannt, wer die Mördertruppe ausgerüstet hat, die die Gebrochene Melone am Tai-han überfiel. Auch ist den hohen Feldherren nicht unbekannt geblieben, welcher Präfekt es war, der die Polizeimannschaften und Gendarmerie hinter der Gebrochenen Melone her nach dem Kloster zu schickte, um, ja warum? Denn die Brüder und Schwestern haben keinen überfallen. Sie haben den Hals hingehalten für die feigen Schwerter. Und so haben sie in den Gebetshallen des Klosters gesessen, das der Chan-po freiwillig überlassen hat angesichts ihrer Not, und haben sich schmoren, braten, rösten, sieden lassen von den Polizeimannschaften, welche der Präfekt zur Aufklärung des Blutbades am Tai-han abgesandt hat. Was soll nun jetzt geschehen? Sie haben sich von den Rebellen im Distrikt fortreißen lassen; sie hätten nicht verzweifeln sollen, sie hätten sich morden lassen sollen, denn die Verzweiflung lockt noch das Schicksal herbei. Sie haben es büßen müssen. Ich denke, Wang-lun aus Hun-kang-tsun denkt, es ist nun genug. Es ist genug Schicksal gespielt, weise Herren. Ketzereigesetze begründen keinen Mord und Totschlag, begründen sie nicht ausreichend. Das Land ist friedlich, sucht euch Feinde, wo ihr wollt, nicht in meiner Heimat, meine Herren Gäste.«

»Unser gütiger Wirt hat gewiß eine große Armee hinter sich, daß er so absprechend über uns Fremde redet. Aber er überschätzt uns noch. Wer sind die winzigen Tiere, die vor ihm sitzen? Sie haben Befehle vom Ministerium in der kaiserlichen Stadt, sie haben Aufträge vom Tsong-tu von Tschi-li. Sie könnten alles billigen, was der gütige Wirt sagt, der uns nicht ehren will, indem er sich zu uns setzt. Sie haben jeder beschriebene Papiere in der Tasche, die einen stärkeren Pulsschlag treiben als ihr eigenes lebendiges Herz.«

»Die Herren sind nicht kriegerisch, Wang-lun ist nicht kriegerisch, nur die Papiere sind kriegerisch. Aber ich weiß, daß auch die Papiere nur kriegerisch sprechen gegen Feinde. Wenn also die Gebrochene Melone aufhört, Feinde eurer Papierstreifen zu sein --.«

»Das werden sie in dem Augenblick sein, wo sie aufhören zu existieren.«

»Oder wo sie sich auflösen und sich vom Volk nicht unterscheiden. Dazu habe ich meine Boten mit den Feigenkisten an die alten Herren geschickt. Ich will euch fragen: habt ihr Befehle in euren Gürteln zu siegen oder die Gebrochene Melone auszurotten?«

»Nach unserem Papier und unserer eigenen Meinung ist das noch immer dasselbe.«

»Ich will mich nicht zu euch setzen, damit ihr nicht glaubt, ich käme in Freundschaft zu euch und bäte euch um etwas. Es ist eben nicht dasselbe, wie euer vorgerückter Scharfsinn erkennen muß. Ich bin nicht befreundet mit der Gebrochenen Melone; aber ich will den Gehetzten, Irregeleiteten das Äußerste von euren Metzgersoldaten, euren privilegierten Henkern ersparen. Sie sollen aufhören zu sein. Sie sollen die höheren und höchsten Dinge nicht erreichen, nachdem sie sich haben irreleiten lassen. Und euch muß es damit genug sein.«

»Woher hat Wang-lun die Kraft das zu tun, was er verspricht? Und wenn er die Kraft hat, warum hat er sie nicht früher angewendet? Dann hätte er nicht jammern brauchen über das Blutbad, den Klosterbrand, hätte uns die Anklagen ersparen können.«

»Ich stehe nicht über dem Schicksal. Ich verspreche euch nicht zu viel und nicht über mein Vermögen: ich kann jetzt, in diesem Augenblick, eingreifen. Ihr werdet sehen, wie es ablaufen wird. In drei Tagen will ich den Weg meiner Kraft abgemessen haben. Ich werde dann wieder vor den vier alten Herren, meinen willkommenen Gästen, an dem Türpfosten hier stehen und berichten.«

»Solange werden wir jeden Truppenmarsch verzögern, willst du? Man hat uns berichtet, Wang-lun, daß du große, das Volk sagt überirdische Mächte besitzst. Wie diese sich betätigen können bei der Niederlegung einer Festung, soll die geübten Soldaten interessieren. Ich werde dir unsere Beschlüsse mitteilen. Wir werden an dich keine Zeit verlieren. Das könnte uns den Kopf kosten, und der ist uns mehr wert als das Westliche Paradies. Wir werden bis zu einem bestimmten Punkt, den du in zwei Tagen erkennen wirst, die verfügbaren Truppen rings um Yang-chou-fu ziehen, wir werden aber nicht vor Ablauf des dritten Tages zum Sturm übergehen. So haben wir dir und uns nichts vergeben. Stehst du am vierten Tage an diesem Türpfosten da und berichtest uns, was wir dann schon wissen, so werden wir etwas gelernt haben.«

»Wang-lun hat von den alten Herren nicht mehr verlangt. Er wünscht, daß man ihm am äußeren Tor sein Schwert in einer Feigenkiste zurückgibt.«

Die Generäle standen auf. Wang machte mit seinen langen Armen eine ablehnende Bewegung und sprang die Treppe hinunter.

* * * * *

Das Tor der mongolischen Stadt von Yang stand den Tag über sechs Doppelstunden offen. Das Haus des Ma-noh lag in einem Winkel des riesigen grasbewachsenen Marktes. Am Abend des zehnten Tages ihres Aufenthaltes in Yang, einem regnerischen Spätherbsttage, bückte sich der wachetuende Bruder unter den Türrahmen, rief in das reglose Haus hinein, ein Mann wolle Ma-noh sprechen.

Wang-lun warf im halbdunklen Zimmer Strohhut und Strohmantel auf die Erde, halste sich das Schwert ab, begrüßte mit Verneigung und Händeschwingen Ma-noh, der auf einem Schemel saß und ihm gleichmütig zunickte.

»Ich komme zu dir, Ma-noh. Wir haben uns seit dem Frühling nicht gesehen.«

»Frühling?«

»Dieses Jahr Frühling.«

»Am Sumpf von Ta-lu. Diesmal hast du keine Leuchtkäferchen gebraucht, um zu mir zu kommen. Du konntest dich auf deine Nase verlassen, diesmal. Auch die Toten, die in der Hoffnung auf das Paradies gestorben sind, stinken.«

»Als ich das letztemal bei dir Gast war, litt ich an meinem Knie. Das ist geheilt. Wie geht es meinem Wirt?«

»Genau so wie es jemand geht, der auf einem Spazierweg, einem nicht ganz harmlosen Spazierweg ein Knöchelchen nach dem andern, ein rundes Maß Blut nach dem andern, einen Fetzen Haut nach dem andern verliert. Wahrscheinlich wird mich mein Gast jetzt fragen, wie ich mich dabei fühle. Angenehm, behaglich: das ist ja nicht anders zu erwarten, wenn man mit so wenig Gepäck reist. Und es einem ordentlich leicht beim Gehen wird.«

»Ihr wart sehr viele, als ihr von Schön-ting nach Süden zogt.«

»Dann bin ich nach Norden gezogen. Wir sind mehr und mehr geworden. Ich bin König eines Reiches geworden, dessen Güte nur durch eines übertroffen werden konnte, nämlich durch seine Schwäche. Dann bin ich hierhergezogen. Du hast noch nicht alle Toten mit der Nase gezählt von den Brüdern und Schwestern. Wir haben je zweihundert in fünf Gräbern eingeschaufelt. Jetzt sind wir wenig. Und jetzt sitzt Wang-lun neben mir, um den Strich unter seine Rechnung zu ziehen.«

»Ich rechne nicht, Ma. Du mußt mich nicht verantwortlich machen für das Schicksal.«

»Und du mich nicht.«

»Das mag sich Ma-noh selbst beantworten. Wer einen Baum fällen will, kann dabei erschlagen werden. Ich will vor meinem Lehrer nicht weiter davon reden; ich will von mir erzählen, wenn er es mir erlaubt. Was ich dir sagen will, ist vor mir selbst schon dunkel und entbehrt in mir jedes Gefühls. Du kennst es auch schon. Ich habe auf meiner Wanderschaft von Hun-kang-tsun nach dem westlichen Schan-tung hungern und dürsten müssen, viele Schande ertragen. In Tsi-nan-fu, der großen Stadt, habe ich als Gehilfe des Bonzen Toh betrogen, gestohlen, geschändet. Durch Tschi-li bin ich herumgestoßen worden, auf dem Nan-kupaß hast du mich gesehen, es ging mir nicht gut. Ich habe mich gebeugt, ihr habt mir geschworen: wir wollen dem Schicksal nicht widerstreben; es soll genug damit sein. Zu diesem Ziel war ich für mich gelangt. Viele hatten schon Gleiches erduldet und Gleiches gedacht; ich habe sie zum Entschluß gebracht. Jetzt bin ich zu Ende mit meiner Erzählung. Du hast mit deinem unwissenden Herzen geschworen. Jetzt wo Ma-noh die Hand vor den Augen hält, sieht er nicht mehr so aus, als ob sein Herz nicht schon beinah alles wüßte. Was, Ma-noh, sag mir, wenn du mich einmal lieb hattest, -- was soll jetzt geschehen?«

Ma-noh nahm die Hand von den Augen und sah Wang, der ihm näher rückte, lange an.

»Es besteht ein gewisser Unterschied zwischen meinem lieben Freund Wang, als er auf dem Nan-kupaß zu einem Entschlusse kam, und mir.«

»Welcher? Es gibt keinen Unterschied da. Nur den, den ich mir damals sehnlich und mit ganzer Seele gewünscht hatte: daß jemand wie ein Doppelgänger von mir, neben mir stünde und mir alles erleichterte. Ich greife jetzt nach dir. Ich verstehe dich. Ich bin ein weiter Beutel, in den du werfen kannst, was du willst.«

»Ich bedarf keines weiten Beutels.«

»Du bist mein Bruder, Ma-noh. Du, nur du bist mein Bruder geworden. Wenn ich an Su-koh zurückdenke: was ist mir Su-koh gegen das, was ich gegen dich empfinde. Du peitschst mich, du drosselst mich, wenn du dich von mir abwendest. Wo gab es, Bruder Ma-noh, zwei Menschen, die so Ähnliches erlitten haben wie du und ich? Wenn du meiner nicht bedarfst, so bedarf ich deiner, der dich liebt. Du sollst nicht so still vor dich hinbrüten, -- o das hab ich auch getan --, du sollst nicht so mit deinen Fingern zucken. Du sollst dich zu mir kehren, Bruder Ma-noh, und mich ansehen. Ich bin der einzige Mensch, der deinen Blick ertragen kann. Ich bin dein Gast, ich will zu dir! Wie soll ich glaubhaft zu dir sprechen? Wie kann ich bewirken, daß du mir vertraust?«

Wang hatte sich auf einen Schemel neben Ma-noh gesetzt, den Arm um Mas Schulter geschlungen. Auch Ma legte seinen Arm über Wangs Schulter und saß unbeweglich. Dann sagte er mit langsamer, unterdrückter Stimme:

»Ich hätte nie gedacht, Bruder, lieber Bruder Wang, daß du mir so wohltun könntest. Laß mich nur einen Augenblick denken. -- Ich sagte von dem Unterschied, ja von dem Unterschied. Den muß ich dir erklären. Wenn es dir damals so schlecht ging, so geht es mir offenbar noch schlechter, und du bist doch glücklicher gewesen. Du hattest eine Wahl, du kamst zu einem Entschluß. Ich bin schon jenseits dieses Punktes. Ich habe keine Entschlußmöglichkeit mehr. Mit mir ist schon alles geschehen. Es ist in und um diese Stadt herum schon alles abgelaufen. Es fehlt nur noch eine äußere Bewegung, eine Gebärde, ein Siegel. Etwas Belangloses ist das einzige, was hier noch geschehen kann.«

»Wang-lun hat seinem Bruder noch nicht gesagt, warum er ihn in der Mongolenstadt aufgesucht hat.«

»Du bietest uns Hilfe an.«

»Vielleicht Hilfe, Ma. Ich habe mit den Heerführern verhandelt, die gegen Yang-chou heranziehen und euch schon umzingeln. Man wird für drei Tage nichts Unmittelbares gegen euch unternehmen. Für diese drei Tage habe ich freie Hand, mit dir und euch zu verhandeln.«

»Ich bin der undankbaren Aufgabe dankbar, weil sie meinen Bruder Wang zu mir führte.«

»Ich will nicht dulden, daß die Henkersknechte und Blutsoldaten über euch herfallen und ihre viehische Grausamkeit an euch befriedigen. Ihr wart meine Brüder und Schwestern, du bist es mir von Herzen wieder geworden. Ihr sollt nicht in diese Hände fallen. Ihr werdet euch zerstreuen, dies hab ich dir zu sagen und zu raten. Du wirst nicht darum in Zorn verfallen. Du sollst hingehen und die Glocke anschlagen lassen und sagen: das furchtbare Schicksal hat uns so angegriffen, daß wir uns nur noch wie die Grillen in Töpfen regen können. Es hat niemand zu urteilen, ob wir recht gegangen sind. Wir sind recht gegangen. Jetzt müssen wir uns trennen und wandern, um nicht wie die Kälber abgestochen zu werden. Du läßt sie alle; sie werden aufatmen, wenn du es ihnen sagst und keiner sie hindern wird am Gehen. Und wohin du selbst gehörst, Bruder Ma-noh, das weißt du doch jetzt.«

Ma-noh lächelte friedlich.

»Willst du nicht die Glocke selbst anschlagen und zu den Brüdern und Schwestern reden?«

»Sie sind deine Anhänger.«

»Nicht mehr. Geh doch einmal auf den Markt, ruf sie zusammen, rede, es wird dich belehren. Sie wollen keine Stimme wie ich selbst. Sie sind rund und nett -- verloren. Wie ich selbst.«

»Du bist versunken, Ma. Ihr seht alle kraftlos und hinfällig aus. Ich bitte dich, ich flehe dich an, Ma-noh, lieber Bruder, ich lege mich vor dir auf die Stirn: geh mit mir auf den Markt, schlage die Glocke an, rede und zeige auf mich. Ich habe euch alle lieb; was du mir bist, habe ich dir vielleicht mit zu schwachen Worten geschildert. Ich habe die langen Monate dieses entsetzlichen Jahres um dich gelitten und nach dir verlangt, wie kein Verliebter nach seinem Knaben. Du kannst dies nicht über mich verhängen, daß du mich hier wegschickst und alles kommt, wie du weißt: die viehischen Horden schlachten die guten hoffenden Brüder und Schwestern, -- sind sie denn vorbereitet, Ma, sind sie vorbereitet? Du selbst wirst mir geraubt, der mein Juwel in der Seele war. Mich schickst du hoffnungslos im Lande herum, und habe nicht genug Hände, um für euch alle zu opfern. Steh nicht so schlaff da, tu mit mir, komm mir doch einmal zu Hilfe.«

»Wie du in mich drängst, Wang. Wie du mich ehrst. Als ich König meiner schönen, schönen, schönen Insel war, habe ich nichts empfangen, was mich so ehrte. Daß ich dich gewonnen habe, tut mir sehr wohl. Aber ich vermag nichts, Wang.«

»Warum vermag mein Bruder nichts?«

»Die tausend erschlagenen Brüder und Schwestern erlauben es nicht. Das wissen wir alle. Wir hätten keine ruhige Stunde vor den betrogenen Geistern. Wenn sie nicht vorbereitet waren, -- wir sind es. Wir machen alles wieder gut. Wir locken sie, nehmen sie mit von den Wegen. Und wir können nicht mehr anders enden. Ich will nicht anders enden. Wir sind zu einem Ring zusammengeschmiedet, lieber Bruder Wang.«

Wang warf sich fassungslos schwer auf den Boden.

»Was soll ich von dir bestellen im Westlichen Paradiese, Wang? Daß du uns geliebt hast, daß du uns den Weg gezeigt hast.«

»Du sollst nichts von mir bestellen. Du sollst hier bleiben, ihr sollt alle hier bleiben.«

»Wir fürchten uns vor den Horden nicht.«

»Die Soldaten --!«

Wang krümmte sich hoch, in seinen starren Augen blitzten Pünktchen. Er stand und sah heftig atmend auf den Boden. Dann stieß er heiser hervor: »Ich will gehen -- du hast vielleicht recht. -- Habe ich mein Schwert? Wo habe ich, lieber Bruder, meinen Gelben Springer hingeworfen?«

Ma hob ihn auf, hing das Schwert Wang um den Hals.

»Dies, Bruder Wang, werde ich nicht bestellen, daß du hinter einem Gelben Springer herrennst.«

Sie umschlangen sich. Ma lächelte immer.

»Und wie lange wird es dauern, bis ich meinen lieben Bruder Wang aus Hun-kang-tsun im Westlichen Paradiese sehe?«

* * * * *

Als Wang allein auf dem finsteren Markte stand und er sich umblickte, war ihm klar: die Soldaten der Generäle des Tsong-tous von Tschi-li werden die Mauern der Mongolenstadt nicht berennen.

Er tastete sich durch Straßen, bis er die äußere Stadtmauer erreicht hatte; in den kleinen offenen Hof eines völlig eingesunkenen Häuschens schlich er, warf sich in einem Schuppen zum Schlaf hin. Ganz früh, nach einer furchtbaren Nacht, verließ er die Stadt.

Unter den zusammengeschmolzenen Bewohnern des einstmaligen Königtums, die sich in dem Mongolenviertel von Yang-chou-fu drängten, befanden sich dreihundert Bauern und Städter. Die Mauern und Wachtürme der Stadt waren in einem trostlosen Zustand, aber die Leute machten sich in Eile daran, unter Gewinnung sippenverwandter Arbeitskameraden aus der unteren Stadt, Lücken des Bauwerks auszufüllen, den völlig ausgetrockneten Graben vor der Mauer zu vertiefen und mit Wasser zu füllen, Bogen, Pfeile, Holzschilde zu besorgen und auf den Wachtürmen aufzuhäufen. Hinter die eisenversteiften Torflügel schichteten sie seitlich riesige Mengen von Steinblöcken auf, die sie aus dem ein Li von Yang gelegenen Dorf heranschafften, um im Sturmfall das Tor undurchgängig zu machen.

Unter diesen fleißigen, gar nicht abenteuerlichen Männern und Burschen herrschte kaum übertrieben große Kampfbegier; sie hatten ja im Grunde keinen Anlaß, sich mit den Bündlern in der Stadt einschließen zu lassen, aber sie liefen mit ihnen in einer gewissen frommen Besorgtheit um sich selbst. Daß sich Provinzialtruppen an Bündlern vergriffen, schien ihnen ungeheuerlich; ein furchtbares Strafgericht konnte nicht ausbleiben. Es konnte nach ihrer Auffassung nur eine Sache der Zeit sein, bis die aufs Äußerste gequälten Brüder und Schwestern ihre unheimlichen unterirdischen Kräfte losbinden würden. Inzwischen mußte man es nicht verderben mit ihnen, sich seinen Teil an ihrer Macht sichern. Hinzu kam das Gefühl der Wichtigkeit ihrer Rolle, das sie anspornte. Sie besprachen offen die Möglichkeit, unter Umständen das alte oder ein neues Königreich wieder zu gewinnen. Es käme nur darauf an, den Himmelssohn von der Niedertracht des Tsong-tus zu überzeugen oder weite Kreise des Volkes aufzulockern. Denn wenn etwa der Himmelssohn das Vorgehen des Tsong-tus billige, sei vor aller Welt die vielbehauptete Volksfeindlichkeit der Reinen Dynastie bewiesen.

Während diese Männer, die ehemaligen Salzsieder, Kärrner, Träger, mauerten und schaufelten und die untere Stadt durch ihr entschlossenes Auftreten auf ihre Seite zogen, erholten sich die Brüder und Schwestern von ihrem Schrecken. Ihre Wunden schlossen sich, die Starre ihrer Verzweiflung schmolz. Sie besannen sich nach den grauenvollen Hieben, die sie empfangen hatten, versuchten sich aufzurichten. Sie waren, da sie nicht ausschwärmen konnten, zu völliger Untätigkeit gezwungen. Saßen auf den Straßen, den Plätzen, in einem großen schönen Tempel der Pockengöttin, an den Mauerarbeiten, warteten. Vormittags und abends versammelten sie sich auf dem Markte.

Ma-noh stand in einem lehmfarbenen Kittel vor ihnen. Der kleine reglose gebückte Mann mit der fliehenden Stirn. Sie beteten. Eine abgöttische Verehrung warf die Menge wie ein bindendes Seil um Ma-noh. Er schien ihnen kraftgeladen, ein Bürge dessen, was kommen mußte. Wang-luns Name klang hier verschollen; man wußte nicht, ob er lebte.

Die schöne Liang-li hatte die Flucht überlebt. Sie bat Ma-noh schon lange innerlich viel ab. Sie suchte mit Gewalt ihre Gedanken von allem Menschlichen abzuspannen, sich unmittelbar an die heiligen Dinge zu pressen. Es huschte immer etwas dazwischen, es klaffte in ihr etwas auf: eine Leere, eine Beklemmung in der Magengrube, ein schluckendes Gähnen und Würgen nach abwärts. Sie dachte an die heiligen Dinge nur durch das Medium eines Menschen. Sie kam nur auf diesen Rädern zu ihnen. Sie schüttelte sich, lief vor sich davon, ringelte sich um Ma-noh.