Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 2
Wang-lun wuchs heran, gewandt und riesenstark. Unter seiner Roheit und Hinterlist hatten Esel, Hunde, Fische und Menschen zu leiden. Zum Diebstahl wurde er als sechsjähriger Junge von seinem Vater selbst angeleitet, auf merkwürdige Weise. Es war im Dorf üblich, um die Festzeit im ersten Monat, besonders aber am fünften Tag des ersten Monats, aus fremden Gärten und Äckern Gemüse zu stehlen, weil dieses Gemüse Glück bringt. Es durfte niemand einen Eindringling an diesem Tage, sofern er ortsansässig war, verjagen; die Besitzer selbst pflegten vorher alles wertvolle Gewächs beiseite zu stellen und zu überdecken.
Als Wang-lun auf solchem gesetzmäßigen Diebeszuge begriffen mit seinem Bruder und Vater sein Heil versuchte, erging es ihm schlecht; ein paar vertrocknete Erdnüsse klaubte er aus dem Boden. Er trottete wütend hinter den andern her; lief nach Hause, setzte sich still, an einem Salzkrebs lutschend, in die niedrige Stube neben seine Mutter, die ihn lobte, weil er Dummheiten nicht mitmachte.
Er aber saß still zu Hause aus einem anderen Grunde; er hatte eine sehr einfache kurze Überlegung angestellt: wenn man etwas Schönes stehlen will, so ist der fünfte Tag des ersten Monats der ungeeignetste Tag dazu; es ist lächerlich und absurd, gerade an einem Tage stehlen zu gehen, an dem alle stehlen und alle ihre Sachen verstecken.
Er versprach sich, den fünften Tag des ersten Monats ein andermal zu feiern, diesen Tag absatzweise über das Jahr zu verteilen, denn ein Tag hat vierundzwanzig Stunden, die er unterbringen mußte; er mußte das Jahr über die erlaubten vierundzwanzig Stunden stehlen.
Und so stahl der gewandte schlaue Bursche überschlagsweise vierundzwanzig Stunden im Jahr und jeder Diebstahl hatte den Schein des Erlaubten, und ihn begleitete das angenehme Gefühl, das Dorf übertölpelt zu haben; es war genußreich zu stehlen.
Ja einmal, im letzten Lebensjahre des Alten, richtete Wang-lun seine räuberische Logik gegen seinen Vater; er nahm ihm die dünne Bambustafel weg, die tiefbraun und unleserlich geworden war. Den weißbärtigen Wang-schen erfüllte tiefer Schmerz, als er Lun im Hof sitzen sah, die lange vermißte Tafel auf den Knien, sie nach allen Seiten drehend, sie mißtrauisch beschnüffelnd. Lun lief in großen Sätzen mit der Tafel weg; der Alte weinte, über die Tafel und über den Sohn.
Im Dorfe wagten wenige, mit dem rohen Patron anzubinden; seinen Bruder hatte er ganz in der Gewalt.
Man war sehr glücklich, als er, gelangweilt von dem Fischfangen, Dörren, Netzeflicken, unzufrieden mit der Ärmlichkeit seines Heimatortes, aus dem auch durch den raffiniertesten Betrug nicht mehr als dreißig bis vierzig Tiau zu holen waren, eines Tages mit ein paar Kupferkäsch an der Schnur aus Hun-kang-tsun losmarschierte, ziellos die große Straße nach Tsi-nan-fu.
Es war Frühling. Erst lief er allein. Dann, als die Säure ihm in den Mund stieg, schloß er sich den Karrenzügen an, die aus den Töpfereien Waren in die Dörfer schleppten, und verdiente ein paar Cent. Er stieg, grimmig über die geizige Bezahlung, aus dem grünen Tal des Wei-ho auf in die wilden Berge; hinter den einsamen Häusern lauerte er mit einem Beil, einem grünen Sandsteinstück an einem Sandelholz, den Bewohnern auf, entriß ihnen, was sie gerade bei sich trugen, und floh. Auf den furchtbaren Felswegen, die er kletterte, war nichts vom Frühling zu merken. Die Bäche rauschten in den eingeschnittenen Tälern, reißend nach der Schneeschmelze; der zerlumpte Strolch ging nicht zum Waschen herunter zu ihnen; er war feige. Tagelang trug er in seinem Kittel zwanzig kostbare Schnupftabakdosen aus feinstem Glase; aß die rotgelben Kakis, die süßen getrockneten Äpfel, rasierte sich nicht, band seine schmutzklebenden Haare nicht zusammen: er hatte auf der Flucht ein kleines Mädchen bei einer Karawanserei überrannt, das Kind war im Fallen über einen Hang gerollt, dann einen Grat abgestürzt. Wang wagte sich nicht ins Tal aus Furcht vor dem Geist des Kindes.
Auf den letzten westlichen Ausläufern des Tai-ngan-schans, angesichts der reichen blütenüberschwemmten Ebene des Ta-tsing-ho, blieb er fast einen Monat liegen, unter den Bettlern und Lumpen dieses Striches, die in kläglichen Hütten zusammenhockten. War abgemagert, fühlte sich elend; seinen Lebensunterhalt verschwieg er den faulen Gesellen, mit denen er abends Geduldspiele aus Quarzstückchen zurechtsetzte. Er stieg um Mittag einen Felspfad aufwärts, durchkletterte eine kahle Schlucht; dann kam er an die Rückwand eines verrufenen Wirtshauses, das drei mongolische Kühe besaß. Dem aufpassenden Burschen hatte er das erstemal einen Genickstoß gegeben und mit dem Beil gedroht, als er sich einen halben Eimer Milch nahm; jetzt erwartete ihn der Junge alle drei Tage, steckte ihm alten Reiskuchen zu, rohe Eier, ließ ihn melken, soviel er wollte.
Als der Junge eines Tages verschwunden war und zwei bissige Hunde um den Stall liefen, kletterte Wang langsam und hungrig den mühseligen Weg zurück, die Schlucht hindurch, den Felspfad herunter. Erst wollte er zu den Bettlern zurück und irgendeinen von ihnen erschlagen; dann sonnte er sich die letzten Tagesstunden, blieb schlafend auf dem Gneisschutt liegen und stieg mit dem ersten Morgenschimmer die Berge abwärts über die sanften Hügel, die flachen Kalksteinerhebungen. Die wasserreiche Ebene dehnte sich unabsehbar aus. In dem blendenden Abendlichte sah er vor sich die starke Mauer und die mächtige Stadt, Tsi-nan-fu.
* * * * *
Das war ein unermeßliches Wachsen um Tsi-nan-fu.
Diesseits und jenseits des lehmfarbenen breiten Flusses standen die Hirsefelder schon übermannshoch, die starren Halme und Rohre mit ihren grünen scharfen Blattscheiden und braunen Kolben, die sich schwer umbogen und sanken wie Puschel von Kriegspferden und Helmwedel, überflockt von feinen Härchen. Wenn der warme Wind von den Bergen über sie fuhr, ging ein Scharren durch die Felder, als liefen die Halme davon, und alle warfen sich zum Anlauf vornüber. Ganz junge Pflanzen standen an den schmalen Fußpfaden, die Wang-lun am nächsten Morgen trottete; er riß ein paar aus, steckte die dünnen zarten Seidenwedel in den Mund und sog an ihnen. Drosseln und große Raben jagten sich schreiend über dem feuchten Boden, saßen auf den schlanken Sophorenbäumen, in deren breiten Kronen die Zwitterblättchen ein Schwanken und Schwirren begannen, als ob die Bäume ein krampfhaftes Lachen unterdrückten.
In einem fliegenden Barbierladen noch vor dem Tor ließ sich der verwahrloste Mann für seine Glasfläschchen waschen, rasieren und billig einkleiden. Dann spazierte er lächelnd und die feisten Torwächter vertraut grüßend in die Stadt hinein, in einem blauschwarzen Obergewand, auf neuen Filzsohlen, am grünen etwas faserigen Gürtel den leeren Tabaksbeutel, als käme er eben aus einem der vielen kleinen Teepavillons vor der Stadt, in denen sich Dichter und galante Jünglinge ergingen.
Groß und unübersehbar war das Gewirr der Straßen. Kaufladen stieß an Kaufladen, Garküchen, Herbergen, Teehäuser, überladene Tempel; an der Mauer klingelten die Glöckchen zweier schöner Pagoden, die den Weg der obdachlosen Geister ablenkten. Wang ließ sich willig von dem Menschenstrom tragen, spähte listig und vergnügt um sich, schob in einer engen Straße eine wartende Sänfte samt den beiden Trägern beiseite.
Und nachdem er die beiden an die Erde gelegt hatte, hatte er sich in ihnen die ersten Freunde in Tsi-nan-fu erworben, die ihn nach einer Stunde in ihr Logierhaus nebst Garküche führten, ein offnes luftiges Bretterhaus in der Einhornstraße. Ein Flügel des Hauses enthielt die ärmliche Garküche, deren Duft und Rauch aber auch den andern Flügel durchzogen, die nach der Straße offene Terrasse für Teetrinker und die Schlafkammern; das waren Verschläge im Hintergrund des Teeausschanks, niedrig, schmal, mit einer Bank zum Liegen und einem Schemel. Wang warf nur einen Blick in seine Kammer, dann strich er durch die Nachbarstraßen, erspähte Gelegenheiten. Er hatte keinen Käsch.
Hinter zwei Hökerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ging er in ein Haus, über einen weiten Hof, in einen halbdunklen Raum, den er erst an dem dicken süßlichen Geruch als Tempelhalle erkannte. An der rund ausgeschnittenen Tür saß ein alter kräftiger Mann in einem hellgrünen weitärmeligen Gewand, den Zopf auf dem Scheitel aufgebunden; er saß vor einem kleinen Tischchen mit Räucherkerzen, Papierfiguren und machte ein salbungsvolles Gesicht, indem er die Lippen schnauzenförmig abwärts zog, die Hände mit eigentümlicher Fingerkrümmung vor sich hinlegte und die Augen schloß. Die Frauen hatten von ihm sechs Kerzen gekauft, steckten sie vor einer bunten Holzstatue im Hintergrund an, vor einem sitzenden Gott, neben dem Trommeln, Mandolinen und Pansflöten an der leeren Wand hingen.
Wang ging an dem Korb der Frauen, der in der Mitte des Raums stand, vorbei, sah seitwärts, wie jetzt der Bonze die paar Käsch von Hand in Hand zählte und sie lautlos in einem Kasten an der Türwand verschwinden ließ, wieder die salbungsvolle Fischschnauze zog. Es war ein Tempel Hang-tsiang-tses, des Patrons der Musikanten.
Als Wang sich zu der Tür wandte, stand der Bonze auf, verneigte sich vor ihm, schwang die gefalteten Hände, pries die Frömmigkeit seines hohen Besuchers, mit einem durchgesiebten gleichmäßigen Schwall von Worten. Auch Wang verneigte sich höflich. Zum Schluß fragte der Priester, ob die Subskriptionsliste für eine Wassermesse schon in den Palast seines Gönners getragen sei; es seien fünf arme blinde Musikanten auf einem Boot ertrunken, als sie aus dem jenseitigen Dorf zurückkehrten. Die Messe für die Seelen der Ertrunkenen beginne in zwei Tagen. Wang gab einen falschen Namen und falsche Wohnung an, bat, seinen Namen schon jetzt in die Geberliste einzutragen, die an der Tempelwand angeschlagen war.
In der Dunkelheit brach er dann ohne Mühe in den Raum ein, erbeutete über siebenhundert Käsch.
Er lebte zufrieden über eine Woche in der Herberge, als ein Zufall ihm den Bonzen auf der sehr belebten Weißegräberstraße in den Weg führte. Es war schon zu spät sich zu verstecken, als er das hellgraue Priesterkleid sah. Zu seinem Erstaunen ging aber der Mann grinsend unter Winken an ihm vorüber.
In derselben Nacht brach er bei dem Bonzen ein. Der Geldkasten war verschlossen, aber leer. Wang tastete sich im Dunkeln an den Opfertisch; auch unter der Opferasche lag kein Geld. Erst als er das weiche Tuch des Achtgenientisches verzog, klirrte etwas: unter dem Tuch ausgebreitet lagen einige Handvoll Kupferpfennige.
Er arbeitete in den nächsten Tagen, als das Geld vertan war, bald hier, bald da als Kohlenträger, Läufer in einem Jamen; aber der niedrige Lohn reizte ihn zur Wut, auch vertrug er sich nirgends. Sein prahlerisches Wesen, seine Hitzigkeit zusammen mit seiner Riesenstärke rissen ihn überall zu Gewalttaten hin.
So brach er nach zwei Wochen wieder in den Tempel des Musikantengottes ein. Vorher sann er nach, wo der Bonze seine Tageseinnahme versteckt hielte. Daß er sie nicht in seinem Bette und Schlafraum hatte, war Wang klar; der Bonze wußte zweifellos, daß Wang es war, der ihn bestahl, und in seinem Schlafzimmer fürchtete er sicher für sein Leben. Fast eine Stunde suchte er vergeblich in dem Raum herum, beklopfte Wände und Boden. Schließlich stellte er den Schemel des Bonzen auf den Altaropfertisch, betastete die Statue des schweigenden Hang-tsiang-tses. Am Halse des Gottes klang es hohl; er klomm hoch und auf dem Schenkel des Musikfürsten stehend öffnete er das leicht zugängliche Kästchen; drei Hände voll Käsch glitten in den Beutel an seinem Gürtel.
Als er sich herunterlassen wollte wieder auf den Schemel, bemerkte er, daß jemand an seinem Zopf zog, nein, daß sein schön gebundener Zopf an der Decke und Rückwand des Zimmers festsaß. Er tapste mit der freien linken Hand nach oben und hinten; eine dicke teerartige Masse klebte da; mit Mühe bekam er seine Hand frei; er fürchtete mitsamt der schweren Bildsäule vornüber zu kippen. Schmerzvoll und unter Verlust vieler Haare rupfte er seinen Zopf aus der klebrigen Galerte. Leise kläffend über den Bonzen schlich er auf die Straße. Der Stoff klebte harzig an seiner schön rasierten Kopfhaut; wohin er mit seiner linken Hand griff, blieb er hängen.
Seine Freunde in der Einhornstraße schabten ihn am Morgen unter großen Qualen sauber, mit scharfen Holzstäbchen; seine Haut blutete. Sie lachten nicht über ihn, sie fürchteten und liebten ihn, sie bewunderten seine Kühnheit. Auch teilte er den Gewinn mit ihnen.
Nach dieser Nacht hatte Wang-lun, der geschundene Dieb, nur einen Wunsch: sich an dem Bonzen zu rächen. Der Mann schien seine Wohnung zu kennen; wenige Tage nach dem Ereignis traf er den grauen Mantel langsam in der Einhornstraße spazieren. Das faltige Gesicht lächelte nur wenig, als Wang sich über die Balustrade der Teeterrasse herunterbeugte; es verzog sich zu einem schmerzlichen Bedauern vor dem bewickelten Schädel Wangs. Oft sah sich der Bonze um nach dem armen Dieb, der hinter ihm Grimassen schnitt.
Nun gab Wang seinen beiden Freunden nichts von der letzten Beute; er legte fast alles seinem Wirt hin, damit er selbst ungestört seine Pläne ausführen könnte. Es lief auf einen Wettstreit zwischen ihm und dem Bonzen hinaus.
Noch war sein Kopf bewickelt, da ging er an einem Nachmittag in das Haus des Bonzen. Der saß an seinem Platz in weihevoller Haltung; es waren Fremde aus Wu-ting-fu da, die seinen Tempel besichtigten. Als er den gleichgültig stolzierenden Wang erkannte, lief er entzückt herbei, dankte für die reichliche Gabe bei der jüngsten Wassermesse, fragte nach dem Befinden seines offenbar leidenden Gönners. Mit ernster Stirne fügte er hinzu, daß sein Tempel in vielen Sorgen schwebe. Ein schlaues Diebsgesindel mache sich in diesem ruhigen Stadtviertel breit und brandschatze den armen Hang-tsiang-tse und seinen bescheidenen Diener Toh-tsin; dies war sein Name. Wang hörte ihn von oben herab interessiert an und fragte nach einer nachsinnenden Pause, welche Vorsichtsmaßregeln der weise Toh-tsin getroffen habe gegen die Verbrecher.
Nun führte Toh, der lebhaft und wiederholt für sein grenzenloses Wohlwollen dankte, den ernsten Mann herum, der mit den prüfenden Augen eines Beamten alles betrachtete. Toh ließ ihn den alten leeren Wandkasten sehen, zeigte Fußangeln, die er abends an der Türe auslegte, wies auf die vertrocknete Teermasse an der Hinterwand der Bildsäule. Wang gab Ratschläge; ob es sich nicht empfehle, die Tageseinnahmen am eigenen Körper zu tragen. Toh replizierte mit dem Hinweis auf die Gefährlichkeit der Halunken, die sogar --. Wang brauste auf, wies den Ausdruck Halunke zurück, erklärte auf den lächelnd fragenden Blick des andern, daß seinen Ohren so heftige Ausdrücke böse klängen, daß er gerade dieser Feinhörigkeit wegen tiefe Verehrung für den Musikfürsten hege.
Sie gingen, sich gegenseitig musternd, einige Male zwischen den andächtigen Fremden aus Wu-ting-fu hin und her. Dann verabschiedete sich Wang herablassend von dem Priester, der hingerissen dankte für das Vertrauen des erleuchteten Gastes.
In dieser Nacht ging der Fischersohn aus Hun-kang-tsun ratlos vor dem Tempel auf und ab. Er wußte nicht, wie er es anfangen sollte. Er fürchtete, sich vor dem alten Spottvogel zu blamieren. Ihn ganz in Ruhe zu lassen war unmöglich nach dem letzten Triumph dieses hinterlistigen Betrügers. Manchen Augenblick dachte Wang ernstlich, er müßte den Toh-tsin wecken, verprügeln und der Polizei übergeben.
Dann fühlte er sich über den stockfinstern Hof. In einem Winkel des seitlichen Schuppens blieb er stehen, um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Da sah er dicht neben sich quer vor der Haupttür eine lange Leiter am Boden liegen.
Er rührte sie nicht an; er überlegte. Das war eine List Tohs; die Leiter stand sonst in einem Winkel des Hofes. Andererseits gab es im Innern des Tempels kaum noch einen Fleck, wo Toh seine Tageseinnahme unterbringen konnte. Wang umging vorsichtig die Leiter, versuchte mit einigen Sprüngen den niedrigen Dachfirst zu erwischen, aber langte nicht herauf und es gab zu viel Lärm. Dann hangelte er sich mühselig und immer wieder abgleitend an einem feuchten Pfeiler des Schuppens herauf, schwang sich auf das Dach. Es währte über eine Stunde, bis er auf das Tempeldach selbst herüberkam; er fürchtete, wenn er sich aufrichtete, von der Straße gesehen zu werden.
Und so kroch er geduckt und legte sich bei jedem Türenklappern, Trommelschlag der Nachtwächter platt auf den Bauch, immer in Gefahr abzurutschen von dem schrägfallenden Gebälk. Er schimpfte, daß er gezwungen sei, von dem Gelde eines solchen alten Schuftes zu leben. Dachrippe nach Dachrippe wurde abgetastet; langsam ließ sich Wang zu der Kriegerfigur an der Traufe herunter, die ein blankes Schild hob. Hinter dem Schild am Arm des Ritters hing etwas und baumelte schwarz, als die Traufe sich unter Wangs Gewicht bog. Es war der Geldbeutel. Seine klammen Finger knoteten ihn ab, eine schwere halbe Stunde folgte, bis Wang wieder auf der Straße stand, frierend und das schmutzige Gesicht zornverzerrt über die Hinterlist des Alten.
Um die Mittagszeit, als er nach dem Essen tabakkauend auf der Terrasse stand, kam der flinke Wirt angeschnattert, brachte ihm die lange Visitkarte Toh-tsins. Der erkundigte sich nach dem Befinden seines Wohltäters, zeigte sich erfreut, daß seine Kopfwunden zuheilten, besah sich gerührt die zerrissenen Hände Wangs: es gäbe so schwere Gewerbe in Tsi-nan-fu. Als sie ihre Tasse Tee ausgetrunken hatten, zahlte Wang offen aus dem Beutel seines Gastes, begleitete ihn in den Tempel, um festzustellen, was es mit der Leiter auf sich habe. Sie hegten große Sympathien füreinander, besonders Wang für Toh, weil er sich ihm überlegen fühlte und der andere dies zuzugeben schien. Toh hob auf den Wunsch seines Gastes die Leiter aus dem Winkel, legte sie an das Dach an, kletterte ein paar Sprossen hinauf. Wang, verblüfft, kletterte nach ihm bis auf das Dach.
Fest stand in Wang: die Sache, bei der er immer gleichzeitig gewann und verlor, sollte heute ausgetragen werden.
Mit lahmen Beinen, schwachem Rückgrat schlich er bei Anbruch der Nacht hungrig und aufgeregt in den Hof Tohs, hob die Leiter, die wieder quer lag, auf, legte sie an den Dachfirst und kletterte mit Herzklopfen hinauf. Ein Beutel hing richtig wieder an dem Arm des Kriegers. Besorgt blieb er bäuchlings auf dem Dach liegen; es schien sich etwas im Hofe zu regen, die Leiter schwankte einmal. Er kletterte rasch wieder herunter, ohne Zwischenfall.
Da blieb er angewurzelt unten vor der Leiter stehen. Er konnte nicht von der Stelle. Seine Filzschuhe waren in einen dicken Brei eingetreten, der bis über seine Knöchel quoll. Er ächzte; arbeitete sich, an der Leiter klimmend, hoch, indem er seine Schuhe stecken ließ. Seine Wut machte ihn zäh bei der Anstrengung und fast sinnlos. Als er in bloßen Füßen mit verklebten Hosen frei im Hofe stand, warf er den Beutel mit Gewalt an die Tür der Kammer des Bonzen. Er schrie durch die nächtliche Stille laut zu dem Klingeln der rollenden Käsch: »Da hast du deinen Dreck, du Sohn einer Schildkröte.« Trommelte gegen die dünne Holzwand des Hauses mit den Fäusten, bis sich eine sanfte Stimme drin vernehmen ließ: »Was will denn der Liebling? Womit beschenkt er den Sohn einer Schildkröte zur Nacht?«
»Heraus soll der Sohn einer Schildkröte, heraus soll er kommen. Ich will ihm zeigen, was Gemeinheit und Niedrigkeit ist. Du sollst mir meine Schuhe bezahlen und meine Hosen.«
»Aber der stürmische Liebling hat schon den Preis bekommen für seine Schuhe und seine Hosen.«
»Komm heraus, sage ich, du Schwätzer, du Dicker, du Gauner, ich will dir zeigen, was bezahlen heißt bei mir!«
Während noch der frierende Wang-lun im Hofe tobte, kleidete sich Toh-tsin feierlich an bei einer Öllampe, steckte den Teekessel an, öffnete die Tür nach dem Hof mit großer Ruhe. Wang wollte gegen ihn anstürmen, konnte wegen seiner verklebten Hosen nur in Schrittchen und unter Schmerz vorwärts. Toh leuchtete ihm mit der Lampe entgegen, verbeugte sich unaufhörlich. Dem großen Burschen, der die Lächerlichkeit seiner Lage fühlte, standen vor Wut und Schmerz die Tränen in den Augen. Toh wich vor ihm aus, wies auf das warme Ofenbett, auf das sich Wang wimmernd legte.
Eine Tasse heißen Tee, die ihm sein Wirt unter vielem Zeremoniell bot, soff er in zwei Zügen aus, während Toh seinen Priestermantel zurückschlug, einen Zeugbausch mit einer stark duftenden Flüssigkeit tränkte und langsam die Pechmasse von Wangs Beinen abrieb. Zwischendurch lief er auf den Hof mit der Lampe. »Es könnte doch ein Dieb kommen und uns unser Geld stehlen«, meinte er, als er mit dem Beutel zurückkam und wieder die Türe schloß. Er bot Wang ein paar Hosen und gute Filzschuh. Der Fischersohn aus Hun-kang-tsun saß am Tisch des freigebigen Mannes, hieb in Wassermelonen und schluckte Tasse auf Tasse. Es wogte in ihm auf und ab, aber der Tee war heiß und die Melonen saftig.
Toh-tsin entpuppte sich im Gespräch als eben so großer Menschenkenner wie Schelm. Sein besiegter Gegner legte den verpflasterten Kopf bald auf eine, bald auf die andere Seite in Bewunderung dieser mannigfaltigen Durchtriebenheit. Toh-tsin hatte sich wie berechnet einen zuverlässigen Gehilfen gefangen.
* * * * *
So waren die merkwürdigen Beziehungen zwischen beiden in Freundschaft ausgeartet.
Das Geschäft Toh-tsins war sehr einfach. Er hatte zur Verwaltung den Tempel einer sehr armen Gesellschaft, der Musikanten. Sie bezahlten ihm für seine Dienste einen unbedeutenden Betrag und stellten ihm die Kammer zur Benutzung; er mußte sich im Grunde seinen Unterhalt durch Verkauf von Räucherwerk, Messenlesen selbst verdienen, und alles war auf seine Tüchtigkeit gestellt. In einem anderen Stadtteil Tsi-nan-fus befand sich noch eine Halle für den Musikfürsten; und wenn Tohs Gott den Leuten ihre Wünsche nicht erfüllte, so zogen sie schmähend und beschwerdeführend in die andere Halle und brachten Tohs Gott in Mißkredit.
Wang-lun und Toh-tsin trieben jetzt das Geschäft gemeinsam. Wang wurde Ausrufer und Zeuge des Bonzen. Wenn sie zusammen vormittags durch die Straßen und über die wimmelnden Märkte zogen, ging der riesige Wang im grünen Kittel dem Priester voran, trug die beiden meterlangen Posaunen an ihren Schlünden; in die Mundstücke blies von Zeit zu Zeit Toh-tsin hinter ihm; zwei brüllende tiefe Töne fuhren schrecklich aus den Schlünden unter die auseinanderweichenden Menschen. Vor den Börsen der Seidenhändler, der Porzellanverkäufer priesen sie laut die enormen besonderen Fähigkeiten ihres Gottes; die Lose in seiner Halle gaben die sichersten Rezepte bei allen Krankheiten; eine Messe vor ihm gelesen sei ebenso wirksam wie billig. Es galt den Heiligen von Zeit zu Zeit aufzufrischen, ihm neue sensationelle Fähigkeiten zuzuschieben; so riefen sie den Spürsinn des Musikfürsten bei der Aufdeckung von Verbrechen, Diebstählen aus. Wurden sie dann wirklich irgendwo hinzugezogen, so forschten sie beim Herumtragen einer kleinen Statue des Hang-tsiang-tses nur die Gelegenheit aus, stahlen etwas später und gruben mit Hilfe des Spürsinns Hang-tsiang-tses an einem entfernten Platze den größten Teil der Beute wieder aus. Es versteht sich, daß bei ertragreichen Diebstählen der Gott sie im Stich ließ.
Da Toh Wangs Neigung zu Narrenstreichen und Übermut kannte, schenkte er ihm eine schöne Hirschmaske mit prächtigem schönen Geweih, eine Maske, wie sie lamaistische Pfaffen bei ihrem Tsamtanze zu benutzen pflegen. Wang-lun freute sich kindisch über das Stück, tollte im Tempelhof und auf der Straße gemeinschaftlich mit den beiden Sänftenträgern herum, erschreckte, verjagte Besucher.