Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 19

Chapter 193,490 wordsPublic domain

Da drang der junge Nung, schmutzig, barfüßig, in zerrissenen Kleidern in das Jamen ein, das als Königspalast diente. An der Schwelle der offenen Tür stehend, während sein aufgelöster Zopf ihm von rückwärts über den Schädel wehte, rief er in den dunklen Saal hinein, in dem Ma mit den drei Gesetzeskönigen an der Wand saß, ob man die Wünsche bewillige oder er den Bogen spannen solle. Auf das Schweigen trieb er das erstemal einen Pfeil dicht über Mas Kopf in die Holzwand, beim zweitenmal durchbohrte er einem Gesetzeskönig den Arm, dann wurde er selbst von hinten in die Schulter getroffen. Der Pfeil zitterte im Fleisch, Nung brüllte. Die Bürger hatten auf den Straßen den größten Teil von Nungs lärmenden Anhängern vertrieben, das Jamen umstellt, ihn selbst mit einigen andern im Hofe eingeschlossen. Der um sich beißende Nung wurde in den Holzkragen gelegt, im Stadtgefängnis eingesperrt. Die Gesetzeskönige verurteilten ihn, als Ma teilnahmslos die Sache von sich abwies, zur Todesstrafe mit Zerstückelung.

Nung wußte, daß sein Geist verloren war. Er gebärdete sich als ein der Unterwelt zustrebender Dämon, schmähte Brüder und Schwestern, die ihm auf dem Wege zum Richtplatz vor der Stadt begegneten, lachte über seinen Vater, für den er sich geopfert hätte und höhnte auf der Totenstätte den heiligen Bund so, daß der Henker nicht die Strafe des verlängerten Todes üben konnte, sondern auf Drängen der empörten Zuschauer den Ruchlosen erdrosselte.

Die schwere Bestrafung und Vertreibung der beteiligten Brüder und ihrer Helfer folgte. Dieser Aufruhr und seine häßlichen tobenden Begleiterscheinungen brachen über die Gebrochene Melone wie ein schweres Unglück herein. Es kam manchen Bündlern vor, als sei ihnen verhängt, sich nach dem erduldeten Leiden noch selbst zu zerfleischen. Viele schlichen entmutigt herum, dachten an verzweifelte Flucht in die alte Umgebung draußen, waren sinnlos lebensüberdrüssig. Andere hielten den Aufruhr für einen Reinigungsvorgang, der einer jungen Sache nicht erspart bliebe, trösteten sich und die andern, versuchten heller zu blicken.

Man erlebte auf den Märkten der Dörfer und der Hauptstadt rührende Szenen. Es wiederholte sich auf dem Hof des Königsjamens dieser Vorgang: ein zweirädriger Karren fuhr vor, eine Dame stieg mühsam aus, trippelte an das Gong neben der Treppe und warf sich zu Boden. Vor Ma oder einen der Gesetzeskönige kniete sie, klagte sich an, beschuldigte Heimat und Sippe, und dann legte sie unter Verwünschungen vor allen Zuschauern einen Schmuck nach dem andern auf die Stufen, Spangen, Ketten, Ringe, Federn, zog die bemalten Seidengewänder ab, riß die Unterkleider in lange Stücke, ließ sich die Haarwindungen lösen von den Schwestern, die sie umarmten.

Wenn Ma solchen Szenen beiwohnte, bedeckte er seine Augen mit der linken Hand. Bisweilen wenn draußen das Gong brummte, stürzte er hinaus, ehe ihn ein Bote gerufen hatte, und suchte auf dem Hof unter den inbrünstigen Menschen. Er suchte Wang-lun und die Gelbe Glocke.

* * * * *

Als ein Monat nach der Errichtung des Königtums verstrichen war, veranstaltete man in der Hauptstadt ein Fest. Dieses Fest ist vielfach beschrieben worden; es wurden Gedichte darüber gemacht, auch Khien-lung nahm in einigen späteren Versen Bezug darauf. Es liegen fast nur phantastische Entstellungen des Vorgangs vor.

Die Arbeit, bis auf den Kriegsdienst an der Grenze, ruhte sechs Doppelstunden. Auf den Straßen der Hauptstadt bliesen morgens die Posaunen. Es waren tiefe grauenvolle erschütternde Töne, jedes musikalischen Klanges bar, drängende Schreie geängstigter Schatten, Hilferufe von Verstorbenen an Lebende, mit einer zunehmenden Wucht vorgetragen, daß es schien, als würde sich das Rufende in jedem Augenblick verkörpern und feucht den Vorüberlaufenden um die Schultern hängen. Die Töne kamen näher, gingen ferner, stiegen aus allen Orten auf, es schien als ob die Stadt von ihnen umstellt sei.

Aus den Seitengassen schlichen sonderbar vermummte Wesen an. Sie tauchten mit einmal, aus dem Boden gewachsen, mitten unter den geputzten Spaziergängern auf, huschten an den Häusern entlang, kauzten vor den Sänften nieder, stumm den Durchgang verwehrend. Es gab plötzlich ein Gelächter, wenn die affenartigen braunen und schwarzen Geschöpfe ernsten Männern auf die Schultern sprangen, die dürren Beine ihnen vor der Brust kreuzten, und mit einem lauten Blöken befriedigt nach einem niedrigen Dachfirst griffen und sich schaukelten.

Auf der großen Straße, welche die Gelbbalkenstraße hieß, promenierten die Bürger. Brüder und Schwestern nahmen die Mitte des leeren Marktplatzes ein und fingen ein sanftes Musizieren an. Das feine kreischende Geräusch der Juchkinsaiten klang mit einer hypnotisierenden Süßigkeit und Monotonie in der Herbstluft; das Suan-kin, die achteckige Gitarre, fiel ein; ein Zirpen, dann gleichmäßig abgerissene Akkorde, die wie dünne Goldspangen eine Kette schlossen, wie lose Reiskörner auf den weichen Boden flatterten.

Während die Schwestern vielstimmig an- und abschwellend dazu sangen, verwandelten sich ernste Spaziergänger, die grüßend aus Sänften stiegen, in spielerische blaue und rote Löwenhunde, liefen vierbeinig die andern an, balgten sich auf den Fahrdämmen und jaulten komisch zu der festlichen Musik. Irgendwo standen eben noch zwei zusammen und unterhielten sich höflich, lehnten Schulter an Schulter vor einem Laden; da sank einer plötzlich zusammen, überzog sich mit einer Schildkrötenschale und watschelte davon. Unbeirrt klang die Musik. Die Bambusflöten bliesen; im Liede heißt es: »Die Töne zogen sich gedehnt, schmiegsam wie Seidenfäden.«

Auf den Straßen quirlten umeinander Jongleure, Athleten, Zauberkünstler, groteske Masken. Klappern, Knarren, näselnde Hörner. Ein zopfloser hagerer Mann, ganz weiß geschminkt, in einem langen enganliegenden weißen Mantel mit schwarzer Schärpe, hockte versunken auf seinem Schemel. Um ihn kauerten drei weiße ausgewachsene Tiger, die er an bloßen bunten Leinen hielt. Die Bestien rekelten sich, scharrten den Boden mit den Pranken. Plötzlich gab es einen Schrei, ein Auseinanderstürmen der Menschen. Die Tiger fuhren in großen Sätzen davon, zogen den weißen Mann an ihren Leinen hinter sich her. Er schwankte halb durch die Luft und machte vor Angst einen kreisrunden Mund. Vor einer Tigersäule an einer Straßenecke kletterten sie an, schnüffelten, saßen eins neben dem andern nieder, blieben ruhig sitzen, als ein paar mutige Burschen sich anschoben, platteten sachte Rücken und Bauch ab, ihre Beine schnurrten ein, bis sie eine breite, weiße schwarzgetüpfelte Lage bildeten -- aus Papier vor ihrem weißgeschminkten Herrn mit der schwarzen Schärpe, der sein unheimlich bewegliches Maul ganz allmählich zu einem schiefen Rüssel drechselte und mit einer Backe heftig zuckte, so daß es wie ein Gelächter in Fleisch aussah.

Während die Jongleure sich um Stangen wanden, die frei in der Luft standen, Athleten glockenbehängte Banner auf den Zähnen balancierten, Schwertkämpfer in Spiegelbuden aufeinander losgingen, sich Hände und Köpfe abschlugen, mit zappelnden Händen im Mund blutgierig herumliefen und draußen unter zärtlichen Verneigungen Geld einsammelten, blickte ein pfiffiger Knabe mit hohem roten Käppi in seinen Holzbauer, zeigte unentwegt auf den kleinen polierten Kasten drin, vor dem ein Kanarienvogel trillerte und auf Anruf seines Herrn eine winzige Schatulle mit dem Schnabel aufschloß, Briefchen herausholte und brachte.

Die Hampelmännchen, Marionetten tanzten auf glatten Brettchen vor den harmlosen Landleuten, welche mit unförmigen Fächern und Bambusschirmen in die Stadt hereinspaziert waren. Sie gafften vor den fähnchenbehangenen Gestellen, auf denen dressierte Mäuse und Ratten über teppichbelegte Treppen, Leiterchen krochen, sich im Drehrad zu zweien schwangen, durch Schaukelringe sprangen, Klöppel gegen Blechgongs rührten.

Ein wildes Getümmel herrschte um abgezäunte Räume auf den Märkten; hinter den Seilen standen Haufen kleiner irdener Töpfe mit Schlitzen; in der Mitte solcher Stapelplätze wurden Grillenkämpfe vorgeführt, erregte Wetten auf die Tierchen abgeschlossen.

Allen Geistern, von denen man sich Gutes versprach, opferte und räucherte man in den Häusern und kleinen Tempeln; drohend schmetterten die Gongs, krachten die Trommelwirbel; die Stadt blähte sich auf, blies die bösen Geister und hungrigen Dämone mit einem Hauch von sich weg. Vor den Türen hingen die langen roten Zettel mit beschwörenden Figuren, Boten trugen Glückwünsche von Sippe zu Sippe. Endloses, unruhiges, aufgejagtes Treiben. Ernste Komödien wurden in den großen Tee- und Freudenhäusern gespielt.

Den Brüdern und Schwestern war für diesen Tag jede Freude und Üppigkeit gestattet. Sie tafelten bei den Familien in vielen Häusern; die gewandteren unter ihnen saßen auf den öffentlichen Plätzen, vor den Tempeln, hatten neben sich große Menge schneeweißen Reis in Schalen, Tee, Ginseng, Nudeln, Pasteten, erzählten ihren Zuhörern wunderbare Geschichten und bewirteten sie. Die jüngeren wohlgeformten Schwestern legten bunte und kostbare Seidenbrokatstoffe an, die ihnen begüterte Städter schenkten; ihre Gesichter waren herrlich geschminkt; sie spielten in den Theatern, führten fremde Tänze auf, in den bemalten Häusern gingen sie freiwillig herum zwischen ihren dienenden Schwestern.

Es wurde Nachmittag. Da räumten die Budenbesitzer, Gaukler, Straßenhändler die Märkte. Auf dem Tsuplatz an der Peripherie der Stadt, wo innerhalb der Mauern ein Fichtenwald gegen die Häuser vorrückte, war eine viereckige Hügelfläche abgeerdet. Hier, wo ein dunkles Tempelchen für einen alten tüchtigen Mandarin verfiel, wollten sich die Brüder und Schwestern der Gebrochenen Melone zusammenfinden. Wieder schrieen die Posaunen, immer lauter, immer dringender. Die Straßen wurden leer, die schrecklichen Töne verhallten im Winde, keine Rettung, kein Mitleid; in starre Steinwände die Stadt eingemauert.

Vor dem schwarzen Hintergrund der Nadelbäume spielte sich die Zusammenkunft der Brüder und Schwestern ab. An der Lehne der Stadt, das Gesicht den Bäumen zugewandt saßen in langen Reihen die Bündler; hinter, über ihnen die Bürger und die zahllosen Bauern. Auf den platten Dächern drängten sie sich; ihre Fächer und Schirme winkten aus den hochgelegenen Fenstern und Türen. Wirres Rufen, dichtes Summen; von der Stadt her vereinzelte grelle Gongschläge; vor allen die schwarze Verschwiegenheit des Fichtenwaldes. Über den grauen Himmel weiße Wolkenzüge.

Der Boden fing an zu schwingen. Zwischen den Bäumen brachen in langer Linie Berittene hervor; sie näherten sich, in brausendem Galopp aufwachsend, einem flachen Hügel vor der Stadtlehne, teilten sich in zwei Haufen, sprengten gegeneinander. Man erkannte rasch unter den Zuschauern, daß die eine Truppe die Staffierung und Waffen einer kaiserlichen Bannerschaft trug; die Farben gelb mit Bordüre, von einem hohen Offizier geführt, Lanzenträger mit meterhohen Bambuslanzen und dreieckigen Feldfähnchen. Man zeigte sich auf den Dächern die echten Brustschilde der Offiziere, Leoparden und Bären; einige riefen sich zu, es seien erbeutete Waffen und Kleider, viele jauchzten, sogar die Träger selbst seien erbeutet; es seien allesamt Gefangene von der Grenze; man erregte sich über das Schicksal dieser Männer. Es war in der Tat eine gefangene kaiserliche Kompagnie. Die andern Berittenen in simpler Bauernkleidung; Strohhüte von ungeheurem Umfang, Strohsandalen, graue Kittel; durcheinander trugen sie Schwerter, Sensen, Dreschflegel. Die Zahl dieser Reiter war wohl zehnmal größer als die der Mandschuren. Erst mischten sie sich lautlos durcheinander, trennten sich, sprengten drohender aufeinander, schmähten sich im Vorüberreiten, dann trieben in einem plötzlichen Ansturm die Bauern ihre Feinde nach dem Wald, der auch von rückwärts mit berittenen Bauern umstellt war. Aufgelöst schwärmten die erhitzten Reiter über das Feld, schwangen ihre Schwerter, liefen neben ihren Pferden her und warfen sich mit einem überschlagenden Luftsprung auf die Sättel.

Mitten in ihr buntes Treiben hinein platzten die mandschurischen Gefangenen. Jetzt sprangen von den Sitzen der Brüder zwanzig, dreißig, fünfzig dünn bekleidete Männer auf, schienen den versunkenen Ma-noh etwas zu bitten, der sie nicht anhörte, dann die Gesetzeskönige, die ihnen nach ein paar Worten zunickten. Es waren Brüder, die sich inbrünstig zum Opfer anboten, die ihre Seelen nicht mehr halten konnten. Sie wanden blitzschnell ihre Zöpfe auf, liefen zwischen die Bauern; an dem Zaumzeug der Pferde hielten sie sich fest. Wieder mischten sich berührungslos die Truppen, aber die Brüder rissen schon an den Lanzen der Mandschuren; einige von den Laufenden wurden durch Hufschläge niedergeschmettert und lagen verzuckend auf dem Feld. Ein gelles Rufen aus den Fenstern und von den Dächern schaukelte über das Feld und kam im Echo von dem Wald zurück; Schirme, Mützen, Gürtel, Schärpen wurden geschwenkt; man hörte den entsetzten Aufschrei von Männern, die in ihrer Erregung fehltraten und Treppen herunterstürzten. Frauen kreischten, verlangten nach den Feinden. Das Lärmen der Masse verdichtete sich zu einem wirren Gebrüll, das wie ein betäubender Nebel in das Feld herunterwallte.

Jetzt hielten an beiden Seiten des Karrees die Haufen. Die Bannerschaft hatte sich in einem Kreis formiert; die Mandschuren gestikulierten wild und schrien sich an; höhnisches Lachen und Streitworte; man sah, wie zwei ihre Pferde nebeneinander drängten, ihre Lanzen hinwarfen, über die Sättel weg rangen, herunterkrachend sich auf dem Boden wälzten. Als die brüllenden Schmährufe von der Stadt herunterklangen, wie Eisenstangen, mit denen man in Käfige langt, drohten einzelne ihre wutgedunsenen Gesichter nach der Stadt, steiften sich in den Steigbügeln auf, schüttelten die Lanzen zum Wurf.

Die Brüder liefen über das Feld, schleppten rasch die Zertrümmerten rückwärts in den Hintergrund, tanzten unbewaffnet barhäuptig, barfüßig unter dem regnenden abwehrenden: »Nein, nein, nein!« der Zuschauer gegen die wartenden Mandschuren. Die ersten der Brüder sprangen auf die Pferde, suchten den Menschenbestien oben die Lanzen zu entwinden; man knallte sie mit Fußstößen und Fausthieben beiseite. Als sie an dem Zaumzeug zerrten, so daß die Pferde sich bäumten, gaben die beiden Offiziere kurze Kommandos; das gedrängte Karree löste sich. Riesenstarke Mandschu hoben Brüder an den Hälsen hoch wie Eimer am Henkel, schleuderten sie im Trab vor sich hin und überritten sie. Keiner von diesen anbrausenden Männern kannte jetzt den andern; sie warfen, hingen sich mit ihren Lanzen weit über Köpfe und Mähnen der weit ausgreifenden Pferde.

Eine tobende, blutdürstige, mordlustige Horde, Mäuler, Lungen, Kehlen, Arme, aufgerissene Augen, Pferdegeifer wälzte sich ihnen entgegen; das tausendfache fieberhafte Geheul der Stadt brach erstickend über ihre Schultern. Blitzen von Schwertern, krachende Dreschflegel, langgezogenes Stöhnen der Gespießten, Leiber, die durch die Luft flogen, schon träumende Brüder, Bauern bei der Arbeit, Röcheln, Wiehern, stumme Grimassen, eiserne Hände von Sattel zu Sattel, Schweiß, Staub, nasses Blut vor geblendeten Augen, Pfeile von der Stadt her. An den Fenstern der Häuser, auf den Dächern, an der Stadtlehne willenloses Schluchzen, atemloses Keuchen, Wutausbrüche, Umarmungen, Hinsinken. Dann saß keiner der Mandschuren mehr auf seinem Pferd.

Einer der Gesetzeskönige, über seine Knie gebeugt, gab ein Zeichen. Trommeln wirbelten vor seinem Platze; aus dem schwarzen Hintergrund schwollen die Posaunentöne; große Massen Ochsenwagen fuhren knarrend über das Feld heran. Der Kampf war zu Ende. Man räumte auf, trieb die Pferde zusammen.

Eine Stunde verstrich; man atmete ruhiger. Auf den Gesichtern der Bürger lag Befriedigung. Da begann auf dem flachen Hügel, der wie eine Bühne inmitten des Feldes lag, eine friedliche stille Musik zu spielen; eine Melodie, die frei ausgesponnen immer wiederkehrte. Bambustuben und Pansflöten trugen sie ernst vor, öfter rauschten Zimbeln dazwischen und schlug die Bronzeglocke an; Schlaghölzer begleiteten. Ein langer Zug Schwestern nach einer Weile, kostbar geschmückt, mit weit flatternden roten Schnüren an den enganliegenden Zeugmützen, trat zwischen den Männern hervor; die Seide ihrer Oberkleider scharrte; sie schwangen Rosenkränze, Zauberschwerter und besänftigten die rasenden Geister des Feldes. Vor dem Hügel stellten sie sich auf; die Gesichter der Stadt abgewandt, sangen sie zu dem Orchester.

Hingerissen hörten alle Brüder, Schwestern und Städter auf den Gesang und ließen die Seelen von der süßen Schwermut glätten. Man lauschte gespannt der Musik; wenigen fiel, während sie entzückt die Augen senkten, der dröhnende vorige Tumult ein. Man ließ die Hände voneinander, setzte sich hin, den Rücken gegen das Feld, stützte die Köpfe. Weich schlug die Bronzeglocke an.

Ein Rufen gab es; die Versunkenen richteten sich auf. Dem Hügel näherten sich Masken. Ein neues Spiel begann. Unter den Brüdern und Schwestern auf der Stadtlehne entstand Murmeln; die Worte wurden nach oben getragen. Es waren die acht Genien, die heranschritten.

Die Brüder, die die Rollen spielten, hatten sich nicht umständlich vermummt; einige trugen zu der Gesichtsmaske und den Emblemen ihre verschlissenen Kittel und gingen barfuß. Es waren alte Männer, die den Hügel erstiegen, mit einer blechernen Spange um die Stirn statt des Heiligenscheins.

Chung-li-küan, der weißbärtige, hielt ein ungeheures Holzschwert, dessen Ende zwei kleine Knaben schleppten; ein altes buckliges Weib wehte ihm Luft mit einem Fächer, der so groß war wie ein geöffneter Schirm. Der alte Mann hatte das Elixier der Unsterblichkeit erlangt, in vielen Gestalten erschien er, er konnte über Wasser laufen; seinen Fächer und sein Schwert ließ er nicht.

Da ging der alte Herr Lü, genannt der Gast der Höhle; seine Maske ein wohlwollendes lächelndes Gesicht; er zog einen Karren hinter sich her, auf dem ein niedriger Stuhl stand, und ein Gestell mit einem roten Handtuch, einem schaukelnden Porzellanbecken, einem breiten Schabemesser.

Tsao-kuo-kiu und die übrigen folgten; die beiden letzten ritten seitlich auf Maultieren.

Sie stellten sich auf der Ebene des Hügels im Kreise auf, winkten der Musik und den Brüdern und Schwestern zu; einige der zitternden alten Männer rutschten in den Sand.

Ein freudiges Gemurmel von der Stadt. In schlankem Galopp setzte aus dem Wald ein Füllengespann an; in dem zweirädrigen Wagen, der wie ein ausgehöhlter grüner Jadestein aussah, saß ein bärtiger Zwerg mit der Lenkleine; und hinter ihm trabte ein zweites Füllengespann, das langsam fuhr; aus dem Muschelwagen blickte ein kleines Mädchen, das sorglos einen hohen Stengel, einen Halm, wie grüner Seetang, hochhielt, eine lange Blattscheide senkte sich nach unten.

Bei diesem Anblick brauste das Gemurmel auf, ein lautes Rufen, ein »Ah« das über die Sitzreihen lief, sich in die Fenster schwang, über den Dächern rollte; das war das Chikraut, das die Unsterblichkeit verlieh. Die Städter und Bauern schwankten aufgestachelt hin und her zwischen dem Schauspiel und dem Anblick der Bündler unten; sie begriffen, daß deren eigenste Sachen auf der hügeligen Fläche sich abspielten; sie suchten sich das Gefühl der Heiligkeit durch den Anblick der Brüder und Schwestern zu verstärken.

In denen ging alles gegenwärtig und ohne Spiel vor. Sie lachten und streckten die Hände aus; sie schmachteten, die Tränen standen in ihren Augen. Die Genien winkten von dem Hügel herüber.

Jetzt hörte die Musik auf; gleich darauf begann sie mit einer eigentümlich springenden, jubelnden Weise; Tamtam und Becken traten hinzu. Und unter dieser Musik näherte sich vom Walde ein feierlicher Aufzug. Zahllose gelbjackige Vorläufer, Tafelträger, Gongschläger. Auf den Schultern von acht Trägern ruhte eine drachengeschmückte bannerprunkende Sänfte, die gelben Vorhänge fest geschlossen; zwei kleinere Sänften und ein Nachtrab folgten.

Die Königliche Mutter des Westlichen Gebirges trug man in ihr Reich.

Auf dem Hügel, an den Sitzreihen herrschte tiefstes Schweigen; dann ein allgemeines Scharren und Rauschen; die Rücken und Zöpfe der zahllosen Menschen, die mit ihren Stirnen zwölfmal den Boden berührten.

Kein Ende nahm der Zug der Königlichen Mutter. Hinter der Sänfte jubelten Männer, Frauen; sie schwangen rote Schnüre, barfuß liefen sie herum ohne Ordnung, sprangen durcheinander, tanzten, wälzten sich übermütig in dem Sand, trugen einander auf Schultern, Männer umschlangen Frauen, Männer trugen Knaben auf den Armen. Erst schien der Gesang unregelmäßig, durcheinander; dann erkannte man, als er näher kam, daß es Dirnenlieder waren, die die Schwestern oft lockend zum Juch-kin trällerten.

Man sprang von den Sitzen der Brüder und Schwestern auf, man stieß sich an, rief sich zu mit überschlagenden Stimmen, zeigte mit den Händen, rief Namen, Namen von toten Bekennern, Bekennerinnen, die bei den Überfällen, beim Klosterbrand umgekommen waren. Diese waren es, ihre Masken, man erkannte sie alle und einzelne; man jauchzte ihnen zu, die zurückjauchzten, rief sie an, lockte sie. Die Schwestern lösten ihre Haare auf und winkten mit den Büschen. Die Brüder, außer sich, schlugen die Hände vor die Gesichter, weinten umschlungen, schleuderten ihre Kittel, ihre Sandalen, ihre Hüte herunter, um jene zu erreichen. Unten, die Masken der toten Brüder und Schwestern, sammelten sich um die Sänfte der gelben Königin des Westlichen Paradieses, die die Vorhänge zurückgezogen hatte, nach allen Seiten das bemalte hoheitsvolle Gesicht zeigte.

Ein ungeheurer Schrei von Zehntausenden riß sich aus der Stadt los; die Augen aller oben sperrten sich auf, man suchte mit den fuchtelnden Händen den purpurroten Schleier abzureißen, den die Erregung blendend über die Blicke legte. Man seufzte angstvoll auf.

Da schleppten die letzten Brüder unten etwas auf den Armen, was lange schwarze Blutspuren hinter sich ließ, andere Brüder jagten zurück in den Wald; auf den Armen neue reglose steife Menschenkörper; sie taumelten mit ihrer furchtbaren Last den Hügel herauf. Es waren die sterbenden und toten Brüder, die sich eben freiwillig geopfert hatten.

Und als sie singend zur Musik im Gedränge ihre grauenvolle todessüchtige Last vor der Sänfte der herrlichen Königin niederlegten, die sich von ihrem Sitz erhoben hatte, als die Musikanten fassungslos ihre Instrumente hinwarfen und sich zu Boden streckten, da konnte sich Ma-noh nicht halten. Laut weinte er auf, öffnete die Fäuste nach dem Hügel, lief den Hang zu der Ebene herunter. Die Brüder und Schwestern erhoben sich von ihren Sitzen, im Nu waren die Sitze, die Fenster, Türen, Dächer der Stadt leer. Man stürmte den Abhang herunter, riß sich um und ließ sich treten, ohne es zu merken. Sie sprengten das eiserne Gitter, in voller Breite hoben sie es aus; losgelassen fluteten die Brüder, Schwestern und Städter über die blutgesättigte Ebene hin zu dem Hügel, den sie unter besinnungslosem Rufen umgaben; wie Ertrinkende zogen sie sich an ihm in die Höhe, wie Ertrinkende, die aus dem Meere noch auftauchen wollten zu dem milden Lächeln der Königin des Westlichen Paradieses.

* * * * *

Dieser erregungsvolle Tag sah an der Nord- und Ostgrenze des kleinen Königtums schwere, folgenreiche Ereignisse: den sieggekrönten Angriff der Provinzialarmee.

In der Nacht flüchteten die Landbewohner nach der Hauptstadt. Bei einem neuerlichen Kampf nach einigen Tagen, zu dem sich die zersprengten königlichen Truppen vor der Stadt stellten, wurden sie vollkommen aufgerieben. Unmittelbar an diese Schlacht schloß sich der Sturm auf die Stadt, welche von Soldaten entblößt war. Die Städter und Bündler wälzten sich aus der brennenden Stadt in regelloser Flucht südwärts; dezimiert kamen sie in einer Zahl von etwa viertausend vor der ummauerten Stadt Yang-chou-fu an.