Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 18

Chapter 183,644 wordsPublic domain

Der antwortete mit der ungeduldigen Gegenfrage, was die Berechnungen ergeben hätten und wie es mit dem Rat stände. Da meinte Ma, indem er einem nach dem andern scharf ins Auge sah, daß er einen Rat nicht geben könne, aber sobald sie nach Hause aufbrechen würden, würde er sich mit ihnen auf den Weg machen und es kämen noch zwei, drei seiner Brüder und Schwestern mit. Er wolle an Ort und Stelle berechnen. Was nötig wäre und sich aus der Zeit, dem Übereinstimmen der Tiere und Metalle folgern ließe, würde sich dann ergeben.

Der Karrenführer staunte; er hielt dies für eine Entscheidung, die ganz außerordentlich den Kernpunkt der Sache träfe. Der gelehrte Salzsieder drehte den Kopf nach den Kameraden, als erwarte er eine Anerkennung, dann stand er auf, stellte sich neben Ma-noh und sagte leise zu ihm: »Ich will dir nämlich sagen, Ma aus Pu-to, daß der dumme Salzsieder, der neben dir steht, dasselbe vorhin auf dem Hof gedacht hat, wie du. Nur faßten die andern es natürlich nicht auf, sie lassen einen auch nicht zu Worte kommen. Ich habe es dann schließlich ganz für mich behalten. Man weiß ja allein, was man wert ist.«

Und er berührte vertraulich Ma bei der Schulter.

Der Pfänner konnte nicht gleich ins Reine kommen: »Also einen Rat, direkt so wie: 'Geh dahin, geh dahin, hier vorbei, da herunter', gibt es offenbar nicht dabei. Es ist immer etwas Neues zu lernen. In den verschiedenen Sachen ist es ganz verschieden. Man sollte das gar nicht glauben. An Ort und Stelle muß auch berechnet werden, was man anfangen soll. Es hat etwas für sich. Es ist zweifellos; ich will es ja nicht leugnen.«

Und er fiel mit groben Worten den eitlen Kärrner an.

Während die Boten auf den Höfen mit ihren Heimatsgenossen sich besprachen, umlagert von unruhigen Brüdern und Schwestern, hatte Ma-noh mit seinen Vertrauten auf dem abgelegenen Gräberhof eine kurze und heftige Unterredung. Ma wünschte die Begleitung dieser Vertrauten.

Er wollte mit seiner Taktik des Wartens brechen. Er wünschte unbedingte Zustimmung, Unterwerfung unter das, was er plante. In einem herrisch knappen Tone brachte er seinen Wunsch vor, ihn in das Aufstandsgebiet zu begleiten.

Nur Juen wollte ihn begleiten; die Lius, besonders die Gelbe Glocke lehnten ab, sich in Kriegsdinge einzumischen. Die schöne Liang-li starrte Ma-noh an. Ihr graute je länger je mehr vor diesem Mann.

Da schlug Ma, der zwischen den Weidenstämmen hin und her ging, vor der Gruppe seiner Berater, einen ungemein erregten harten Ton an; er beschuldigte sie, daß sie ihn im Stich ließen, daß sie ihn, der schon ohne Mut sei, zu Boden stießen. Sie hätten kein Herz für die Brüder und Schwestern, die verjagt von Sippe, Gilde und Volk, bei ihnen Zuflucht suchten und wie Ratten, die man mit vergiftetem Mais füttert, hier in ein paar Tagen verrecken würden. Seine Vertrauten seien sie; aber statt ihm beizustehen, belasteten, erstickten sie ihn.

Die Gelbe Glocke wurde von einem heftigen Zittern bei diesen Anklagen ergriffen; er unterbrach schon manchmal mit einem Ausruf Ma; dann rang er nach Worten: »Du redest ungebührlich zu uns, Ma. Was diese Brüder hier erdulden wollen von dir, weiß ich nicht; du darfst nicht ungebührlich zu mir sprechen wie zu einem Haussklaven. Wir haben nichts verschuldet an dir. Du kamst kurz und ohne deine weise Haltung an. Du tobst. Dies haben wir nicht verdient. Das darfst du nicht wagen gegen uns.«

Er zitterte so stark, daß er, am Boden sitzend, nach vorn überfiel; über seine mageren braunen Backen liefen Tränen.

Aus Liangs Augen blitzte die Entrüstung; sie kam zu keiner Äußerung; der jüngere Liu, das zweifelsüchtige Dreierlein, stellte sich vor Ma hin; ruhig sagte er: »Wir Lius sind aus gröberem Metall als die Gelbe Glocke; wir weinen nicht. Ma behandelt uns jetzt nicht als Vertraute; warum will er mit den Bauern mitgehen, warum sollen wir ihn begleiten? Wenn wir nichts erfahren, wird er begreifen: wir Lius ertragen das Schimpfen; im übrigen tun wir, was wir für recht halten.«

Ma zwang sich. »Ihr, die Gelbe Glocke auch, werdet sofort begreifen, daß ich tobe, und werdet das Anklagen gegen mich unterlassen und mich nicht mit Tränen kränken: es sind Provinzialtruppen hinter uns her, die Bauern haben es mir berichtet. Diesmal sind es nicht gekaufte Banditen, ja gewiß, jetzt seht ihr mich an. Aber ihr seid ohne Vertrauen in mich. Was ich nicht ausschäle wie einen Zwiebelkern, habe ich erlogen, und wenn ich in Zorn darum gerate, so werdet ihr mich noch eines Tages totschlagen. Wie viel Tage also, lieber Liu, liebe Schwester Liang, Bruder Gelbe Glocke, wird es noch dauern bis zur Großen, Großen Überfahrt?«

Juen war der ängstlichste von ihnen; seit dem Überfall schlief der Mann wenig, träumte wild und schrie im Schlaf; in der Gefahr selbst benahm er sich in der Regel auffällig sicher und flößte durch seine Haltung anderen Mut ein. Ihm schoß das Blut in den Kopf, als er von dem drohenden Angriff hörte; er rief die beiden Lius an: »Kann es da noch einen Widerspruch geben? Will denn einer Betrüger gegen die hunderte draußen heißen? Wir müssen uns beeilen, beeilen und nochmal beeilen. Das ist der Schluß der ganzen Unterhaltung. Was sitzen wir noch lange!«

»Lange sitzen wir,« entgegnete Liang, »wer Angst um seinen Körper hat, soll in den Städten bleiben, Verse machen, in der Sänfte liegen.«

Juens hellfarbiges Gesicht wurde dick; sein Hals schien verschwollen, so kloßig und kehlig sprach er mit einmal: »Das Geschwätz von Weibern berührt den Gebildeten nicht. Ebenso wenig wie das Geheul erwachsener Männer eine ernsthafte Debatte aufhalten sollte. Es ist einer erregt, es ist einer nicht erregt; was macht das aus? Ihr sitzt da und sitzt bis zum Abend, und wenn die hunderte, die mit uns laufen, den Säbel zwischen den Schultern fühlen, ist es vorbei. Aber es soll nicht vorbei sein. Darüber habt ihr nicht mit Herumhocken zu entscheiden. Es ist meine Sache wie eure. Ma soll reden, Ma-noh soll Recht behalten.«

Er schwieg, weil ihn inzwischen schon das große Gesicht der Gelben Glocke angelächelt hatte auf eine so freundliche Weise, daß er beirrt seine Stimme sinken ließ und aufhörte.

Die Gelbe Glocke redete ihm zu: »Hör doch nicht auf zu sprechen, Juen; es verargt dir niemand, wenn du alles sagst, was dir auf dem Herzen liegt.« Er schwang die Hände gegen Ma und Juen zum Gruße; sie erwiderten zögernd und höflich.

Liang saß zuletzt allein am Boden, blickte in das Gras. Das Dreierlein sprach sie mitleidig an; er hob sie auf; sie ging mit gesenkter Stirn auf Juen zu, vor dem sie tiefe Verbeugungen machte, bis er ihren Gruß erwiderte; dann senkte sie ihre schmalen Schultern vor Ma, den sie vor den andern umfaßte, redete mit trauriger Stimme: »Hilf, Ma-noh. Bring alles zu einem Ende. Du hast in jedem recht. Kein Gemetzel, laß das nicht geschehen. Rette wen du kannst, uns mit, mich mit.«

Nach einer Stunde zogen Ma und seine Vertrauten mit den fünf Boten der Dörfler ab; die Mehrzahl der andern Dörfler blieb im Kloster zurück, auf das Zureden des angesehenen Salzpfänners, der sie für die bedrohten Bündler sorgen hieß. Es zeigte sich unterwegs, daß die Gelbe Glocke sich noch nicht beruhigt hatte; in der Nacht, die man im Freien zubringen mußte, hörte man ihn stöhnen an der Seite Liangs, die ihn zu trösten versuchte. Morgens wich er unter einem Vorwand ab und kehrte nach dem Kloster zurück.

Man kam am nächsten Vormittag in ein Dorf, das größte dieser Gegend, in welchem der Pfänner sein Grundstück hatte. Rasch besichtigte Ma, was ihn interessierte, hörte Haufen Menschen an, auf Maultieren ritt man eine Weile durch neue Dörfer; Massen von Unbeschäftigten kamen aus den Häusern heraus, starrten den sonderbaren Zug an, fielen auf den Boden.

Vor Anbruch des Abends besprachen sich die Bündler kurz; man fieberte unter der Vorstellung, daß eben jetzt die kaiserlichen Soldaten das Kloster erreichten.

Dann trugen Maulesel die Erschöpften zurück; über hundert ihrer neuen Freunde begleiteten sie erregt; sie liefen durch das hohe Kao-liang; eine Rast von einer Stunde nachts gönnte man sich; frühmorgens näherte man sich dem See.

Ein blasser Flammenschein stand jenseits des Wassers. Man kam zu spät. Der Angriff auf das Kloster schon erfolgt; das Kloster in Brand gesteckt von den Soldaten. Hunderte umgekommen. Die Soldaten, von den zurückgebliebenen Bauern wenig aufgehalten, waren geflohen, nachdem sie sich bemüht hatten, die in Kapellen eingeschlossenen Schwestern aus dem Feuer zu retten. Sie waren wie Besiegte in abergläubischer Furcht Hals über Kopf davongelaufen.

Als Ma mit den wütenden Bauern durch das geborstene Tor eindrang, saß die Gelbe Glocke auf der Schwelle, rief Ma, der übergesunken an dem Hals des grauen Tieres hing, »Heil« und »Triumph« zu.

Ma schüttelte wortlos die Fäuste über ihm. Auch die schöne Liang wandte sich schluchzend von ihm ab.

* * * * *

Der weitere Verlauf ist bekannt. Die Gebrochene Melone verließ das Kloster, die Bevölkerung dieser Distrikte erhob sich gegen die kaiserlichen Beamten. Stürme auf die Gefängnisse, Vertreibung der Magistrate folgten, von den ungeheuren Liegenschaften verjagte man die Besitzer, verbrannte ihre Häuser. Tagelang stapelte dicker Rauch über den Gütern. Es wurden weder die Gräber noch Ehrenbogen noch Pagoden geschont.

Die ersten Manifeste ergingen von einem Komitee, dem der Salzpfänner präsidierte. Man erklärte darin die vertriebenen Besitzer ihres Eigentums für verlustig; die Herrschaft der fremden Mandschudynastie, der Tai-tsing, nannte man erschlichen, nicht volkstümlich und darum abgeschafft.

Nach Nordost dehnte sich der Aufstand rapid aus. Von hier stießen zwei Haufen von je dreihundert Mann, welche zu den Wahrhaft Schwachen Wang-luns gehörten, zu den Aufständischen, suchten nach den Brüdern, denen sie helfen wollten.

Von der zweiten Woche ab unterzeichnete Ma-noh alle Proklamationen, Anschläge und so weiter. Er schickte Boten in die nächstliegenden Städte, die nachts an die äußeren Mauern einen Brief Mas an den Kaiser Khien-lung anhefteten. Darin erklärte sich Ma-noh bereit, die Herrschaft der Reinen Dynastie anzuerkennen, sofern das gesamte im Aufstand befindliche Gebiet von der Zentralverwaltung gelöst und durch einen eigenen Fürsten verwaltet würde.

Nach einer weiteren Woche erfolgte der wichtigste Schritt: die besetzten Distrikte wurden zu einem geistlichen Land mit dem Namen »Insel der Gebrochenen Melone« umgewandelt nach dem Vorbild von Tibet. Die Pflege der paradiesischen Hoffnungen wurde als die Aufgabe des neuen Staates bezeichnet. Ma-noh ernannte sich zum Priesterkönig dieses geistlichen Landes; eine Kommission von drei Männern stand ihm unter dem Namen der Gesetzeskönige zur Seite. In der einzigen mittelgroßen Stadt der besetzten Distrikte residierte Ma-noh. Hier wurden Pläne zur Befestigung der Insel entworfen, die Anlegung großer Doppelmauern mit Wachtürmen um das gesamte Gebiet, etappenweise Wachtürme auf allen größeren Landstraßen. Etwa tausend Mann der Ortsansässigen blieben unter Waffen, für die übrigen lagerten in der Hauptstadt Waffen.

Es gab zweierlei Bevölkerung auf der Insel: die alten Bewohner in ihren Häusern, Läden, auf den Äckern, Bergen, in den Obstgärten; und die Brüder und Schwestern, bei Tag tätig unter ihnen, im übrigen abgeschlossen von ihnen, viele in Hütten, die meisten auf den Feldern in der Nähe der kräftigen Bodengeister. Die Bündler erwarben keinerlei Besitz, schoben jeden Gewinn, der nicht dem Augenblick diente, der königlichen Kasse zu.

Die Zeit am Sumpfe von Ta-lou hatte an Reiz, Erregung und Glück das Erdenkbare gegeben. Hier auf der Insel war man geborgen. Es war ein Meisterstück Ma-nohs. Alle und jegliche Last hatte er der Gebrochenen Melone abgenommen; die Mauer, die er gewünscht hatte, umgab die Brüder und Schwestern lebendig. Der Weg der äußeren Befreiung seiner Anhänger, den er am Sumpf von Ta-lu eingeschlagen hatte, war zu Ende gegangen. Sie waren sicher vor Zerschmetterung durch das blinde Schicksal.

Ma-nohs Härte in dieser Zeit wuchs. Von dem Augenblick an, wo er Priesterkönig des Gebietes war, umgab ihn eine Strenge, die an Grausamkeit grenzte und den erfahrenen Schüler der asketischen Mönche erkennen ließ. Ma verwandelte sich nicht, sondern fand sich in dem Augenblick wieder, wo nur sein Wort galt. Das Feuer des Klosters, in dem Brüder und Schwestern vor seinen Augen verkohlt lagen, brannte in ihm nicht aus. Er empfand kein Rachegefühl, sondern nur die Empfindung, daß Dinge, die so eingeleitet waren, nicht läppisch enden durften. Er nahm keinen Rat seiner Vertrauten mehr entgegen. Das Mitleid für die Halbtoten, Angespießten auf den Höfen, in allen Korridoren tötete ihn fast. Er sank von dem Gipfel herunter, stand unter den armseligen, verwirrten, abergläubischen seiner Menschen, wand sich unter ihren Qualen, und war eins mit diesem Volk.

Keinen seiner Vertrauten kannte er mehr. Auf dem raschesten Wege strebte er danach, die Herrschaft an sich zu reißen, weil er fühlte, sonst der Verantwortung zu erliegen. Das Schicksal des ganzen Bundes war gleichgültig, wenn er erst alles für den Bund geleistet hatte, dann stand und fiel er gleichmütig mit den andern. Kein Feuer berührte ihn dann mehr.

Ma-noh, ein unkenntlicher Mann, saß auf dem Thron der Insel. Kein Götze konnte blinder blicken als er. Sein Glaube an das Westliche Paradies war vorher eingewickelt in ein Entrückungsgefühl, ein überschwengliches Sehnen; jetzt saß Ma ernüchtert da, hielt den Glauben mit eisernen Griffen gepackt vor sich hin. Er sehnte sich nicht nach diesem Paradies, er begehrte, heischte kalt den Eintritt für sich und seine Bündler. Es handelte sich nicht mehr um ein traumhaftes Gut, dem man sich langsam stufenweise entgegenhob, sondern um etwas Nahes, wie die enge Holzbrücke, über die er jeden Tag ging, zu der er ging, wann es ihm beliebte, etwas Erkauftes, etwas Gekauftes und zehnfach Überbezahltes, das ihm keiner vorenthalten konnte. Es war nicht mehr diskutabel, ob das Westliche Paradies real existierte oder nicht; die Ereignisse hatten es mit den notwendigsten greifbarsten Zeichen der Wirklichkeit ausgestattet.

In ihm aber irrte manchmal eine Angst auf und ab, daß er noch einen Preis draufzahlen müßte, daß durch irgendeinen Umstand noch ein Preis wie der vorige verlangt werden könnte, und darum verlangte er keine lange Dauer des Lebens mehr, sondern einen kurzen dringenden Beschluß, ja den raschen Untergang dieser Insel, die er mit dem Namen seiner Brüder und Schwestern geschmückt hatte. Er war durch seine Klugheit, Entschlossenheit, kraft der unheimlichen Einflüsse, die man ihm zuschrieb, Herrscher dieses Landes geworden, dessen Bewohner er verachtete, deren Berührung ihn anwiderte. Es bedeutete ihm eine Qual, daß er sich schmutziger Dinge bedienen mußte, um der Gebrochenen Melone zu helfen. In keiner Zeit war sein Haß auf Wang-lun so ständig gewesen, der dies alles hatte geschehen lassen und mit einer kleinen Bewegung seines Willens hätte verhindern können.

Ma diente in der ersten Zeit nach den Umwälzungen am Sumpfe von Ta-lou mehr seinen Bündlern, als er glaubte. Er hatte gedacht, sich zu sich selbst zurückzufinden aus dem Kram der täglichen Führerschaft. Aber erst der Klosterbrand leistete wirklich diese Zurückführung. Ma war wieder Einsiedler geworden, ohne daß er sich dessen in seiner Königsrolle bewußt wurde. Er gewann Fühlung mit den ihm entschwundenen Vorgängen auf dem Nan-kupasse. Durch seine Träume liefen die Zibetkatzen, saßen auf dem Buddharegale, Haufen großer Krähen erwarteten seine Brocken vor der Stiege; und Ma-noh wunderte sich über das Auftauchen der Erinnerungen. Der ungeschlachte Wang-lun besah sich die goldenen Buddhas, die längst zerschlagenen, fragte ohne Ende nach einer hundertarmigen Kuan-yin aus Bergkristall, deren Splitter in dem Mikanthustal Wanderern in die Sohlen schnitten. Gegen das Schicksal gab es keine Rettung als Nichtwiderstreben; das Gemetzel am Fuß des Gebirges, der Klosterbrand hatte alles wieder gezeigt. Ma fühlte, daß die Größe dieser Idee und die Frucht dieser Tatsachen über seine Kraft ging.

Die Bündler waren zusammengeschmiedet durch das Schicksal. Das Glück der Sommermonate leuchtete nicht mehr über ihnen. Des furchtbaren Ernstes ihres Bundes wurden viele sich erst jetzt bewußt. Ma strahlte eine finstere Glut aus, die sich ihnen mitteilte. Juen lag, bei den Kämpfen um die Güter erschlagen, unter der Erde. Die Lius schwiegen vor der Gewalt Mas. Die schöne Liang bebte beim Anblick des erstarrten Menschen und pries sich glücklich, ihm gefolgt zu sein. Die Gelbe Glocke war verschwunden.

Noch einmal zitterte der Körper des Bundes unter einer inneren Krankheit. In einem Dorfe, das kaum acht Li von der Hauptstadt lag, lebte unter den Gebrochenen Melonen ein junger fremdartig schöner Bruder, der, obwohl Kohlenbrenner von Beruf, eine beneidenswerte Feinheit seines Benehmens und seiner Hilfsbereitschaft zeigte. Er hatte, wie nicht wenig andere, seine Familie verlassen aus kindlicher Anhänglichkeit, wegen eines Gelübdes gegen einen wandernden Bruder, daß er selbst zur Gebrochenen Melone gehen würde, wenn der Bruder seinem kranken Vater hülfe. Nun war er, herausgerissen aus der vertrauten Umgebung, mit den andern auf der Fahrt zum Westlichen Paradies.

Aber er wurde durch eine hitzige Leidenschaft zu einer Frau in der Reinheit und Ruhe seiner Empfindung gestört. Diese Frau war zwar eine Schwester, aber sie rang noch mit sich, um ihren Geist sicher nach dem klar erkannten Ziel einzustellen. Von einer mädchenhaft weichen Schönheit, einer stets heiseren Stimme, träumerisch schielenden Augen, wurde sie aus dem Haus ihres Vaters zuerst neben einen vierzigjährigen groben Pelzhändler geführt, vor dem sie nach zwei Jahren floh, weil sie glaubte, daß er ihre Untreue entdeckt hatte. Der Mann holte sie zurück, sie hinterging ihn dann wieder und mußte nun ihre Heimatstadt verlassen. Sie war glücklich, bei den wandernden Brüdern und Schwestern unterzukommen, sie konnte der Wildheit ihres Leibes, unter der sie selbst litt, frönen, ohne Todesgefahr zu laufen; sie stieß schon fast ihre Begierden mit den Füßen.

Da begegnete sie jenem Kohlenbrenner; sie versagte sich ihm nicht, aber bald zog er sich von ihr zurück, begehrte sie nicht mehr; wurde finster. Er erklärte ihr eines Morgens, als sie an seinen dunstumgebenen Platz vor dem Dorf herunter kam und sang, daß er keinen Gedanken seit langen Tagen mehr nach den überirdischen Dingen trage, daß er sich quäle und sie bäte, bei ihm zu bleiben und ihm zu gehören. Die junge Frau verhüllte schon weinend, als er zu sprechen anfing, ihr wohlgeformtes Gesicht, denn sie wußte vorher, was er sagen würde. Als er aber ausgesprochen hatte, sah sie sich um, ob ihr keiner zuhörte, setzte sich an eine qualmende Stelle neben ihn, umhalste ihn, so daß neben seinem abgewandten glatten Schädel ihre vollen Wangen und ihre ungesättigten Lippen standen, und benetzte mit Tränen und Küssen seinen Zopf. Ob er nicht wüßte, daß er gegen die kostbaren Regeln verstoße mit seinem Wunsch, und was er zu tun gedenke, wenn man erführe, was er tat.

Nung drehte ihr langsam sein ovales Gesicht zu, das unter dem Schmerz alle Ebenmäßigkeit verlor; das, was geschehen sollte, wenn man ihn entdeckte, wisse er nicht; er wolle nicht gegen die kostbaren Regeln verstoßen, denn das wäre eine Sünde gegen seinen Vater; aber er wisse sich nicht zu helfen. Der ekelhafte Selbstmorddämon mit den weiten Hosen hätte ihn schon angefallen, diese Nacht und drei Abende zuvor. »Was soll man tun, liebe Schwester? Was soll dieser Bruder Nung tun gegen sich?« Nun saßen sie still und ohne Überlegung in dem üblen Rauch; seine rußigen Hände griffen in ihre schwarzen, kunstvollen Haarwindungen.

Die junge Frau, obwohl um sich selbst besorgt, folgte ihm, wie er verlangte. Sie zog mit ihm in eine Wohnung zu dem Kohlenbrenner, der Nung beschäftigte. Der baumstarke, duldsame Mann warnte die jungen Leute, die ihm aber auswichen.

Inzwischen war das Jahr weit vorgerückt; die Bewohner der Insel rüsteten sich zum Ching-ming-Fest, dem Allerseelentag. Überall im Freien errichtete man Schaukeln, an denen bunte Schnüre wehten. Das welke Laub der Roßkastanien flatterte herum. Man häufte frische Erde auf die Gräber. Das übliche leckere Schmausen fing an. Auf allen Wegen gingen die Frauen mit Weidenkätzchen hinter den Ohren, um nicht als gelbe Hunde wiedergeboren zu werden. Die Männer stolzierten in den Alleen, saßen in den Teeschänken bei Würfel- und Dominospielen mit golddurchwirkten Jacken und Gürteln.

In der Nähe der Tempel für die Stadtgottheit lagen die Begräbnisstätten für die Dirnen; die Frauen der Gebrochenen Melone ließen dorthin nach der Stadt auch ihre Toten bringen in einem großen Stolz und Mitleid. Als sie nun -- denn Ma-noh duldete das Beibehalten aller volkstümlichen Sitten -- am Ching-ming-Feste morgens in Scharen auf den Friedhof strömten, begegneten der verliebten jungen Frau, die Nungs Freundin war, andere Schwestern am Eingang zum Dirnenbegräbnis, verwehrten ihr den Eintritt. Es fiel kein Schmähwort; die Schwestern bedeuteten ihr nur, daß sie sie nicht mehr zu sich rechnen könnten, seitdem sie wie eine Ehefrau mit Nung zusammenwohne.

Die Schwester lief in Scham nach Hause, erzählte Nung, dem die Knie zu zittern begannen, daß ihr Geist, wenn sie stürbe, keine Ruhestätte bei den andern Schwestern finde, weinte, daß sie aus dem Ring ausgestoßen sei, daß sie nicht mehr so leben könne und sie müßte zu den Schwestern zurück. Der Wirt, der lange gebeugte Kohlenbrenner, hörte ihr zu und brummte: »Das wird wohl so sein müssen.«

Nung von ihr allein gelassen, wirtschaftete ohne Bewußtsein tagelang zwischen seinen Kohlen und im Garten herum. Nachts warf er sich in Kleidern auf die Erde, sein Gesicht wusch er nicht, seine Eßschalen ließ er stehen. Er ging eines Morgens an die Mauer des Dirnenfriedhofs und wartete auf die junge Frau. Als sie am regnerischen Abend mit einem Bruder zusammen vorüberkam, -- sie atmete schon wieder auf, weil sie sich nicht in grenzenloses Elend gestürzt hatte -- fiel Nung sie an, stieß den Bruder vor die Brust, zerrte die Kreischende an den Zöpfen hinter sich her. Dorfleute rannten herzu, rissen die Schwester los, verprügelten den Mann.

Nung, ganz auf der falschen Bahn, rollte nun glatt weiter. Die kostbare Regel, die den Besitz einer Frau verbot, fiel noch manchem im Bunde schwer. Offen am Tage nach dem vergeblichen Angriff unter seinen vielen Freunden darüber redend, verstand er es, sie mit sich eines Sinnes zu machen. Arbeitskameraden aus dem Dorf gesellten sich hinzu. Man schickte, hinter einer Weidenpflanzung lagernd, einen Boten an Ma-noh, Abweichungen von der kostbaren Regel zu gestatten. Die drei Gesetzeskönige ließen den Boten ins Gefängnis werfen.

Verbohrt, die junge Frau zu besitzen, die in die Hauptstadt zu Ma-noh geflüchtet war, sammelte Nung in vier Tagen Anhänger aus Dörflern, denen er den König als unduldsam und gewalttätig schilderte, und aus Brüdern, die nicht besser waren als er. Sie rotteten sich morgens auf den Straßen der Hauptstadt zusammen, um Ma-noh zu ihren Forderungen zu zwingen. Aber der Priesterkönig und sein Beirat warnten Nung und hießen die Männer die Stadt verlassen und um sich sorgen.