Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 17

Chapter 173,589 wordsPublic domain

Nun war vor neun Jahren der Vater eines Mannes namens Hou in diesem Distrikt von den schwarzen Blattern hingerafft worden. Es war ein anerkannt tüchtiger Justizbeamter, von der größten Schlichtheit und Strenge, wegen seiner Kürze und Bündigkeit im Rechtsprechen sehr gefürchtet. Durch kluge Berechnungen beim Ankauf von Reis, den er wieder an die Regierung verkaufen ließ, hatte es der Mann zu großem Reichtum gebracht. Er kaufte sich weite Ländereien. Nachdem er den vierten Grad erreicht hatte, zog er sich zurück, machte der kaiserlichen Privatschatulle Geschenke, spekulierte umsichtig weiter und kam eines Tages von einer Überlandfahrt matt zurück; man mußte den schwerleibigen Mann aus der Sänfte heben; er starb bald.

Sein ältester Sohn, der jetzige Besitzer Hou, als Kind durch Kränklichkeit die Sorge der Familie, stand an Schlauheit hinter seinem Vater nicht zurück; aber während der Alte die Menschen benutzte, wie sie sich ihm anboten, war er ohne Motiv hart und kalt gegen jedermann. Die äußere Gestalt hatte er völlig von dem Vater, die Plumpheit der Glieder, die Schwerfälligkeit, das vertrauliche Platt des Dialekts. Er prunkte nicht, hielt die vorgeschriebenen Riten streng inne, führte ein musterhaftes Familienleben. Trotz aller Härte im Handeln atmete er eine gewisse Jovialität, so daß manche der niedrigen Leute, die nicht geschäftlich mit ihm zu tun hatten, ihm aufrichtig anhingen. Er mehrte seinen Besitz, obwohl ihm der Weitblick des Vaters nicht gegeben war.

Zwei Jahre nach der Beerdigung des Alten begann Hou das Unglück zu verfolgen. In einem Monat starben ihm zwei Söhne an einer unbekannten Krankheit, bei der sie tagelang steif dalagen, den Kopf verdrehten, zu toben anfingen und zugrunde gingen, ehe man den fraglichen Dämon festgestellt hatte. Bei einigen waghalsigen Spekulationen, die nach Art der väterlichen erfolgten, ließ ihn sein bester Freund im südlichen Tschi-li im Stich; Hou häufte große Massen von Reis in seinen Speichern an; durch raschen Wegtransport der Reislager des Freundes sollte es im südlichen Distrikt zu einer künstlichen Preissteigerung kommen, die Hou benutzen wollte. Aber angeblich konnte der Freund die bestellten großen Kähne nicht zur Zeit erhalten; Hou saß mit riesigen Vorräten fest. Es erfolgten zweimal in kurzen Abständen Brandstiftungen auf seinen Gütern mit schweren Verlusten. Da trat eine Wendung ein.

Hou hatte schon oft mit einer peinlichen Empfindung den Kanal, der vor seiner Villa vorbeizog, betrachtet; die langen Kähne, die den Salztransport, auch den Transport von Trauben, Pflaumen, Birnen besorgten, die Schreie der Schiffszieher, das Knarren der Taue an dem Kanalbord; man konnte von hier rasch hinauffahren zu einem breiten Seitenarm des Kaiserkanals.

Ein Astrologe besuchte ihn damals aus Pe-king, der wegen seiner Unwissenheit aus dem Dienste des Ritenministeriums entlassen war. Da dieser nicht in die Geheimnisse der Berechnung wichtiger Ereignisse eingedrungen war, hatte er sich auf ein schimpfliches Gewerbe gelegt, das ihm durch seine würdevolle Gestalt, sein vertrauenerweckendes zurückhaltendes Benehmen erleichtert wurde; er wurde zum Kommissionär für umfangreiche Kinderverkäufe nach den südlichen Provinzen, dem Nachwuchs für die Freudenhäuser und Theater. Dies geschah unter der Maske der Adoption oder Beschaffung von Adoptionen; gelegentlich besorgte er auch Apothekern oder sehr reichen Kranken kleine Kinder, deren Augen, Lebern und Blut verarbeitet und benutzt wurden. Nebenbei war dieser Mann ein sehr geschätzter Heiratsvermittler.

Als er mit Hou in einem Pavillon des Gutes bei dem kleinen Kanal saß und der schwer heimgesuchte Freund ihm seine Leiden erzählte, saßen sie eine kleine Weile die Wasserpfeife rauchend da und betrachteten drüben das Arbeiten der Schiffzieher, die eine Fahrrinne in das gefrorene Wasser schlugen.

Der Astrologe fragte, ob Hou auch das Land jenseits des Kanals gehöre und wie weit, und was für Waren hier transportiert würden.

Nach ein paar gurgelnden Pfeifenzügen meinte dann der Besucher, der Kanal müsse geschlossen werden.

Hou begriff sofort, lachte, mahnte leise zu sprechen. Es wäre ja gut, wenn der Kanal geschlossen würde, aber gar nicht möglich, das zu erreichen; freilich wenn es auf irgendeine erdenkliche Weise sich machen ließe, würde er seinen Freund natürlich nicht vergessen. Der Kanal sei wichtig für die und die und die; wenn man ihn schließen könnte, so würde dabei ein enormer Gewinn heraussehen.

Der würdige, einfach schwarz gekleidete Astrolog dankte für die eventuelle Gewinnbeteiligung; davon später. Er saß nachdenklich, sprach plötzlich schwermütig von dem Tod des alten Hou, den der Kaiser hoch geschätzt habe, und wann man ihn beerdigt hätte, wer den Ort bestimmt hätte. Dann ging er, ohne Hou aufzuklären, wehklagend über den frühen Tod des Hou, dieses wahrhaften Freundes des Landes, in das Wohnhaus mit seinem Freunde, zündete Kerzen vor der Ahnentafel des Hauses an. Er verabschiedete sich und zog sich zum Nachdenken, wie er sagte, in das ihm angewiesene Gastzimmer zurück.

Am nächsten Morgen ließ er sich, begleitet von dem triefäugigen stieseligen Ortsastrologen, nach der Grabstätte des alten Hou tragen, ausgerüstet mit den Arbeitsinstrumenten, dem Kompaß, der Tiertafel, der Windrute. Nach dreitägigen Untersuchungen stellten die beiden vergleichende Berechnungen umfangreicher Art an und kamen zu dem Resultat, daß die Grabanlage durch die Führung des Kanals gestört würde. Es war angesichts der Enge der Örtlichkeit nicht einmal möglich, die Grabruhe des Geistes zu verbessern durch eine abwehrende Pagodenerrichtung. Daher also das Unglück im Hause des Hou nach dem Tode des Alten.

Hou verstand den raffinierten Astrologen nicht. Als der zu jammern anfing über das Los des verdienstvollen Mannes, warf sich Hou heulend auf den Boden, wußte sich keinen Rat. Er rannte vor die Ahnentafel; er wollte dieses Vergehen nicht auf sich nehmen, er mußte dem Toten mitteilen, daß er nicht Schuld an dieser Grabanlage sei, nicht er; wie sollte er doch, der dankbare täglich opfernde Sohn, auf den schauerlichen Gedanken kommen, den toten Vater ruhelos herumzuhetzen. Den Astrologen umschlang er hilfeflehend, und da sah er zu seinem Erstaunen in ein verschmitzt schiefes, fettpralles Gesicht. Der Astrolog schnaufte, von den dicken Armen gedrückt, schob seinen Freund zurück, beendete die Räucherung, und sie gingen langsam in den Gartenpavillon am Kanal. Der phlegmatische Mann aus Pe-king sagte mit einer ministerialen Stimme: »Wir dürfen den schwer beleidigten Geist deines Vaters nicht noch mehr kränken und das Grab verlegen. Dies wäre der Gipfel der Mißachtung. Die Richtung des Kanals muß geändert werden. Dieser Kanal ist schleunigst zu schließen.« Leidend grunzte der dicke Hou: »Ja, ja,«, und dann nach einer Pause, während der sie sich ernst ansahen, mit einer helleren Stimme: »Ja, ja.«

Den nun folgenden monatelangen Schriftwechsel mit den Provinzialbehörden und dem kompetenten Ministerium der Riten nahm der Astrolog dem betrübten, fassungslosen Sohne völlig ab. Es vergingen Wochen, da Gutachter des kaiserlichen astrologischen Büros mit Abfassung eines Immediatberichts beauftragt worden waren, nachdem die nachgeordneten Instanzen das Gesuch Hous wegen seines volksschädlichen Ansinnens erst zurückgewiesen hatten. Khien-lung aber, selbst informiert, erklärte kurzer Hand: »Ein Kanal kann anders gezogen werden; bis zum Bau eines so kleinen Kanals, der beschleunigt werden soll, existieren andere provisorische Transportmittel. Es ist niedrig, einen Toten von dem bleibenden Verdienst Hous aus der Ruhe aufzujagen wegen lokaler vorübergehender Unbequemlichkeiten.«

Damit war der Fall erledigt. Und ohne daß die Gilden der Schiffzieher, Salzsieder, Lastenträger, Karrenverleiher in den westwärts gelegenen Dörfern orientiert wurden, schloß man die Schleusen in höchster Eile, leitete das Wasser in einen See ab, zu dem Hou schon in währender Verhandlung einen Verbindungsarm hatte graben lassen. Der Warentransport mußte auf eine ganz andere Weise erfolgen; es mußte umgeladen werden, eine Strecke von einer Tagelänge ging der Transport auf dem Landwege über Hous Liegenschaften weiter, bis an das nunmehrige Endstück des Kanals. Den ersten Lastenträgern, Karrenführern verwehrte Hou den Eintritt in sein Gebiet. Schleunige Interventionen bei der Präfektur bewirkten, daß ein vorläufig unentgeltlicher Durchzug gestattet wurde; Hou wurde anheimgestellt, sich mit den in Frage kommenden Gewerkschaften ins Benehmen zu setzen, eiligst eine Durchgangsstraße zum Kanal anzulegen.

Er fügte sich ohne weiteres, erhob aber für die Benützung seines Grundstücks mit baldiger Genehmigung der Behörden einen kleinen Zoll, errichtete aus freien Stücken fünf Lagerschuppen an der Straße, half den Transportarbeitern, indem er große Aushilfswagen und Ochsen zu ihrer Verfügung hielt. Der Gewinn war enorm; es kam hinzu der Gewinn aus Diebstählen, die bei dem häufigen Umladen, Aufspeichern sich nicht vermeiden ließen; schließlich lief es darauf hinaus, aus seinem Grundstück den naturgemäßen Hauptstapelplatz für Salz zu machen, indem Hou nämlich Leuten, die anderswo stapelten, den Durchzug schikanös erschwerte.

Wochenlang blieb es still; ununterbrochen besprachen sich die Gilden in dem betroffenen Distrikt. Es regnete in der Präfektur Eingaben. Die Schiffzieher, unbeschäftigt, arbeiteten bei den Salzpfännern; diese selbst, soweit sie nicht an Hou Gras lieferten, verloren Einnahmen aus dem Rückgang der Stapelgebühren. Die Erregung wuchs.

Da legte sich ein frisch angekommener Präfekt ins Zeug in einer Weise, die ihm fast den Kopf kostete. In den westlichen Departements war der Fall Hous nichts Absonderliches. Ungeheuerliche Steuerhinterziehungen wurden von den großen Grundbesitzern seit Jahrzehnten getrieben; Seidenspinnereien, Mühlenbesitzer bezahlten nicht mehr Steuer als ein unbedeutender Handlanger in ihrem Betriebe. Im Register des Steueramts standen diese reichen Herren mit einem winzigen Äckerchen eingetragen, eben dem Besitz, den ihre Väter und Großväter zum Ausgang genommen hatten; man hatte es durch gute Beziehungen zu Steuerdirektoren und Präfekten verstanden einzurichten, daß sich die Anfangsangaben in den Registern unerneuert forterbten; mit Falschmeldung von Brachland, Überschwemmungsgebieten half man nach.

Der genannte junge Präfekt fuhr, sobald ihm einige Fälle dieser Art hinterbracht waren, feierlich in das nächste kaiserliche Hauptsteueramt, wo die Listen auslagen, und berichtete dem Steuerdirektor mündlich im offenen Jamen in Gegenwart vieler Zuhörer, was ihm mitgeteilt sei, wies mit lauter Stimme auf den Gegensatz, der bestünde zwischen den Daten der Liste und dem tatsächlichen Besitz. Als er wieder in seine grüne Sänfte stieg, sahen sich seine Vorläufer und Träger betrübt an, sie trabten und schüttelten die Köpfe. Was die Diener im Hause des jungen Präfekten bei ihren flüsternden Gesprächen voraussagten, trat ein.

Der alte Steuerdirektor, ein beliebter, wegen seiner Ortskenntnisse in Tschi-li und Schan-tung bei der Regierung geschätzter Mann, ließ sich zehn Tage vertreten. Während dieser Zeit reiste er, wie er meldete, in den Kreisen seiner Besteuerungszone herum, um den Befund aufzunehmen, besuchte die gewerblichen Anlagen, die Güter. Die vom Präfekten aber gleichzeitig mit dem mündlichen Vortrag abgelassene Eingabe an die Zentralbehörde hatte er nicht aufhalten können; und schon bei seiner Rückkehr fand der graue Mandarin eine dringende Aufforderung vom Finanzministerium in Pe-king vor, Bericht über die Angaben des beigelegten Memorandums zu erstatten.

Während abendlich der jugendliche noch unverheiratete Präfekt am Teich der roten Lotosblätter lag und das Spiel der schwimmenden Blätter spielte mit seinen Freunden, rangen seine ortskundigen Diener die Hände über seine Kurzsichtigkeit; sie hatten von Mißstimmungen gehört, die im Lande gegen den Präfekten herrschten.

Es erhoben sich unvermutet kleine Unruhen bei Gefangennahmen von Dieben und öffentlichen Bestrafungen; größere folgten und begannen den Präfekten lebhafter zu beschäftigen. Schließlich kam es in mehreren bis da ruhigen Dörfern zu einem Angriff auf kaiserliche Beamte und Häuser. Eine scharfe Verfügung von oben wies ihn an, die Bewegung zu unterdrücken. Es gelang nicht; seine Polizei erwies sich als ohnmächtig. Als nachts ein vom Kaiser einer tugendhaften Witwe gesetzter Ehrenbogen auf offenem Markte abbrannte, schien die Stunde des Präfekten geschlagen.

Da lud ihn der dicke Hou zu einer Besprechung ein, die der Präfekt wegen der Transportstraße schon geplant hatte. Und jetzt löste sich die Krise auf die einfachste Weise. Der Präfekt hatte keine Wahl; er mußte an die Schande denken, die auf seine noch lebenden Eltern und auf seine Ahnen fallen würde, wenn man ihn degradierte; von seiner trostlosen Zukunft nicht zu reden.

Die Familie des Hou zeigte sich hochgeehrt durch seinen Besuch. Der rohe kriecherische Hou bot dem Präfekten, als er von den noch lebenden Eltern seines hohen Gastes hörte, einen Sommerwohnsitz auf einem seiner Güter für die betagten Leute an; er zwitscherte mit Ausdrücken größten Bedauerns von den augenblicklichen Schwierigkeiten in der Präfektur, stellte dem Beamten seine eigene vorzüglich geschulte und bewaffnete Gutspolizei zur Verfügung. Der eisige Präfekt antwortete nicht.

Vor seiner Ahnentafel opferte er und betete; sprach zwei Tage mit keinem seiner Freunde. Dann nahm er an.

An diesem Nachmittag erfolgte der glanzvolle Gegenbesuch des Hou in der Präfektur und dann in der Familienwohnung, zur aufrichtigen Freude der Anwohner und Diener des Hauses, die den Präfekten als weisen alten Mann priesen. Man klärte mit Leichtigkeit alle Mißverständnisse auf; es zeigte sich, daß Irrtum über Irrtum gehäuft war, Übertreibungen, Verwechslungen. Der glückliche Beamte konnte in weniger als zwei Wochen von der Zentralbehörde die Anerkennung dafür erhalten, daß es seiner Energie und Klugheit gelungen sei, die drohende lokale Rebellion zu unterdrücken. Nach einigen erfolglosen Exzessen der durch Hous Maßnahmen betroffenen Dorfbewohner wurde alles still.

Damals im Hochsommer verbreiteten sich hierher die Gerüchte von den frommen Bettlerbünden; einzelne Männer verließen ihre Heimat und suchten die Gebrochene Melone auf. Man hörte von den Intrigen und Angriffen, die auf die ruhigen Männer gerichtet wurden; dann kam das große Blutbad, die Mönche zogen aus dem lamaistischen Kloster; der eingeschreckte Haufe Ma-nohs versteckte sich hinter die festen Mauern.

Von einigen hier ansässigen Anhängern Mas wurden die Gilden und Sippengenossen über das Wesen und Schicksal des Bundes aufgeklärt. Sympathie mit den Vertriebenen, ein Gefühl von Solidarität mit ihnen setzte sich sofort fest. Zu dem neuen Kanal war noch kein Spatenstich getan, angeblich mangelte es infolge der Kriegsausgaben in den kaiserlichen Kassen an Geld; die Familien vieler Arbeitslosen wanderten nordwärts aus. Einige wüste Gerüchte trug man sich in den notleidenden Ortschaften von der Gebrochenen Melone zu; es sei ein verkappter politischer Bund, der mit der Weißen Wasserlilie unter einer Decke stecke; sie gingen wehrlos durch die Landschaften und ließen sich niedermetzeln; das geschähe, um das Volk aufzureizen und zu zeigen, daß man lahm, verkrüppelt und widerstandslos sein könne und doch den Gewalttätigkeiten der kriegerischen Mandschus und der betrügerischen Mandarine ausgeliefert.

Häufige Besprechungen zwischen den Insassen der verschiedenen Ortschaften führten zu dem Resultat, daß sich aus den Vertretern der einzelnen Gilden und Ortschaften eine Gruppe konstituierte, die, von den Staatsbehörden vernachlässigt, zu der Gebrochenen Melone unter Ma-noh zu wandern beschloß. Unklare Gedanken bei heftiger Erregung trieben diese Männer; man wollte sich mit Ma-noh, der schon in den Besitz eines Klosters sich gesetzt hatte, zusammentun und gemeinsam etwas zur Verbesserung der Zustände unternehmen.

Dies war der Zug regellos daherkommender Bauern und Arbeiter, vor denen sich die Tore des Klosters rasch verschlossen und rasch wieder öffneten. Als einige Brüder zu Ma-noh in die Hütte gestürzt kamen und ihm meldeten, daß eine Schar Bauern und Gewerkschaftler von freundlicher Gesinnung in das Kloster gezogen wäre und mit ihm zu sprechen begehrte, hielt Ma es nicht für wünschenswert, seine Vertrauten zu dieser Unterredung hinzuzuziehen, ließ fünf der Männer in das Zimmer des Chan-po führen und erschien dann selbst.

Sie behandelten ihn wie einen Mächtigen, fielen vor ihm auf die Stirn; er mußte sie in Scham und Furcht, daß man dies sähe, bitten, ihn wie ihresgleichen anzusehen; er sei ihresgleichen, ein armer Sohn des schwarzhaarigen Volkes der hundert Familien. Und was sie also wollten, wer sie schickte.

Sie lächelten sich auf die Frage an; auf eine Bewegung Mas kauerten sie im Halbkreis am Boden hin. Dann schwiegen sie, weil sie nicht wußten, wer sprechen sollte.

Es waren fünf ältere Männer, drei Salzsieder, einer der verarmten Salzpfänner, ein Karrenführer; in Beratungen zu Hause leisteten diese gescheiten Köpfe Vortreffliches; hier drückte sie das Gefühl, mit einem Manne von dem Rufe Mas zusammenzusitzen, und auch ihre Unklarheit über die Ziele dieses Mannes. Der Salzpfänner, der gebildetste von ihnen, öffnete den Mund, sah alle nacheinander an und erklärte lächelnd und sich verneigend, da keiner ihm zu widersprechen scheine, so wolle er reden. Und er erzählte mit ein paar hingeworfenen Sätzen, wer sie einzeln wären, wo sie wohnten, daß sie von den großen Landbesitzern und den Mandarinen schlecht behandelt würden.

Der Karrenführer, der ihm gespannt zuhörte und bei jedem Wort zustimmend nickte, fuhr unmittelbar fort: »Und dies ist die Hauptsache. Und darum dreht es sich. Wir können nichts machen. Die Präfektur gibt keine Antwort auf unsere Eingaben. Wer bist du nun, Ma-noh? Woher stammst du, wo wohnen deine glückgesegneten Eltern? Vor allem: was soll geschehen?«

»Darum dreht es sich«, wandte sich einer der Salzsieder mit einer brummigen Stimme an den flinken Karrenführer, »die Hauptsache bleibt und ist, wie ich immer gesagt habe: was soll geschehen? Und wie soll man es machen?«

Der Karrenführer begütigte ihn mit Handbewegungen und zwinkerte Ma an: »Er meint es nicht so. Wir streiten uns manchmal, weil unser beider weiblicher Hausjammer sich nicht verträgt. Wenn ich sage: 'Wie soll man es machen?' sagt er, das sei falsch; man muß fragen, wie es am besten vorangeht; und wenn ich 'Hott' sage, findet er mich ungebildet und geschnattert, und entschließt sich dann zu einem 'Hü'. Das ist in unserem Dorf bekannt und noch weiter weg, er ist ein guter Junge, nicht wahr?«

Er fragte den Pfänner, der viel hustete und krächzte und sich die Nase rieb; unwillig wies er den Mann zurück: »Macht das ab, wo ihr wollt; ich habe zwischen euch beiden nicht zu entscheiden. Wir sind hier nicht einen halben Tag hermarschiert, um zu entscheiden, ob es besser ist, 'Hott' oder 'Hü' zu sagen. Worum es sich dreht, es bleibt dabei, das ist die Hauptsache.«

Der Karrenführer streckte erstaunt die Hände aus, als wollte er sagen: »Das mein' ich doch auch«, und stieß den verstimmten Salzsieder an, der aber abwinkte.

»Also«, wandte sich der erkältete Pfänner an Ma, »kommen wir zu dir, um dich anzuhören. Sechs meiner Dorfgenossen sind zu deinem Bunde gegangen, und sie haben uns von dir und den andern erzählt. Ihr nennt euch ja Brüder und Schwestern, was wir alle sehr freundlich fanden. Willst du uns auch helfen?«

»Oder willst du etwas mit uns zusammen tun gegen die Besitzer und den Präfekten, die unter einer Decke stecken?« Dies sprach ein anderer Salzsieder, ein langer dürrer Mensch, der in einem lehrerhaften Tone mit gehobenem Zeigefinger sprach, »wir werden gegen sie etwas tun in den nächsten Wochen, aber wir haben noch keinen Plan.«

»Der Plan, der Plan,« nörgelte der Pfänner, »was ihr alle für Einfälle habt. Einen Plan werde ich euch schon verschaffen. Man muß nicht zu viel von einem Plan halten. Ich habe schon Leute gesehen mit den schönsten Plänen und es ist doch nichts aus ihnen geworden. Überhaupt soll uns Ma-noh erst die Frage beantworten, ob er sich uns kurz gesagt anschließt oder nicht?«

»Oder hilft oder nicht«, vervollständigte der flinke Karrenschieber.

Ma lauschte atemlos dieser simplen Unterhaltung. Ihn beunruhigte nur, daß zwei Salzsieder sich nicht an dem Gespräch beteiligt hatten; aber sie sahen schließlich nicht anders aus als ihre Gefährten. Dies war der Wink, den er erwartet hatte. In Ma ging es anders zu als in Wang-lun: während Wang es ängstlich vor sich verborgen hätte, daß zum Erschrecken etwas eintraf, was er voraussagte, fuhr es Ma mit einer warmen füllenden Sattheit in den Schlund und Bauch.

Ma hatte das Gefühl, daß das Schicksal sich unter ihm bog, er flatterte unsicher an der Vorstellung vorbei, die so lächerlich war, daß zauberisch sich sein Weg und das Tao übereinanderlegten. Während die Gewerkschaftler vor ihm diskutierten, saß er geblendet und schwitzte aus allen Poren in einer Art Rausch; er suchte seiner Herr zu werden.

Er sagte, er hätte keine Truppen, um ihnen zu helfen. Sie wüßten ja selbst, daß man die Gebrochene Melone verfolge und am liebsten ganz vernichten wolle. Geschlagen seien Dörfler und Gebrochene Melone. Man litte unter großen gewalttätigen Herren.

»Eben darum kommen wir in das Kloster her zu euch,« stieß der Pfänner zurück, »wir Dörfler wissen uns eben bald keinen Rat mehr. Du bist sehr klug und kennst die Bücher und Berechnungen.«

Der lange Salzsieder, der in lehrhaft eindringlicher Weise zu reden pflegte, hob seinen Zeigefinger: »Dir ist noch etwas zu melden, Ma, weil du so ruhig einen nach dem andern anhörst. Es geht dich und die Brüder und Schwestern alle etwas an. Ich sage: alle geht es euch etwas an. Ein Neffe von mir ist Filzsohlenarbeiter in einem Dorf eine halbe Tagereise von hier; er wohnt jetzt in meinem Hause als Gast. Ein Arbeitskamerad hat ihn gestern aus seinem Dorf besucht und erzählt, daß fünfzig oder hundert Landpolizisten bewaffnet hinter euch her sind wegen des schrecklichen Gemetzels vor einer Woche. Sie sind schon unterwegs hierher und werden eher heute als morgen da sein. Was sie euch fragen werden und wie sie euch fragen, das werdet ihr schon sehen. Ich sage, wenn ihr so klug seid und einen nach dem andern anhört: es geht euch etwas an.«

Darauf lächelte Ma-noh: »Meine Schwestern und Brüder sind verloren vor den Menschen. Wer hilft uns? Wie lange Stunden werden meine willkommenen Gäste warten können auf einen Rat ihres Freundes Ma-noh aus Pu-to-schan?«

Sie sahen sich an, der Pfänner krächzte: »Wird es unserm klugen Freund genügen für seine Berechnungen, wenn wir bis mittag warten oder eine Stunde später? Unser Heimweg ist nicht sehr kurz, wirklich nicht, und wer weiß, was zu Hause angestellt wird.«

»Bis mittag.«

Sie trabten aus dem Zimmer. Ma-noh saß die lange Stunde allein vor dem leeren Buddhaaltare; zu denken vermochte er nicht.

Die Blendung verließ ihn nicht.

Das Schicksal bog sich unter ihm.

Keine Niedermetzelung mehr! Der Weg gesichert. Die stürmische Liebe zu den Brüdern und Schwestern, die blühende Hoffnung auf alle Herrlichkeit, das strahlende westliche Tor! Ihn packte das Glückgefühl so, daß er um Hilfe rufen wollte. Er lachte vor sich hin, leise, welche Aufgabe diesen fünf Boten gegeben war, diesen schamlosen kindischen, die ihr Leiden um Fressen und Saufen mit dem seiner Brüder und Schwestern verglichen. Aber sie sollten gesegnet sein! Wozu anders sollte man diese Bande von Salzsiedern, Lastenträgern verwenden, als zum Herumstellen, zu dienen als wandelnde Ziegelsteine, elastische Gräben, vortrefflich schließende Tore für die Gebrochene Melone!

Eine Stunde nach Mittag traten die fünf Leute in das Chan-pozimmer, wollten sich niederwerfen, rutschten zögernd auf die Kniepolster.

Ma-noh forschte den Salzpfänner noch einmal aus, wer sie geschickt hätte, wieviel Dörfer sie verträten.