Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 16

Chapter 163,570 wordsPublic domain

Man richtete sich in dem Kloster ein. Während die Handwerker die Höhe und Festigkeit der Ziegelmauern bewunderten, Lahme und Wundgeschlagene auf die roten Diwane in der Gebetshalle gebettet wurden, Schwestern Bohnen und Hirse aus den Vorratskammern schleppten und in den noch heißen Kesseln kochten, saßen Ma-noh und seine Vertrauten in dem Zimmer des Chan-po, sannen nach. Öfter sahen sie sich betreten an; man hatte Reichtum und Schutz; aber dies war nicht gut. Sie saßen mit feuchten Kleidern in dem gepflegten geschmückten Hause; auf Holzboden sickerten Schmutzlachen von ihren Schuhen und Kitteln. Der scharfe und muffige Dunst stieg aus den durchnäßten Stoffen, stach ihnen in die Nasen; ihre Augen tränten. In unwillkürlicher Bewegung seufzte der jüngere ernste Liu, fragte: »Wollen wir nicht hinuntergehen, auf dem Hofe für uns Zelte schlagen?«

Ma-noh ging mit ihnen; er sagte nicht »nein«, nicht »ja«. Metaphysische Gespräche schwebten in den niedrigen Holzkorridoren, die sie durchgingen. Hier war noch nie die Rede gewesen von Hunger, Totschlag; das Holz des Hauses war getränkt mit Gedanken von der Erbauung und Vernichtung der Welt. Ma-nohs Freunde spürten nichts von dieser Luft. Er schlürfte gebunden hinter ihnen her; ihn erregten diese Zimmer und Gänge, als wenn sie mit kleinen Geistern, rufenden stichelnden Geistern angefüllt wären. Teilnahmslos erledigte er Besprechungen. Aus den alten Brettern schlugen die Leute unten Hütten, Zelte auf den Höfen, um die Hallen unbewohnt zu lassen. Er ging langsam wieder auf das Zimmer des Chan-po, konnte sich nicht losreißen. Allein in dem großen leeren Hause hockte er im Zimmer des Chan-po vor dem leeren Buddhaaltare, durch die Finger zog er einen Rosenkranz, der neben einem Kniepolster lag, zählte die Perlen. Der muffige Dunst von Kleidern konnte den weichen Weihrauchgeruch nicht verdrängen. »Ma-noh, der geweihte Mönch von Pu-to-schan, sitzt wieder in einem Kloster«, sagte er sich laut vor. Er fühlte, daß er ausruhte und es für ein paar Augenblicke gut sein lassen wollte. Befleckt saß der Mönch im Kloster, und schämte sich nicht, fürchtete sich nicht. Die Schreie der Ermordeten hallten noch in seinen Ohren. Er atmete nach dem Blutbad, erinnerte sich, daß er lebte. Rosenkränze, Buddhasäulen, die kostbaren Altarstücke, die Kleinodien, sie konnten alles mitnehmen; man lebt, man atmet, findet sich zurück. Den Elefanten hatten sie getragen, die Symbole der fünf Sinne; Ma-noh verzog höhnisch sein Gesicht: dies war alles falsch, damit ist es nicht getan. Eine neue Methode, ein anderer Weg! Klingeln, räuchern, beten; sie sollten die armen Schwestern winseln hören! Sie manövrierten mit den altersgrauen Tieren, den verstiegenen Reflexionen eines fremden Landes. Alle heiligen Berge, alle massiven Klosterkomplexe standen nutzlos auf dem Boden herum; mit dem Röcheln eines Bruders konnte man sie umwerfen. Wie ehrfurchtfordernd der Chan-po eben dagestanden hatte; und jetzt trug man ihn in irgendeine kleine Kapelle und er, Ma-noh, der hergelaufene Einsiedler von Nan-ku, saß auf seinem Platze, lachte drohend die leeren Altartische an; die Götter rissen bei seiner Ankunft aus. Was sind Klöster? Orte, an denen man träumt und seinen Weg verfehlt. Nur die Mauern sind gut; die Dächer sind gut. Sie schützen gegen Regen und nächtliche Stürme; sie versperren Geistern den Weg; der Winter hockt vor der Tür.

Schutz gegen die Verbrecher. O, Klöster lohnten schon. Kein böswilliger Halunke konnte einbrechen und Spieße in fremde Rücken bohren. Wie hat man Brüder und Schwestern heute morgen hingemordet; zu Dutzenden fielen sie, so ergeben haben sie gebetet. Wenn nicht die Bauern gekommen wären, so hätten die viehischen Burschen, hinter denen ein Präfekt steckte, die ganze junge Ernte niedergetrampelt. Schufte, Schufte! Er mußte zusehen, wie man seine Leute hinschmetterte, wehrlos war er gegen die Schufte; er wollte ja wehrlos sein. Irgendwo in Nordtschi-li ging jetzt Wang-lun herum, den Gelben Springer an seiner Seite; er nahm Mord und Totschlag auf seine Seele; die Wahrhaft Schwachen dehnten sich. Nur die Gebrochenen Melonen, seine traurigen armen Schwestern und Brüder, waren heimatlos, pfadlos.

Sollte man denn sterben, sollte man wirklich die große Lehre so verstehen: das Schicksal kommt von irgendwo, man stellt sich ihm in den Weg und läßt sich köpfen? Sollte man sterben? Sollte man sterben?

Ma-noh wandte sich vom Boden ab, auf den er seinen Rumpf tief gebückt hatte; bemerkte den Rosenkranz in seiner Hand, legte ihn beiseite, rieb seine Hände, rieb seine Schläfen.

Es wäre gut zu sterben. Warum nicht? Es kam nicht darauf an zu leben, sondern gut gerüstet, mit beladenen Armen an die Pforten jenes stillen schönen Paradieses zu kommen. Jahre früher, Jahre später, das konnte nichts bessern.

War man gerüstet? Aber war man gerüstet?

Ma-nohs Hand tastete nach dem Rosenkranz. Er richtete sich hoch, ging die Stufen zu dem verhängten Schlafzimmer des Chan-po hinauf; zog den Vorhang weg, warf sich, den Rosenkranz über die Brust gelegt, auf das Bett. Das ungewohnte Klappern scholl durch das Haus; im Hof schlug man Bretter zusammen; ein tiefes Singen wie aus dem Innern einer Blechkanne surrte aus einer Halle.

Man war nicht gerüstet. Man brauchte Ruhe, Zeit, Eindringen, Vertiefung, Mauern, Mauern! Bretterschlagen nutzte nichts; damit war es nicht getan. Morgen war man totgeschlagen; und es war nichts erreicht. Trappelten nicht schon die Füße der Verfolger? Voller Lärm das Leben, voller Haß und Angst: so ging es nicht. Mauern, Mauern! Hier waren Mauern, hier, hier!

Eine stürmische Freude über die Masse, die draußen über die Höfe wogte, durchdrang Ma-noh. Seine, seine Brüder und Schwestern, sie sollten den guten Weg gehen; seine Menschen. Besser als die Cakyasöhne.

Nachdem eine Stunde verstrichen war, kamen Männer vor das Zimmer, klopften an, ohne eine Antwort zu erhalten. Sie fanden Ma, den kleinen dürren Mann, auf dem Bett eingeschlafen, er schien sehr entzückt zu träumen. Er sprang auf, als sie leise wieder die Stufen heruntergingen.

Er war sehr still, ließ sich von ihnen die Hütte zeigen, die man für ihn bestimmt hatte, bezog sie.

An diesem Tage und am folgenden kamen keine Angreifer; die Gebrochenen Melonen zogen in gewohnter Art aus. Als schon fünf Tage verstrichen waren, hatte Ma-noh kein Wort darüber verlauten lassen, was weiter geschehen sollte. Er wartete. Wenn er die Höfe abging, war seine fliehende Stirn in Falten gelegt; man störte ihn nicht; sein Ausdruck war gefährlich. Ma mußte an sich halten; er sah die Grenzen seines Vermögens; der Bund stürzte in Abgründe und er konnte es nicht hindern. Zähneknirschend mußte er warten, bis die Brüder zu ihm kamen, selbst um Mauern bettelten. Er wagte diesen Vorstoß gegen ihre Freiheit nicht; er hatte Widersacher; man würde ihm nicht folgen. Sie genossen ihre Sicherheit. Sie wollten das Schicksal herausfordern; es sollte sich nur entladen!

Juen mit einem fast quadratischen Gesicht, einer auffällig plattliegenden Nase, kalten Blicken, einem Schädel fast ohne Hinterhaupt, hatte eine sehr wechselnde Art zu sprechen; meist sprach er hingehalten, klebend; ab und zu, es konnte sich um belanglose Sachen handeln, erging er sich in einem rapiden, scheinbar unmotivierten Ausbruch, mit hitziger Mimik und Geste, so daß man im ganzen die Vorstellung einer erheblichen Selbstbeherrschung des Mannes gewann. Im Grunde konnte davon keine Rede sein; er beherrschte sich, aber er beherrschte keine besondere Leidenschaft. Anfang dreißig, aus Sze-chuan gebürtig, Sohn eines reichen Federhändlers, im untersten Examen durchgefallen, ehrgeizig ohne Gaben. Er war bald träge, matt, bald wild; meist wild, er fürchtete seine Unklarheit vorzubringen. Er suchte unter die Bündler einzudringen, sich Ansehen zu verschaffen, indem er mit dunklen Worten in Erregung um sich warf, Worte, über die er selbst später nachdachte, weil er annahm, daß jede Gedankenarbeit in solcher Blindheit geleistet würde.

Die beiden Vettern Liu mehr banalen Charakters, Fanatiker, sehr ähnlich in ihrer Denkweise, etwa gleichaltrig; der kleinere Liu, der sich nach seinem Kindsnamen das Dreierlein nannte, zwar sanguinisch wie der andere, dabei aber zweifelsüchtig, fürchtend, daß nichts aus allem Gehofften würde, durch seine fatale Zweifelsucht selbst viel bedrückt. Sie arbeiteten früher in einem Porzellanwerk, dann ohne Beschäftigung verfielen beide aufs Goldmachen, das ihnen ein frecher Bonze beibringen wollte. Auch jetzt schleppten sie noch kleine Zinnoberkrügchen mit sich herum; sie erwarteten Großes von den Kräften, die ihnen das Wandeln im Tao verleihen würde: vielleicht würde ihnen die unsterblich machende Pille gelingen.

Juen verwickelte zuerst den Führer ihres Bundes in ein Gespräch darüber, was nun geschehen sollte. Er fügte sofort hinzu, daß nach seiner Ansicht es gar nicht nötig sei, das Kloster zu verlassen. Die Priester würden sich schwer hüten, einen tätlichen Angriff zu inspirieren; und ob die Regierung ihnen helfen würde aus freien Stücken, dürfte sehr zweifelhaft sein.

Ma-noh zeigte sich interessiert, legte ihm nahe, herumzuhören, was man dächte über die Zukunft des Bundes.

Die beiden Liu waren bei allem Fanatismus tatsachengeschulte Köpfe. Sie hatten unter sich oft die Frage ihres Bundes diskutiert. Für sie stand im Vordergrund: der Bund dehnt sich aus, er wird von wahrhaft ernsten Gedanken getragen, man muß ihm Zeit zur völligen Reife lassen; aber sobald es Winter wurde, in ein paar Monaten, mußte es zu Ende sein mit der Gebrochenen Melone. Sie hatten von Ma-noh einmal die entsetzliche Geschichte der Bergläufer von Nan-ku bei einem verschwiegenen Spaziergang gehört; sie zweifelten beide nicht daran, daß das Winterschicksal der Gebrochenen Melone an Grausigkeit nicht zurückstehen würde.

Was sie eigentlich genauer und präzis beschrieben mit der »völligen Reife des Bundes« meinten, wußten sie so wenig wie die meisten anderen, die ähnliche Wendungen gebrauchten. Es war eine zu intensive Suggestividee, die jeder Zergliederung spottete, die bei der Berührung Schrecken einflößte. Die Idee ruhte im Hintergrunde, man konnte sich auf sie verlassen, man vernachlässigte sie, man lebte den vorgeschriebenen Regeln nach und war gewiß, daß automatisch zu einer gewissen Zeit die Dinge, welche die Idee verhieß, sich erfüllen würden.

Beide stimmten ohne weiteres Juen bei, daß man das Kloster behalten müsse. Nur das Dreierlein fing zu nörgeln an. Ob wirklich die Regierung nicht angreifen würde, und dann sei der Platz für die Dauer zu klein, und woher für immer die Nahrung.

Zu ihren Debatten zogen sie einen sehr phantastischen professionellen Geschichtenerzähler namens Cha hinzu, der immer mit nacktem Oberkörper ging, um möglichst viel von dem wirksamen Prinzip der Sonne, dem Yang, in sich aufzunehmen. Ein gutmütiger Kauz mit schönen lebendigen und jungen Augen, ein Mann, dem alle vertrauten, die mit ihm in Berührung kamen.

Ferner nahm Teil an den Unterhaltungen ein großer ernster Mensch, der vielleicht in der Mitte der vierziger Jahre stand, Namen und Herkunft nicht angab. Ma-noh wußte allein sein Schicksal. Er war hager, trug einen ungepflegt hängenden Kinn- und Schnurbart, war von einer außerordentlichen Güte und Höflichkeit gegen jedermann, dabei von einer ebenso großen Scheu und Passivität. Vielleicht war niemand unter den Bündlern so korrekt in den Gebeten und in der Wachsamkeit über seine Gedanken, so behutsam in der Beachtung der Regel, nichts, weder Pflanze, noch Tier, noch Mensch unnötig zu verletzen. Man nannte ihn die »Gelbe Glocke«, weil er fast beständig in einer bestimmten Tonlage sprach, die dem Grundton Gung des ersten Tonleiterrohrs entsprach, und dieses Rohr hieß Huang-dschung oder die Gelbe Glocke. Die Gelbe Glocke war, das wußte man allgemein, der vertraute Freund der schönen Liang-li, die ihr herrisches, leichtaufbrausendes Wesen in seiner Gegenwart wunderbar beruhigte. Man zog diesen unbekannten Menschen auch darum viel zu wichtigen Besprechungen zu, weil man Frauen zwar nie an Beratungen teilnehmen ließ, aber Liang gern mittelbar hören wollte.

Der alte Cha äußerte sich negativ. Dieser Märchenerzähler wußte aufs schärfste Märchen und Wirklichkeit zu trennen. Er stimmte den Gründen des kleineren Liu bei und zwar mit strenger Bestimmtheit, machte Juen Vorwürfe, wie er auf so niedrige Gedanken kommen könne, das Kloster den frommen Mönchen mit Hinterlist abzunehmen. Er eiferte sich in eine große Erregung mehrere Male hinein. Bei diesen Erregungen verlor er den realen Boden, watete in Wut, kämpfte gegen kolossale Größen, gegen Mammuts der Phantasie, die gar nicht in Frage kamen. Endete so, daß er nur an seiner drohenden Kopfhaltung und dem schmetternden Tönen seiner Stimme erkannte, daß er sich gegen etwas gewandt hatte; wartete eine Entgegnung ab.

Die Gelbe Glocke säuselte monoton; er wich aus, um nicht zu widersprechen. Beschäftigte sich damit, den alten Cha erschreckt anzusehen und ihm einige verbindliche Redensarten zu machen über die Stärke seiner Vorstellungskraft und seine Gesinnung. Nach seiner Meinung gefragt dankte er für die Güte, ihn für urteilsfähig zu halten. Er fühle sich diesen wichtigen Entscheidungen nicht gewachsen, vertraue dem Beschluß der andern völlig und unbedingt. Schließlich rückte er mit seiner eigenen Ansicht heraus, von der er aber ausdrücklich bemerkte, daß sie nur die Richtschnur für sein privates Dasein abgebe und daß er nie und um alles in der Welt nicht wolle, daß andere sie für eine wirkliche Meinung ansehen. Und schließlich äußere er sie nur, weil die Herren es wünschten und er die Herren nicht verletzen wolle.

Er könne sich nur der Ansicht des weltkundigen Herrn Cha anschließen. Ja wenn er es recht erwäge, könne und müsse er noch weitergehen, wenigstens was ihn anlange. Man müsse sehen, wie man dem Winter und dem Hunger in der alten Weise widerstünde. Wenn es aber sehr schlimm ginge, so müsse man sterben, denn das sei das Schicksal. Und sie würden ja auch sterben, denn sie begehrten alle nur nach dem Tao und nicht nach dem Leben. Wenn sie den Frühling erlebten, so sei dies etwas Wunderbares und kaum Glaubliches. Schließlich wüßte er nicht einmal, ob man dafür danken solle, denn jeder Tag früher am Ziel sei wahrscheinlich verdienstlicher als jeder Tag später. Doch dies alles wüßten ja die alten Männer besser als er, und er verletze sie nur durch den Vortrag gedankenloser Banalitäten.

Damit hatte die Gelbe Glocke getönt. Der große stille Mensch sah beschämt auf den Boden, die Äußerung bereitete ihm Pein.

Ma-noh hockte eines Morgens mit den vier Männern auf einem inneren Hof, der weit nach hinten gelegen steil anstieg und zu den Gräbern der Mönche führte. Dicht wucherte hier das Gras zwischen den Steinen, der Hof war mit alten Ulmen bepflanzt. In ihrem Schatten saßen die Männer, auch die schöne Liang saß hier, in einem gelben durchlöcherten und geflickten Kittel. Ihr hartgeschnittenes Gesicht war magerer geworden, die früher energischen Bewegungen hatten eine gewisse sanfte Rundung angenommen, ihre schmalen Augen warfen das alte schwarze Feuer.

Ma-noh war von ihnen zu dieser Unterredung gebeten worden. Juen erzählte von ihren Sorgen und Besprechungen. Ma-noh stimmte bei, man müsse sich Sorgen machen. Aber die Meinungen wichen ab, berichtete Juen, der sich als Wortführer benahm, und lud mit einer Handbewegung den jüngeren Liu ein zu reden.

Ma ließ diese Reden über sich ergehen. Er wußte, es würde keine Klarheit erzielt werden. Wang-luns längst widerlegte Gedanken waren zu kräftig in diesen Leuten.

Das Schicksal mußte deutlicher reden. Er wand sich unter den Dingen, die er kommen sah und die sich nicht abwenden ließen. Er litt unter seiner Ohnmacht.

Die schöne Liang-li, zum ersten Male zu einer Unterredung zugezogen, blickte ihn an. Sie hatte zunächst über dem Herzen ein Gefühl von schweigendem Zorn gegen Ma-noh. Aber nur einen Augenblick. Dies war kein Mann wie die andern, wie ihr Vater, ihr rechtlicher Gemahl, ihre Freunde vom Bund, die Gelbe Glocke. Diesem war sie nicht dadurch gleichgestellt, daß sie neben ihm beraten durfte und ihm ins Gesicht blickte. Es war schwer zu denken, daß von diesem Mann die Bildung ihres Liebesbundes ausgehen sollte. Und sie erfaßte in einer unklaren Weise, daß für Ma-noh ihr Bund etwas anderes war als für sie, daß keine Herzlichkeit dahintersteckte, sondern etwas würgend Qualvolles, etwas Gefahrdrohendes, ein Steinschlag.

Sie erschrak, erinnerte sich ihrer ersten Vorstellungen von ihm: als eines unheimlichen, abgewandten Mannes, der seine finstere Berghöhle verlassend, den großen wahren Weg ging und mit Leichtigkeit diejenigen mitriß, die sich an ihn hängten. Man durfte ihn nicht hemmen. Der Gedanke war unwahrscheinlich und entsetzlich, daß er sich beirren ließ.

Ma-noh redete in unverständlicher Ruhe. Der Bund würde bald zugrunde gehen. Entweder würden die Provinzialtruppen anmarschieren oder der Winter käme.

Es würde noch ein paar Monate so gehen, dann würden alle auseinanderlaufen zu ihren Sippen oder auf die Landstraßen oder vor die kaiserlichen Reisverteilungsstellen. Man könne nicht erwarten, daß ein Blutbad wie neulich ohne Einfluß auf die Haltung einer großen Menge bliebe. Der Zustrom werde von jetzt ab aufhören. Und welchen Schluß sollte man daraus ziehen? Daß man alles seinen Lauf nehmen lasse wie es wolle. Er sei völlig ohne Hoffnung für den Bund. Bald würde man Hetzjagden auf sie veranstalten, das sei nur eine Frage der Zeit. Bleibe jeder für sich. Finde sich jeder ein in das starre Schicksal.

Dies klang dem großen fremden Menschen, der Gelbe Glocke genannt wurde, angenehm in die Ohren. Er summte vor sich hin, daß das Schicksal seinen Weg gehe; es fiele jeden Menschen auf eine besondere Art an. Man müsse sich ablösen von rechts und links, um seinem Schicksal nicht auszuweichen.

Juen und die beiden Liu zogen die Beine hoch, schielten auf den Boden. Juen stand auf; das ginge nicht, das ginge nicht. So dächten nicht einmal die Einsiedler der Buddhareligion, denen die Gemeinschaft der Frommen noch ein heiliges Gut bedeute. Er war trotz seiner überlegten Worte erregt und giftig. Die Gelbe Glocke liebte er nicht. Juen mußte sich zusammennehmen, um nicht zu höhnen.

Den feinen Kopf gegen Juen gehoben, fragte Liang, wie sich der kluge Lehrer aus Sze-chuan das Schicksal der Gebrochenen Melonen denke; ob sie ewig leben sollten, als hätten sie schon das dünne Jadepulver gefunden.

Ma-nohs Lächeln in diesem Augenblick war von so bestimmtem Hochmut, daß Liang mit offenem Munde von ihm abrückte und die Blicke der vier andern auf Ma-noh lenkte. Dessen Lächeln blieb unbeweglich, starr vor aller Augen, stehen und verwandelte sich erst, als der ältere Liu ihn anrief, was er denke, in ein runzliges Grinsen.

Ma sagte: »Mich freut die Klugheit unserer Schwester Liang-li. Schöne Öfen haben einige Dichter die Frauen genannt; aber Juen denkt dies wohl jetzt nicht mehr, nachdem ein kleiner Funke aus dem schönen Ofen ihn gesengt hat. Wie heißt übrigens der wundervolle Vers, Juen, den du mir neulich sagtest, von dir selbst oder von einem Dichter der Tangdynastie?«

Juen verneigte sich geschmeichelt; er zitierte: »Es ist ein Vers Tu-fus, des unglücklichen Zensors unter dem Kaiser Schön-tsung: Das Tor des Panglaipalastes ist gegen den Südberg gerichtet. Himmelan reckt sich der eherne Säulenschaft mit den Schalen, in denen sich der Tau sammelt. Westwärts liegt der Jaspissee, zu dem die Königliche Mutter hinabsteigt.« Liang hob die linke Hand gegen Juen auf: »Und ein anderer Vers lautet, er ist von Juen-o-tsai: Verflogen ist das bunte Wolkenspiel, ehe noch die gelbe Hirse gar gekocht.«

Die Gelbe Glocke platzte da mit einem Gelächter heraus, das aus Ochsenställen, Soldatenhorden zu schallen schien, aber gar nicht zu ihm paßte, und ohne daß sich sagen ließ wie, etwas von seiner Vergangenheit zu enthüllen schien. Er bat schon in einer unsäglich gequälten Weise um Entschuldigung. Er wäre in Gedanken versunken gewesen, sein Lachen habe mit den Äußerungen irgendeines Anwesenden nicht das Geringste zu tun. Immerhin machte dieser grobe plötzliche Ausbruch einen derart unangenehmen Eindruck auf die andern, daß sie schwiegen, aneinander vorbei sahen und Liang Ma-noh fragte, ob er nicht lieber herumgehen wolle oder auf einer Matte sitzen, da er so zusammenschauere.

Aber Ma-noh, der wirklich aufstand, setzte sich nur neben die Gelbe Glocke, die er beruhigte. Der kluge Mann sagte, indem er alle anlächelte und sich zu Juen umwandte, daß offenbar das Leben nicht ohne Einfluß auf sie geblieben sei. Man erleidet soviel und wird immer unfähiger, sich zu entschließen:

»Wir sind Fliegen, denen Kinder die Beine und Flügel ausgerissen haben.«

Juen zuckte die Achseln, zappelte, verschwand, um wieder strahlend die Hallen zu inspizieren, die Kapellen zu bewundern.

Liang ging neben der Gelben Glocke und Ma-noh nach dem offenen Klostertor über die lichtbeschienenen gewundenen Höfe. Ma hatte das Gefühl, daß er diese beiden wie einen Steinsack auf seinem Rücken schleppte. Die Gelbe Glocke war der furchtbarste Mensch unter allen Bündlern. Er hätte ihn fallen lassen können, aber sein Ehrgeiz verlangte diesen Mann; er mußte ihn, er mußte ihn bewältigen.

Der schönen Liang bangte um ihr Schicksal. Das hochmütige Lächeln Mas konnte sie nicht aus der Erinnerung wischen. Es war wie der Blick eines weißen Tigers von einem Felsen herunter auf den Menschen, der ahnungslos um die Ecke bog. Was hatte dieser Mann vor?

Bei den strengen Blicken Mas auf die stumme Gelbe Glocke besann sich die schöne Liang. Sie steuerten nach den glücklichen Inseln. Der Steuermann auf so furchtbarer Fahrt mußte furchtbar sein. Die Gelbe Glocke ging gelassen neben ihr.

* * * * *

Und in aller Ruhe hatte sich jener Wink vorbereitet, den Ma-noh ahnte. Als am siebenten Tage ein Zug von sechzig Landleuten an Ma-nohs Klostertor klopfte, erreichte der Wink die Gebrochene Melone.

Der Bund hatte seinen Wohnsitz in einem der reichsten Distrikte Westtschi-lis; es wurde hier Baumwolle gepflanzt, die Seidenraupenzucht stand in hoher Entwicklung.

Eine Eigentümlichkeit des Landes bildete das Vorkommen wirklicher Salzbrunnen. Man hatte im Laufe der Jahrzehnte eine große Menge gebohrt und ganze Erwerbe hingen mit den Brunnen zusammen. Man grub zur Salzgewinnung ein meterweites trichterförmiges Loch, bis man auf Wasser stieß. Unten ließ man die Lauge sich sammeln, abdunsten; sie wurde mit Eimern nach oben geschafft. Wie am Meere teilten sich in die weitere Verarbeitung die Salzsieder, Salzpfänner und Stapler. In riesigen Kesseln und Pfannen jagten die Salzsieder das Wasser aus der Mutterlauge. Das Gras zum Heizen der Kessel lieferten reichere Steppen- und Landbesitzer, welche meist gleichzeitig das Salz aufstapelten, den Transport übernahmen, die vorgeschriebene Menge an den kaiserlichen Hauptstapelplatz abführten. Wer von den Brunnenbohrern genügend Land besaß, konnte rascher arbeiten, das salzhaltige Grundwasser über abgedichtete Erdflächen fließen lassen, die Verdunstung an der Sonne beschleunigen. Der Transport der gewonnenen steuerpflichtigen Salzmassen erfolgte fast nur auf dem Wasserwege; eine nicht zu große Strecke mußte man das Produkt zum nächsten Fluß oder Kanal transportierten auf Mauleseln, Karren, Ochsenwagen.