Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 15
Rasch flog das Gerücht von dem neuen Bunde in die Städte, die bunten Quartiere, in die Theater, die Teehäuser. Sklaven und Sklavinnen, Schauspielknaben und bemalte Damen entwichen. Vergebens taten sich die Besitzer der Häuser zu Verbänden zusammen, appellierten an die Behörden, verweigerten Konzessionsgebühren, um einen Druck zu üben.
In aller Munde war die Geschichte des jungen Fräuleins Tsai aus Tschian-ling und wie sie entfloh. Sie war ganz jung verkauft worden an ein wenig renommiertes Haus.
Als sie den Restaurationsbetrieb geleitet hatte im Innern des Hauses und infolge des unausgesetzten Genusses von heißem Wein magenleidend geworden war, -- ein Wein, der mit den liebeanregenden Zusätzen gewürzt wurde --, überlegte sie in einem nüchternen Augenblick, ob es nicht besser wäre, zu hungern und zu frieren, als dauernd zu erbrechen, sich schlagen zu lassen von der Besitzerin und an Lastenträgern, Ölhändlern, Schiffziehern Liebeshandlungen zu verrichten.
Da sie in keiner Weise geschont wurde und sich völlig ruiniert fühlte, sprang sie aus ihrer offenen Sänfte, deren Träger sie reich bestochen hatte, in das Magistratsjamen, wurde sogleich verhaftet, nach Aburteilung ihrer viehischen Wirtin in das Rettungshaus gebracht, welches die Stadt neben dem Gefängnis unterhielt. Sie lernte in den kurzen Wochen ihres Aufenthalts dort nützliche Dinge, man hängte ihr Bild in den Glaskasten an dem Eingang des Hauses für Männer, die sich hier eine Frau suchten.
Sobald nun ihr Bild ausgehängt und allen sichtbar war, berichtete dies ein Bote der bestraften Wirtin, welche sich noch nicht von ihren hundert Bambusschlägen erholt hatte; die Frau veranlaßte einen Neffen von sich, einen Herumlungerer, den sie aushielt, sich an den Direktor des städtischen Rettungsheims zu wenden, ihm erlogene Garantien für seine Person zu geben und das Mädchen zur Frau zu verlangen. Nachdem der Bursche sich noch heuchlerisch nach den guten Eigenschaften seiner zukünftigen Braut erkundigt hatte, erklärte er, sie zu heiraten, holte sie in eine gemietete Wohnung für ein paar Wochen ab und brachte sie dann seiner Tante zurück.
Das unglückliche Mädchen zerquälte sich den Kopf, um der Polizei den Betrug zu melden; man kam ihr auf die Schliche, nahm ihr jegliches Geld weg, sperrte sie ein, täglich schlug sie die Frau, bis sie nachgab und versprach sich zu fügen. Wieder fing das zerrüttende Trinken an; mit blutunterlaufenen Augen ging das Mädchen herum, völlig matt, sich tief verneigend, wo sie immer die Wirtin sah, froh, daß man ihre Hände und Fußsohlen ausheilen ließ.
Dann erzählte ihr eines Tages ein frisch angekommenes Mitglied des Hauses, der dieses Leben nicht gefiel, daß sie einen Melonenkernverkäufer kennen gelernt habe, der sich in sie verliebt hätte und ihr helfen wolle. Das vielgehetzte Mädchen wurde halb widerwillig verleitet; sie setzten gemeinsam mit drei andern Insassen des Hauses, die man ins Vertrauen gezogen hatte, eine lange Klageschrift gegen die Wirtin und den Neffen auf; die Novize übernahm es, das Blatt ihrem Verehrer zu übergeben; er sollte es den ordnungsmäßigen Weg an die Behörde leiten. Der Melonenkernverkäufer brachte auch den Brief an die richtige Stelle; aber ehe Beamte ins Haus kamen zur Untersuchung der Angelegenheit, hatte der Neffe durch einen untergeordneten Diener des Jamens, der die Schreibstuben ordnete, Kenntnis von der Beschwerde erhalten.
Die Mädchen hörten ängstlich eines Abends durch den Fußboden seine erregte Debatte mit der Wirtin im Empfangssalon unten, wegen der Maßnahmen, die man treffen sollte. Da griffen die fünf kompromittierten gefährdeten Geschöpfe zu einem Gewaltmittel; sie banden die Frau, welche auf dem Korridor die Aufsicht ihrer Zimmer führte, nachdem sie ihr mit Papier den Mund verstopft hatten; ließen sich an falschen Zöpfen und ihren eigenen, die sie rasch abschnitten und schnürten, an der Hinterseite des Hauses herunter, liefen Hals über Kopf durch die Straßen, versteckten sich bis zum Morgen hinter der Stadtmauer und schlüpften, nachdem sie ihre eleganten Kostüme gegen die Lumpen von Bettlerfrauen eingetauscht hatten, welche an den Mauern in überdeckten Erdlöchern übernachteten, aus dem Tor eine nach der andern hinaus.
Sie hätten es nicht nötig gehabt, sich zu überstürzen, denn die Wirtin und ihr Neffe waren nach dem ersten Schreck froh, daß die fünf Anklägerinnen verschwunden waren, und schickten ihnen jeden Segenswunsch auf den Weg. Aber den fünf Mädchen peitschte die Todesangst den Rücken; sie liefen gedankenlos Li um Li; warfen sich bei jedem Lärm von rückwärts lang auf den Boden; schließlich, als sie einen Berg erklommen hatten und auf einem unbetretenen Steinacker saßen, weinten sie sich zusammen ruhig.
Der weitere Verlauf dieser recht gewöhnlichen Angelegenheit ließ an Banalität nicht zu wünschen übrig. Am Ende des ersten Tages trennten sich zwei von den Mädchen ab, die vor Aufregung, Hunger und Furcht nicht weiterkonnten, und blieben auf dem Magistrat des Dörfchens, das sie erreichten, mehrere Tage, wartend, daß die benachrichtigte Wirtin sie wieder holen sollte. Diese aber beschuldigte die Mädchen des Diebstahls und der Verleumdung. Der sehr gutmütige Bürgermeister hielt ihnen nach ein paar weiteren Tagen im Dörfchen dies vor und empfahl ihnen, lieber keinen Wert darauf zu legen, in die Stadt zurückzukehren, weil sie ja tatsächlich Kleidungsstücke entwendet hatten. Und so arbeiteten die verwöhnten Kinder um kargen Lohn draußen auf den Äckern und in Ställen, verwünschten die ganze Sache.
Die drei anderen Mädchen erreichten Ma-nohs Truppe nach fünf Tagen, welche sie auf den Tod erschöpfen ließen, nach ununterbrochenem Wandern, Frieren, Dursten. Man nahm sich ihrer sehr an. Aber zweien von ihnen behagte bald das strenge stille Leben nicht. Man beachtete ihre Fähigkeiten und Schönheit nicht genug. Die Gedankengänge unter den Schwestern und Brüdern schienen ihnen langweilig, auch komisch. Die eine heiratete einen Bruder, dem es ging wie ihr. Die andere, eine geschickte junge Person, ließ sich von einem entlaufenen kaiserlichen Schauspieler ein paar der bei Hofe beliebten Tänze einstudieren, lernte ihm Phrasen und höfische Interna ab und wurde rasch als bedeutende Acquisition von dem Besitzer eines Teehauses mit Varietee engagiert. Er ließ reklamehaft ausstreuen von Intrigen, denen sie am Kaiserhofe erlegen sei und so weiter.
Nur die Blutarme, Gehetzte, die sich halb willenlos hatte mitziehen lassen, blühte auf unter den Gebrochenen Melonen. Sie hätte dieses Glück nicht für möglich gehalten. Zum ersten Male strahlte wieder etwas wie Hoffnung aus ihren eingesunkenen Augen. Aber sie war diesem Leben am wenigsten gewachsen. Ein fliegender Shi, wie sich die Kundigen der Bündler ausdrückten, bohrte sich durch ihre Haut und Eingeweide. Sie erbrach Blut und konnte nicht weiter. Man beschaffte für sie aus einer Dorfapotheke die lebenerneuernden Pillen aus dem Mutterkuchen einer erstgebärenden Hündin. Aber im schönen sommerlichen Feld blieb sie tot liegen und war ihr jämmerliches Dasein los.
Der Ruf der heiligen Prostitution verbreitete sich weit in diesen Landschaften. Vielleicht trug nichts so dazu bei, die Sekte bekannt zu machen. Die Behörden und die hetzenden Literaten in den Kung-tse-tempeln, durch nichts gehemmt, konnten doch zu keinem Entschlusse kommen über die Maßnahmen. Man konnte nicht die vielen hundert, zu denen entartete Angehörige der ältesten Familien gehörten, durch Polizei und Provinzialtruppen niedermetzeln lassen; das Schauspiel der Abschlachtung von Wahnwitzigen, die sich mit keiner Handbewegung wehren würden, wagte man nicht.
Man suchte durch Milde und sanfte Gewalt die Bündler zu bewegen, sich zu zerstreuen. Als jedem Versuch ein rundes Nein entgegengestellt wurde, verboten die Präfekten allen Ortschaften und Ansiedlungen, denen sich die Bündler näherten, die Gewährung von Speise und Trank an sie. Einzelne Präfekten arrangierten auf eigene Faust, unterstützt von ihren Behörden, Unternehmungen gegen die Bündler. Sie bedienten sich des Aberglaubens der Bevölkerung; streuten Gerüchte aus, daß die Bündler schöne Frauen aus einzelnen Dörfern mit Gewalt entführten, daß sie im Besitz lebenverlängernder Pulver seien, die sie für sich behielten. Auf Grund solcher Gerüchte erfolgten kleine Überfälle auf Bündler, die sich eben von dem Lagerplatz entfernt hatten. Man zog sie nackt aus, verbeulte sie. Die geheimen Veranstalter hofften durch solche Angriffe den Zulauf zum Bund zu mindern und über die Bündler Angst zu werfen. Unvermindert blieb die Ruhe der Gebrochenen Melonen, unverändert wirkte die Suggestivkraft des Westlichen Paradieses, das sie dem verhießen, der ohne Unruhe und von keinerlei Begierde getrübt dem Tao folgte; nur sie wüßten das reine echte Tao, und sie würden sich jener Kräfte bemächtigen können, von denen die alten Lieder singen.
Als solche Angriffe auf die Bündler wenig Erfolg hatten, zogen sich die Präfekturen von der Angelegenheit zurück, erstatteten den Provinzialbehörden Berichte, warteten ab.
Eifrig wurde in den Kung-tse-tempeln geschürt. Die Literaten, ehemaligen Regierungsbeamten, die zur Disposition Gestellten, ihre Freunde, alles Offizielle im westlichen Tschi-li betrachtete die Gebrochenen Melonen als persönliche Feinde, die man um so heftiger bekämpfen mußte, als der Regierung offenbar noch die Hände gebunden waren. Hier hatte man nur Furcht vor dem schlimmen Eindruck einer Niedermetzelung auf das Volk, sonst wäre längst alles erfolgt.
Bis eines Tages ein alter Militär, vom Rang eines Ti-tu in Schun-tö, dem religiöse Streitigkeiten zuwider waren und der sich nach Pe-king beliebt machen wollte, vorschlug, er wolle die Vernichtung der Gebrochenen Melone übernehmen auf eigene Verantwortung, wenn man ihm eine größere Geldsumme zur Einstellung einer Anzahl ehemaliger Soldaten, wahrhafter Vaterlandsfreunde, zur Verfügung stellte. Die Summe durch rasche Subskription der erfreuten Verschwörer zusammengebracht, machten sich eines Nachts zweihundert Mann von Schun-tö auf, um noch vor Morgen im raschen Marsch die Bündler zu erreichen, ehe sie ihr Lager verließen; der Ti-tu unter ihnen. Am frühen Morgen kam es dann zu dem berüchtigten Blutbad bei einem Dorf, nächst dem sich das Lager der Gebrochenen Melonen befand.
Das Gerücht von der Ankunft einer bewaffneten Bande hatte schon tagelang vorher die Bewohner dieser Gegend alarmiert; man zweifelte an der Möglichkeit eines Vorgehens gegen die harmlosen Menschen. Immerhin hatte das Auftreten des Bundes und die heilige Prostitution bereits hinreichend gewirkt, um eine große Anzahl von Bauern in der Morgenfrühe dieses Tages auf die Beine zu bringen. Sie liefen in Haufen von allen Seiten an, als Wehegeschrei aus dem friedlichen Lager scholl. Am Eindringen wurden sie durch flüchtige Brüder und Schwestern gehindert. Dann Keule gegen Keule. Sensen rissen schwertschwingende Hände weg. Spitze Bambuslanzen bohrten sich durch anrennende Leiber. Über Rücken meuchelnder Soldaten wuchteten Balken und Wurzelkloben. Maulaufreißen, Ächzen, Dumpfen, Knallen. Schweißdampf, dünne Blutsäulen, unregelmäßiger Rhythmus von Stille und Gebrüll. »Kuan-yin hilf!« Nach einer halben Stunde war der Dämon des Orts gesättigt. Hundert Soldaten blieben liegen, über zweihundert Schwestern und Brüder, vierzig Bauern.
Die Bündler sammelten sich. Rasende Flucht entfernte sie von dem Platz.
Gegen Abend erreichten sie in nördlicher Richtung einen großen See, den die Anwohner See der Eintracht nannten, hielten, entsetzt, daß man die Einsargung und Beerdigung der Toten den Bauern hatte überlassen müssen. Ma besänftigte. Er habe schon auf dem Wege von einer wissenden Stelle die Äußerung empfangen, daß die toten Schwestern und Brüder wohlvorbereitet gestorben seien; ihre Geister schwebten nach den erstrebten Bezirken auf.
Am mondhellen See beriet er mit acht Brüdern, was geschehen solle. Man konnte sich nicht hinmorden lassen. Mit gemachter Entschiedenheit erwiderte Ma, es sei gleich, an welchem Tage man sterbe; es käme nur auf die Bereitschaft des Geistes an. Er redete flau und fühlte, daß er nicht das Richtige für die ungeheure Lage traf. Er konnte nichts erwidern auf die Frage, ob man nicht sehen müsse, sich gut vorzubereiten, statt in den Tod zu rasen.
Hunderte über hunderte rotteten sich zusammen unter dem Banner der Gebrochenen Melone; aber keine Überfahrt in die ersehnte Heimat bereitete man ihnen, keinen Hafen für die Verdorbenen und Verunglückten. Nicht anders als Betrug konnte man es nennen, Schändung ohne Gewissen. Zur Schlachtbank führte man sie, zur Schlachtbank und nicht zum Westlichen Paradies.
Zu der Musik der scharrenden Schilfrohre flüsterten sie. Ma-nohs trostloser heißer Blick haftete fast irre an der großen Klosteranlage auf der anderen Seite des Wassers. Er konnte in der Helligkeit des Himmels alle Einzelbauten der Lamaserie erkennen, die vielen Kapellen, die große breite Gebethalle, die Wohnhallen der Mönche. In solchem stillen Hause wohnte er lange Jahre. Jetzt lag er ausgestoßen mit vielen hundert Menschen wieder vor seinen Toren. Durch einen See getrennt.
Die Brüder würgten sich verzweifelte Entschlüsse ab. Der Bund sollte aufgelöst werden. Die grauenhafte Verantwortung wollte keiner tragen. Sie flehten Ma an: »Was tun, was tun?« Morgen, übermorgen, in einer Woche kommen die Provinzialtruppen, umstellen die Gebrochene Melone, zerschmettern Brüder und Schwestern. Kein Zweifel; noch heute Bericht von Ortsbehörden an Präfektur, Tsong-tou; Friedensbruch in der Provinz; baldiger Eingriff der Regierung. Was hat die Gebrochene Melone verschuldet, daß das geschah? Alles Klagen hilft nichts. Was soll geschehen? Die teuren Brüder tot, die feinen Schwestern, die frommen Wanderinnen tot. Blutsäulen, zerspaltene Stirnen, willig hingehaltene Hälse: unausdenkbar das alles, überqualvoll, zermalmend, zwischen saurem Schweißdampf und hetzendem Gröhlen Aufstieg in die Westlichen Bezirke. Der Bund, der Ring zerbrach.
Ma-noh saß still, horchte auf sich. Er erinnerte sich auf einmal jener ersten Unterredung der Nan-ku-Bettler mit Wang-lun in seiner Hütte. Man drängte Wang um Schutz von der Weißen Wasserlilie. Für die Gebrochene Melone gab es keinen Schutz, sie war ohne Freunde, Wang-lun hatte sich erhoben mit seinem langen Schlachtschwert, in der Nacht das Lager seiner ehemaligen Brüder verlassen.
Ein siedender Haß auf Wang-lun übergoß Ma. Sein Arm wurde von innen geschüttelt, seine Zähne geknirscht. Ein Entschluß stürmte durch seine Knie in seine Zehen, rüttelte an seinem Zwerchfell, so daß sein Atem still stand; wie von Blitz und Donnerschlag war er widerhallend durchrollt.
Die schmalen bunten Gebetswimpel auf den platten Dächern drüben schaukelten im Wind, stellten sich auf.
In stummer Frühe ließ Ma den Lagernden ein Zeichen geben. Man rauschte um den See. Rasch waren die Klosteranlagen von den Menschen umfaßt, bevor die drei ersten Stöße des Muschelhorns die Brüder drin zur Frühandacht weckten.
Ma schlug mit der Faust an das Tor. Fünf seiner Brüder folgten ihm über den Hof in das hochgelegene Zimmer des Chan-pos. In dem kahlen hohen Zimmer, in das ein paar Stufen vor einen verhängten Raum herunterführten, stand der Chan-po vor einem prachtvoll geschnitzten Wandtisch, der die Bilder Verehrungswürdiger trug; ein noch junger Mensch mit ruhigen geistvollen Zügen. Ma-noh in seinem Flickkleid hatte sich nicht von dem Pförtner abweisen lassen; der Prior wartete zu hören, was so dränge. Er schien nicht gewillt, die sechs Fremden ohne weiteres als Gäste zu betrachten; nach der Begrüßung schwieg er.
Ma nannte seinen Namen und die der Begleiter, erklärte mit kalter Beherrschtheit, daß er mit dem Prior über eine wichtige Angelegenheit verhandeln wolle.
Der entgegnete, daß die Almosenverteilung Sache eines Bruders sei, zu dem sie der Pförtner führen würde; der würde sie auch über ärztliche Hilfeleistungen und Stillung augenblicklicher Not beraten.
Ma-noh wollte den Chan-po sprechen.
Er lud sie zögernd zum Sitzen auf den Kniehockern ein, mit dem Hinweis, daß die Frühmesse bald beginne.
Ma-noh, hinkauernd, erklärte, daß ihre Zeit sich auf die Zeit zwischen zwei Atemzügen beschränkte und sie bald zu Ende sein würden. Ob der gründliche Kenner der heiligen Saktastexte aus den Göttergesprächen magische Formeln gelernt habe, mit denen man Menschen vor der völligen körperlichen Vernichtung retten könne.
Der Prior staunte den kenntnisreichen Bettler an und sagte langsam, er wüßte einige schützende Silben, indem er seine gelben Augen auf den Mann richtete.
Ob, fragte Ma weiter, der wissende Prior den schützenden Silben so vertraue, daß er sich selbst mit ihnen in Gefahr begeben würde.
Der Chan-po, tiefer erstaunend, erklärte, er vertraue diesen Silben und manchen anderen; aber ob der Frager vielleicht ein verkleideter Ge-long sei, wozu er ihn aufsuche und examiniere; was dies bedeute und wer sie wären.
Ma-noh, mit ihm zusammen aufstehend, meinte, es sei kein Anlaß, die Unterhaltung, die eben beginne, bald am Ziel sei, schon abzubrechen; und eine verlorene Frühmesse wiege für die Heiligkeit nicht so viel wie der Mord an tausend Männern und Frauen. Denn sie könnten ohne Umschweif und Höflichkeit verhandeln; ob der erleuchtete Chan-po mit seinen fünfhundert Mönchen gleich in die Ebene hinuntergehen würden, von Verbrechern verfolgt, aber vertrauend auf die Tantrasformel? Ob der erleuchtete Chan-po sich herablassen würde, einen Blick zum geöffneten Fenster hinauszuwerfen und zu sehen, was die Nacht draußen verändert hätte. Der Abt mit zwei Schritten gegen das Fenster, riß es auf; Murmeln der Mönche über den Hof, das schimmernde Seeufer, soweit man sehen konnte in dem Morgennebel, geschwärzt, eingefaßt von hunderten sich regenden Menschen, Männern und Frauen, Wagen, Karren; sie hielten sich so still, daß nicht einmal die Mönche draußen, die zur Messe gingen, etwas ahnten.
Das Gesicht des Abtes, viereckig, gefroren, wandte sich nicht um; er gurgelte: »Sind das die Verbrecher, die uns verfolgen?«
Ma-noh, neben ihn tretend, schloß vor seinem Gesicht rasch das Fenster; dies seien die Verfolgten, die von ihm Schutz verlangten. Aber niemand könne freilich sicher sagen, wann aus Verfolgten Verfolger und Verbrecher würden. Sie seien die Gebrochenen Melonen; ein unkeuscher Name für das keuscheste Ding; sie seien heute morgen massakriert worden; ihre Toten lägen noch einen Tagesmarsch hinter ihnen auf dem freien Felde; jetzt verlange er, Ma-noh, für seine gehetzten Menschen Wohnung, Mauer und Schutz.
Es klopfte gegen die Tür; der Abt drehte den Kopf. Er könne nicht kommen zur Andacht; man möchte ihn vertreten; man möchte nicht zu langsam lesen und bald den vertretenden Bruder Ge-long zu ihm heraufschicken.
»Was, mit geraden Worten, Bruder Ma-noh, willst du von mir?«
»Du sollst uns aufnehmen in dein Kloster, Männer und Frauen, und dann die Tore verschließen, großer Chan-po.«
»Wie kann ich euch schützen? Ist der Schutz von verfolgten Heeren Sache der Klöster? Wer im Freien steht und den Blitz auf sich zieht, warum schilt der auf den Blitzschlag?«
»Niemand schilt. Wir brauchen keine Belehrung. Wir brauchen Schutz. Wenn der große Chan-po mit seinen Mönchen nicht Platz genug für uns im Kloster hat, so wird der große Chan-po mit seinen Mönchen das Kloster verlassen müssen. Auf ein paar Wochen. Bis es besser für uns geworden ist. Hier gibt es keine Wahl für uns Gehetzten. Dies ist die gerade Antwort. Und auch für den Chan-po gibt es keine Wahl; wenn er nicht in zwei Tagen mit unserem Blut befleckt dastehen will und seinen schrecklichen Wiedergeburten nachweinen wird. Auf seinen Schultern die Last von hundert unbefreiten Menschen.«
Ma-noh wartete mit den fünf Brüdern in einem Zimmer des Erdgeschosses; sie tranken seit langer Zeit wieder den feinen heißen Tee aus bemalten Tassen. Die Stimmen des Abtes und seines Stellvertreters klangen abgerissen herunter. Nach einstündiger Beratung ließ der Abt sie wieder rufen. Er hielt mit erblichenem Gesicht noch das schmuckreiche schwarze Gebetszepter in der Hand; neben ihm stand sein Stellvertreter, ein scharfer grauer Kopf mit mongolischen Zügen. Eindringlich sanft bat der Abt Ma-noh, das Kloster mit allen Schätzen gut zu verwahren; er möchte ihm Boten schicken in das kleine Kloster jenseits des Flusses, wohin er selbst zöge, und ihm mitteilen, wann die Gefahr für sie vorüber sei und sie das Kloster verließen. Beim Amithaba habe er gebetet, daß die Seelen der unglücklichen Verfolgten gerettet würden.
Ma ging mit straffen Schenkeln über den Hof, der von aufgeregten Mönchen wimmelte. Die Tore öffneten sich; man umringte ihn draußen. Dann erhob sich das Jauchzen, das sich lauffeuerartig fortpflanzte.
Als die heiße Sonne eben im Mittag stand, schoben sich die mächtigen Torflügel auf. Man sah aus vielen Höfen die Mönche zusammenströmen, sich hintereinander ordnen, sich um liegende Geräte mühen. Der Auszug des Chan-po mit der gesamten Mönchsschaft vollzog sich. Die Menschenmassen vor dem Tore teilten sich.
Die Geistlichkeit, das allerhöchste Gut der Welt, erschien inmitten der Armen, die einen dilettantischen, viel kürzeren, schmerzensreichen Weg nach den ewigen Freudenhimmeln einschlugen. Voran junge Novizen mit leeren Händen, unbedeckten Köpfen; die Ban-dis, kahle runde Schädel mit einem kleinen Haarbüschel auf dem Scheitel.
Zu fünf nebeneinander Mönche mit langen braunen Kutten bis zu den Füßen; viele hatten die rote Priesterbinde von der linken Schulter zur rechten Hüfte umgeschlungen; manche trugen Überwürfe, weite gelbe Mäntel, die die rechte Schulter nackt ließen. Alle unter schwarzen vierzipfligen Mützen. Murmelton. Zu zweit trugen sie rote Paniere mit andachtgebietenden Inschriften. In Sänften zuletzt die Priester aller Weihen, unter ihnen in einer gelb ausgeschlagenen Sänfte der Chan-po. Zwischen den höchsten Priestern Lehrlinge mit Polstern in den Händen, darauf die Altarstücke und die sieben Kleinodien, kunstreich geschnitzte, gegossene Tiere; Elefant, Goldfisch, Pferd, Opferschalen aus Silber, gebuckelte Teller, Gießkannen, Metallspiegel, heilige Symbole der fünf Sinne. Auf bedeckten Karren fuhr man fort das umfassende Buch, die Mutter genannt, zwölf schwere Bände in holzgerahmten Seiten. Vor, neben der Sänfte des Chan-po krachten Mönche von Zeit zu Zeit in die Gongs, pumpten ihre Lungen in die ungeheuren Posaunen, die auf den Schultern der Vorangehenden ruhten.
Auf breiten Bahren schwankten die Bildsäulen der großen Götter vorüber; unverhüllt blickten die wesenlosen Gesichter über die erregten Menschen, ertrugen den frischen Duft des Sees. Da saß der Beryllglanzkönig auf dem Lotosthrone; in der herabhängenden Rechten hielt er die mystische goldfarbige Myrobalane; die beiden Buddhas mit der Löwenstimme und der Kostbaren Kopfzier begleiteten ihn. Das furchtbare Bild der Heilspendenden Göttin, die auf einem Blutmeer reitet, tauchte aus dem Dunkel ihrer Kapelle in die warme helle Himmelsluft hinein; ihre blitzschießenden drei Augen, ihre brennenden Augenbrauen vermochten nichts gegen das gleichmäßig heitere Sonnenlicht, das in unverminderter Kraft über ihr schlangenbefangenes Gesicht fuhr. Zuletzt schleppte der Pförtner seinen abgestandenen, verkümmerten Leib an, gab Ma-noh, trübe Gebete keuchend, das unförmige Vorhängeschloß des Tores.
Das Blasen der Posaunen tönte noch von der rechten Seite des Sees; ab und zu puffte ein Gongschlag. Da strömte jubelnd, weinend, ernst der absurde Troß der armen Gebrochenen Melonen in die leeren Höfe, die schlammbedeckten Männer, die Verwundeten, die Blutbespritzten, die Mädchen mit den bunten Kitteln und trockenen Blumen im wirren Haar, die Sängerinnen, die vor Angst lachten, die stammelnden plappernden Blinden und Krüppel. Sie drangen in die Höfe, die Kapellen, die Gebetshallen, aus denen die überirdischen Götter ausgezogen waren, füllten jeden Winkel und jeden Raum bis zu den bemalten Decken mit ihrem Elend.
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