Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 13
Wang, unbeweglich auf dem Karren sitzend, fragte Ma-noh, ob sie auch viel unter den Verfolgungen von Truppen zu leiden hätten. Ma wollte, als dicke schwarze Blutstropfen durch Wangs Hosen quollen, ihm Wasser und ein stillendes Pulver bringen; aber Wang hielt ihn kopfschüttelnd zurück und meinte, indem er zu sprechen fortfuhr, es sei ja gleich, von wem die Brüder und Schwestern zu leiden hätten, von den Tao-tais oder von anderswo. Oder was Ma-noh meine? Das Schicksal sei hart und nicht zu beugen. Es sei gut, die Brüder zu lehren, den Weltlauf unangetastet zu lassen; aber dies sei nicht so gemeint gewesen, selber das Schicksal zu spielen und andere und die Brüder und Schwestern es ertragen zu lassen. Diejenigen, die glaubten, auch dann noch unangetastet zu bleiben, könnten sich in schweren Irrtümern wiegen. Ja, sie müßten und sollten sich in einem Irrtum wiegen, der sie mehr als einen blutigen Tropfen kosten könnte.
Ma-noh, sich auf die Matte kauernd, hörte ihn ohne aufzublicken an. Er sah den ungeschlachten Bauernburschen vor sich, der eines Wintertags auf dem Nan-kupaß die kleine Stiege zu seiner Felsenhütte heraufkam; er bettelte und ging nicht von seiner Türe weg, fragte nach den goldenen Fos auf dem Regal.
Er wurde von einer heißen Liebe zu Wang erfüllt, wollte sich einer Empfindung hingeben, die unter dem rauhen, wohlbekannten Schan-tungdialekt Wangs aufatmete mit einem »Endlich!« aber blieb still sitzen, sann und wunderte sich nicht einmal, daß er nachdachte.
So verändert habe ich mich, dachte Ma-noh. Die Täler und Berge der achtzehn Provinzen sind breit und unermeßlich weit, den Schlüssel zum Westlichen Paradies trage ich; Wang-lun und ich müssen in Frieden voneinander lassen.
Er sagte, Wang-lun sei sehr lange fort gewesen; der Schutz der Weißen Wasserlilie sei wichtig, aber wichtiger die Leitung der Brüder und Schwestern, auch schwieriger vielleicht. Wang-lun möge nicht bitter werden; man könne Regeln leicht und in Menge aufstellen; es hätte sich gezeigt, daß die Regeln des Nan-kugebirges bei aller Kostbarkeit sich nicht allen Verhältnissen anpaßten; man hätte sie ändern müssen, Wang-lun könne sich überzeugen, daß man im Wesen gleich geblieben wäre, als käme man eben um die Schönn-i-Klippen herum. Wang-lun gelte als ein vollendeter Heiliger; er möge sich nicht in Zorn über sie ergehen.
Es war Ma-noh unverständlich, was ihn trieb, Wang zu quälen, und ihn einen Heiligen zu nennen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er die Wendung auf der Zunge wie eine süße Dattel zerdrückte und mit kaltem Vergnügen schmeckte.
Wang stand in Schmerzen; er stocherte mit seinem Schwert in dem Moos. Dies hatte er nicht geglaubt, nicht dies. Dieser Mann schien ihn anwerfen zu wollen.
Er glitt leidend auf die Matte neben Ma; der Priester streifte ihm gegen seinen Willen die Hose auf, holte einen Krug und Leinen, wusch das Knie.
Wang beobachtete ihn: »Ma, wir haben einmal auf dem Nan-kupasse nebeneinander gesessen; das waren wir doch, du und ich? Oberhalb der kleinen Pochmühlen wohntest du. Wir waren miteinander befreundet?«
»Wir sind in die Felder und Wälder von Tschi-li hinausgegangen, Wang. Tausende sind aus den Städten, aus allen Präfekturen, Distrikten zu uns gekommen, um unsere Freiheiten und wahrhaftigen Unabhängigkeiten zu kosten. Wir haben Gefängnisse mit List, Geld, Betrug öffnen müssen, um Brüder von uns zu befreien. Keiner von ihnen wäre gekommen und wir hätten umsonst gearbeitet, wenn wir nur ein anderes Gefängnis gebaut hätten, aus alten trockenen Worten, verhärteten Regeln. Das war nicht deine Absicht. Und wenn es deine war, so wäre sie es nicht geblieben, wenn du uns begleitet hättest vom Nan-ku herunter bis an den Sumpf von Ta-lou.«
Wang griff nach Ma-nohs Kinn.
»Ma-noh, wer, sagst du, hätte seine Absicht geändert, wenn er mit euch, die südwärts gezogen sind, vom Nan-ku bis zum Sumpf von Ta-lou gewandert wäre? Wer hat sie denn geändert? Wie viele und wie gute waren das? Ma, es gibt zweierlei Arten von Menschen; die einen leben, und wissen nicht, wie sie es machen sollen, die andern wissen, wie sie es machen sollen. Das sind wir, die kein Recht haben zu leben, die für die andern da sind, jawohl, Ma-noh, selbst um den Preis, die höchsten Khihs zu verlieren. Jedem ist sein Amt vorgeschrieben. Was dir und mir vorgeschrieben ist, haben wir auf deiner Hütte über den kleinen Pochwerken gewußt. Es brauchte keine Wanderung durch Tschi-li für dich und keine Begleitung für mich, um das zu lernen. Du sollst nicht deinen Bohnenbrei essen und dich neben ein Weib werfen und nach dem Westlichen Paradiese laufen. Ich dachte, das wüßtest du schon. Uns ist das alles versagt. Uns ist etwas anderes gegeben, nämlich dies alles zu wissen. Aber ich will nicht zornig werden, mein Bruder Ma-noh.«
»Du wirst nicht zornig werden, Wang.«
»Du weißt nicht, warum ich nicht zornig werde. Vorhin, bevor ich in euer Tal einbog, bin ich über ein Feld mit Thymian gegangen. Ich fand nicht gleich zurecht, deine Boten waren vorausgelaufen, mein Knie schmerzte, ich konnte nicht rasch nachkommen. Ich saß einen Augenblick auf einem Maulwurfshügel. Was nun kommen würde, unser Gespräch, unser Wiedersehen, verwirrte mich etwas. Einen Moment schien es mir, ich müßte einem Feldschatten verfallen, der mir hier aufgelauert hatte. Wie ich wieder die Augen aufmache, sehe ich eine breite Lichtschnur in lauter bogigen Windungen quer über das Feld. Dicht bei meinem Maulwurfshügel fing es an, ein kleines niedriges Flimmern, das nicht stillstand. Das waren Leuchtkäferchen. Die Natur ist nicht gegen uns. Ich will heut nacht warten, ob mir der König der Leuchtkäferchen im Traum erscheint und will mich bei ihm bedanken. Vielleicht waren es hilfreiche Geister aus dem Sumpf, die mich sahen, wie ich hinfällig war; sie sind selbst so arm. Das Flimmern führte bis in dein Tal. Ich bin nicht zornig; ich bin nicht verlassen.«
»Wang, du wirst dich nicht gegen mich wenden. Vor wenigen Wochen dachte ich ja wie du: sie die Körner, wir die Wurfschaufel, sie der Kopf, wir die Mütze, sie der Fuß, wir der Pfad. Dann sind Dinge gekommen, deren ich mich schwer entsinne, -- daß sich der Hut, wirst du sagen, des Kopfes bemächtigt hat, und der Weg vor dem Fuß davongelaufen ist. Ich weiß, daß ich dir Rechenschaft schuldig bin dafür, ja, lehn es nicht ab, bin dir Rechenschaft schuldig. Aber ich kann dir keine geben, denn ich vermag mich nicht, auch wenn ich mich anstrenge, nicht darauf zu besinnen. Es ist vor mir ausgewischt, wie eine Tusche vom Regen.«
»Die schlechte Tusche«, unterbrach ihn Wang, der lächelte. »Und wie heißt der Regen, lieber Bruder?«
»Nicht Untreue.«
»Der Regen heißt Eitelkeit und Herrschsucht; Eitelkeit und Herrschsucht wollte ich sagen.«
Wang hielt Ma-noh, als sie so nebeneinander kauerten, bei den Schultern und prüfte unsicher Mas dürres Gesicht. Sie sahen sich zum erstenmal voll an. Wang schien ernster und trauriger zu werden; er hielt vertieft den Kopf schräg; nahm in einer mitleidigen Aufwallung Mas Hand und streichelte sie: »Wie heißt der Regen, Ma-noh? Was ist dir begegnet?«
»Du warst so lange fort. Wir haben als Wahrhaft Schwache gelebt. Die Frauen sind gekommen. Was den andern Brüdern begegnete, weiß ich nicht. Ich wußte von einem Tag an, daß ich -- nicht mehr -- ohne Begierde -- war. Ich wollte es wieder sein. Das Leben ist ja kurz. Man darf nicht zu lange falsch gehen, man kann nicht die Tage wie Kupferkäsch zählen und für Reis und Hirse eintauschen. Nun bin ich wieder ohne Begierde, ich habe mich gesättigt, muß mich immer wieder sättigen; ich weiß, du brauchst es nicht zu sagen, es ist endlos: aber ich kann frei und rein beten und hoffe, daß mein Einsatz schwer genug wiegt auch mit den Gelüsten. Schimpfe nicht, Wang. Ich weiß, daß mich niemand verachtet.«
»Das waren die Frauen. Bruder Ma-noh, ich verachte dich nicht darum. Aber du bist noch nicht zu Ende, du wolltest wohl noch weiter reden. Du liefest zu der Frau, nach der dich hungerte. Dann nahmst du sie und gingst deiner Wege, nach Nan-ku zurück, oder in ein Dorf, eine Stadt? Niemand wird gezwungen, zu uns zu kommen. Jeder kann gehen, wenn es ihn drängt. Nicht wahr, so tatest du?«
Ma-noh, mit halbem Gehör folgend, redete grübelnd weiter: »Was Begierden sind, habe ich vor langer Zeit gewußt. Aber was Frauen sind, war mir unbekannt. Frauen, Frauen. Du bist nicht, Wang, wie ich, von Kindesbeinen in der Schule des Klosters gewesen. Man seufzt, und weiß nicht warum. Man wirft sich im Mondschein in vieler Unruhe, und schließlich seufzt man nach der -- Kuan-yin, ängstigt sich um die -- zwanzig heiligen Bestimmungen. So vergißt man sich. Jetzt sind die Frauen gekommen. Ich glaube, sie haben mich manchmal vom Morgen bis Abend umschlungen, geweint, mich um wunderbare Formeln gebeten. Bis ich sie beruhigt hatte und sie unsern Weg wußten, vergingen Wochen, und dann kamen neue. Sie gingen meinen guten Weg, schließlich. Mir ließen sie einen Druck zurück auf der Schulter, ein dünn gequetschtes japsendes Herz, ein Schwitzen an den Händen. Ich ging ihren Weg. Es sind Stärkere zu dieser Arbeit nötig, mich hat Pu-to-schan verdorben. Da sieh, neben uns auf den Karren, wer da steht! Stehen sie noch? Dieser Ratterkasten ruht von seiner zwanzigjährigen Wanderschaft, die Götter drücken ihn im Schlaf.«
Ma-noh griff, ohne sich aufzurichten, neben sich an die Deichsel des Karrens, ruckte daran. Die goldenen Buddhas wackelten, stürzten nach beiden Seiten an den Boden, purzelten über- und nebeneinander. Zuletzt fiel mit einem scharfen Geräusch die Kuan-yin aus Bergkristall hintenüber. Sie sprang, hart auf einen abgebrochenen Buddhakopf schlagend, mitten entzwei; ihre Arme splitterten.
Wang suchte Ma-nohs Gesicht. Aber der hatte sich über sich gebückt und redete, als wäre nichts geschehen.
»Obwohl es mir so ging, wollte, konnte ich dich nicht verlassen. Es ist sinnlos, mich zu bestrafen, nein, mich auszustoßen für die Ewigkeit, weil ich so schlecht aufgezogen bin. Es muß ein Ende nehmen damit. Die heiligen Bücher können nicht gelten. Es muß eine Lösung geben. Ich wußte die Lösung. Die Keuschheitslehre ist ein Wahnsinn, keine kostbare Regel, eine Barbarei. Die Brüder und Schwestern haben mir zugestimmt.«
Wang zuckte. Er warf sich halb nach der Wand zu, so daß ihn Ma-noh im Schatten nicht erkennen konnte. Sein riesiges Kriegsschwert lag schräg über dem Knie, dessen dünner Verband hellrot durchblutet war.
Das Schwert hatte ihm Chen-yao-fen in Po-schan gegeben, als er sich verabschiedete. Es hieß der Gelbe Springer. Es vererbte sich in der Chenfamilie und forderte den Besitzer auf, an die Traditionen der Weißen Wasserlilie zu denken.
Eine gerade doppelschneidige Klinge; in ihrer Oberfläche sieben runde Messingscheibchen eingelegt; dicht an der Wurzel unterhalb eines Sternmusters Lotosblätter. Der goldbeschlagene Griff nach der Mitte zu anschwellend; beiderseitig die Charaktere der Mings, Sonne und Mond, aus feinem Silberdraht; die Parierstange mondförmig. Der Knauf prächtig endend in einen züngelnden Drachenknopf.
Wang sagte nicht, was ihn bewog, sich nach einem Schweigen aufzurichten und, das Schwert wegschiebend, Ma-noh hart und unbarmherzig die wagerecht gestreckten Arme wie Balken über die Schultern zu wuchten und den Bruder in einer Klemme zu halten. Wangs Zähne klapperten; ein stoßweises Zittern warf seine Hände, die nach dem Schwertknauf greifen wollten, um Ma-noh die Klinge in den zugekniffenen Mund zwischen die Lippen zu zwängen, sie rasch im Schlund umzudrehen, zu bohren, herauszuziehen und über die ledernen Backen zu schlagen.
Ma-noh sank vornüber unter dem Druck. Er erwartete finster, was weiter geschehen würde. In einem bösen gehässigen Gefühl blieb er sitzen, als Wang die Arme abhob und seufzend das kranke Knie streckte.
Wang fing einen giftigen Blick Mas von unten auf. Sein Gesicht wie unter einer federnden Polsterung schwoll hoch. Er zog sich mühsam an seinem Schwert auf, die blutunterlaufenen Augen flackerten. Er zeigte mit beiden Händen auf Ma herunter: »Du, du bist der Verräter, du bist ein Betrüger, ein Verführer, bleib nur ruhig sitzen, das ist statt langer Erklärungen alles und jedes in einem Wort. Ich hätte es dir schon vor drei Tagen gesagt, als ich von euch hier gehört habe. Du hättest die Lösung in deiner jämmerlichen Not nicht suchen brauchen; ich hätte dir gleich sagen können, daß du alle Welt, jeden Freudenhimmel und jede Seligkeit verraten würdest, um neben deiner Frau auf dem Stroh zu liegen. Denn du bist giftig, ein Skorpion von Natur; ich bin schuld daran, allein ich, der dich gewähren ließ unter den Wahrhaft Schwachen. Ich bin die Säule, die alle tragen muß, ich bin der Himmel, der undurchbrechbar über den Armseligen ruht und selbst nichts hat von seiner Sonne und den Gestirnen. Ich habe mich entschlagen von mehr, als du weißt, Ma-noh, von mehr als einem Weib und tausend Weibern; von mir selbst hab ich mich abtrennen müssen, von meinen Armen, meinen Beinen, von meiner Geburt und Vergangenheit, hab meine eigenen weißen Därme in ihre Bäuche gewühlt und mich ausgeblutet. Mit Gewalt hab ich das tun müssen.
Die glücklichen Inseln werde ich nicht erreichen, das Chikraut kann blühen wo es will, nichts ist jetzt mehr, nichts darf mehr sein, was ich erlebt habe. Unbeerdigt ist der ernste Su-koh gestorben. Die obdachlosen Geister müssen vor mir abweichen, denn ich bin selbst leer, ein vergilbtes Blatt, ein Drache aus Papier, bunt bemalt und mit einer Heulsirene im Maul, wie ihn die Leute im Süden vor Leichenzügen tragen. So bin ich, daß ich selbst Schrecken vor mir erlebe, wenn man mich ruhig auf einem Stein sitzen läßt, daß ich mich für einen schwirrenden Kwei halte, der einen frischen Menschenkörper sucht.
Aber du, Ma-noh, bist nichts von dem. Wohl dir. Ja, dir blitzt die Hoffnung aus den Augen, und in deinen Eingeweiden sitzt das Vergnügen. Du bist kleiner als ich, du bist dürftiger als ich, trockener als ich, aber prahlst vor mir mit deinem Leben.
Ich bin dir begegnet, Ma-noh, vor zwei Tagen. Du warst es, nicht wahr, gestehe es, du warst es! An einem Weiher, zwischen zwei Weidenbäumen ist es gewesen. Du warst der Kranich, der nicht von mir abweichen wollte, der vor mir ab und auf spazierte mit stolzen Beinen, mit scharlachroten Beinen, und Frösche spießte. Du trugst ein weißes Kleid und blicktest listig mit gelben Augen aus deinem blutroten Kopf heraus. Und dann, nachdem du vor mir gefressen hast und ich dich in Ruhe gelassen habe, hast du dich erhoben in die Luft und deinen schwarzen Mist auf meinen Kittel und meine Sohlen fallen lassen.
Du böser Schatten, du Kwei, du wirst mich nicht zunichte machen, sag ich dir. Das wirst du nicht, sag ich dir! Der Kwei wird an mir vorüberhuschen müssen.«
Wang, das kranke Knie angezogen, fuchtelte mit seinem Schwerte herum. Er flüsterte scharf, mit Abscheu dem kauernden Priester in das ihm entgegengehobene Vogelgesicht. Jeden Satz warf er mit Genugtuung besinnungslos auf den Priester wie eine Handvoll gestoßenen Pfeffer. Durch das, was er sagte, klang die eiserne Wut.
Ma-nohs Haß auf diesen Mann stieg ins Maßlose. Ab und zu spitzte er höhnend seinen Mund, spannte sich zu einem todesmutigen Sprung, fiel traurig zurück, härtete sich kalt. Er rührte sich nicht, beschloß, sich nicht vom Fleck rühren zu lassen.
»Wenn mein Bruder Wang heute nacht dem König der Leuchtkäferchen im Traum begegnet, so wird er nicht nötig haben, ihm zu danken. Ein weiser alter Mann aus der Hanperiode lehrte: der Weg im Zorn beschritten wird vergeblich sein. Mein Bruder Wang trägt ein Kriegsschwert an der Seite. Er sagt, er müsse ein Kriegsschwert führen und dürfe sich nicht dem heiligen Tao nähern. Mein Bruder mag an meiner kläglichen Ruhe merken, daß ich mehr dazu neige, geschlagen zu werden als zu schlagen. Sein Schwert scheint mir eine besessene Seele zu haben, die ihren Herrn verführt in einen Sumpf. Wie auch immer: dieser Ma-noh aus Pu-to-schan wird niemals ein Schwert berühren, und es wird ihn nie jemand dazu reizen können. Denn er ist zu schwach für den tobsüchtigen Geist eines Schwertes. Ma-noh geht dem Tao nach, als käme er eben um die Schönn-i-Klippen herum, -- als wenn er eben erst die Worte eines Mannes hörte, der wie ein Boddhisatva sprach, Wang-luns Worte: 'Ein Frosch kann keinen Storch verschlucken. Gegen das Schicksal hilft nur eins: Nicht widerstreben, schwach und folgsam wie das weiße Wasser sein. Wir wollen auf eine Spitze laufen, die schöner ist, als die ich sonst jemals gesehen habe, auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit.' Auf diese Spitze läuft unbeirrt Ma-noh. Und weil Ma-noh nicht ohne Gelüste nach den Frauen blieb, so läuft er mit den Frauen. Aber auf den Gipfel muß er gelangen, wird er gelangen. Du magst dich abwenden von mir, Wang-lun; süß sind mir die Frauen, mein Auge hängt an ihnen wie an den Farben der Orchideen, ich habe niemals so rein gebetet wie seit dem Augenblick, wo eine auf diesem Strohsack neben mir lag. Keine Versenkung auf Pu-to-schan, die ich sah und die ich erlebte, keine Entrückung ist so voll Macht gewesen wie meine seit diesem gemeinen Augenblick. Der Durst meiner Kehle ist so wenig böse wie das Gelüste meiner Hände und meines Schoßes. Cakya-muni hat sich geirrt. Mir steht das fest. Wenn ich dir auf Nan-ku anderes von den goldenen milden Buddhas erzählte und du es aufnahmst, so habe ich dich Schlechtes gelehrt, und es ist nur recht, daß es auf mich zurückfällt, wenngleich es mich nicht beirren wird, Wang-lun. Wir gehen nicht mehr gemeinsam, Wang-lun. Quäle dich nicht und quäle mich nicht.«
Wang-lun saß in steinerner Ruhe auf dem Karren. Das lange Schlachtschwert lag im Moos auf zerbrochenen Buddhaköpfen. Es war Wang klar, was geschehen mußte; es war Ma-noh klar. Darum sprachen sie nicht mehr.
Er bat Ma-noh, ihm kaltes Wasser für sein Knie bringen zu wollen und morgen einen Arzt zu bestellen. Ma schleppte mit zwei andern Männern Haufen von Gras in die Hütte. Sie sahen sich, bevor sie sich schlafen legten, ernst an und grüßten einander. Sie standen nebeneinander. Dann warfen sie sich hin.
* * * * *
Wang blieb vier Tage bei den Gebrochenen Melonen, die sich rüsteten weiter südlich zu wandern. Er beobachtete sie, lernte die Mehrzahl dieser Anhänger kennen. Er widersprach ihnen nicht, redete wortkarg und sehr versunken von dem schweren Weg der Wahrhaft Schwachen. Als sie ihn fragten, warum er, der sich widerstandslos wie sie dem Schicksal beugen wolle, die Jacke eines Soldaten und ein Schlachtschwert trage, antwortete er lächelnd, daß sich viele Leute maskieren, um Böses abzuschrecken. Am Tage des Chü-juan, am fünften Tag des fünften Monats wüten die fünf giftigen Tiere, die Schlange, der Skorpion, Tausendfuß, die Kröte und Eidechse; da reiben die ängstlichen Mütter den Kindern Schwefelblüte mit Wein in Ohr und Nase und malen das Zeichen »Tiger« auf die Stirnen; aber sie wollen damit nicht sagen, daß ihre Kinder wilde Tiger seien.
In ihm war seit dem Tage, wo er das Nan-kugebirge unter Schneestürmen verließ, bis zu diesem Sommermonat eine Umwälzung vorgegangen. Ma-noh bemerkte schon, als sie in der Gerätekammer zu Pa-ta-ling saßen, wie sich in Wang ein erbarmendes Gefühl für die Brüder festsetzte, die ihm vertrauten. Wang machte die wechselvolle Reise durch Tschi-li und Schan-tung. Je mehr er litt, um so mehr drängte es ihn heraus aus der Rolle des friedlichen Wahrhaft Schwachen, der seiner Seele ein reines Kleid bereiten will. Es befestigte sich in ihm die Haltung des Verteidigers seiner Brüder. Er mußte kämpfen für die Ausgestoßenen seines Landes.
Dicht bei Tsi-nan-fu trat die Versuchung an ihn heran. Er konnte seinem Drange, der sich schmerzlich und glückselig durch seine Brust senkte, nicht widerstehen, stieg, das Gesicht mit Kohle beschmiert auf die Landstraße, die von Osten nach Tsi-nan-fu führte. Trabte einige Zeit allein, wartete auf einen Wagenzug, mit dem er sich in die Stadt einschmuggeln könnte. Es kam keiner um diese Tageszeit, denn Ölwagen, Frucht-, Gemüse- und Kohlenzüge pflegten schon in den ersten Morgenstunden in Tsi-nan einzufahren. Ehe sich Wang in einem sonderbaren Leichtsinn ganz dem östlichen Stadttor genähert hatte, wurde er von zwei Polizisten beobachtet, die ihn an seiner großen Figur, seinem schaukelnden Gang erkannten, ihm folgten und mit einem Torwächter festnahmen, wie er gerade, als wäre er Bürger von Tsi-nan-fu, gleichmütig und langsam durch das Osttor segelte.
Wang sah durch das handgroße Gitterfenster des Kellers, in den man ihn geworfen hatte, die breite gewundene Handelsstraße mit den Läden, den lärmenden Ausrufern und dem vielfarbigen Gewimmel, unter dem er selbst seine Späße, Künste und Betrügereien geübt hatte. Zur linken Hand mußte der Markt liegen, auf den die Straße mit dem Tempel des großen Musikfürsten Hang-tsiang-tse führte. Geradezu war die Richtung zur Herberge, zu Su-kohs Haus, das eingeäschert lag. Dann der Übungsplatz der Provinzialtruppen.
Und jetzt überfiel Wang die Versuchung: hier zu bleiben, die Gerichtsverhandlung abzuwarten, die Strafe des Zerschneidens in Stücke zu erdulden. Er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, warum ihn dieses leidenschaftliche Verlangen überfiel. Er wollte, im Gewimmel dieser feilschenden Menschen, zwischen all dem Klappern, den Gongschlägern, den Ausruferstimmen sterben, hier in seiner Heimat. Er dachte in diesem Keller über seine veränderte Lage nach. Wie er vor Monaten die Nan-kugefährten verließ, wie er an Chen-yao-fens prachtvoller Tafel vor kaum zwei Wochen speiste, und wie der Tou-ssee umgekommen war und Su-koh, und wie er betrogen, gewütet, gestohlen hatte. Und das schien ihm alles unerträglich, und wohltuend, ein Glück, hier viel zu erdulden, alles bis zu Ende auszuerdulden.
In der Eile seiner Verhaftung hatten die Polizisten und der Torwächter ihn eingesperrt, ohne ihm sein Schwert abzunehmen. Die drei waren froh, als sie den berüchtigten Mörder im Keller hatten. Erst als die beiden Polizisten schon ins Jamen und auf die Stadtkommandantur liefen, um dem Tao-tai und dem General die außerordentliche Verhaftung mitzuteilen und sich Belohnungen zu sichern, fiel dem alten Torwächter auf seiner Bank ein, daß Wang ein Schwert bei sich trug. Er nahm eine kleine Keule von seinem Fensterbrett, die ein Viehtreiber morgens hatte liegen lassen, versteckte sie unter seinen Ärmel und ging auf bloßen Sohlen hinunter; er wollte Wang das Schwert stehlen; wenn es kostbar war, verkaufen, sonst es nur auf der Präfektur vorzeigen und sich seinen Mut belohnen lassen.
Er öffnete das Vorhängeschloß des Kellers. Die Mäuse liefen ihm zwischen die frostkranken nackten Füße, hüpften an seinen Hosen hoch. Wang saß drin auf dem Boden und sah dem alten Mann zu. Der Wächter trat näher, fragte, wie er sich fühle, ob er krank sei, prüfte seinen Gesichtsausdruck. Das Schwert lag in den Raum geworfen weit von Wang entfernt nach der Tür zu.
Wang dankte; er freue sich, wieder in Tsi-nan zu sein. Und wie es dem Herbergswirt gehe und welcher Markt jetzt am meisten besucht sei.
Dem Herbergswirt ginge es erfreulich gut, -- jetzt erkannte der Wächter das Schwert, rutschte seitlich davor, tastete mit den Händen rückwärts nach dem Knauf, -- und von dem ehemals so beliebten Goldblättermarkte sei die Blumenherrlichkeit verschwunden, seitdem die Gilde der Blumenverkäufer die hohe Platzmiete verweigert hätte. Alles spiele sich jetzt in dem weiten Hof ihres eigenen Gildenhauses ab.
Es sei erstaunlich, meinte Wang, wie rasch sich die Stadt verändere. Aber die Torwächter blieben doch gleich. Sie stehlen, was ihnen in die Hände fällt. Nur dies Schwert möchte er nicht stehlen, sofern er die Gnade hätte, es zu unterlassen. Denn es sei Eigentum eines Mannes im östlichen Schan-tung, dessen Namen er ihm nennen werde, wenn er verschwiegen sei und gegen eine hohe Summe das Schwert dem Besitzer zurückbrächte.