Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 12

Chapter 123,573 wordsPublic domain

Er grimassierte fort, warf die Arme wie Mühlräder umeinander, wälzte sich schäumend auf den Brettern, von denen er bei einer Streckung herunterpolterte.

Das dumpfe Weinen in der Masse vertiefte sich zum Stöhnen, zum hilflosen, stoßweisen Ächzen. Die Hälse reckten sich weit vor nach dem krampfenden Ziseleur. Die Augen rollten, je länger sie hinaussahen; das Feld und der graue Hügel verschwamm. Ihr Mund klaffte. Sie lächelten alle seltsam und machten Gesichter, als ob sie neugierig gespannt wären. Der Speichel tropfte ihnen über die Unterkiefer, sie schnüffelten, sie stimmten ohne es zu merken in das Gröhlen zur Rechten und Linken ein. Dann wollten sie noch einmal rasch Hi etwas fragen. Aber beim Aufrichten befiel ihre Unterarme, Knie und Nacken ein Zittern. Ein Schütteln, Schleudern der Glieder, Starre, Rückwärtsbeugung der Nacken, ihr Lächeln wurde stärker. Schon zuckte es wohlig über die Schenkel, die Bauchwand, in den Flanken, warf sie herum.

Die rote Welle schlug über das Tal.

Der Dämmerungsmensch und zehn andere wanderten her und hin durch das Feld mit Binsenruten, dornigen Zweigen. Sie sprangen den Befallenen auf die Brüste, strichen ihre Hände und Münder, fächelten die gefährliche Luft von ihnen weg, stachen ihnen mit den Dornen unter die Brustwarzen, über die Scheitel, plappernd, sich wehrend, wendend, anspringend.

Der kleine gebückte Mann am zerbrochenen Steuer der Barke drehte den Kopf nach allen Seiten, blickte lange Zeit den und den an. Er dachte nicht. Er strahlte. Warum sie nur alle hinfielen, wie gewandt dieser da sprang. Man müßte Nadeln glühend machen und ihnen unter die Fußnägel stecken, damit sie erwachen. Als er neben sich das Schluchzen hörte, hob sich sein Brustkorb, wie ein Berg unter einem Erdbeben, seine Kehle wurde heiß, eine glatte Hand strich an seiner Speiseröhre wie an einer Wurst auf und ab, verschob eine Walze; er weinte mit ihnen. Leise und glucksend, bemüht nicht aufzuhören, immer fließen zu lassen diesen unbekannten warmen Quell, der über seine Lippen, Fingerspitzen, Nägel rieselte, mit dem er sich Schläfen und Ohren betupfte, die Hände wusch und wusch.

Das steinerne Brüllen im Tal verlor sich. Überall riefen sie sich heiser an, schoben sich voneinander. Sie hatten sich quer übereinander gewälzt. Einer richtete sich auf und rieb seine gequetschten Schienbeine. Einer saß und betrachtete, als ob es Edelsteine wären, die verkohlten Holzstücke unter seinen Knien, prüfte einen Splitter an der Lippe, leckte mit der Zungenspitze. Sie scheuerten sich den Speichel vom Kinn mit langsamen, unterbrochenen Bewegungen, gähnten, rülpsten, spien aus. Die stumpfen Körper brüteten nebeneinander, zogen finstere Stirnen. Plötzlich, wie angeweht, zielten sie mit den Augen aufeinander, erkannten sich, buckelten sich hoch.

Sie schnurrten, fragten hastig: »Ma-noh will fort. Da am Steuer sitzt er und weint.« Einige wollten sich vor ihn hinwerfen, er solle bleiben, verzweifelt. Aber das waren nur kurze Zuckungen, Muskelphantasien.

Die Masse hielt wieder erschreckend an sich, in großer drängender Erwartung. Jede Handbewegung, jedes beobachtende Schielen, jedes Räuspern konnte die Wage zum Ausschlag bringen. Mehrere ertrugen die Spannung nicht; noch schwach von der vorangegangenen Erregung suchten sie die Last irgendwie von sich abzuwälzen. Es war das Beste, das Fong-schui zu befragen, Konstellation von Tag, Stunde, Ort, Wind, Wasser, Bodenschwingung zu bestimmen, aus dem Werfen der kleinen Holzstäbe Klarheit zu gewinnen. Ein Mann suchte aus seinem Gürtel nach den Stäben inmitten der stummen Masse; andere sahen es, standen gleichzeitig auf, wollten sich absondern. Andere mißverstanden dies Aufstehen und Gehen, als ob die Zukunftsbefrager sich für Ma-noh erklärt hätten und sich zu ihm setzen wollten. Sie schlossen sich ihnen an. Man hielt sie unsicher fest, man rief: »Beraten, sprechen! Sagt, was ihr wollt! Sprechen!«

Der kleine Nan-kupriester merkte erst halb was vorging. Er hatte gezweifelt, ob man ihn nicht schmähen und schlagen würde. Daß man aber nicht daran dachte, von ihm zu lassen, von ihm, dem kleinen mißratenen eingeständlichen Tier, von ihm, der die Weihen von sich warf und zugab, rettungslos in den Kreis der Wiedergeburten gebannt zu sein, dies konnte nicht bald an ihn heran. Und als es herankam, schmetterte es über ihn. Es sprengte seine Brust mit Ellenbogen von innen, schwoll von den Eingeweiden über das Herz, das still stand, in tollem Takt wuchtete, Glocken dröhnte, Gericht posaunte, breitete sich über die Arme und Kehle aus, und wie es um die Mundwinkel laufen wollte, nickte sein Kopf und baumelte vor der Brust. Er war ohnmächtig geworden, kam langsam, die Ohren voll Hymnen, zu sich, hing an dem Dämmerungsmenschen. Er strahlte. Das warme Wasser quoll ihm wieder über das Gesicht.

Er ließ den Alten los, kletterte auf den Bretterstapel: »Brüder, sind wir frei?« So stammelte er, schluckte an den Tränen. »Ich habe mich bis zu diesem Tag mit einem Stein geschleppt, mit einem bösen widerspenstigen Geist, der mich bestahl. Ich bete zur Kuan-yin, die mich nicht erhört hat, ich rufe zum Maitreya, der auf mich hören wird; ich will arm bleiben, klein, ein Wahrhaft Schwacher, der das Schicksal nicht beugt; ich will keine Dämonen in mir nähren und Opfer der Werwölfe sein. Ich will ein armer Sohn der armen achtzehn Provinzen bleiben. Ihr schmäht mich nicht; ach, ihr schmäht mich nicht; ihr seid gut. Ich weiß nicht, was ich spreche. Ich kenne mich nicht vor Dunkelheit. Wer die Seele frei hat, kann das Westliche Paradies finden. Ich habe mich nicht in Gelüste geworfen; ich habe mich gereinigt für einen Freudenhimmel; ich habe meine eingesperrten Seelen auf den Pfad des höchsten Kaisers gezwungen und will sie gehen lehren und mit ihnen laufen. Und die Zauberschlüssel finden zum Kun-lun. Mit euch, meine Brüder.«

Er jauchzte noch viel in dieser Weise. Das morgenliche Feld war ganz leer. Ein Knäuel von Männern umgab ihn, umschlang ihn, küßte seine Füße, fetzte seinen Mantel herunter.

* * * * *

Über die östlichen schwarzen Wolken fuhren blendende Streifen. Das allgemeine rauchartige Grau lichtete sich schnell. Es wurde von innen aufgeworfen, gesprengt und weggeblasen. Die blühende Landschaft weitete sich. Es blitzte von kleinen Weihern auf. Im Südosten, am Sumpfe von Ta-lou, stand schon ein magerer fadendünner Schein; jetzt bohrte sich die Sonne ein Loch, ein Rohr, einen Trichter, und von da prallten die langen Strahlen her, unter denen sich das Grün der Gräser und Bäume heftiger und heftiger entzündete.

Die Blicke der jüngeren Männer flimmerten auf den Halmen, auf dem Frauenhügel. »Unsere Schwestern, unsere Schwestern«, sagten sie, sahen sich zweifelvoll, mit schwindligen Knien an; viele umschlangen sich zitternd, blieben stehen, beruhigten einander, als wenn ein Unglück geschehen sollte.

Ein gigantischer Dorfschullehrer streichelte den knabenhaften Menschen, der an seinen Ärmeln nestelte. »Tsi, die Pfirsichblüte«, flüsterte der Lehrer, »wirst du suchen.«

»Tsi --, ich will sie nicht suchen, ich will nicht. O was geschieht uns.«

Einige lagerten ihre Leiber ins Gras; sie warfen sich auf das Gesicht, kauten an den Halmen; Mienen gefährlich; sie schlugen sich mit aufgedeckten Erinnerungen herum; warteten geduldlos auf das Stürmende, das sie wieder zu Sinnen brächte.

Auf die Höhe des Männerhügels waren manche gestiegen und kollerten nebeneinander unter den grünen Wolken der Katalpabäume; lächelten, beteten, träumten; ließen keinen Blick von dem Frauenhügel. Reichtum aufgehäuft! Eine Welle schlug herüber an Brüste, gegen Hüften.

Von ihnen standen welche auf, als es auf dem Frauenhügel leise klingelte. Sie sprachen nichts zueinander, einer folgte dem andern, indem sie sich oft umblickten nach den übrigen. Sie erreichten in halbem Laufe den Fuß des Hügels. Im hohen Gras schwarze Klumpen, mit Kleidern, Köpfen, Knien, wälzten sich stöhnend, rissen, schlossen die Augen. Sie liefen mit der Sicherheit von Waldtieren. Ihre Blicke reizten. Sie riefen die Klumpen bei Namen, zeigten ihre verheißenden Gesichter; sie lächelten, daß den andern das heiße klopfende Blut in Schläfen, Augen, Füße schoß.

Der Ziseleur Hi lief den andern voraus auf einem Weg, der um einen Weiher führte und die Lagerstraße vermied. Nicht weit vom Fuß des Frauenhügels ballten sie sich zusammen. Hi rief: »Was wollen wir tun? Wir wollen sie täuschen, Brüder. Wir beten mit ihnen zusammen.«

»Schickt einen zu ihnen, sie möchten sich versammeln.«

Man hörte, wie einer rief: »Dies ist fürchterlich«, einer drängte sich durch die übrigen, es war der junge Mensch, er lief davon. Hi gurrte: »Ich will sie rufen, kommt hinter mir.« Während er vorüber zackte, wallten die Brüder demütig, Arme verschränkt, gesenkte Köpfe, bezopfte Kugel bei Kugel, den Hügel hinauf; das scharfe Zirpen der Grillen begleitete ihr Gemurmel: »Omito-fo, Omito-fo!«

Sie standen auf dem Frauenhügel unter dem schweren Laubwerk. Unter dem Laubwerk wimmelte jene Masse, bei deren Anblick sich die Herzen der Brüder tiefer und langsamer zusammenkrampften und die so volle Pulse durch sie trieb, daß langsam der weiche Waldboden unter den Füßen mitschwang, jede Welle rollend weitertrug. Da blickten mit neugierigen und verwunderten Augen entwichene Ehefrauen den Brüdern entgegen; sie schienen noch immer bedrückt, daß ihnen die Luft so ungehindert ins Gesicht schlug und jeder ihren Mund sah. Zwischen blinden Bettlerinnen, Marktweibern schoben sich graziös die galanten Mädchen, die hellen Tupfen auf dem strahlenden Blumenfeld, die Glückbringerinnen, Hoa-kueis; ihr Ernst ohnegleichen; um ihr sanftes Wesen schwebte der Hauch des Pavillons der Hundert Düfte. Im Moos bogen verschüchterte Töchter angesehener Familien ihre behüteten kleinen Körper; sie nestelten an ihren Rosenkränzen, hauchten ihre Andacht, als wenn es sich um eine furchtbedrohte Schulaufgabe aus dem San-tse-king handele.

Unterhalb der laubdunkeln Hügel ging Ma-noh durch die Lagergasse. Eine breite Hand schob mit einer abweisenden Geste die grauen Dämmermassen am Himmel beiseite. Feierlich zogen die weißen Schwäne des Lichts am Himmel.

Wie da der Frauenhügel zu zittern anfing.

Ein tausendfältiges Schreien und Kreischen sich über das Tal schwang und vom andern Hügel zurückgeworfen wurde.

Wie das Entsetzen verzehnfacht sich wiederholte, ein tiefes Grollen, Knacken, Brüllen sich unter die scharfen Stimmen mischte.

Ein augensperrendes Grausen aus dem Katalpaschatten zu entwischen versuchte und zurückgerissen wurde.

Wie nach dem minutenlangen Rasen weiße und bunte Kleider auf dem Hügelkamm vorspritzten, niederfielen, in das Moos tauchten, ohne Laut herunterrollten.

Auf dem Hügel eine sonderbare Stille eintrat, unterbrochen von langen, sakkadierten Schreien, katzenhaft durchdringendem Winseln, Musik zu atemloser Ohnmacht, die sich in die Finger beißt, die Seelen wie in Essig einschrumpfen läßt, zur Besessenheit der Verzweiflung, die Körper um sich wirbelt.

Dann dröhnten Männerstimmen ins Tal: »Ma-noh, Ma-noh, der Drachen fliegt! Ma-noh, unsere Schwestern!«

Unten brandete es über die schmale Lagergasse; man horchte hinauf, sah einander an; man stopfte sich die Ohren, trommelte die Brüste. Über Ma-noh schmetterte es zusammen. Es schien ihm, wie man um ihn raste, länger als einen Augenblick, daß er ein Fürst der Unterwelt wäre, mit hundert Armen, Geißeln, Schlangen, und hetzte fiebrige Seelen zwischen die Wandungen der Eishölle, immer in das fressende Scheidewasser hinein, von den glasglatten Wandungen herunter; sie knarrten und grinsten, er barst vor Freude, schwenkte die Schädelschale. Blutgerinnend drang es auf ihn ein. Schon pinselte eine Schwäche die ganze Innenwand seines Kopfes. Im halben Sinken fühlte er, was vorging, ächzte, stemmte sich hoch, balancierte die Last.

Er blickte mit einer kalten Glut um sich. Besinnung, Ruck, mit dem ein gleißendes Machtgefühl aus ihm heraussprang, um sich schlug, kalt äugte.

»Es ist gewollt. Dieses nehme ich auf mich.«

Zwei tiefe Atemzüge. Er drehte sich betäubt um; das Tal blühte wie vorher. Er empfand mit verstecktem Entsetzen, daß etwas Unbekanntes aus ihm hervorgetreten war und herrschte. Daß er Wang-lun überwunden hatte. Eine rauschartige Angst floß herunter durch das Mark seiner Knochen.

Zwischen den Mikanthus lag man verwirrt. Schwache Hilferufe vom Frauenhügel. Ma-noh hatte sie falsch geführt.

Mit einem leeren, meilenfernen Blick irrte Ma-noh über sie, wandte sich ab.

Sie drückten ihre Leiber an den Boden. Der Hügel knisterte sie gegen sie her.

Reglosigkeit, stundenlang, sonnenbeschienene Wildnis. Aus den Hütten des Frauenhügels stieg ungehört das entzückte Seufzen, stahl sich schwach durch die Bretter, kräuselte wie Rauch, abirrender Blick, Ausklang eines Tamtams gegen das allgemeine grüne Dach.

Als die Sonne heißer schien, bliesen im Tal die Muscheltrompeten vor Mas Hütte, fünfmal hintereinander fünf Stöße: das Zeichen zur gemeinsamen Versammlung.

Stauden schwankten, Büschel drängten sich zusammen, Rücken krümmten sich, Köpfe tauchten hervor.

Lange bewegte sich nichts auf dem Frauenhügel. Dann schimmerten weiße, bunte Tupfen zwischen den Stämmen. Rennen schattenschwarzer Männer, Vermischen der Farbenflecke, Händewürfe von Geräuschen, Sprechen, Rufe in Fetzen, Schwall von Lärm. Bunte Schwestern umarmten sich im Herabgleiten, Brüder Hüfte an Hüfte. Eine jubilierende lichtgetränkte Wolke senkte sich in das Tal.

Im Nu verstreuten sich die Schwestern, lachend, mit springenden Bewegungen, unter die Ernsten, füllten im weiten Bogen den Raum, auf dem noch die verkohlten Bretter der Barke in die Luft spießten. Ma-noh, schwefelgelb und rot, trat rasch fest in das brausende Gewimmel, das alle in sich sog.

Er verzog keine Miene, als von irgendwo angestimmt, von Frauenstimmen getragen, laut, klar und süß ein Freudenlied über das blühende Feld scholl, ein Lied, allen wohl bekannt, von den zarten Bewohnerinnen der bemalten Häuser gesungen, wenn sie einladend auf ihren geschnitzten Booten über die Teiche fuhren.

Ma-noh redete: »Es muß Friede zwischen uns sein, liebe Brüder und Schwestern. Es soll uns nichts belasten, die wir nach den goldenen Inseln segeln. Wir wollen den alten Frieden zwischen Yin und Yang schließen. Ich bin glücklich, daß ihr mich angehört habt, und will es euch nicht vergessen, wenn ich im Besitz der fünf Kostbarkeiten wäre. Wahrhaft Schwache werden wir bleiben. Wir werden dem Tao nachgehen, seine Richtung erlauschen. Bleibt unermüdlich im Gebet, so werdet ihr die große Wunderkraft erlangen, die euch nicht entgehen kann. Ihr baut nicht vergeblich hölzerne Pferde wie der Alte aus dem Staate Lu, die von metallenen Sprungfedern gestoßen wurden, Männer und Wagen zogen. Solche hölzerne Pferde werdet ihr aus euren Seelen nicht machen, aus den Seelen, die in euren Lungen, eurem spülenden Blut, euren schaukelnden weichen Eingeweiden wohnen. Ihr blast im Lande die Flöte und macht die Luft wärmer, so daß das Korn aufschießt. Ja, ihr werdet die Wolken im Nordwesten aufsteigen lassen, das Rohr blasend; Regen wird fließen, Taifune stehen. Acht Rosse sind bereit, sechzehn Stationen macht die Sonne, ihr bereist sie an einem Tage.

Bleibt arm, seid fröhlich, enthaltet euch keiner Lust, damit ihr sie nicht vermißt und so unrein und schwer werdet. Euch, meine Schwestern, sehe ich, euch, ihr Königinnen des sanften Vergnügens, ihr habt viel dazu getan, daß unsere Dinge diesen Lauf genommen haben. Habt verhindert, daß die Öffnungen unserer Herzen ins leere All münden. Ich war ein schlechter Sohn der achtzehn Provinzen, daß ich der Weisheit des fremden Cakya-muni vertraute, und seine Freudenhimmel mit eurem, mit unserem blumigen eintauschte. Wir stehen auf den Stufen zum Westlichen Paradies. Was ihr Gebrochenen Melonen uns geschenkt habt, nehmen wir an. Wir danken euch, wir danken euch. Ich nenne mich mit euch Gebrochene Melone. Und so wollen wir alle am Sumpf von Ta-lou heißen.«

Das lufterschütternde Jauchzen und Klatschen, Zubodensinken, Umschlingen. Das mauerdichte Umdrängen Ma-nohs, dessen rätselhaft gleichgültige Miene keiner sah. Aus ihm tönten die Worte, wie Stimmen eines versteckten Singvogels hinter einem umsinkenden Tempel. Eine neue Ähnlichkeit hatte sein Gesicht angenommen, mit dem Ausdruck eines fliegenden Tieres, das seine Kopfform, Augen, Federn ganz vom Wind, den es durchfährt, modellieren läßt; auf einem Ast sitzend hat es ein unbegreifliches Aussehen: weil der Wind und der Flug fehlt.

* * * * *

Um Mittag. Sie zerstreuten sich, die Wankelmütigen, die Ernsten, die Freudigen, die Hochgemuten, die Blinden, Schwachen, die kräftigen Männer, die leichten Tänzerinnen, die inbrünstigen Propheten.

Abends umschlossen zum ersten Male die Zelte und Bretterhütten, die sich zusammengetan hatten. Sie beteten nebeneinander, ihre Gebete verwirrten sich im Dunkeln. Es waren keine Schmetterlinge, die sich aus dem Gras erhoben, sondern zwei Fäden, die sich nach oben gerade zogen, jetzt sich verknäulten und zu keiner Weberei mehr taugen konnten. Ihre verschränkten Arme wichen schwach auseinander, sie tasteten im Finstern mit den feuchten Händen nacheinander, glitten über die elektrisch zuckenden Gesichter. Da wurde aller Stolz gebrochen, alle Unruhe hingelegt. Diejenigen, die starr und aufrecht in dem Ernst der Wahrhaft Schwachen gegangen waren, bogen sich unter dem Glück; der Sommerwind wehte als ein Banner, das aufgepflanzt war auf einer Etappe zum Kun-lun. Wie im Dunkel der Hütten unter den Katalpen die Gesichter gleichmäßig milde wurden, Geister und Leiber aufgelockert wurden von einer breiten gewaltigen Egge, die über die ganze Erde rollte und wuchtete, grub in der Nacht.

In dem Sumpf von Ta-lou wuchsen die Lotosblumen; mit grünen tellergroßen glatten Blättern deckten sie das unbewegliche Wasser, rote Blüten tauchten zwischen ihnen ein; lange Stengel, die mit dickgeäderten Blättern über die verwesenden Muscheln griffen; an jedem Stengel garnten dünne Algenfäden, die sich in der Tiefe verfilzten; grüne behaarte Köpfe hingen herunter. Unergründlich stand der Sumpf und dünstete.

Diese Nacht verging nicht ohne ein schreckliches Ereignis. Einige Männer hörten in der Stille mehrmals das heftige Schelten des Dämmerungsmenschen. Sie beachteten es nicht, da sie glaubten, daß er sich mit einem seiner Schatten schlüge. Aber er schrie unaufhörlich, und es fiel einigen, die aus den Hütten herauskamen, auf, daß der Dämmerungsmensch nicht herumging und das Rufen immer von einer einzigen Stelle des Männerhügels kam. Sie fürchteten, daß er vielleicht wirklich einen Schatten gestellt hatte; grauten sich vor dem Anblick des Kampfes. Aber endlich blickten sich fünf Männer beunruhigt an, faßten Mut, liefen durch das Feld den Hügel hinauf mit Laternen. Als sie an den Ort des Geschreis kamen, lag der Dämmerungsmensch arbeitend im Gras und unter ihm ein Mann, der sich nicht bewegte, über dessen gequollenem Gesicht der Dämmerungsmensch mit seinem Schwerte fuchtelte. Er rief den Bewegungslosen bei Namen, hielt einen Spiegel an sein Ohr. Die Männer beugten sich über den Stummen, leuchteten ihm auf die glotzenden Augäpfel. Es war jener verzagte junge Mensch, der sich an einem Baum aufgehängt hatte. Der Dämmerungsmensch war gegen die Leiche gelaufen und hatte sie abgebunden. Einer der Männer nahm einen spitzen kleinen Stein, ritzte sich die Haut seines Armes, tropfte dem jungen Menschen das heiße Blut in den krampfhaft geschlossenen Mund, dessen Kiefer zwei Männer gewaltsam sprengten. Es half nichts mehr; der Körper war steif. Er hatte Tsi, die Pfirsichblüte, nicht gesucht. An diesem Abend, als er mit ihr zurückkehrte und vor ihrer Hütte stand, hatten sich die beiden ernst angesehen; die Pupillen ihrer hochgeschwungenen Augen erweiterten sich, aber sie blieben beide ruhig und trennten sich nach einem kurzen Dastehen. Der Jüngling schien sich erst im Mikanthus verkrochen zu haben; dann schwankte er aus dem Feld auf den Männerhügel, wobei ihn der Dämmerungsmensch traf, dem er sagte, er müsse sich unter einen Baum schlafen legen. Er hängte sich aber an seinem Gürtel auf.

Den Gipfel der Kaiserherrlichkeit erreichte er nicht; er war einen anderen Weg gegangen.

* * * * *

Nach drei Tagen stieß Wang-lun zu ihnen.

Ma-noh war unschlüssig gewesen, ob er Wang selbst die Veränderung in seinem Haufen mitteilen sollte. Dann schickte er fünf Männer als Boten, die alles, was sie wußten, Wang-lun, der anderthalb Tagereisen entfernt stehen sollte, berichten sollten. Er ging mit einigen Erfahrenen zu Rat und horchte sie vorsichtig aus. Aber es gelang Ma-noh nicht, sie auf den Gedanken zu bringen, daß Wang die Änderung ihrer kostbaren Grundsätze ablehnen könnte. Sie waren von der Heiligkeit und Tragfähigkeit ihrer neuen Ideen rapide durchdrungen; es konnte nur die Sache einer Besprechung sein, meinten sie, Wang zu überzeugen und mit ihm auch die entfernten Haufen der Wahrhaft Schwachen zu bekehren. Von Wang, den niemand von ihnen gesehen hatte, ging ein derart starker Einfluß aus, daß sie überhaupt nicht vermochten, gegen diesen Mann zu denken. Sie würden geglaubt haben, dem Tode zu verfallen, wenn sie etwas gegen ihn unternähmen. Ma-noh sprach einiges von ihrer Führerrolle bei den Gebrochenen Melonen; sie faßten, da er unentschlossen redete, nicht, wo er hinauswollte; es gelang nicht, sie zu locken.

Wang-lun hatte der Boten nicht bedurft; vorher war ihm das Gerücht zugetragen worden. Er kam mit den Boten zusammen in Mas Lager an. Als er von Laternenträgern geführt bei Nacht in Ma-nohs Hütte trat, wollte er mit einer Handbewegung die junge Frau aus dem Raum weisen, die neben dem ehemaligen Pu-topriester auf der Matte hockte. Aber Ma griff die Schwester bei der Hand, führte sie in die Nachbarhütte, kehrte allein zurück.

Eine winzige Öllampe brannte am Boden; an der rechten Wand des kaum mannshohen Raumes raschelte auf dem Moosboden ein Strohsack; Lumpen, Tücher, Kittel daneben. An die linke Wand war der seitlich umgekippte Karren Mas geschoben; unsicher darauf balancierten, von ein paar Streiflichtern getroffen, die goldenen Buddhas; die tausendarmige Kuan-yin aus Bergkristall stemmte den Kopf gegen die Wand, stützte das weiche zerschrammte Gesicht an einen splittrigen Bambuspfosten.

Still saß Wang-lun, als Ma zurückkehrte, auf dem Rand des Karrens und blickte ins Licht. Der Priester sah zu seinem Schrecken, daß Wang ein großes Kriegsschwert trug und es mit beiden Händen vor sich gestellt hielt. Wang-lun war gealtert; sein Blick reglos. Er rieb sich das Knie, und als er später aufstand, sah Ma-noh, daß er links hinkte.

Der Mann aus Hun-kang-tsun brummte, er sei jenseits des Hu-toflusses von übenden Soldaten gesehen und erkannt worden, er habe über den Fluß schwimmen müssen und sich beim Sprung über die Uferfelsen das Knie zerschlagen. Es war nicht ganz richtig; er hatte sich zwar bei dieser Jagd das Knie zerschunden; aber die Hauptverletzung zog er sich zu, als er sich der Sumpfgegend näherte. Er begegnete Anhängern Mas mit einigen Mädchen auf der Straße; niemand erkannte ihn. Als sie ins Gespräch kamen, erfuhr er zum ersten Male, daß diese Bündler sich Gebrochene Melonen nannten; er führte das Gespräch mit dumpfer Erregtheit weiter, griff, als die Bündler sich betrübt abwandten, einen von ihnen an, hetzte die Mädchen fort. Auf das Hilferufen trat ein rodender Bauer aus dem Bambusgehölz, warf quer über die Straße nach Wang einen Wurzelkloben, zerschmetterte ihm fast das Knie, an dem er schon litt. Dann floh auch der Bauer, der bei Ansichtigwerden des Schwertes glaubte, einen kaiserlichen Soldaten verwundet zu haben. Wang trug einen blauen Kittel mit roten Aufschlägen, den ihm ein desertierter Soldat aus der Truppe Ngohs geschenkt hatte.