Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart

Part 9

Chapter 93,357 wordsPublic domain

Nun wird die Welt sehr fest und hart. Granit und Basalt werden angespieen von dem Geist. Aus den dicksten und schwersten Kristallen wird die Form gebrochen. Die Situation liegt so, daß hier das Deutsche sich mit den Realitäten auseinandersetzt. Zwischen zwei Polen wird hier geschafft: Dostojewsky plus deutsch. Leonhard Frank ist ein Bauernformat, ein Schlosser, ein Fußballspieler, außen rechts, den beim Goalsprung die ekstatische russische Seelenhölle überfällt. Sie hat ihren Zug durch Deutschland schon vor Lunatscharsky und Lenin begonnen. Eigentlich werden Tolstoi und Dostojewsky jetzt erst aktuell. Ganz vom (gewöhnlich jüdischen) Geist her aufgefaßt und weitergegeben, hat sie mancherlei Gefolgschaft. Kornfeld hat sie in Arien und dramatischen Monologen oft bezaubernder Art gefangen. Mondän und elegant verfuhr mit ihr schon Bruno Frank, doch ist er nicht hier einzuwechseln. Sehr deutlich ward die Angelegenheit, als sie tatsächlich auf rein germanischen Ambos geriet. Sie wurde mit furioser Wucht aufgelegt und mit dem Schreien eines Stieres geschichtet. Die Musik der ganz reinen Wolkengeister ist immer für den Cenakel, den ergriffenen Schwärmer unter der Abendlampe und für abstrakte Kaffern. Geschmetter und Zulauf und Wirkung, Tat, vor allem kommt nur, wenn ihr unterwegs ein gesunder Naturalismus begegnet und sie rasend in ihn fährt. Aus der Reibung, dem bis an alle Himmelsdecken dampfenden Beischlaf fährt erst das elektrische Gewitter der aufziehenden Idee. Zuerst stieß Frank, noch grob und derb, gegen die Erziehung, denn was er seither schrieb, ist filtriert aus seinen schlechten Erfahrungen, und seine Wunden bluten sich ins Buch. Da war noch Jugendliches manchmal, aber es drängte schon Bitternis nach. Dann griff er entschlossen ins Dostojewskyhafte und stellte es auf massive deutsche Beine, das heißt, er ahmte es nicht nach, sondern infizierte sich damit. Aus der Okulierung kam seine Sprache, zuerst noch schleichend wie ein verstörter, im Leben unsicherer riesiger Proletarier, dem aber Ziel und Gewißheit unfehlbar sicher sind. Im Krieg gab er Novellen, die Predigten sind. Man wird einmal finden, sie seien das einzige Dokument der deutschen Dichter gegen den Krieg. Ein paar Exemplare, die dank gesinnungshafter beamteter Wächter durch die Pressezentralen der Generalkommandos aus der Schweiz nach Deutschland sickerten, wühlten Tausende auf. Er hat tatsächlich Furor. Man kann nicht sagen, er habe in die Sprache besondere Akzente getragen, ins Dichterische neuen Schwung gebracht. Er war jedenfalls eine Erscheinung von Breitbrüstigkeit in der Herde der Dünnpinkel und Schleimiers, die auf schmalen Flöten sich ungemein erbosen. Auch hat er eine anfangs sehr naturalistische Sprache in höllische Zucht genommen und in die Sätze Sprengstoff und klotzige Geistdurchwitterung getrieben. Bedenklich ist nur die Intensitätsgrube seiner Kraft. Da seine Stärke der Angriff ist, muß man ihn sich in Güte vorstellen. Das ist unmöglich. Das Menschliche reicht nur zur Klage und Drohung. Das kann ein Anfang sein, kein Ende ist denkbar so aus Unfruchtbarkeit und Zorn allein gehoben. Was Liebe in ihm an Augen aufschlägt, kommt nicht aus Hingebung und nicht direkt aus seinem Blut. Zu innerst steht der Haß nur auf, und über diesen Umweg liebt er erst das, was er nicht haßt. Er liebt Opfer der bürgerlichen Gesellschaft. Aber er liebt nicht das Opfer. Zutiefst ist bei aller Flamme eine tiefe Wut, sonst nichts. Es ist von enormster Wichtigkeit, daß Erscheinungen wie Leonhard Frank existieren, und ihr Mut wird nicht vergessen sein, wenn irrgeleitete Knaben mit neu polierten Phrasen in neue Kriege ziehen werden. Viele Unbestochene werden an seinem Namen einen Halt finden und werden sein Buch dem Wahnsinn vielleicht entgegenhalten. Aber es werden auch heute Menschen da sein, die in die tieferen Gründe sehen wollen und eine unbedingte Angst tragen, dieser Dichter, der Liebe forderte wie wenige, aber nichts tat als Felsen schleudern, würde, in den Stand der Macht gekommen, die Menschen nicht schonen sondern erschießen lassen. Es wäre zum mindesten konsequent. Aber es ist nicht der Wille des Schicksals, daß außenseitige Fallen in das Fleisch der ewig marschierenden Ideen schlagen.

13. Döblin und die Futuristen

Am achten März an der Rampe des Theaters Chiarella war die Schlacht von Turin. Auf hinuntergegebene Ideen folgten ebensoviele Faustschläge. Die Futuristen gaben dreitausend Menschen ihr erstes Manifest. Es war ihre heftige Zustimmung zu dem, womit ein Jahr früher Marinetti im Figaro die dichterischen Programme aufwarf. Am neunundzwanzigsten Mai entwickelte neunzehnhundertelf im Circolo Internazionale Artistico in Rom der Maler Umberto Boccioni die Ideen des malerischen Futurismus auf breiter Basis. Carrà, Russolo, Balla, Severini schlossen sich an. Am fünften Februar Montags neunzehnhundertzwölf stellten sie in Paris bei Bernheim-Jeune aus. Es ist nicht unwichtig, die Daten festzuhalten. Europa war eine große Sensation reicher. Manche behaupten, das Moment der Zersetzung dieses Erdstrichs habe damit begonnen. In Deutschland fand sich erst nach fünf Jahren ein innerlicher Vertreter dieser Richtung, George Grosz, bedeutender scheinbar wie die nationalistischen Italiener. Stichhaltig blieb nicht viel mehr als die Mission der Zerstörung.

Vielleicht war nicht einmal das wichtig, denn im Grunde ward das alles überschätzt. Es war ja nichts anderes als das Mosaik, mit dem die Impressionisten noch einzeln spielten, plötzlich in einen Ventilator zu Dutzenden gebracht und durcheinandergewirbelt. Sieht ein Genie die Welt so, wird sie dermaßen ebenfalls in allen Schönheiten strahlen, das ist sicher. Als rein künstlerisches Schema ist es bedeutungslos. Junge Artisten, die mit Übergehung von Arbeit und Sorge gern in den großen Saal der Öffentlichkeit rasch hinein sich turnen, lassen Artikel, Satzzeichen und Frisur weg und wähnen sich Expressionisten. Es ist dieselbe Betrügerei vor dem Geist. Die Nebenumstände irritieren, diskreditieren. Die Zeit fegt das rasch in ihre Eimer und fährt es auf die Äcker hinaus zu Gemüse, Pul und Baum.

Die Futuristen waren nur ein Wind, der apokalyptisch zu wehen begann. An großen Figuren sollte sich später manches daran erfüllen. Man sagt, der Maler Pascin habe, obwohl gut gekleidet, durch die raubtierhaft aufreizende Freiheit seiner Atmosphäre auf den Boulevards harmlose Spazierer älteren Jahres und guter Herkunft und Pfründe in solche eigentlich grundlose Erregung gebracht, daß sie mit klirrendem Stock und bebenden Favorits vor dem stehen blieben, der sie gar nicht sah. Auch die Futuristen gellten den Bürger auf, wie es kaum eine Revolution vermocht hatte. Denn dieser gegenüber hatte er gerade noch Angst. Die anderen aber reizten wehrlos alle seine Instinkte bis zur reißenden Wut und es mag sein, daß dies symbolische Zeitzeichen ein Gleichnis ihres Sinnes und ihrer Mission gewesen ist. Sie sind mir persönlich trotz allem ungewöhnlich sympathisch gewesen.

Über Ja oder Nein eines Stils zu streiten ist armer Unsinn. Immer wird nur der ihn vertragen, der ihn frißt und verdauen kann. Auch die Starken haben den Appetit nach dem Geist, der sie umgibt, weil sie allein ihn vertragen können. Beredet kann nur werden, ob ein Stil gelegentlich so mächtig und im ethischen Bedürfnis der Zeitgenossen von Rang so gläubig verankert ist, daß er sich zu wölben vermag: oben als Kuppel, unten als Tragfläche der Zeit. Man kann in diesem Sinn nicht von den Futuristen, die verbrecherisch sich von der mütterlichen Erde ins Anarchische begaben, reden, wohl aber von den Expressionisten.

Als Alfred Döblin in Deutschland die futuristischen Prinzipien »voll und ganz« unterschrieb, war er zweifellos von dem Moment der Bewegung und der Änderung überzeugt, das mit einem Male durch die Welt autote. Allein es ist nicht wichtig, eine Sache zu begreifen, sondern sie zu erleben. Zählen die Hillerschen Aktivisten und andere heute auf Sekunde und Woche fest, wann dieser, wann jener schon aktiver, jener noch ästhetisierender Mensch gewesen ist . . . . wird Sandglas und Stechuhr Kontrolle für den Gehalt dieses oder jenes Revolutionärs, dann beginnt schon die Starre, die Verkalkung wird nicht lange auf sich warten lassen. Ein Hirnschlag steht bevor. Erkenntnisse verpflichten zu keiner letzten Bindung, kommen sie nur aus dem Intellekt. Ich sehe manche, die heute rechnen, erbleicht vor der ungeheuren Stärke des kommenden Schicksals, sehen sie sich plötzlich vor Änderungen und Weltkonstellationen gestellt, die sie nicht erahnen und errechnen konnten. Mathematik in der Weltbetrachtung ist viel niederer als Glaube und Wille. Und wo die Genauigkeit ist, weilt nie die Fülle. Aber die Ehrgeizigen waren stets daran, sich am Ziele zu dünken, wenn sie beweisen konnten, daß sie es erstrebt hatten. Doch schon im Herzählen zeigte es sich, daß sie Angst nur hatten, es möge sie einer überholen, und da sie Kraftfülle nicht in diesem Maße mehr spürten, schrieben sie ihre Daten in Stein und kategorisierten andere Läufer, die aus dem Dunklen kamen, nach Tag und Woche und Jahr. Die aber schauten nicht darauf.

Döblin hatte das Programm nicht probiert, als er es lobte, und wie er es anpaßte, sprengte er es auseinander. Er ist einer der stärksten und bedeutungsvollsten Prosaiker heute, manchmal sogar fast monumental. Doch das gilt nur von dem chinesischen Buch. Er war viel zu breit und zu architektonisch, darum konnte er keine Schnitzeljagd und Konfettibattaillen der Bilder und Ballone um sich wirbeln lassen. Ein futuristisches Wirken ist wohl auch nur in der Lyrik recht denkbar, wo Stramm und Becher es bewiesen. Doch brachte Becher nur eine Leistung, weil er wohl Genialisches besitzt, das allerdings noch nicht zur Rundheit, ja fast noch nicht zum Gedicht geschwollen. Stramm aber, einer der wenigen wahrhaft echten Stotterer, erregte nur das Blut wie javanische Instrumente, wie Bartänze, Niggersongs.

Als die Lappen vor unserem Wagen in Småland sangen, wurden wir auch nach dem Eis und der Einsamkeit sehnsüchtig wie ausgehungerte Wölfe, obwohl ihre Melodie uns nicht einging, aber weil die Erregung ihrer Seelen sich uns mitteilte. So wird aus dem Futuristischen sicher nur ein interessanter dekorativer Stil, aber man wird, wie den Jugendstil, ihn in zehn Jahren nicht mehr ohne Wanken sehen können. Was an überirdischen Spektren und Monden aber abstrakte Maler heute gestalten, wird vielleicht tragbarer sein und länger halten.

Döblin hat riesenhaften Respekt vor der Kunst, ist wie ein Frettchen hinter der Psychologie her, deren man keine Spur in seinem Terrain antrifft, er läßt sich von keinem Schlagwort, keiner Begeisterung vom Kunstduft wegdrängen. Gelobt und bestaunt, der das heute wagt, wo Achselzucken und Denunziation dem Freien folgen. Das macht ihm einen guten Boden. In seinen Novellen probiert er andere Dinge aus als im Roman. Dort ist er zu klug, Experimente zu machen im Grundbau, daß ihm die ganze Geschichte dann das Genick einschlägt. Da hat er kürzere Stellen vor sich, eine Mauer nur oder ein Gestell, gewöhnlich nur ein paar Menschen, die er umfassen kann. Sie sind ihm zu naturalistisch, zu nah, er will sie in allgemeinere Luft stellen. Das strengt ihn sehr an, liebenswürdig kann er es nicht machen. Auch ist er nicht so dumm (weil er etwas an athletischer Statur in seiner Schreiberei hat), den Fehler zu machen, den geisttiefe, aber muskeldünne Juden oft probieren. Die netzen solange mit Säuren an der armen Menschgestalt, bis bloß vom schönen Fleisch nur noch das Gerippe übrigbleibt. Nun, meinen sie, hätten sie den wahren Menschen. Um die Ohren sollte man den Burschen das Geknoche schlagen. Wir wollen das Fleisch, aber in gehobeneren Übersinnslüsten. Döblin macht es nun so, daß er das Fleisch mit Geistinjektionen so fabelhaft durchwühlt und durchschimmert, daß nur das Gespenst (was eine andere Geschichte ist als das Skelett) entsteht. Im Drama hat das ja der Schwede Strindberg auch fertiggebracht. Im Prosastück ist es aber ein anderes Ding. Denn das verlangt eine Kurve, eine Folgerung, einen Abschluß und bedankt sich dafür, plötzlich einfach sich aufzulösen, wie ein Rauchkringel zu verschwinden und infolge einiger Doppelampullen Ewigkeitsspritzen aus einer schönen Handlung sich geschwinde aus der eigenen Existenz herauszudrücken. Schließlich ist Prosa keine Graphik. Was dem mächtigen Radierer Beckmann recht ist, hat mit Herrn Döblin aus Berlin nichts zu tun. Wo junge Literaten nur noch malerisch säuseln und aus der auffallenden Parallele der Künste instinktlos und, vom Malerischen selbst in keiner Weise berührt, lerchenhaft geschwätzige Hymnen über Malerisches anstimmen (auch ich tat es einmal, kreuziget ruhig), muß man polizeihaft darauf schauen, daß Unbefugte und Kindliche die Grenzen der Künste, das heißt ihrer Wirkungsmöglichkeiten, nicht verwischen. Die Misere kommt aber aus einer Kraft, weil Döblin nämlich, wie alle starken Handwerker und Leidende am embarras de richesse, die Sprache nicht nur als Mittel, sondern als Selbstzweck ansehn. Auch die großen Erotischen wollen nicht nur Kinder, sondern spielen nächtelang mit den Frauen, und Zweck allein ist eine Fessel für den Geist, eine Unzucht und eine Ignoranz strafhafter Niedrigkeit vor der Fülle und Tropischkeit der Welt.

Döblin ist ein langer Maurer, er geht immer hin und her mit Steinen, Mörtel tut er keinen dazwischen. Er setzt nur breites, viereckiges, genau bemessenes Stück auf das gleiche. So kommt er zum Roman. Da ist tatsächlich noch Welt wie sie in naturalistischen Büchern auch besteht. Man verführt Euch in kein Geschluchz hinter Tüchern, in keine Askese nackter Dialoge, wo, wie man sagt, zwischen Stoffbespannung der Geist »reiner« sich entfalte. O Kulissenschieber der unreinen Zeitseele, ist das nicht eine Frage des Polsterers oder des Dekorateurs oder Oskar Wildes, und kann der Geist, wenn er irgendwo ist, schöner sein als im vollen und weiten Menschlichen, man muß ihn doch nicht in die Hirnwüste senden. Döblin beschreibt sogar, wird ganz real und zeichnend, wenn es auch immer Vierecke sind. Sein Geheimnis beim Roman ist, daß er eben einfach das Künstlerische zum Menschlichen hinzutut. Nicht mehr und weniger als Rubens in seine Fleischmassen, Lionardo in seine Gesichte, Grünewald in seine Visionen. Es ist nämlich nichts studiert und wiedergegeben, sondern da fängt er erst an: er denkt, er schaut, er formt es sich zurecht. Aber immer, selbst bei den Novellen, wo die Handlung und der Mensch gern ins Unsichtbare auskneifen, ist eine kontinuierliche Entwicklung da, ein schwerer Bogen, der die Last der Idee nie fahren läßt, sondern sie hoch und unwandelbar bis zum Ende trägt. Da ist von Futurismus keine Spur. Der Körper der schöpferischen Kraft ist viel zu zäh, als daß er sich aufgäbe. Er schafft sich weiter. Einmal erreicht er auch First, Turm und Regentraufe, steckt den Dannebusch mit Bändern an die oberste Gerüststange.

Von weitem sieht das Werk dann aus wie ein riesiger Würfel, drohend in der Unbezwingbarkeit seiner Architektur. In der Nähe ist manches nicht so unbedingt. Schließlich besteht das Wachstum jedes powren Grases aus Zellen, die ein Saft, eine Leidenschaft nach Leben durchzieht. Bei Döblin ist eine Konstruktion enormer Breite und Höhe, aber es ist, sie sei etwa aus einem Stein, der die Eigenschaften des Eises habe. Kein Blut, kein Saft pullt sich empor. Keine Leidenschaft wühlt die Formen auf. Man ist nie abgeneigt, große Bewunderung sehen zu lassen, aber man sehnt sich nach den Skisprüngen, mit denen in Blutsonne und Firnschnee Schickeles eifrige und hautsüße Geistigkeit in die Schußfahrt geht. Selbst Franks Fanatismus hat Hochofenglut und Fackeltempo.

Dies da ist aber wie ein Wachstum schon abgestorbener Kristalle. Es wird mit dem Fernrohr noch originell aussehen, und manches Verblüfftsein wird sehr lange währen. Als wir, Zwanzigjährige, von Paris nach Brüssel fuhren, um, mit allen heimatlichen und familiären Geldquellen verkracht, nach Zeitungsverkäuferzirkulation über die großen Boulevards und Araberstatistereien im Odeon auf der Weltausstellung als Führer unermeßliche Goldmünzen uns zuzuerwerben, waren wir gezwungen, im Speisewagen beim Servieren zu helfen und, da uns die Umstände der größeren Welt nicht unbekannt waren, wurde jene Pause und Passion des Daseins kein Stilverstoß. Wie ein mächtiger Amsterdamer auf der Silberplatte den herrlichsten Zander sah, den ihm mitteleuropäische Speisewagen vor den Blick gespült, erhöhte er einen Augenblick sich vor Erstaunen über die Schönheit des Biestes, aber als Kenner und eingedenk des Kommenden winkte er ab und sprach: Visch laat een mensch als ie is. Er pflegte nur das Fördernde zu sich zu nehmen, auch sprach er ein wenig Dialekt, aber ich möchte nicht mißverstanden sein.

14. Jüdisches (Die Ehrenstein, Lasker-Schüler, Brod, Meyrink)

Wer das jüdische Weib kennt von der Wollust bis in den Todesschrei, hat keine Notwendigkeit, den Geist der Rasse lange zu studieren.

Das klingt im Überlegungsweg wie eine Roheit. Aber es ist eine mächtige Lobpreisung. Es gibt im Schreibtum wie bei den Frauen die zwei Linien, von denen eine das Ghetto durchgemacht hat, von denen die andere stolz und aristokratisch aus Spanien über Saloniki oder Amsterdam ins zentrale Europa kam. Einmal gab es eine national-übernationale Poesie unermeßlichen Flügelschwungs, die Bibel, die Psalmen, das hohe Lied. Im Ghetto ging diese Unmittelbarkeit verloren, da schliffen in den Judengassen die Städte, Feudalen und Bourgois den Asiaten so die Leber, daß ihnen nichts andres übrig blieb als Verteidigungs-Parade wie eine dolchscharfe Kultivierung des Hirns. An dieser Übung zehrt, krankt und jubelt die ganze jüdische Dichtung, die, ob sie deutsch, polnisch, russisch sich coiffiert, im Boulevardrock, in Talmudlocken doch immer international und asiatisch ist. Das ist wie ihre Diaspora wohl auch ihre Mission, so sehr Erwerbs- und Konjunkturbeflissene, sowie einige in den Stand der Bourgeois Übergegangene im Krieg sich germanisch maskierten, keltisch fluchten oder jingoisch die Zähne bleckten. Das ist Rampenkomödie. Im Blut rollt unerbittlich, golden und von den Jahrtausenden gefeiert der Rhythmus des Roten Meeres und des Jordans und der Tempel Jerusalems.

Gott warf das Volk hinaus, damit es den groben Teig der stumpfen und westlichen Völker durchsäure, es aufpeitsche, vermittle, Märtyrer sei für die großen Ideen und die neuen Gewitter der geistigen und künstlerischen Spannungen, aber er gab ihnen auch die wundervollste Tragik: nie vergessen zu können, daß sie aus schöner Heimat zum schweren Dienst nur ausgesandt seien, in Wahrheit aber die Sehnsucht nach der Rückkehr und der eigenen Bestimmung nie verlören und einmal wohl bestätigt sehen würden. Die großen Rabbiner des Ostens fanden, als sie gegen die rabbinitische Dogmatik kämpften, in die Schlichtheit des Herzens zurückkehrend, wieder Klänge von der Reinheit der davidischen Sänge. Baalschem hat eine in wundervollen quellklaren Ekstasen Gott erreichende Stimme. Als Werfel zu singen begann, war man erstaunt, in ihm die Ansätze manchmal einer Hymnik zu finden, die unbeschwert und hell war. Doch sie dauerte nicht lange. Der größte Rufer zu dem Goldton hin ist heut Martin Buber, der die junge jüdische Generation zu einer Selbstbesinnung überzeugt. Ihm ist Palästina nicht so wichtig wie das Bewußtsein der palästinensischen Idee. Schüler von ihm haben sich an Hölderlin verschenkt, aber sie ertrinken in ihm. Das alles sind Kämpfe gegen ein tragisches Schicksal. Nur die Lasker-Schüler, auf Mondsicheln fahrend, ist frei. Sie ist die bedeutendste Dichterin des jüdischen Volkes seit Jahrhunderten. Weib und Geist der Rasse sammeln sich unmittelbar in ihr, fast über der Erde. Asien ist mächtig aufgewacht. Sie steht dicht neben dem hohen Lied, keine irdische Passion, die sie hemmt. Wahrscheinlich ist sie durch einen Irrtum einige tausend Jahre zu spät in die Körperlichkeit geraten. Sie hat das Blutfunkeln, was auch Planetengeleucht sein kann, und der Geruch ihrer Gedichte und ihrer Prosa ist von den dumpfen und schönen Uranfängen der Menschheit. Sie trägt frei und königlich das, worum die anderen unten sehr verzweifelt streiten. Manchmal scheint es, sie lächle über diese Bemühung.

Das andere ist verhirnt. Doch darf man diesen Zustand nicht mit Europäischem verwechseln, wo es vertrocknet, unschöpferisch, pedantisch, lehrhaft klingt und den Kunstfunken schon bei der Geburt kastriert. Bei den Juden ist das Hirn in die geistigen Zeugungsorgane gerutscht. Vielleicht auch stieg das Sperma in das Hirn, es ist anatomisch nicht zu erklären. Jedenfalls ergab sich aus der Ghettozeit her eine Vereinigung. Das rein Gescheite kann nunmehr so sehr beflügelt werden, daß es Wolkenhöhe nehmen und Blumenduft erreichen kann. Manchmal reitet das Hirn zärtliche Menuetts, oft ist es auch in galanten Situationen. Es hat seine straffe Begrenzung ausgezeichnet erweitert. Was an Vorrat bei einem von uns Goijims nur ein mittelmäßiger Aufsatz oder eine Überzeugungstafel würde, kann sich zu dichterischer Glosse und gut geformter Novelle hier steigern. Sie haben eben Handikap, und als wir mit Macht und Gewalt jahrhundertelang sie striezten und dumm und breit verlachten, wuchs ihr Hirn und ihr Instinkt ein paar Jahrhunderte und viele Kilometer uns voraus. Stets hat der Geist sich gegen die Brutalität gewehrt und gerächt mit Sieg. Schreit alldeutscher Pressepöbel heut hepp hepp gegen jüdische Entrepreneure, vermöchte ihr teutonischer Gott, selbst mit Stierhelm und Wolfsgurt herabsteigend, sie leider nicht davon zu überzeugen, daß, wer dem verkannten Künstler, dem genialen Projekt, dem extravaganten Gedankenjongleur zäh, mit unbedingtem Glauben und materiellem Einsatz jahrelang die Treue hielt, auch später Lohn dafür ernten dürfe. Es gibt für alles Neue die ersten Jahre ja nur jüdisches Publikum. Sie opfern sich schon für den von ihnen sofort erkannten Gehalt, während die protzigen Kimbern sich noch vor Lachen über die Verrücktheit ihre fetten Wänste schlagen. Auch ich bin, als ich zum erstenmal bei anderen die Sachlage erkannte, von Wodan zu Jehova übergegangen. In gewissen Fällen, mit einigen Vorbehalten, aber mit der besten Überzeugung.