Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart
Part 7
Einmal hat er noch Erfolg, Glanz der Liebe kommt aus großer Welt. Der Park von Ludwigsburg biegt sich um nächtliche Zusammenkunft. Man redet von Entführung, London, Heirat, er glaubt es vielleicht, aber im Grunde will er es nicht. Zwar packt er das Erlebnis mit aller Gier, es verbindet ihn noch einmal mit jener Sphäre, als er italienische Fürstinnen hatte und schwärmerisch Don Juan sang. Er ist zu sehr schon zugedeckt von seinem neuen Milieu, er sieht die Liebe nur als unverhoffte letzte Frucht. Nun ist der Horizont leer geworden, die Frauen sind ganz tief und verblaßt hinausgetreten. Es bleiben Arbeiten, Kämpfe, rastloses, zweckhaftes Mühen um Gewinn, Leben, Geld. Doch vergißt er die Freiheit nicht. Sie ist mit langsamer Schönheit irgendwie vor alles andere getreten. Doch er liebt sie wie eine Courtisane, nicht wie eine Heilige. Er hat sie im Blut, sie hat ihn infiziert. Sie hat ihn wie Pauline. Aber er hat nicht den unsäglich mühsamen Weg gemacht, um sie ganz zu begreifen und so tief lieben zu können, daß er stürbe für sie.
Er hatte auch bei den Weibern nicht den Elan, sich in der Liebe für die Ewigkeit so hoch zu recken. Er ist Abreke, Abenteurer, Jeu-Genie. Um den Augenblick der Liebe zu fassen, setzt er lächelnd das Leben ein. Ein ganzes Leben Liebe ist ihm tötliche Angst. Er ist ein Impressionist im Leben, eine schöne und oft sehr farbige Angelegenheit, aber auf der Ebene der Herumgeworfenen, Eitlen und Nur-Talente. Wo er aufhört, fängt der große Erotiker erst an. Viele Frauen zu haben ist ein Talent der Oberfläche, der Verführung und der Kraft, zu gefallen. Aus ihnen herauszuholen, was an Fiktivem und Echtem in ihnen ist, an das zitternde Menschliche zu geraten, ist schon Genie. Es fehlt ihm im ganzen Leben, was Casanova hatte: die große Inbrunst, die Lust zur langen Liebe. Nie wird dem Venetianer ein Weib leid. Sie bieten ihm noch Möglichkeiten, wenn das Leben ihn von ihnen reißt. Es fehlt dem Deutschen auch Liebe solcher Frauen, die, auch wenn sie sich trennen, immer Daheim, Hafen und Rückkehr ihm sind und die seine Berührung wie göttliche Auszeichnung durch ihr an Glanz nicht armes Leben tragen. Seine Frauen sind ausgezeichnet, innig, aber einmalig und ohne Echo für das Weitere. Es mangelt ihm das Lauschen, lange Kosten, die tiefe genießende Süßigkeit des Venetianers. Ihm schien das Weib der Mittelpunkt der Welt. Aber er sucht nur und geht weiter. Casanova aber sucht in ihr, wenn er sie hat, alle Endlichkeiten des Kosmos bis zur Unendlichkeit.
Doch er hat seine Zeit in sich, seine Sehnsucht bleibt ihr treu. Seine Tagebücher hat er abwechselnd, durcheinander deutsch, italienisch, französisch geführt. Das Werk, das er aufbaut, hat immer als Titel: Welt, Enzyklopädien, Zeitschriften, Welttheater. Immer will er das Ganze fassen. Je härter ihn die Umgebung bedrängt, um so weiter will er hinaus. Politische Phantasierereien lassen ihn den Globus immer dichter zusammenziehen, das Deutschland, das vor der Revolution noch fünfzehnhundert Regenten »beherrschten«, wird immer einheitlicher. Er ist gegen das Soziale, weil er die darauf folgenden Tyranneien fürchtet. Er ist Aristokrat, aber er haßt Feudalismus, weil er die Freiheit liebt. Er baut an lenkbaren Luftschiffen, an Unterwassertorpedos, er möchte gern den Meergrund und die Planetenhöhe einbeziehen. Er kämpft seinen kleinen Kampf mit aller Tapferkeit und als Seigneur, der nur selten zeigt, daß diese Rolle nur die Verlegenheit der Situation ihm gegeben. Daß er viel lieber um Throne und Feldherrn und große Städte mit Macht und Ruhm sein Leben herumbewege, als zu schreien und fechten, mit einem Gegner, den er so tief verachtet. Und manchmal, sehr selten, ist in seiner Allüre der Ton des Ausgetriebenen, des Neidischen, des Hundes, der seine Tätigkeit auch verachtet, aber in der Welt, wie sie hinter Napoleon sich schloß, keine andere Wegfahrt sieht, als den Widerspruch, die Pasquille, das Buch des Protestes. Seine spielerische Klugheit führt in politischen Dingen ihn bald auf den Grund der Probleme, er ist nicht sehr engagiert und sieht daher klarer. Er ist für die Revolte der Herzen, wohin die Resignation an den Revolutionen bald die Engagierten führt. Doch ist es Kalkulation, nicht Glaube. Er weiß, daß INRI nicht nur das Schild des Nazareners war, sondern das Anagramm der napoleonischen Idee war und dem französischen Imperator die südliche Königswürde der Italer zufügte und das europäische Mittelterrain bedeutete, und daß es aus damit sei für lange Zeit. Daß er Napoleon bekämpfte, beweist gerade in seiner Feurigkeit nur, wie sehr sein Herz an den Dingen dieses Zeichens hing.
Deutschland ist kein Land zum Sterben. Ganz in ihm zu leben haben trotz oder wegen ihrer Liebe zu ihm seine besten Kreaturen nicht vermocht. Aus der Dumpfheit des Rheinlandes kommt er nach Paris. In Ingouville sieht er: der Himmel ist unendlich, die Terrassen der Villen und Lichter senken sich. Die Seine hat blau den Ozean erreicht. Die Natur hat eine große Melodie angeschlagen. Sie ist aus seinem Leben hinausgetreten und küßt den noch einmal, den das Sterben wohl nicht drückt.
Dort hat er seine Memoiren geschrieben. Da kam es ihm herauf aus Welle und Mondbogen: die Welt. Man hat das Werk in viele Sprachen übersetzt. Die Deutschen hatten das Dokument bald vergessen, wie sie Pückler versäumten, aber Ebers und Freytag wie Gebäck und Bier konsumieren. Sie sind kein weltmännisches Volk und berauschen sich eher am barbarischen Spiegel sentimentaler Urvergangenheit als an den Momenten ihrer Geschichte, wo Weltwende fiel und Schicksal zwischen den Zeilen der Passion gewittrig sich ballte. Dem Geist der Kriegervereine und Kaiser-Geburtstagsfeiern ist Denken und Zusammenhang eine Pest. Sie haben auch Casanova als Erotiker abgetan, der doch ein geistvolles Zentrum der Welt war, und, nur wissend, wie sehr aus den primitiven, das heißt den erotischen Wurzeln Menschen, Völker und Schicksale sich entscheiden, sein Weltbild wachsen ließ vom Phallischen in den Geist. Sein Ausmaß ist riesiger wie das des Deutschen. Den hat die Vorsehung nie so fessellos gepackt wie den, der als Besitzer des Alphabetes sich Marquis de Seintgalt nannte. Der Deutsche hat als Offizier eine Kaste, einen Ausschnitt. Von da aus erlebte er, von da aus schlug ihn die Welt. Den Venetianer aber wirft das Schicksal an jeden Strand und an jede Hölle. Er erfährt Höheres, aber auch jede Tiefe des Daseins. Sein Fall ist furchtbarer, sein Aufstieg illuminanter. Der ganz große Schicksalsausschlag fehlt dem Deutschen. So fehlt auch seinem Ende die große Tragik Casanovas, der, wie der Prinz von Ligne sagt, zahnlos und alt, ein Spott der Domestiken ward, ein Hürchen in Venedig aushielt und an jenem Petrolfeuer sich zurückerinnernd fabelhafter Erlebniswürfe, wie glühender keinem Menschen vor ihm sie gelangen, den Prunk und die Grazie und die Weisheit seiner Memoiren schrieb. Dies ist Schicksal.
Es hatte ihn ganz umgeschmissen, aber er griff um so höher hinauf. Der Deutsche blieb in der Mittellage. Nicht so maßlos repräsentativ wie Seintgalt. Aber, endlich auf das Maß seines Anspruchs gebracht: wundervolle Haut, abgeschöpft von seiner Zeit. Er wollte nichts, aber die Zeit bewies sich gerade darum in ihm. Sein Kampf vom Augenblick an, wo er ins Bürgerliche desertierte, ist nicht Tragödie, sondern Marsch in die Spirale, ins Enge und ins Unwesentliche. Nur blieb er auch hierbei seinem Blut treu, schrieb den Deutschen in ihre minderwertige Memoirenliteratur ein Oeuvre erster Form und blieb zwischen Händlern und Spießern ein Funke größeren Lichts. Es fehlte dies und dies und dies zu Größe. Er hatte die europäische Einstellung. Aber nicht den Charakter. Er hatte die Sehnsucht dumpf danach. Aber nicht die unerbittliche Richtung. Hätte er an Revolutionen geglaubt, er hätte ganz richtig von den Franken sie erwartet, denn die Unfähigkeit der Deutschen gerade hierzu kannte er deutlicher wie ein anderer. Aber er hätte sie des Glanzes und der freiheitlichen Geste halber nur von dieser Seite gewünscht und nicht gedacht, daß wohl die Explosion vom Westen, der Geist aber vom Osten kommen könne. Dahinaus war er verschlossen. Nicht aus Leichtsinn. Eher aus Courtoisie. Aber im ganzen darum: man war noch nicht so weit. Einem Panter, einer Antilope gleich, die nicht wissen, wo Hottentottisches gegen Suaheli sich grenzt, glitt sein Geistiges durch europäischen Bezirk. Es blieb, an Terrain und geringes Feld der Zäune gebunden, nichts anderes später als in Melancholie oder Verachtung zu krepieren. Es hat das letzte an sich genommen und einen tapferen Kampf mit den Stäben geführt. Das Meer mit den Schiffen unter Le Havre wird ihn erlösend, wird Befreiung gewesen sein. Sein Zirkel kreist nicht gerade die Senkrechte einer Zeit ab, und um Polhöhe zu schweifen war in Wirklichkeit nicht lange seine Mission. In ihm, dem von allen Leidenschaften und Talenten der Epoche Gefüllten, läuft das unterirdische Sehnsuchtsströmen der Vereinigung und Weite, das alle großen Herzen getrieben hat und in dem seine Zeit ihn aufweist, lässig und richtungslos wie eine Glaskugel, die ihr Strahl hebt und senkt. Mehr wollte sie damals nicht. Die spielerische Grazie hat ihr wohl genügt. Ein Pedant möchte nur verurteilen, wo die Wichtigkeit allein im Anschauen besteht.
9. Der Reisende
Es wäre Lästerung, nicht sofort auf das Bild und den Namen des Mannes zu stoßen, der schon früh hier unerreichbare Erfüllung war. Ungekannt von den Deutschen, verschollen seine Bücher, vergessener noch mehr sein menschliches Bild, das in der Zeit, die Menschen braucht wie keine, wichtig und bedeutsam ist. Es muß gewagt sein, seine Erscheinung in einer Laune, die so groß war, daß nur er sie wagen konnte, sein Bild in einem gebogenen Glas zu geben: Auf einer europäischen Landstraße rollt ein Wagen, himmelblau ausgeschlagen, mit goldenen Quasten, riesigen Spiegelscheiben. Ein Windspiel auf dem Teppich innen als einzigen Gast. Hinten auf dem Bock ein blonder Jäger, vorn auf dem Bock der Herr. Er ist schlank, vornehm, in seiner Haltung ist Zartes gemischt mit großer Energie. Er trägt Nankinghosen und Lackschuhe. Die Stirn ist ungewöhnlich. Sein dunkles Haar fällt aus einem tunesischen Fes. Er schaut nachlässig mit einer Lorgnette in den Wald. Den Hals bedeckt ein bunter Kaschmirschal. Erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Dies ist Fürst Pückler-Muskau, der größte deutsche Reisende. Er ist der europäischste Charakter. Er steht dicht neben Casanova in der unerhörten Urbanität der Gesinnung. Wie der Venetianer stets Italiener, bleibt er immer typisch deutsch. Seine moralische Einstellung kommt nicht aus dekadentem Hirn, sondern aus dem Temperament. Aristokrat der Gesinnung und Haltung, ist sein Kosmopolitismus rein aus dem Geist. Er reist, als Reisen Gefahr ist und Frage der Persönlichkeit, nicht Nuance des Kapitals. Er wird Kaleidoskop seiner Zeit. Seine Schilderung Karlsbads gliedert das gesellschaftliche Jahrhundert. Seine Lebenskurve ist sehr weit gespannt. In der Nähe Abessyniens ist seine Geste dieselbe wie am Berliner Hof. Ein französischer Autor sucht ihn zu erledigen, indem er aus seinen Büchern die Menüs zusammenstellt. Zwischen einer Anekdote und einem inbrünstig erlebten Sonnenaufgang lächelt ihn der Fürst zu Tod. Er hat eigene Orthographie, die pittoresk ist. Sein Buch über Parks ist die größte Form. Er scheidet sich von der geliebten Frau, um in England reich zu heiraten, verwirft den Plan, lebt geschieden mit ihr weiter. Er fährt unter betäubendem Donner von Fregatten- und Linienschiffen im Hafen Alexandrias ein, wo er sich mit Mehemed Ali befreundet, dessen Werk, wäre es gelungen, eine Revolution der Historie geworden wäre. Auf afrikanischer Erde das erste Glas trinkt er auf seine Frau. Er ist zart, gesund und anmaßend. War Rittmeister in der Garde, in russischem Dienst, Gouverneur von Brügge. Die Literaturgeschichten Deutschlands lieben ihn ahnungslos zu zerreißen. Bei Louis Philippe geladen, kommt er zu spät, die Königin nimmt gleich seinen Arm, er lobt die Küche, redet von Politik. Er dringt nach den Nilquellen vor, weiter wie je ein Europäer. Kamele tragen seine Weine. Löwen fallen die Karawane an, in der Frauen und Knaben seiner Wahl mitreisen. Einer sagenhaften Stadt nachfahrend, ihr gegenüber erkrankt er. Im Zelt von Blitzen umjagt, liest er zum zehnten mal Voltaires Candide fährt dann auf dem mit Affen und Vögeln beladenen Boot aus dem Sudan zurück. Sein Wissen ist profund. Seine wissenschaftliche Rolle bedeutend. Gesinnung, Pikantes, Muskelhaftes spielen wundervoll ineinander. Sein Stil oft dichterisch, seine Erlebnisfläche unerhört, sein Aspekt stets von weltmännischer Objektivität . . . . . wer hätte solchem Zueinanderkommen von so viel Glück und solcher Beherrschung Ähnliches entgegenzusetzen?
Zumal unter Deutschen. Wer versteht den tieferen Sinn des Weltdurchlaufens von ihnen? Reisen heißt: Gesamtwillen haben, Spannung besitzen, eine Persönlichkeit sein, die zentripedal den großen Radius zu _Urteil_ zusammenzieht. Wer hat unter den Deutschen die Geste, die Selbstverständlichkeit, die innere Voraussetzung, bei solch innerer Zerrissenheit der Kultur die Welt beschauen zu können? Wer ist so stark, von so ungefestigtem Boden her, gegen das Totalste treten zu wollen, das uns sichtbar gegeben ward: die Erde? Sie, die sich sphinxhaft verhüllt, zu entschleiern, aufzubrechen, auf Leib und Brust ihr loszugehen, ihr Rätsel schließlich aufzulösen und zu großem Ausdruck zu gestalten . . . . . welche Aufgabe?
Ändern sich die Voraussetzungen des Reisens, so ändert sich auch die Psychologie. Früher riskierte der Schweifende sekündlich den Leib. Später ging es nur um eine Diarrhöe in Honkong, ein Fieber in Kapstadt. Früher war der Reiz unerhört und bedrückend. Nun geht es mehr um das Urteil. Früher kam es an aufs Entdecken, aufs Wühlen in Unbekanntem. Heute schaut man, Reisen wird Politik des Geistes.
Aus welchem Herzen kam früher der Drang in die Welt? Gelehrte, Verzweifelte, Abenteurer waren die Heroen. Große Exploiteure brechen in Afrika ein. Gordon legt Eisen um den Sudan. Gessi, Baker, kämpfen dort. Emin Pascha liegt im Krankenbett zu Bagomoio, während sein Retter Stanley auf der »Somali«, gefolgt von einer ganzen Flotte, europäischem Ruhm entgegendampft. Livingstone, der Schwede Andersson treffen den See Ngami, durch die Wüste, durch Betschuanen sich durchschlagend. Rane, Franklin stoßen nach den Polen vor. Schreiben sie, ist es bezaubernde Sachlichkeit. Ihnen ist die Gebärde fern, die heut Helden zu Feuilletonisten ihrer Tat erniedrigt. Sie schreiben lediglich sich und ihrem Gewissen einen Bericht. Der Chevalier Chardin reist segelnd über Smyrna vor einigen hundert Jahren als Juwelenhändler nach Persien. Im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts sendet die französische Akademie Bouguer nach Peru, um die Erdgrade unter der Mittellinie auszumessen. Mit dem britischen Gesandten durchquert John Barrow Esqu. China 1793. Die spanischen Dreieinigkeitsmönche brauchten Ärzte in Tunis. So kam Herr Grager nach Afrika. Da die Revolution sein Herz degoutiert, wandert De la Tocnaye zu Fuß durch Irland und Skandinavien. Aus Tübingen bricht der Chemie- und Kräuterwissenschafts-Lehrer Gmelius auf und bereist Sibirien auf das Ersuchen der russischen Regierung. 1788 kommt Philipp Ticknesse nach Frankreich und Katalonien. Ein Prozeß hat dem Weltmann die Rente gekürzt. Er reist um zu sparen.
Diese Leute schrieben ohne Ehrgeiz, sahen, schilderten gläubig. Ihre Mission war getan. Das Buch war ihnen das sekundäre. Ihre Aufgabe war anderswohin orientiert.
Das Bild der Erde ordnete sich, vervielfachte sein Einzelnes, kam in genaues Maß. Nun Reisende befuhren sie auf Bahnen und Schiffen, um sie zu beschreiben. Sie repetierten Geschildertes in die Unerträglichkeit des tausendsten Falles. Sie dilettierten mit geschmacklosen Impressionen. Bürgerliche Herzen reflektierten den Strahl der Welt zu grauenhafter Uniformität. Das Mechanische ist leicht geworden. Niemals begriff der Reisende aber, der fuhr aus Reichtum, aus Genuß, aus Langeweile, daß das Geistige sich maßlos komplizierte. Gelehrte sind phantasielos, wo der Stoff sich nicht selbst betont. Dichter und Künstler fahren, geben dieser Gegend jenen Reiz ihrer Anschauung, dieser die Leuchtkraft ihres Stils. Da nichts zu entdecken mehr, bleibt die Sensation der individuellen Darstellung. Solch Geschaffenes kann schön sein, aber für das Allgemeine ist es ohne Wichtigkeit. Es bleibt im Ästhetischen wie bei Kellermann. Im bürgerlichen Impressionimus wie bei Hesse, Bonsels. Der große Auftrieb fehlt. Es genügt nicht. Es wird dichterisch in manchem Höhepunkt vielleicht wichtig als Gestaltung, wie bei Loti, Brun und Suarès. Dies zielt aber in anderes Gebiet. Hier entsteht Dichtung. Aber die vielgestufte Erde wird damit nicht umfaßt.
Es bedarf der Persönlichkeit. Überlegenheit des Temperamentes ist die erste Forderung dieser imaginären Figur. Seine Stirn bleibt stets oberhalb der betäubend in Fülle ihn umschwankenden Erde. Sein Auge dichterisch, seine Phantasie leicht gezügelt, sein Herz voll Gesinnung . . . . . erlesenes Zusammenspiel. Er kann schreiben, aber dies ist ihm nur Durchgang. Er schaut, er durchlebt, er übersieht. Am Hebelwerk von Zivilisation und Kultur erblickt er den ewigen Ausgleich der Welt mit der Triebkraft der Elemente. Er geht durch das Schöne, das ihn berauscht, hinunter zu den schöpferischen Quellen humaner Existenz. Im Wirbel der Nationen erkennt er das Endgültige und legt das Einzelne danach aus. Mensch zu sein als oberste Pflicht, gerecht zu sein mit Härte als Bedingung . . . . wie entschält bei solcher Haltung sich das Dasein zu ungeahntem Zusammenhang. Wie kreist die Fülle, blendet der bunte Umschwung, gebiert sich das Rätsel. Er ist Dichter und Gelehrter, er ist ein Kerl und Geliebter, voll Schmutz und voll Inbrunst. Ihm geht nichts, was erhebt und erniedrigt, ab . . . welche Mischung. Er sieht durch den Gegenstand durch auf den Sinn. Ihm kommen die Zusammenhänge entgegen. Darum schildert er nicht. Er hat glühendere Leidenschaft. Er sieht, und das bedeutet ihm Abschätzung. Er urteilt. Er reist . . . . und das heißt -- um endlich die Spitze zu treffen -- er ist politisch. Weltmann, Genießender und Forderer . . . . diesen Politischen Sinn hat unter den Deutschen nur der fürstliche Muskauer gehabt. Aus der Totalität seines innerlich kultivierten Herzens vermochte er die Erde zu beurteilen und sich gleichzeitig an ihr zu berauschen. Er konnte es damals schon, als er in unbekannte Territorien stieß. Denn er war ein Mensch, der sich rund wußte. Der seine Verantwortungen kannte und somit die Verantwortungen der Schicksale, der Erde sah. Nur das Bild des innerlich geformten, in Gesinnung erglühten Menschen spiegelt die ganze Form der Schöpfung wieder. Die fremde Erde, die wunderbaren Gärten der Inseln und entlegenen Länder und die Betriebsamkeit ihrer Städte und Völker fallen und steigen vor solchem Blick nach dem Rhythmus der menschlich gerichteten Gesetze. Er sieht und urteilt. Was er entschält, ist der Mensch. Ist sein Bild gut, wird auch das Antlitz der zerrissenen Erde heiter und schön sein. Weiter hat alles andere keinen Sinn.
10. Datterich (Dialekt-Tragik)
Ich setze diese (zu seiner Säkular) geschriebene Zeilen hierher, um Niebergalls Andenken zu retten. In seiner Heimat streiten Pastoren und Pollissons, ob er als versoffene Unke oder gleisnerisch und im Gehrock sehr früh die Jagdgründe vertauscht habe. Seine Tragik ist aber, daß diesen Schaffer des stärksten Dialektgeballs zehn Stunden hinter seiner Vaterstadt kein Mensch und keine Rübe mehr versteht. Er wollte das größte und hat (immerfort) das kleinste Publikum. So deutsch schrieb kaum je einer, es ward aber (den anderen) chinesisch. Er war ein armer Kerl, vor dessen Werk die Zeit ihre Ironie exerzierte. Er soll im Angedenken nicht verloren gehen.
Kann etwas leichter sein, als mittags, das Gesicht gegen den Himmel schwebend, zu liegen. Zwischen Himmel und Gesicht hängt das Glasdach eines Atelier. Kann etwas leichter sein, als daß Märzgewitter klingend darüberspielen, Hagel auf dem Dach sich zerhaut, der aus dem Imaginären kommt und mit einem Mal ganz nahe wie ein Tier in wütendem Bündel gegen das Gesicht stürzt. Aber das Glas schwebt ihm entgegen, leicht und glänzend, und das Eis zerknackt sich an ihm mit klirrendem Anprall. Es lautet, als beiße der Hagel sich toll die Zähne aus und unser Gesicht liegt lächelnd darunter. Gewitterschläge schwingen und stehen überall in der Luft. Regenbogen laufen über das Kristall des Atelier, einer Blase von Glas gegen die süße Wut der Gewitter aufgebeult und mit einem Male dann wieder lichter Ballon und breiter Schmetterling in seidiger Sonne schwimmend, von strahlendem Himmel gehalten. O Leben unserer beiden hessischen jungen Dichter, das diesen Tagen glich wie ein Tanz einem andern und jeder kurze Rausch den ungeheuren Räuschen dieses Seins. Georg Büchner, erster und liebster der Darmstädter Dichter, dessen Kunst ein zuckendes Tremolo von Faustschlägen war über einem schlanken Stück Jugend, und der aus der fabelhaften Explosion seines vierundzwanzigsten Jahres wie ein metaphysisches Projektil in rasende Unendlichkeiten geschleudert wurde. Und dann, Genosse seiner Stadt und Zeit, trunkener Bruder seines maßlosen Suchens, stiller und seßhafter Mensch, Ernst Elias Niebergall, Hauslehrer und Theologe, immer gefüllte, nie zerplatzende Petarde im sonntäglichen Raum der kleinen Stadt, aber immer geschwellt und ewige Drohung, auf einem schmalen gezäunten Steg Leben lavierend, manchmal von Räuschen überschaukelt, taumelnd durch Wein und Bürgertum, und im achtundzwanzigsten Jahre sanft hinausgeschoben über die breite Dürftigkeit des Lebens, das mit groteskem Schweigen und wahnsinniger Komik gefüllt war bis zum obersten Rand. In Darmstadt heißen sie solche, die mit neidisch-verkrampften Fingern gierig und bebend nach dem Glas haschen, ehe es noch die Tischkante berührt, deren Hände tanzen den ganzen Tag vor zitternder Sehnsucht und die sich erst beruhigen im Griff des Römers, solcher Leute Zustand heißen sie Datterich. Ernst Elias Niebergall hat seine verschwiegene Tragik, seinen unheimlichen Humor, in ein Stück hineingeschrieben, dessen Mittelpunkt, Helden und Partikulier er Datterich nannte. So heißt auch das Stück, das zu herrlich war, als daß man es über hundert Jahre hätte vergessen können. Es kann sein, daß man das Stück sieht fünfmal, fünfmal in vier Wochen, es kann sein, daß das Falsett begeisterungsfähiger Weiber in Lerchentönen schluchzt, das Herz muß folgen, denselben Takt, denselben Takt.