Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart
Part 3
Als daher die Jünglinge und Männer scharenweise begannen, die Welt in kleine Teile zu zerlegen und mit Watte, Sachet und Sentiment umbrämt die einzelnen Stücke nebeneinanderzustellen, als ein Dilettantismus des Schreibens ausbrach, der keine Scham trug neben so ausgezeichneten Künstlerleistungen der impressionistischen Malerei zu existieren, als die Mädchen und Jungfrauen Deutschlands in Ansammlungen sich aufmachten, Kellermann zu lesen, blieb Keyserling, Graf, Balte und Dichter die einzige Entschuldigung, die einzige Rechtfertigung dieser Zeit. Er ist nahe bei Renoir. Er hält Deutschland allein gegen Bang und Jacobsen. Was Kellermann im Virtuosen, Altenberg im Albernen mit Erfolg unternahmen, rechtfertigte er in Stille. Sonst haben wir niemand. In der Malerei Liebermann, Slevogt. Dieser Stil hat wenig Positives jenseits der Trikolore geschaffen, wo Renoir über Manet und Pissaro die glänzende und ruhige Schönheit eines Jahrhunderts in silbernen Rausch fing. Präsentiert man uns Pierre Loti, die Dänen, den Schweden Gejerstam, Peladan, den Engländer Wells, den Russen Korolenko, Brjussow, den Anfang des Spaniers Baroja, ständen wir mit schlappen Mäulern, hätten wir den einen nicht. Er ist sogar, was kein deutscher Maler der Zeit, kein Dichter sagen kann, unbeeinflußt. Die anderen schlugen krachend in Zolas Kerbe, schielten nach Monet, Cézanne, warfen sich den Nordländern in die Hände, die das feine Gestrichel der Impressionen mit Gefühlen weich im Kreise schwangen, und deren sinnierendes und augenblickshaftes Leben den Boden abgab, wo dieser Stil glänzend und fast national ward. Er ist der einzige Nenner gegen die Zeitblamage, wo in Deutschland Autoren begannen ein Raum- und Stilgefühl aufzulösen, das gar nicht vorhanden war, und nur süßliche Vapeurs in eine übelriechende Luft wälzten: Eine Revolution, die in alten Rahmen vor sich ging, die Sensation eines roten Fracks, aber im Salon der Frau Meyer. Er war ein Adliger in der Zeit der sozialsten Anfangskämpfe, der Literaturbarrikaden, des Proletariatszusammenschlusses. Zu seiner Zeit schwoll das Gesinnungshafte auf in zerflatternden Elendszenen, in naturalistischer Photographie. Was blieb? Wenn heut Aktivisten den Tod der Kunst brüllen und nur gesinnungshafte Sauhatz loben, fällt dies Echo als barbarischer Keil in einem Dezennium auf ihre nackten Schädel. Ich bin mit jedem Aktivisten gegangen, ich habe ihn im Krieg als einzige Flamme gesehen der Jugend. Ich habe ihn geschützt, weil die Idee wichtig war, weil das Prinzipielle mehr gilt als dies und das darum, was grün und faul und dumm war. Ich habe jede Überschärfung der Forderungen gebilligt, weil ich weiß, da ich das Leben aus den Tiefen her und mehr in den Höhen auch als viele kenne, daß die Forderungen säbelscharf überspitzt wurden, weil man auf dem Weg zum Gestaltwerden der Idee die besten Stücke aus den Lenden beißt. Aber liebe Freunde, werdet Ihr starr und kalt und dogmatisch wie deutsche Professoren, diktiert, verbannt, richtet, nehme ich mir freie Luft und die Möglichkeit jeder Bewegung. Ich bin für jede Aktivität, aber für jede Duldung. Ist Handlung nur Motor, Geist nur Zweckmaschine, rette ich mich in jene Landschaft, wo Menschen an Wachstum und Fülle, Tropischem und Bodenfrucht still und menschlich Freude haben. Wächst aus Politik kein gutes und rasches Machtgefühl, werdet Ihr geschliffen zu Kastratenkompromissen, und, wo Illuminierte eingingen, speien die Tore Zwitter aus. Was heut proklamiert wird, soll von der ersten Eizelle an den Menschen bessern, es wird nicht mit Kommandos gehn, er muß willig sein, überredet werden, nicht militarisiert zum Geist. Dann kommt nur aus großer Zeitkunst, wo Form, Idee, Kraft und Genie sich zu geheimnisvoller Schöpfung vereinigt, zurück, was bleibt, da ist, und ein neues Geschlecht begeistert, befittigt. An Zweckkunst allein erbricht sich das Gefühl wie der Steiß an Jugendstilmöbeln. Nicht Kunst ist unwichtig, sondern nie war sie wertvoller und von größeren Sonnen beschienen. Geist ist nicht Enge, nicht Diktat, sondern wie jede Äußerung des Ungewöhnlichen und Großen loyal und auch in der Duldung voll Größe. Schaut in ein Dutzend Erdumdrehungen die Erde nach anderen Schwüngen, sind die Voraussetzungen heutiger Ekstasen vorbei. Nichts bleibt als Gestaltung.
Immer war die Muse die große Trösterin und die schön Aufnehmende unseres Leides, und kein Gott hat gewagt, ihrem unerbittlich großen Gang sich entgegenzustellen. Eine seltsame Erleuchtung hat es unternommen, daß, als erste soziale Feuer sich entfachten und hymnische Knaben erfanden, daß »Freiluftkunst« und Fidus, Naturstimmung und Stammeln Höhen des Erlebnisses seien, ein Aristokrat die reinste Musik seiner Jahrhundertshälfte in der Prosa formte, indem er in vollendeter und schöner Schwäche den Todesgesang und das entzückende Sichneigen seiner Rasse und seiner Generation begann. Außer Menschen, die die Wehmut seiner Sprache liebten oder Dandysmus des Gefühls in der spielerischen Geste zu sehen glaubten, außer Frauen und emporgekommenen Jünglingen hat niemand seine Sprache vernommen, niemand diesen großen Abschluß begriffen. Ehe er starb, war er jahrelang blind. Jenseits der Menschen schon, wie er über der Form stand, gleich Klee und Renoir ein Handwerkszeug so meisterlich beherrschend, daß er es fast nicht mehr gebrauchte. Eine Könnerschaft ging weg, wie in der Ausbalanzierung der Worte, in der Elastizität der schwankenden Sätze, in der tragischen Grazie dieses Land sie generationenlang nicht besaß. Wie allein Sternheim in der unheimlichen Knappheit jahrhundertalter Hirnkultur sie konstruktiv danebenstellen kann, aber niemals diese Gelassenheit erreicht, in der alte Möbel und Schlösser, Schlachten, Heiraten, Herbste, Ernten, Rokoko und erlauchte Blutmischungen Farbe und Erinnerung hineingaben. Da wir Kraft des Ausdrucks scheints mehr schätzen und haben als erlesene Prozesse der inneren Läuterung, liegt dem Deutschen und Kaffern das Einfühlen dahinein schwer. Weltgefühl hatten Staufer, die Ottonen. Man hat es nicht bewahrt. In der Breite blieb keine Form. Kommt ein Spätling damit ans Licht, zeigt in sieben Sätzen davon mehr als der Durchschnitt heutiger Autoren aufweisen kann, schelten sie ihn, achselzucken sie: Artist. Niemand ahnt, keiner weiß, welche Leiden, Mühen und Jahrzehnte es erst braucht, setzt aus den Stürmen und Kämpfen unseres Weltgefühls heut sich einmal nur die erste Stufe glatter Tradition, so daß irgendeiner schon jenseits all unserer Kämpfe leicht wie in luftloser Freiheit Summen und süße Kraft zieht. Im Chaos unserer Bewegung durch die Jahrhunderte steckt beste Kraft. Aber das ist kein Zustand, ist barbarische Gewohnheit. Lästerern, die sich der Roheit brüsten, ja uns allen, die an der Roheit wir ohne Schuld tragen, ist nur selten ein Zeichen gekommen, das zur Arbeit an der Gemeinsamkeit einer Harmonie riefe. Hier verscholl eines. Sein Gedanke war in andere Welt gekehrt. Kein Fanatismus, keine Problematik gab es mehr. Zeitfragen waren Stoff und Vorwurf, der so unwesentlich ihm war wie irgendeinem. Zum Schluß sah er nur noch Menschen. Die Melodie, mit der eine Welt aufwuchs noch einmal, war beste europäische, männlich, zurückhaltend und auch in der Schwäche ernst.
Zwischen Rußland und Deutschen hat die baltische Kultur sich in abgeschlossenen Jahrhunderten zu Reife und Enge entwickelt. Chinesisches kam aus ähnlicher Einsamkeit. Die Herrenkaste haßte Deutsches und Preußisches, schwang in Rußland die Geißel. Schon das Kokettieren mit Preußen, als der slavische Imperialismus die Brücken und Stoßwagen verbrannte, hätte diese über Zeit und Jahrhunderte unwahrscheinlich gebogenen Zustände innerlich zerstört. Zwischen Bolschewiken und Junkern laviert eine Kaste, die ein Jahrhundert zu lang Kondottieri und Ritter geblieben war. Um ihre Wälder und Schlösser aber staute sich die Zeit wie eine Schale gegen den Himmel. Darin wuchs wie aus Urformen Gewohnheit und Blutstraße sich zu einem Daseinsrhythmus, der in seiner Überzüchtung weit über Wien hinausgehend, den Rekord auf deutschredendem Boden mit tausend Längen schlug. Hier war ein Volk noch aristokratisch, noch mittelalterlich, flackten Feuer, Feste, Fackelzüge übers Eis in Übung und Sinn des achtzehnten, des zwölften Jahrhunderts. Stoffe und Menschen, der Frühling und die Geburt kamen in Einstellung auf ein Dasein, dessen Inhalte diese Vorgänge nie gliederte, sondern nur beherrschte. Alles ist abgerichtet, fertig. Den letzten Dichter der Epoche läßt das Schicksal sterben, ehe eine neue Zeit das alles zerstört. Was er findet aber, ist so vorbereitet, so vollendet, so voll verhaltenem, kaum ertragbarem Ton, ist so in seine Hand hineingetrieben und ihren Rinnen gemäß gebaut, daß seiner geringsten Bewegung alles gehorcht. Er denkt die Vorgänge in seine Prosa, nie schreibt er. Das Mechanische ist tief unter ihm. Wissende spüren, wie ungeheuer das Bedeutendste bei ihm zwischen den Zeilen ist, wie bei Hamsun in der Atmosphäre so nah liegt, daß es nie, sondern nur Unwichtiges gesagt wird. Barbaren warfen mykenischen Stuten Menschen zum Fraß vor. Religiöse und Erschauerns fähige Völker wagten den Namen Gottes nie auf die Lippe zu nehmen und umschrieben ihn mit einfachen Symbolen.
Er filtriert Menschen nicht zur Idee, denn was Menschen damit meinen, ist in ihrer langen Vergangenheit schon irgendwie ihnen begegnet, in sie eingetaucht, Probleme gibt es nicht mehr. Die Zeit ist so alt geworden, daß alles bekannt und freund ist. Leidenschaften werden nicht mehr von Belang. Sie werden getragen, sind sie zu stark, stirbt man unter ihnen wie bei zu sehr Geliebten. Ein Heroimus des stillen Unterliegens und der passiven Widerstände erhebt sich und wird allgemein, nicht besonders. Gutes, Böses, Soziales und die Forderungen, mit denen Zeit und Schicksal die ewige Drehung des Gestirns begleiten und dirigieren, werden nicht mehr bewußt, das ist geregelt, Widerstand wird nicht erdacht. Es würde Unsinn, denn in welche Welt wäre zu scheiden aus dieser, es sei denn in den Tod? Man trägt. Wie bei den Russen. Auch hier wie bei Tschechow. Aber erlesener, man hat mehr an Süßigkeit vergangener Zeit und ungemeinen Geschehens auf seinen Leib gesammelt. Die großen Gebärden waren schon da, sie werden aus Achtung nicht wiederholt. Die Welt ist ganz in Zurückhaltung zusammengewachsen. Was den Neu-Aufgekommenen bestaunbar, stürmisch, durchwatbar und Meersehnsucht des Unendlichen scheint, belächelt man. Es war zu den Kreuzzügen schon Fanal. Die Landschaft gliedert sich in Alleen mit Nebel, auch etwas Sonne. Natürlich ist es sehr farbig im Herbst, der Sommer bringt zum tausendsten Mal Frucht. Die Seelen der Frauen sind sehr seltsam geworden in diesen Wiederholungen der Körper. Bild an der Wand gleicht Bild an der Wand und denen, die sie beschauen. Der Makrokosmos ist in ihre Seelen schattenhaft eingegangen. Man kennt nicht viel, weiß aber fast alles. Daher ist die Wehmut in allem, im Glück, in der Zeugung, im Schrei. Manchmal hat sie die äußersten Grade des Süßen erreicht, vollendet bis zum Glanz des Porzellans und starr geworden wie die Welt asiatischer Miniaturen, dünn im Atem und tötlich in der Tragödie und von einer Selbstverständlichkeit der menschlichen Schwünge und Charaktere, daß die zitternde Hand vor dem Sausen der Natur zurückschreckt.
Mit feinem Anschlag kommt eine Hand an die Tastatur. Beherrscht, klar, Gefühl bei Gefühl, die tanzende Weltkugel in der Mitte auf Wasserstrahl in absoluter Geschlossenheit, mit gewähltestem Anstand, beginnt ein Orchester. Bläser und Trommeln sind nicht vonnöten. Man sieht überhaupt keine Instrumente. Nur ein großer Dirigent hat eine heimliche Melodie angeschlagen, aber, als er begann, waren Solisten und Instrumente schon in jenen Nebel entzogen, den die Zeit vor die Abschlüsse stellt. Doch da sie zur Katastrophe den guten Ton setzt, haben, lang noch, Engel und Verfluchte Glanz und erlesene Substanz irgendwo im Raum von einer Wolke abgelesen.
Jedes Schachteln und Bestimmen hört damit auf. Er wurde aus einer Schule heraus groß. Ein Schlagwort hat immer allgemeinen Sinn, und sage ich zögernd expressionistisch, meine ich Cheops so gut wie Roswida, Däubler, den Baalschem, den William Shakespeare. Mir wächst das Wichtige ins Gesicht, nicht die gorillahafte Färbung. Heut ist mir's Ausdruck des Weltgefühls meiner Epoche, es bedeutet mir Phalanx mit Pazifisten, Mutigen und Aktivisten und Malern. Es können Blasse dabei sein und Fliegerleutnants. Es sind Brüder zum Ziel. Messe ich nach fünf Jahren, lasse ich nur die Leistungen passieren, das, was hart und dick geworden ist. Das Schlagwort zerflattert. Wahrscheinlich ist mir dann, ich habe es nie gewußt. Daß, als Keyserling lebte, getüpfelt ward, Bang strichelte, Jacobsen schraffierte, Gejerstam an dem Filetrahmen saß, Programme darauf geschrieben wurden, Gierige sie ausschrien und sich damit kostümierten, hat nie eine Zeile des Mannes umgedreht. Zuviel war hinter ihm. Stil und Haltung, die ihn trugen, waren geschmeidig genug, den Luftzug aufzunehmen und sich untertänig zu gestalten, wie alles, was die Zeit herantrug. Als van Gogh und Cézanne tot waren, schlug sich der Pöbel, der von ihnen lernte und lebte, darum, ob sie als Im- oder als Expressionisten sich gedacht hatten, solange sie sehnsüchtig oder überdrüssig den romanischen Teil der Oberfläche Europas besiedelten. Sie haben schwer sich geschunden und um den Ausdruck ihrer Kraft gerungen. Was große Persönlichkeiten einfängt in die Spiegeleien an den vier Wänden der aktuellen Zeit, ist nur von sekundlichem Belang. Was säuselte in impressionistischen Kapiteln, ist abgefallen, nicht mehr da. Die Zeit drängt enorm zusammen. Bald werden Renoir und Picasso dicht nebeneinander liegen. Das ist die große Einstellung. Im Ausscheiden und Niveaudurchbilden von Monat und Jahr geht es ums andere, ums Gegeneinanderstellen, um die Kontraste, ums Deutlich- und Gesundmachen der problematischen Vereiterungen durch Operation. Von denen der letzten fünfzig Jahre ist Wassermann durch Romancierfülle in einer asketischen und mager gewordenen Romanzeit, Heinrich Mann durch die große Geistigkeit, Sternheim über seine schmale und glitschige Florettbegabung durch die Zeitprophetie und sein unerschütterliches Bekennertum weit und sehr über Schulehaftes hinausgestrebt.
Da gibt es nach dem Durchbruch eine Luftschicht, wo unten sich Befeindendes zusammenrückt. Man ist unter sich, Cervantes, Chrestien von Troies, Tomas a Kempis und Hutten, Heine und Hölderlin. Zola und Maupassant. Man darf in dieser Höhe die unten wichtigen Unterscheidungen der Stile nicht zu ernst nehmen. Man tut es im letzten Grund überhaupt nicht, auf Gipfel, Kerle, Leistungen bedacht. Die kleinen Gefühlvollen haben den großen Dichter deutscher Prosa einen Ästheten genannt. Manchmal war er allerdings gegen feuchte Hände und Röllchen. Es war ein Reinlichkeitstrieb, den selbst Papageien und Hunde haben, mit Dichtung hat dies nichts zu tun. Fortgeschrittene liebten ihn wegen seiner Milieus und seiner Gefühle. Sie waren nicht gefährlich, auch Gouvernanten erkannten im Leben der Vielen, die sich selbst unterdrückten, ihre geschundene Kreatur wieder und beschlagnahmten ihn für sich. Kenner aber statuierten ihn zum Impressionisten. Liebe Ahnungslose, er war nicht von euch, der das Martyrium reiner Menschlichkeit in zu sehr auserlesenen Exemplaren zu Hyperbel und Schleife über den Schicksalsrücken zog. Indem er jenseits von Kunst stand, weil er zusehr sie beherrschte, war er nicht mehr kategorisierbar. Wohl war nicht stark seine Hand, ein Knick in jedem Buch, langsam das Blut und fadendürftig das Rollen des Vorgangs, aber es war ein Bild. Ein Erdbild. Schon als er begann es auszusprechen, war er Symbol einer Zeit, die fast nicht mehr bestand, als er endete, war sie vorüber. Ihr Weltgefühl ist nur noch in seinem Werk. Ein kleiner Narr nur redet von Kunstform vor solcher Wölbung aus der Jahrhundertkurve. Dieser Mann nur, nicht Hauptmann, nicht Thomas Mann, nicht euer dummer Liliencron, kann auf solcher Höhe mit solchem Anspruch neben France, Chesterton, D'Annunzio auf irgendeinem Olympos der Völker, wo schon nicht mehr um Forderung und um Zeit gefeilscht, sondern um Repräsentation der Gefühle und Gezeiten gefochten wird, in erster Linie und mit der Haltung solcher Würde eingeführt und empfangen werden.
5. Dichter -- Zeit -- René Schickele
Die deutsche Dichtung ist sehr stark in die Politik getrieben. Es begann schon, ehe die Probleme von damals Katastrophen wurden. Das Ästhetische und Artistische, das sich in müder Prätention auf den Oberflächen sehr sicher lagerte, brach mit einem bestürzenden Ruck ein und sah sich einer Phalanx gegenüber, die entschlossen diese Generation bei Seite legte. Der Krieg machte dann die Atmosphäre aufs äußerste zugespitzt. Aus seinen Zuckungen erwächst der Jugend, dem Nachwuchs, überhaupt der ganzen Masse der Dichter und Künstler die politische Verschmelzung. Die soziale Idee dringt rasch in den Mittelpunkt. Sie wird nicht mehr naturalistisch nachmalend geformt, wie Zola es tat (der ein genialer Riese war, und mit der monumentalen Wucht der aufeinandergeschichteten Tatsachen cyklopische Wirkungen erreichte, wenn auch nicht künstlerische in dem Sinn, wie wir Gestaltetes verstehen) vielmehr ist das Soziale und Politische nun nur eine Umschreibung, ein Deutlichermachen der Begriffe Gerechtigkeit und Liebe, ein kosmisches Hineinschwärmen, ein tapferes Reiten für die Internationale des Geistes. Immerhin: es ist selbstverständlichstes Thema geworden, sogar so sehr, daß die Polizisten dieses literarischen Links-Terrains schon Gesinnungslosigkeit riechen, geht ein Dichter auf Minnesang oder Weiberabenteuer. Ja es wurde so sehr fast Konjunktur, daß junge Leute statt mit fester Arbeit mit tendenziösen und pazifistischen Gedichten sich in die Avantgarde hineinpauken wie Korpsstudenten ehemals mit Mensuren. Es kam so weit, daß, in Deutschland wie in Frankreich Worte wie Pacifismus, Demokratie, Politische Literatur bei den Aufrechten und Ehrlichen in jenen Verruf gekommen sind wie alle Altäre, deren Schwurempfänge die größten Lügenposten sind. Die Aufrechten müssen flüchten aus den Zirkeln, die sie selbst gegründet haben, weil die Hyänen mit den Masken der Frommen und Begeisterten die Zäune übersteigen. Aber selbst diese äußersten Fälle haben innere Figur, gestalten das Bild ins Typische. Die Idee marschiert, man muß sie schon vor den eigenen Sklaven schützen. Unter dem Gesicht keines Dichters aber kommt die politische Lagerung so deutlich und echt und schon so früh heraufgeschwommen wie aus dem Schickeles.
Er ist Elsässer, als Dichter das Bedeutendste, was dieser Grenzstrich seit Gottfried von Straßburg abgestoßen. Es gibt schlechthin in Deutschland nichts, was an spiritueller Bewegtheit, an Buntheit, Geist und Weisheit auch annähernd nur die maskuline Eleganz dieser gallisch-allemanischen Figur erreichte. Seine Abstammung, seine Heimat rückten ihn in den Brennpunkt der Weltkatastrophe. Damit die Revolution im Osten zustande käme, hat die Vorsehung es wohl gewollt, daß die Verständigung im Mittelpunkt Europas nicht erreicht würde. Denn hier mehr als am Balkan lag das Gespenst. Und hatte unter der dritten französischen Republik auch anfangs die Kriegsidee etwas Verachtetes und Überwundenes, dem auf internationale Weltfreiheit eingestellter Blick kaum Bedeutung beimaß, so sprengten beim ersten Anstoß die atavistischen militärischen Instinkte die republikanische Bonhomie und entfachten mit Elsaß-Lothringen als Kampfruf die nationalistische Gebärde. In Deutschland war noch weniger Verständigung. Man wies Jaures aus, der als einzige Möglichkeit den Frieden zu erhalten und die deutsch-französische Verständigung als »pivot de la politique mondiale« zu verwirklichen, die Verleihung der Autonomie an Elsaß-Lothringen innerhalb des Deutschen Reichs gefordert hatte. Das hätte den Krieg gebremst. Aber im Sommer Neunzehnhundertachtzehn noch, als Einsichtige in Berlin und im Hauptquartier wie Tiger dafür kämpften, war niemand da, der, um sein Volk zu retten, dies bißchen Freiheit konzediert hätte. Man war mit Blindheit sehr geschlagen, wie dies bei allen großen Katastrophen im Lager der Machthaltenden ist. Man schließt die Ventile, bis die Kessel platzen. Die Vorsehung hat es wohl so dirigiert, daß die Explosion ihr die erwünschte Möglichkeit war, Kräfte zu steigern und frei zu machen. Aber einige wenige Köpfe, denen der Einsatz von Millionen Toten zu hoch schien, um diesen Preis zu erlangen, hatten wie Löwen und Irrsinnige ihr Hirn wund gestritten, um es billiger zu haben. Sie kämpften seit einem Jahrzehnt, je mehr die Kriegsseuche heraufschwoll, den elsässischen Reizkörper zu entfernen, indem sie ihm durch größere Freiheit die Glätte und die Beweglichkeit gaben, ohne Reibung und Verwundung zwischen den beiden Ländern zu rollen, glatt und vermittelnd, wie dies die große kulturschöpferische Aufgabe des herrlichsten aller Grenzländer sein muß, wo zwei der besten Völker der Erde sich schon so deutlich im Körper und im Geist gemischt haben. Zu ihnen gehörte die geistige elsässische Jugend, darunter der sehr unwillig in solchem Krieg gefallene Ernst Stadler, dessen Herz ganz von einer großen Internationale dröhnte, und den es zerriß, das heldenmütig tun zu müssen, was er aufs heißeste bekämpft hatte: in dem Völkerhaß eine Rolle zu spielen. Alle diese jungen Leute wollten für das Grenzland die Autonomie. An ihrer Spitze Schickele.
Man hat nie begriffen, daß die Elsässer sich nie als Deutsche oder Franzosen dachten, wenn sie ihre Mission auf diesem Gestirn überlegten. Sie hatten lediglich die Sehnsucht, sich selbst, also, nicht wahr, Elsässer zu sein. Eine ganz eigene Sache, was sie ja auch, wenn nicht der Politik oder der Geographie nach, sondern um ihrer Mentalität und ihrer überleitenden aber hartnäckigen Situation halber waren. Übersahen sie ihren Standpunkt und die Entfernung zum Ziel, so war es nicht ihre Schuld, wenn sie von Deutschland gar nichts, von Frankreich immerhin Einiges zu erwarten hatten. Die Schwenkung nach Frankreich war also ein taktischer Schritt zur Freiheit, aber nur der erste und eine Etappe. Die Bewegung wird nicht stille stehen, und zweifellos aus Frankreich genau so hinausführen, wie aus Deutschland und wird erst ein Ende haben, wenn die Autonomie da ist. Dann wird dies so oft eingeschlungene und ausgestoßene, reiche und paradiesische Land, das diese Wanderung mit vielen Läuterungen, aber auch vielen Schmerzensrufen unternommen hat, die Plattform sein einer neueren und europäischeren Gesinnung und Berührung der Geister. Man muß sich das ohne Haß und mit viel Hingabe klar machen und ohne jede nationalistische Voreingenommenheit sich einstellen. Denn hier ist einer der seltsamsten Prozesse im Werden, der für die neuen völkerschaftlichen Beziehungen von einer taktischen Bedeutung ist wie der Sozialismus, denn er bedeutet das Sichpräparieren eines Erdstücks auf den Übergang aus nationalistischen Grenzen in sich selbst und darüber hinaus ein Zusammenführen der beiden noch getrennten anderen Gebiete über sich ineinander. Ein Bindeglied, das sich in beide auflöst und die beiden damit aus ihren Grenzen reißt und entnationalisiert. Diese Aufgabe, die das Elsaß in sich trägt, seit jeher aber nie erreichte, ist erst möglich, wenn es selbst im Zustand der letzten Glücksphase eines Volkes angelangt ist, in dem der Freiheit. Wer aber diesen Gedanken schon immer liebte, propagierte, den Tauben in die Ohren schrie, Weltfrieden damit stützen, Militarismus damit stürzen, irgend einen paradiesischen Zustand damit heraufführen wollte, es nicht erreichte, aber auch im Zusammenbruch all seiner Pläne, im Krieg, die Fahne hochhielt, immer höher: Schickele.