Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart
Part 12
Wie saß im Stabreim schon, der nichts anderes war als beherrschte Prosa, die heidnische Rhythmik wie ein gefesselter Athlet und zuckte mit den Muskeln. Man hat die ganze germanische Dichtung erzählend vorgetragen: Die Zaubersprüche der Merseburger, Wiens Hundesegen, Lorscher Bienensegen und Blutsegen, der wundervolle Torso des Wessobrunner Gebets das hinter einer Litanei eine heidnische große Schöpfung schwingt. Notker Labeo entriß den Klerikalen sie aus dem Latein. Hinter dem Epos her führten Ekkehard und Mechthild sie bis an den Rand der Seelendarstellung, glühten sie in Inbrünsten und Sehnsüchten. Brant und Gailer hinterher. Grimmelshausens Sprache ist breit und gewachsen. Volksbücher bringen Derbes, Abenteuerliches, Unzüchtiges hinzu, es geht manchmal schon gewaltig al fresco. Hutten schmiß sie wieder aus dem Außenseiterigen der Bildung und feuerte den Mut und das Bekenntnis hinein, es stieg ins Menschliche und auf die große Tribüne der Gerechtigkeit. Luthers Plastik. Lessings übersachliche Strenge. Nun wurde es reifer Obstgarten, himmlische Schmiede und hohes Urteil. Die Eleganz gab Wieland. Büchner den wilden Aufruf und die Jugendlichkeit der Begeisterung. Die gigantische Ausweitung kam bei Jean Paul, dem schöpferischsten Phänomen der Deutschen. In romantischen Epochen schwankt der Geist immer mehr in der Atmosphäre, und Jugend ist auf Treppen, Dächern und Bergen aus, ihn zu suchen. Dazwischen Heines üppige Schärfe und Gepflegtheit. Klassisches kommt in der Regel auf Jambus und träumt sich in Alexandriner, hat Kothurne für die Bühne. Was in ihr für Prosa bleibt, ist gemessene Beschreibung und zu edel und zu sehr voll Langeweile, die feurigen und sehnsüchtigen Pferde der Sätze die Gangarten großer Erhebungen machen zu lassen. Mit gutem Geschmack ist ein Gedicht Paul Heyses zwischen glitschigen Austern und Crême fraiche vielleicht noch zu ertragen, seine Prosa unentschuldbar. Heinrich Mann und Kerr und Wedekind standen umheult, als nach der Romantik die Prosa in die Trottoirs des Verkehrs geriet und man sie dort verbuhlte. Es scheint, man hatte ihr ein Opiat eingegeben, und die armseligen Verbrecher, die sie beschliefen, entlockten ihr immer wieder das Gedächtnis daran, woher sie komme und welche Haltung und Würde ihr angemessenes Mindesterbe sei. Sie fuhren mit ihr Schnellboot und, Lunapark und Hundertzwanzigpferdekräftler, und als Herr Kellermann sie besaß, hatte sie einen eleganten Geliebten, der sie wohl kühn aus bürgerlichem Gequassel entführte und Geschmeidigkeit und Tempo ihr vorführte wie keiner der Nullen vorher, aber nur raffiniert überkandierte Schleifen mit ihr jagte, innerlich unbeteiligt blieb und reizlos wie Herr Ebers und Schlaf, und nie daran dachte, den Kreisschwung zum Rosahorizont Geist mit ihr zu machen. Er hatte sie getäuscht, denn er sah Bildern früherer Geliebter ähnlich. Sie verließ ihn rasch, als die anderen und Neuen kamen und Verantwortung und das große Pathos um die Lippen hatten, welches sie seit dem Malermüller und der Bettina nicht mehr gesehen. Auch ging ein Schatten über die Pupille und sie kam näher an Europa. Sie nahm ohne Zögern eine Fackel in die Hand.
Sie hatte damit immer schon hinüber und herübergeleuchtet. Einmal gings zwischen Dänen und Deutschen mit den Sagen der Helden. Von den Italienern kams, als Petrarca nach Prag kam, Hutten zwischen den Humanisten heraufritt. Spät gings hinüber zu den Tschechen. Später noch, als der Glîchezare den Ysengrimes den Niederländern nahm, und die indische Fabel unter dem Scheine hereinzog zwischen Elbe und Ems. Immer aber hatte sie zwischen den Vogesen geleuchtet und ohne Pause war es über den Rhein herübergeströmt. Über der Mystik stand Bernhard von Clairvaux. Zwischen Silberhimmel und Olivengrün kam das Provençalische zum Minnesang herüber. Namen fielen ihr ein, als sie Gottfrieds von Straßburg, Wolframs, des von der Aue gedachte, die als gute und große Führer diesen Deutschen den Weg gaben: Chrestien de Troies, der von Britanje, Benoit de St. Maure. Hinter diesen zogen scharf und fast blau die Pyrenäen und das Loch aus dem Asiatischen her, wo blonde Mauren einmal in das bräutliche Fleisch Europas eingeritten und die Dulce France von den Höhen her mit fremden und schönen Orchestern so überspielten, daß es bis über den Rhein, nur in französische Zungen umgebogen, brauste. Immer hatte die Fackel den Zug der europäischen Bindungen überschienen.
Sie lächelte, als große Worte heraufklangen. Es schien ihr, als ob ihre Haut und ihre schönen langen Schenkel bald wieder in paradiesischen Gärten und um wilde Pferdebäuche gehen würden. Als sie den Bart des Francis Jammes sah, der die schönste Stimme Frankreichs hat, nickte sie. Auch Schickele übersah sie nicht, als er sich aufmachte, das denen über dem Rhein zu sagen. Es wurden Feste in München, Heidelberg, Berlin, Darmstadt und in den Bergen gefeiert.
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Man war dort sehr erfreut, denn die jungen Dichter fühlten den Atem der gleichen Absicht, das humanitäre, straffe, helfen wollende und leidenschaftlich angreifende aus der Luft. Zurück wich mehr gegen den Rand das Allzuviele, in dem ihre Straße nur als blankster Keil lag. Es kam Verwandteres und Geliebteres als das, was Volksgenossen immer noch den Kriegsinstinkten, den Hetzereien, der bösartiger Dummheit und den einfältigen Lastern gaben, und wo schlechte Handwerker an großen Aufgaben turnten. Epigonen des alten Schrifttums herum schlugen die Leier als Elegiker ihres Verkanntseins und hatten endlich als Fürsten Herrn Paul Ernst sich erwählt. Geschwänzte Knaben ritten Foxtrott auf den Sätteln, unter denen Gäule fehlten, aber sie übertönten den Galopp mit Geschrei. So brandet es rechts und links und von allen Höhen heran, man hält die Mitte und schaut nicht um, aber man saugt es gern auf, stürzt der Horizont herunter mit fremden Freunden. Ich sage es gern.
Denn natürlich steht mir Anatole France näher wie Hermann Stehr. Und René Arcos und Martinet, Goldring, Barbusse, Duhamel, Jules Romain, Dymow näher wie Herr Presber, Herr von Zobeltitz, Frau Dill, Frau Gabriele Reuter, Frau Boy-Ed, wie dieser oder jener Literaturschieber Cohn oder Kahn. Natürlich ist es wichtiger, das nackte Herz der Fremden eigenem Volk angenehm zu zeigen als Quatsch und Bockkohl eigener Volksproduktion immer wieder am Weg zu sehn.
Aber es muß einen Sinn haben, wie der Austausch sich untereinander verbindet.
Einmal müssen endlich die Zollwächter der Verantwortung an den Rhein- und Elbbrücken stehen und auf den Bodenseemonitoren, auf den Ost- und Nordseetorpedos sitzen, damit nur das bei uns einfällt, was als gute Sternschleuder bis auf den Boden zischt und die Völker einander kenntlich macht: so sind diese, das sind jene . . . und daß die Idee, mit Blei und Kugel einmal gegen diese an einem unsinnigen Tag heran zu ziehen, verzischt und verknallt. Aber natürlich darf nichts in jener Tendenz nahen wie die unsterblichen Dokumente der Dummheit, in denen Heerführer und Gesandte anderen Völkern ihre Barbarei bewiesen, indem sie den prunkvollen Glanz deutscher Demut und Kraft ihnen anpriesen wie Wurst und Präservativs. Die Vorsehung wollte es, daß man den gegenteiligen Zweck erreichte. Auch hat man gelacht. Man braucht den Deutschen nur zu zeigen, daß auch die Anderen Menschen und nicht Mörder sind. Haben sie das kapiert, wird ihnen auch die Folgerung aufgehn. Man braucht nur zu sieben, daß nicht der französische Schlamm hereinbricht, sondern daß die Bücher Laternae Magicae der Qualität als Dichtung und der menschlichen Gedanken als Inhalt sind. Das genügt. Aber man muß sie deutlich und mit nicht nachlaßbarem Nachdruck zeigen. Sonst halten sie es für einen Film.
Immer war Deutschland schon der Kulturbottich und das mitteleuropäische Bassin, in dem die fremden Fischsorten schwammen, Delphine und Krabben, Schildkröten und Heringe. Auch Miesmuscheln und Sand. Haifische und Hechte waren selten geworden, eher noch fette Schollen. Aber sie waren immerhin von Zeit zu Zeiten da. Man war urban, um es mit Gerechtigkeit zu sagen. Man gab den Refugiés des Geistes immer Asyl, aber die mittlere speckige Ware kochte ebenfalls durch alle Kessel. Jedoch auch die Genies der kleinen Völker wurden gemünzt. Heut noch degoutieren die Schweden den August Strindberg, heut noch führt ihr repräsentativer Dichter Per Halström (den sein konservatives Herz nur schlafen ließ, wenn die Deutschen am Tage ein Tausend Gefangener machten . . . so waren unsere Freunde) Krieg gegen ihn und den famosen Inselbewohner Hamsun, während das von Millionen beschossene und berannte Deutschland seine späten Stücke zuerst spielte, seinen Namen wie den eines Halbgotts feierte. Den Norweger Hamsun nahmen sie auf, zogen sie aus seinen paar hunderttausend Landsleuten, kiepten ihn auf die Schleuder und zeigten auf dem Donnerschlag des Paukenfells zwischen Alpen und Holstein, daß hier ein Genie lebe, von dem die Franzosen zwei Jahre nach dem Rückzug der Deutschen aus Pikardie und Belgien kaum den Namen und nicht eine einzige Übersetzung kannten. Sie verdarben sich, indem sie Herrn Ibsen zehn Jahre lang ausschließlich spielten, die Schauspielerschaft einer ganzen Generation mit Nervengeflüster und bemerkten gar nicht, daß sie darüber ihren bedeutendsten Dramatiker der letzten fünfzig Jahre, Frank Wedekind, gänzlich vergaßen. Sie haben die Dänen Jensen, Jürgensen, Jacobsen, Madelung, Aage von Kohl, die Schweden Gejerstam, Lagerlöf, Heidenstam weit über ihr Verdienst hinaus, aber auch dreißig hinter diesen her, in die Mitte gezettelt. Sie grinsten in allen Pressenotizen hinter d'Annunzios Abenteuern, Bangs Lastern, Wildes Extravaganzen, Björnsons Späßen schamlos her. Sie haben sich weit ausgebreitet, waren wirklich aufnehmend, geschmacklos in der Gastlichkeit nach allen Seiten wie das Haus eines Parvenüs (das sie auch hatten). Doch erstaunlicherweise, sogar im Kriegsgeifer zeigten sie etwas Genie, serbische Gedichte kamen, Russen und immer mehr Franzosen von Repräsentation erschienen und ihre Geister schwebten ruhig im Kanonenlärm. Zwar hatten der dramatischen Industrie Beflissene unter der strategischen Leitung der Presber und Fulda verlangt, bei Kriegsausbruch schon, den Fremden die Freiheit deutscher Bühnen zu sperren. Doch werden auch in den kaufmännischen Branchen Wucher und Unfairheit mittlerer Häuser keineswegs der ganzen Zunft als belastend ausgelegt. Auch waren die besten Dichter im Dienst des Übertragens. Schon begann im übelsten Lärm der Zeitgenossen die Solidarität der Künstler und geistigen Führer. Die ersten Stufen stiegen sie und proklamierten den Weg, den im Dienste des menschlichen Gedankens sie so bald nicht aufhören werden zu gehen: den zur Macht.
Sie haben einen langen Chausseestaub an sich bis zu diesem Punkt. Der häßliche kleine Homosexuale Sokrates hat sie noch bespieen, selbst Plato sie zu einfältigen Ingenieuren der Idee verwiesen. Das Pamphlet auf sie zu schreiben, blieb Plutarch, der zur öffentlichen Verachtung aufrief, aber Lukian, dem wohl gefiel, was sie schufen und der die Tragweite der heiligen Form begriff, war hinter den Verfertigern noch her als Tagedieben, Apachen und Fronsäuen. Auf den Märkten wandernd führte sie Dio Chrysostomos ans göttliche Licht, Plotin zeigte, ihre Schwängerung sei vom Geist, und Dürer machte sie deutlich, offen die Brust und diese ganz voller Figur. Alberti und der schöne Lionardo hoben sie in die geistige Sphäre ohne Makel hinein, und, im Quattrocento setzte sie der Facius genau neben die Päpste und Kaiser und Fürsten. Aber die Dämonie erst, mit der Michelangelo den Menschen die Überlegenheit seines Lebenssaftes unerhört bewies, stieß den Stand an die Linie des Sichtbaren heran zu Bedeutung und Einfluß. Bürgerliche Epochen haben das manchmal wieder verwischt, aber sie wagten es nie, wie im Mittelalter den Künstler und geistigen Menschen in den Abhub zu stoßen. Man hielt sie für gefährlich, vielleicht für Revolutionäre und Schweine, aber nicht für Schmutzsäcke und Sklaven. Sie waren Herren geworden, Marquis, Kavaliere, Gentlemen. »Ich verlange, daß Sie keine Kleinigkeiten von mir erwarten« sagte hochfahrend ein italienischer Sculptore der adligen Hofwolke, als ihn der größte französische König empfing. Dort gings um Ruhm noch. Die Richtung ist abgebogen. Es geht um der Menschen und der Gerechtigkeit willen, um den Staat und die Macht. Die Geistigen schließen sich zusammen, werden ein Faktor. An einem Tage der Weltgeschichte werden die Schacherer der staatlichen Maschinerie, die Horde der Minister, Gesandten, Beamten unter die Kontrolle anderer Führer endlich gekommen sein.
Aber man muß die Einzelnen lernen, Sinn aus europäischen Einflüssen zu ziehen. Lobe ich die entgegenkommende Tornüre der Teutonen, gebe ich lang noch keinen Preis. Sie taten es aus einer angeborenen Tugend oder Neugier, vielleicht aus Haltlosigkeit allein, keineswegs aus Verstand oder Moralität. Man weiß wohl, Mischung sei gut und tut es bei Dünger, Tabak und Weinen. In England nimmt man zur Aussat durchgängig ausländisches Getreide. Die Bardrinks sind internationalste Koloristik. Kinder aus zweierlei Volk sind schöner, ja, der Verfasser des alten Buches über »Zeichen und Wert des verletzten und unverletzten jungfräulichen Zustands« ist der Ansicht, die Häßlichkeit der Juden und Neger stamme lediglich von ihrer Abscheu sich stramm zu vermischen. Auch sind die Kinder südlicher Serails, wo Frauenelite aller Stämme in schönen Ställen stutet, von bester Form. Doch setzt dies alles voraus, daß Wille und Sehnsucht da ist zur anderen Vereinigung. Die Deutschen haben aber ohne Sinn und meskin und roh gelesen und getauscht.
Sie waren sehr verblüfft, daß Maeterlinck über seine großen deutschen Auflagen nicht vergaß, daß der Preuße ihm sein belgisches Haus zerstörte und daß Verhaeren, dem Deutschland mehr als Frankreich Bett und Heimat war, Flüche sprach, als Belgien überflutet wurde. Der deutsche Mensch hatte geglaubt, Dank erwarten zu müssen. Er hatte alle Seelen umsonst studiert, alle Bücher ohne Sinn gelesen, großen Aufwand aus den Fenstern geschmissen in den Hof und den Mist. Sie hatten nicht gelernt, aus der Luft der Freiheit in Tolstoi und Balzac die Lehre zu ziehen, sich selbst zu regieren, und seine Regierer rannten wie arme und stolze Wölfe gegen die ganze Welt, die ihnen so fremd war wie der Geist. Es half dem guten deutschen Teufel den Dreck, daß in seinem Kulturbottich die halbe europäische Literatur bis zu den kleinsten Schreibsardinen saß, als die Generalität in Belgien hauste. Und daß wir an Dichtern und guten, nur seither machtlosen Herren nicht ärmer sind als andere, unterstützte uns nicht die Spur, da draußen in der Breite der Masse man sie nicht kannte. Man setze dies den gallischen Freunden aufs Genick und schreibe es in die Minusspalte. Nur solche, die selbst nichts Gelingendes verstehen, sind drüben bei der Vermittlung tätig. Kleine Literaten und schiefe Journalisten übertragen. Man kann ein hochsteigendes Buch den Stallknechten zum Reiten nicht geben. Deutsche schlupften gern in das Trikot jedes Boulevardschmarrn. Doch zur Zeit des direktesten größten Einflusses unsrer Dichtung auf die romanische, als Musset, Hugo, Gautier vom Saft deutschen Genies überlebten und neben Byron in Hoffmann sich verzückten, gab es nur einfältige Verstümmelungen, nichts an Rhythmus und Klarheit ähnlich aufgetürmtes. Während die Staël von Deutschland schwärmte, empfahl Mathieu de Mirampal, da er dies Land für eines der Eisberge hielt, zum Zurückdrängen der Geschlechtsreife die französische Jugend in das kalte Klima zu senden. Selbst der zarte und süßeste Dichter des Rolla kannte kein Wort in Deutsch. Nun aber wird getan und nicht geschwatzt. Es geht nicht um Utopie, sondern um Aktion. Schon sind bereite und tapfere Hände da, das Blau des Vergessens und der Besserung auf die Wunden zu legen, mit denen man den ärmsten vom Krieg zerstörten Tieren, den Pferden, die geschlagenen Fesseln und Beine bedeckte. Steht Mensch zu gleichgeartetem Mensch erst einmal freundlich im Bund, ist das beste Geschütz gebaut gegen Kriegsgeheul, Revanche, Kastengeknurr. Man könnte ein neues Zeitalter einläuten, wollte man nicht mit der Skepsis, die aller Tapferkeit gesundester Bankert ist, die Resultate erst abwarten. Doch sind die Straßen voll von einigen Zügen Entschlossener, den Griff zu versuchen, der ihnen Mitbestimmung an den Leitungen der Völkergeschicke gäbe. Es ist dafür reichlich an der Zeit geworden.
Währenddem hat d'Annunzio mit Freischaren sich nach Norden begeben. Die Versailler Cäsaren haben in ihrem kompromißlichen Herzen eine Torte Europas zurechtgeschnitten, die zwar die Kandierung eines ersten Völkerbundes versüßte, aber in ihrer wilden Annexionsgier den stolzen südlichen Romanen nicht genügte. Ein Dichter hat Divisionen gegen den Völkerbund geführt und hat kein Unglück damit gehabt. Man hat ihn im pazifistischen Europa ein Konjunkturferkel genannt. Die Pariser haben unter der Führung Barbusses, der mit seinem »Feuer« den Krieg allen Menschen bloß und grausam in nackter Verviehtheit vor die Pupillen warf, dagegen protestiert. Augenfällig: hier scheidet sich alte und neue Welt.
Man muß gerecht sein. Die Nebbiche sollen einen Dichter nicht verheulen. D'Annunzio wird die Segel gerefft bekommen, die er auf dem Nationalismus aufgezogen hat. Das ist die Zeit, die solche Kühnheiten als eitel und verbraucht bei Seite legt. Als Dichter ist d'Annunzio stärker als Barbusse. Doch dessen ethisches und großes Pathos füllt die Welt wie seinerzeit nur der Engländer Richardson. Die Wikingerei d'Annunzios ist eine Farce. Der Sturzhelm des Fliegers tanzt ein wenig wie auf der neapolitanischen Maskerade, allein wenn er dem Geist abtrünnig geworden, so ist er doch von ihm gestreift und auch nach dem Sturz noch Ritter. Der letzte Knauf ist in ihm von jener Pyramide, mit der die Romanen seit Jahrhunderten selbst den Ruhm dem Staate zuführten und die große Entdeckung und die Beute des Geistes immer nur so sahen, als seien sie lediglich da, bedeutenderen Glanz um das Gefüge ihres Volkes zu legen. Manchmal kam d'Annunzio in seiner Verehrung des Heldentums so weit, daß er wie der Verfasser des Speculum historicum glaubte und wie die Kathedralen französischer Brudererde es lehrten, seit der Ankunft des Christus habe außer Bekennern, Doktoren und Märtyrern die Welt keine großen Männer mehr gehabt, und er wies den Eroberern, Siegern, Kaisern und Königen den geringsten, aber für Hirten, Äbte, Mönche und Bettler den erhabensten Platz an. Doch aus dieser Gabelung treibt ihn rasch in die andere das, was an Glanz und Bedeutung der Jahrhundertsaft in ihm vorangezeigt am Heldentum der Tollkühnen, der Strategen, der Volksführer. Wie von Cicero bis zu dem Mittelalter und den Tempelrundungen alles Italienische ihn durchdringt, so stehen alle Glänzenden auf in der Historie der Schlachten und Niederlagen und geben ihm die Entscheidung. Er wird Instrument mehr als freier Wille. In ihm erfüllt sich eine Epoche und sein Zug wird symbolisch als Abgrenzung der Linie. Da endet irgendwie eine Welt, die vielleicht aufsteht einmal wieder in diesem und jenem Jahrhundert, die aber den Fangspieß im Hals hat, weil zum ersten Mal sich groß und mit aller Bedeutung der Erstmaligkeit eine neue erhoben hat. Meisterlich und sehr verehrt als Dichter hüllt d'Annunzio Schweigen. Um Barbusse steht irgendwie schon die Weisheit.
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