Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart
Part 10
Als unter dem großen Päderasten und Savoyer Eugen man mit Kreuzfahnen noch gegen Belgrad und weiße Halbmonde zog, starrte Wien als Bollwerk des Abendlandes gegen den züngelnden Orient. Heut haben Asiaten die Kanonen herumgeworfen, und die Praterstadt ist die Schleuse, aus der Asien unabänderlich in uns sich ergießt. In diesem Boden, wo es quirlt von Zukunft und Rasse, und wo slavisch-südlicher Kulturboden ganz nah ist, hat das Jüdische sich glänzend entfaltet. (In Norddeutschland hat nur Kerr einen freien Blutstil des Essaiistischen gefunden und Hillers Intellektualismus zieht einen rassig hirn-expressionistischen Stil herauf (den er aber nicht haben will). Arnold Zweig, Heymann, auch Sternheim und tausend andere haben das rein jüdische Bewußtsein nicht so bewahrt oder es bürgerlich, politisch oder literarisch gemischt.) Der bedeutendste Sänger seines Leids an der Überbewußtheit ist dort Ehrenstein. Manchmal reißt er sich zu Gesängen auf, die fast klassisch in ihrer schmerzlichen Kühle werden. Seine Verzweiflung wird oft kosmisch, eine teuflische Hilaritas, ein Veitstanz aus dem wienerischen Geklügel ins Transzendente, Gelächter mit Geheul drin. Kinder, es weint sich ein Beschnittener ins Himmelreich. Die Welt ist über ihm als eine Wand, darum sucht er sie einzuschlagen, zu anarchisieren. Keine großen Worte schüttet er auf seine Pistole. Er geht spazieren an Wirtshausschildern, da weiß er alles, was ihn quält. Er sieht da Arme, Reiche, an allem fühlt er begeistert, was ihn reißt. Er zäumt das Zerebrale bis in die barocke Phantasie hinauf, aber auch in den exotischsten Reichen, in spinneten Zuständen reißt er nur die Ironie bitter in sie hinein. Sein Kampf ist karnevalisch-grotesk und erhaben im Pathos wie ein Stück alten Stils. Wenn auch die Erkenntnis des Intellekts ihn immer wieder befreit, läßt sie den Juden immer weiter schinden in der Entsetzlichkeit der Realität. Es gab einmal eine »analytische Malergruppe«, die nur grau malten. Ähnlich schon, wie er schreibt, aber er hat Geniales, während die anderen spekulative Lapins waren. Das ist der Unterschied. Aber in diesem kleinen Zerschlagenen und Aufgebäumten hat die jüdische Intellektdichtung ihre heroisch-depressive Höhen Ein Zwerg hadert mit sophokleischen Worten vom Sinai gegen Gott, aber dieser schaut nicht nach dem Buckligen. Drumherum stehen Weltwendegewitter.
Ehrenstein kam aus Wien, wo die Psychologen im Zerspalten immer groß waren. Auf tschechischem Kampfboden schlug die Einstellung etwas verändert aus. Übrigens ist auch von da Galizien nicht mehr weit, wo die Hemmungslosigkeit wohnen soll, und es gab und gibt viele, die Not und Eigenart der jüdischen Seele aufzeichnen, ihre Landschaftslosigkeit, ihre Heimatlichkeit in Jordanideen, ihre Efeuzähe, das Angeschmiegte an jede Staude, und doch im Herz der unsplitterbare Glaube an die eigene Berufenheit. Scholem Alechem und noch dichterischer Micha bin Gorion. Aber sie sind Schauende, Gebende, Willige. Mehr zeigen die Gepreßten, die von der Tragik selbst Gehobenen, die Exponenten des Zustandes. Die Prager gaben es bald auf, zu zerfasern und Betrachtungen durch Zerlegung ihres inneren Wesens vorzunehmen. Sie waren gläubig und hatten gleich ihr Ziel hoch im Ethischen aufgepflanzt und machten sich entschieden gegen höchste Klarheiten hin auf. Das besserte ihr Niveau ganz erstaunlich, und man dachte gar nicht so sehr an ihre Machtfülle, sondern an ihre Absicht und über die Klugheit, die fast glatt und sicher so sehr wußte, was not tat und was sie wollte.
Die Vordergrunderscheinung ist Max Brod und der medizinisch einwandfreieste Fall. Wären Unruh oder Frank so gescheit, es zerschnitte ihnen mit vielen Messern jeden Arbeitsblock. Bei Brod schleift es und treibt es voran. Je unheimlicher das Kluge Gott zu suchen scheint, um so näher kommt es ihm scheinbar, ja es findet bei »Tycho de Brahe« sogar einen philosophischen Kunstgriff, ihn zu erreichen. Baalschem sandte wie einen Atemkringel den Kreis der Gläubigkeit aufwärts, und bald stand der um den Jehova gespannt. Brod erreicht ihn im Tennisduble. Es wird ein Kombinationsspiel. Netzspieler und Driveschläger ergänzen sich zum dreifach eingesackten Satz. Der bewußte Schaffer und der plötzlich eintretend Berufene erspielen die Lösung, den HERRN zu erreichen. In Haag nennt man das »Swanze«. In Marseille sagt man im Theater: »Une blague«. Am Hafen: »Un canard«.
Daß das mit Anstand, immer dichterisch, oft sehr langweilig, aber im Grunde mit der letzten hingebenden Haltung, die das Talent ausgibt, gemacht ist, darüber diskutiert man nicht. Aber diese Feststellung ist ungenügend. Es kommt auf die Ausgiebigkeit an. Auf die Trommel der Brust, die Penetranz des Tons. Man kann es nicht ganz als offene Karte hinnehmen, wenn zufällig, weil es fast gleich aussieht, Gehirnwürze statt Unmittelbarkeit und vornehmste Klugheit als Geist auftreten. Man wird sie entwirren.
Man schießt Brod wie Hirsche beim Wechseln ab.
Nach _einer_ Wiese geht seine Sehnsucht besonders absonderlich, aber es ist sehr schwer für ihn hineinzukommen. Das ist das Übersinnliche. Er rennt, wenn er sich unbeobachtet glaubt, immer davor auf und ab, und sieht man ihn aus der Ferne, schaut es aus, obwohl gar nichts Hemmendes da ist, er renne wie ein Zimmerfalter gegen Glas. Es gibt da etwas, was ihn hemmt, was er nicht sieht. Aber da die Bewußtheit bis in die höchste Kultur bei ihm verfeinert ist, weiß er es wohl, was hemmt, und es bedrückt ihn.
Durch nahe Schleier sieht er die wundervolle Weite der jüdischen Mystik, die oft donnernder ist von Gottes Nahen als die katholische, und er möchte gern in ihr sein wie die Rabbiner, die Propheten, möchte auch das Gras essen des Rabbi Nachmann, und des Sirach. Aber ach, der Eingang ist ihm unsichtbar versperrt. Nun hat er aber den heilgen Berg in manchem Traum auf raffiniertesten Zirkeln seiner Seelenwege erschlichen, darum probiert er jede Finte, mit dem Geweih, mit den Tönen, duckt sich, macht sich unsichtbar, umschmückt sich mit Laub, daß er Bäumen gleiche.
Ehern ist ihm der Eingang gesperrt.
Einmal scheint es, er habe es erreicht. Doch ist es eine Spiegelung gewesen. Je schwerer es wird, um so zäher wird er es versuchen. Es wird noch lange so gehn.
Aber es gibt keinen Weg ins Übersinnliche, weil es im Herzen selbst ist. Und wo die Einfachheit der Blutkanäle fehlt, kommt keine überlegene Geistigkeit hinein. Sein Schleichen um die paradiesische Wiese ist ein Zirkulieren um sich selbst. Er hat gezeigt, daß man Gott erleben kann auch aus dem Hirn. Er hat es gewiesen auf die edelste Weise. Auch Karl May würde auf seine Art es nicht unversucht lassen, dies Gleiche uns ebenfalls zu klären. Schon in dem Augenblick, wo nur der Gedanke auftaucht, er wolle ins Unsinnliche, liegt schon eine Welt zwischen ihm und dem Ziel. Wo er versucht, das Mystische zu beschwören, indem er auf die Wiese wechselt, springt ihm das eigene Hirn ins Gesicht und macht ihn blind.
Ich habe bei Hagenbeck in »Beasts and Men« ersehen, daß er glaube, in den Sümpfen Afrikas würden ohne Zweifel noch Dinosauren leben. Kürzlich las ich in der »Times«, bei Port Elizabeth im Kongo hätte Herr Levage ein Vieh angeschossen, das einen Rüssel und zwei Nashörner hatte, vorne die Beine des Gauls, hinten zwiegespaltene Hufe und zwischen den Schultern schalige Wülste. Es werden dies, wie ich, auf dem Lande, in York, Chester, Norfolk, im Lincoln Wold, in Kingston, in Hornby, Australien, Neuzeeland, im schottischen Wigtown, in Haidarabad, im kanadischen Athabaska, am Missinaibi-River, im Betschuanaland, in Somerset, in Kent, viele einfache Menschen, Bauern, Neger, Kinder, lesen und glauben. Sie werden Gott näher sein wie Max Brod, indem er ihn am heftigsten beschwört. Ich zweifle nicht, eine solche Sache würde den Prager sehr reizen, aber er in phantastischem Intellekt oder in logischer Ausschweifung daran verderben. Ich glaube, er würde das Tier theleologisch erklären und auch der Tatsache des Wunders einen tieferen Sinn und eine humane Notwendigkeit verleihen. Das gute Tier bei Port Elizabeth aber frißt und liegt in der Sonne afrikanischer Wollust, leckt sich den Bauch und verdaut. Ich muß dies bei aller Liebe und Bewunderung zu so feiner Züchtung des Hirns hinzufügen.
Aber der Zeitgeist liebt Räderschlagen. Der Nichtjude Meyrink geht auf der Wiese spazieren. Er ist tatsächlich darauf anwesend und geht mit Selbstverständlichkeit in den jüdisch-mythologischen Bezirken sogar. Ihm ist dagegen sehr unwohl draußen im Lebenskalkül. Als der Krieg ausbrach, beschloß er sogar, als er mit dem Marktnetz, um Gemüse zu kaufen, nach München hineinfuhr, in eine Bank einzutreten. Doch halfen ihm die plötzlich einsetzenden Börsenhaussen seiner Bücher darüber hinweg. Ist er jedoch aus dem Erd-Gedrückten ins Übersinnliche gekommen, hebt sich ihm Tatkraft und Kopf, er wird gleich in Vollwichs erscheinen. Buber wird schmerzlich lächeln und diese Prosa als Schändung des Göttlichen empfinden. Darüber hat, da es ums Heiligste geht, wohl der feinste Jude nur das richtige Urteil.
Meyrink ist der bedeutsamste Groteskendichter (weil symbolisch) unserer Zeit. Er konnte früher fast allein überweltliche Atmosphäre gestalten. Gewiß war sie oft von außen her gekommen, aber schließlich drang sie doch in die Zimmer. Es ist etwas an Unerlöstheit schon daran, wie bei Kubin, wo zwar die Gesichte manchmal tadellos durch die Bewußtseinsketten stürzen, aber meist doch eine literarische Vorstellung bleibt. Auch mache ich das Kreuz vor den Erfolgsbüchern. Man befaßt sich nicht literarischen Erwerbs halber jährlich mit der Abfassung eines Buches um die letzten Dinge. Dennoch ist er schwer verkannt. Sein Wesentliches wird effektiv lange währen, wenn auch die Signale und Symbole, die er um sein Starnberger Haus gesteckt hat, mit manchen Winden nach der Zugspitze flattern werden. Aber aus Kolportage, Bordell und heiliger Handlung richten sich gleich Fahnenspitzen die Dinge immer ins Gespenstige und das Entscheidende tritt ein, daß es hieraus genau so sicher ins Symbolische geht. Also ist Größe oft nicht fern. Auch ist die Sprache oft von dichterisch gezähmter Kraft. Manchmal kommt er von Kubin bis Ensor und zu Munch. Und das Jüdische mit mittelalterlicher Ghettoverdichtung, mit Angst, die Berufung verlieren, die Ewigkeitsverbindung übers Leben hinaus, den Hineinbruch des Todes in die Lebensebene als eine Parallele . . ., das sammelt sich hier in einer Hellsicht, die vielleicht gartenlaubisch gefühlt ist, aber die Atmosphäre hat, den Prozeß, die Faust und das Gelöste. Und selbst die Fanatiker, die jeden, der in Deutschland mit Auflagen die Kaffeehausziffer überschreitet und Erfolg hat, als Karrieremann und Miesnick so lange verbrüllen, bis sie das gleiche erreicht haben und verächtlich nach hinten schauend lächeln über die zurückgebliebenen Radikalen, auch jene Hanswurste der falschen Entschlossenheit werden zugeben, daß ihm eine Reinheit des Gefühls sehr oft nicht fehle, die an eine schönere und übersinnlichere Welt ein aromatisches und gutes Erinnern trüge.
So wandelt er, vielleicht kitschig aber sicher, auf den mystischen hebräischen Wiesen. Es hat den Fünfzigjährigen verwundert, als die Antisemitischen ihm die Fenster einwarfen. Unten schaukelten seine Segelboote, oben las er im aufgeschlagenen Fachblatt: »Wenige unseres Klubs werden wissen, daß unser Ruderobmann Meyrink auch ein bekannter Schriftsteller ist«. Aber wie Großes kann aus jüdischer Dichtung kommen (schon Werfel zeigt es), wenn sie vom Hirn einmal wieder losgelöst ist und mit Meyrinkscher Geschlossenheit auf den Wiesen geht. Buber wird Wege wissen, wie dies zu erreichen sei. Wahrscheinlich wird die Zeit es noch umfassender verstehen. Umsonst ist das internationale Band durch die Palästinensische Invasion nicht um die Völker der Erde geschlungen.
15. Sternheim
Er hat die Zeitzusammenhänge am tiefsten und erbittertsten begriffen, schließlich ist er tatsächlich schier ein Komplex von Profetie. Er deckte auf, riß Hüllen weg, geißelte und spottete wie keiner. Ehrgeizig gab er sich selbst den Namen des Neuen Moliere. Damit man ihn gut begreife, machte er die Sprache zu Latein, wundervoll glatt wie ein Tänzerinnenleib aus Lodz, gespannt und schmal wie ein Negerbogen von Fungurume, elegant wie ein Zebrafell, totsicher in der Führung der Linie wie Gulbransson oder der Fjord bei Tvervik. Noch interessanter wie seine Stücke spielen seine Prosanovellen in der Arena. Eine doppelte Bühne ist gebaut, übereinander. Unten geht vor sich im Detail und peinlich genau gezeichnet der Lebenslauf eines Kriminalen, einer Köchin, einer Ladnerin. Oben marschieren in ihren Körperhüllen (scheints), ebenfalls aber schemenhaft, imperatorisch aufgeblasen, dantehaft, hölderlinisch verzückt ihre Gefühle. Zwischen den beiden Bühnen ist ein Brett. Später wird um das Groteske zu nehmen, eine Vereinigung nötig. Der himmlische Ausgleich soll bewiesen werden. Da von unten die Kocherls nicht von selbst nach oben flammen, die Schutzleute sich nicht aus eigener Kraft aufsalutieren können, da Bewegung des Irdischen unten mit der himmlischen oben noch auseinanderklappt wie Kinobewegung und begleitende Musik, wird ein Apparat zugezogen. Schleier fallen, Scharniere kreischen, Nietungen krachen, ein Looping the Loop tritt in Tätigkeit, die guten kleinen Kerle kommen in die Schleife und sausen mit Motorgepuff, Vergaserradau in die dritte Kurve und die obere Seeligkeit. Einige riefen Herrn Sternheim auf die Bühne, da es ihnen schien, er habe die Regie verantwortlich gezeichnet. »Un Dupe« schrie ein verkleideter Heiliger, der von Gethsemane gekommen, und die neue parsifalische Verheiligung der niederen Menschen besichtigen wollte, verließ seine Loge und fuhr, auf franziskanische Schablone eingestellt, nach Kopenhagen, um den Minister und Gesandten der französischen Republik Herrn Paul Claudel, der immer noch nicht gegen den Versailler Vertrag protestiert hat, aber ein großer Gläubiger sein soll, zu besuchen. Es war dem Wanderer bitter um das Herz geworden, denn er gab Geist und Können leicht und billig hin in einer Zeit, wo, wie er vernommen, es auf Gesinnung mehr ankam und auf Bekennertum wie auf das übrige.
Doch tat er Sternheim Unrecht, indem er ihn für einen Buffone ansah und das Geknirsch der Maschinerie für die Taktiken eines Roßtäuschers hielt oder irgend eines Brouillon. Die Unterstützungen durch die Mechanik waren nicht die Taten eines Böswilligen, sondern die Handlungen eines Verzweifelten, der die Gesinnung riesenhaft in sich spürte, aber nicht Muskel genug besaß, ihren Aufforderungen ganz zu genügen. Prokrusteisch eingespannt in Muß und Nicht-ganz-können zog er es vor, mit den Mitteln der Geistmaschine nachzuhelfen. Auch die Kreuzfahrer hatten sie verwandt, als sie die Mauern brachen, die die Predigt nicht stürzte.
Ja, als einige Zweifelnde, eine öffentliche déconfiture witternd, die Kulissen erstürmten, fanden sie einen Fleiß und eine Bemühung, die sie fast erschütterte. Die Ideen waren zwar in der zweiten Bühnenetage nicht mehr vorhanden, denn sie traten nur auf, solange unten die kleinen Existenzen im Parterre agierten, und waren nur solange bereit, diese in sich aufzunehmen, damit sie aus der Existenz übersinnlicher Marionetten oder weltlicher Schatten in eine einmalige und ganze Realität sich schlössen. Denn dann erst könnte allen deutlich bewiesen werden, wie sowohl Welttragik, wie Kunst, wie Herr Sternheim sich aus dem üblen Fall, daß alles in dem Dasein zweihaft sei, herauszöge und Gut und Bös, Groß und Klein, Gerecht und Unglück, zwischen die sich immer Tragödie klammert, zu einem unirdisch schönen Lebenssymbol sich verbände. Sie untersuchten genau. Aber ach, sie fanden nichts, was gegen Sternheim spräche. Die Auswahl seiner Puppen war glänzend, er beherrschte das Weltbild, er kannte die Drähte, die Schliche, die Leidenschaften und Fehler seiner Zeit und des Menschen überhaupt wie kaum je einer. Die Könige, die Dirnen, die Männer, die Generäle, die Niederen waren geordnet und gestaffelt wie der Geist es verlangte. Das Spiel war auf bestes Gelingen angelegt im Sinne der größten Dramatiker, die diese Erde überwandert. Sogar zur Unterstützung waren den Figuren die Linien großen Geschehens in die glatten erlebnislosen Hände hineingemalt.
Sie mußten sich achselzuckend und verlegen entfernen. An der souveränen Führung und Einsicht, auch am besten Glauben des Autors war nicht zu zweifeln. Auch der Herr aus Gethsemane hatte geirrt und eine Verwechselung vorgenommen zwischen der Einsicht des Dichters und seinem Können. Denn der Apparat war ihm schon profanierend. Ritt er jetzt nach Kopenhagen, ritt er, wie die Damen vor hundert Jahren, à califourchon.
Das Malheur ist eingetreten, daß ein Dichter hier zwar fast allein in einer Epoche früh kapiert hat, daß die Zeitlüge gezüchtigt werden muß bis aufs Skelett, damit dahinter eine neue Menschlichkeit vorgewiesen werden kann, daß einem neben der klaren Einsicht der genialste Kopf für Instinkt verliehen wurde, eine eigene neue Sprachform ihm zufiel, und daß dies alles aber nur bis zu viereinhalb Metern und nicht bis zum fünften genügte. Es fehlte Fähigkeit, umzuschmeißen, Kraft der Erschütterung, Schmiß ins Blut. Es blieb bei den Nerven. Man war abgestoßen oder entzückt, jedenfalls voll unbeschränkter Bewunderung. Keiner wird es lieben. Niemand, was selbst vollkommenste Werke verursachen können, wird Schrei oder Weinen fühlen. Man wird sie auch nicht hassen, höchstens beschimpfen.
Einer zog aus, den Stein der Kalifen zu suchen, aber als er ihn fand, war seine Hand zu klein, ihn zu heben. Jedoch auch daß er ihn nur fand und nach allen Richtungen drehte, ist im menschlichen Umkreis ein unvergeßliches Verdienst. Erstaunlich, mit welcher Sicherheit und Unfehlbarkeit Sternheim die Touren der Drehung nun vornimmt. Das Thema bleibt klein umschrieben, an einen geringen Kreis, an die Erde immer gebannt. Er versucht auch nicht titanisch ihn zu recken, müllert nicht, auch schwedische Gymnastik liegt ihm fern. Er bringt Hebebalken und Dampfdruckpressen, so kommt er manchmal etwas höher. Jedenfalls weiß der Autor immer, was nötig ist, wohin es muß. Er weiß es so genau, daß, wenn seine geliebten Marionetten am Horizont hinziehen und sie als typische Anonyme, als Kleine, Bagatellen der Zeit erscheinen, ihre Kulmination ausgezeichnet verläuft. An den Schnüren und Drähten menschlich vorgeschriebener, preußischer oder beamteter Existenz, zwischen Standesanschauung und gesellschaftlicher Verpflichtung läuft solch ein Dasein bis zur Schleife, wo das passiert, was keinem erspart bleibt. Da kommt Tod, Schmerz oder Umwurf oder irgend eine andere Maskerade des Tragischen daher. Das ist der brennende Moment. Nun kommts auf den Entschluß der Seele an, auf ihre Läuterung. Sternheim hat allein kapiert, daß hier der Schwerpunkt aller Kunst in unserer Zeit liegt. Nämlich zu 1: daß die Zeitlichkeit geschildert und dargestellt werde statt in phantastischen Zirkeln allein zu laufen und daß z. B. im Moment des tragischen Blitzschlags die Läuterung der Subjekte zu der seeligen Allgemeinmenschlichkeit vor sich gehe. Versteht sich wohl, natürlich und aus den Subjekten pflanzenhaft herausgewachsen.
Aber der Teufel fügte es, daß gerade an diesem Moment der Stein zu groß, die Hand zu klein war für den mächtigen Intellekt. Da aber stürzt sich, um zu retten, was möglich, Sternheim selbst in seine Figuren. Nun bewohnt nicht mehr das Schicksal den Busen der Bonne, sondern Herr Sternheim singt aus ihr das allgemeine Lied der Schöpfung und der Göttlichkeit. Nun ruft nicht aus der Pflichtgebärde des Schutzmanns eine sanfte Stimme von Aufgehn in der Kosmischkeit, sondern wie Kätchen Paulus an der Mongolfiere, durchfährt an ihn geklammert Sternheims scharfes Sprechorgan die Ballonkurve zur Ewigkeit. Im springenden Moment aufklafft der Knax. Der Sprung ist nicht zu übersehen. Einmal nur gelangs ihn zu verdecken. Doch diese Novelle ist von seiner Frau.
Vielleicht liegt mancher hervorragender Erscheinungen Sinn wesentlich in der Befruchtung, und ein reifrundes Werk hätte nur wieder einen Einzelblock in unseren Kulturweiher geschmissen. Wo aber Reste blieben, sammelt sich bald eine Armee. Hofmannsthal hat seine Generation gelehrt, auf Zwischenfarben zu sehen, geheimnisvolle Musik aus den Worten zu schlürfen. Wilde zeigte, wie apart es sei, daß Apfelschimmel Isabellaschnauzen hätten. Es paßte wohl in ihre Zeit. Wo die Erdachse heißer sich läuft an unteren Gewittern, sind schon stärkere Programme nötig. Führend ist Sternheim dabei ohne Zweifel an der Spitze. Auch hat er nebenbei nach Keyserling den klassischsten Stil im Deutschen, so barock er ihn aufzäumt und so grotesk er ihn verführt. Es ist ein Stil. Weltgefühl kommt hinzu, ergänzend zum dasigen Elend tut er die rosaschöne Ewigkeitsgebärde nach dem Loch ins Jenseits. In seiner Ironie ist wirklich auch Liebe zum Bessern, in der Anklage Wissen um neue Gebiete, der Haß ist oft überschrieene Verzweiflung.
Wie der Türke den Hund faßt er sein Lieblingsinstrument, den Bürger, nur mit der linken Hand an, das bringt die entzückende Schiefe in seine geistige Haltung. Wie einen Kinderdobsch jagt er ihn an der Treibschnur das Parkett der Gesellschaftsstruktur hinauf und dann decrescendo, worauf unfehlbar ein ethischer Träger schlicht in seinem Prunk am Ende erscheint. Und er kennt seine Welt. Verbeugungen, Ihr ahnungslosen Nichtse der Gesellschaftsschilderung, vor diesem Könner! Nicht nur den knabbernden kleinen Bourgeois hat er unterm Mikroskop, den großen auch. Die Welt ist aus Waschküche und schlecht gelüftetem Doppelbett nicht allein gemacht, das bürgerliche Zeitalter hat auch seine luxuriösen Idioten. Nur die Symbole, die Richtungen, die Sehnsüchte sind die gleichen bei Kriegervereinsprolet und kapitalbuntem Landrat.
Oben steigen die einfach geschlemmten Mahlzeiten ins Raffinierte. Was da Kalbsbraten mit Gurkensalat, kann sehr wohl bald sein Artischockensoße aus Milch, und Eier in Zitronensaft. In der Provence speist man Trüffeln, Wachteln, Bordeaux, Ortolane. Sternheim schreibt es nicht, denn er kennt nur die Brüßler und Pariser Küche. Ich füge Terrine de Nérac und Pâte de Toulouse hinzu. Auch Kaffee mit gestoßenem Kandis und Wein in Lackledergefäßen. Da unten fangen die Frauen schon an, vergoldete Augenbrauen zu tragen. Jasminessenzen steigen in die Nase. Ein tolles Leben. Die schönen Saffias tanzen mit den Bäuchen . . . .
Napoleonisch reitet Sternheim die Parade ab seiner Welt, läßt dann alles sich bis auf die Unterhosen entkleiden, da kommen trotz der ausgesuchten Laster bemerkenswerte und ignominöse Dinge zum Vorschein. Er vermeidet es, keine bis auf die Hoden zu verspotten. Auch läßt er die Städte der Menschen mit Spiegeln aushängen, das verdreifacht den entsetzlichen Effekt. Man darf nicht eins oder das andere seiner Kommandos anfassen, sie sind oft dünn und zerbrechen. Im ganzen hat er eine bestaunbare Strategie bewiesen, Kapital und Arbeit, Soziales und Gesellschaft gegenüberstellt, jedes nicht zu treffen vergessen, aber da geschoben, wo es nach vorne ging. Dann hat er wie der beste Mann de l'ancienne Roche sich nicht festgelegt, sondern den guten und idealen Menschen allen vorgeschildert. Aristokratisch letzthin im Prinzip wie Heinrich Mann auch und, wie sein stilistischer Bruder Cicero in seinem Buch über den Staat, gleichfalls die Meinung geäußert, nur die weisesten und edelsten Männer sollten den Staat regieren. Mag er selbst mauscheln, bleibt ihm irgendwo das heißgeliebte Ideal, die Flamme. Zwar etwas mager geraten und nicht gut von Statur zu Pferde, aber in ausgezeichnetem Trab und mit glänzender Fechtkunst schlägt er sich durch Barbarei und Dummheit, oft fast an ihr vor Wut krepierend, kreuzritterhaft mittenmang: en l'honneur de Dieu et de Notre Dame. Das ist wohl seine allgemeine Lage.