Die doppelköpfige Nymphe Aufsätze über die Literatur und die Gegenwart

Part 1

Chapter 13,360 wordsPublic domain

E-text prepared by Jens Sadowski

KASIMIR EDSCHMID

DIE DOPPELKÖPFIGE NYMPHE

AUFSÄTZE ÜBER DIE LITERATUR UND DIE GEGENWART

VERLEGT BEI PAUL CASSIRER IN BERLIN 1920

ALLE RECHTE VORBEHALTEN COPYRIGHT 1920 BY PAUL CASSIRER, BERLIN

Mit ein paar Ausnahmen geschrieben im Dezember Neunzehnhundertneunzehn

_Für Paul Cassirer_

Wenn man zwischen Diner und Dessert alten Käse mit Salat ißt, soll man diesem noch farcierte Oliven und Caviar hinzufügen.

Der Admiral Briggs

Man kann nichts tun gegen diese unvermeidlichen reaktionären Kanibalen. Ich will noch eine an Europa gerichtete Schrift veröffentlichen.

Benjamin Constant

INHALT

_Notwendiges als Einleitung_ 1. Situation der deutschen Dichtung 2. Kritik 3. Schnitzler und die Nervenzerfetzer oder der psychologische Roman 4. Graf Keyserling und die Gefühlsmosaikler oder der impressionistische Roman 5. Dichter, Zeit, René Schickele 6. Der neue Roman und Herr Wassermann 7. Dichter, Staatsanwalt, Unzucht, Freiheit 8. Deutscher Casanova 9. Der Reisende 10. Datterich-Dialekttragik

_Profile:_ 11. Däubler und die Schule der Abstrakten 12. Leonhard Frank 13. Döblin und die Futuristen 14. Jüdisches (Die Ehrenstein, Brod, Lasker-Schüler, Meyrink) 15. Sternheim 16. Heinrich Mann

17. Durchstich durch den vierundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertzwanzig der deutschen Prosa 18. An einen Staatsmann oder die Tat 19. Bilanz Namen

Notwendiges als Einleitung

Seltsame Sechzehnjährige meiner Zeit, die Neid auf Unsterblichkeit schon umbuhlt . . .!

Wir hatten damals noch bis zum Scheitel der Zwanzig Ehrgeiz um Game und Goal und Jolle und waren in den weißbehosten Turnieren und Regatten schöner zu Hause als jene Jaguare und Hyänen, die schon im Kindbett mit dem Geiste kokettieren und Unzucht treiben mit Erfolg. Als wir einmal zu Kunst gelangten, schlugen wir vom Sport und dem Umherschweifen aus uns auch entschlossener und ungehemmt an das Gesicht des Neuen. Man hatte auch nach rückwärts unbefangenere Freiheit, Dichterisches anderer Epochen ungestempelt und wie neu durch die Hände laufen zu lassen. Einige begannen zu lachen, wo sie sie trafen, über die Professionels der Literatur, die kleinen Eingeschlossenen der Dichtung, arme Fanatiker und Bürokraten der Kunst. Sie waren abergläubig und subaltern für ewig in ihre Berufswolke gekettet und trugen in grotesker Überschätzung und blutloser Kindischkeit ihre Geist-Atmosphäre durch das ihnen unbekannte Leben. Die Bedauernswerten wußten nicht, daß es Wichtigeres und Glücklicheres gab als Kunst . . . . .

Herrlich wer, da er die Städte und die Berge und das Meer und die Menschen vollauf erlebte, an der Spitze der Berufung und mitten in der Leistung, ein Außenseiter geblieben ist.

Ich habe Umwege über Ski und Segelboot stets gepriesen und, indem ich entzückt ihnen von neuem nachgehe, habe ich keinen anderen Ehrgeiz, als, wo ich angreife, lobe und scheide, es wie ein Nichtzünftiger zu tun.

Gute Diana, wir fanden einen Maimorgen in der Rue de Richelieu eine deiner schönsten Gefährtinnen, an denen die Meute der Midinettes des Quartiers sich vergriffen, weil sie mit ländlichen Hüften und einer Frische des Blutes kam, daß die Wälder und Flüsse hinter ihr sich bogen. Als wir sie auffütterten, nahm sie Abschied, ohne zu weinen, und manche, die sie später am Montmartre gesehen, hatten dieselbe Bewunderung und den Respekt für ihre Haltung.

Sie hatte sogar Kritik und Duldsamkeit bekommen.

Ich habe nie etwas mehr gehaßt wie falsche Würde und jene dichterische Separation, deren Phrasenhaftigkeit kein gutes Werk je verdeckte, und nichts schien mir lächerlicher und mehr eine Schwäche und Ohnmacht anzuzeigen, als das Verneinen der Tatmöglichkeiten und die Scheu vor der Wirkung. Männlicher wie mit feisten Worten bei Seite zu stehen, war es mir und kühner auch erschienen, in jeder Arena aufzutreten und das zu sagen, was Zeit und Minute unter den Fingern brannte. Einmal mußte wohl, wenn die Literaten versagten, ein Irgendwer, ein Mann aus dem Publikum auftreten, dem dies alles ganz egal sein könnte, der lieber sein selbst gewähltes Dasein nach seiner Farbe und seinem Geschmack weitertriebe . . . . und in das zeitgenössische Affengeschrei des Betriebes seine wohl anderen Zwecken zugewandte Stimme legen. Ich habe immer den Schriftsteller in mir geliebt und propagiert, obwohl ich mir nie verhehlte, daß, zum mindesten den Deutschen ich in der Erneuerung der Sprache und der dichterischen Prosa Wege gewiesen und neue Möglichkeiten geboten habe.

Wenn etwas von Verantwortung aber bestand, war es jedoch trotz anderer Wünsche und Sehnsucht, nicht musiger Idylle allein sich hinzugeben, sondern, mehr als wissenschaftliche Wühler wollen und deutsche Dichter zu unbegabt oder zu feig sind, den Zusammenhängen der Prosadinge der letzten Dezennien in Bauch und Seele zu leuchten. Ein Buch war nicht im Plan, aber es ist aus vielen Einzelgängen sehr rasch gewachsen. Es ist nicht methodisch, eher attackierend, ich denke es klärend, aber ich bin des festen Wissens, daß es so radikal wie lang ist. Die Dünnen lieben es nur, schmale Nieren als das Unentwegte hinzustellen, doch echter scheint es mir, die Epoche aus den Büchern zu den Traditionen, den Werten und vor allem zu den Menschen zu runden in einer Zeit wo nur Greise, Ehrgeizige und Idioten das Pfund der Kritik und der Bewertung der Prosa hüten. Schicklicher dünkt mir dies und eines Dichters, dessen Titel allein mich irgendwo letzthin natürlich begleiten möge, würdiger als hinter Faltenschwüngen und steif gewordenen Worten die byzantinischen Gebärden der praktischen und das heißt menschlichen Impotenz zu verbergen.

Vor sechs Jahren erzählte in Paris dem Dreiundzwanzigjährigen Veniselos mit der Armwunde, man habe in seinem Garten zu Syrakus eine Herme gefunden, auf der geritzt war, wie Zeus abends eine Nymphe neben dem Fluß gefunden, deren tragisches und stilles Weinen ihn zum Anhalten erschütterte. Sie sagte in seinem Arm, daß in der aphroditischen Gefolgschaft sie einsam wandre, Kränze flechte und jene Lieder ersänne, die an allen Festen zu Oliven und Kornernte über das Land sie trieben, und die nach Jahren aus den Städten der Menschen ihnen wieder entgegenschallten. Venus aber habe sie gestraft, daß sie, in Baum und Wolke nach ewigen Gesängen feurig suchend, Gefahr, Zeit und Notwendigkeit des Dienstes und Urteils vergäße, worauf Zeus sich herunterbiegend ihr verlieh: daß unsichtbar den anderen neben dem von dichterischen Gefügen überströmten Antlitz sie noch ein Gesicht trage, das nach Vergangenheit und Zukunft spähend, Verantwortung der Zeit und des Geschehens um sie herum ihr gewähre und in seinen kühnen Biegungen, dem anderen vom Ewigen erleuchteten nicht unähnlich, immer anschaue, verstehe, liebe und hasse, aber bedenke auch und urteile vor allem, abgrenzend und bestimmend, und jede Sekunde im Dienst.

Ich habe diesem nichts von Bedeutung hinzuzufügen.

Partenkirchen, März 1920.

Kasimir Edschmid.

1. Die Situation der deutschen Dichtung

Heutige Dichtung der Deutschen ist eine sehr klüftereiche Sache. Da ist wohl Fluß und Weiher, Park, Chaussee und Sturzbach, Wald und Himmel. Aber da ist auch Lust nach Himalaja neben Dachsberg, Laubenkolonie und Sibirien, leninischer Durchbruch und tirpitzsche Kanone, auch kruppsche Stauanlage. Es geht alles toll durcheinander. Man braucht aber Chaos nicht anzuerkennen. Es kommt auf den Kern an. Schält man ab, was vorbei ist der Gesinnung und Form nach, streicht man weg, was an Qualität nicht Äußerstes befriedigt, nimmt man die (oft bedeutenden) Außenseiter nicht zu wichtig, mißt man Geist der Dichtung am guten Barometer des Zeit- und, ohne sich zu verwirren, des Welt-Geistes, so muß schon ein Typisches herauskommen. Es kann nicht anders sein.

Es ist das Expressionistische.

Daneben noch einige Menschheitsdichter, die ihre Entschlossenheit wie Heilige, Sektierer und Irre weit über ihr kleines Talent hinaufreißt. Vor dem Schicksal steht ihre Kunst en garde. Virginiatabak und Benzin ist ein Geruch, der aktuell in den besetzten Gebieten, aber nicht von Dauer ist. Diese Leute kommen mit Posaunen der Liebe, aber sie werden in der Geschichte keine sortie d'éclat haben. Eine unbefangenere Generation, die auf Kunst lüstern an sie herangeht, wird die Achseln zucken. Was blieb, ist Null. Was ist uns Herwegh anders als schlechte Literatur? Aber sie werden im Unterstrom der menschlichen Dienstbarkeit an der Idee human, tapfer und wie wenige mitgearbeitet haben. Agitierend wie Redner, deren Schall erlischt, haben sie Brände erregt. Man hat es grausam mit ihnen von oben her gemeint, daß man sie zum Anonymen warf. Da liegt aber in der Regel unseres Volkes beste Fleischportion. Wenn sie aber große Künstler waren, sind sie Expressionisten.

Doch ist das nichts Neues, nicht Formwitz, nicht Mode. Pyramiden, Strindberg, die Frühgriechen, Gotiker, Litaipe, Novalis, Brueghel waren auf dem gleichen Marsch. Die Bataillone des Geistes hatten immer die gleiche Richtung und ähnlich modellierte Köpfe. Man soll sich nicht verblüffen lassen durch äußerliche Extravaganz. Die Kraftresultanten zieht zwar einmal ein anderer und die Parade der Künstler und ihrer Leistung nimmt später erst einmal an Lende und Zeugung ein schnauzbärtiger Gott strengerer kommender Zeit ab. Kümmert uns wenig . . . . . .

Aber eine Sache ist fatal verbürgt: Es geht in der Absicht und mit viel Not das steilste Recken der deutschen Seele vor sich seit Gotik, Barock, Romantik. Scheinbar ist auf Geistterrain ein Hügel aufgeschossen, der jedem der drei ähnlich sieht. Er ist an der Spitze sehr scharf, gläsern und schwertspitz, denn er mußte Gestrüpp, aber auch die Ablagerung deutscher Kultur der letzten hundert Jahre, und ihm schien: eine geistverfluchte kleine Hölle durchstoßen, um ins Belichtete zu kommen und mit seiner unerbittlichen Form zu beweisen, es gäbe keinen anderen Ausdruck für die Zeit.

Aber die tausend Rückbleibsel verkalkter Tradition fanden sich rasch in Stellung.

Es gab einen Teufelsskandal.

In anderen Ländern ist die Kluft zwischen neuer Dichtung und alter nicht so gewaltig wie bei uns. Das kommt, weil ihre Literatur Nabelschnur hat. Unsere aber nur die Zentrifugalkraft des Karussels. Wir waren früher nicht allzu reich an Dichtung, die Sperma hatte und Eizellen, um zu zeugen, fort- und hochzuentwickeln. Wir hatten gewöhnlich ein Paar Riesen, die keine Kinder machten, um sie herum Miesnicke, die karnickelhaft den Stumpfsinn, das drittklassige Niveau, die internationale Kitschigkeit weiter entwickelten. Von der Romantik ab verloren wir total die Orientierung. Da ging das Bürgerliche mit allen Gewehren vor, zimmerte sich in der Literatur seines glorreichen neunzehnten Jahrhunderts eine eklatante Fanfare, einen Termitenbau, speziell vom Keller bis zum Plafond für bürgerliches Weltgefühl eingerichtet. Es fehlte nicht an Hygiene, auch nicht an elektrischem Licht. Weltanschauung europäischen oder kosmischen Gefühls suchte man bei bequemen Klassikern, schlug es tot in Deutschland, so es sich reckte, verjohlte es, gewann es an Stärke, verwies es aus der gesellschaftlichen Struktur, hatte es (was jede gute Dichtung haben muß) revolutionäres Blut. Wilhelm der Zweite bestellte Logen ab, ein Dichter schwankte am Galgen. Sein heldenhafter Sohn geruhte unter schiefer Mütze ein Stammeln, ein Festspiel wurde abgesagt. So kindisch war jedoch das Niveau nicht ganz. Das Kunstgemäch der Fürsten, des Adels, der höfischen Gesellschaft nahm kein Chauffeur mehr ernst. Konditoren wußten, dies sei einmal diskutabel zur Renaissance gewesen. Der Kitsch der Siegesallee war ungefährlich, weil er komisch war. Die dichterische Ambition der bürgerlichen, liberalen Gesellschaft war gefährlich, weil sie mit ihrer Weltanschauung, deren Himmel Aktienbläue, deren Form Mechanik, deren Seele die Rhythmik der Transmissionen und Pferdekräftestärke war, das Geistige in ihren Bann zog. Da schrieben die Dichter Romane, die nur in solchem Ideenkreis zirkulierten und darstellten, daß das Leben nicht lebenswert sei, weil ein Oberst einen Leutnant nicht grüßte, oder daß Glück nicht sei, weil morganatische Trauung undurchführbar sei im Kodex eines fürstlichen Hauses, und daß die größte Tragik sei, den guten Namen zu verlieren, oder wenn eine Fabrik einen Handelsmann erledigte. Arme Narren von Dichtern! Statt den Sirius auf den Mond prallen zu lassen, vertaten sie ihr oft großes Talent an Affereien, nahmen die Uniform als Weltregulator, das Kapital als Maschine, als Demiurg, sahen nie die Tragik hinter dem Menschen. Sahen nur Anwälte, Franzosen, Engländer, Kaminkehrer, Divisionäre. Sahen darum nur Schuld und Leid der gesellschaftlichen Konvention. Nie das Leid des einfachen wahren Menschen. Sondern das Leid der Attrappe, des Kleides. Welche Destruktion! Welche Dekadenz in so viel Fett! Diese Dichter waren keine Europäer. Sie waren Nationalisten und noch ärmer als solche. Denn sie malten das blöde Ideal der Engherzigen nach, statt den Fluch auf die abgewirtschaftete Gesellschaft sehr breit und deutlich an den Himmel Europas zu schreiben. Sie fühlten sich aber wohl, wie es ihnen ging. Die Bourgeoisie hielt sie aus. Meutern ward streng bestraft. Das Ganze war glänzend und hohl. Als der Krieg, als die Katastrophe kam, stürzte es ein, verschwand es, eingezogen, aufgeschluckt. Weg! Dann kam das Neue von der Schicksalstiefe aufgeschaukelt, sein Hebelarm wogte hoch. Es war da schon vor dem Krieg, mit noch unsichtbaren Munden, aber durchdringender Stimme sich aus der Tiefe anzeigend, hielt Liebe, Gerechtigkeit, Furor, neue Fahnen und den Sturm des weitgespannten Geistes an sich gefesselt. Das Erwachen war mächtig. Es war wie in der Politik. Die Katastrophe machte die Kontraste überdeutlich. So auch die Kunst, die in Form und politischer und geistiger Gesinnung revolutionär war.

In anderen Ländern war die Fassungslosigkeit nicht so groß. Hatte der Geist genug Tradition, um sich nicht ganz zu verlieren. In anderen Ländern konnte ein Verändern der Formprinzipien nicht solche Tumulte hervorbringen in der Dichtung. Seit der Romantik hatten wir an Dichtung nichts. Bei den Franzosen steht zwischen Hugo und Barbusse immerhin Maupassant. Zwischen Balzac und France zum mindesten Flaubert. Die Norweger haben seit Jahren, als bei uns schlimmster Naturalismus äußerliche Gravüren des Elends verbrach, Hamsun, diese köstlichste Erscheinung europäisch untendenziösen Geistes, den Dichter, der irgendwie alles hat, was man expressionistisch nennen kann, den bei uns die Impressionisten mit Beschlag belegten, patentierten, mit Zucker verdünnten und nachher nachmachten. Rußland hatte in dieser Zeit schon einen Dostojewski, Gorki, Dymow. Irgendwie war bei ihnen allen ein Strang, der die Volksseele mit der Ewigkeit verband und seismographisch mit jeder Nuance der Wechselwirkung erzitterte. Bei uns ist die Volksseele noch nicht so eindeutig entwickelt, wird mit nationalistischer Seele (Gott strafe England) verwechselt, und dann hatte sie siebzig Jahre kein Bedürfnis nach Ewigkeit. Man wollte den Bau der bürgerlichen Gesellschaft literarisch ausgebaut haben. Gab dazu Senkrechte, Lot, Maß und Höhe. Die bürgerliche Gesellschaft wollte ihre eigene Dichtung. Sie bekam sie. Der Dichtung bekam es schlecht. Sonst fühlte man sich wohl. Auch die Dichtung war behaglich temperiert. Kleine Fronde des sozialistischen Naturalismus, kleine Frivolitäten und sentimentale Weibergeheule der raffinierten Psychologen waren angenehme Kitzel, halfen im Verdauen. Bedürfnis nach Humanität ward nicht geleugnet, war aber gedeckt. Dafür war Tolstoi vorhanden.

Es mußte etwas kommen, was resolut und mit der Brutalität der Güte das Affenzeug durchhieb, Pförtner, Diener, Besitzer hinauswarf und dem erstaunten Parkett den adamitischen Menschen zeigte. Damit war alles getan. Nationalismus war geistig überwunden, sobald die Brüderlichkeit postuliert, nein, sobald sie nur genannt war. Krieg war Dummheit, sah der Mensch ihn vom rein menschlichen Punkt aus. Der reine, auch primitive, das heißt in seinen Gefühlen gottnahe und daher unverfälschte und groß schauende Mensch wird mit Liebe zu Acker, Nachbar, Saatwind und großen Ideen geboren. Der Mutterleib, der ihn barg, hat wenig Verbindung mit Montanaktie, Erzbecken von Briey, mit Marne, Schantung, Monroe, Tabaktrust und Südseehegemonie. Er will den inneren Menschenwert steigern. Er will die großen Ideen der Menschheit, die mit Wolkenschönheit seinen Horizont überschwimmen, pflegen und geben dem, der es nicht faßt. Er will Liebe lernen, Kreatur und Mensch. Er liebt nicht die Parzellierung der Volksstämme hinter Festung und Grenzstrich. Er will die Erde als eine Sache, die sein Gesicht umfaßt. Hat er sie geläutert, wird er sich vielleicht der Kassiopeia zuwenden. Ihm sind Franzosen, Bergarbeiter, Russen, Skandinaven gleich, nämlich Menschen. Er haut die geistigen Grenzen durch, durchschreitet, verachtet sie, stößt begeistert auf gleiche Gedanken. Bald ist er europäisch ganz zu Hause, völlig eingerichtet. Der Kosmos ist seiner Lunge, dem Herzen Freund. Nichts mehr von Stand und Ansehn und Schicksalembryo der bürgerlichen Einstellung! Der Blick geht auf die Ewigkeit. Das ist die ganze Situation der jungen, deutschen Literatur.

Das ist der geistgeschichtliche Weg, die Entwicklung und der Zustand. Verändert sich der Geist so stark, bekommt das Gesicht sehr durchlittene und heldenhafte Linien, der ganze Habitus verflucht und geheiligt anderen Umriß. Nie hat die Welt, weil sie so lange an Abziehbilder gewöhnt war, das Recken eigener visionärer Formsprache, mit soviel Abscheu, Schauder, Haß und Wut begeifert. Zu lange war der Geist in Villeggiatur am Nil oder auf Spitzbergen gewesen, daß, als er in Mitteleuropa wieder die Städte betrat, Polizisten auf ihn zu schießen begannen. Er war ihnen fremd geworden, und sein ungewöhnliches Aussehen, das weder mit Orden noch Uniformen bedeckt war, machte feindlichen Eindruck.

Die Gesinnung der deutschen Dichtung, soweit sie ehrlich, jung, qualitativ ist, ist europäisch, einem Völkerbund zugeneigt, den sie selbst, sehr anders wie die Versailler, schaffen möchte. Den Bund der guten Europäer. So klangen in aufrührender Novelle, Gedicht und Essay schon die Rhythmen anfangs des Kriegs. Bald gab es Phalanx. Es gab Töter des Seitherigen. Aufpflanzer neuen Ideals. Schwärmer der ungebundenen neugöttlichen Kraft, die sich in die großen Himmel, die aufbrachen, stürzten. Aufbauer neuer Architekturen. Als Motor das Herz, das ohne Ermüdung kämpfte und baute. Es gab keine Behaglichkeit mehr, auch nicht immer Ordnung, aber einen Trieb, ein Ziel. Die letzten Stangen der abgegrenzten Möglichkeiten galten allein als erstrebenswert. Die Literatur (und Malen, Bildhauern, Häuserbauen, Musizieren allsamt) begannen den Weg, den sehr leidvollen, sehr ruhmreichen, an dessen Anfang anfeuernd der Geist steht, an dessen Ende schmerzlich mit neuer Anstrengung als Ziel der Geist steht. Dazwischen Hasten und Kämpfen. Eine fiebrige Epoche. Alle Völker der Welt gehen ihn, haben ihn schon beschritten oder müssen ihn beschreiten. Vielleicht wird eine klassische Epoche hinterher in kühle Harmonien bannen, was hier mit Blut gearbeitet wird. Denn heut noch ist das romantische Streiten, Boden gewinnen, Urwald einhauen. Schließlich schwankt ja seit jeher die Welt zwischen diesen beiden Spannungen. Im Grund ist ihr Sich-Ablösen immer das Gleiche. Nur der Geist, der in unendlichem Saft steht, formt die Variation ein jedes Mal mit unbegrenztem fanatischen Neusein.

2. Marginalien zur Kritik

Kritik heißt nie: über eine Sache reden, sondern über ihr stehn. Nicht sie zerfasern, sondern ihr gütig nahen. Kritik heißt nicht wahlloses Urteil, sondern sie verlangt große Politik. Die Kritik unserer Zeit ist noch nicht erfunden. Ihr Niveau ist eine Unerträglichkeit. Auf keinem Gebiet der geistigen Disziplinen würde gewagt werden, mit solcher Verantwortungslosigkeit vorzugehen. Zur Kanarienvogelzucht, zu Petroleumtrusts würde nie ein Laie delegiert. Über Bücher schreibt jeder Dilettant. Doch selbst Fähigkeiten genügten nicht. Es bedarf des Menschen. Denn Kritik heißt Aufbau. Nicht Zerstörung. Heißt Liebe haben und nicht Haß. Dies ist das Zentrum. Nur eine große Persönlichkeit kann die ungemeine Verantwortung tragen, Kritik ist nichts Artistisches. Es ist eine humane Angelegenheit. Es ist der sicherste und direkteste Weg zur Kultur. Denn ihr Sinn ist, Niveau zu schaffen. Aus Liebe das Ungenügende zu zerstören, aus Liebe das Große immer wieder zu betonen. Das Wichtige zu plakatieren. Immer Diener sein der eigenen Verantwortung. Durch keinen Zweck der Person, durch keinen Gewinn, keine Frau, keinen Ehrgeiz gestört, getrübt zu werden. Nicht im Zeitlichen stehen bleiben, nicht dem Augenblicksreiz unterliegen, sondern immer das Momentane messen an der Verantwortung. Aber den Geist der Zeit fördern. Zeigen, daß Pazifismus nötig ist, aber noch lange nicht Rechtfertigung eines mißlungenen Gedichts. Aber kühn behaupten, daß Hölderlins Hymnen ein ungeheures Ethos tragen ohne einen zeitlichen Gehalt. Immer die Idee der Qualität als das Letzte nehmen. Den expressionistischen Nachläufer stäupen, den besseren Impressionisten unseres Tages bedauern, aber loben. Immer den Weg finden aus Zeit und Unzeit zur ewigen Prägung des Fürstworts. Feurig sein gegen das Gesinnungslose, kühl gegen Anmaßung. Fehler bekennen. Immer Linie halten. Nie den großen Dichter um Kleinigkeiten tadeln, während den Nebbich man laufen läßt als das, was er ist. Vielmehr auf das Wichtige sehen. In jahrelanger Arbeit nie den Lesenden verwirren, sondern ihn erziehen. Kritik ist im allerletzten und bedeutendsten Sinne Aufbau, Architektur, Arbeit am Leib des Volkes. Es bedarf nur neuer Rasse, das Werk zu machen. Radikal zu sein im Dienst am Geist. Klug wiederum mit Bescheidenheit auf vieles Wissen, da es nichts ist als Voraussetzung. Göttlich streitbar für Junges, ohne es innerlich zu überschätzen. Ohne literarische Geste, ohne Kunst zu wichtig zu nehmen, aber wissen, das alles groß Erlebte in sie zurückströmt. Vieles gesehen haben, das Meiste kennen und Menschliches verstehen in seinen Wurzeln, Fehlern und Güte -- und dann zu richten . . . eine Aufgabe von solcher Humanität ausüben, ja allein auf diesem Boden der Gesinnung zu stehen, dazu bedarf es so ungewöhnlicher Menschlichkeit, daß es nicht erstaunt, heute keine Urteilenden gerecht am Werke zu sehen. Ist der neue Mensch geschaffen mit Einkehr, Lust an der kämpfenden Liebe und Hingabe am Werk, wird eine Generation von Kritikern aufstehn. Keine Eitelkeit wird mehr Triebfeder sein, kein geistiger Imperialismus Ziel, Diktatur nicht der Zweck, sondern ameisenhafte Arbeit an der Größe und Aufgabe. Und so Kultur und eine Tradition guten Sinnes. Und eine nicht zerstörerische und idiotische Kritik, sondern eine schöpferische, helfende, keine Analyse, sondern eine dauernde Tat.

3. Schnitzler und die Nerven-Zerfetzer oder der psychologische Roman