Die Deutschen Volksbücher VII: Die Schildbürger - Doktor Faustus
Part 5
Seit nun Doktor Faustus solchem teuflischen Wesen sich sogar ergeben, vergaß er dabei Gottes und seines Worts: und weil er durch den Tod seines Vetters zu Wittenberg zu einem schönen Erbe gelangte, so fand er daselbst bald Gesellschaft seinesgleichen: war nicht mehr viel nüchtern, wurde vielmehr zu allem unlustig und verdrießlich. Und obwohl, weil die Barschaft des Vetters bei täglichem Fressen, Saufen und Spielen in Abnahme geriet, er sich in etwas der Gesellschaft entschlug, so war der doch darum bei solchem Müßiggang nicht viel besser, sondern trachtete nur stets, wie er andere Gesellschaft, nämlich der Teufel und bösen Geister Kundschaft und durch solcher Hilfe zeitliche Freude und tägliches Wohlleben möchte überkommen; weswegen er hin und wieder bei leichtfertigen Leuten allerhand teuflische Bücher, aberglaubische Charaktere, gottesvergessene Beschwörungen zusammenraffte, zum öftern abschrieb und sich vorsätzlich darin übte. Unter solchem Studium fand er denn nicht nur, daß er selbst mit einem hochfliegenden und herrlichen Geiste begabt sei, sondern auch, daß die Geister eine besondere Zuneigung zu ihm hatten. In dieser Meinung wurde er noch mehr bekräftigt, als er etlichemal nacheinander in seiner Stube einen seltsamen Schatten an der Wand vorüberfahren, auch darauf oftmals, wenn er aus seiner Schlafkammer bei Nacht blickte, viel Lichter hin und wieder bis an seine Bettstatt gleichsam fliegen sah, und zugleich dabei Laute vernahm, als ob Menschen miteinander leise redeten; dessen er sich denn höchlich erfreuete und in den Stimmen Geister und Gespenster erkannte, jedoch noch nicht so viel Mut hatte, dieselben anzusprechen.
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Als nun Doktor Faustus in seiner teuflischen Kunst erlernt und studieret, soviel ihm dienstlich sein würde, dasjenige zu überkommen, was er lang zuvor begehret hatte: siehe, da geht er einst an einem heitern Tage aus der Stadt Wittenberg, um einen bequemen und gelegenen Ort zu finden, wo er füglich seine Teufelsbeschwörungen ins Werk setzen möchte, und findet auch endlich, ungefähr einer halben Meile Wegs von der Stadt gelegen, einen Wegscheid, welcher fünf Ausfahrten hatte, dabei auch groß und breit und also ein erwünschter Ort war. Hier verblieb er den ganzen Nachmittag, und nachdem der Abend herbeigekommen und er gesehen, daß keine Fuhre mehr oder jemand anders durchging, nahm er einen Reif, wie die Küfer oder Büttner haben, machte daran viel wunderseltsame Charaktere und setzte daneben noch zween andere Zirkel oder Kreise. Und da er solches alles nach Ausweisung der Nekromantie bestermaßen angestellt hatte, ging er in den Wald, der allernächst dabei gelegen war, der Spessartwald genannt, und erwartete mit Verlangen die Mitternachtszeit, wo der Mond sein volles Licht haben würde: kaum aber ist die Zeit herbeigekommen, so beschwört er gleich zum Anfang, in den mittlern Reif tretend, unter Verlästerung des göttlichen Namens, den Teufel zum ersten- und andern- und drittenmal.
Kaum waren die Worte recht ausgeredet, da sah er alsobald, während der Mond schon hell schien, eine feurige Kugel anherkommen, die ging dem Kreise zu mit solchem Knallen, gleich als ob eine Muskete wäre losgebrannt worden, fuhr aber gleich darauf mit einem feurigen Strahl in die Luft, ob welchem allen denn der Doktor Faustus sehr erschrak, so daß er auch aus dem Kreise laufen wollte. Weil er jedoch, dem Reif entwichen, nicht mehr lebendig heimzukommen hoffte, so faßte er sich wieder einen Mut und beschwor den Teufel von neuem auf obige Weise; aber da wollte sich nichts mehr regen, noch ein Teufel sehen lassen. Er nahm derhalb eine härtere Beschwörung zur Hand. Alsbald entstand im Wald ein solcher ungestümer Wind und solches Brausen, daß es das Ansehen hatte, als ob alles zugrunde gehen wollte; kurz darauf rannten etliche Wägen mit Rossen bespannt bei dem Reif in _einem_ Rasen vorbei und machten einen solchen Staub, daß Faustus, bei dem hellen Mondschein, nichts sehen konnte. Da endlich, obwohl Doktor Faust, wie leicht zu glauben, so erschrocken und verzagt war, daß er schier auf seinen Füßen nicht mehr stehen konnte und wohl mehr als hundertmal wünschte, daß er hundert Meilen Wegs von da wäre, sah er wider alles Verhoffen, gleich als unter einem Schatten, ein Gespenst oder einen Geist um den Kreis herumwandern. Mutig beschwor er den Geist: er sollte sich erklären, ob er ihm dienen wollte oder nicht? er sollte nur frei reden. Der Geist gab gar bald zur Antwort: er wolle ihm dienen, jedoch mit diesem Bedinge, daß, so er anders etlichen Artikeln nachkommen wollte, welche er ihm vorhalten werde, er die Zeit seines Lebens nicht von ihm scheiden werde. Doktor Faustus vergaß auf dieses all seines vorigen Leides und empfundenen Schreckens und war in seinem Gemüte recht fröhlich und zufrieden, daß er endlich, nach so vielen Sorgen, dasjenige überkommen sollte, wonach sein Herz so lange Zeit verlanget hatte; daher sprach er getrost zu dem Geist: »Wohlan, dieweil du mir dienen willst, so beschwöre ich dich nochmals zum ersten-, andern- und drittenmal, daß du morgen in meiner Behausung erscheinen sollest; allwo wir denn von allem dem, was ich und du zu tun haben, zur Genüge reden und handeln wollen.« Dieses sagte der Geist dem Doktor Faustus zu: alsobald zertrat dieser den Zirkel mit Füßen, ging mit Freuden heraus, eilte der Stadtpforte zu und erwartete mit sehnlichem Verlangen den bald ankommenden Tag.
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Nun saß er unter tausenderlei verwirrten Gedanken in seinem Stüblein. Eine, zwei und mehr Stunden laufen vorbei, der Geist will doch nicht erscheinen; hinter, vor und neben sich forschet ohne Unterlaß Doktor Faustus, ob er noch nichts erblicken möge; aber alles vergebens, so daß er sich schon des Geistes und seiner Erscheinung verzeihen wollte: endlich, da ersiehet er zur Mittagszeit etwas nahe bei dem Ofen gleich als einen Schatten hergehen, und dünkte ihm doch, es wäre ein Mensch; aber bald sieht er denselben auf eine andere Weise; daher er denn zur Stunde seine Beschwörung aufs neue anfing und den Geist beschwor, er sollte sich recht sehen lassen. Da ist alsobald der Geist hinter den Ofen gewandert und hat den Kopf als ein Mensch hervorgestreckt, sich sichtbarlich sehen lassen, und vor dem Doktor Faustus sich wieder und wieder gebücket und seine Reverenz gemacht. Nach einigem Bedenken begehrte Faust, der Geist sollte hervorgehen und ihm, seinem Versprechen nach, die Punkte vorhalten, unter deren Beding er ihm dienen wolle. Der Geist schlug ihm solches anfangs ab und meinte, er sei so gar weit nicht von ihm, er könne dennoch mit ihm von allerhand nötigen Dingen Unterredung pflegen. Da ereiferte sich Faustus und wollte aufs neue seine Beschwörung anfangen und ihm noch härter zusetzen; das aber war dem Geist nicht gelegen, und so ging er hinter dem Ofen hervor. Da sah nun Faust mehr als ihm lieb war, denn die Stube ward in einem Augenblick voller Feuerflammen, die sich hin und wieder ausbreiteten; der Geist hatte zwar einen natürlichen Menschenkopf, aber sein ganzer Leib war gar zottigt, gleich als eines Bären, und mit feurigen Augen blickte er Faustum an, worüber dieser sehr erschrak und ihm befahl, er sollte sich wieder hinter den Ofen ducken, wie er auch tat. Darauf fragte ihn Doktor Faustus, ob er sich nicht anders, denn in einer so abscheulichen und greulichen Gestalt zeigen könnte? Der Geist antwortete: nein; denn, sagte er, er wäre kein Diener, sondern ein Fürst unter den Geistern; wenn er ihm dasjenige leisten und halten wolle, was er ihm vorhalten werde, so wolle er ihm einen Geist zuschicken, der ihm bis an sein Ende dienen werde und nicht von ihm weichen, ja in allem und jedem willfahren, was nur seinem Herzen würde belieben zu wünschen und zu begehren.
Auf solchen Vorschlag des Satans antwortete Faust, er solle ihm nur sein Verlangen eröffnen und vorhalten. Der Teufel spricht: »So schreibe sie denn von Wort zu Worten auf und gib alsdann richtigen Bescheid, es wird dich nicht gereuen! Ich will dir hiermit fünf Artikel vorschreiben: nimmst du sie an, wohl und gut; wo aber nicht, sollst du mich hinfüro nicht mehr zwingen zu erscheinen, wenn du auch gleich alle deine Kunst zu Rate ziehen würdest.« Also nahm Doktor Faustus seine Feder zur Hand und verzeichnete, wie folgt:
1) Er soll Gott und allem himmlichen Heer absagen.
2) Er soll aller Menschen Feind sein, und sonderlich derjenigen, so ihn seines bösen Lebens wegen würden strafen wollen.
3) Den Pfaffen und geistlichen Personen soll er nicht gehorchen, sondern sie anfeinden.
4) Zu keiner Kirche gehen, die Predigten nicht besuchen, auch die Sakramente nicht gebrauchen.
5) Den Ehestand hassen, sich in denselben nicht einlassen, nie verehelichen.
Wenn er diese fünf Artikel wolle annehmen, so solle er sie zur Bestätigung mit seinem eigenen Blute bekräftigen und ihm einen Schuldbrief, von seiner eigenen Hand geschrieben, übergeben, alsdann wolle er ihn zu einem Mann machen, der nicht allein alle erdenkliche Lust und Freude haben und die Zeit seines Lebens über genießen solle, sondern es sollte auch seinesgleichen in der Kunst nicht sein.
Doktor Faustus saß hierüber in sehr tiefen Gedanken, und je mehr und öfter er diese greuliche und gottsvergessene Artikel übersah und überlas, je schwerer sie ihm zu halten fallen wollten: doch bedachte er sich endlich und meinte, weil doch der Teufel ein Lügner sei, und ihm schwerlich alles dasjenige, wonach etwa sein Herz verlangen würde, seiner Zusage nach, schaffen und zuwege bringen würde, so wolle er auch alsdann noch wohl andern Sinnes werden. Und wenn es ja mit der Zeit dahin käme, daß er ihn als sein wahres Unterpfand haben und hinnehmen wollte, so könnte er wohl beizeiten ausreißen und sich wiederum mit der christlichen Kirche versöhnen; würde ihm denn über alles Verhoffen Zeit und Raum zu kurz, sich zu bekehren, so habe er gleichwohl nach seines Herzens Lust und Begierde in dieser Welt gelebt: halte der Geist etwa in einem und andern keinen Glauben, trotz seiner Zusage, so sei er ihm auch hinwiederum nicht Glauben zu halten schuldig.
So sagte er endlich in Leichtsinn und Gottesvergessenheit zu einem Artikel um den andern laut und unumwunden ja. Der Geist aber, auf des Doktors deutliche Erklärung, wendete nichts weiter ein und sprach: »So komm denn, soviel dir immer möglich ist, diesen Forderungen nach; aber deine eigene Handschrift mit deinem Blut gezeichnet wirst du mir geben; stelle es also an und lege sie auf den Tisch, so will ich sie holen.« Doktor Faustus antwortete: »Wohlan, es ist so gut: aber eines bitte ich dich zum letzten, daß du mir nicht mehr so greulich und in deiner jetzigen Gestalt erscheinen wollest, sondern etwa in eines Mönchs oder eines andern bekleideten Menschen Gestalt;« welches denn der Geist dem Faustus zusagte und also verschwand.
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Nachdem nun der höllische Geist gewichen, vielleicht die Zeit zu gewinnen, um die versprochene Handschrift zu fertigen, hätte Faust wohl noch Zeit gehabt, seinen Abfall von Gott mit reuigem, bußfertigem Herzen gutzumachen; allein er trachtete nur dahin, wie er seine Wollust und sein Mütlein in dieser Welt recht abkühlen möchte, und war eben auch der Meinung, welcher jener vornehme Herr gewesen, der unter anderm auf dem Reichstage zu etlichen gesagt hat: Himmel hin, Himmel her, ich nehme hier das meinige, mit dem ich mich auch erlustige, und lasse Himmel Himmel sein; wer weiß, ob die Auferstehung der Toten wahr sei?
So nahm denn Faustus ein spitziges Schreibmesser und öffnete sich an der linken Hand ein Äderlein; das ausfließende Blut faßte er in ein Glas, setzte sich nieder und schrieb mit seinem Blut und eigener Hand nachfolgenden Schuldbrief:
»Ich, Johannes Faustus, Doktor, bekenne hier öffentlich am Tag, nachdem ich jederzeit zu Gemüt gefasset, wie diese Welt mit allerlei Weisheit, Geschicklichkeit, Hoheit begabet, und allezeit mit hochverständigen Leuten geblühet hat; dieweil ich denn von Gott dem Schöpfer nicht also erleuchtet und doch der Magie fähig bin, auch dazu meine Natur himmlischen Einflüssen geneigt, zudem auch gewiß und am Tage ist, daß der irdische Gott, den die Welt den Teufel pflegt zu nennen, so erfahren, gewaltig und geschickt ist, daß ihm nichts unmöglich ist; so wende ich mich nun zu ihm, und nach seinem Versprechen soll er mir alles leisten und erfüllen, was mein Herz, Gemüt und Sinn begehret und haben will, und soll an nichts ein Mangel sichtbar werden; und so denn dem also sein wird, so verschreibe ich mich hiermit mit meinem eigenen Blut, welches ich, obwohl ich bekennen muß, daß ich's von dem Gott des Himmels empfangen habe, samt Leib und Gliedmaßen, so mir durch meine Eltern gegeben sind, mit allem, was an mir ist, samt meiner Seele, hiemit diesem irdischen Gott zu Kaufe gebe, und verspreche mich ihm mit Leib und Seele.
Dagegen sage ich vermöge der mir vorgehaltenen Artikel ab allem himmlichen Heer und allem, was Gottes Freund sein mag. Zur Bekräftigung meiner Verheißung will ich diesem allem treulich nachkommen; und dieweil unser aufgerichtetes Bündnis _vierundzwanzig Jahr_ währen soll, so soll denn der Satan, wenn diese Jahre verflossen sind, dieses sein Unterpfand, Leib und Seele, angreifen und darüber zu schalten und zu walten Macht haben; soll auch kein Wort Gottes, auch nicht die solches predigen und vortragen, hierin einige Verhinderung tun, ob sie mich schon bekehren wollten.
Zur Urkund dieser Handschrift habe ich solche mit meinem eigenen Blute bekräftiget und eigenhändig geschrieben.
Faustus, Doktor.«
Als er nun solche gräßliche Verschreibung verfertigt hatte, erschien bald darauf der Teufel in eines grauen Mönchs Gestalt und trat zu ihm, da denn Doktor Faustus ihm seine Handschrift eingehändigt, darauf dieser gesagt: »Fauste, dieweil du denn mir dich also verschrieben hast, so sollst du wissen, daß dir auch soll treulich gedienet werden. Ich jedoch, als der Fürst dieser Welt, diene persönlich keinem Menschen; alles, was unter dem Himmel ist, das ist mein, darum diene ich niemand: aber morgenden Tags will ich dir einen gelehrten und erfahrnen Geist senden, der soll dir die Zeit deines Lebens dienen und gehorsam sein; sollst dich auch vor ihm nicht fürchten noch entsetzen, er soll dir in der Gestalt eines grauen Mönchs, wie ich anjetzo, erscheinen und dienen. Hiermit nehme ich diese deine Handschrift; und gehabe dich wohl.« Also verschwand er.
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Gleich abends, als Doktor Faustus nun zu Nacht gegessen hatte und kaum in seine Studierstube gekommen war, siehe, da klopft jemand sittiglich an der Stubentüre, dessen Faustus sonst nicht gewohnt war, zumal die Haustüren allbereits verschlossen waren. Er merkte aber bald, was es bedeute, und öffnete die Türe: da stand ihm gegenüber eine lange, in grauen Mönchshabit gekleidete Person, dem Ansehen nach eines ziemlichen Alters; denn der Fremde hatte ein ganz graues Bärtlein; den hieß er alsbald in die Stube gehen und sich zu ihm auf die Bank niedersetzen, welches der Geist auch getan. Auf das Befragen des Doktors, was denn des Geistes Geschäft sei, antwortete dieser: »O Fauste, wie hast du mir meine Herrlichkeit genommen, daß ich nun eines Menschen Diener sein muß! Dieweil ich aber von unserm Obersten dazu gezwungen worden, muß ich es wohl lassen geschehen. Wenn aber das Ziel wird erreichet sein, so wird es mir eine kurze Zeit gewesen dünken, dir aber wird es ein Anfang sein einer unseligen, unendlichen Zeit! So will ich mich nun von jetzo dir ganz unterwürfig machen, sollst auch keinen Mangel bei mir haben, ich will dir treulich dienen; so sollst du dich auch vor mir nicht entsetzen, denn ich bin kein scheußlicher Teufel, sondern ein ~Spiritus familiaris~, das ist ein vertraulicher Geist, der gerne bei den Menschen wohnet!«
»Wohlan denn,« sagte hierauf Doktor Faustus, »so gelobe mir im Namen deines Herrn Luzifer, daß du allem fleißig nachkommen wollest, was ich dir werde zumuten und von dir begehren.« Der Geist beantwortete solches mit Ja. »Du sollst zugleich wissen,« sagte er, »daß ich werde Mephistopheles genennet: und bei diesem Namen sollst du mich hinfort jederzeit rufen, wenn du etwas von mir begehren willst, denn also heiße ich.« Doktor Faustus erfreute sich hierüber in seinem Gemüte, daß nun sein Begehren einmal zu einem erwünschten Ende gekommen sei, und sprach: »Nun, Mephistopheles, mein getreuer Diener, wie ich verhoffe, so wirst du dich allezeit gehorsamlich finden lassen und in dieser Gestalt, wie du jetzund erschienen bist. Ziehe nun für dieses Mal wiederum hin, bis auf mein ferneres Berufen.« Auf diesen Bescheid bückte sich der Geist und verschwand.
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Obwohl nun Doktor Faustus vermeinte, es könne ihm hinfüro nichts mehr mangeln, weil er einen so getreuen Diener an dem Geiste habe, wollte es doch gleichwohl nach und nach an einem und dem andern fehlen. Denn die baren Mittel von der Verlassenschaft seines vor etlichen Jahren verstorbenen Vetters hatten nunmehr ein Ende, und war von diesem allen, außer der Behausung, in welcher er wohnte, und etlichen Wiesen und Feldern weniges mehr übrig, wegen des Spielens und Bankettierens, zu dem der Erbe sehr geneigt war. Daher hielt er mit seinem Mephistopheles Rat, wie er doch andere Mittel anstatt der verlornen erlangen möchte, damit er eine bessere Haushaltung führen könnte. Der Geist sagte: »Mein Herr Fauste, gib dich zufrieden und beschwere dein Gemüt nicht mit dergleichen kummerhaften Gedanken, sorge doch hinfüro für nichts mehr, ich bin ja dein Diener, dein getreuer Diener, und solang du mich haben wirst, sollst du keinen Mangel an irgend etwas haben: darum sollst du nicht sorgen noch trachten, wie deine Haushaltung möge fortgeführet werden, weil du weniges Einkommen hast und das andere fast aufgezehret ist. Denn wenn du nur Schüsseln, Teller, Kannen und Krüge hast, so hast du schon übrig genug; für Essen und Trinken aber darfst du nicht sorgen, ich will dein Koch und Keller sein; dinge nur keine Magd, die es vielleicht verraten möchte; aber einen Famulus oder Jungen magst du wohl haben, ingleichen auch Gäste und gute Freunde, so dir Gutes gönnen, und des deinigen bisher leidlich genossen: die magst du immerhin einladen und berufen und mit ihnen fröhlich und guten Mutes sein.«
Daß nun dieses Anerbieten des Geistes dem Doktor Faustus erfreulich müsse zu hören gewesen sein, ist wohl zu glauben; allein er wollte fast darob zweifeln, weswegen er auch zum Geist sprach: »Mein lieber Mephistopheles, ich muß doch gleichwohl fragen, wie und woher willst du solches alles überkommen?« Der Geist lächelte hierüber und sprach: »Dafür sorge du nur nicht; aus aller Könige, Fürsten und großer Herren Höfen kann ich dich sattsamlich versehen; an Kleidern, Schuhen und anderm Gewand sollst du auch keinen Mangel leiden. Nur, Getränk und Speise zu bekommen, dazu mußt du freilich auch das deinige tun; denn ich weiß nicht, was du am liebsten issest und trinkest: darum was du abends und morgens verlangest und haben willst, das verzeichne und lege das Verzeichnis auf den Tisch, daß ich es hole und alles dir zu rechter Zeit verschaffe.« Dessen erfreute sich Faustus gar sehr und tat dem also, verzeichnete zur Stunde die Kost nebst einem guten Trunk zweier- oder dreierlei Weingewächse, um zu sehen, ob ihm der Geist auch das getane Versprechen erfüllen würde.
Abends um sieben Uhr wurde ihm hierauf zum erstenmal der Tisch gedeckt, auf welchen denn der Geist ein zierlich vergoldetes Trinkgeschirr setzte. Auf die Frage, woher denn der schöne Becher stamme, antwortete der Geist: er solle danach nicht fragen, er habe ihm dieses in das Haus verehrt, dessen sollte er sich ins Künftige bedienen; worauf Faustus schwieg und zugleich sah, daß Semmel und andere Dinge mehr auf dem Tische lagen, ja nicht lang hernach fanden sich da sechs oder acht Gerichte, welche alle warm und auf das beste zugerichtet waren, wie wenn auch die Weine nacheinander auf den Tisch gestellt wurden.
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Da nun Faustus für nichts mehr zu sorgen hatte, woher er Essen, Trinken, Geld und anders überkäme, brachte er Tag und Nacht im Saus und Brause hin, spielte, fraß und soff mit seinen Zechbrüdern, Goldmachern, etlichen Studiosen so, daß nach einiger Zeit fast jedermann in der Stadt, sonderlich die Nachbarschaft, weil Doktor Faustus sich um nichts mehr bekümmerte, weder um die Praxis noch um seine Äcker und Wiesen, die er von seinem Vetter ererbt hatte, zu zweifeln anfing, ob dieses recht zugehe, weil Faustus nicht von der Luft leben könne, dazu er ohnedem schon wegen Zauberei in ziemlichem Verdacht bei jedermänniglich stand. Diesen Argwohn den Leuten zu benehmen, ermahnte der Geist seinen Herrn, eine bessere Haushaltung zu führen, selbst die Äcker zu besämen, das Heu und Grummet von seinen Wiesen abzumähen und einzubringen, die Frucht zu schneiden und einzuernten; legte sofort in Fausts Namen Hand an und brachte diesen wieder in ehrlicheren Ruf. Es war damals aber eine unbequeme Zeit und die Frucht nicht wohl geraten; dennoch schnitt Faustus dreifach soviel von seinen geerbten Gütern, als sein nächster Nachbar tat.
Allein dem Doktor Faust wollte in die Länge dieses eingezogene, ehrbare Leben nicht gefallen, er sprach deshalb mit allem Ernst zu seinem Geiste: »Schaffe mir, o Mephistopheles, Geld, woher du es gleich nehmen solltest, denn ich bin gar geneigt zum Spielen, welches ich auch für meine liebste Beschäftigung halte; damit will ich nicht allein meine Zeit vertreiben, sondern auch außerhalb dieses meines Hauses meine Lust in guten Gesellschaften recht büßen. Meinest du, Mephistopheles, ich habe mich deinem Fürsten, dem Luzifer, so hoch verpflichtet, daß ich ein mönchisches, eingezogenes Leben führen wolle? O nein, es ist viel anders gemeint. Schaffe du mir, nach deines Herrn Versprechen, ein gutes Leben auf dieser Welt und verrichte daneben das meinige wie bisher, um den Leuten den Argwohn zu benehmen.« Mephistopheles antwortete hierauf: »Mein Herr Fauste, was habe ich dir jemals versagt? habe ich nicht durch Wartung der Felder und Wiesen, durch Einsammlung der Früchte so viel zuwegen gebracht, daß du deine Haushaltung hast führen mögen, sondern auch dadurch den Leuten ziemlich aus den Mäulern bist kommen?« Doktor Faustus bejahete solches und sprach: »Es ist wahr, und ich danke dir wegen deines Fleißes und deiner Vorsorge; allein, mein Diener, es wird mir solches zu halten in die Länge beschwerlich fallen, darum will ich nun hiermit mein ganzes Herz vor dir ausschütten; willst du nicht alles dasjenige tun und verrichten, was ich haben will, und mir meine übrige Lebenszeit alle gehörige Notdurft und ersinnliche Ergötzlichkeit verschaffen, so sage ja, oder nein.«
Mephistopheles sah wohl, daß sich Doktor Faustus ereifert hatte, und antwortete demnach: »Wohlan, mein Herr, ich bekenne es, daß ich dein Diener und also schuldig bin, dir allen gebührenden Gehorsam zu leisten. Damit du mich nun nicht für einen Lügengeist halten mögest, so sollst du sehen und in der Tat erfahren, daß keine Unwahrheit an mir sei, ich will dir Geld und alles was du vonnöten hast, zur Genüge verschaffen; aber eines bitte ich dich, dieweil etliche dich eben darum werden anfeinden, daß es dir so wohl ergehet, so halte auch deine mit deinem Blut geschriebene Zusagung, daß du alle diejenigen wollest verfolgen, die dich etwa deines Lebens wegen strafen werden; dessen erinnere ich dich nochmals.«
Doktor Faustus gab dem Geist wiederum gute Worte, und dieser erfüllte nun in allem und jedem seinen Willen; Geld ward ihm zugetragen, er wurde mit Kleidung, Schuhen, Bettgewand versehen, an allerhand Speisen und Getränken mangelte es nie, kein Holz kaufte er je, und hatte doch dessen einen großen Vorrat. Hernach aber wollte es der Geist auch nicht mehr schaffen, sondern Doktor Faustus mußte das seinige dabei tun und mit seiner Kunst etwas zuwege bringen, wie wir bald hören werden.
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