Die Deutschen Volksbücher VII: Die Schildbürger - Doktor Faustus

Part 12

Chapter 12368 wordsPublic domain

Aber auch, nachdem Doktor Faustus tot und begraben war, hatte seine arme Seele auf Erden noch keine Ruhe. Sein Geist regete sich, erschien zum öfteren seinem Diener Christoph Wagner und hielt mancherlei Gespräche mit ihm. Zu demselben kam auch Justus Faustus, des Doktor Faust und der schönen Helena Sohn, der selbst ein bildschöner Mensch war, der sprach ganz freundlich zu dem Famulus: »Nun, ich gesegne dich, lieber Diener, ich fahre dahin, weil mein Vater tot ist; so hat meine Mutter auch hie keines Bleibens mehr, sie will auch davon; darum so sei du Erbe an meiner Statt, und wenn du die Kunst meines Vaters hast recht ergriffen, so mache dich von hinnen, halte die Kunst in Ehren; du wirst dadurch ein hohes Ansehen überkommen.« Als er solches geredet, trat auch die schöne Helena herein, nahm ihren Sohn bei der Hand, und beide verschwanden also vor des Wagners Augen, der nicht wußte, was er dazu sagen sollte; so daß man sie hernach nimmer gesehen hat. Die Nachbarn aber gewahrten den Geist des Doktor Faustus bei Nacht oftmals in seiner Behausung im Fenster liegend, sonderlich wenn der Mond schien. Da ging er in dem Hause herum, ganz leibhaftig, in Gestalt und Kleidung, wie er auf Erden gegangen war. Denn Doktor Faustus war ein höckeriges Männchen, von dürrer Gestalt und hatte ein kleines, graues Bärtlein. Zuzeiten fing sein Geist im Hause ganz ungestüm an zu poltern, was viele Nachbarn mit erschrockenem Herzen hörten. Sein Famulus Wagner aber beschwor den Geist und verhalf ihm auf Erden zu seiner Ruhe. Und ist es jetzt in diesem Hause ganz friedlich und still.

_Anm. des Herausg._: Eine andere Fassung der Faustsage findet sich im zweiten Teil von: Aurbachers »Volksbüchlein«. Univ.-Bibl. Nr. 1291/92.

Inhalt

Die Schildbürger 3

Doktor Faustus 57

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Korrekturen:

S. 62: hervorgesteckt → hervorgestreckt hat den Kopf als ein Mensch {hervorgestreckt}

S. 87: herauf → hierauf der Jude aber machte sich {hierauf} bald zur Türe

S. 94: mir → mich {mich} auch zum öftern mit Namen gerufen

S. 120: wohlweilen → wohlfeilen guten Rausch so {wohlfeilen} Kaufs

S. 142 gegoren → geboren dem ewigen Leben nicht {geboren} sein

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