Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.

Part 20

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Wie es vorauszusehen empfingen uns, auf der Höhe angelangt, dichte Wolkenschichten, deren feuchtkalter Hauch die darin aufgespeicherten Wassertheilchen an unsern Körpern ablagerte und ohne daß es schon geregnet hätte trieften wir vor Nässe, ein Zeichen in wie großen Massen die Wasseratome um diese Bergkegel schweben mußten! Dieser Umstand nun trieb uns schon zur möglichsten Eile an, theils, um den Körper durch Anstrengung zu erwärmen, theils, um aus dieser hohen Region, wo die wogenden Gebilde jede Fernsicht benommen hatten, herauszukommen. An einem Abstieg angelangt, der so steil in die Tiefe führte, daß es großer Vorsicht bedurfte, auf dem glatten Gestein nicht auszugleiten oder gar durch die Neigung des Körpers nach hinten ins Laufen zu kommen und dann zu stürzen, mußte dieser wohl 800 Fuß tiefe Abhang recht langsam betreten werden.

Wir mochten aber noch nicht die Hälfte des beschwerlichen Weges zurückgelegt haben, als das Gewitter mit einer Vehemenz losbrach, die jeder Beschreibung spottet. Mit dem ersten zuckenden Blitzstrahl, der über uns das Wolkenmeer zertheilte, dem rollenden Donner, wie solcher nur in der Gebirgswelt das brausende Echo zu wecken vermag, war das Signal gegeben die Schleusen des Himmels zu öffnen -- eine Wasserfluth stürzte hernieder, die in tausend Bächlein Erde und Steingeröll mit sich führten. In solchem Wetter noch weiter zu gehen war fast unmöglich, doch nirgends bot sich dem suchenden Blicken der geringste Schutz, unter Baum oder Busch zu stehen war völlig zwecklos; bis, nahezu am Fuße des Bergkegels angelangt, der Neubau eines Pflanzenhauses wenigstens einigermaßen sichere Unterkunft versprach.

Wie festgebannt tobten die Elemente über uns mit ihrer ganzer Kraft, auch der Regen immerwährend niederstürzend, ließ die Wassermassen als unversiegbar in der Höhe erscheinen, gerade als sollte der durstigen Erde das Naß nun im Uebermaß gespendet werden!

Aus Erfahrung wußte ich ja, was es heißt, auf solchen Wegen und in solchem Wetter im Gebirge marschiren zu müssen, und besorgt sah ich daher der kommenden Nacht entgegen, die uns auf den einsamen Pfaden überraschen mußte! Zwar hätte ich warten und schließlich zurückgehen können, um doch noch durch die Gewalt der Elemente gezwungen, die mir angebotene Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen -- aber wo blieb dann der erhoffte Christbaum, dessen Lichterglanz zu schauen mein einziges Bestreben war! -- Ein Blick auf die auf der nassen Erde hockenden schwarzen Gestalten, die völlig unbekleidet vor Kälte zitterten, ließ mich den schon halbgefaßten Entschluß zurückzugehen, verwerfen, und trotz des Regens folgten die Leute willig der Aufforderung, weiterzugehen.

Immer bergab, bald auf steilen, bald auf ebener verlaufenden Pfaden, wollte es mir scheinen, als müßte die Strecke bis zur Ebene schnell zurückgelegt werden können, allein ein englischer Plantagenaufseher der von diesem Unwetter auch überrascht seiner Behausung zustrebte, belehrte mich eines anderen. Es fällt, wie er durch wenige Worte erläuterte, der Gebirgsstock in drei Terrassen ab, auf der ersten sind wir jetzt und das Schlimmste liege hinter uns, aber es würde auf den jetzt äußerst schlechten Pfaden ein schweres Fortkommen sein, namentlich wenn nach einer Stunde schon die Dunkelheit hereinbricht und ich dann einzig und allein auf die scharfen Augen meiner Führer angewiesen sei; vor Mitternacht könne ich sicher nicht Mpimbi erreichen, außer die beiden Schwarzen mußten ausnahmsweise sehr tüchtige Kerle sein.

Ein schlechter Trost, eine unangenehme Aussicht -- aber was half es! Ein kurzer Dank und Händedruck, und zwei Menschen schieden für immer, die das Schicksal auf eine flüchtige Minute auf einsamen Pfade zusammengeführt hatte. Es war kaum noch ein Gehen zu nennen, so eilig und sicher auf dem steinigen und glatten Wege schritten die Leute dahin, ihnen kümmerte nicht der Regen, der das um die Füße rauschende Wasser, während mir die triefenden Kleider am Leibe klebten, die Stiefel voll Wasser das Schritthalten ungemein erschwerten. Keine Hütte am Wege, kein Dorf in der Nähe, nur Felsen, Busch und Wald, und schon immer dichter senkten sich die Schatten der Nacht auf diese wilde Gegend herab, kaum daß ich, als wir den zweiten Abstieg erreicht, in der schmalen Felsenschlucht noch den Vordermann erkennen konnte, Stufenweise kletterten wir tiefer und tiefer, mit äußerster Vorsicht die kurzen aber steilen Abhänge hinab, wo jedesmal zwischen Bergspalten ein Sturzbach wilddonnernd die schäumenden Wasser über Felsblöcke hinjagte und nur ein Baumstamm als Brücke hinüberführte. Solchem unsicheren Steg vertrauten sich selbst die Träger nicht an und durchschritten, einander helfend, die brausenden Wasser, ich hingegen versuchte über die ersten zwei hinüberzureiten, was auf den glatten, schlüpfrigen Stämmen nicht leicht, aber doch auszuführen war.

Und weiter vorwärts ging es in die Dunkelheit hinein, -- durch hohes Gras, über Steingeröll, durch Bäche und Wasserlachen --, imstande, den Weg vor mir noch zu erkennen und mußte mich nur auf den voranschreitenden Führer verlassen.

Die nun inzwischen eingetretene völlige Dunkelheit, durch welche kein Stern vom Himmelszelt zu dringen vermochte, weil das Wolkenheer wie ein schwarzer Mantel über die Erde ausgebreitet lag, machte manchmal an Stellen, wo an den steilen Uferwänden eines Sturzbaches hinabgeklettert werden mußte und das dichte Gesträuch eine Art Hohlweg nur frei ließ, die Finsterniß so intensiv, daß nicht die Hand vor Augen zu sehen war, und ich muß sagen, der Orientirungssinn des voranschreitenden Führers war bewunderungswerth, in dieser rabenschwarzer Nacht noch den rechten Weg zu finden. Ein factisches Hinabfühlen, ein Festklammern an Gestrüpp und Stein oder ein Rutschen auf den Knieen war es, ehe der Fuß an solcher schon erwähnten provisorischen Brücke wieder Halt gefunden und der nicht ungefährliche Uebergang über die unterhalb wildtosenden Gewässer darauf unternommen war.

Keiner, der nicht in ähnlicher Lage gewesen, wird ganz verstehen können, was es an Selbstüberwindung kostet, immer wieder die müden schmerzenden Füße vorwärts zu bewegen, gezwungen durch die eiserne Nothwendigkeit und das »du mußt an das Ziel«.

Wir mußten trotz allem doch schnell marschirt sein, denn etwa nach acht Uhr erklärten die Leute, wir hätten die Tiefebene nun erreicht und wenn wir so weiter gingen sei es möglich, nach zwei Stunden in Mpimbi anzukommen; sechs englische Meilen noch durch Gras und Busch! Doch vorwärts ging es so gut wie es gehen wollte. Die Nacht, die kurz nach sechs Uhr Abends in den Tropen hereinbricht, heute aber durch die schwarzen Wolkenmassen viel dunkler geworden war als sonst, wurde, nachdem wir eine Strecke zwischen der wassertriefenden Grasfläche zurückgelegt, wieder klarer, Stern um Stern schimmerte durch das zerrissene Gewölk, bis der weite Himmelsdom wieder in reiner Klarheit sich über die Erde wölbte; und die abertausend Sternenkerzen schienen heller aufzuleuchten, als wären im Weltall die Lichter angezündet, die in dieser Christnacht freundlicher vom Himmelszelt herniederwinkten.

Der durch die Grasebene führende stark gewundene Fußpfad war nichts weniger als angenehm zu begehen und durch den Regen in eine solche Verfassung versetzt worden, daß, wollte man nicht mit dem Erdboden Bekanntschaft machen, wozu der glatte aufgeweichte Thonboden genügend Veranlassung gab, mußte die ganze Aufmerksamkeit auf diesem gerichtet bleiben, um so mehr, als ganze Strecken völlig unter Wasser gesetzt waren, das einfach durchschritten werden mußte, da es seitwärts kein Ausweichen gab. Von einem großen Wasser, welches wir noch passiren sollten, hatten mir die Leute etwas erzählt, doch hatte ich nicht besonders darauf geachtet was damit gemeint sei, daher war ich einigermaßen überrascht, plötzlich einen hochgeschwollenen, etwa 25 Meter breiten Fluß vor mir zu sehen. Dumpfbrausend und gurgelnd zogen die Wasser dahin, ihre schmutziggelbe Farbe glaubte ich selbst im Dunkel der Nacht erkennen zu können, jedoch von einer sicheren Furth, wie eine solche zu Zeiten hier wohl vorhanden sein mußte, waren keine Anzeichen aufzufinden. Hindurch mußten wir, da, wie ich recht vermuthet dieser ein Nebenfluß der Schire; nur das wie, war die Frage, die umso schwieriger, als schon einer der Leute ohne Besinnen in die Fluthen gestiegen und durchzuwaten versucht hatte, aber schleunigst umkehrte, als das Wasser ihm bis über die Schulter gestiegen war.

Nach kurzer Berathung gingen wir dann eine Strecke flußaufwärts, wo von Neuem ein Versuch gemacht wurde, der auch gelang, und als die Sachen an das andere Ufer hinübergeschafft waren, nahmen die beiden Träger mich auf ihre Schultern und durchwateten den hochgeschwollenen Fluß. Nach einem halbstündigen Marsch weiter durch mannshohes Gras und zum Theil an den kultivirten Feldern vorüber, mußte an einer langgestreckten Einengung Halt gemacht werden, -- die Führer wußten nicht weiter, und nachdem ich vergeblich an dem Hause eines Europäers gepocht hatte, das ganz nahe dem Ufer des Schireflusses erbaut war, mußten in daneben liegenden Hütten die Bewohner herausgetrommelt werden, von denen wir auch genügenden Bescheid erhielten.

Der Weg führte uns durch das in tiefster Ruhe liegende Dorf Mpimbi; kein Mensch war darin zu sehen, nur die Hunde heulten auf, dann noch eine lange Strecke durch tiefen Morast, bis aus der Grasfläche hinaustretend, ein tiefdunkler Wald dem Weiterdringen ein Ziel zu setzen schien, -- da, ein dumpfes Murmeln vieler Menschenstimmen, ein Aufflammen der Feuer und fest bannte den Fuß das »Halt, wer da« des Postens, -- ich hatte das deutsche Lager erreicht! Fast geblendet von dem hellen Schein ringsum, folgte ich mechanisch der voranschreitenden Wache, an Zelten, Hütten und Häuser vorbei; plötzlich eine Art Vorhang zurückgeschlagen, sah ich an langer Tafel eine Reihe bekannter Gestalten sitzen, -- im Hintergrund aber herrlich geschmückt, im Glanze vieler Kerzen leuchtend, den ersehnten Christbaum, »~das Symbol der Christenheit~«!

10. Von Mpimbi nach Fort Johnston am Nyassa-See.

Freundlich im kleinen Kreise willkommen geheißen, mochte wohl ein Jeder mir die ausgestandenen Strapazen ansehen und war bereit, nach Bedarf das Möglichste zu thun. Bald, nachdem ich noch für die Unterkunft und Verpflegung der beiden wackeren Führer Sorge getragen, saß ich im trauten Kreise der Gefährten und all' die Mühen der vergangenen Tage, alle Müdigkeit waren vergessen beim köstlichen Mahl und fröhlichen Becherklang; vor allem war es für mich ein erhebendes Bewußtsein doch noch, trotz aller Widerwärtigkeiten, mein Ziel und meine Absicht erreicht zu haben. Von dem Christbaum, den anstatt der deutschen Tanne, hier eine dicht belaubte Tropenpflanze ersetzt hatte, mochte ich den Blick nicht wenden, immer wieder fuhr es mir durch den Sinn, wie einsam es wohl um diese Stunde bei dem freundlichen Wirth in Zomba sein müsse. Sein Anblick mahnte auch an die ferne Heimath, wo zur selben Stunde abertausend Bäume im stolzen Schmucke prangten und ungezählte Herzen des herrlichsten Festes sich freuten, an welchem einst das Hallelujah der Engelschöre die göttliche Botschaft kundgethan! Das aber ist ein schönes Symbol des germanischen Volkes, das überall auf der weiten Erde, wo seine Söhne noch nicht der Heimath vergessen, diese, die Treu' im Herzen und die deutschen Sitten waren, selbst im kleinsten Kreise sich zu erheben und zu erfreuen suchen unter dem strahlenden Christbaum, den sie im einsamen Urwald oder auf der entlegensten meerumrauschten Koralleninsel im Weltmeer aus der üppig sprießenden Tropenflora zu finden wissen; und im Rauschen altersgrauer Wipfel, im Brausen der Meereswogen, klingen die Feiertöne der Lieder aus, welche einst die Mutter auf der Heimathscholle ihnen an der Wiege gesungen.

Lange saßen wir noch in später Nachtstunde beisammen, gedenkend vergangener und kommender Zeiten, nachdem noch vorher dem Major von Wißmann, der unpäßlich einsam in seinem Zelte ruhte, für die gespendeten Gaben der Dank abgestattet und die Versicherung gegeben worden war, daß wir alle fest zu ihm stehen werden in Noth und Gefahr und keiner von seiner Pflicht weichen wird, bis das große Werk vollendet ist; beisammen waren +Dr.+ Bumiller, +Dr.+ Röver, Lieutenant Bronsardt v. Schellendorf, de la Fremoire, Illich, Maler Franke, die Zugführer Bauer, Krause, Eben, die Handwerker Knuth und Riemer.

Die schweren Regengüsse zu dieser Zeit, wie im vorigen Kapitel beschrieben, können recht unangenehm werden, und klärt sich der Himmel für eine Reihe von Tagen auf, muß man auf solcher Expedition bestrebt sein, Versäumtes nachzuholen, darum auch gab es für uns keine Feiertage. Am ersten Festtag schon begann das Beladen der Boote, die zur leichteren Unterscheidung für unsere Leute folgendermaßen benannt wurden: Crocodil, Reiher, Forelle, Pfeil; und an dem Bug eines jeden war die betreffende Bezeichnung +en miniature+ von Franke angemalt worden.

Ehe ich mich als einziger Seemann der Auftakelung dieser Fahrzeuge unterziehen konnte, hatte ich eine eingehende Untersuchung über die vom Major in Vorschlag gebrachten Plätze am Schireufer, wo eventl. eine Werft errichtet werden könnte, vorzunehmen; es lag nämlich die Absicht vor, vielleicht schon hier den Dampfer erbauen zu können, sofern die Verhältnisse dies gestatten sollten. Ein großer Vortheil würde es ohne Frage sein, als nicht von neuem der Transport zu Wasser weiter geleitet werden brauchte, nachdem die so schwierige Ueberführung aller Lasten über das Gebirge vollbracht war. Meine Bedenken, daß die Herbeischaffung des benöthigten Baumaterials hier in dieser waldarmen Gegend vielleicht eine Unmöglichkeit sein würde, auch ob der vollendete Dampfer später zum Nyassa-See geschafft werden könne, da der Schirefluß weiter oberhalb oft nicht tief genug und bedenkliche Stromschnellen habe, schlug der Major durch die Bemerkung nieder: »Wenn wir alles was wir wünschen, zur Hand hätten, wäre es kein Kunststück und keine große Aufgabe, das begonnene Werk zu vollenden, übrigens ich will es und es muß gehen; was die spätere Weiterführung des Schiffes auf den Fluß anbetrifft, habe ich mich der Expedition zum See anzuschließen und eingehend den Fluß zu untersuchen, stellt sich dann die Unmöglichkeit heraus, den Aufbau hier zu unternehmen, ist es etwas anderes, vorläufig aber bleibt es bei dem einmal aufgestellten Projekt!«

Daraufhin, nach eingehender Besichtigung der in Frage kommenden zwei Plätze, der Untersuchung des Flußbettes, das hier 12 bis 14 Fuß tief war, entschied ich mich, den Platz zu wählen der unmittelbar vor dem Dorfe Mpimbi lag, -- zwar gänzlich von Hütten umschlossen, aber doch frei und hoch gelegen war; vor allem standen drei mächtige breitästige Bäume auf demselben, die weithin Schatten gaben, was bei der späteren Arbeit nicht zu unterschätzen und in Betracht gezogen werden mußte. Freilich würde die hier nöthige Ausschachtung, das Ufer ist über zehn Fuß hoch, einen enormen Aufwand von Arbeitskräften erfordern, indes, es war die gesundeste und beste Lage und verdiente gegenüber dem anderen Platze, der in der Nähe des Lagers gelegen, in einer sumpfigen, schattenlosen und ungesunden Niederung unbedingt den Vorzug.

Von einem Vertrage mit dem Häuptling Chikuse, der von der Bevölkerung im weiten Territorium als Erster anerkannt ist, wurde vorläufig Abstand genommen, dann waren auch die Verhältnisse für den Schiffsbau hier einigermaßen günstige, mußte doch erst eine eingehende Untersuchung des Flußbettes vorgenommen werden, ehe weitere Schritte gethan werden konnten.

Rastloser Arbeit waren wie erwähnt die Festtage geweiht; ein Jeder hatte seine bestimmte Funktion zu verrichten, und obgleich zwischen Kisten und Kasten, Munition, Geschütze, Proviant scheinbar Wirrwarr herrschte, hatte doch jeder Gegenstand seine besondere Bestimmung. Ein kriegerisches Bild bot das Lagerleben, Musterung und Exerzitien der Soldaten, Schießübungen mit Gewehr und Geschützen; Signalhörner und Trommeln ertönten, -- über alles aber wachte das Auge des Führers, anordnend, tadelnd und befehlend. Einem Ameisenhaufen gleich, geschäftig und bestimmt, regten sich die vielen Glieder des Ganzen und nach jedem Tageswerk war ein bedeutender Fortschritt gethan; müde und abgespannt legte sich Jeder zur Ruhe, bis in früher Morgenstunde die Trompete wieder zu neuer Arbeit rief.

Der Abmarsch der Kompagnien nach Fort Johnston, unter Lieutenant Bronsardt, die aus Mangel an Platz in den Booten den weiten Weg zu Fuß zurücklegen und sich längst dem Schireufer Bahn brechen mußten, brachte wieder eine Abwechselung; auch die scheu und ängstlich sich fernhaltenden Eingeborenen wurden dreister, brachten Mehl, Bataten und auch Pombe, welche Produkte ihnen, da wir sie benöthigten und solche auch billig waren, gern abgekauft wurden. Namentlich die Weiber schleppten auf den Köpfen Gefäße mit Mehl, Bananen und Tomaten heran; im Kreise oder in einer Reihe auf dem Boden hockend, ihre Waaren vor sich, warteten sie geduldig, bis eine jede je nach dem Werthe derselben ein buntes oder weißes Stückchen Zeug erhalten hatte, um dann mit ihren auf dem Rücken gebundenen Säuglingen, die sich meist immer ganz still verhielten, im Gänsemarsch das Lager zu verlassen.

Zur Bedienung der Boote waren etwa siebenzig Mann Sudanesen, Suaheli und der Rest nicht desertirter Zulus zurückbehalten worden, die auf den beiden großen Booten als Ruderer vertheilt wurden, zudem sechs Europäer mit Bedienung, Köchen, etc., machte ungefähr diese Expedition neunzig Seelen aus. Zwei Boote des Dampfers, ohne Besatzung, enthielt das größere das Gepäck, Zelte und Betten, das kleinere nur Pulver und etwas Munition und diese nur von einem Steurer gelenkt, sollten im Schlepptau der großen Fahrzeuge verbleiben. Laut Tagesbefehl vom 27. Dezember, an welchem Tage alle Arbeiten beendet sein mußten, wurde mir der Befehl über das größte der Boote übertragen, während Proviantmeister Illich mit de la Fremoir das zweite führten, d. h. Major v. Wißmann behielt sich die Leitung der ganzen Flottille vor, nur daß Führer ernannt wurden, welche die Boote leiten und dafür verantwortlich waren. Als fünftes Fahrzeug war ein mittelgroßes Canoe dem Maler Franke zur Verfügung gestellt, der dadurch unabhängig in seiner Holzschale, die von vier Leuten gerudert wurde, sich trotz des etwas sehr beschränkten Raumes sehr wohl befand.

So war denn der Tag der Abreise gekommen; um 8 Uhr früh, den 28. Dezember, lösten sich auf Kommando die Boote vom Ufer ab, drei kräftige Hurrah, beantwortet von den Zurückbleibenden, +Dr.+ Röver, Knuth, Riemer, sowie 15 maroden Soldaten, die unter Knuth die Besatzung des Lagers verbleiben sollten, und kräftig tauchten die Ruder in das Wasser, gegen Sturm und Wind die kleine Flottille vorwärts treibend. Wie vorauszusehen, ermatteten die Ruderer bald; die ungewohnte Arbeit, dazu eine Portion Ungeschicklichkeit, wurde durch einen einzigen Fehlschlag oftmals die ganze Gesellschaft außer Takt gebracht und erst wieder eine Gleichmäßigkeit erzielt, wenn ich oder ein anderer den richtigen Schlag angegeben hatte; das Einüben mittelst Zählen von »eins, zwei« wurde von uns Europäern abwechselnd ausgeführt und erklärlich war es deshalb, daß wir nur langsam vorwärts kommen konnten.

Aus diesem Grunde und auch um die Leute nicht zu sehr anzustrengen, denn die niederglühende Sonne machte den Aufenthalt in den offenen Booten nicht gerade angenehm, ließ der Major schon gegen Mittag an einem geeigneten Orte Lager schlagen; meistens an Stellen, wo der Schatten hoher Bäume ausgiebigen Schutz gegen die recht empfindliche Hitze bot. Uebrigens war die Vegetation hier an den Ufern insofern eine reichere zu nennen, als überall zwischen den Gebüschen der Baumwuchs reichlicher vertreten war, sogar stellenweise in der Nähe des Ufers kleine Waldungen sich zeigten, die in mir den Wunsch erweckten, an solchen Stellen den Dampfer erbauen zu dürfen, wo dem Anschein nach so reiches Material vorhanden war. Eine spätere Untersuchung ergab jedoch nicht das erwartete Resultat, da die meisten Bäume nur wenig Nutzholz liefern, weil die Stämme krumm und häufig verwachsen sind. Um ein Beispiel anzuführen, wie dicht und undurchdringlich der Busch, sei erwähnt, daß wir uns mit Leichtigkeit die schönsten Lauben herstellen konnten, indem mit Faschinenmessern nach Belieben ein Gang in diesem geschlagen wurde, worin wir den schattigsten Aufenthalt während der heißesten Tagesstunden fanden; Feldstühle und provisorische Tische darin aufgestellt, und unser Speisezimmer war fertig.

Die Formation der Ausläufer des Schiregebirges, die zur unser Rechten sich dem Ufer auf einige Meilen Abstand nähern, gaben im Verein mit der ringsum wilden Natur ein imposantes Bild; ununterbrochen bis zu den Höhen ist der Pflanzenwuchs ein überreicher und ist einst die Kultur bis hierher vorgedrungen, wird der jungfräuliche Boden jede Mühe reichlich lohnen; ein Schatz liegt in diesem verborgen, der nur der Zeit wartet, wann fleißige Hände sich bemühen ihn zu heben!

Hinziehend auf den im Sonnenlichte glitzernden Fluthen des Schire, den vielen Windungen des Flusses folgend, die des öfteren so scharf, daß weit voraus der Wasserweg völlig abgeschnitten erschien, bis eine neue Biegung wiederum die Aussicht auf den Fluß eröffnete, war es uns nur an wenigen Stellen möglich, einen freieren Ausblick auf das Land zu gewinnen, sonst benahmen das dichte Ufergebüsch, zahlreiche Baumgruppen jeglicher Aussicht. Dahinterliegende ausgedehnte Grasflächen und lichter Wald ließen die Vermuthung aufkommen, daß, wie am unteren Schire, auch hier zahlreiche Wildheerden ständigen Aufenthalt hätten, allein der Umstand, daß eine weit zahlreichere Bevölkerung in der ganzen Gegend des Stromgebietes ansässig ist, hält das Erscheinen der Thiere zurück, mithin hätte man weit wandern müssen, ehe ein Jagdzug lohnenden Erfolg gehabt. Dahingegen boten sich auf diesem fischreichen Gewässer genügende Zielobjekte, als vorüberziehende Züge wilder Enten und Gänse, gewandt im Wasser auf- und niedertauchende Kormorane und der weißköpfige Fischadler, der scharfen Auges, in scheinbar träger Ruhe auf den Zweigen dicht am Wasser stehender Bäume, der in klarer Fluth spielenden Beute geduldig harrte. Aber höchstens den genießbaren Vogelarten, als Enten etc. wurde gelegentlich, wenn sie im Bereich der Waffen kamen, eine Schrotladung zugesandt, andere Thiere wurden nicht gestört, vielmehr machte es Spaß, den schnell schwimmenden und höchst gefräßigen Kormoranen zuzuschauen, wie diese auftauchend einen großen Fisch im Schnabel sich mit der um sich schlagenden Beute abquälten, ehe kunstgerecht der Kopf des Fisches im weiten Schlund verschwand, -- eine kräftige Anstrengung und das lebende Thier war heil und ganz verspeißt. Man sollte nicht meinen, wie gefährlich dieser Vogel den Fischen wird, nicht durch seine Gewandtheit im Tauchen und Schwimmen, sondern durch seine Unersättlichkeit verursacht er großen Schaden; seine Verdauung ist so enorm, daß man sagen kann, er ist immer hungrig, ein Nimmersatt.

Eine kleine Schar Kormorane, angenommen 20-30, auf eine nicht lange Flußstrecke vertheilt, wie ich solche häufig genug habe zählen können, fängt täglich hunderte Fische weg, daneben nun noch die anderen Vogelarten gestellt, die ebenfalls ausschließlich vom Fischfang leben, wird es Jedem erklärlich erscheinen, wenn ich sage, daß der Fluß ungemein fischreich ist; dazu ist noch nicht mal des schlimmsten Räubers, des Krokodils, gedacht, welches, wenn es, wie doch meistens der Fall, auf Fischfang angewiesen ist, sicher ein bedeutendes Quantum braucht, um sich zu sättigen und die Anzahl dieser mächtigen Thiere ist gewiß keine geringe in diesem Theil des Schireflusses.