Die deutsche Dampfer-Expedition zum Nyassa-See.
Part 10
Bevor nun die Transportfrage mit der Feldeisenbahn endgültig entschieden werden sollte, wollte von Eltz nach seiner Rückkehr und nachdem das gesammte Material von Pinda heraufgeschafft worden war, erst mit den Leichtern einen Transport bis Chilomo, wo der Major eine Hauptstation errichtet hatte, führen, um sich über die Wasserverhältnisse des Flusses genau zu orientiren, da eventuell von der Aufstellung der Bahn Abstand genommen werden könnte, wenn entgegen den Behauptungen, diese sich als besser erweisen würden. Allein die am 7. Oktober flußaufwärts bestimmten Leichter fanden eine kurze Strecke oberhalb Port Herald schon eine für die nur mittelmäßig beladenen Fahrzeuge unpassirbare Untiefe, sodaß es nöthig wurde, einen Leichter zurückzusenden, der entlöscht, den zweiten dann entlastete und die Fahrt fortgesetzt werden konnte.
Auf diese Nachricht hin, daß doch ein Fortkommen zu Wasser große Schwierigkeiten bieten wird, wurde in einer Unterredung mit von Eltz, bis zu dessen Lagerplatz ich am selben Tage noch geeilt war, beschlossen, trotz der geringen Mannschaft die uns zur Verfügung stehen würde, die Feldeisenbahn aufzustellen und schon am nächsten Tage ließ ich mit der Zusammensetzung des 400 Meter langen Schienengeleises beginnen. Den ganzen Schiffskörper, sowie die Feldbahn hatten wir im offenen Felde nahe dem Ufer gelagert, aus dem Grunde, weil das Transportiren so vieler schwerer Eisentheile nach dem entfernten Lager bedeutenden Kraftaufwand erfordert hätte, auch lag hier das Material, unter beständiger Aufsicht eines Wachtpostens gestellt, völlig sicher. Erforderlich wurde nun, da die Aufstellung der Bahn in der Nähe dieses Ortes vorgenommen werden mußte, zum Schutze der Europäer gegen die glühenden Sonnenstrahlen ein Schutzdach zu errichten unter welchem hindurch das Geleise bis zum Lager geführt, und hier im Schatten die Zusammensetzung der 32 Wagen beendet werden konnte. --
Gelegentlich bei der Vollendung eines für das Gouvernement fertig gestellten Hauses bot sich uns Gelegenheit den Tänzen der Eingeborenen, namentlich der am Bau betheiligt gewesenen, zuzuschauen. Und um der Sache mehr Effekt zu geben, luden die englischen Beamten die Dorfältesten ein, auf dem freien Raume inmitten des Häuserkomplexes ihre Festlichkeit abhalten zu wollen, mit der Zusicherung, daß ihnen dazu reichlich Pombe, einheimisches Bier geliefert werden sollte. Was an jedem Abend in den Dörfern, bei Mondenschein, selbst Nächte hindurch, im kleineren Maaße aufgeführt wurde, sollte hier einen etwas großartigeren Anstrich gewähren und wahrlich auf einen Zuschauer machte die eigenartige Scenerie einen wirksamen Eindruck.
Ein Nachtlager bei Granada könnte ich fast die bei Feuerschein und hellem Mondenlicht im weiten Kreise lagernde Versammlung bezeichnen, so pittoresk durcheinander lagen und hockten die schwarzen, nackten Gestalten. Die Feuer durch immer neue Zufuhr von trockenem Rohr häufig zur hellen Gluth angefacht, warfen über alle ihren rothen Schein, um zusammensinkend, diesem Schatten Platz zu machen. Die Häuptlinge und Aeltesten hatten, auf Matten sitzend, den engen Kreis der durch die Frauen und Mädchen gebildet wurde, geschlossen, zur Linken aber die Europäer auf herbeigebrachten Stühlen oder Kisten Platz genommen. Selbstverständlich war das versprochene Bier schon aufgefahren worden, und die stattliche Anzahl großer irdener Töpfe zeigten bald eine bedenkliche Leere und zeugten davon, daß die Zecher von dem gespendeten Trank den ausgiebigsten Gebrauch zu machen verstanden; weniger betheiligten sich die Europäer daran, nur, wenn eine junge Maid mit tiefem Knicks einen Trunk kredenzte, wurde derselben ein solcher nicht abgeschlagen, im Uebrigen begnügten wir uns mit einem Gläschen Schottisch-Whisky, dessen scharfer Geschmack durch Wasser gemildert wurde.
Der Tanz, ausschließlich nur von Frauen ausgeführt, begann mit einem kleinen Reigen nach dem Takte eines eintönigen Gesanges und begleitet durch Händeklatschen. Ein Dutzend Frauen dicht aufgeschlossen, bewegen sich im Kreise um die Vorsängerin und schlagen gleichmäßig mit Händen und Füßen den Takt zu dem Refrain, der von allen gesungen wird. Bald aber aufgemuntert durch die lobenden Zurufe der in großer Zahl versammelten Männer, vermehrt sich die Zahl der Tanzenden bis alle anwesenden Frauen theilgenommen haben. Allmählich geht der Tanz zu rascheren Bewegungen über; das tiefe Neigen der Körper, das Wiegen in den Hüften, das gleichmäßige Vor- und Rückwärtsschreiten, mit einer Präzisität ausgeführt, als geschähe alles nach Kommando, dazu das Stampfen mit den Füßen, die um die Knöchel mit Messingringe als Schmuck beschwert sind, wodurch ein eigenthümliches Rasseln verursacht wird, giebt dem Beobachter die Ueberzeugung, daß zu solcher Fertigkeit nicht nur ungewöhnliche Uebung gehört, sondern die eigentlich unharmonischen Gesänge mit diesen Bewegungen in Einklang gebracht sind.
Mehr und mehr giebt sich bei den Tanzenden eine Art Erregtheit kund, namentlich wenn sie durch Pantomimen ein Liebesspiel darstellen wollen, das durch schnelle Bewegungen der einzelnen Paare, durch rasches Abwenden von einander und wieder dichtes Aufschließen ermüdend wirken muß, aber nicht eher ist ein solcher Tanz beendet, als bis alle Zeichen völliger Ermattung zeigen. Tritt eine Vorsängerin ab, nimmt eine andere sofort deren Platz ein und je nach dem aus dem Stegreif hergesagten Text werden die Körperbewegungen lebhafter oder langsamer.
Schließlich in Schweiß gebadet, sodaß die schwarzbraune Haut im Feuerschein glänzend erscheint, werden die scharfen Ausdünstungen der Körper für das empfindliche Geruchsorgan des Europäers lästig, sofern nicht schon der durch das fortwährende Stampfen erzeugte Staub den Weißen den Rückzug antreten ließ. Wie empfindungslos und abgehärtet bereits die Säuglinge sein müssen, erhellt daraus, daß auf dem Rücken der Mütter in einem Tragetuch gebunden, das gleicherzeit auch die ganze Bekleidung der Frau ausmacht, bei all den raschen Bewegungen, die solch ein Tanz erfordert, in guter Ruhe schliefen; ob der Kopf des Kindes auch bald rechts bald links zu liegen kam, oder fortwährend, oft nicht unsanft, hin- und hergeworfen wurde, das störte die kleinen Schläfer nicht. Uebrigens bei allen Arbeiten, welche die Frau in Feld oder Hütte zu verrichten hat, trägt sie das Kind in dieser Weise mit sich und die Natur muß wirklich den Schädel des Negers ungemein dick und fest gebildet haben, sonst könnte nicht schon ein nur wenige Tage altes Kind den glühenden Strahlen der Sonne ohne jede Bedeckung ausgesetzt werden können; einer Sonnengluth die unfehlbar den Tod eines Europäers herbeiführen würde, wollte er sich auch nur kurze Zeit ohne Kopfbedeckung derselben aussetzen.
Eine besondere Beachtung verdient noch das devote Benehmen der Frauen den Männern gegenüber, diese knieten jedesmal besonders vor dem Höherstehenden, bei Ueberreichung eines Trunkes nieder und verharrten in dieser Stellung solange, bis ihnen das Gefäß zurückgegeben wurde und dann sich noch verneigend, bezeugten sie durch Füßescharren ihre Reverenz. Mit nur geringen Unterbrechungen wurden die Tänze fortgesetzt; die späte Stunde, die zur Ruhe mahnen sollte, kennt der Eingeborene nicht, vielmehr so lange nicht die Pombetöpfe geleert oder Trunkenheit ihn umsinken macht, wird bei Tanz und Ngomaschlag (Trommelschlag) oft bis zum frühen Morgen Singsang und Trinken fortgesetzt. Es ruft ihn ja auch keine Pflicht noch Arbeit, und sorgenlos kann er in seiner Hütte den Tag verschlafen, und, wenn der Vorrath reicht, am Abend wiederum das Gelage fortsetzen.
Die Tage im Anfang des Oktobers waren hier fürchterlich heiß, es war als wenn die Atmosphäre ein glühender Ofen wäre. Aus Rücksicht auf die Gesundheit der Europäer ließ ich oft mit der Arbeit schon um 10 Uhr Morgens aufhören und erst um 3 Uhr Nachmittags wieder beginnen, denn selbst im Schatten erschlaffte der Körper dermaßen, daß es zu einem Gebot der Nothwendigkeit wurde, durch Ruhe neue Kräfte zu sammeln. Wenige Tage nur dauerte diese ausnahmsweise glühende und trockene Hitze; eine Veränderung und Abkühlung mußte in Kürze erfolgen, worauf auch die Wolkenbildungen am Abend schließen ließen, die sich aber immer wieder vertheilten; bis urplötzlich eines Nachmittags von verheerendem Sturm getrieben, das Unwetter hereinbrach. Furchtbar äußerte sich die Naturgewalt, daß es dem Menschen dabei unheimlich werden konnte; aus den sehr tiefhängenden Wolkenmassen zuckten unaufhörlich Feuergarben über das ganze Himmelsgewölbe, glühenden Schlangen gleich, die die schwarzen Massen spaltend, in der Tiefe eine Hölle von Feuer momentan erblicken ließen; dazu der rollende Donner, der dem zuckenden Blitzstrahl unmittelbar folgte, schien Himmel und Erde mit schrecklichem Krachen zerspalten zu wollen. Die Atmosphäre mit Elektrizität überfüllt, durch das zuckende Feuermeer mit Schwefeldämpfe gesättigt, wurde durch den niederströmenden Regen aber bald abgekühlt, und die tagelang wie ein Alp drückende Luft wurde leicht und rein. Die niederstürzenden Regenmassen würde man als einen Wolkenbruch bezeichnen, wenn solche Wassermengen in den gemäßigten Zonen sich über die Erde ergießen, in den Tropen indes ist es keine ungewöhnliche Erscheinung und nichts Seltenes, daß in kurzer Zeit die betroffene Gegend einem weiten See gleicht. Sind dazu im Terrain Gefälle vorhanden, dann werden durch das abfließende Wasser fließende Bäche erzeugt, welche im Stande sind, große Mengen Erde mit fortzuführen. Um angelegte Wege vor Vernichtung zu schützen, müssen solche mit Seitengräben versehen werden, sonst wird häufig eine mehrwöchentliche Arbeit in dem kurzen Zeitraum von einer Stunde zerstört. Gegen solchen Regen und damit verbundenen Wirbelsturm waren unsere Grashäuser nicht widerstandsfähig genug, das Wasser drang überall hindurch und was das Schlimmste, das Unwetter brach so plötzlich herein, daß wir kaum darauf vorbereitet waren, wenigstens eine solche Erfahrung noch nicht gemacht hatten.
Es gab nun mit einem Male zu viel zu schützen, Kisten und Säcke, sonst immer im Freien lagernd, mußten bedeckt oder unter Dach gebracht werden, was für die zitternden Schwarzen eine höchst unangenehme Arbeit war, da der Eingeborene nichts so sehr scheut, als den Regen und irgendwo sich von den auf seiner nackten Haut niederfallenden Tropfen zu verbergen sucht; so ist mit ihm auch nur wenig anzufangen, ja ist selbst nicht abgeneigt, den Europäer in heikler Situation zu verlassen und der Weiße, der nicht Einfluß genug besitzt, sieht sich plötzlich allein.
In wenig Sekunden bis auf die Haut durchnäßt, suchte ich mit einer Anzahl Leute das Nothwendigste vor dem strömenden Regen zu schützen, allein diese Abkühlung, die einem die Zähne klappern machte, trug mir ein heftiges Fieber ein, das erst nach mehrtägigem Krankenbett zu weichen begann.
5. Ein Eilmarsch von Port Herald nach Chilomo.
Nach der Zusammensetzung des Geleises und der Aufstellung der gesammten Wagen ließ ich möglichst schnell mit der Verladung unseres Materials beginnen. Hierbei nun machte es den Eingebornen außerordentlichen Spaß, die leicht rollenden Wagen mit schweren Lasten bepackt, hin- und herfahren zu sehen und oft unaufgefordert legten sie an das Wunderding, das der weiße Mann baut und laufen macht, Hand mit an. Aus dieser Willigkeit hätte ein mit den Gewohnheiten der Eingeborenen nicht Vertrauter den Schluß ziehen können, daß es nicht gar schwer halten könnte, genügend Leute für den Transport der Bahn zu erhalten, allein er möchte sich doch sehr getäuscht sehen, sobald an diese eine Aufforderung zur beständigen Arbeit erginge. Kindliche Neugierde nur ist es, die zwar das harmlos Neue dem Schwarzen begehrenswerth erscheinen läßt, aber auch bald demgegenüber eine Gleichgültigkeit erweckt, sobald dieselbe befriedigt ist. Was besonders für sie interessant, war das selbstthätige Rollen der Räder und die Ueberführung der Wagen auf ein Nebengeleise vermittelst unserer einfachen Weichen, indes wir Europäer hatten wohl darauf zu achten, daß rechtzeitig die Bremsen bedient wurden, sonst ließen die Leute die Wagen aufeinander laufen und Beschädigungen würden nicht ausgeblieben sein.
Was speziell die Arbeiterfrage anbelangte, hatte ich eines Tages im Lager ein großes Schauri mit den herbeigerufenen Häuptlingen und unter Mitwirkung des englischen Administrators Mr. Steavenson war das Endergebniß, daß jeder Häuptling sich verpflichtete für uns eine Anzahl Leute zu stellen, die bei freier Verpflegung ein Monatsgehalt von zweieinhalb Rupie, etwa drei Mark +à+ Mann, erhalten sollten. Nach den gemachten Zusagen zu urtheilen, glaubte ich bis zur Rückkehr des Herrn von Eltz, mit Hilfe der schon in den nächsten Tagen eintreffenden Leute, alles zum Aufbruch bereit zu haben, doch, als ich mit den eigenen Leuten Suaheli, Soldaten und angenommene Arbeiter wirklich so weit war, war noch kein einziger Mann angekommen und erhielt wieder die Bestätigung, daß Zusagen der Eingeborenen wenig zuverlässig sind.
So waren wir denn verurtheilt geduldig die Ankunft der versprochenen Leute abzuwarten -- um aber die Zwischenzeit auszunutzen, ließ ich mit den verfügbaren Leuten einen Weg für die Feldbahn ebnen, wo nöthig im waldigen Terrain auch Bäume aus dem Wege räumen. Solche fliegende Kolonne hätte, wenn uns genügende Kräfte zur Verfügung gestanden, wesentliche Dienste geleistet, schon die Aufsuchung besserer Wege durch Wald und Busch würde von großem Vortheil für den Feldbahntransport gewesen sein.
Erst wenige Kilometer war ich vorgedrungen, als eines Abends nach der Rückkunft von Eltz ein Eilbote von Ratunga unterhalb der Schirefälle im Lager eintraf, der vom Major von Wißmann die Nachricht brachte, daß 500 Mann dort angeworben seien, die bestimmt um die Mitte des Oktobers in Chilomo eintreffen würden, bis wohin der Führer de la Premoire die Leute bringen würde; von dort müßten sie von einem anderen Führer übernommen und nach Port Herald gebracht werden. Unzweifelhaft waren vom Major gleich nach seiner dortigen Ankunft Erkundigungen über die dortigen Verhältnisse eingezogen worden, und auf Grund dieser wurde ein Eilbote nach Port Herald abgesandt, der noch verhindern sollte, daß im Transportlager Anwerbungen stattfänden.
Unbekannt mit den Ereignissen bei der Vorexpedition, brachte die eingetroffene Nachricht vom Anmarsch so großer Hilfskräfte Freude aber auch Bedenken bei uns hervor. Letzteres, als sich die Frage sofort aufdrängte, wie sollen in dieser Jahreszeit, in welcher fast überall die Vorräthe nahezu aufgezehrt waren, so viele Menschen ernährt werden; denn abgesehen davon, daß wir im Lager wenig Vorräthe an Mehl und Lataten ansammeln konnten, mußte solches in der so schwach bevölkerten Gegend, welche wir zu durchziehen hatten, noch weniger der Fall sein. Dies alles trat jedoch vorläufig in den Hintergrund; das Hauptsächlichste war zunächst unverzüglich dem Befehle des Majors nachzukommen und einen Führer nach Chilomo zu senden. v. Eltz mochte nicht gleich wieder dorthin zurückkehren und ich fühlte mich durch die überstandene Krankheit noch zu schwach einen Eilmarsch von über 75 Kilometer zurückzulegen, der in glühender Sonne und durch pfadlose Waldgebiete keine Kleinigkeit war.
Hätte uns nur ein Boot zur Verfügung gestanden, würden wir dieser Schwierigkeit bald überhoben gewesen sein, zudem der Wasserweg der bequemste und kürzeste war, indes das konnte nicht sein und, da nur von Eltz und ich in Frage kam, entschloß ich mich den beschwerlichen Marsch anzutreten. Als Begleiter wählte ich mir den zweiten Maschinisten Engeke, den geeignetsten und zum Zwecke der Führung vieler Menschen, ruhigsten Mann. Wir nahmen das Nothwendigste nur mit uns, sowie Proviant und etwas Zeug und brachen am frühen Morgen des 23. Oktober mit zwölf Trägern auf.
Insofern, als sich mir auf diesem Marsch Gelegenheit bot das Terrain, welches wir später mit der Bahn durchziehen mußten kennen zu lernen, war es gut, daß ich ihn unternommen hatte. Indes bald wurde der Einfluß der glühenden Sonnenstrahlen auf den Körper so groß, daß bei der schnellen Gangart völlige Ermattung eintrat und trotz des festen Willens vorwärts zu wollen, die Füße den Dienst versagten. Aus Erfahrung wußte ich, daß diese Schwäche nur die Nachwehen des überstandenen Fiebers waren, die schwinden würde, wenn der Einfluß des Willens auf den Körper stark genug sei, diesen trotz solcher Anwandlungen vorwärts zu bringen. Und das erprobte Mittel versagte auch dieses Mal nicht, -- überhaupt, behält die Willenskraft die Herrschaft über den Körper, in allen Fällen, wo diese nicht durch die Schwere der Krankheit aufgehoben wird, und trägt zur Ueberwindung der Fieberanfälle ungemein viel bei.
Gegen Mittag erreichte ich die Ansiedelung des Engländers Simpson, eines Händlers, für den sozusagen alles Werth besaß, und unter dessen aufgestapelten Vorräthen Umschau haltend, war vom Schädel und Zahn des Elephanten bis auf das Gehörn der kleinsten Antilopenart alles vertreten, was in dieser Beziehung Central-Afrika bieten konnte, zudem aber noch ein großer Vorrath von Mais und Mtama, Lataten etc. vorhanden. Mir war der Auftrag geworden für unsere Leute im Lager Proviant anzukaufen, deshalb, in Abwesenheit des Engländers, verhandelte ich mit dem schwarzen Nornkieper (Aufseher), der, nachdem wir handelseinig geworden, sogleich zwei beladene Kanoes unter Aufsicht zweier Soldaten, die ich zu diesem Zwecke mitgenommen hatte, nach Port Herald absenden mußte.
Von hier aus hätte ich gerne zu Wasser, mit gecharterten Kanoes, die Reise fortgesetzt, aber nach eingehender Untersuchung war nicht ein einziges, der in kleiner Zahl vorhandenen, in einem solchen Zustande, daß man sich diesen, noch weniger die Lasten, für eine längere Tour hätte anvertrauen können und nach längerem Rasten in dieser englischen Niederlassung brach ich wieder auf.
Meine Absicht war, im nächsten Dorfe, das vor Sonnenuntergang noch erreicht werden konnte, Nachtquartier zu nehmen, und wo es irgendwo angängig, ließ ich längs der Waldlisiere marschiren, wenn es auch auf dem wegelosen Waldgrund schwieriger war vorwärts zu kommen, so ging es sich im tiefen Waldesschatten doch ungemein angenehmer, als näher dem Flusse zwischen hohem Gras unter den Strahlen einer glühenden Sonne.
Schon senkten sich die Schatten einer hereinbrechenden Dämmerung auf die Wälder hernieder und vermehrte das Dunkel in diesen, als wir rechts in die Grasebene abschwenkend, das ersehnte Dorf am Ufer des Schire vor uns liegen sahen. Die Bewohner dieses kleinen gerade nicht besonders reinlichen Dorfes, ließen es sich angelegen sein, auch auf unsern Wunsch eine der besten Hütten zu räumen, worin wir zwar gegen die kalte Nachtluft geschützt, Unterkunft fanden, aber auch während der Nacht genug mit den überlästigen Ratten zu thun hatten, um diese dreisten Nager fern zu halten. In kaum Manneshöhe war nämlich in der Hütte eine Art Boden errichtet, auf welchem Mais und Mamavorräthe lagerten und hierin, die beliebte Nahrung in Hülle und Fülle findend, hatten es sich die Ratten so bequem gemacht.
In Bezug auf Unterkunft darf man in Afrika nicht wählerisch sein, ein trockenes hartes Lager ist das Beste, was zu erreichen ist und treiben es Mosquito und anderes lästiges Gethier nicht allzu arg, schläft man nach den Strapazen des vergangenen Tages auch auf solchem recht gut.
Der nächste Morgen fand uns schon vor Sonnenaufgang auf dem Marsche; ich wollte lieber die kühleren Morgenstunden ausnutzen, als wiederum in der glühenden Sonne marschiren, hauptsächlich auch, weil wieder eine weite baumlose Grasebene vor uns lag, die bis zum nächsten 5 Stunden entfernten Dorfe weder Schutz noch Schatten bieten konnte.
Was mich immer gewundert hat, war die Anspruchslosigkeit der Träger in Bezug auf Nahrung; ihre einzige Mahlzeit bestand aus geröstetem Mais und Lataten, dazu etwas Fisch oder Fleisch. Sie nahmen auch mitunter am frühen Morgen ohne das Geringste genossen zu haben die schwersten Lasten auf und verzehrten erst am Halteplatz grüne Maiskolben oder gedörrte Wurzeln.
Im nächsten Dorfe Umpassa, das wir gegen zehn Uhr erreichten, hielt ich längere Rast; hier im Schatten hoher breitästiger Bäume war es ein angenehmer Aufenthalt, der zum Verweilen einlud. Bald war Jung und Alt um uns versammelt, die neugierig und stillschweigend dem Gebahren der weißen Männer zuschauten, selbst Frauen und Männer wagten näher zu treten, wurden alsbald von den Männern in ihre Hütten zurückgeschickt sobald sie weiter gingen als es der Sitte entsprach, denn in einer Versammlung von Männern hat hier die Frau nichts zu suchen.
Sobald ich ein passendes Geschenk, das in einem Stück bunten Zeuges bestand, aus meinem kleinen Vorrath ausgesucht hatte, sandte ich dieses zum Häuptling mit dem Ersuchen zu einem Schauri kommen zu wollen. Den Werth der Zeit kennt der Eingeborne nicht und aus diesem Grunde mußte ich denn auch recht lange auf den werthen Besuch warten; und wirklich hierin ist ein Dorfhäuptling, so klein auch sein Bereich sein mag, immer groß; er wird es stets unter seiner Würde halten dem Rufe des Europäers sofort zu folgen, sofern er nicht diesen als den weit mächtigeren erkannt hat. Als nun endlich der alte Herr erschienen war, gefolgt von den Würdenträgern, meistens wohl nahe und nächste Verwandte, auch als Gegengeschenk ein Topf guter Pombe mir überreicht hatte, begann vor der offenen Berathungshütte, die sich in unmittelbarer Nähe meines Aufenthalts befand, das Schauri.
Anfänglich war ich der Sprechende, da ich durch den Dolmetscher der Versammlung meine Wünsche vortragen ließ, die darin bestanden, daß die Bewohner des Dorfes im Voraus große Mengen Mehl fertig halten sollten, auch andere Nahrungsmittel, soviel in ihren Kräften, zum Verkauf heranbringen möchten, denn in nicht langer Zeit wird ein großer Transport und viele Menschen dieses Dorf passiren und diese werden viel Essen nöthig haben; sie, die Einwohner, sollen gut für ihre Waaren bezahlt werden, auch der Häuptling, wenn er für Vorräthe Sorge tragen wird, ein großes Geschenk erhalten. Darauf ließ ich noch die Wagen etc. beschreiben und sah, daß alle wohl hörten aber nichts von dem begriffen, was der Dolmetscher ihnen mit Mühe klar zu machen suchte.
Der Vorredner, der neben dem Häuptling saß, ergriff sodann das Wort und entfaltete eine große Beredsamkeit, deren kurzer Sinn besagte, daß sie nur wenig Vorräthe hätten, aber doch ihren Frauen den Wunsch des weißen Mannes mittheilen wollten; zwar nicht viel aber etwas würde wohl noch übrig sein.
Als der Häuptling sich verabschiedete, konnte er nicht ahnen und ich es nicht wissen, daß eine Zeit kommen sollte, wo er mein Gefangener sein würde! Den Namen dieses Fumo (Häuptling) »Tengani« werde ich sobald nicht vergessen. Die früher schon erwähnten Geier, welche ich in Ntoboa und später als nützliche Thiere verschont hatte, schienen hier durch ihre große Anzahl mehr Schaden als Nutzen zu bringen, denn wie die Bewohner mir versicherten sei es nicht möglich junge Hühner aufzuziehen, jedes sich ins Freie wagende werde von den Raubvögeln bald entführt. Sie äußerten auch den Wunsch, ob ich nicht diese lästigen Vögel verscheuchen wolle; der weiße Mann habe ja so gute Feuerwaffen mit welchen es leicht sei die Thiere aus den Lüften herunter zu schießen.
Mit Staunen sahen die Bewohner Umpassas, daß ihre Erwartungen von der Treffsicherheit des Europäers bedeutend übertroffen wurden, denn in kurzer Zeit waren eine Anzahl dieser adlerartigen Raubvögel aus den Lüften heruntergeholt, mit denen die Jugend sich alsdann amüsierte. Hierbei passirte es einem schwarzen Jungen, der vorschnell einen schwergetroffenen Vogel ungeschickt angefaßt hatte, daß dieser seine scharfen Fänge in dessen nackte Schenkel einschlug und ehe er befreit war, für seine Dreistigkeit einige tüchtige Schrammen in Kauf zu nehmen hatte.