Die Deportirten

Part 8

Chapter 83,803 wordsPublic domain

In Altengland ist heut' Christbescherung, und die Christkinder -- -- wer sie wohl eigentlich sein sollen! wohl gar -- -- oder doch Engel -- sie schweben mit ihren großen goldenen Flügeln und Kronen in dem sternehellen, blinkenden Winterabend, wie von den Sternen hernieder, um die Hütten der Menschen, und treten mit ihrem himmlischen Gruß hinein zu den Kindern, mit ihrem Körbchen mit Geschenken voll eigenen Duftes; und die Kinder weinen vor heiliger Scheu, und verstecken sich hinter der Mutter. Auch die arme Lady Theano wird vor dem Christbaum sitzen und weinen und Marion wird ihr Alles bescheren -- nur ihr Kind nicht, das arme schöne Kind! Daniel ließ sich niemals nehmen, den Knecht Ruprecht zu machen, so gern ich es neben Marion gewesen -- gewesen! Nun hat er freien Platz. Nun freut Euch nur in Rowlandhill mit Schneebällen -- hier _blühen_ die Schneebälle, hier stehen die Gefilde in voller Pracht; ja, das Jahr schickt sich gemach zur Ernte. Auch diese Vergleichung mit Sommer und Winter, dieß süße Wissen, daß beide zugleich sind, dieß Hinüberempfinden und Herziehen im Geist, ist eine von den so heimlichen, und doch so gewiß vorhandenen Freuden in der Welt. Ich muß mich auch an solche halten. Andere habe ich keine erlebt. Doch stille Wunder giebt es hier viel. Wenn ich hier wieder durch Blumen und blühende Pflanzen ziehe, die mir bis an den Gürtel reichen, wähn' ich wieder: ich bin ein Kind, wie einst, als sie mir um die Brust leuchteten! Aber sie waren mir nur so groß, weil Ich so klein war. Denn, wenn ich neben meiner Mutter einzigen Ziege stand, war sie höher als ich; selbst die Lilie war größer als ich, ich mußte sie beugen, um in den Kelch zu sehen, und zu riechen. Es ist ganz richtig, daß jeder glaubt, eine Welt verloren zu haben, wenn er kein Kind mehr ist; ich glaubt' es auch, und konnte sie nie vergessen. Das zog mich auch so zu den Kindern, daß ich lieber nicht mochte Vicar werden. Und einen Schulmeisterposten sollte man im Grunde theurer verkaufen, als eine Stelle im Parlamente; denn sie erhält uns das Paradies um uns. -- Hier nun mitten in den hohen Blumen auf den unabsehlichen Wiesen fand ich, Kinderloser, jene erste, liebliche Welt nun wieder; ich bin wieder im Jugendlande, im Paradiese. Froh in ihm wandelnd, habe ich ein Herbarium vivum angelegt, und nicht aus dem Grunde, aus welchem mir Doctor Toland freundlich dazu gerathen, scilicet in England ein groß Stück Geld dafür zu lösen! Ich lege die Blumen und Pflanzen nur sauber in die Bogen, schreibe die Zeit dazu: wann, und die Gegend, wo sie blühen, ob hoch oder niedrig, feucht oder trocken, und sammele ihren Samen unter Nummer einer jeden. Den Namen weiß ich kaum von Einer; ich glaube, sie haben auch keinen, wie Findelkinder; wer sie findet, _benennt_ sie. Aber das untersteh' ich mich nicht, weil ich es nicht verstehe. Es muß aber nicht gut sein, die Namen schöner Blumen zu wissen; denn wenn ich welche bringe, und Dr. Toland Eine oder die Andere sieht, sagt er nur: Aha, das ist diese oder jene -- -- perennis, diese oder jene palustris; dann hat er Alles gesagt, und läßt die Blume Blume sein! Mir aber stehen noch die Augen auf ihr fest, und gehen mir über. Behüte doch Gott jede Blume vor einem Namen! Ich glaube, es wäre auch besser, wenn die Menschen keine hätten, besonders keine Titel, z. B. Schulmeister. Die Leute sprechen dann nur wie Doctor Toland: Ah, das ist der und der -- und kehren Einem den Rücken, wie Mistriß Distreß, ohne zu denken, daß man ein Mensch ist, _zuerst_ und _zuletzt!_ Und die Rücken gefallen mir einmal nicht, weder an Frau noch Mann; sie sehen alle aus, wie Bracteaten auf einer Seite geprägt.

Clarke hat Sir Samuel gemalt, und so getroffen! Die hohe gefurchte Stirn, die zusammengezogenen Augenbraunen, das düstere und doch feurige Auge, den Mund so bitter lächelnd. Das Bild ist darum fast ganz Sir Samuel, weil es auch nicht spricht. Ich dächte, man könnte nur einen Todten im Bilde ganz ähnlich finden, weil er uns in der Erinnerung lebt, und das Bild auch nur Eine Miene, Einen Augenblick darstellt. Das ist das Elend der Bilder! Man sollte tausend von jeder Landschaft, von jedem Menschen haben, nur ein Jahr betrachtet, wenn sie noch hinreichten! Auch die alte Russel hat er verdoppelt, und nennt sie einen schönen Kopf! Wenn man sie lieber könnte ein gutes _Herz_ nennen, wär' es für uns Alle besser; und doch versteht sich die alte Hexe auch auf Malerei, und giebt ihm Rath; und als ich mich mußte malen lassen, gab sie mir die Stellung, und ich mußte sie beständig ansehen, während sie strickte. Ich konnte den schönen Kopf nicht an ihr, oder auf ihr finden, besonders da Lisanna hinter ihr stand, wie die Rose auf dem Dornstrauch. Doctor Toland hat die Bilder in der Stadt gezeigt, und Clarke's Glück ist gemacht. Alles will sich malen lassen, und den Seinigen nach England senden. Die Hoffnung bezahlt der Mensch am theuersten, und so verdient er viel. Sir Samuel hat ihn auch von den Lämmern genommen, und ich weide allein meine Unverbesserlichen. Clarke hat Lisanna's Bild, das er noch vollenden zu müssen vorgiebt, auf unser Zimmer genommen. Es hängt über seinem Bett! Dadurch seh' Ich es freilich besser -- ach, und seh' auch, daß es sein ist, und Sie vielleicht bald dazu. Denn Sir Samuel befördert nicht ihr Beisammensein, das sei ferne -- er kümmert sich so gut wie gar nicht um das Glück oder Unglück des armen Kindes; und die Russel -- verkaufte sie sogar, wenn van Diemensland von französischen Schiffen besucht würde! Am Ende muß ich Lisanna's Schicksal segnen, wenn sie nur noch Clarke's _Weib_ wird! O Himmel, Lambton! Letzthin besah' ich Clarke's Blätter in seiner Mappe während seiner Abwesenheit, und fand zwei Gedichte hineingeschoben. Wer malen kann, kann am Ende auch dichten, oder vielleicht gar schon vor dem Malen. Ich trau' es ihm zu: denn welche schöne Hand schreibt er, so gleich und leicht, als wenn er nie einen Apfel aufgehoben hätte. Ich schrieb sie mir ab. Das Erste »Gemeinsamer Stoff« überschrieben, lautet -- ja wirklich, es lautet mir immer in den Ohren:

Wenn ich die Rosen seh' im Mondenschein So dämmernd blühn wie Er, und ihr Gedüft Mich würzig anhaucht, so wie seines -- wenn Die Stillgeliebte mir so sanft daherkommt, So Licht-beglänzt, wie Nachtgewölk am Himmel, Mir ihre Stimme bang und reizend klagt, Wie Nachtigallen im Gebüsch; wenn Ihr Im schwarzen Haare nun Johanniswürmchen, Die Ich Ihr in die Locken eingestreut, So golden schimmern, wie die goldnen Sterne, Wenn Ihr die Thränen auf den Wangen schimmern, Die sie um mich geweint, wie Thau auf Lilien -- Dann scheinet mit Entzücktem Alles, Alles, Die Rosen und der Mond, die Nachtigallen, Die Feuerwürmchen und die Sterne, ja Die schlummernde Geliebte, und ich selbst Mir nur aus Einem Stoff gewebt, und Alles Scheint mir so selig, wie ich selber bin! Ich küsse dann die Rosenknospen, statt Der Lippen meiner hold Entschlummerten! Küß' Ihre sanftgeschloßnen Augenlieder, Wie das Gewölk, das leicht den Mond bedeckt! Und wenn Sie mich an ihren Busen drückt, Geschieht mir, als umarmte mich Beglückten Die heil'ge Nacht! die schöne Frühlingserde!

Es trifft Alles zu: Lisanna's schwarze Locken, die großen Blumenglocken-artigen Augenglieder, die Lippen wie Rosenknospen, und auch die Johanniswürmchen fliegen jetzt! Aber das folgende Gedicht zeigt schon von früherer Vertraulichkeit: denn der Nordschein blühte ja gleich die ersten Wochen, als wir hergekommen. Ach, wehe Dir, Lisanna, wenn es nur nicht auch von genauerer, vielleicht sogar verbotener zeugte. Aber, daß sich die Verliebten solche Gedichte geben! Ich schämte mir die Augen aus. Aber Clarke malt auch Manches als von hier, was ich doch nirgends _hier_ gesehen habe. Doch ach, Lisanna spinnt ja, sie hat ein kleines Stübchen! Der feine Flachs, der Berg, die alten Weiden -- o es trifft Alles! Ich will es mir zum Jammer herschreiben, das Gedicht, wenn es eins ist, -- vielleicht auch nicht!

Wir mochten endlich eingeschlummert sein -- Doch Traum und Schlaf sind göttlicher Natur, Und kennen selig nicht das Maß der Zeit! -- Da stieß mich leise die Geliebte an, Und zeigte mir der Morgenröthe Glanz, Die wallend in das freundliche Gemach Wie eine Rosenflut vom Himmel floß; Und blinkend schien das reinliche Gefäß Vom Simms der Wand und schattete sich ab; Und glimmend, und doch nicht entlodernd, schwamm Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs Geröthet, und die Spindel eingetaucht, Womit die Liebliche des Abends spann, Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt, Daß selbst die Spinne an zu weben fing, Ihr Tagewerk beginnend, und der Hahn Erregte laut die ganze Nachbarschaft Und alle krähten rings den Morgen an. Da trieb Sie mich mit bangen Küssen fort, Und ich, der ich nicht bleiben konnte, ging, Noch oft zurückgewandt zum kleinen Haus. Der Sonne wartend, steh ich auf dem Berg' Nun einsam hier, und sehe ganz erstaunt Das Morgenroth erbleichen und gemach Und allgemach erlöschen, aber nicht Und immer nicht die Sonne mit dem Blitz' Erscheinen! ja dagegen treten leis' Die größeren Gestirne wieder vor, Und selbst der kleinen Silberflimmer blinkt Aus lichter Bläue; rauschend flammt der Wald, Denn feurig geht der Vollmond gar nun auf! Die Lerche, die schon an zu singen fing, Steigt wieder stumm, getäuscht und wie beschämt Vom Himmel nieder in die junge Saat! Bang ächzend schwirrt die Eule wieder um, Die alte Weide leuchtet wie ein Geist, Und nach der Sterne Stand ist's Mitternacht!

Ist's nicht genug, daß Menschen Liebende So oft beleidigen? -- Nun fängst du selbst, O Himmel, sie zu täuschen an, und schickst Als Irrlicht gar das schöne Nordlicht mir?

Das war ein Schweres! Ja »Nordlicht« ist es auch überschrieben. Aber ich stehe mit meinem Kopfe für Lisanna, daß sie ein Engel ist, an Reinheit und Liebe. Ach, ich hab' es da selbst gesagt: an Liebe! Auch die Engel lieben, und sollen ja lieben! Wenn man nur nicht auch die Engel lieben müßte! -- Doch dabei will ich ein redlicher Schulmeister bleiben, und ihr in der Sonntagsschule das sechste Gebot so treulich erklären, als wenn sie mein Weib werden sollte. Und wenn mir Gott Kinder und Halberwachsene genug zuschickt, nimmt mir Sir Samuel auch das liebe Vieh und die Kälber ab, wie Clarken die Lämmer, was wohl darum geschah, weil er sie immer nur hingejagt, wo schöne Aussicht war, bis auf die höchsten Berge, wo Tydal saß. Aber auch auf Clarke möcht' ich trauen! Ich seh' und hör' ihn selber so gern! Er ist lange in London gewesen, und weiß tausend Dinge Lisannen und den malayischen Mädchen zu erzählen, und ich nicht einmal viel von Rowlandhill, wo ich nur erst zwei Jahre Schulmeister war. Was erfährt _der_ in der Schule? Die Kinder wollen von _ihm_ erfahren, und das Wenige, was ich von Lady Theano und Sir Horazio etwa weiß, hatte mir die Russel in einigen Abenden schon abgefragt. Ja Clarke gefällt auch den Männern durch sein feines Aussehn, welches sie ihm doch nicht beneiden! Er ist so gewandt, so angenehm, und mischt, mit ungewöhnlicher Höflichkeit von Mann gegen Mann, oft sogar kleine Schmeicheleien für sie mit ein. Freundlich gegen den Geringsten, hülfreich selbst den Weibern in der Küche, und Miß Lisannen beim Sticken einer Geburstagsweste für Sir Samuel, wozu er ihr Blumen gezeichnet, ist er der Liebling im Hause. So rohe Scherze wir anfangs von den Hausgenossen, vor allen aber von dem frechen kleinen buckligen Hobday über die Mädchen, und selber Lisannen, anhören mußten, und so sehr ich mich bestrebte, in ihrer unvermeidlichen Gesellschaft nichts aufkommen zu lassen, was mich als Schulmeister oft zwang, brummend fortzugehen: so muß ich doch Clarke die Ehre geben, daß Er durch seine glückliche Unterhaltungsgabe, durch die Gegenstände seines Gesprächs, durch Abbrechen desselben und Hinwerfen eines neuen, endlich -- wenn auch nicht das schöne Gefühl der Schamhaftigkeit in Hobday und Consorten erweckt, doch eine gewisse Scheu in seiner Gegenwart ihnen aufgelegt hat, deren Gewohnheit sie bändigt, auch wenn er nicht da ist. Das freut mich um Lisanna's willen, die ganz unglücklich wäre, wenn Sir Samuel und Frau Russel nicht beständig wegen ihr uneins wäre, so daß Eines von ihnen sie immer niederdrückt, wenn das Andre sie aufrichtet. Was ich mich nicht getraue, aus falscher Schamhaftigkeit, thut Clarke: er tritt auf ihre Seite! Dafür segnet ihn der Herr sichtbar. Er ist ordentlich dick und fett geworden, als sollt' er hier Mayor werden. Ich würde es dem gesunden Klima zuschreiben, wenn Ich nicht hagerer und blässer würde! Aber auch Er sieht dabei blässer und bekümmerter aus. Auf einem dicken Bauch steht also _nicht immer_ ein fröhliches Haupt. Er läßt sich auch verlauten, er wolle sich in der Stadt wo einrichten. Frau Russel, der er gefällt -- und wer der Mutter gefällt, den soll gewöhnlich die Tochter heirathen -- hat ihm, horribile dictu, Lisannen angetragen! Und er macht Ausflüchte! Sie ist ihm wahrscheinlich zu arm. Mir sollte sie das versuchen! Ach, und doch wie unglücklich würd' es mich machen, wenn mich Lisanna liebte -- dann ginge erst meine Noth an. -- Sprachbemerkung: »Anna« darf in Compositis niemals voran stehen, denn wie schön klingt Marianna! und wie häßlich Annamarie! wie hübsch, wenn Rose vorn steht, und Anna hinten: Rosanna! und wie garstig Annarose! Wie lieblich Lisanna, und wie abscheulich . . . . . ! und so ruft doch die Russel Lisannen, wenn sie ihre Laune gegen sie hat, und sie ist doch immer so schön, so geduldig, mit Einem Wort: Lisanna!

* * * * *

Osterfeiertage 1820.

Was ich heut' einzutragen habe, das geht zu weit! und kann doch noch weiter gehen! Es waren Handelsschiffe angekommen, um Producte von van Diemensland zu laden. Da hatten wir denn viele Tage Schlachtvieh und Schafe herbeizutreiben und zu schätzen, Wolle zu wiegen, Häute zu zählen, Schinken und geräucherte Zungen aus der großen Rauchkammer zu holen und einzupacken, und Mehl zu messen. Darauf war Sir Samuel, der sich immer Geschäfte macht, um nur nicht an sich zu denken, auf den Seekalbfang in die Bassestraße geschifft; auch Tydal war mit seinem Schutzherrn fort, und Doctor Toland regierte das Haus. Clarke hatte eine bestellte Landschaft: die Gegend um einen Meierhof, und ich begleitete ihn Sonntags nach Mittage dahin, als grade wieder solche Beleuchtung war, wie er brauchte. Das Haus stand noch unbewohnt, rings umher war mit leichter Mühe und ohne Kosten der fruchtbare Boden urbar gemacht, indem man nur das wuchernde Gras und die köstlichen Blumen abgebrannt! Das macht mir den Ort schon verdrüßlich. Er malte auf einem großen, aber eben nicht hohen bemoosten Steine. Ich sah in die Gegend. Ganz von weitem erblickt' ich Lisanna und Doctor Toland, welche kamen -- Herrn Clarke zu besuchen. Ich hatte nun freilich keine Augen für sein fertig werdendes Bild.

Nach ziemlich langem, verdrüßlichem Schweigen sprach er zu mir: »Freilich, wenn man die beste, gelungenste Landschaft, die der Geist der Erde, wie Tydal sagt, durch die Maler gleichsam ein zarteres kleineres Mal nachgeschaffen hat, mit diesen natürlichen Landschaften hier vergleicht, so kann man nur unsern Herrgott für einen Meister halten! Menschliches Wesen ist Schülerwerk; und doch versteht man nur diese schöne Welt als ein großes Kunstwerk, vollendet ausgeführt bis auf die feinste Ader im kleinsten Blatte, und das schimmernde Sandkorn, wenn man versucht, durch Kunst das so nachzumachen. Die Kunst schließt den Künstlern den Geist auf, und die Natur; Kunstwerke aber dann wieder den Menschen. Damit muß ein Vernünftiger zufrieden sein, wenn auch keins seiner Werke nur die entfernteste Aehnlichkeit mit den lebendigen leuchtenden Werken der Natur hat -- in denen man spazieren gehen kann -- keins seiner Marmorbilder dem Meisterstück der Natur, dem schönen Menschen, gleicht -- das mit uns reden, uns lieben kann -- nicht das wärmste frischeste Gemälde seinem Urbilde. Dazu sind sie auch nicht; sie stellen nur _vor_, was man in sich tragen muß, um sie nur zu erkennen. Denn auf dem Bekannten beruhen sie, gleichsam in den Himmel aus einem Prisma hinausgestellt, wie der Regenbogen beruht auf Wolken und Sonne.« --

Dabei that er etwas stolz. Ich fragte ihn nur in aller Unschuld: Hat denn nur der die Gabe, die Natur zu verstehn, der sie wieder darstellen kann, der Künstler? Sind nur die Künstler die Glücklichen? Aber ich kunstloser Mensch verstehe doch Gedichte, auch zur Noth ein Gemälde, und wer Kunstwerke versteht, sollte doch die Natur weit leichter verstehen, Clarke! -- Das kommt mir vor, sprach er, wie einen Goldfasan mit Federn eher essen zu können, als einen gebratenen, Lambton! --

In der Rede sieht man kein Komma, und sie klang mir gar zu besonders! Doch sagt' ich ihm nun, wie ich denke: Ich halte den Menschen für unglücklich, der keinen Sinn, keine Fähigkeit hat, Gottes Werke selbst aufzufassen, und so arm ist, ihren Anblick, ihre Fassung zu betteln beim Künstler. Liebe als das Mittelbare ist mir das Unmittelbare, das allen Menschen unendlich schöner, reicher, neuer und umsonst Gegebene, nur um den Gang, nur um ein Weilchen Harren! Und erst die stillen Wunder der Pflanzenwelt, nur die Staubfäden, den Staub, den Schimmer und Glanz! Wie Wenige sehen, was Allen da ist! Von Felsen stürzen, schäumen, oder hoch ragen, ja Feuer speien muß, was sie locken und rühren soll. Eine einzige Blume ist ein Weltwunder -- aber sie ist vielmal, ist immer wieder da, sie kostet kein Geld, der Mensch hat sie nicht gemacht, sie ist nicht -- gemalt! --

Man will also doch auch gemalte Natur, spitzte mich Clarke, und von diesem Wahne leben wir Maler! Es muß etwas dahinter sein, sonst verhungerten wir! --

Aber ich hoffe von den Menschen, versetzt' ich ihm, wenn Jederman: Hausflur, Saal und alle Zimmer bis auf den Boden wird voll Gemälde haben, daß er sich dann wieder hinaus in's Freie begeben wird, um das ihm selten Gewordene zu sehen. Ich -- ich bleibe gleich lieber draußen! --

»Freilich, wer mit der Natur selbst verkehrt, wer ihre Morgenröthen, ihre Abendscheine, die Frühlingserde, die bunte Herbstlandschaft oft bestaunt, als Gotteswerk, wie Ihr, guter Gottesmann Lambton, und dabei ein armer Schelm ist, für den mal' ich keine Gemälde.« --

Ihrentwegen, sprach ich über die Anspielung auf meinen Beutel ärgerlich, miß' Ich wenigstens niemals den Sonnenaufgang, oder das unheimliche Helldunkel der Sonnenfinsterniß, die selige Ahnung bei Mondverschattung -- oder das feurige »_Nordlicht!_« Ich verließe gern die kleine Hütte des Nachts um -- -- -- »Das Nordlicht!« wiederholte Clarke, und erröthete, als wenn es ihn eben anglüh; ach, das Nordlicht! seufzt' er, und senkte sein Kinn auf die Brust. --

Getroffen! dacht' ich, und fuhr fort: Nicht um alle gemalten St. Johannes- und Christus-Kinder, wollte ich missen, Ein lebendes kleines schönes Kind zu betrachten, besonders, wenn es mein eigenes wäre. --

Mein eigenes! wiederholte Clarke unruhig, und hörte auf zu malen.

Nun mußt' ich das Schreckliche wagen und sagen: Nicht um alle Magdalenen, Marien, Annen und Lisen wollt' ich nicht mehr _Lisanna_ sehen! --

-- »Auch Sie hab' ich getäuscht, was wird Sie sagen? und erst Sir Samuel, Roßborn und -- Patrik!« sprach Clarke, nur eben noch verständlich vor sich hin. --

Das war die bitterste Stunde meines Lebens! Es gab mir einen Stich in's Herz, und der helle blaue Himmel ward mir dunkel und schwarz. Unfähig, mich sitzend zu erhalten, sank ich mit dem Gesicht in das grüne Moos auf dem Felsen und athmete kaum.

Das war wohl ein Jammer! -- Nach einiger Zeit hörte ich eine Stimme rufen: Clarke! Herr Clarke! -- und nach einer Pause erst wieder: Lambton! Herr Lambton! o lieber Lambton! Es war Lisanna unten am Steine. Ich regte mich nicht, und nun erst brachen die Thränen mir aus, daß ich schluchzte. Endlich kam sie herauf und stand vor mir und klagte: Mein Gott, bester, einziger Lambton, was ist geschehen? Wie seht Ihr aus, blaß und außer Euch. Ihr weint!

Sie kniete zu mir, und beugte sich über, daß ihre Locken meine Stirn berührten. O! seufzt' ich, und wollte sie wegdrängen von mir -- aber sie hing mit ihrem Engelsgesicht über meinem, ihre großgeöffneten Augen schwammen in Thränen, ihr Gesicht war lilienblaß, und ihre Züge sprühten doch gleichsam Angst, Hast und Zärtlichkeit, indeß ihre Lippen bebten! Und so voll unendlichen Mitleids mit ihr, sagt' ich nur leise: »Gehe zu Clarke!« --

Von dem komm' ich ja! erwiederte sie -- der liegt unten am Felsen und regt sich nicht. Ermuntere Dich -- ! -- lieber Lambton, komm', hilf ihm, o komme, wenn Du -- -- mich lieb hast -- ! --

So eilte sie vor mir hinunter. Als ich ihr nachkam, kniete sie schon bei Clarke, und hielt seine rechte Hand in ihren; seine linke hielt noch den Malerstock. Gewiß war er, von Gefühlen überwältigt, rücklings übergesunken, und an dem langen grünen Grase hinunter geglitten. Mich jammerte sein und Lisanna's! Es that ihm ja leid! --

Wo ist Doctor Toland? fragt' ich sie, mich besinnend. --

Er ist nach Hanse gegangen. --

Hol' ihn! mein Mädchen! --

Sie eilte fort, wie mit Flügeln.

So blieb ich allein mit Clarke, und wußte nicht, was ich anfangen sollte, ihm Hülfe zu leisten. Aus Mitleid und Angst umarmt' ich ihn, drückte ihn, und küßte ihn auf die Stirn, auf die Lippen; mit ward so eigen! Ich band ihm das Halstuch ab -- er schlug die Augen auf, und wollte mich abwehren. Ich schöpfte nun Trost und riß ihm die Weste auf, ihm Luft zu schaffen. Da fiel er wieder in Ohnmacht. Aber _Er_ nicht -- so viel sah' ich -- o Gott! ich schäme mich noch, und halte mir die Augen zu -- _Sie_ fiel in Ohnmacht, Sie, Miß Clarke -- Clarke war ein _Weib!_ Das Blut schoß mir in's Gesicht vor Erstaunen. Dann stand ich auf, rieb mir die Hände wie thöricht -- ich wusch sie mir gleichsam, um so zu sagen, in Unschuld, und vor unaussprechlicher Freude fing mein Lambton an -- was er, in seinem Leben nicht gethan hat -- zu tanzen. »Ho! ho! ho! Jetzt ist mit geholfen!« rief er aus, jetzt bin ich glücklich! Gestern war das Jahr um, von dem meine Mutter sagte »wenn Du das überstanden hast -- dann -- dann -- dann!« -- Nun! nun! nun! rief er aus, ist es überstanden. Victoria! --

Dann aber schämte er sich, Clarken so zu vergessen -- ach, und das Erste, das Unerläßlichste war -- er mußte ihm die Weste wieder zuknöpfen. Sie konnte erwachen und sehen, daß sie verrathen sei! ach Gott, daß er knöpfte! Lisanna konnte jeden Augenblick kommen, und sehen, was er, und daß er gesehen habe! Jeder, der jemals in eine so unglückliche Lage gerathen ist, wird seine Angst begreifen. -- Aber -- und so ein Aber giebt es nicht mehr in der Welt -- aber wollte er Sie nicht beschämen, nicht auf immer vor Clarke beschämt stehen, mußt' er sich entschließen. Er nannte sich zu täuschen, zu betäubst, zu beruhigen, sie seinen _Clarke! Clarke!_ Er band sich _Clarke's_ Halstuch breit über die Augen, und wie er die Soldaten gesehen hatte ihre Knöpfe auf dem Knopfholz putzen, schob er Clarke's Malerstock in die Weste, und knöpfte sie hochgehoben eilend und mit zitternden Händen zu. Das Sprichwort »was man selbst thut, ist gleich gethan,« traf nicht bei Lambton ein. Denn er hörte schon Stimmen und Tritte sich nahen. Das war das schwerste Werk in seinem Leben, die sauerste Weste, die er zugeknöpft.

Da kam der Doctor Toland, Lisanna voraus, ihm die Stelle zeigend, und hinter ihnen, von Neugier gelockt, die malayischen Mädchen und Hobday. Lambton sagte nur eilig noch Toland, daß sie -- -- daß Clarke die Augen aufgeschlagen; -- und als sie sich um Sie bemühten, lief er in die Felder, froh wie der König von Ulimaroa!