Die Deportirten

Part 7

Chapter 73,198 wordsPublic domain

_Neuntens_, lehre ich Euch: Es hat Jemand ein Wort gesagt, das dem Jemand Ehre und Schande macht, so einfach und albern, so schlecht und gerecht, so erhaben ist es; der Jemand, der mit dem ersten Buchstaben -- Robespierre heißt, sagte, als das seinem -- Menschenköpfe liebenden Gemüth mit Himmelsgewalt abgepreßte Wort: »Das erste Recht des Menschen ist das Recht zu existiren.« Und nur der Gegenhändler der Schöpfung, Satan, kann das bestreiten -- wollen. Da aber _der_, welcher nun gütigst existiren darf, ein von Gott mit Geist begabtes, nie ruhendes rastlos vor und fortschreitendes Wesen ist, so ist ihm Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich mit der bloßen Existenz zugleich gütigst zugestanden. Mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich -- das bekanntlich und lautausgesprochenermaßen nur in uns liegt, also in uns lebenden Menschen, also nicht künftig erst wo da draußen in der Luft voll Goldstaub, der Sterne heißt -- mit Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich, ist dem Menschen, also allen Menschen, allem Volke auf dem Lande, in den Städten und Pallästen, summarisch: allem Pallast-, Stadt und Landvolke, der Weg und jedes Mittel zu Glück, Bildung, Tugend und Himmelreich zugestanden! Und da schon das bloße Himmelreich aus Friede, Freiheit und Gerechtigkeit besteht, so ist Allen alle Weisheit, alle Lehre, alle Kenntniß zugestanden -- nicht bloß schändlicher Weise: dreißig Tropfen davon auf Zucker, mit dem alten Worte: Gott wird helfen! Und zu aller Weisheit und aller Lehre gehören allem Volke mit dem bloßen göttlichen Rechte der bloßen Existenz: alle Lehrer frei, alle Rede frei, alles Lernen frei, alle Schrift frei, in dem Hause Gottes, wie ja in jedem Hause der Menschen. Nun hört mich: Wer nun Einen oder Mehrere -- Menschen -- an der Existenz gefährdet, verliert der den Anspruch auf _Bildung_, oder bekommt er Einen _mehr?_ Hat er sich derselben als unbedürftig und unfähig gezeigt, oder hat er die unerläßliche Nothwendigkeit: ihrer theilhaft gemacht zu werden, grade durch seine schlechte That laut schreiend und unzweifelhaft an den Tag gelegt? Von der Masse des Volks, die so fort faselt, faselt man: sie sei auf dem Wege zum Guten, oder zum Bessern. Er, hat seine Unbildung, sein Herz, seinen Sinn verrathen! Seine Tyrannei! Er, er sei wer er sei -- -- Er muß also gebildet werden, fähig das Leben zu leben, und Andern zu helfen, diesen Schatz zu heben. Dazu nun darf der Mensch der menschlichen Gesellschaft, die ihn allein nur bilden kann, nie beraubt werden, am wenigsten aber -- seines Kopfes, als welchen er eben am nöthigsten braucht. Christus hat zwar den Teufeln erlaubt: Säue in's Meer zu stürzen, aber den Menschen nicht: Menschen vielleicht in _die Hölle_ (und -- »Viel besser ist nun ein Mensch denn ein Schaf;« Matth. XII 12.), denn es wäre ein ganz unverzeihliches »dahero retour!« _dem Himmel_ in Armesünder-Kleidern Kandidaten zu schicken -- die der Erde zu schlecht sind, weil man glaubt: Gott _müsse_ verzeihen, die sündigen Menschen brauchen es nicht; ja es wäre ein Mißbrauch der Unsterblichkeit, weil sie nur ewiges Leben ist, zu welcher auch _dieses Leben_ gehört. Denn Lucä II. 35. steht ein gar bedenkliches Wort von denen: »Welche aber _würdig_ sein werden, jene Welt zu erlangen, und die Auferstehung von den Todten!« Demnach kann und wird es also Viele geben -- die da nicht würdig sein werden. Und man kennt sie schon hier. Der _Abgethane_ aber, wie man so bequem die so bequem gemachte Sache ausdrückt, ist verloren für seinen Zweck auf der Erde, für sich und die Menschheit. Wie der Baum fällt, bleibt er liegen. Wenn _man_ nun des _Beispiels_ wegen abthut, unbetrachtet: daß _man_ Niemandem die Nase abschneiden soll, um den Andern eine Maske zu machen -- und jede Verstümmelung wird, -- außer das Kopfabschneiden -- mit dem Tode bestraft -- ist _das_ nicht im Gegentheil grade das _beste_ Beispiel, welches man dem Volke geben kann: daß verwiesene Verbrecher gute Menschen werden, die ihren göttlichen Zweck noch erreichen! Was bedarf ein Gefallener eher als des Aufhebens, des Tröstens, nicht des in die Erde-Tretens! Was bedarf ein Böser mehr, als guter Menschen, daß er bei ihnen bleibe, bleibe wie sie, und nicht wieder falle. Man _zähmt_ das Thier, und _lehrt_ den Menschen! -- dann wehrt er dem Bösen selber. So wird edel und wahrhaft auch für _die Sicherheit_ gesorgt -- denn eben nicht die, welche Böses verübet, sind am meisten zu fürchten, sondern die Freiwandelnden, noch Unerkannten; und so gäbe es keine äußere gnügende Sicherheit, selbst wenn um jedes Haus eine wolkenhohe Mauer gezogen würde, und jeder Mann und selbst die Wiegenkinder schußfeste Harnische als Kleidung trügen. Aber -- ein gutes Herz bewacht sich selbst, den Nächsten und ein ganzes Reich, ein guter Gott die ganze Welt. Also den Störer der Menschheit bilden, ihn seinen Zweck erkennen lehren, Gut und Böse unterscheiden, den Trieb zum Guten zur Blüthe bringen und dazu ihn der gewohnten Gesellschaft die nöthige Zeit lang entziehen, ihm mit den Mitteln, deren sein verstocktes, verworrenes, verdunkeltes und reuiges Herz fähig und bedürftig ist, ernst und stetig beistehen als Einem an dem Herzen oder dem Geiste _Kranken_ -- und der Lasterhafte ist der leidendste Kranke -- ihm Arzt und Pfleger verordnen; wenn er geneset, wenn er schwach noch schwankt, einen Führer zu geben, _das_ hielt der Königliche Stifter von Bontanybay, von Georgtown und Hobarttown für seine königliche Pflicht. Denn wenn ein furchtsamer Hase trommeln lernt, der Canarienvogel eine Kanone abfeuern und ein Floh eine Kutsche ziehn -- wenn ein Mensch sich _die_ Mühe giebt, die Geschicklichkeit das zu lehren und die dazu erforderliche Geduld hat, dann soll ein Volk sich schämen, das mit seiner Männer Weisheit es nicht dahin bringt, daß ein Mordbrenner über die Brandstätte mit Kindergebeinen _weint_, und weint das Haus wieder aufzubauen, und weint, »daß diese Gebeine wieder lebendig werden!« Aber freilich ist kein Ruhm und kein Verdienst dabei, als -- eine Seele zu erretten. Und bessern schwere Ketten und dumpfe Mauern, schlechte Kost und harte Schläge, Zuchtmeister und Spießgesellen und Ränkemeister? oder -- die Lehre und das Beispiel, der Umgang mit festen guten Menschen mit einem Worte: das Leben? Und so lernt Ihr hier leben! Euer Leben ordnen Männer, die gleichsam die _Seelenverwandlung_ deutlich machen, die selbst wie aus Bären in Menschen gefahren sind, und die nun weder mehr zerreißen, rauben noch tödten wollen, sondern mit der Glut der Erkentniß warnen, bewahren, lehren und bessern. Niemand ist zuverlässiger als ein gebesserter Mensch. Er hat gelernt, ja erfahren, und er wird es nie vergessen: daß das Böse bös ist, und das Gute gut, was jedes Kind begreifen sollte, und was einzusehen den Meisten doch so viel Leiden und Reue kostet. Darum ist Euer Kerker: das Wohnhaus des Gerechtwordenen, Euere Spießgesellen sind: gute Kinder und ein frommes Weib -- Eure Ketten: Bande der Liebe! Euer Zucht- und Arbeitshaus: die schöne Natur, die Euch zuflüstert Worte des Vaters, und Nachts das Kreuz aus Sternen über Eueren Häuptern glänzen läßt, und Euch umfängt, trägt, segnet als ihre liebsten Kinder! Wenn Ihr das empfindet, ach, dann vergeht nicht in Reue -- sie will Euch selbst mit ihrer Liebe nicht tödten, nein, erwärmen, beleben, wieder an's Herz des Vaters ziehen.

Aber ich hab' Euch kein Wort von Euerer _Strafe_ gesagt? Unsere Strafe sollte bis heut noch _Rache_ heißen, denn Strafe als _Strafe_ ist Rache; wahre Strafe ist aus der mildesten Liebe fließende Warnung, Führung zum Rechten und Guten, wenn auch auf rauhen Wegen, durch bittere Mittel. So strafet selber die Gottheit, und der Gestrafte wird bei ihm der Gesegnete vorzugsweise. Drüben auf den Sandwich-Inseln opfern sie ihren Götzen Menschen. Wir: alten fratzenhaften Gesetzen. Sind die Worte: »Beispiel, Strafe, Sicherheit,« etwas Anderes als Götzen, mexikanische, unchristliche Götzen! Gestehen wir nur, es ist selbst in Altengland noch ein gut Theil jüdischer Rache, aus den Zeiten der Wüste, darin erscholl: Auge um Auge! Zahn um Zahn! Keine Vergebung! Keine Menschlichkeit, keine Göttlichkeit! Und wie Mühl-Rosse konnten die Rechtsgelehrten aus _ihrer_ Mühle: dem _Rechte_ keinen Ausgang finden, weil barbarische Römer, Republik-Männer ohne Herz und christliche Liebe -- die sie noch nicht haben konnten bis Christus erschienen, auf _ihnen schädliche_ Verbrechen den Tod gesetzt; weil Jemand schlecht geboren: ihn zu hängen, weil er schlecht erzogen: ihn zu rädern, weil er verführt, verwöhnt, verloren: ihn zu köpfen. Da erschien fortan und auf immer die Quelle _aller_ menschlichen Gesetze. Wen hat, oder wen hätte Christus kreuzigen lassen, wenn Er am Palmensonntage König der Juden geworden? Selbst keinen Juden! Keinen Pharisäer -- er _lehrte_ sie, denn Er war Christus und _ist noch Christus, der Herr aller Herren auf Erden_. Und Wer sich zu Ihm bekennt -- _ein Jeglicher_ soll _gesinnt_ sein, wie Jesus Christus auch war! Also doch wohl vor allen andern: Papst und Jesuiten, Könige und Räthe, _Gesetzgeber_ und _Richter_. Unfehlbar! unerläßlich! Furchtbar, wenn nicht unfehlbar! Unerläßlich, wenn nicht unerläßlich! Wann wird Petrus aufhören, Christum zu verleugnen? oder wer statt _Petrus_ es thut! Wann werden Christen anfangen: Christi Gesetze zu Gesetzen zu machen, da doch das schauderhafte Parlament in Frankreich durch einen eigenen Beschluß Gott erlaubte: Gott zu sein! und dieser Gott sprach: Dieser ist mein lieber Sohn, Den sollt Ihr hören! und dieser sein Sohn sprach: Was heißet Ihr mich aber Herr! Herr! und _thut nicht_ was Ich Euch sage? -- Jetzt aber kniet Alle nieder, und betet ein inbrünstiges Vaterunser für Alle, welche -- sie wußten nicht was sie thaten -- Menschen hängen, köpfen, rädern, spießen, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen _ließen_, oder selber zerrissen, es war nun zur Ehre Gottes, oder zur Rache für Menschen. Kniet und betet! ich bete still mit Euch! -- -- -- -- Und nun hört das Göttlichste, was auch Christus gesagt hat, als das Furchtbarste in dieser Welt; hört, was Er sprach: »Wenn aber des Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heilige Engel mit ihm; dann wird Er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden -- (auch Jene, welche die armen sündigen Menschen enthaupten, verbrennen und mit Pferden zerreißen ließen). Und Er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Und Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Da wird denn der _König_ sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das Euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. _Denn ich bin hungrig gewesen_, und _Ihr_ habt _mich_ gespeiset. _Ich_ bin durstig gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ getränket. _Ich_ bin ein Gast gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ beherbergt. _Ich_ bin nacket gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ bekleidet. _Ich_ bin krank gewesen, und _Ihr_ habt _mich_ besuchet. _Ich bin gefangen gewesen, und Ihr seid zu mir kommen_. Dann werden ihm die _Gerechten_ (oder _Gerichten_) antworten, und sagen: Herr, wann haben wir _Dich_ hungrig gesehen, und haben _Dich_ gespeiset? Oder durstig, und haben _Dich_ getränket? Wann haben wir _Dich_ einen Gast gesehen und beherberget? oder nacket, und haben _Dich_ bekleidet? _Wann haben wir Dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu Dir kommen?_ Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage Euch: _Was Ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt Ihr Mir gethan._ -- Und nun seht, auch Jene, die geköpft oder köpfen lassen, verbrennen, rädern, mit glühenden Zangen zwicken, mit Pferden zerreißen. -- -- Wem, ich frage, und Gott sagt es: Wem haben Sie _das_ gethan? mir schaudert die Wahrheit zu legen! aber mit Schaudern sag' ich die Wahrheit: sie haben es Gott gethan, denn _Mir_ habt Ihr es gethan, spricht Christus. Ihr aber verstummt vor Entsetzen, und betet noch ein inbrünstiges Vaterunser! -- -- -- -- Und nun steht auf von Eueren Knieen! denn --

_Zehntens_, begrüße ich Euch: So seid denn aufgenommen durch die Gnade des Königs in diese große, freie Lancaster-Schule! Er läßt seine christliche Gnade über das alte heidnische Gesetz walten, an denen, die _das Gesetz_ nicht, sondern die Menschheit beleidigt haben; in ihrem Namen hat Er Euch vergeben, und ließ Euch nicht an einem -- wohlfeilen -- Stricke in eine andere Welt fahren, nein, im Schiffe in das neue Leben, wohl versehen, wohl bewirthet, wohl empfangen und eingerichtet, in ein schönes Land wie Elysium, einen einsam gelegenen blühenden Genesungsgarten. Daß er Millionen kostet, bedauert Er nicht, da _das kranke Kind_ dem guten Vater Ersparniß zum Verbrechen macht, da Ihr die _Verwundeten_ im Kriege des Lebens seid, in dem das Menschengeschlecht wie ein unermeßliches Heer in ewigen Kämpfen dahin zieht, die eben so viele unsterbliche Siege sind. Daran erfreuet Euch hier, einsam genesend und lernend, aus der Ferne. Die Erde ist das echte Vorbild auch _dieser_ Lancaster-Schule, wo ja Einer den Andern erzieht, lehret, pfleget, warnet, heilet, ernähren hilft, und wieder von ihnen beschützt, genährt und geliebt wird. -- Die Erfindung lag so nahe! Aber sie war zu einfach und groß, und das Nächste ist oft das Fernste, weil reine helle Augen dazu gehören, es zu schauen, und eine vorurtheilsfreie Seele, von keiner Gewohnheit, von keiner Furcht, nur von Liebe eingenommen. Benutzt diese Schule wohl! Duldet, ehret, warnet, lehret, liebet einander. Gleicht nicht dem übrigen Menschenvolke, wo Einer den Andern vor einer ihm oder den Nebenmenschen schädlichen That _nicht_ warnt, ihm zu einer guten _nicht_ hilft, ihn durch Handel und Wandel, durch Streit und Rache in Krankheit, Armuth und Elend, in Haß und Verachtung rennen läßt, wenn er ihm vielleicht nicht die Grube selber gräbt! Welche aber das wissentlich thun oder auch nur geschehen lassen, denn die Sünde der _Gleichgültigkeit gegen Böses_ und _Gutes_, und die daraus quillende Unterlassungssünde ist die unverzeihliche Sünde gegen den heiligen Geist -- _die_ wird der Gewissensrichter dereinst aus dem Himmel in die Hölle exportiren lassen, wie Diejenigen von Euch _Deportirten_, die unverbesserlich sich stellen oder _scheinen_ -- das sag' ich der Menschheit und Gott ihrem Künstler zu Ehren -- _Exportirte_ werden, Verlassene, Ausgesetzte ohne Weib und Kind, ohne Rath und That, auf wüstem Eiland! Aber weil _Gott_ will, daß Allen Sündern geholfen werde, darum --

_Eilftens_, stelle ich Euch Euer Ziel: Sittlich, und bürgerlich frei und selbstständig sollt Ihr werden -- statt furchtbar: fruchtbar, statt ehrlos: ehrbar, statt nichtswürdig: vielwerth! Mein Gott! Ihr sollt ja Nichts, als Euch den Hudeleien der Menschen entziehen durch gehaltenes Leben; den Plackereien der Richter, Constablen und selbst der Gesetze, durch Schuldlosigkeit; den bösen Gläubigern und unbarmherzigen Mahnern durch Schuldlosigkeit; allen Zwischenhändlern zwischen Menschen und Satan, die das Himmelreich aufhalten sich niederzusenken, wie die glühende Wüste die fruchtbare Wolke über sich weg jagt, durch stillen Wandel nach menschlichem Ziel. Und verlangt keinen Lohn dafür: daß Ihr gut seid; der Strebende wäre unvernünftig und vorlaut, der richtig Wandelnde unbescheiden, ja frech, nicht klar über sein Glück im Herzen und durch sein Herz! O Himmel! der Himmel hört es und sieht es: Der schönste Lohn des Lebens ist das Leben, das reine menschliche Leben, und ferner sich liebend und glücklich zu fühlen. Das macht die Menschen geringe, wie _man_ sie vielleicht haben will, legt sie an irdische Ketten, und prägt ihre unsterbliche Seele mit dem Bilde des Kaisers, nicht Gottes, daß sie wegen ihrer Pflicht gelobt und belohnet -- abgelohnet -- werden, und mit Dingen, die kein Lohn, sondern oft nur Fröhnung der Eitelkeit und Verführung des Sinnes vom Leben sind, zu stolzer Erhebung über den Bauer im Kittel, der statt des Ordens darauf, ein redliches Herz darunter trägt und mit herzlicher Gnüge arm und ungeachtet ist. Aber -- ein Feld es zu bauen, ein Haus zum wohnen, ist nur der Ort und das Mittel zu leben und zu wirken, und das gönnet Se. Majestät Jedem von Euch, der es aus reinem Drange zu echtem Leben, bedürftig, der mündig ist, und frei vom Gesetz. Die es aber noch nicht fähig sind, diese leben bei Andern, welche sie getreu zu leben lehren. Das ist eine _Strafe_, die den Menschen besser macht, das ist ein Lohn, der dem Menschengeschlecht ertheilt wird in Euch. Denn was _schaden_ denn eigentlich alle Vergehen und Verbrechen, warum sind sie so nachtheilig, daß man glaubte, sie sogar mit dem Tode, dem ganz außer Thätigkeit Setzen des Fehlenden bestrafen zu müssen? (denn dem zu schwer Bereuenden _die Last des Lebens_ abzunehmen, ihm aus Liebe, aus Hülfe für seine zerrüttete Seele den Tod und den Himmel zu geben, ist wohl in keines Henkers Herz gekommen;) -- Das schaden Vergehen: der Verbrecher raubt _sich_ und Andern _die Zeit_ und die Mittel zum wahren Leben, zum arbeiten, froh und gut zu sein. Denn die Zeit ist das unschätzbareste Material dessen wir bedürfen, und nichts anderes als Zeit, wenn wir es recht verstehen, bedarf die ganze Welt! und auch Ihr nur: Euch zu bessern, ich: Euch zu lehren. Wenn aber Andere meiner Amtsgenossen ein halbes Stündchen am Sonntag lehren, und die übrige Woche die Menschen wenig erbauen, und wie unsichtbar sind, so will ich alle Werkeltage über von Morgen bis Abend bei Euch sein, daß Christi Wort Euer täglich Brot wird, und am Sonntage wollen wir unser Herz und unsern Sinn _erbauen_, als den Tempel Gottes und der seid Ihr!

_Zwölftens_ bete ich: Der Herr segne Euch und behüte Euch! Er sei Euch gnädig, und gebe Euch Frieden!« --

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Das war eine Casualpredigt, ganz ad homines! Zu Anfang einschneidend, wühlend wie nach der Kugel in der Wunde, nach dem Pfahl im Fleisch; dann schmerzlindernd, tröstend, erhebend, zuletzt Balsam aus Mekka, Wein aus Bethlehem. Es war große Bewegung unter den Deportirten! Der Geschworne, Herr Wardrop, gab Zeichen großer Herzensangst von sich. Der Fleischhauermeister Cornbull griff mit der Hand in die Tasche; sein blinder John rollte die Augensterne, und wollte gern den Prediger sehen! Limmerik nannte ihn einen Mammuths-Pfarrherrn! Herr Tydal blickte gerührt auf meinen Hund Phylax, der auch nicht fehlen wollen. Alle waren bewegt, nur die Weiber waren -- geputzt; wie die Weiber sind.

In der Kirche hatte Clarke seinen Vetter, den Maler Tydal herausgefunden, und sie gingen dann beide Hand in Hand hinaus in die Gefilde, um die schönsten Aussichten für ihre Landschaften aufzusuchen. Sie wollten sich nach acht langen Tagen wieder genießen, und ihre Leiden klagen, sagte Herr Tydal mir lächelnd, worüber Clarke die Augen niederschlug. Ich konnte dawider nichts haben, und blieb allein mir selbst überlassen; aber es that mir weh. O, was ist ein Freund in der Fremde für ein Schatz! Mittheilung des Neuen, Erinnerung des Alten, Vergleichung der Heimath und der Fremde, und jeder Genuß wird durch ihn erst recht lebendig. Einen Freund in der Ferne neben uns -- und wir sind nicht entfernt, nur wie entzaubert auf einen Tag! Und wieder in der Heimath haben wir an ihm die Fremde! Er hat ihren Duft eingesogen, wie die Veilchensteine auf den Gebirgen; er glänzt von ihrer Sonne, wie der Bononische Stein. Er hat gesehen, was wir gesehen; und wenn wir ihn daheim betrachten, können wir wähnen, er sehe das Alles noch, und wir stünden nur abgewendet, mit dem Rücken gegen die sonnige Landschaft. Aber mit einer Geliebten reisen, dächt' ich, müßte dasselbe, und noch ganz etwas Seligeres sein, vorzüglich, wenn sie dann in der Heimath unser Weib ist. -- Armer Lambton! es giebt so viel reine Seligkeit in der Welt zu genießen, die so heimlich, und doch so gewiß vorhanden ist -- wem sie gewährt wird. Aber die Gesegneten beschreiben sie nicht einmal uns andern armen Menschen -- sie genießen sie nur. Ich denke immer: noch kein Glücklicher hat ein _Buch_ geschrieben, höchstens einen Brief. Darum machen die Bücher auch nicht glücklich, sie zerstreuen bloß die Gleichgültigen oder Unglücklichen; nur das _Leben_ beseligt. Wer nur recht leben könnte! Oder wem nur das beste Glück des Lebens gewährt würde -- wenn Ich es nennen sollte, ich nennt' es nach meiner Art: Lisanna! Hätt' ich dann nicht Alles, was Ich mir wünsche? und ich weiß ja die Stelle auswendig:

Der, wer des Lebens beste Güter hat, Begehre nicht die kleinen auch zugleich! Im Großen und im Ganzen segnet' ihn Ein Gott; und macht die Sonn' ihm hellen Tag, Was soll ihm all' der kleinen Kerzen Schein!

Des Armen bestes Gut ist Wünschen und Hoffen. Hab' ich doch nun mein eignes Bett: von Lisanna berührt, und kann unbemerkt und ungestört träumen und weinen -- wenn Clarke die Nacht seufzt, ja stöhnt. So lange Er seufzt, bin Ich glücklich! Wenn er nur auch weinen wollte! dann könnt' ich lachen -- aber ich würde nicht!

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Weihnachts heiliger Abend 1820.