Die Deportirten

Part 6

Chapter 63,832 wordsPublic domain

Clarke sahe meine Angst jedes Mal von weitem, mitten unter seinen geduldigen Lämmern, und ich verstand an seiner Bewegung recht gut, daß er sich todt lachen wollte. Ich bedauerte ihn, und dachte; Schafe hüten ist keine Kunst, aber Rindvieh. -- Lisanna brachte uns das Mittagsessen in's Feld, und sie tröstete mich freundlich, ob sie gleich nur mit Mühe das Lachen verbiß; die Thränen aber standen ihr in den Augen. Betrübt und ernst, wie ich wohl Ursache hatte zu sein, sah ich vor mich nieder und hätte auch lieber geweint. Dann wußte sie es zu machen, daß sie beim Hinreichen des Korbes meine Hand berührte, oder ich die ihre mit faßte -- darauf enteilte sie. Sie ist ein Engel, der Engel Tobiä! sprach ich zu mir, während ich mich in die Blumen zum Essen setzte und ihr nachsah, und sah -- wie sie neben Clarke sich setzte! und lange mit ihm sprach! Das war auch ein Jammer. Doch wenn ich unterdeß im Grunde des Körbchens noch Orangen, Feigen und frühe Nectarinen fand, die sie mir versteckt: so wußte ich nicht, was ich denken sollte. So lieb mir sonst Clarke war, so verhaßt und täglich verhaßter ward er mir nun. Traf uns Lisanna zuweilen beisammen, setzte sie sich zu uns, so sprach sie mit Ihm, sahe Ihn an, während der Wind ihr das schwarze Haar über die Wange wehte, oder ein Wolkenschatten über uns hinflog, und sie wieder hervorglänzte, als verkläre sie sich und schwebe. Das Alles mußt' ich mit ansehn! Und sie bemerkte, ohne herzublicken, daß ich sie ansah; und doch sahe sie mich nicht an, und sprach nur desto holdseliger mit ihm, und lächelte so hold, so lieb! Wenn Clarke nicht dabei gewesen, wäre ich ihr vielleicht um den Hals gefallen -- vielleicht auch nicht, wie die Russel sagt. Und doch verdroß es mich von Ihm, wenn er so unbescheiden war, ihre Hand im Gespräch zu ergreifen, ja ihr die Locken aufzurollen, wenn sie zwischen uns saß, aber immer näher an seiner Seite. Erbittert stand ich dann auf, und schlug nun erst das Rind, das zu Schaden fraß, wozu ich vorher nicht Zeit gehabt; so pflichtvergessen konnt' ich sein! Dann aber blieb auch Lisanna nicht bei Clarke, und das war mein ganzer Trost. Kurz an meiner Eifersucht merkt' ich, daß ich -- daß ich -- armer Lambton! Ich hätte das nie gedacht, ach -- weil ich es nie gefühlt, ja nicht geträumt -- das Wort, das umgekehrt Roma heißt! Mehr kann ich nicht sagen, ich schäme mich vor mir selber. Auch sucht' ich mir nichts merken zu lassen. Aber Clarke hatte zu schlaue Augen, und lachte mich aus, wenn wir allein waren. Er versicherte mich, von Ihm hab' ich nichts zu fürchten, und dabei sah' er so ehrlich aus, daß ich ihm gern geglaubt hätte, wenn es ihm nur nicht wiederum auch lieb geschienen, daß ich eifersüchtig auf ihn war. Warum? war mir undeutlich. Er ist einmal ein eigner Mensch. Grade so wie er aussieht, liegt ein schöner marmorner Jüngling auf einem gesteppten Pfühl in Sir Horazio's Bibliothek. Ich dächte, er nannt' ihn einen Aphroditenhermes. So war's doch; und so ist Clarke. Und hatte sich ihm Lisanna nicht halb vertraut? Denn er wußte und sagte mir: daß sie nicht Sir Samuels Tochter sei, daß sie der Frau Russel als ihrer Pflegemutter am nächsten angehe. Denn weder Findelhaus, noch Waisenhaus gebe es in Hobarttown. Was bedürfe aber eine Waise dringender, als Eltern, oder doch einer Mutter, so arm sie sei, und Pflege, Lehre und Liebe, so gering sie sei. So gäbe man Waisen an gute kinderlose Eltern, um Zweien so gut, wie möglich, zu helfen. Und mit schwerer Hand freilich, aber doch thu' ihr Frau Russel alles Gute. Dagegen bleibe Sir Samuel so launisch gegen sie, daß sie ihn durch die größte Stille, den emsigsten Fleiß bis tief in die Nacht, doch nimmer zufrieden stelle. Es sei ihr drückend, daß er ihr Alles wie nur aus Erbarmen gewähre, ja zuwerfe -- doch hasse er sie nicht! Er beweise ihr wiederum so viele, viele Güte, Zärtlichkeit, ja etwas Wehmüthigeres, als Liebe, ach, nur nicht lange! Er halte ihr Lehrer -- und schicke sie wieder fort! Er lasse sie sticken und zeichnen -- und verderbe ihre Zeichnungen und Stickereien! Oft schenk' er ihr schöne Kleider, und sehe sie gern darin; dann müsse sie sich einfach, ja schlechter tragen als die malayischen Mädchen Talo und Ofa, und sehe sich bloß in die Küche verwiesen, und dürfe selbst nicht am Tische erscheinen, woran doch sogar der kleine arge Hobday esse, und Talo und Ofa, und nun Herr Clarke -- und Herr Lambton! -- -- Das Alles that mir zu hören noch mehr wohl, wie weh! Denn wie sich zur Liebe für dieß schöne gute Wesen noch Mitleid gesellte, dann schmolz mich gleichsam ein wehmüthiges Gefühl; und hatte ich sie bisher schon geliebt, jetzt hätte ich sie fast angebetet. Aber Sir Horazio sagte, wenn er von den schönen Madonnenbildern in Italien sprach: »Ein Weib werde mehr, wenn sie nur ein Bild erscheine! Denn das Vollkommene sei sich allein immer gleich, und darum auch in vollkommener Ruhe. Darum erlangten die Todten auch schon etwas Heiliges und Göttliches über uns, die wir mit zitterndem Herzen vor ihnen stünden, sie beweinen -- und ahnen: daß vollkommene Ruhe vollkommene Seligkeit sei. Und der Todte sei ein göttliches Bild, und ein Bild ein göttliches Todtes. Wenn nun ein Weib uns anders nahe, als in der Gestalt, in welcher wir sie zuerst geliebt; wenn sie nun auch gehe, esse, schlummere, rede, nur ein anderes Kleid anlege, dann werde sie gleichsam so vielmal verdoppelt, als wir sie anders in anderen Tagen gesehen, und es fehle ihr die eine, die selige Gestalt; Deßwegen bete man jene Bilder wohl an, weil sie nur Bilder sind.« -- Sonst glaubt' ich Ihm das fast; jetzt -- jeden Tag weniger, da ich an Lisanna sehe, oder an meiner Seele, daß die Liebe ein immer Neues, Schaffendes, Belebendes ist -- und die Liebe ist ja das Vollkommene! und doch ist mir -- mir Lisanna's erstes Bild das liebste von allen, welche ich von ihr in meiner Seele, wie in meiner wahren ruhigen Wohnung aufstelle, oder wie in einem Rahmen an den Orten wieder erblicke, wo sie mir in andrer Gestalt erschienen. Und so habe ich schon eine Madonna mit dem Sympathievogel, eine mit dem Schnabelthier, eine mit dem Lamme, und eine mit Lambton; also vier Gemälde, so gut wie Sir Horazio, die ich mit seinen nicht vertausche; und vielleicht kommen noch mehrere hinzu -- vielleicht auch nicht!

* * * * *

Sonntag Abend.

Unsere Englischen Geistlichen haben den Vers verkehrt verstanden: unser Herr Gott arbeitete sechs Tage an der Welt und ruhte Einen; sie arbeiten _Einen_ und ruhen _sechs_. Nur den armen Schulmeistern hat man den Text richtig ausgelegt. Immer freut' ich mich daher auf den _Sonntag_; und wenn ich ihn wieder herangelehrt und gekämpft, und noch müde vom Joche ihn früh für einen gewöhnlichen Tag hielt, bis ich den Küster hereintreten sah, den kind-hohen Kirchenschlüssel auf den Arm gehangen -- dann ward mir gleich so wohl, so feierlich zu Muth! Himmel und Erde sahen mir auf einmal so geistlich, so geschmückt aus, und wenn es auch draußen neblig war, daß ich die Lindenstämme vor meinen Fenstern nicht sah. Heut' ist mir wieder so wohl! Es ist Sonntag in der ganzen Welt, auch für Clarke und Lambton, und jeden geplagten Schulmeister, wie für die Ochsen und Schafe; und der Mensch läßt seinen frommen Sinn auch der Natur angedeihen, selbst dem fühllosen Pflug' und dem bräunlichen Acker. So ist denn das Christenthum wahrlich auch denen gegeben, die es nicht verstehn! nur genießen -- der ganzen Welt. Also Sonntag!

Neue Verlegenheit! In meinem Bubulcus-Gewande konnt' ich doch heute nicht hinunter zu Sir Samuel gehen, und in meiner Uniform -- schämt' ich mich. So saß ich allein auf dem Bett in allerhand Gedanken; denn Clarke war schon, dacht' ich, bei Lisanna -- als Frau Russel herauf kam, mich zu holen. Denn es sei Pflicht, daß jeder Deportirte zur Kirche der Deportirten gehe, Herrn Patrik zu hören; übrigens sei der Sonntag unser. So erschien ich denn in Galla. Alle saßen bereit in Sonntagskleidern. Lisanna stand auf und holte das Frühstück. Wie ihr das Leibband nachflatterte! wie lieblich ihr der englische Hut stand! wie freundlich Sir Samuel war, als er sagte: Sonntag mag Euer Rock passiren, Herr Lambton, dann hab' ich Respect vor Euch; wochentags verlang' ich ihn vor _mir_. Das schien auszudrücken, daß, wie die heidnischen Römer bloß an den Saturnalien schon ihre Diener bedienten, Er als ein Christ alle Sonntage mich so gut hielt, wie sich, als wenn alle Menschen gleich wären! Gott segne ihn! Nur ob Lisanna nach meinem oder Clarke's Bilde im Spiegel sah, das möcht' ich wissen! Aber sie lehrte mich dadurch, sie unbemerkt anzusehen. Dann gingen wir Alle zur Stadt, und die malayischen Mädchen bewahrten das Haus. Denn sie beten noch den Donner an, aber Ofa nur dann, wenn es einschlägt; daher sagt Sir Samuel: sie haben keine Religion! Ich soll eine Sonntags-Schule anlegen, und Talo unterrichten, auch Lisanna soll zuhören! Wie wird Sie meine Seele erheben! --

Im Vorübergehn zeigte uns Frau Russel die Kirche, in die Ich und Clarke zu gehen hätten! Lisanna seufzte schwer -- vielleicht über mich -- wendete sich ab, und sah zu den Wolken. Doch mir ist diese gute List zu wohl bekannt: hinauf zu sehn, wenn man weinen möchte und nicht darf, und die Thränen Einem in's Auge treten! sie verziehn sich dann, oder man kann sie der Blendung zuschreiben, oder niesen. Ach, wenn sie nur wüßte, nur glaubte, daß ich _unschuldig_ bin! Brächte nur die Golette den Capitain York! das wünscht' ich sehnlich.

In der Kirche fanden wir alle unsere Gefährten, die uns heimlich und freundlich grüßten. Ihre Gesichter schienen verwandelt, diese heitrer, jene ernster, aber alle gefaßter, ruhiger -- sonntäglicher! Auch ihre sauberen Kleider erfreuten mich. Ich konnte mir gar nicht mehr einbilden, daß ich der einzige Unschuldige unter ihnen sei! Der englische Geistliche betete uns dann die Collecten, Psalmen, Bibelabschnitte, die Litaneien, die mosaischen Gebote und das Vaterunser mit Ausdruck zwar, doch mit unerhobener Stimme vor; denn er schien alle seine Kraft für die Predigt zu sparen, und dazu braucht' er sie wirklich.

Denn diese »Verdammten-Predigt« -- (condemned Sermon) -- die Uns zum Leben und nicht zum Tode bereitete, die ich mir darauf von Herrn Patrik in der Handschrift ausbat, und jetzt mir hier, hoffentlich zum Andenken, in mein Reisebuch einschreibe, lautete mit allen, von der Vernunft gezogenen himmlischen Glocken also:

»Meine Herren Deportirten! und Brüder in Christo! Vielleicht Handwerker, Pächter, Gentlemen, Esquires und was weiß ich . . . . . . aber gewiß: Spitzbuben, Mörder, Auferstehungs-Engel oder Teufel, falsche Spieler, Banknoten-Pfuscher, Brandstifter und Kinderräuber -- -- -- -- Ihr wundert Euch, daß ich Euch bei Eueren Namen nenne? Doch Ihr seid nur hier, weil Ihr Euch früher nicht selbst so genannt, noch ein Anderer! Darum muß ich Euch nun mit schwerem Herzen so nennen! Hier ist das Land, wo man die Menschen kennt, und Jeder sich selbst. Denn die Liste seiner Sünden kommt als seine Ahnentafel, sein offener Pathenbrief mit ihm in diese neue Welt. O daß er Euch so bei Eurer Geburt in die alte Welt wäre mitgegeben worden, Jedem so mitgegeben würde, dann könnten Eltern und Erzieher sich danach richten, dann kamet Ihr nicht hierher vor meine Kanzel! O Gott! o traurige Wallfahrt der Menschheit aus dem Paradies in das Himmelreich!

Nun laßt mich offen zu Euch reden! Und Ihr, höret mich offen an!

_Erstens_, verschreibe ich Euch das allervortrefflichste Mittel gegen das Heimweh. Es wächset im Walde und heißt -- der Galgen, der Euch in der Heimath erwartet, wenn Ihr vor der Euch bestimmten Zeit zurück -- flieht. Ihr könnt auch hier in die Berge fliehn zu den Wilden, wenn Ihr, die Ihr so lange gegessen habt, auch einmal wissen wollt, wie dem ist, der gegessen wird. Also bleibt in der Lehre und Zucht! entlauft nicht von der Bleiche, als halbe Mohren, als Seelen-Mulatten! --

_Zweitens_, erinn're ich Euch und frage: haben Euch Euere Todfeinde je so viel Herzeleid und Schmach angethan, als Euere Laster? diese falschen Freunde und süßen Schmeichler des Bösen, die für Eine angstvolle Lust nicht unter Ein Hundert Schmerzen bereiten. _Sie_ setzten Euch gefangen, sie brachten Euch Verwünschung und Verachtung, Enterbung und Verweisung; Sie machten, daß Ihr zum Weinen jämmerlich hier vor mit dasteht! Erkennt sie nun, und jagt sie aus Herzen und Haus! --

_Drittens_, vergleiche ich Euch mit jener Palme in Japan, die keine Nässe verträgt, sondern davon verdorrt. Nichts Anderes hilft sie herzustellen, als sie auszureißen, sie dürren zu lassen, und dann in eine im Sande bereitete Grube zu setzen. Da, im Trockenen grünen ihre Zweige wieder saftig, und kräftig trägt sie auf's neue die süße Frucht. Wieder vergleiche ich Euch mit dem Trauerbaum in Indien, der nur blüht, wenn die Sonne untergegangen, und vor dem Tage die Blüthen abwirft. Ich vergleiche Euch mit den Giftpflanzen, die meistens in sumpfigen Gegenden wachsen. Wenn man sie in reinen guten Boden versetzt und anbaut, verlieren sie ihr Gift. Der weise König Salomo sagt: sie schlafen nicht, sie haben denn Böses gethan; sie ruhen nicht, sie haben denn Schaden gethan -- so sage ich Euch denn, die Ihr Beides: Uebels und Schaden gethan: so schlaft denn! so ruht denn! --

_Viertens_, dinge ich Euch, Ihr Tyburn entfloh'nes Gesindel, _gewesene_ Räuber! _gewesene_ Mörder! Für Euch ist kein froheres, kein trostreicheres Wort, als das sonst so furchtbare, die ganze Natur zerstörende Wort: _gewesen!_ Nach Allem was der Mensch gethan, gelitten, geliebt und gehaßt hat, bleibt er ein Mensch! Und was könnt Ihr mehr sein wollen, als: Menschen? Aber wollt auch Menschen sein! Nicht was Ihr _bis hieher_ gewesen: Füchse, Luchse, Marder, Maulwürfe, Schlangen und Ottern. Streift alle die Häute ab, und verwandelt Euch in Menschen! Bildet Euch etwa nicht ein, daß es _lebenslängliche_ Mörder, Ehebrecher und Diebe giebt, wie es Thiere giebt, die zeitlebens Hyänen, Böcke und Raben bleiben bis auf den letzten Pelz und die letzte Mauser. Bilder Euch also nicht ein, daß Ihr bleiben müßt, was Ihr vielleicht nur Eine Stunde waret! Denn welcher Mensch weiß am Morgen, was ihm des Tages über begegnen wird? Was er denken, empfinden, beschließen, welcher Mensch, welche Lust ihn reizen, welche Leidenschaft seine Seele empören wird! Ach, -- ich hoffe, ich wünsche es -- Alle haben die Nacht zuvor in Frieden geschlafen, ihr Morgengebet verrichtet und auch die Worte gesprochen: Führe uns nicht in Versuchung! Aber die Leidenschaft ist wie der Wind, von dem Niemand weiß, woher er kommt und wohin er fährt, und Jeder hört doch sein Brausen. Doch sein Vorüberziehn richtet oft Grauses an, wirft um, was nicht mehr aufgebaut wird, wie ein Todter nicht wieder erweckt wird. Und so ist auch der böse Mensch _kein Fehler_ -- er fehlt nur! ein Mensch fehlt! ein Mensch hat gefehlt. Die Menschen sind Raqueten, die gefüllt und trocken ruhig an dem Gerüst des Lebens hängen, bis ein Funke sie entzündet. Die Menschen sind Kanonen, die nur donnern und morden, wenn sie losgebrannt werden; sonst stehen alle umher und schlafen wie die Menschen -- ach, und wer es sich nicht eingebildet, von wem man es nie gedacht hat, den führt man am Abend in Ketten herein, als leichten oder groben Verbrecher. -- Ihr seid losgebrannt -- entladen! Ihr seid hereingeführt. Wer wird nicht aufgeweckt aus seinem schläfrigen Lebensgange, wenn er einen Fehltritt that? etwa einen tiefen -- von der Höhe der Menschheit plötzlich herab? Wem schlägt das Herz nicht, der geraubt und gemordet hat, wenn er auch nie mehr von dem schlafenden Engel in uns, von dem Gewissen gewußt hätte als seinen Namen! Wem droht dann nicht sichtbar ein Finger vom Himmel? Wer hört den Vater nicht, wenn er sich an dem Kinde vergriff? Wer erkennet den Gott nicht, wenn er des Teufels war? Glaubt mir, meine Brüder in Christo, immer noch von der Gesellschaft Jesu, Spitzbuben, Räuber und Mörder, Ihr habt hinfort mehr Anspruch und Hoffnung auf ein ruhiges, ja seliges Leben, als alle die Millionen _Schlafwandler_, die noch gut heißen, weil sie schlafen. Ja, sie sind darum vielleicht werther und bedürftiger als Ihr, meine Predigt zu hören. Denn ich verbürge nicht hier mit meiner Sanduhr, daß in 8 Tagen auf der ganzen Erde nicht Hundert -- eingeführt sind, die heut, jetzt noch sehr liebe Männer scheinen, und vielleicht sind. Ihr stahlet -- dieweil Ihr schliefet! Ihr habt aber das ewige heilige Gesetz, Ihr habt den Gott in Euch erfahren, Ihr fühlt ihn noch und immer, der da heißt: Licht, Rath, Kraft, ewig Vater, Friedefürst! Das Herz des Menschen ist voll Irrthümer. Der Tag, wo Ihr keinen einseht, ist ein verlorner. Denn wenn Christus selber sagte: »was nennst Du mich gut? Gott allein ist gut,« so kann unser Bestreben nur sein: _besser_ zu werden, aber immer besser, ohne Ende, ohne Ermüdung, ohne müßige Zufriedenheit mit uns selbst; und in diese verfielen wir, wenn wir leidige Menschen je glaubten _gut_ zu sein. Und wie sehr, wie rasch könnt Ihr Euch bessern! und wie viel Irrthümer habt Ihr abzulegen! Ich wünsche Euch Glück dazu! Der Wille besser zu werden, der ja ein guter Wille ist, wenn nicht mehr, vertilgt durch sich selbst alle Sünde, und Eine gute That aus vollester Seele ist allen guten Werken gleich. Denn _das Gute_ umher in aller Welt schafft Gott. So ding' ich Euch denn und geht Ihr spät zur Arbeit in den Weinberg -- Ihr sollt auch noch eueren Groschen bekommen.

_Fünftens_, tröste ich Euch: Was Ihr auch gethan habt -- Gott hat es ausgeglichen! Wenn den Menschen die Leidenschaft -- der Teufel -- ergreift, dann ergreift ihn ihrerseits der Gottheit Hand, damit er Andere und sich nicht ganz verderbe, im Gegentheil ihnen nütze. Der Mensch ist und wird so lange unmündig, als er seiner Vernunft nicht mächtig ist; und der Ober-Vormund Aller wird, bis sie wieder hell ihn erleuchtet, auch der seine. Die durch Euch Verarmten hat er wieder reich gemacht, wenn sie nicht besser arm blieben! Denen Ihr die Tochter oder den Sohn geraubt, die hat er wieder mit Kindern gesegnet, wenn Ihr jene nicht raubtet _zu ihrer Strafe_, um Eltern und Kindern so auf besonderem Wege das ihnen von Gott zugedachte Gute zu thun. Die Ihr getödtet, sie schlummern ruhig in seiner Erde, und ihre Geister leben in seinem Geist. Und doch hat Er Euch dadurch aufgeweckt. Eine _Seele_ auferwecken ist ein größeres Wunder, als einen todten Leib erwecken -- sagt Augustinus recht sonderbar nun hier, nun heute durch mich und aus mir. Gebt in den Sarg der vergangenen Tage alle eure Werke mit! Seien sie todt und begraben. Ihr aber _erwacht! erwacht! erwacht!_ und wandelt in einem neuen Leben!

_Sechstens_, frage ich Euch, arme Sünder, wo ist ein Mann dem Gesetze verfallen, der eine Million Pfunde oder Menschen commandirt? Wann ist eine Prinzessin an den Pranger gestellt worden? Wo ist ein Königssohn gehangen worden? -- außer in China. Ihr seht also, welche durchgängig tadellosen, welche vortrefflichen Leute die reichen Leute sind! wie leicht ihnen der _Anstand_ wird; wie keck der Arme ist, weil er Nichts hat. Vor dem _Gesetze_ sind Alle gleich, das ist die große Lüge in den Welt-Menschen, die die Welt-Menschen schon allein verdirbt. Geben die Georgen, unsere Könige, einem zudringlichen Bettler eine Maulschelle, das ist nur Rang- und Machtvollkommenheit; aber giebt ein beleidigter armer Schuster dem Bischof Eine dergleichen -- welcher Gottesschänder! Aber ich sage Euch: Der Mächtige und Wohlerzogene, der Unrecht thut, ist doppelte Streiche werth; werth, doch bei dem Werthe verbleibt es. Der gemeine Mann, der arme Mann sollte, um pari zu wiegen, wenigstens tausendmal besser sein als der Reiche. Denn Netto und Sporco-Gewicht ist erstaunend verschieden. O Brutto! O Tara! Ihr Netto-gewogenen, Ihr seid darum alle wahrscheinlich arm, und dumm, weil Ihr bös, und bös weil Ihr dumm war't: Drei Fehler, wovon schon Einer den Menschen in der Gesellschaft zu Grunde richtet, aber alle Drei ihn gewiß aus Altengland nach Vandiemensland bringen. Darum werdet reich! Ich sage reich: an Verstand, klug im Sinn, gut von Gemüth -- um keines Gesetzes, also auch keines Richters mehr zu bedürfen, als dessen -- der im Verborgenen richtet; und Ihr -- werdet die Wahrheit erkennen; und _die Wahrheit_ wird Euch frei machen. Also sonst Nichts, aber sie gewiß!

_Siebentens_, fordere ich nicht von Euch, daß Ihr Einen Fehler ablegen sollt. Denn die ganze Welt konnte es bis heute noch nicht. Und welche Veränderungen auf der Erde würd' es hervorbringen, wenn alle Menschen nur Einen Fehler ganz ablegen wollten! zum Beispiel: nur den groben Mord, das Tödten! -- Aus wäre Krieg und Streit, das Himmelreich begönne auf Erden, als da, wo es eben bloß nöthig ist, und nicht im Himmel. Was halfen bis jetzt alle spätere Propheten seit Moses, was selbst allein und für sich ohne _Thäter_ des Wortes, die göttlichste Lehre. -- Das Menschengeschlecht steht noch, Auge um Auge, Zahn um Zahn fordernd, am Berge Sinai, es ist in der Hauptsache: in der Menschen-_Liebe_ kaum einen Schritt aus seiner alten Wüste geschritten, trotz der unendlichen Mühe von hundert Orden (etwa von Malta) und tausend Klöstern, trotz redlicher Päpste und löblicher Clerisey, trotz Wiklef, Knox und Warden bis heute auf mich herab, der ich im Kehrwinkel der Welt hier stehe vor Mördern predigend! Untersteht Euch zu leugnen, was ich sage! Seid nur ruhig! Denn darum verlange ich nicht, daß auch Ihr Einen Fehler ganz ableget -- sie werden _alle zugleich_ nur seltener, nur schwächer -- legt Alle nur erst _ein wenig_ ab -- ich meine: bezwingt sie, dämpft sie, leitet sie ab! Laßt den Mord -- eine Ohrfeige werden -- dann die Ohrfeige wieder ein sanftes Streicheln der Wange; den Ehebruch: ein Anlächeln, dann das Anlächeln ein Auslachen; den Raub: ein bloßes Handausstrecken, dann das Handausstrecken -- ein Handeinstecken; den Verrath ein Lallen mit der Zunge, dann das Lallen: ein Schweigen. (Und das Alles als das halbe Werk, bis die Zunge _Gutes_ spricht, die Hand _giebt_, der Fuß zur Rettung eilt.) So wie Oben gesagt, so thut die Welt, so thun die Bessern selbst und heißen die Guten, bis sie _besser_ werden. Denn ohne Sünde ist Keiner! und auch nicht Einer!

_Achtens_, warne ich Euch: seid nicht so anmaßend zu glauben: Ihr leidet um Eurer eigenen Fehler willen! Dazu seid Ihr die Leute nicht! Ihre eigenen Fehler büßen nur die größten Männer aller Zeiten, und genießen ihres eigenen Guten. Das Menschengeschlecht ist so verwickelt, so in einander verwachsen, aus tausend Absätzen zu einem einzigen Rohre hinaufgeschosset, daß Eines für des Andern Verschulden leidet, das lebende Geschlecht für das vergangene, ja die vergangenen alle; die Kinder leiden für die Mängel und Versehen der Eltern, das Volk um -- das Land, der König für das Volk. Ihr seid die verkörperten schlechten Seelen Euerer Eltern, die Spiel- und Weinsucht des Vaters, der Putz und die fette Küche der Mutter; Ihr seid die Dummheit Euerer Lehrer, die ferne und kalte Schule; Ihr seid die Saumseligkeit, die Hartherzigkeit, die Lieblosigkeit Euerer Nebenmenschen. Ihr seid der Beweis noch vielfach-irrenden mangelhaften Geschlechtes, die Opfer eiserner und _doch nicht_ bindender Gesetze. Ihr seid der Fensterladen eines Zahnarztes in England, den er mit allerhand bösen Zähnen geschmückt, zum Beweise: was für ein braver Ausreißer er sei, was er für Schmerzen gestillt und erregt. Ihr könntet euch freuen und stolz sein, wenn Ihr die Opfer für das Glück eueres Volkes wär't, wenn um so viel schlechter Ihr seid, alle jene Zurückgebliebenen nun besser wären, so wie der Wein, der seine Hefen ausgestoßen. Aber -- aber! ich höre von Schiffen die noch kommen sollen! Ich hörte Viele sich glücklich preisen, die -- meine Rede hörten! Und wieder auch, daß sie kommen, ist der schönste Beweis für das freieste Land! den besten König! Darum segnet Ihn, und segnet Altengland, denn --