Die Deportirten

Part 2

Chapter 23,759 wordsPublic domain

Ich beschuldigte heimlich Crabben, er möchte nicht mehr vom Thierkreise wissen, als die Bauern, die den Kreisthierarzt den Thierkreisarzt nennen. Die vier Matrosen warteten auf ihren Meister Crabbe. Wir stiegen in's Boot und setzten uns. Die Matrosen nahmen Abschied von den Umstehenden, und sagten ihr Lebewohl, das »du guter Junge« (good boy) auch zu steinalten Männern, und »guter Junge« auch zu den Mädchen. Sie schieden, wie man sich zu Lande »gut' Nacht« sagt, und ruderten tapfer, jeder eine Beule im Backen, wie von Zahnschmerzen, sie war aber von Tabak. Viele Boote begegneten uns mit Vornehmen und Gemeinen, Herren und Damen, Weibern und Mädchen und Kindern, die von den Ihrigen, den lieben Deportirten mit Thränen Abschied genommen: denn sie weinten noch. Ich bedauerte, daß meine Reise schon halb war, als wir die Leiter hinaufstiegen an Bord des Schiffes.

Meister Crabbe übergab mich dem Stewart, mich überall herum zu führen, und alles Erlaubte mich sehen zu lassen. Mit dem Boote, sagt' er, würd' ich an's Land gehen, mit welchem der Capitain an Bord käme. Er empfahl ihm diesen Punkt besonders, im Fall Er nicht daran denken könnte in dem Wirrwar beim Absegeln. So war Alles besorgt. Ich überließ mich wohl zwei Stunden lang meiner Andacht, bewunderte Alles im und am Schiff, wie es zu bewundern war; ja ich getraute mich zu behaupten: daß selbst die Arche Noah's so schön mit Mahagoni-Meubeln, Spiegeln und stählernem Kamin nicht kann ausgeputzt gewesen sein; denn wann lebte Noah, und wann leben wir! Und ich kann als geistliche Person ohne Blasphemie sagen -- da die Welt nicht mehr durch Wasser umkommen soll -- daß eine Sündflut jetzt nur lächerlich wäre; wenn man sie vorher wüßte, nota bene! Der Herr hat damals schon die Engländer mit ihren Tausend Schiffen im Geiste gesehen, nota melius! darum hat er für die Zukunft nur von Feuer gesprochen. Nota optima! -- Zuletzt blieb ich in des Steuermanns Cabin sitzen, und las in dem, auf dem ganzen Weltmeer berühmten »Schiffmeisters Assistenten,« von dem auf dem Lande unbekannten David Steel. Der Stewart brachte Punsch, hieß mich trinken, und ließ mich lesen.

Daß ich dabei eingeschlafen war, bemerkt' ich richtig beim Aufwachen! Ich schlug das Buch zu, stellte es an seinen Ort, und stieg auf das Verdeck. Auf der Treppe begegnete mir der Stewart, ganz anders, aber nicht besser, angezogen, mit einer Schüssel kleiner Krebse, mit Eiern, großen Theetassen und -- Frühstücksgeräth. -- Er ward ganz feuerroth, als er mich sah, und drängte sich mit niedergeschlagenen Augen auf der Treppe an mir vorüber. Wo ist Meister Crabbe? fragt' ich ihn. Er blieb mir die Antwort schuldig. Ich schenkte sie ihm, und stieg aufs Verdeck. Hoho! sprach ich, die Sonne sitzt ja noch hoch! Es hat gute Weile! Aber sie müssen das Schiff gewendet haben; vorhin stand sie rechts, und jetzt links. Ich wendete mich um, nach der Insel Wight zu sehn, die mir die hängenden Gärten der Semiramis aus ihrem Staube hervorrief -- ich rieb mir die Augen -- ich war entweder von dem Punsche ein Myops geworden, oder Wight war untergegangen! Aber lieber, als so vieler Menschen Unglück, war mir doch meins! Doch -- die ganze Küste war verschwunden! Es war doch Tag! es war kein Nebel -- ich sahe rund umher -- rund umher nichts wie Himmel und Wasser -- das war die offenbare See offenbar! Aber wie war das möglich? Das Schiff stand ja und wankte nicht; nur ein leises Plätschern und Glucken glaubt' ich zu vernehmen. Ich blickte auf dem Verdeck umher -- da stand ein Mann mit einem Fernrohr am Hauptmast und sah schweigend in die Ferne; auf dem Hintertheile am Steuerrade saß Freund Crabbe, ernst und im Amtsgesicht, placidus ore, wie Neptunus, der verschollene Gott. Ich starrte in die Segel! sie blühten voll und zogen, wie Pferde; die Wimpel spielten im Winde -- es war richtig! Ich saß wie der Bär, der nach Honig gestiegen, hinausgeschnellt auf der Wagschale, hinausgeführt in die Welt, ja hinausdeportirt aus der Welt! Die Sinne vergingen mir -- Crabbe! Crabbe! ruft' ich, und setzte mich in Ohnmacht. Denn das sah' ich noch, wenn ich in Ohnmacht gefallen wäre, -- scilicet: die enge steile Treppe hinab, -- konnt' ich mir Hals und Beine brechen! So saß ich, halb vor Schreck, halb vor Freude, wie meine Lampe voll Wasser und Oel; aber das Oel schwamm oben! -- --

Was soll Crabbe! fragte mich eine unwillige Stimme.

-- »Ach, jetzt soll er nichts, er kann ja nichts« -- -- brach ich ab.

»Er ist ein braver Steuermann,« hörte ich wieder; hinsehn mocht' ich nicht: denn es war ganz eine Capitainsstimme; sie erscholl mir, wie das Echo meiner eignen von der Mauer der Kirche, wenn ich Schule hielt und zur Zeit der Lindenblüthen die Fenster hatte aufmachen lassen. Diese angenehme Erinnerung erquickte mich in so weit, daß ich seufzen konnte.

»Ist Euch unwohl?« hört' ich wieder. --

Sehr, sehr, in der That! bekannt' ich; wie soll mir anders sein? Wenn Ihr mich nur entschuldigt! --

Zu Schiffe ist's, wie auf der See, lacht' er -- geht und füttert Fische, oder legt Euch platt auf den Bauch. Die schönen Damen dort trinken Kaffee, die denken Alles mit Kaffee zu kuriren! Aber das Mal irren sie sich; ich wette! ich habe schon gewonnen! -- geht nur auch. Ich stand auf; blaß mocht' ich gerade genug aussehn, das Schwanken kam mir leicht an, so gesund ich war, und so legt' ich mich im Schatten des Bordes auf den platten Rücken nieder, faltete meine Hände über der Brust, wie ein Leichenstein, d. h. der Pfarrer darauf, und sah in den reinen, blauen, unergründlichen Himmel. Ach, er sah mir doch zu feierlich, ja weinerlich aus, als daß er mit mir scherzen, mich in den April schicken wolle; oder lag das Weinerliche nur in meinen, Augen, wie die Thränen?

Nach einiger Zeit hörte ich ein lautes Gelächter erschallen, Einige fragen, und sie dann mit darein lachen, wie ein vervielfältigendes Echo, dem eine Gesellschaft unaufhörlich zulacht. Es kam ein Halbkreis von Herren und Damen um mich getreten, das hört' ich nur an den Tritten und Trittchen; denn die Augen hatt' ich fest geschlossen; ich kam mir vor, wie ein Aal auf dem Aalfange, oder ein Fuchs im Fuchseisen, den die Kinder necken. Crabbe, der Steuermann, hatte mich ja schwanken sehn! Er hatte gewiß mit dem Capitain von mir gesprochen! Denn dieser lachte mit den andern, ja er lachte so herzhaft, daß er weinte. Darauf sprach er mit der Amtsstimme: »Nun ist es genug!« und Alles schwieg augenblicklich und entfernte sich. Das ist ein braver Schulmeister! dacht ich, der Himmel segne ihn. Er setzte sich zwei Schritt von mir auf einen Hühnerkorb und sagte zu mir: Bleibt nur liegen, Herr Lambton! so heißt ihr doch? -- Lambton Zeit Lebens! antwortete ich. -- Crabbe kennt Euch, Lambton; er ist bitterböse auf den Stewart. Wenn Euch der Zufall nicht leid thut, ist er mir lieb. Ihr habt keine Kisten und Kasten bei Euch? --

Das weiß Gott! seufzt' ich. --

Wohl! so nehme ich Euch für einen halben Passagier an. --

Wenn Ihr nur mich nicht halbirt, so viertheilt mich meinetwegen! seufzt' ich mit rückkehrender Ruhe. --

Ihr habt kein Geld? --

Ich? -- keinen falschen Schilling, Herr, antwortete ich mit Wahrheit; die hundert Pfund waren ja nicht mein; die durft' ich nicht verrathen! --

Also in der That, Ihr habt kein Geld? Ihr! Ich meine Euch! sprach er und sah mich auf gut Englisch an, und murmelte schlaulächelnd so etwas von anzuordnender Aussuchung. --

Gott sei mir gnädig! rief ich. Das mußte er nun gewiß verstanden haben für: So wahr mit Gott gnädig sei! oder sah er meine wahre Ehrlichen-Mannes-Angst, denn er schien beruhigt und sprach: Wohl! dem Könige kann ich nichts verschenken; daß Ihr aber bezahlt, wann Ihr könnt, das müßte selbst Shylok zufrieden sein. Van Diemensland wird Euch gefallen, Ihr macht eine schöne Reise! Nachher wollen wir schriftlich Richtigkeit machen. --

Aber wann werde ich bezahlen? --

Wann Ihr könnt! Ihr seht, der Himmel hilft Euch in die Welt, er wird Euch auch in der Welt helfen. --

Wenn nur nicht _aus_ der Welt! Herr Capitain; Seefahren ist gefährlich! seufzt' ich nicht ohne Ahnung; denn mir fielen die Worte meiner sterbenden Mutter ein, die zu mir sagte: »mein Sohn, wenn Du nur noch ein Jahr überstanden hast, dann -- dann -- dann!« -- Dann starb sie! --

»Seefahren ist nie gefährlich,« entgegnete mir der Capitain, nur Landen manchmal! Lambton -- doch still davon, das ist kein Schiffsgespräch, und verboten: Geht essen, damit Ihr Muth bekommt, und seid munter und guter Dinge! Denkt, Ihr habt Schulferien, oder Euere Schule ist abgebrannt. --

Behüte Gott die Schule! sprang ich auf. Ein Hahn hackte ihm aus dem Korbe in die Waden, so ging er fort.

Ich bedankte mich, wie billig, hinter ihm drein, mit ihm -- natürlicher Weise -- unsichtbaren Complimenten wenigstens für seine Güte; dann stand ich noch lange in Himmelsangst, die sich nach und nach auswölkte, wie ich mich, nicht ganz unkluger Weise, in mein Schicksal und in die Themis ergab. Und so schlich ich -- doch etwas schnell -- in das Cabin des Steuermanns, sah den gedeckten und besetzten Tisch und ließ mir das angerathene Frühstück aus verzweifelter Verzweifelung schmecken. Darauf kam der abgelöste Crabbe, der mir die Hand gab und sagte: Was ein Kind thun kann, das noch nicht reden, noch keine Hand rühren kann! Wäre dem Capitain York nicht noch gestern ein kleines Yörklein geboren worden; ich weiß nicht was er mit Euch gemacht hätte! Vergebt dafür auch dem _Stewart_! Ich mußte an's Steuer -- und _ihm_ trug der Capitain auf, als er richtig mit dem Winde kam, gleich die Sachen aufzuheben, die er mit an Bord brachte. Der eine Anker war bald aufgezogen, nun schwimmen wir! und kein Wind darf versäumt werden, sonst fehlen die Postpferde, wann man ausspannt. Ihr versteht das nicht, wie der Wind auf der ganzen Welt zusammenhängt, wie er aller Orts Alles spedirt. Warum habt Ihr Euch auch nicht selbst gemeldet! Doch es ist nun einmal so, und »So« ist gut.

Ich dachte aber: »So« ist freilich gut; doch anders wäre besser. Ich schlug ihm vor, den Capitain zu bitten, mich wieder auszusetzen, in Brest, in Boulogne, in Cadix doch wenigstens! aber es fiel mir selbst ein, daß das für mich noch schlimmer wäre, als im Schiffe bleiben. Auch schlug es mir Crabbe rund ab, und sagte: Ein Mensch gilt nichts zu Schiffe, todt oder lebendig.

Das war genug gesagt! und hatt' ich Flügel, so hätt' ich sie hängen lassen. Und doch wollt' es gar in mir singen und einen Jubel anstellen. Denn wie viel Vorbereitungen hatte mir diese Ueberraschung, wie man ein wenig Einheitzen nennt, erspart! Paß, Empfehlungsbrief, Geldsorge nota bene, Einpackerei, einen Vicarius in meinem Amte, Reiseapotheke, Bücher, Excerpte, Landcharten -- kurz allen den Tand, ohne den ich nicht glaubte eine Reise nur antreten zu können, geschweige durchzusetzen und auszuführen; ich hätte mich erst alt und blind studirt; und _jung_ muß man reisen, und scharf sehen muß man können »Ich bin ich selbst allein« sagt Richard, und ich sag' es getrost; denn die Welt ist reich genug, wenn man auch noch so arm ist, nur Augen, Herz und Gedächtniß hat, oder eine alte Feder. Aber ach, was mußte aus meiner schönen Lancaster-Schule werden! Waren die Kinder nicht eine Heerde ohne Hirten? Mußte sich alles Gute, das ich sie gelehrt, nicht im Leibe umkehren, nicht in Falsches verwandeln, da der Mann ein Falscher gewesen, der es gelehrt? Denn was der Lehrer ist, das bedeutet die Lehre. Von einem Bösen ist nicht gut lernen; und so mußt' ich erscheinen! War ich in Marions Augen mit dem Gelde nicht durchgelaufen, in alle Welt gegangen, weil sie den langen Daniel mir vorgezogen? Oder glaubte sie -- wie die Weiber sind -- ich habe mir wohl gar ein Leides gethan? Die Angst verdiente sie! Sie thut mit leid, aber ihretwegen, nicht meinetwegen. Nun ich hin bin, ist sie mir hin; denn wenn man scheidet, dann erst soll man ja wissen, wen man zu Hause lieb hat; und, die Kinder und die alte Anna ausgenommen, kann ich mich auf Niemand besinnen! Aber der Baronet, der keinem Menschen etwas Gutes zutraut, der allen noch so braven Handlungen lauter Eigenliebe unterlegt, muß ich, ich ihm nicht seine frevelnde Ansicht bestätigen? Aber der arme Mann soll von seinem einzigen Freunde schwer betrogen worden sein; auch hat er keine Kinder, und solche Menschen wissen niemals recht, was ihnen fehlt. Doch Lady Theano -- -- o Gott, was hilft es mir nun Zeit meines kurzen Lebens ehrlich gewesen zu sein, wenn ich nun ein Landläufer, ein Dieb geworden bin? Ja ja, ich verdiene nach Bontanybai exportirt zu werden! Aber endlich komm' ich einmal wieder! und wenn auch mein Amt schon besetzt ist, wenn Marion lange den langen Daniel geheirathet hat, so will ich doch wieder meinen Ehrenplatz in den Herzen einnehmen, und die Kinder sollen nicht länger als den ersten Tag mit Fingern auf mich weisen! -- Ich verfaßte daher einen Aufsatz, Inhalts: daß ich nur »durch ein Versehn« nach van Diemensland »gereiset« sei, und bat den Steuermann Mstr. Crabbe, den Capitain York und den Stewart das Zeugniß zu unterschreiben, was sie willig thaten.

Es war mir ordentlich ein Stein vom Herzen, als säh' ich ihn mir als eine Ehrensäule aufrichten, als ich das Blatt zusammen faltete. Nur der Gedanke peinigte mich noch, daß der Fähndrich Daniel nun Marion, ohne Geld, nicht heirathen werde! Es soll sogar Menschen geben, die eine Frau bloß um ihres Geldes willen nehmen, besonders Lieutenants. Aber die Weiber wissen, daß sie mit dem Gelde Eine Person ausmachen, und sind guter Dinge, wenn sie nur welches haben; und wo ihr Schatz ist, da ist auch ihr Herz. Vielleicht aber ersetzt ihr Lady Theano die verlorene Ausstattung! Denn sie selber ist unglücklich, und empfindet also Unglück. Sie ist so gut wie schön, und hat ein weiches Herz. Hat sie doch 10,000 Pfund, sammt anlaufenden Interessen, für den Wiederbringer ihres einzigen Kindes niedergelegt, und bringt gleichsam die Bill alle Weihnachten vor das Publikum, wie Wilberforce die seine in's Parlament -- Doch konnt' ich mich den ganzen Tag nicht freuen, und auch die Nacht that ich kein Auge zu; ich schlief auf dem Fußboden, mit Kaputzen zugedeckt: denn alle Betten waren besetzt.

Wie der Herr aber auch für einen Schulmeister sorgt, davon bekam ich am andern Morgen einen Beweis; denn das Essen und Trinken auf Borg schmeckt ehrlichen Leuten bitter. Capitain York hatte meine, nun ja, saubere Handschrift in dem Zeugniß gesehn; er hat seinen jüngsten Bruder William bei sich, und Stephan, den Sohn seiner Schwester, einer steinreichen Plantagenbesitzerin. Diese sollt' ich unterrichten. Um richtig eingreifen zu können, examinirte ich die Knaben in seiner Gegenwart. Ich fiel auf die Zahlenlehre, und fragte William: Wie viel sind 3 Aepfel und 4 Birnen? -- Das ist schon summirt! sagte er. Ich freute mich. Dabei wollt' ich wissen, ob er in der Pflanzenkunde einen Anfang gemacht, und fuhr fort: Ich dächte nicht! ich glaube es sind doch Sieben -- aber was? -- Aepfel! sprach er; die Birne ist eigentlich ein Apfel: malum-pyrum. -- Was ist sie denn aber uneigentlich? fragte ich weiter, um ihn auf das nichts bedeutende Wort »eigentlich« aufmerksam zu machen, und so mich in das Stilisticum zu spielen. -- Uneigentlich? wiederholt' er -- je nun: eine Birne! -- Ich freute mich reichlich, und gab ihm die Hand; der Capitain lobte mich ganz unverschuldeter Maßen. Nun nahm ich meinen Stephan vor, größer zwar als William, aber dick und stumpf und aufgeblasen. Mein Stephan! fragt' ich, in welches Reich der Natur, als Mensch, gehörst denn Du? -- Ins Steinreich, erwiedert' er stolz. Der Capitain lachte laut, und sprach: das kommt daher, daß ihm seine Mutter immer gesagt hat: er sei steinreich! Aber es ist gut, daß ich mich daran erinnere. Für die 6 Monat Unterricht auf der Reise soll er Euch gut bezahlen, Herr Lambton, und zwar so viel, daß Ihr auch die Rückreise an ihm verdient. Die Meister sind rar auf der See, und was rar ist, ist theuer. -- Wer war froher als ich! »Ihr sollt vom Evangelium leben« beruhigte meine Bedenklichkeit; nur dem Ochsen, der nicht drischt, soll man das Maul verbinden; aber mein Gott, ich wollte ja dreschen! -- Nun war mir geholfen! Wenn ich einmal wiederkomme, bin ich ein berühmter Schulmeister, Victoria! Denn wer nur etwas Gescheidtes gesehn hat, den hält man selbst für gescheidt.

Auch ein Bett bekam ich durch ein Paar lange Beine des einen Herrn; denn in dem kaum zwei Ellen langen Kasten, der wie für ein Faulthier, einen Siebenschläfer, höchstens für einen jungen Waschbär, eingerichtet war, -- in dem Bett, so zu sagen, waren dem Herrn die Füße ganz verstarrt und eingeschlafen, daß er sie lange Zeit gar nicht wieder aufwecken konnte. Er war ganz erbost, und wußte nicht mehr, oder wahrscheinlich vorher schon nicht: _wo_ er zu lang sei, ob unten? wie ihm jetzt vorkam, oder oben? wie ihm aus den Beulen schon vorgekommen, die er sich in den niedrigen Räumen an Thürstöcken schon an die Stirn gestoßen. Wer kann seiner Länge eine Elle _abnehmen!_ sagen _die Großen_, sprach er; und der Zwerg muß sagen: wer kann _seiner Elle_ eine Länge zusetzen. --

»Ich habe meine Beine abgeschnallt!« rief ein invalider Offizier in die Scene. --

Sie Glücklicher! rief der Leidende. Ich bot ihm aus Mitleid einen Tausch an. Mit Freuden acceptirt. Er bettete sich also auf den Fußboden, und ich an seiner Statt. So sorgt der Herr durch Alles aufs der Welt, es habe Namen, wie es wolle. Ich aber pries in besagtem Kasten mein Schicksal, wenn die Wellen kaum einer Hand breit vor meinem Ohre vorüber gluckten, wenn ich an die armen Haifische und Hammer dachte, die in dem ewig-dunklen kalten Meeresgrund ihr Haupt hinlegen müssen auf Felsen wie auf Amboße, die nirgends hin und nirgends her fahren in ihrem Irrsal -- da ist doch ein Schulmeister eine ganz andre Person! Das Schiff, das edle Thier, man möchte es »Herr« nennen, wie ein Reitknecht sein Pferd, das Schiff war auch für mich erfunden! Der Magnet, die Sternkunde, das Fleischeinsalzen, die edle Leinwandweberei, kurz Alles, Alles, seit Thubalkain; und Cook kam mir nur vor, wie der Rabe Noah's, der mir Land, van Diemensland gesucht! Tausend Menschen _zusammen_ vollbringen fast tausend Mal mehr, als tausend _Einzelne_. Ein Mensch hätte noch nicht den Thurm zu Babel fertig, und wenn er 6000 Jahr vor Erschaffung der Welt angefangen hätte, Ziegel zu streichen, trotz dem, daß keine Sprachverwirrung bei ihm möglich war! Wie dumm wäre nur Ein Mensch, so groß und dick mit ungeheurem Kopfe, aus allem dem Stoff aller Gebornen zusammen seit Eva's Zeit; wie dumm wär' er noch, wie Stephan oder der Stephansthurm; doch einmal von weitem sehn, wie eine Wasserhose groß, möcht' ich ihn wohl, oder wie den einen Mann im Monde. -- Und daß die Menschen sterben, das ist erst das Wahre! da erben die Nachkommen immer Verstand, Kunst und Wissen, wenn es wahr ist; denn der Tod macht Alles offenbar, das ist unbezweifelt. -- Das waren so meine Gedanken. Ich wunderte mich ordentlich, wie sich mein Kopf aufthat; aber auf Reisen muß man klug werden, man mag wollen oder nicht. Selbst Stephan, der nicht will! Ich will ihn schon lancastern!

* * * * *

_Ibidem_, den 1. Mai 1819.

Mein Gott, wie ist doch Alles anders, wenn man es _sieht_, als wenn man es sich _einbildet_. Mitten auf dem Meere ist man bloß, wie auf einem großen blanken silbernen Teller, es kommt Einem kleiner vor, wie ein See. Und wie abgesondert lebt man! Morgens keine Schule, keine Zeitungen aus London mit Nachrichten aus der ganzen Welt; Sonntags keine Kirche; Abends kein Clubb! Früh baut die Sonne ihren Silbersteg, Abends zieht sie ihn wieder ein, wie eine Schiffbrücke, wie die Schnecke ihre Hörner. Und daß man die Sterne in dem immerbewegten Meere sähe, kein Gedanke! Eine Wolke, ein fernes Schiff mit den Augen verfolgen, das ist Alles. Und doch wie schön! wie innig und heimlich! rein abgeschieden von allen Menschen, aller Kunde ihrer Sorgen und Plagen zu reisen, und wie bequem! -- Man steht auf, und unter dem Anziehn ist man zwei Meilen gereist; man frühstückt und -- reiset; man ißt zu Mittag, geht spazieren, sitzt, ja man geht zu Bett und schläft, und reiset und reiset! Und _wie_ besonders? der Weg ist nicht Eisenbahn noch Eis, sondern Wasser; die Wegweiser brennen am Himmel; die Rosse sind unsichtbar, und doch geht es sausend fort!

Mein Casus hat gemacht, daß ich nur lauter freundliche lächelnde Gesichter sehe, wie Alles die Kinder anlacht. Früh und Abends gehn wir spazieren um die Mastbäume, in geschlossenem Kreise, ohne Rang, wie an der Tafelrunde; und doch ist ein großer Unterschied. Aber was doch die Deportirten für hübsche Leute sind, ganz wie _andre_ Menschen anzusehn, wohl angezogen und gesprächig! Wenn ich es nicht sähe, ich glaubte gar nicht, daß sie ausgesetzt würden, aller Güter der Gesellschaft verlustig. Manche können ihr Handwerk nur noch nicht gleich vergessen. Ich hörte eines Abends ein Gespräch: »Man wollte uns nicht einsperren,« sagte der Eine; wir sollten frei sein, aber man giebt uns eine schöne Probe! Das Schiff ist das elendeste sicherste Gefängniß: keine Thür, kein eisernes Gitter, keine Kette an Hand oder Fuß, es wehrt es Einem Niemand, sich hinaus zu bemühen, und doch kann man nicht fort! Da lob' ich mir ein Stockhaus, das bleibt auf einem Flecke -- man hat Freunde, man hat Gehülfen da draußen! Der Sturm hole den Wind, der uns hinführt, wo wir nicht hin wollen! --

Ja, ich möchte auch lieber Zeit Lebens so herumschwimmen, als dort arbeiten! so elend es zu Schiffe ist, das unendliche ewige Bowling-blew ohne Bäume umher, sagte der Andre, von dem Steinkohlendampf noch, ganz abgesehn, oder abgerochen. --

Sieh nur, wie dunkel es ist! sagte der Dritte; Schade um die rabenschwarze Nacht! Hui, wer eine Meile von London jetzt auf dem Klepper säße und die Post rasseln hörte -- Jammerschade! --

Andere spielen hier noch um Kreidestriche falsch, und betrügen einander um Nasenstüber. Kurz es ist ein Seidenleben unter den Menschen, und ich sehe deutlich, daß nur ein weites Exil vor Vertrath und Rache sichert. Vor Allem gefällt mir der junge Maler. Er sieht aus, wie der Engel der Verkündigung, und ich glaube, jede Jungfrau würde ihn gern verkündigen hören. Denn er sieht aus, wie die leibhafte Liebe oder Schönheit, ja wie beide verschmolzen. Wenn Alle laut sind, und Er kommt, werden sie still, die Frauen blaß, die Männer roth; er schnürt ihnen gleichsam das Herz und siegelt die Lippen zu. Schöne Menschen sollte man zu Lehrern und Priestern wählen; ja sogar, was man sagt: _pressen_, und das aus allen Ständen ohne Gnade, wenn der Vornehmste nur die zum Schulmeister erforderlichen Kenntnisse und Tugenden besäße; schon bei den Persern mußte der König der Schönste sein! -- Er lehrt still durch seine bloße Gegenwart, und da er fast gar nicht spricht, bleibt er bei seinem Respect. Klug! -- Unter Tigern ist der Wolf das Lamm, und das Lamm, so zu sagen, ein Engel! und doch ist er ein gefallener Engel! Es ist mir ein Räthsel, was kann Er verbrochen haben? er heißt Clarke.

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_Capstadt_, den 30sten Juni 1819.