Part 12
Sir Samuel, Tydal, Roßborn und Patrik begleiteten uns in das Schiff; Mistriß Clara führte die weinende, nur zur Erde sehende Lisanna. Der Maler Clarke, ihn noch einmal so zu nennen, gab mit zum Andenken für mich und Lisanna eine kleine Mappe mit Ansichten von Hobarttown und Sir Samuel's Besitzungen, dem Park und den Weideplätzen. Der Schalk, der bucklige kleine _Hobday_, brachte mir selber die getrocknete Haut von dem armen Ziegenbocke mit nunmehr ihren, nicht seinen großen herrlichen Hörnern »weil er _ausgemeckert, ausgestoßen_ hat« wie er sagte. Die gute _Ofa_ brachte mir heimlich auch meinen _Rinderhirtenstab_, den ich küßte! Und was, was that mein Lambton da, aus Ueberstürzung von seinem genossenen und verlorenen Glück -- -- er küßte Ofa dazu! Die einzige, erste und letzte Ueberraschung, die _meinem Lambton_ je geschehen! -- Aber er weinte dazu -- und unter reinen andächtigen Thränen geschieht nichts Arges. -- Und war er nicht ganz voll Thränen? Hatte nicht Homer, wie von der heißen und kalten Quelle, von seinen Augen gesagt »er weinte mit einem Auge süße Thränen mit dem anderen bittere.« Ja bittere! Denn wem sein Vaterland zum Unglücksort werden soll durch dumme -- verzeihe mir Gott -- Menschen, wem sein Vaterland schlechter, verwünschter sein soll als ein, wenigstens freies Verbrecherland, der möchte wohl aus einem Auge sogar Göttergalle weinen, aus dem andern vom zerrissenen Herzen heraufstürzendes Herzblut.
Doch, was red' ich von mir! Ich verging fast ganz und gar in meine blasse ernste _Lisanne_, die sich in eine fremde Gestalt, in _Elisa_ verwandeln sollte, und leis verwandelte, aber ihres Lebens Kern und Gehalt in die neue Gestalt mit hinüber nahm, ihre Liebe! Ihre Liebe zu mir. Wie ihr aber dabei zu Muthe war, das träumt nur eine Chrysalide, sogar meine Liebe nicht aus. Die herzige Talo war untröstlich von ihrer Gebieterin zu scheiden. Sie mußte zurückgeführt werden. Doch litt sie es nur bis hinter die ersten Gebüsche -- um doch nachzusehen!
Am Ufer umgaben uns Matrosen aus Capitain Yorks Themis, die noch ausgebessert ward. Manche von ihnen hatten sehr anziehende, aber nur nothdürftig angezogene malayische Weiber mitgebracht, ihre schwarzen Haarflechten mit rothem Ocker gepudert. Herr Patrik schalt die Matrosen: Weiberräuber! »_Wollt Ihr Europäer nur Europäer für Menschen ansehen_, denen Ihr Rechte schuldig seid, aber in allen andern vier Welttheilen macht alle Welt was sie will? Man kann auch Leuten Unrecht thun, die kein Gesetz haben, die uns nicht vor dem unseren belangen können. Aber das ist eben das himmelschreiende Unrecht! Ist nicht Ulimaroa und alle Welt so gut doch wie Neuseeland, wo für jeden Raub, jede schlechte Behandlung im _voraus Caution_ gestellt werden muß? Doch man glaubt das nicht im Hause, wie es in der Welt zugeht!« Die Weiber starrten ihn an, die Matrosen schlichen sich fort. Das schlägt in mein Fach, sagte Roßborn, ich werde mit dem Gouverneur sprechen. -- Wir waren indeß eingestiegen, der Anker war aufgezogen unter dem taktmäßigen Geheul der Matrosen. Da kniete im Sande des Ufers noch ein alter Mann, der seine Zeit der Verbannung ausgestanden. »Ich habe nichts verdienen können, ich war fast immer krank!« rief er zum Capitain; »ich kann England nicht bezahlen, und mein Weib, und meine Kinder möcht' ich doch nur noch einmal sehen in dieser Welt.« -- Ich fühlte nach den 100 Pfund der Marion, auch die Interessen, die ich mir erübrigt hatte, waren dabei. Aber es rief in mir: nicht Unrecht thun und könnt' ich der ganzen Welt die Heimkehr erkaufen! So straft' ich mein blutendes Herz. Lisanna zählte ihr armes Beutelchen durch. Immer kniete der Mann das Schiff noch an, wie der erste Mexikaner das erste Roß. Sir Samuel nahte ihm sanft und schob ein kleines Blatt in seine Hand. Endlich sah der Alte es in seiner Verzweiflung an, erkannte die Banknote, sprang auf, um nach dem Schiffe zu stürzen, aber that mit einsinkenden Knieen immer kürzere Schritte, bis er lang hinfiel, und doch nicht aufstand, und still war. Und so blieb er, als man ihn umwandte; denn die Freude hatte ihn getödtet. Er hielt die Banknote noch immer in seiner Hand. Patrik segnete ihn ein, daß wir Alle weinten von seinen Worten, dann nahm er sanft und selber weinend das Blättchen von ihm, gab es Sir Samuel zurück und sprach: »Der Himmel wird Euch danken; denn _dahin_ habet Ihr ihm die Ueberfahrt bezahlt! Er ist im Vaterlande! Grämet Euch nicht, daß Ihr so gewirkt. Wir Menschen wissen nicht, was wir ernten, nur was wir säen; nicht _was_ wir thun, nur _wie_ wir thun.« -- Sir Samuel nahm die Banknote, legte noch eine dazu, und übergab sie Herrn Roßborn, der sie dem Capitain übergab für _Weib und Kinder_ des armen Seligen, der auf dem Rücken liegend, so unbeschreiblich in den blauen Himmel hinauf lächelte, als lachten ihn sein Weib und alle seine Kinder an, ja selbst der göttliche Vater, wie die stille Sonne.
Durch seinen Anblick schieden wir Alle ernster und gefaßter, und nur still weinend; und indeß unsere Blicke an den hohen Platanen und Cocospalmen um Sir Samuel's Wohnung hingen, wandte sich das Schiff aus dem Derwent um das Vorgebirge nach Morgen, und Hobarttown verschwand allmälig immer weiter in die Bai geschoben, wie Kinder langsam ihre bunte Stadt zusammenrollen. Dann zerschmolz gleichsam die nächste Küste im Meere, der niedrige Gürtel Heidelandes; dann die höhere Ebene mit ihren Eichenwipfeln bis an die Hügel; dann auch die ewiggrünen Hügel, die Berge, der letzte schneeige Gipfel. Dann sanken die Wolken am Horizont herab, und deckten das Land zu; und wie wir von ihnen herauf höher und höher bis zu denen sahen, die über uns hoch in der Bläue schwebten, erhoben sie unsre Gedanken zugleich in den Himmel. Während uns so van Diemensland, das Land ohne Mißwachs, ohne Ueberschwemmung, in ewigem Ueberfluß, wie das Paradies untersank, stand Doctor Toland mit dem Capitain der Argo zurückgewandt und sprach: »Ein Land für tausend Städte und hunderttausend Dörfer! und hat nur zwei bis drei! Wenn man sieht, wie ich gesehen habe, daß aus Mördern und Räubern sich und andern nützliche Menschen werden, ja sittliche, welche durch Warnung und festen Sinn sogar ein besseres Geschlecht erziehen, als andere Eltern, die theils nicht wollen, theils nicht können, und selber gemächlich, gemächliche Menschen der Welt zum Glück oder Unglück überlassen, so dächt' ich: es wäre doch Schade, wenn man sie gehangen hätte, oder Andre, die thaten, wie sie, und wie ich. Der Mensch ist doch keine Maschine, die immer dasselbe thun muß, bis sie zerbricht. Der Todtschläger keine Guillotine; der falsches Banknotenmacher keine Kupferstichpresse; der Dieb kein Rabe, wie Patrik sagt, sondern es sind gerade die ärmsten unglücklichsten Menschen, die gleichsam in der sinkenden Wagschale der Fortuna stehen, damit die Andern oben schweben.« -- »Am Ende wird man noch jeden, der einen Frevel begangen hat, beklagen, trösten, beschenken und lieben sollen!« entgegnete ihm der Capitain. -- »So ungefähr mein' ich's! versetzte Doctor Toland, und so meint es unseres Königs Majestät. Wie viele sind zuvor nur in 20 Jahren in England hingerichtet worden! wie viele in ganz Europa! -- alle nach dem Gesetz, aber nicht durch das scharfe Gesetz, sondern durch _scharfe Richter_. Gewiß eine halbe Million Unglücklicher mit Weib und Kindern, welche, statt sich selbst ohne Nutzen und der Welt zum Gräuel -- wenn sie ihn empfindet -- zu Grunde gegangen zu sein, jetzt schon die hundert Städte van Diemenslandes mit einer Million ehrlicher Leute erfüllen würden! O! was ist den Völkern heilsamer, als die unbeschränkte, über allem Gesetze waltende Macht, die sie unbeschränkt _liebt!_ Gott segne die Monarchen, die nicht am Historischen hängen, sondern an Gott, bloß an Gott.« -- Die Thräne, die ihm dabei im Auge stand, war gewiß Cleopatra's Perle werth, ja alle Perlen in allen Kronen.
»Ich will nicht nach Europa!« bat Lisanna, sich fest an mich schmiegend, und einen ängstlichen Blick nach Morgen richtend.
Ist Toland nicht auch aus Europa, und Er ist ja ein Menschenfreund, und dort sind ihrer noch viele, wenn sie auch nicht Toland heißen! tröstet' ich sie.
Und Lisanna sprach beschämt: und Du ja auch, Lambton und Sir Samuel, und die gute Russel! Gott segne sie! Und Du ziehst ja mit und Doctor Toland.
»Zieh nur hin, mein Kind,« sagte er; »dort ist Alles prächtig, Alles spricht schön, dort sind Millionen Kirchen, die zum Ersticken voll sind alle Sonntage, und man betet dort das Vaterunser zu Dutzenden in einer Viertelstunde.« --
Lisanna freute sich holdselig, und lächelte vor sich hin. Und ich, der ich mich schon vor englischer Rang- und Titelschaft genug zu fürchten hatte, sprach in mir leise: o selige Unwissenheit!
* * * * *
Steinkohlenwerk _Aloa_, in Südschottland, den 1. Advent 1820.
Dießmal segelten wir nach Morgen, der Passatwinde wegen, in die Heimath. Zuerst um Südcap auf Tawai-Poenamu mit seiner Bergkette und dem Pic Egmont, frei, hoch und schön, wie -- Egmont. Dann um Cap Horn. In Rio Janeiro, wo wir acht Tage lang gleichsam Mittag machten auf unserer Reise, war Elisa krank, aber nicht seekrank, sagte mir Doctor Toland, nicht von Amphitrite, sondern von Aphrodite. Ach, ach! Ich war beständig um sie, und sahe auch hier wiederum nichts von allem Schönen -- als Sie! Ach, und alles Andere konnt' ich vielleicht wiedersehen, immer sehen -- Sie hatt' ich ja nur, so lange das Schiff uns trug! Ich wünschte, die Fahrt dauere ewig; ewig daure die Hoffnung, nach dem Vaterlande zu steuern, und nimmer anzukommen; wie man von bezauberten Schiffen erzählt, die endlos auf dem Ocean umhersteuern, voll Freunde, die nie sterben. Sonst hatten wir keine Beunruhigung als von den Ratten, für welche der Stewart, wie er sagte, eine _Lectüre_ hinlegte, um daran zu lecken und einzuschlafen.
Aber was mußt' ich von Doctor Toland hören, dem Menschenfreunde! Der Capitain fragte ihn eines Tages, ob er in Hobarttown nichts von der Geschichte gehört, die sich in London zugetragen? von einem Doctor, Apotheker und wüthigen Hunde? Toland ließ sich erzählen, daß ein junges Weib von einem läufischen Mops leicht geritzt worden sei, und daß sich darauf selbst bedenkliche Folgen gezeigt. Der Doctor, ihr Mann, habe vergebens die bekannten Mittel dagegen angewandt, und daher den Wirth seines Hauses, einen Apotheker, um das Arcanum gebeten, weßwegen dieser eben mit der Regierung um eine große Leibrente in Unterhandlung gestanden. Der Apotheker habe es ihm zu geben verweigert, um es durch seine, dem Doctor leicht erkennliche Substanz nicht zu verrathen. Der Doctor habe an den Sheriff geschrieben, um den Apotheker zur Herausgabe des Mittels zwingen zu lassen. Dieser aber habe geantwortet: »das Gesetz kann keine sittliche Handlung gebieten, noch alle unsittlichen verbieten; Ihnen nach ist nur _das_ Pflicht, was sie erzwingen können; unrecht und ungesetzlich ist daher zweierlei. Der Apotheker kann nicht gezwungen werden; auch kein Doctor.« -- Aber zwingen kann er! habe der Doctor gesagt, den Apotheker mit dem Mops in Ein Zimmer gesperrt, in welchem er ihn zur Beobachtung aufbewahrt. Von dem nun auch verletzt, habe der Herr Apotheker endlich das Recept für sich und des Doctors Frau gemacht, es ihr selbst eingegeben, was ihm gleich hätte einfallen können, und Apotheker und Frau leben heute noch. Der Apotheker aber habe geklagt, und sei als »unschuldig« freigesprochen, der Doctor aber nach Hobarttown deportirt worden. -- Haben Sie den Doctor nicht etwa gesehen? fragt er. »Der Doctor bin Ich!« sprach Toland lächelnd. Der Capitain und, wir Andern traten einen Schritt von ihm weg. Er aber sagte mit Nachdruck: »Nur aus Pflichten, die sich auf menschliche, körperliche und geistige Anlage gründen, kann das Haus ein Gesetz machen; und das soll das Haus aber auch. Sittliche Freiheit besteht darin, das Gute _nicht_ thun zu können, Tugend darin, es zu _wollen_, und bürgerliche Freiheit darin, es thun zu _dürfen_. Aeußere und innere Gesetzgebung sind daher Eine und dieselbe, obgleich die äußere, das Gesetz, nur die bürgerlichen Pflichten des Menschen gegen seine Mitbürger in Betrachtung zieht und wägt. Aber die Sittlichkeit, die einzig göttliche Kraft der Religion, ist die Quelle _aller_ Pflichten, auch derer, die ich im Gegensatz adlige trennen möchte; und jeder Gesetzgeber im Hause muß die Gesetze aus _ihr_ herleiten, sie immer vor Augen und im Herzen haben, bei Beurtheilung und Unterlegung von Handlungen unter das Gesetz. Denn Sittlichkeit und Unsittlichkeit erscheint auch schon in äußeren Handlungen unverkennbar. Zu diesen äußeren, hülfreichen, mit Einem Worte, guten Handlungen muß auch das Haus zwingen können, auch schon als bloße gemeinschaftliche Sicherheitsanstalt. Denn es ist einerlei, jemanden ermorden, oder nicht das Leben retten. Der Hauptzweck des Hauses aber muß sein, eine sittliche Ordnung einzuführen; das ist Gottes Wille, darum Volkswille. Auch das Strafrecht nimmt sich ja schon die Freiheit, auf die Triebfedern zu wirken. Wer aber den Menschen in die Seele greift, der braucht ihnen nicht in den Arm zu greifen; wo die sittliche Ordnung herrscht, kann die bloß rechtliche, auch Kirchen-rechtliche aufhören, hört mit jedem Gebildeten auf, und hat bei Vielen schon aufgehört.« -- Der Capitain warf ein: »das Haus trägt aber nicht die Schuld, daß wir lieben Menschen noch nicht so gebildet sind, das Gute aus freiem Willen ohne Gesetz zu thun« -- -- »das Böse nicht ohne Strafe! wollen Sie sagen;« unterbrach ihn Doctor Toland. Der Capitain fuhr fort: »und wenn wir keine das Gute gebietende Gesetze haben, so liegt es daran, daß sie sich höchstens geben, lehren, verbreiten lassen; aber Sie wissen ja, es fehlt das eilfte Gebot, die _Kraft_ und der _Zwang:_ du sollst die zehn Gebote halten!« --
Ich, als von geistlichem Stande, der von dem Hause im Collegio Stipendien genossen, nahm aus Dankbarkeit nun das Haus in Schutz, und sprach endlich auch mit darein, also: das Gesetz, welches das Gute gebietet, ist da! es ist Religion! und da es eben so viele Geistliche, Pfarrherrn, Schullehrer und Vicare giebt, als Richter und Polizeimeister, für welche das Haus sorgt, und die geistlichen Rechte für die höchsten hält, so ist das Haus entschuldigt!
-- »Ich entschuldige auch das Haus!« schloß Doctor Toland. »Nur daß es trennt, was es zusammennähen sollte, ist der Fehler. Die Religionsgesetze sollen die Staatsgesetze allein, und ganz allein sein, was man noch nicht einmal versucht hat! Das Haus soll nicht unterscheiden: Religion und Recht, sondern Wollen und Thun. Das Thun aber wenigstens muß gleich sittlich sein, und nicht nach dem Recht, dem todten Buchstaben des Gesetzes, sondern nach dem lebendigen Wort gerichtet werden, wie es aus ihm geboten ist. Wenn Einer von uns beiden nach Botanybai wandern mußte, so war es -- der Apotheker! Dixi!« -- Dabei kehrt' er sich um. Der Capitain raunte mir in's Ohr: er glaubt gewiß das Hosenband verdient zu haben für seinen Apothekerzwang! Der ist von der Pfahlwurzel der Radicalen! ein Unverbesserlicher, der glaubt, er denke und lebe recht.
-- So Gott will! seufzte ich aus tiefer Brust. Wie Gott will! --
Ich sah eben England! und konnte nichts als weinen, weil ich da meine Lisanna verlieren mußte! Wir segelten an der Küste hinauf bis an den Meerbusen von _Forth_, in den Hafen von _Aloa_. --
Im Gasthause schrieb Doctor Toland sogleich einen Brief an Sir Horazio, den Baronet, nach Rowlandhill; und ich überschickte heimlich Marion sogleich ihre 100 Pfund nebst Interessen 6 pro Ct. richtig, nur mit der Bitte, es Niemandem zu sagen, bis ich entschuldigt wäre in Aller Augen. Denn, daß man selbst eine Pflicht nachholt, giebt uns gerade den Schein einer Pflichtverletzung. Ich war freilich ein besserer Bote nach dem Tode, als nach Gelde, doch ein ehrlicher, der nur einen kleinen Abstecher von 18,000 Seemeilen gemacht. -- Sir Horazio antwortete, daß er nach Aloa kommen würde, und bestimmte den Tag.
Je näher nun dieser rückte, je ängstlicher ward mir; ich hätte mich lieber in die Erde verborgen! Und so that ich auch wirklich. Denn als Elisa, Toland und ich, uns die ungeheuern Steinkohlengruben besahen, welche 2000 Fuß tief sich unter dem Schwalle des Meeres hinausziehen, faßt' ich den Entschluß, mich zur Ruhe zu setzen und Steinkohlen zu graben. Meine Schulmeisterstelle war besetzt; an andern Orten fehlten mir die Gönner; ich schämte mich vor allen Menschen, aber am meisten Sir Horazio und Lady Theano vor Augen zu treten, deren einzige Tochter ich so herabgewürdigt hatte. Aber hier unter der Erde und unter dem Meere zugleich, mein Schachtlicht vor der Brust, wußte ich nichts von der Welt und ihrem Geräusch und Treiben -- nicht, ob über mir Schiffe fahren im Sonnenlicht oder im Mondenschein, ob der Donner rollt, Blitze ein Schiff zerschmettern, ob es sinkt und versinkt über meinem Kopf -- mich kümmert es nicht, mich trifft es nicht -- unwissend sing' ich mein Abendlied, und verdiene mir morgen es wieder zu singen! Ach, wäre ich nur eher hierher gegangen, als nach Hobarttown! Wie selig könnt' ich hier leben! -- Doch war es hier noch am besten; ich ließ mich zu der Arbeit dingen und verschwand den Tag vor Sir Horazio's Ankunft. Denn die letzte Nacht fragte Elisa mich noch, so ganz im sorgenlosen Flusse des Gesprächs: »wie ich wohl würde einen Knaben nennen?« und ich sagte, nichts ahnend, und wie einen Spruch betend: »Er soll Aeneas heißen!« -- bis mir die Frage auffiel, centnerschwer. Nun war kein Bleibens mehr! Ich schied selbst ohne Kuß von ihr -- ohne mehr sie anzusehen. Das war ein Jammer! -- Nun Gott segne Sie, Sie! für sich und mich, für Sir Samuel und die Russel! für Horazio und Theano, für die ganze Welt! -- Das fleht' ich im Fortwanken und Weinen. Wo ich hinging, hatte ich auch dem Doctor Toland verschwiegen. Nur bat ich ihn, mir Nachricht zu geben von Lisanna, vom Ausgange der Schlacht des Weibes, wie Euripides sagt, -- und ließ ihm meine Adresse. Denn eines Tages, als ich mit Lisanna die Stadt, ihre Glas-, Tauwerk- und Segeltuchfabriken und die Schneidemühlen besah, traf ich den alten Kleinhändler Oldham aus der Taverne im Hafen zu Portsmuth, hier an seinem Wohnorte wieder an. Er erkannte mich, führte uns in sein Haus, zeigte mich seiner Frau, und dankte mir, daß ich ihren Augen hätte geholfen, den Staar stechen! Ich verneinte das; er bejahte es und erklärte, daß ein geiziger Arzt es nicht habe umsonst, noch auch nur ein Auge um weniger Geld als seine Taxe, thun wollen; darum habe er die Häfen durchstrichen, wo die Matrosen gewöhnlich das Geld wegwerfen, um es nur los zu werden. -- So waren meine Leidenthaler Freudenthaler geworden! Nun wußte Lisanna, was ich damals selbst nicht wußte. Diesem dankbaren alten Oldham entdeckt' ich nun auf sein Gewissen, wo ich zu finden sei; und an diesen wies ich den Doctor Toland, den Menschenfreund, wenn er mir einmal schreiben wolle. Dazu lacht' er nur, und sagte: Wir müssen uns freilich trennen; wir werden Euch aber schon zu finden wissen! Gebt die Adresse! Gedenkt an Euere Zeilen von der Geduld, und kommt uns ja nicht nach! --
Das war doch gewiß keine Einladung, mit nach Rowlandhill zu gehen, noch Sir Horazio abzuwarten! Er zwingt ja sonst die Leute zum Guten, also muß es wohl etwas Böses sein, daß ich dort erscheine! Aber hat doch Elisa die große, wundervolle Gruft gesehn, worin Ihr Lambton sich selber beigesetzt! Doch ach, Ich lebe! und Sie unter dem Himmelsgewölbe ist für mich todt! Ich kann mich gar nicht mehr satt an dem Morgenstern sehen, wenn ich meine Nachtschicht abgefahren habe und hinaustrete unter das Firmament, und wenn Er mich noch immer ansieht, wie damals an Lisanna's Seite! Mstr. Oldham hatte ein Lied unter seinen Liedern »Der Morgenstern,« das ich einsteckte. Das Lied spricht mir ordentlich aus dem Herzen, und das sollen die besten Lieder sein, die allen Leuten gleichsam aus dem Herzen sprechen und singen. Das Lied sing' ich dann in der Frühe:
Die Sterne thaten überaus geschäftig, Sie regten sich, und hatten ihr Begehn, Sie blinkten gar so silbern, frühlingskräftig; Doch ach, wer hatte Zeit hinauf zu sehn? An Ihrer treuen Brust so treu geborgen Verweilt' ich bei ihr, lang' und gern; Drauf scheidend, brannte nur im Purpurmorgen Der Morgenstern.
Sind nun die Sterne wieder so geschäftig, Da mein' ich, müßt' ich wieder zu ihr gehn! Sie blinken ja so silbern, frühlingskräftig, Doch ach, nun hab' ich Zeit hinauf zu sehn! Die treue Brust, die mich so treu geborgen, Der holde Geist ist ewig fern! Und weinend findet mich am Purpurmorgen Der Morgenstern.
Und thut der Stern so überaus geschäftig, Und regt er sich, und hat er sein Begehn, Da mein' ich holdgetrogen, liebekräftig: Ich war bei ihr! ich habe sie gesehn! -- »Du hast sie jetzt gesehn!« so raunt's verborgen -- Dann seh' ich Sie! und seh' so gern: Sie ist's! das schöne Licht im Purpurmorgen: Der Morgenstern!
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Steinkohlenwerk _Aloa_, am heiligen Dreikönigstage 1821.
Gestern brachte mir Mstr. Oldham einen Brief von Dr. Toland in den Schacht; und ich las ihn entfernt von den andern Arbeitern in einer Seitenhalle bei meinem einsamen Grubenlicht. Den Brief muß ich eintragen, und schreibe also Folgendes noch einmal selber an mich.
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Schloß _Rowlandhill_, Neujahrstag 1821.
Guter Lambton!