Die Deportirten

Part 10

Chapter 103,373 wordsPublic domain

Da ging die Thür auf, und blieb offen stehn, es schallte Gescharr und Wirwarr herein. Was war zu sehn? -- Hobday hatte Crabben vorher schon weggewinkt, und Crabbe wiederum Stephan und William. Und wahrlich nunmehro ganz zur Unzeit brachten sie lärmend den von den Lichtern geblendeten stutzigen Bock, als Sieger bekränzt, hereingeführt und nachgestoßen an unseren Tisch, wo ihn jeder besah, am Barte bezupfte und mit Dessert fütterte. An Mistriß Distreß stieg er, unter einem lächerlichen Hurrah! auf die Hinterbeine, und ließ sich ihren Blumenstrauß schmecken. In dem Aufruhr schlich ich in die Küche, wo Lisanna beschäftigt stand, ein Häutchen aus einer Eierschale zu schälen. Schweigend sah ich der Schweigenden zu. Kein Wort, kein Blick. Dann trat sie vor mich, strich mir die Haare aus der Stirn, und ein wenig auf die Zehen gestellt, legte sie mir es auf, mit einigem sanften Schlagen wohl mehr als nöthig war. »Das hätte eigentlich gleich geschehen sollen!« sprach sie. Ich aber, um indeß nicht die Hände steif am Leibe hinunter zu halten, und die schlank Ausgedehnte im Gleichgewicht zu erhalten, daß sie mich nicht berühren müsse, nicht an meine Brust antreffen -- legte meine Hände sanft in ihre Seiten, hielt den Athem an, und schloß die Augen. Aber ich fühlte doch Ihren Hauch -- ach, wenn Sir Samuel Sie mit dem Glücke gemeint hätte, was ich ganz leise leise in meinem dunkeln seligen Kopfe meinte! Und ich weiß nicht, sie lächelte doch horchend, als ich sie wieder ansah, stand noch ein Weilchen -- erröthete, und schwebte dann von der Flamme des Herdes beglänzt hinaus. -- Denn Doctor Toland kam -- und gab mir -- was gab er mir wieder -- mein Tagebuch! Heben Sie es besser auf! sprach er zu mir. Doch werden Sie mir vielleicht und dem Schicksal danken, daß ich es fand, und als das beste Recept für Lisanna's Krankheit, es ihr verschrieben. Denn die Russel, gestern Abend, um den leidenden Zustand des lieben Kindes ernstlich besorgt, hatte mich zu ihr geschickt, und als ich leise zu ihr eingetreten, verrieth sie sich selbst durch schwere Seufzer und Klagen über einen gewissen Lambton! Ich schlich wieder aus dem dunklen Stübchen hinaus, holte Licht und kam nun laut geschritten, und setzte mich zu Ihr, um etwas vorzulesen. Sie ließ Alles geschehn. Ich las, sie ward still; sie setzte sich auf in den Kleidern; sie sank wieder hin, und weinte wieder, aber Freudenthränen, Reuethränen -- ich las nun von Ihr -- dann sprang sie auf, sie! mir um den Hals -- ja sie küßte mich sogar still und fest, und versiegelte mir Lippen mit Lippen, und lachte und jammerte und war zornig auf mich und Euch. Sagt was Ihr wollt, aber jede Verwirrung ist eine Krisis, je ärger, je kräftiger! kürzer! Die krumme Linie ist auch ein Weg! der Gestirne Weg durch den Himmel! Alles verdankt Ihr Clarken! Verdankt es ihm auch! Sie, die nunmehrige Clara Tydal, läßt Euch bitten, ihr Kind aus der Taufe zu heben. Das Heft hatt' ich in Miß Clara's -- und Eurem Zimmer gefunden, -- auch Sir Samuel hat heute schon darin geblättert und die Russel mit der Brille ihm über die Achsel gesehen. Nun, werden Euch auch Sir Samuel's, Roßborn's und Patrik's Tischreden verständlich sein! und wer das Gedicht an das Nordlicht gemacht hat -- Ihr ließet Euch ja nicht sehn. Nun frisch, angezogen, und Pathe _gesessen_ meinetwegen, wenn Ihr vor Freude und Scham nicht _stehn_ könnt. Talo wird auch getauft! --

Ich glühte über und über! Er war wie verschwunden, während ich auf mein Heft sah!

In meinen Rock war bald gefahren, und mit erleichtertem Herzen ging ich die Treppe wieder nach unserem Stübchen. Darin fand ich die ganze untere Gesellschaft schon versammelt, den Bock ausgenommen. Miß oder in Wahrheit und Ehren: Mistriß Clara, in dem weißen Sonntagskleide der Lisanna, sehr blaß und lächelnd, hieß mich willkommen, wie einen bekannten Freund, oder Bruder. Sie putzte an dem Kinde, welches Talo auf den Atmen hielt; und diese schien nun, anstatt in Clarke, in das Kind verliebt! -- Wunderbar! -- Tydal machte den Kindtaufen-Vater, stellte den Tisch in die Mitte, half ihn mit dem weißen feinen Tuche behängen und die 4 Zipfel aufstecken, stellte das silberne Becken darauf, und die gefüllte silberne Kanne darein, und fühlte noch mit dem Finger nach der Wärme des Wassers. Lisanna nahm nun das Kind von Talo's Armen, und die schöne, vor heiligem Zagen blasse Talo trat nun mit dem sinnigen, friedevollen Gesicht als Taufkind vor den Tisch. Herr Roßborn, Doctor Toland und Mistriß Distreß, stellten sich als Pathen um sie, dieß Mal alle Drei der unmöglichen Mühe überhoben, das Taufkind zu halten, und für dasselbe dem Teufel zu entsagen. Nach einer schönen Rede, die ich leider nicht erhalten konnte, weil sie Herr Patrik aus dem Kopfe, nein, aus dem _Herzen_ sprach, tauft' er die rührend Hingebeugte. Sie weinte in Einem fort, nur nicht störend, wie ein kleines Kind; aus ihren Augen tröpfelte der fromme Thau in das ausgegossene Wasser, und sie ward mit ihren eigenen Thränen getauft. Dann trat sie zurück, sahe Alle mit himmlischem Lächeln an; fiel mir als ihrem Lehrer in die Arme, und wollte mir danken, aber sie schluchzte nur. --

Herr Patrik stand indeß mit gefalteten Händen, und erwartete das Brautpaar. Bei der Trauung von Tydal und Clara hörte ich mit Erstaunen ihren wahren Namen. Welch vornehmes Kind! welcher reichen Eltern! Ob aber der Malerkunst wegen in Tydal verliebt, oder Tydal's wegen in die Malerkunst, das ließ mir ihr unwidersprechliches Talent zu lieben und zu malen, nur zu errathen übrig.

Talo war deßwegen zuerst getauft worden, daß Sie -- zugleich mit Lisanna und mir, nun bei Clara's Kinde Pathe stehen könne. Frau Russel bemerkte halbleise gegen Sir Samuel: »der Taufstein trennt! Sie dürfen nicht zusammen stehn!« -- Er zuckte die Achseln, aber, sich fügend, winkte er Herrn Patrik auf die Seite, und sprach heimlich und lächelnd mit ihm; dazwischen ließ er ihm etwas Goldfunkelndes -- gewiß zwei Ringe, in die Hand fallen, und sie klangen leise! -- In Gottes Namen, sagte nun dieser ganz laut, trau' ich sie erst. -- Wen konnt' er meinen? War Talo ein _Mann_, wie Clarke ein _Weib!_ und wollt' er Talo und Lisanna trauen? -- das wäre herzbrechend! -- Oder war gar _Lisanna_ ein Mann? -- das wäre entsetzlich! wenn sich gleich Talo darein gefunden und ergeben, daß Clarke _Clara_ war! -- Ich sahe sie an -- nein, sie war ein Weib! in vollem Wuchse, voller Schöne, in der Halle der Jugend, mit einer Hand noch die Jungfrauen, ja die Kinder haltend, mit der andern von den Weibern gefaßt und gezogen, ihre Königin zu werden. -- Oder wollt' er mich und die Talo traun? War _Sie_ das Glück in Sir Samuel's Hause? Ach, Talo hatte ja vorhin ihm zugelacht und genickt! Mein Gott -- und Talo sahe mich jetzt auch lächelnd an! Um Gotteswillen, was wird daraus werden? Muß ich mir denn geradezu Alles gefallen lassen, weil ich -- Lambton bin! Doch so schön auch Talo war, ich hätte am Altare, denn das bedeutete nun der Tisch abwechselnd mit Taufstein, am Altare noch Nein! Nein! Nein! um Hülfe gerufen! Herr Toland aber, der Menschenfreund! faßte meine linke Hand und -- Lisanna's rechte -- ja die rechte! und führte uns, die wir uns ansahen, anglühten -- zögern wollten, nein, nicht wollten, nur vor Entzücken scheuten, und doch führen ließen vor den Tisch des Herrn. Frau Russel, deren Fortschleichen ich gar nicht bemerkt, kam jetzt leise hinter Lisanna getreten, und setzte ihr einen grünen Jungfraunkranz von den schon schlafenden Myrten leicht in das Haar. Sie ahnete ihn mehr als sie ihn fühlen konnte, und erröthete rosig im Antlitz, und rosig über, Nacken und Brust. Herr Patrik nahm das sechste Gebot zu seinem Text, als Casualprediger, und bearbeitete ihn so, wie ich es in meinem Leben nicht gehört. Und doch weiß ich die Worte nicht mehr, ich fühle sie nur, ihre Glut durchrollt mich warm, wie ein Fluß, von der Sonne erwärmt, die schöne Sommernacht noch lieblich dahinfließt, wenn nur der safranfarbige Nachtschein in ihm glänzt. Trauen sehen, und getraut _werden_, ist doch ein Unterschied! Das kleine Zimmer war mir nicht allein eine Kirche, ach, der Himmel! Mutter und Vater erschienen mir im Geiste, und der Großvater stand hinter ihnen mit einem Heft Lieder mit goldenem Schnitt, wie Hochzeitgedichte unter dem Arm -- aber er stand da in seinem abgetragenen, braun gewordenen grauen Rocke, seine alte Mütze in der Hand, daß es recht gut war, daß er unsichtbar war! Sogar die alte Anna erblickt' ich; sie hielt die blaue Schürze vor die Augen und weinte, und wandte den Kopf seitwärts und horchte auf die Traurede. Auch Marion stand vor mir da, und beurtheilte Lisanna, und Sir Horazio, und seine Theano mit dem Kopf auf seine Schulter sich lehnend -- und über Alle sahe der rothe Daniel hinweg, und kümmerte mich wenig. Nun war Ich so weit, wie viele Tausende vor mir. Nun sollt' Ich die Erde füllen, so sprach Gott zu mir und meiner Lisanna, das erste Wort, was er zu Menschen geredet. Meinetwegen hatt' Er von Adam die Ribbe genommen, der gute Vater! Meinetwegen hatte Lisanna's Mutter Schmerzen ertragen, Nächte durchwacht. Die gute Mutter! Gott segne sie! Wer und wo sie sei! -- Aber Lisanna blieb -- Lisanna! Ihre Eltern _unbekannt_, und ich mußte sie nehmen, und nahm sie voll Freude, wie eine köstliche Blume voll Pracht des Wuchses, der Bildung und der Farben, nur unbenannt. Sir Samuel weinte laut während der Trauung, und ich hörte ihn sogar seufzen: »O wie glücklich könnt' ich sein!« Nach der Einsegnung schloß er Lisanna in seine Arme, und mich Frau Russel in die ihren! Polizeidirector Roßborn, Capitain York und Steuermann Crabbe unterschrieben sich unter Patrik's Trauschein als Tranzeugen. Ich weiß nicht, was ich geredet, gehört und gesehen habe, und was geschehen, bis Tydal's Kind -- das Gott sei ewig Dank, nicht Lambton hieß! getauft wurde. Ich war so von Kräften, daß ich wirklich nicht stehen konnte, und mußte Pathe sitzen, wie es mir Doctor Toland vorausgesagt. Er hatte also auch alles Andre vorausgewußt, und vielleicht, o gewiß, mir bereiten helfen! Der Menschenfreund! Gott segne ihn, und Sir Samuel, und sogar auch die böse Russel! Sie bedarf Gottes Segen am ersten, am meisten. So betet' ich im Herzen. Denn ich war ihr nun Dank schuldig, so schönen Dank, wie Lisanna!

Lisanna schwebte dann leise hinaus, hinab, hinüber in den Garten unter die duftenden Brotfruchtbäume. Es war später Abend, oder frühe Nacht, und von dem Tage im Vaterlande schimmerte nur ein Safranschein, wie der Rand eines goldenen Tellers herauf. Aber ich war ihr nahe gefolgt, auch sah sie sich heut' nach mir um! ja unter den Cocospalmen erwartete sie mich. »Nun muß ich Dir um den Hals fallen!« sprach sie feurig. »Nun muß ich Dich an das Herz drücken!« sprach ich. Das war unsre ganze Rede. Dann setzten wir uns in die Blumen, und hielten uns umarmt: Sie lehnte das Köpfchen an meine Brust; ich sahe hinaus über das murmelnde Meer, daraus silberner Duft aufstieg, und in dem Dufte strahlte das schönste Sternbild, das ewige Kreuz, golden hervor mit seinen ewigen Lampen, und stand wie ein Geist, herauf getaucht, auf den Wassern, bis es unsichtbare Engel schienen in den Himmel zu heben. Ueber uns in den Zweigen ließen junge Vögel im Nest ihre zarte Stimme hören, und Mutter und Vater redeten ihnen zu, und zwitscherten sie in den Schlaf. Sterne fielen von Zeit zu Zeit, und drunten im Flusse sprangen die Fische plätschernd aus der schimmernden Flut; in die laue Nacht. -- So saßen wir, wer weiß wie lange! denn der Mond ging nun auf, und beleuchtete uns. Darum schlichen wir nach dem Hause. Ich nahm an der Thür zu Lisanna's kleinem Zimmer gute Nacht mit einem Kuß, und immer wieder; und sie küßte mir gute Nacht, und entließ mich doch nicht, noch nicht! Drinnen aber hatte sich der Mond schon auf ihr Bett gelegt! Und heut' bedeutete mir sein feuriger Schein des Nordlichts Glanz:

Der wallend in das freundliche Gemach, Wie eine Rosenflut vom Himmel floß, Und blinkend schien das reinliche Gefäß Vom Simms der Wand und schattete sich ab; Und glimmend, und doch nicht verglimmend, schwamm Im kühlen Feuerglanz der feine Flachs Geröthet, und die Spindel eingetaucht, Womit die Liebliche des Abends spann, Und jedes Eckchen glomm von Licht erfüllt -- -- Da hielt sie mich mit langen Küssen fest -- Und ich, der ich nicht gehen mußte -- blieb!

Am Morgen erschrak ich natürlich nicht wenig, daß ein schönes, glühendes Mädchen, mit weißen, vollen Armen, in _meinem_ Bette lag! Entsetzt darüber, wollt' ich hinausspringen -- noch einen Blick forschend über sie hin -- das Herz pochte mir laut, und die Sonne, die ihr Licht über sie ausgoß, sagte mir: es sei Lisanna! und mein Gewissen sagte mir: Lisanna sei mein Weib! Und nun bestaunt' ich sie lange, und dankte Gott für sie, und betete laut; im Bett aufsitzend. Davon erwachte sie, schlug ihre Augen auf, erröthete holdselig, setzte sich auf und verbarg sich verschämt an meinem Halse! Nur Eins fühlt' ich, was Patrik in unserer Trauung gesagt: »Muß denn der Mensch Böses thun, um selig zu sein? Anderen rauben, um zu haben? Alle seine Kräfte zerstreuen, oder sammeln, um reich zu werden? Sein Leben an Vieles, oder an Eines setzen, um das Leben zu gewinnen! Nur auf dem Wege zum Himmel wandelt der Mensch in Blumen, und der einfache, reine Weg ist der reichste, der seligste! Wenn er auch nicht so reich, so selig wäre, daß das Herz in voller Gnüge schwelgt« -- und fast zerspringt, wie mir! setzt Ich hinzu. Das war wohl kein Jammer!

* * * * *

_Hobarttown_, Pfingsten 1820.

Seit Ostern hätte ich nichts einzutragen gehabt als: Arbeit und Freude! Freude und Arbeit! Arbeit und Freude! Ich hatte meine Schule und mein Weib, meine Arbeit und meine Freude. Ich denke immer: der Ehestand ist der Stand, wo man sich nicht etwa das Leben unangenehm machen, einander verbittern soll! Nein: angenehm und süß! Eines dem Andern! Und so thaten wir einander. Wer nur wenigstens die Seinigen immer so höflich, so liebreich behandelt, wie _Fremde_, die einen Augenblick in das Haus treten -- wie freundlich behandelt Der sie schon! Aber hat, was _mein_ ist, dem Ich angehöre, mit dem ich immer leben soll, nicht _mehr_ verdient? ja Alles, mich selbst, meine größte Sorgfalt, unwandelbare Freundlichkeit und Liebe? Ich weiß nicht -- ich denke mir immer, wenn ich aus Gewohnheit, daß Lisanna -- der Engel -- mein ist, einen Augenblick ihr nicht zulächle: daß sie ein Engel sei, der vorher nie gesehen und fremd, mir vom Himmel in das Haus gesandt ward -- und gleich ist es gut! Und so denk' ich auch von den Kindern: sie sind Engel! die nicht erst längst auf der Erde sind, und bald wieder fortwandeln; und rechne mir es zur Ehre, daß ich sie lehren kann von ihres Vaters Reich! Manchmal denk' ich auch: es sind _meine_ Kinder, und nun lehr' ich mich warm und satt, daß ich ganz das Essen vergesse, bis Lisanna geduldig nur leise winkt! Ja ich glaube: daß der Herr 40 Tage gefastet hat, daß man 7 Körbe voll Brot nach der Bergpredigt aufgehoben! Ein voller Geist fühlt keinen leeren Magen. Das müssen die Obern in England auch wissen, da sie die Prediger und Schullehrer so dürftig abspeisen! Aber man hat ja Frau und -- -- -- -- Kind! siehe mir nicht in's Buch! das schreibe ich, daß Du es lesen sollst, Lisanna!

* * * * *

_Schiff Argo_, am Johannistage 1820.

Ach, was soll ich sagen? Ach, meine Schule hab' ich nur gegründet! Von meinen Kindern hab' ich mit Thränen Abschied genommen, und sie von mir! Ich schreibe schon im Schiffe auf der Fahrt in das Vaterland, und Lisanna begleit' ich, und Toland begleitet uns. Sie sitzt und weint; aber ich kann mir nicht helfen. Warum ist sie nicht Lisanna! Warum bin ich Lambton, und bleib' es vielleicht, vielleicht auch nicht! Sir Samuel hat nicht wohlgethan!

Aber warum kriecht auch die alte Russel immer in die Rauchkammer? nach Zungen, die Leckerzunge! Warum fällt auch die Thür hinter ihr zu? Warum fällt uns keinem die Rauchkammer ein, wo sie weinen, dursten, husten und niesen sitzt, zwei lange Tage lang. Denn wir suchten sie außer dem Hause und überall, nur nicht, wo sie war, und hörten ihr Gedonnere nicht auf dem Boden noch obendrein in dem Sturme, der so wüthete, daß Hobday sagte: die Russel hat sich gehangen! was Sir Samuel gar nicht bezweifelte. Der deportirte Phylax war ihr Retter, der, immer von ihr gefüttert, nun hungrig, sie gesucht und gefunden, kam und uns _anboll_, zerrte und voran lief. Und als wir sie endlich erlöst, von allem Jammer sterbensmatt, von all' den aus Hunger gegeßnen geräucherten Würsten sterbenskrank, und vor Durst ganz verlechzt, von dem unendlichen Husten ganz aufgedunsen, mit ganz roth-gebeizten Augen, und die Thränen und den Rauch im ganzen Gesicht herumgewischt, -- da war sie fast selbst geräuchert, und sah' aus wie eine schwarze so genannte ägyptische Marie. Warum stellte sie Doctor Toland doch wieder her! Er war ja kein Arzt, kein Carrhadis unter van Diemensländern, welche ihn zur Dankbarkeit mit der Lanze erstechen, wenn der Kranke stirbt. Wir Europäer bezahlen den Tod ja mit schwerem Gelde, sonst lernte auch keiner mehr curiren. Und was bezahlt' ich nicht erst für der Russel ihren! Warum gaben die hängenden Schinken ihr nicht ein schweigendes Beispiel? Warum war ihre Zunge wenigstens nicht geräuchert, verzeihe mir Gott die Sünde, daß sie Herrn Patrik beichten konnte; daß dieser Herrn Roßborn verlangte, daß Beide schrieben, Zeugnisse aufnahmen, und selbst Sir Samuel in die Enge trieben mit lauter Menschenliebe! Denn, obgleich Sie nun besser ist, so ist mir doch schlimmer! Sie hat nur den Rauch des Fegefeuers gekostet, mich hat sie wirklich hineingestoßen!

Acht Tage nach ihrer Erlösung, aus der Marterkammer nämlich, besuchte mich Sir Samuel des Abends, und lud mich zu einem Gange in's Freie ein. Wir gingen schweigend und weit hinaus, und lange stumm wie unsere Stöcke. Es war bald lächerlich -- nein, sehr bald zum weinen! -- Herr Lambton, sprach er endlich, was ich Ihnen zu sagen habe, ist ein Glück für Sie und Lisanna! --

Ich verlange kein größeres, noch Lisanna; unterbrach ich ihn nicht grade, denn er hielt von selbst inne, und wußte nicht recht anzufangen, und kämpfte mit sich selbst. --

Freilich! begann er wieder: wer ein Glück nicht begehrt, den macht es nicht glücklich; es ist ihm fremd! Jeder kann nur in der Lage glücklich sein, die ihm natürlich ist. Denn jeder Mensch, ja jegliches Wesen hat sein eigenes Glück, das in dem allgemeinen beruht, was der Welt überhaupt, und seinem Geschlechte in's Besondere zugetheilt ist. Nur durch Vertauschung unserer angeborenen Zustände werden wir unglücklich! -- Der Esel im Pallaste, der Lachs im Punsche befänden sich beide schlecht. Dem Biber ist in seinem Häuschen wohl, der Spinne in ihrem Netz. Aber wer die meisten, die Edelsten Bedürfnisse hat, die er befriedigen kann, ist der Glücklichste, und diese hat vorzugsweise der _Mensch_. Ein sicherer, bequemerer Platz auf Euere Art in's Größere zu wirken, reicher bewußt zu leben, kann Euch nicht schaden, und ich bin gezwungen, Euch in denselben zu verpflanzen! --

Zu was ist das die Vorrede? Sir Samuel! fragte ich traurig.

Zu großem Vermögen, und hohem Stand; sagt' er, nicht ungerührt. Wer immer reich war, an dessen Glück verzweifl' ich; wer arm, glücklich war, _kann_ auch reich glücklich bleiben! und das hoff' ich von Euch, und wünsch' ich.

Aber was haben Sie mit uns vor, Sir Samuel! fragt' ich ganz erschrocken. So viel haben ist genug, als man selbst bewalten kann! Alles dieß schon, jedes Einzelne, sei es nun ein Kind, ein Lamm, ein Pflug, macht uns Sorge, es zu erhalten, und beunruhigt uns schon genug, wenn es nicht in dem Stande und Gange ist, wie wir es brauchen und wünschen. Diese Sorge aber wohnt dem menschlichen Leben unabänderlich und nothwendig bei, und Jeder muß sie ertragen. Haben wir aber nun _mehr_, als _wir selbst_ bewalten können, selbst bedürfen, dann wird unsre Sorge so groß, so vielfach, als sie der Mensch eigentlich nicht haben soll, _wenn_ wir uns _so_ darum kümmern, wie es Dinge, die wir besitzen, doch immer erheischen! Kümmern wir uns aber nicht um dieselben, sind sie unsern Gedanken nicht täglich da, bilden sie nicht den Kreis, in welchem wir uns bewegen: so _besitzen_ wir sie wiederum nicht, und sind so arm, wie die Uebrigen -- und die Hoffnung des täglichen Brotes, der Erlösung von dem Uebel, hat jeder täglich, der das Vaterunser betet. -- Verschonen sie uns also, verschonen Sie uns, Sir Samuel!

Sie sprechen fast wörtlich aus Patrik's Predigten, bester Lambton! Aber hören Sie! und wenn Sie Lisanna lieben, werden Sie um Ihres Glückes willen Ihr eigenes Glück mit in den Kauf nehmen.

Selbst um mein Unglück! sprach ich hastig. Es wird wohl so sein! --