Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band.
Chapter 3
Nur allein in der einen Ecke entfernt von den Übrigen, saß eine weiße Frau, die in die ganze Umgebung nicht zu passen schien. Sie trug augenscheinlich eine fremde Tracht, und auch die lichten Locken stachen gegen die Rabenhaare der übrigen Bewohner auffallend ab. Ihr Gesicht ließ sich aber nicht erkennen, denn sie hatte es mit ihrem Tuche bedeckt -- weinte sie? Die Negermädchen unterbrachen manchmal ihre Fröhlichkeit, sahen scheu nach ihr hinüber und flüsterten dann mit einander. Ernste Gedanken konnte aber dieses leichtherzige Geschlecht nicht lange von seinem Muthwillen ablenken, und irgend ein hingeworfener Scherz riß wieder Alle rasch zu lauter Fröhlichkeit hin.
Ein alter Herr in einem dunklen, langen Rock, aber einen Panamahut auf, betrat jetzt die Mühle. Er war jedenfalls ein Geistlicher und der Eigenthümer der Plantage, schien auch die Frau in der Ecke bei seinem Eintritt gar nicht gesehen zu haben, sondern ging zuerst zu den Arbeitern, um sich zu überzeugen, daß die Beschäftigung ohne Störung verliefe, und trat dann zu dem Stuhl der alten Dame, neben dem er sich ebenfalls niederlassen wollte, als eine Handbewegung derselben seine Aufmerksamkeit auf die Fremde lenkte.
Langsam drehte er sich nach ihr um, betrachtete sie wohl eine Minute schweigend, schritt dann auf sie zu und legte seine Hand leicht auf ihren Kopf. Die Frau hob die rothgeweinten Augen zu ihm auf und sah ihn an, und der alte Herr sagte freundlich:
»Aber meine liebe Senhora, was geben Sie sich immer und immer wieder diesen trüben Gedanken hin? Den Schritt, den Sie gethan, haben Sie aus eigener fester Überzeugung und mit freiem Willen gethan; die Gesetze dieses Landes wie die Kirche selber schützen Sie darin, weshalb also nun noch diese Traurigkeit? Frohlocken sollten Sie eigentlich, daß Sie, wenn auch spät, doch endlich zu der rechten Erkenntniß gelangt sind, denn die Bahn liegt jetzt offen vor Ihnen, welche Sie zu Glück und Frieden führen kann.«
»Ach, Sie haben ja wohl Recht, ehrwürdiger Herr,« sagte die Frau in ziemlich gutem Portugiesisch -- »ich hab' es ja Alles aus freiem Willen gethan -- es hat mich kein Mensch dazu gezwungen, aber nun, da es geschehen ist, kommt mir doch immer noch manchmal ein Gedanke, als ob ich doch am Ende unrecht, als ob ich schlecht gehandelt hätte.«
»Und kann eine Handlung schlecht sein, die Gesetz und Religion auf ihrer Seite hat?« fragte der Mann.
»Ach nein, nein,« sagte die Frau rasch -- »es sind ja auch nur manchmal die albernen dummen Gedanken. Sprechen Sie mir nur Trost und Zuversicht ein, lieber Herr, nachher wird schon Alles gut werden. Es ist -- es ist mir nur noch Alles hier so neu, so fremd, und ich sollte eigentlich recht, recht glücklich sein, denn mein -- früherer Mann darf mich jetzt nicht mehr auszanken und schlagen, und -- ich werde die alte vergangene Zeit ja auch bald vergessen.«
»Das werden Sie, liebes Kind,« sagte der Brasilianer, »und sich außerdem auch noch vollkommen ruhig und sicher fühlen können, denn gleich nach dem Essen werden die Pferde kommen, welche Sie nach Santa Catharina bringen sollen. Dort hat Ihr Herr Gemahl eine sehr hübsche Besitzung, und Sie werden dort alles Leid, alle Sorgen bald und schnell -- vergessen,« setzte er langsamer hinzu und horchte nach der Thür hinüber, von der ein merkwürdiges Geräusch herschallte. Es war fast, als ob Jemand um Hülfe riefe, und in demselben Augenblicke stürzte auch ein Negerjunge herein, auf seinen Herrn zu und rief:
»Senhor -- fremder Mann hat andern fremden Herrn gepackt -- _hier_,« erklärte er deutlicher und griff sich selber nach dem Halse -- »so fest. Eine Senhor schreit und andere....«
»Was ist da vorgegangen?« rief der Brasilianer erstaunt, aber die Frau war todtenbleich geworden. Eine Ahnung der Wahrheit schoß ihr durch die Seele, und mit gefalteten Händen emporspringend, rief sie aus.
»Schützen Sie mich um Gottes willen; das ist mein Mann, der mich aufgefunden hat!«
»Hm,« sagte der brasilianische Geistliche -- »_das_ wäre möglich, aber haben Sie keine Furcht. Hier kann Ihnen Nichts geschehen, denn Sie sind unter _meinem_ Dache.«
Er behielt aber keine Zeit weiter, sie zu beruhigen, denn durch die Thür herein flogen noch ein paar Negerjungen, und dicht hinter ihnen erschien eine Gruppe, vor welcher die Mädchen erschreckt von ihrer Arbeit aufsprangen und die allerdings mit der bisherigen freundlichen Ruhe des Platzes im grellsten Widerspruche stand.
In dem breiten Thore, durch welches erst vor wenigen Minuten wieder der Karren geschoben war, welcher den neuen Vorrath in die Mühle gebracht, erschien unser alter Bekannter, der Colonist Pilger aus Santa Clara, aber nicht mehr der ruhige, stille Mann, wie wir ihn dort gesehen, sondern mit erhitztem Gesichte, zornfunkelnden Augen, die dunkelbraunen Haare wirr um die Schläfe hangend, das Hemd durch das Raufen vorn aus einander gerissen: so trat er ein und seine rechte Hand hatte sich fast krampfhaft in die Halsbinde des früheren Delegado von Santa Clara gekrallt, den er, weiter gar nicht mehr seiner achtend, hinter sich herschleifte.
Der arme Delegado sah bös aus. Seine beiden hübschen Pantoffeln hatte er unterwegs verloren und war in bloßen Strümpfen durch die oft schmutzigen Stellen der Straße hergeschleppt; sein Rock hing ihm nur noch in Fetzen vom Leibe, sein Hemd war zerrissen, sein Hut ebenfalls verloren und im Gesichte blutete er an drei bis vier verschiedenen Stellen.
Die Neger, die ebenfalls herbeigesprungen waren, starrten dabei von der Gruppe zu ihrem Herrn, denn sich in den Kampf zweier Weißen zu mischen, schien ihnen nicht räthlich; aber der Eine von diesen war doch der Gast des Herrn selber, und dessen Befehl erwarteten sie jetzt. Ehe dieser aber nur einen solchen geben, ja, vielleicht selber einen Entschluß fassen konnte, hatte Pilger's wild umherschweifender Blick die Frau erspäht. In dem Moment war der Gefangene, war seine ganze Umgebung vergessen, und den Portugiesen loslassend, der in Angst und Scham hinter dem Geistlichen Schutz suchte, eilte er auf sie zu und rief:
»Margareth! Margareth! und muß ich Dich _hier_ finden?«
Er wollte auf sie zugehen und ihre Hand fassen, der Brasilianer aber, der indessen mit ruhigem Blick das Ganze überschaut hatte und den Zusammenhang vollkommen gut begriff, trat zwischen ihn und Margareth, und den Arm gegen ihn hebend, sagte er ruhig:
»Halt, lieber Freund -- dies ist _mein_ Haus -- hier ringsum stehen meine Leute, mir Ordnung zu halten, wenn Jemand dieselbe gegen meinen Willen stören wollte, und ich bitte Sie deshalb jetzt, mir ganz leidenschaftslos zu sagen, was Sie hier wünschen, was Sie hergeführt und weshalb Sie meinen Freund, Dom Franklin, auf so rohe Weise mißhandelt haben.«
»Was ich will? Was mich hergeführt?« sagte Pilger, erstaunt zu dem Brasilianer aufsehend, »fragen Sie die Frau da, welche ohne einen Blutstropfen im Gesichte hinter Ihnen steht und sich mit ihren Augen in den Boden eingraben möchte. _Wissen_ Sie, was die Beiden verschuldet, die Frau da und jener blutige Schuft, der dort scheu in die Ecke gekrochen ist?«
»Mein Herr,« sagte der Brasilianer ruhig -- »Sie häufen da schwere Anklagen auf zwei Leute, welche, was auch _früher Ihre_ Anrechte gewesen sein mögen, _jetzt_ vollkommen unabhängig unter dem Schutz der brasilianischen Gesetze stehen und von keinem Menschen, am Wenigsten von einem fremden Protestanten, beleidigt werden dürfen. Bedenken Sie das, oder vielmehr, Sie hätten es früher bedenken sollen, ehe Sie die Hand an einen brasilianischen Bürger legten.«
»Und in niederträchtiger Weise hat er mich überfallen!« rief der Delegado jetzt hinter dem Geistlichen vor; »langsam kam ich den Weg entlang, der hier nach der Hacienda führt, als dieser Mensch wie ein Bär über mich her stürzte, mich zu Boden schlug, würgte und mich dann hieherschleppte. Da müßte ja doch keine Gerechtigkeit mehr in Brasilien sein, wenn sich ein brasilianischer Bürger so von einem hergelaufenen Lump behandeln zu lassen brauchte.«
Pilger erwiederte kein Wort, aber der Blick, mit dem er auf den zurückweichenden Delegado zuschritt, schien diesem einen neuen und vielleicht gefährlicheren Angriff zu versprechen, als der erste gewesen. Ein Wink des Hausherrn brachte aber die Neger auf diese Seite herüber, hinter denen der Delegado Schutz fand, und Pilger, nur noch einen verächtlichen Blick nach dem feigen Patron hinüber werfend, sagte in deutscher Sprache:
»Was ärgere ich mich auch noch mit dem Schuft! Komm, Grethe -- Du hast hier Nichts mehr zu thun. Wir Beide wollen gehen, und unser Herr Pfarrer daheim mag nachher die Sache in Ordnung bringen. Du scheinst Dich mit mir nicht länger glücklich zu fühlen -- gut -- ich will und werde Dich nicht zwingen bei mir zu bleiben. Aber Deinen Eltern habe ich versprochen, wie ein ehrlicher Mann an Dir zu handeln -- was Du versprochen hast, weißt Du selber am Besten -- und so will ich Dich ihnen wenigstens zurück nach Deutschland schicken, daß sie sehen, ich habe mein Wort gehalten. Nun?« fuhr er erstaunt fort, als er sah, daß sich Margarethe gar nicht regte und nicht einmal das Auge aufschlug -- »eine volle Woche bin ich in wahrer Todesangst Deinetwegen in der Gegend hier herum gefahren und habe gehungert und gedurstet, nur mit dem Gedanken an Dich -- Dich zu retten aus dem Verderben, in das Dich jener Bube gelockt, und jetzt -- jetzt hast Du nicht einmal einen Blick für mich, Grethe?«
»Ich weiß nicht, was Sie Beide noch in Deutsch zu verhandeln haben,« mischte sich hier der Brasilianer ein, »denn ich verstehe die Sprache nicht; erlauben _Sie_ mir aber, zu bemerken, mein Herr, daß Sie mit dieser Frau Nichts weiter im Geheim verhandeln _dürfen_, so lange _ich_ wenigstens dabei bin, und unter meinem Dache -- Sie haben mich doch hoffentlich verstanden?«
»Mit _meiner_ Frau nicht?« lachte der Deutsche bitter -- »das wäre nicht übel. Außerdem werde ich Sie nicht länger hier belästigen; daß auch _Sie_ mir aber noch Rechenschaft geben sollen, eine ihrem Manne weggelaufene Frau versteckt zu haben, darauf können Sie sich verlassen. Komm, Grethe, mir wird die Luft zu schwül hier; ich muß fort!«
»Niemand hält Sie,« sagte der Brasilianer kalt -- »so viel aber diene Ihnen außerdem zu wissen, daß diese Frau nicht mehr die Ihrige ist, sondern daß ich sie vorgestern schon mit Dom Franklin Brasileiro Lima nach dem Ritus unserer Kirche verbunden habe.«
»_Sie?_ _Meine_ Frau mit _dem_ da?« rief Pilger, kaum seinen Ohren trauend.
»Ich bin Geistlicher,« sagte der Brasilianer, sich hoch emporrichtend, »und nachdem Ihre frühere Frau den katholischen Glauben angenommen hat, habe ich sie mit Dom Franklin nach dem Ritus _unserer_ Kirche zu unlöslicher Verbindung zusammengegeben.«
»Eine _verheirathete Frau_?« rief Pilger wieder, dem sich fast die Sinne bei dem eben Gehörten verwirrten.
»Eine protestantische Ehe ist nach unseren Gesetzen kein canonisches Hinderniß,« sagte der Geistliche kalt, »und wenn Sie in ein fremdes Land kommen, müssen Sie sich auch den da bestehenden Gesetzen fügen.«
»Bin _ich_ denn wahnsinnig, oder wollen Sie mich erst dazu machen?« sagte Pilger, und hielt sich mit beiden Händen seine Stirn -- »die Freiheit unserer Religion ist uns vom Staate zugesichert, und alle protestantischen Ehen sollten ungültig sein?«
»Vor dem Gesetze, ja,« sagte der Brasilianer, und ein spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen -- »als Concubinat lassen wir sie gelten, als weiter Nichts. Doch das ist eine Sache, die ich nicht länger hier mit Ihnen verhandeln möchte. Sie werden nach dem Vorhergegangenen begreifen, daß Ihre weitere Gegenwart hier für beide Parteien nur unangenehm sein kann.«
»Und _Du_, Margareth?« sagte Pilger jetzt mit fast gebrochener Stimme, »Du hast _so_ handeln können? Fühlst Du denn die Schande und Schmach gar nicht, die Du mir und Dir dabei angethan?«
Die Frau stand regungslos in ihrer Ecke, die Augen fest und scheu auf den Boden geheftet, aber sie sprach kein Wort, und der Brasilianer, der dieser Scene unter jeder Bedingung ein Ende machen wollte, rief:
»Jetzt ist's genug, Senhor -- die Frau steht hier unter dem Schutze meiner Schwester und ihres rechtmäßigen Gatten. Glauben Sie wirklich noch Rechte an sie zu haben, so wenden Sie sich an die Gerichte des Landes, die Ihnen sagen werden, was Sie zu hoffen haben. Jetzt aber verlassen Sie dieses Haus, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, mir mit Gewalt Ruhe und Frieden auf meinem Eigenthum zu verschaffen.«
»Gut,« sagte Pilger ruhig -- »ich gehe; ich sehe überhaupt wie es hier steht, denn die Frau da hat Scham und Ehre abgeschworen, und ist doch eines braven Mannes nicht mehr werth. _Wenn_ aber noch Gesetz und Gerechtigkeit in Brasilien zu finden ist, so wollen wir doch sehen, ob ein solcher Schurkenstreich ungestraft verübt werden darf!«
»Joao! Pablo! Pedro!« rief der Brasilianer, bei dem jetzt auch der Zorn die Oberhand gewann -- »werft mir diesen Fremden einmal hinaus auf die Straße!« und drei oder vier Neger sprangen vor, dem Befehl zu folgen. Pilger aber, ein breites, schweres Messer aus seinem Gürtel reißend, sagte ruhig:
»Kommt, meine Burschen! Aber Gott verdamm' mich, den Ersten, der einen Arm nach mir ausstreckt, hacke ich in Stücke!« Und damit wandte er sich und ging festen Schrittes der Thür zu.
»Santa Maria!« schrieen die Neger, erschreckt vor dem Stahl zurückprallend, und sprangen dann ebenfalls nach ihren Messern und rissen die Bäume aus den Schraubenpressen, um Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Der Brasilianer wollte es aber doch nicht zum Äußersten kommen lassen, und da der Fremde jetzt selber ging, winkte er die Schwarzen zurück. Er sollte den Platz unbelästigt verlassen.
3.
Auf Santa Catharina.
Etwa vier Wochen waren seit den in den letzten Kapiteln beschriebenen Vorgängen verflossen, ohne daß in der Provinz Santa Clara etwas Besonderes vorgefallen wäre.
Herr von Schwartzau hatte indessen fleißig gearbeitet und einen großen Theil des zur Colonisation bestimmten Landes ausgemessen, und der Director dann, so rasch das möglicher Weise anging, den darauf wartenden Colonisten ihre für sie bestimmten Plätze angewiesen. Aber das allein genügte oft nicht einmal, denn er mußte auch noch hinter den Leuten her sein, daß sie nun auf ihrem eigenen Grund und Boden wirklich zu arbeiten anfingen, denn die lange, faule Zeit die sie verlebt, lag ihnen noch so in den Gliedern, daß es einiger Anstrengung bedurfte, ehe sie wieder in Gang kamen. -- Die Männer wenigstens hätten sich eben so gern wie bisher noch vier Wochen länger von der Regierung füttern lassen, denn daß sie durch das vorgestreckte Geld in Schulden kamen, machte ihnen vor der Hand noch keine Sorge. Sie besaßen ja selber kein Eigenthum, was konnte ihnen die Regierung denn da abnehmen?
Herr von Schwartzau hatte übrigens mit einem seiner Instrumente Unglück gehabt, denn ein junger Baum war beim Fällen in einer Schlingpflanze hängen geblieben, dadurch in eine andere Richtung gekommen und schlug im Sturz seine beste Bussole zusammen.
Auf Santa Catharina hatte er indessen noch mehr Instrumente stehen, von denen Einiges kommen zu lassen schon lange sein Wunsch gewesen, und da die Regierung, auf des Directors Ansuchen, ein doch vorbeikommendes kleines Dampfboot beordert hatte, in der Mündung des Flusses Santa Clara anzulegen, um die durch den betrügerischen Agenten hierhergeschickten Einwanderer wenigstens bis Santa Catharina zu schicken, von wo sie mit dem gewöhnlichen Postdampfer (unentgeltlich) weiter gebracht werden konnten, so beschloß Herr von Schwartzau diese Gelegenheit zu benutzen, und selber nach der Insel zu fahren.
Vom Director bekam er dazu außerdem noch den Auftrag, im Namen der Colonie die Klage gegen den Delegado und den brasilianischen Geistlichen anhängig zu machen, der eine protestantisch verheirathete Frau, ohne selbst eine Scheidung für nöthig zu halten, anderweit getraut hatte, wenn sich Sarno selber auch wenig Erfolg von diesem Schritte versprach. Er kannte die Geistlichkeit Brasiliens und ärgerte sich nur über die entsetzliche Gleichgültigkeit, mit welcher die deutschen Protestanten diesen Fall aufnahmen, der, wenn etwas Derartiges überhaupt geschehen _konnte_, alle Familienbande in Frage stellte. Jeder pflichtvergessene Mann, jede treulose Frau brauchte sich an ihre gültig geschlossene Ehe gar nicht mehr gebunden zu halten, und die Folgen blieben unabsehbar.
Nichtsdestoweniger nahmen es die Protestanten außerordentlich kaltblütig. Der Geistliche -- ein guter Freund des Dom Franklin -- wollte gar Nichts damit zu thun haben und behauptete, es sei einfach eine Sache, welche die Gerichte anginge und von diesen schon bestraft werden würde, und die Colonisten schimpften wohl und schlugen im Wirthshause mit der Faust auf den Tisch -- aber dabei blieb es. Selbst ein Circular, das der Director zur Unterschrift herumschickte, wurde von den Wenigsten unterschrieben, denn der deutsche Bauer setzt nicht gern seinen Namen unter irgend ein Schriftstück, es mag enthalten, was es will -- ausgenommen eine Quittung.
Pilger selber war wie gebrochen. Er arbeitete wieder, verkehrte aber fast mit keinem Menschen. Machte er sich in seinem Herzen Vorwürfe, daß er die Frau, seine Margareth, wohl auch manchmal rauher behandelt hatte, als recht war -- brannte ihm das jetzt auf der Seele, daß er selber vielleicht den ersten Anlaß zu diesem Schritte gegeben, der jetzt sein ganzes Lebensglück zerstörte? Wenn dies auch der Fall war, so sprach er doch mit Niemandem darüber, und die Nachbarn dauerte der fleißige, ordentliche Mann, der jetzt bleich und hohlwangig so allein in seinem Hause saß.
Indessen fuhr Schwartzau auf dem kleinen Regierungs-Dampfer mit günstigem Wind und Wetter gen Santa Catharina, und am dritten Tag Abends bekamen sie die kleine reizende Insel in Sicht, die sich, nur wenige Meilen vom festen Lande entfernt, an der Küste entlang dehnte.
Und das war früher der Verbannungsort Portugals, wie auch die Hauptstadt noch immer Desterro heißt; hierher wurden die Verbrecher, besonders viele Juden transportirt, als Strafe für begangene Missethat, oder vielleicht auch nur, um unbequeme Persönlichkeiten aus dem Wege zu schaffen -- ein sehr leichtes und von manchem Staate oft angewandtes Mittel. Aber _die_ Zeit ist vorbei, und wie die Bewohner jetzt nicht einmal gern mehr hören, daß der Ort früher zu solchem Zwecke benutzt worden, ist Santa Catharina gegenwärtig der Schlüssel zu vielen vortrefflichen brasilianisch-deutschen Colonien geworden, und eine große Anzahl von Deutschen sind sogar dort geblieben und haben sich als Geschäftsleute oder Handwerker in der Hauptstadt niedergelassen. Desterro ist fast zur Hälfte ein deutsches Städtchen.
Günther von Schwartzau kannte den Ort schon, aber trotzdem weilte sein Auge mit Entzücken auf dem wahrhaft wundervollen Bilde, das sich vor ihm ausbreitete, als sie die, den eigentlichen Hafen gegen die Nordwinde schützende Landspitze umfuhren und jetzt die kleine, freundliche Stadt, terrassenförmig von Bäumen, Büschen und Palmen umschlossen, vor sich liegen sahen. Prachtvolle Gebäude fesselten allerdings nicht den Blick oder gaben dem Hafen einen Anstrich von Glanz und Reichthum, wie das z. B. bei Rio de Janeiro der Fall ist: aber so lauschig und versteckt lag jede einzelne Wohnung in dem sanften Grün der Gärten, so ruhig plätscherte dazu die See und so wolkenrein spannte sich der blaue Himmel darüber hin, daß man sich da wohl fühlte, ehe der Fuß nur das Land betreten.
Als freilich der Anker in die Tiefe schoß, war der Friede auch an Bord gestört. Der Flaggen-Telegraph hatte die Ankunft eines Dampfers vom Norden schon gemeldet, und eine Anzahl von Booten und jenen trefflich gearbeiteten Canoes -- die man in der ganzen Welt nicht zierlicher und praktischer gebaut findet, als in Brasilien -- kam langseit. Die Bootsleute aber faßten, wie an anderen Orten, so auch hier, ohne Umstände auf, was sie an Gepäck fanden, um es in ihre kleinen Fahrzeuge zu schaffen und sich die dazu gehörigen Passagiere zu sichern.
Günther fuhr natürlich sogleich mit an Land, denn der Aufenthalt auf diesen kleinen brasilianischen Dampfern ist nicht angenehm genug, um den Reisenden länger, als unumgänglich nöthig ist, darauf zu fesseln, und ging dann gleich an der Wohnung des Präsidenten vor, wo er sich wenigstens anmelden wollte. Er hatte sich kaum Zeit genommen, nur die nothwendigste Toilette zu machen, aber die Abende sind in allen jenen Ländern überhaupt _die_ Zeit, in der man Besuche macht oder empfängt.
Der Deutsche fand übrigens heute ausnahmsweise eine größere Gesellschaft versammelt, und als die Frau Präsidentin seinen Namen hörte, ließ sie ihn bitten augenblicklich einzutreten. Kam er doch von Santa Clara, und sie nahm selber das größte Interesse daran, von dieser Colonie Näheres und Neues zu hören.
Günther wurde in das große Empfangszimmer geführt und fand hier schon sechs oder acht Herren und eben so viele Damen versammelt.
Der Präsident selber saß in einem Lehnstuhle etwas bei Seite, es war ein kleiner ältlicher Herr, mit einem unendlich gutmüthigen Gesichte und ein Paar großen, klugen Augen; aber er schien sehr leidend. Er sah blaß und angegriffen aus, mit eingefallenen Wangen und einem eigenen schmerzlichen Zuge um den feingeschnittenen Mund.
»Ah, mein lieber Eswartsau[2],« nickte er ihm freundlich zu und streckte ihm die dünne, fast durchsichtige Hand entgegen; »schon fertig in Santa Clara? Das ist rasch gegangen.«
[Fußnote 2: Portugiesen und Spanier können nie ein Sp, St oder Sch mit einem Consonanten dahinter am Anfang eines Wortes aussprechen, und setzen jedes Mal ein E vor.]
»Noch nicht, Senhor,« sagte Günther, die Hand nehmend und herzlich drückend -- »ich muß wieder zurück und erzähle Ihnen nachher, weshalb ich herüber gekommen bin -- Senhora, erlauben Sie, daß ich Sie begrüßen darf.«
»Es freut uns sehr,« sagte die Dame mit huldvollem Lächeln, »Sie wieder einmal auf Santa Catharina zu sehen. -- Aber setzen Sie sich. Sie kommen wie gerufen, um uns recht viele Neuigkeiten von Ihrer Colonie zu erzählen -- es soll ja fürchterlich da zugehen!«
»Fürchterlich?« lächelte Günther; »davon habe ich nun allerdings Nichts gemerkt.«
»_Nichts?_ -- Aber erlauben Sie mir, Sie meinen Freunden vorzustellen.« -- Und die Senhora machte jetzt die gewöhnliche Formel der Introduction durch, die einen Fremden zur Verzweiflung bringen könnte, wenn die Sache an sich selbst nicht so unbedeutend wäre. Eine Masse von fremden Namen wurden ihm genannt, die er zum großen Theil nicht einmal verstand oder doch in demselben Moment wieder vergaß; die Leute verbeugten sich gegen einander und die Sache war damit abgemacht.
Nur _ein_ Name war Günther aufgefallen, und zwar der eines deutschen Barons von Reitschen. Er gehörte einem ältlichen Herrn von stattlichem Aussehen, mit schon etwas grau gemischten Haaren, aber vollkommen glatt rasirtem Gesicht und einer sehr zierlichen goldenen Brille, der aber, anstatt den Landsmann etwas herzlicher zu begrüßen, sich ebenfalls damit begnügte nur aufzustehen, und eine steife Verbeugung zu machen.
»Und wie weit sind Sie mit Ihrer Vermessung gekommen, lieber Freund?« fragte der Präsident, als die langweilige Ceremonie vorüber war. »Schon Etwas ausgerichtet?«
»Allerdings, Senhor,« erwiederte Günther; »mit Hülfe des Directors Sarno, der mich wacker dabei unterstützte, haben wir es möglich gemacht, genügendes Land für sämmtliche sich jetzt dort befindliche Einwanderer zu vermessen. Ich kehre von hier aber gleich wieder nach Santa Clara zurück, um noch einen andern District in Angriff zu nehmen; denn da jeden Tag ein neues Schiff eintreffen kann, wird es immer besser sein einige vermessene Strecken in Vorrath zu haben.«
Der Präsident nickte beistimmend mit dem Kopfe, schwieg aber, und die Frau Präsidentin sagte:
»Also hat sich der Herr Director doch endlich herbeigelassen, wenigstens in _dieser_ Hinsicht seine Pflicht zu thun. Da muß ihm das Feuer tüchtig auf den Nägeln gebrannt haben!«