Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band.

Chapter 15

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»Wie ich das Mädchen heute habe kennen lernen,« sagte Günther ernst, »so würden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmerzen des Abschiedes bereiten -- weiter Nichts -- und das arme Kind hat Leid und Schmerzen genug gehabt. Sein Sie nicht grausam; Anderes würden Sie nicht damit bezwecken.«

»Und ohne Mittel -- ohne das Nöthigste, sich am Leben zu erhalten, auf fremde Menschen -- auf ihrer eigenen zarten Hände Arbeit angewiesen -- Hände, die nie gewohnt waren, eine schwere Arbeit zu verrichten, mit einem Körper, der solchen ungewohnten Anstrengungen erliegen muß, selbst wenn ihr Geist das Furchtbare erträgt -- Günther, Günther, der Gedanke allein kann mich zur Verzweiflung treiben! Und wenn sie nun krank, nun selber hülfsbedürftig wird, wer soll ihr beistehen, wo der alte Mann ja selber Hülfe und Pflege für sich gebraucht?«

»Das Einzige was wir thun können,« sagte Günther, »ist, unter der Hand nachzuforschen. Ein so auffälliges Paar kann in unseren Colonien nicht spurlos verschwinden; man wird immer in der Nähe Nachricht von ihnen bekommen können, und sollte dann Hülfe nöthig sein, so läßt sie sich vielleicht indirect und ohne daß Elise Etwas davon weiß, vermitteln. Nahen dürfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben wollen, das ist meine feste Überzeugung. -- Aber gönnen Sie mir eine Stunde Zeit; ich muß diese Papiere ordnen und gleich nach Hause berichten, denn übermorgen früh bin ich gezwungen, meine Arbeiten wieder zu beginnen und zu beenden. Morgen werde ich deshalb die Auction der Sellbachschen Sachen halten, und dafür ist es nöthig, gleich noch ein paar Anzeigen für die Gasthäuser und öffentlichen Plätze zu schreiben. Der Jeremias, dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heute Abend übernehmen. In einem solchen Neste, wie dies, ist ein derartiges Ereigniß gleich allgemein bekannt, und wir haben das unglückselige Geschäft dann abgemacht, ehe das Publicum nur Zeit gehabt hat, sich seine Vermuthungen mitzutheilen -- es muß Alles Schlag auf Schlag folgen. Die Eincassirung der in der Auction gelösten Gelder werde ich dann hier dem Kaufmann Rohrland übertragen. Apropos,« setzte er hinzu, als er eine Anzahl Papiere aus seiner Tasche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche Karten auf den Tisch warf -- »da hat mir der Jeremias auch ein paar Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Gräfin mitgebracht. Sie giebt, glaub' ich, eine Art Soirée, oder etwas Derartiges. Es ist auch eine für Sie dabei.«

»Für mich? Ich kenne die Frau Gräfin gar nicht,« sagte Könnern gleichgültig.

»Ich auch nicht,« lachte Günther; »die Einladung ist wahrscheinlich eine Art von Erkenntlichkeit für den Dienst, den wir ihrer Tochter vorgestern Abend geleistet haben. Wie doch oft kleine, unbedeutende Ursachen so furchtbare Wirkungen haben -- dachten wir damals daran, daß das durchgehende Pferd in zweimal vierundzwanzig Stunden ein Menschenleben kosten und eine Familie von Haus und Hof treiben könnte?«

»Kann ich Ihnen bei Ihren Papieren helfen?«

»Nein; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollten, so könnten Sie sich einmal nach meinem neugefundenen Freund und neuen Kameraden, dem jungen Grafen Rottack umsehen. Er ist wahrscheinlich hier im Hause, und ich habe mit ihm zu reden. Für ihn ist übrigens auch eine Einladung gekommen; da sie aber seinen Namen nicht wußten, steht er mit auf meiner Karte.« --

* * * * *

Die Sonne ging unter, und die Straße von Zuhbel's Chagra herein kam unser alter Bekannter Köhler und hielt an des Schneiders Justus' Haus. Es war finster in der Arbeitsstube Kernbeutel's; aber der junge Mann ritt dicht an das Fenster und klopfte mit der Hand an eine der Scheiben. Niemand antwortete, und er klopfte stärker. Endlich ging in der Stube eine Thür auf und die Frau kam herein.

»Na,« sagte sie, »was giebt's? Wer klopft da?«

»Ist der Justus zu Hause?«

»Der Liedrian!« keifte die Frau; »wer weiß; wo der die Nacht trunken gelegen hat und jetzt seinen Rausch ausschläft. O, Du mein Herrgott, wie oft habe ich die Stunde schon verschworen, wo ich das nichtsnutzige Mannsbild zum ersten Mal mit Augen gesehen habe -- aber ich mag die Wirthschaft auch nicht länger mit ansehen und gehe aus dem Hause!«

»Was, der ist noch nicht von seinem Ball zurück?« rief Köhler ärgerlich. »Da ist mein Rock auch _noch_ nicht fertig, und er hat sich verschworen, daß ich ihn heute Morgen haben sollte.«

»Wer hätt' ihn sollen fertig machen -- ich?« knurrte die Frau -- »weiter fehlte auch Nichts mehr; die Schinderei hab' ich so schon allein, soll ich auch noch die Arbeit für den Lumpen thun?«

»Ist er denn bei Zuhbels oben?«

»Ja, was weiß ich, wo er sich herumtreibt!« sagte die Frau und schlug ärgerlich die Thür wieder hinter sich zu.

»Schöne Wirthschaft, das,« brummte Köhler vor sich hin, als er sein Pferd wieder zurück auf die Straße und heimwärts lenkte; »aber soll mich Dieser und Jener holen, wenn ich bei dem liederlichen Halunken auch je wieder ein Stück arbeiten lasse!« --

* * * * *

In dem kleinen Käfterchen, das Bux in Buttlich's Hause mit seiner Familie bezogen, saß die Familie Bux beim Abendbrod. Die Frau hatte das jüngste Kind, das wieder recht unruhig war, an der Brust und saß auf einer kleinen Kiste neben der Holzlade, die zum Tisch dienen mußte, während an dem andern Ende Bux selber rittlings Platz genommen. Rechts und links von ihm kauerten die beiden älteren Kinder, und ein Stück gekochtes Rindfleisch mit schwarzen Bohnen, wie außerdem eine Flasche Schnaps, der Bux schon ziemlich lebhaft zugesprochen, standen in der Mitte.

»So freßt Euch heute einmal satt!« lud Bux die Familie ein; »wer weiß, wann's wieder Fleisch in den Topf giebt. Und Du, bring einmal den Balg zum Schweigen, oder ich werf' es, Gott straf' mich, vor die Thür hinaus -- und Dich mit!«

Bux hatte nicht seinen #beau jour#; er sah wüst und wild um die Augen aus, deren eines roth unterlaufen war, wie nach einer Schlägerei. Auch ein paar Schrammen trug er in dem ungewaschenen Gesicht, und um die linke Hand einen schmutzigen Lappen gebunden. Der häufig genossene Branntwein war ihm dazu schon etwas in den Kopf gestiegen, und immer wieder auf's Neue hob er die Flasche an die Lippen.

»Ach Du lieber Gott!« stöhnte die Frau, indem sie von ihrem langersehnten Mahl aufstand und das Kind in der Stube herumtrug -- denn es wollte die Brust nicht mehr nehmen, die ihm ja doch keine Nahrung bot -- »ich wollte, Du würfst uns Beide nur hinaus und gleich in's Wasser, da wärst Du uns mit Einem Mal los, und uns -- wär's auch wohl da unten!«

»Halt's Maul und mach' mir den Kopf nicht wild,« schrie der Mann -- »heute wollen wir lustig sein, und ich will die Heulerei nicht haben! Hast Du mich verstanden?«

Die Frau schwieg und suchte das Kind zu beschwichtigen, das jetzt, so lange es auf und ab getragen und geschüttelt wurde, auch ruhiger war, und der Mann fuhr, seine Gabel vor sich hin auf die Lade werfend, mit zusammengebissenen Zähnen fort:

»Gott verdamm' mich, nicht einmal das Bißchen Fressen kann man in Ruhe verzehren, mit so einer himmelhundischen Last am Bein! Macht mir den Kopf nicht warm, das sag' ich Euch, denn ich _bin_ heute gerade guter Laune und will mir den Abend nicht verderben lassen!« -- Und dabei sprach er wieder fest der Flasche zu. Dann aber schnitt er das Fleisch in kleine Stücke und schob es den Kindern hin, die scheu und stumm darüber herfielen, denn der Vater saß ihnen zu nahe, als daß sie hätten wagen dürfen ein Wort einzuwerfen. Auch die Frau kam endlich wieder herzu, denn das Kind war ihr im Arm eingeschlafen, und sie legte es leise auf die im Winkel zusammengeschobenen Lumpen, die ihm zum Bettchen dienten.

»Da, trink' einmal,« sagte der Mann endlich und schob ihr, als die Mahlzeit schon fast beendet war, die Flasche hin.

»Ich kann nicht,« lehnte die Frau ab -- »der Schnaps ist mir zu scharf -- er brennt mir den Hals entzwei und -- möchte auch dem Kinde schaden.«

»Kinde schaden,« brummte der Mann unwirsch -- »so laß es bleiben -- soll Dir's auch wohl noch eingießen, die Gottesgabe« -- und er hob die Flasche an den Mund und leerte den noch darin befindlichen Rest auf Einen Zug.

Die Frau sah ihm ängstlich zu, sagte aber kein Wort; sie wußte recht gut, daß sie ihn in diesem halbtrunkenen Zustande nicht reizen durfte, und Bux schien wirklich heute Abend guter Laune, denn er schob die Flasche zurück, nahm seinen Pfeifenstummel aus der Tasche, stopfte sich denselben und legte sich dann, den blauen Dampf in das Dunkel hineinqualmend, in die Ecke auf sein Lager.

»Ist der Junge beim Justus drüben gewesen und hat ihn eingeladen, uns zu besuchen?« fragte er endlich; »hätt's beinahe ganz vergessen, und von dem Lumpengesindel sagt Einem auch keines Antwort, wenn man einmal 'was bestellt.«

»Ich war drüben, Vater,« sagte der Knabe, »aber der Mann war noch nicht nach Haus gekommen; wenn er käme, wollt's ihm die Frau bestellen.«

»So? -- hm -- hahaha,« lachte Bux vor sich hin -- »liederlicher Strick, wo der sich wieder einmal herumtreibt! -- Sonst war Niemand da, der nach mir gefragt hätte, wie ich da vorhin lag und schlief?«

»Niemand als der Fleischer, der sein Geld haben wollte,« sagte die Frau.

»Soll zum Teufel gehen!« brummte der Mann und qualmte immer stärker.

Dann war Alles ruhig. Die Frau räumte die Lade ab und stellte das Geschirr in einen Winkel, um morgen mit Tagesanbruch wieder aufzustehen und es auszuwaschen. Sie hätte den Mann gern gefragt, ob er heute Morgen, als er aus war, irgend eine Beschäftigung oder Aussicht auf Erwerb gefunden, denn vorgestern schon war das letzte Stück Geld ausgegeben gewesen, und jetzt schien er doch wieder Etwas bekommen zu haben; aber sie wagte es nicht. Das Kind schlief gerade, und wenn er böse wurde und auffuhr, konnte er es wieder wecken und sie dann die halbe Nacht mit ihm im Zimmer herumlaufen, wie gestern und vorgestern.

Der Mann war auch ruhig. Das starke Getränk übte seine betäubende Wirkung. Er hatte die Pfeife ausgeraucht und hielt sie noch leer in der Hand, während er schon schwerfällig mit dem Kopfe zu nicken anfing. Ein paar Mal fuhr er wieder in die Höh und sah sich scheu um, dann sank sein Kopf zurück auf das Kissen; er begann zu schnarchen, und die Frau winkte den Kindern, vorsichtig zu Bett zu gehen, löschte das Licht aus und legte sich dann selber neben dem Kleinsten nieder, um dieser Nacht vielleicht ein paar Stunden Schlaf abzuringen.

Ende des zweiten Bandes.

Druck von G. _Pätz_ in Naumburg.

TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME

Contemporary spellings have generally been retained even when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been corrected; missing punctuation has been silently added. Words in Roman type are identified like #this#.

Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert; fehlende Zeichensetzung wurde ergänzt. In Antiqua gedruckte Wörter wurden #so# gekennzeichnet.

The following additional changes have been made:

Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:

seinen eigenen Hoffnungen seinen eigenen Hoffnungen und Planen und _Plänen_

daß mir Sr Excellenz Nichts daß mir _Se_ Excellenz Nichts mehr zu befehlen hat mehr zu befehlen hat

das Mädchen ist ein Engel das Mädchen ist ein Engel und und jeder _und_ jeder

End of Project Gutenberg's Die Colonie. Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker