Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band.
Chapter 14
Karl nickte stumm mit dem Kopfe, und seine Mütze nehmend lief er in die Stadt hinab, so rasch ihn seine Füße trugen -- aber der Abend verstrich und er kehrte nicht zurück, und Elise ging still und allein in dem öden Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf sein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor dem Fenster stand; Elise sah es nicht -- die Augen auf den Boden geheftet, wanderte sie die halbe Nacht mit schweren, sorgenvollen Schritten, bis sie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthür gehen hörte und wußte, daß jetzt Karl zurückgekehrt sei. Sie schritt zur Thür, und rief: »Karl!«
»Ach, Fräulein, sind Sie noch auf?«
»Hast Du keine Spur gefunden?«
»Wir haben Alles abgesucht -- in allen Häusern nachgefragt, sie kann -- sie kann sich nirgends aufgehalten haben.«
»Sie war in der Stadt?«
»Ja -- des Liebel's Mädchen hat sie gesehen, wie sie dort am Haus, aber hinten am Garten vorbeigegangen ist, auf dem kleinen Wege -- der --«
»Der?«
»Der nach dem Fluß führt.«
»Nach dem Fluß?« wiederholte Elise, und sie fühlte, wie ihr das Blut im Herzen stockte, aber gewaltsam raffte sie sich empor und fuhr leise fort: »Und weiter hat sie Niemand gesehen?«
»Der Mann, welcher die Fähre unten hält, behauptet, es sei eine Frau in einem weißen Kleide an seinem Hause vorbeigegangen, immer den Weg entlang; unten, wo die Soldaten liegen, will sie aber Niemand gesehen haben.«
»Ihr habt nicht ordentlich nachgefragt.«
»Gewiß, Fräulein -- aber es wurde so spät -- die Leute schliefen schon alle. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder in der Stadt und -- bringe Ihnen gewiß gute Nachricht.«
»Es ist gut; leg' Dich nieder -- Du wirst auch müde sein.«
»Ach, gar nicht, bestes Fräulein, wenn ich nur...«
»Leg' Dich nieder, Karl, und sei morgen früh wieder auf.«
»Ehe es nur grau im Osten wird, bin ich in der Stadt unten.«
Es mochte etwa zehn Uhr am nächsten Morgen sein, als ein einzelner Reiter am Gartenthor hielt, sein Pferd dort befestigte und an das Thor pochen wollte; aber er sah, daß dieses nur angelehnt sei, und betrat den Garten. Es war Könnern, und sein erster Blick flog nach dem Mandelbaum hinüber, an dem er gestern Elisen getroffen. Der Cithertisch stand noch dort mit der Cither, wo sie vergessen und dem Nachtthau ausgesetzt gewesen war -- ein kleines Halstuch, das Elise getragen und abgenommen, als es ihr zu warm wurde, lag daneben auf dem Tisch.
Könnern seufzte tief auf; die Brust war ihm so beklommen, er konnte kaum athmen; aber er faßte sich gewaltsam, und schritt auf das Haus zu. Unten traf er das Mädchen, das in der Küche neben dem Heerde saß und roth geweinte Augen hatte.
»Ist Ihr Fräulein zu Hause?« fragte er leise.
»Ja -- drin im Zimmer,« sagte die Magd, scheu zu dem Fremden aufsehend, denn das war ja Einer von Denen, die gestern dagewesen, wonach das Unglück über ihr Haus hereingekommen.
»Kann ich sie sprechen?«
»Ich weiß nicht -- sie wird wohl Niemand sprechen wollen -- das arme Kind -- ach, bei uns geht's zu!«
»Sind die Eltern bei ihr?«
»Der alte Herr ist in seinem Zimmer und schreibt,« antwortete das Mädchen, sich die Augen abtrocknend -- »er hat die ganze Nacht geschrieben und ist in kein Bett gekommen -- und die Frau ist fort -- kein Mensch weiß wohin, und sie suchen sie schon seit gestern Abend vergeblich überall. Sie haben 'was Schönes angerichtet, und Gott im Himmel verzeih' Ihnen die Sünde!«
»Ich muß das Fräulein sprechen -- gehen Sie hinein -- sagen Sie ihr, daß ein Freund da sei, der ihr Trost brächte.«
»Den könnte sie brauchen,« seufzte das arme Mädchen, und erhob sich von der Küchenbank, als die Thür des Zimmers aufging und Elise auf der Schwelle stand. Sie sah todtenbleich aus, war aber vollkommen ruhig und sagte leise: »Kommen Sie herein, Herr Könnern, ich habe Ihre Stimme gehört -- ich muß mit Ihnen reden.«
»Elise, meine arme, arme Elise!« rief Könnern, als er das Zimmer betreten hatte und ihre Hand ergriff -- »welch ein kalter Reif ist auf Dein junges Leben gefallen!«
Elise barg ihr Antlitz in den Händen und stand eine Weile schweigend vor ihm. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich -- sie duldete es; endlich richtete sie sich wieder empor, machte sich von ihm frei und flüsterte:
»Ich danke Ihnen, Herr Könnern, daß Sie mich noch einmal aufgesucht haben -- der Gedanke wäre mir schrecklich gewesen, auch Sie in jener furchtbaren Stunde so verloren zu haben. Jetzt ist Alles gut, jetzt kann ich ruhig mit Ihnen sprechen -- ruhig von Ihnen Abschied nehmen...«
»Elise,« bat Könnern, und wollte wieder ihre Hand ergreifen, die sie ihm aber entzog.
»Lassen Sie mich ausreden,« bat sie -- »meine Gedanken sind ohnedies verwirrt, mein Kopf ist mir wüst und leer -- so lassen Sie uns denn wenigstens diese schwere Stunde abkürzen -- es könnte sonst meine Kräfte übersteigen.«
»Mein armes, armes Kind!« flüsterte Könnern.
»Sie wissen Alles, wie ich voraussetzen darf, nicht wahr?« fuhr Elise fort, und sah scheu zu ihm auf.
»Alles,« hauchte Könnern -- »Herr von Schwartzau hat mir gestern Abend Alles erzählt, denn ich _mußte_ es wissen, wenn ich rathen und helfen soll.«
»Gott sei Dank,« seufzte Elise, »dann wird mir das wenigstens erspart! Ich hatte mich davor gefürchtet.«
»Und hat Dein Vater, Elise...«
»Er hat mir sein ganzes Herz ausgeschüttet,« sagte die Tochter -- »seine ganze, furchtbare Schuld bekannt und -- mich noch viel Furchtbareres ahnen lassen, was ihn dazu getrieben« -- setzte sie leise und scheu hinzu. »Das Unglück ist aber so plötzlich über uns hereingebrochen, daß es mir selber manchmal noch wie ein böser, furchtbarer Traum vorkommt, aus dem ich endlich erwachen müsse, weil es ja gar nicht möglich sein könne, daß er wahr -- daß er wirklich sei. Und doch ist er wahr und wirklich; -- ich wache -- ich lebe bei vollem Bewußtsein, und darf mir das Entsetzlichste -- meine Mutter -- noch nicht einmal denken, wenn ich die armen, gequälten Sinne zusammenhalten will. -- Doch jetzt fort mit Allem, was mich stören oder hindern könnte -- _der_ Schmerz ist _mein_ -- und ich will ihn allein tragen.«
»Und verschmähst Du die Hand, die sich ausstreckt, Dir tragen zu helfen?«
»Lassen Sie mich ausreden,« bat Elise, »denn der Weg, den ich mir vorgezeichnet habe, liegt so klar und offen vor mir, daß kein Irren davon möglich ist. -- Ich will auch nicht den Vater -- die Eltern entschuldigen -- das Furchtbare ist geschehen, und die Folgen brechen herein. Nichts bleibt uns jetzt übrig, als gut zu machen was noch möglich ist -- und das soll geschehen. Mein Vater hat die ganze Nacht damit zugebracht, seine Papiere zu ordnen -- ich habe ihn heute Morgen gesprochen -- bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig sein, und läßt bis dahin Ihren Freund bitten, sich zu ihm her zu bemühen.«
Könnern schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf.
»Er wird ihm,« fuhr Elise fort, und Könnern sah, welche Gewalt sie sich anthun mußte, ruhig zu bleiben -- »Alles übergeben was wir haben -- _Alles_,« setzte sie rasch hinzu, »selbst das Letzte, und morgen -- verlassen wir dann die Colonie.«
»Elise, das geht nicht -- das geht bei Gott nicht!« rief Könnern erschreckt.
»Es geht nicht?« rief das junge Mädchen, und ihre ganze Gestalt zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geöffnet, mit stieren Blicken streckte sie die Arme nach Könnern aus und bat mit vor innerer Angst fast erstickter Stimme: »Und soll auch noch das Furchtbarste über uns hereinbrechen? Soll der arme, alte Mann, dessen Leben schon durch seine Gewissensbisse zerstört und vergiftet wurde, auch noch in den Kerker müssen? Soll ich den Vater hinter Eisenstäben sterben sehen, während die Mutter...« Sie konnte nicht mehr, der schwache Körper hatte das Übermenschliche ertragen, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte sie nicht Könnern in seinem Arm aufgefangen.
»Elise,« flehte der junge Mann in Todesangst, »woher diese schrecklichen Gedanken -- quäle Dich nicht unnöthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater kann _frei_ hinziehen, wohin er will -- Günther von Schwartzau ist ein Ehrenmann und mein treuer Freund, und was in _seinen_ Kräften steht, Dein hartes Geschick zu mildern, wird er mit Freuden schon meinetwegen thun.«
»O, Dank -- tausend, tausend Dank für diesen Trost!« schluchzte Elise, ergriff Könnern's Hand und preßte sie an ihre Lippen, ehe er es verhindern konnte -- »dann ist Alles gut -- Alles gut -- und mit der Angst von sich genommen, die seine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben beginnen. Ich bin ja auch jung und kräftig,« fuhr sie lebhafter fort -- »ich will und kann arbeiten, und Gott wird uns nicht verlassen, wenn er die wahre Reue des Schuldigen sieht.«
»Elise,« rief Könnern, der sich nicht länger halten konnte -- »Du zerreißest mir das Herz mit solchen Reden -- »bin ich Dir gar Nichts mehr? Sind die lieben Worte, welche Du gestern zu mir gesprochen, schon verhallt und todt? Elise, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir gegeben -- _was_ auch geschehen, was verschuldet ist, nicht Du -- nicht ich trage die Schuld davon, und wir dürfen deshalb nicht darunter leiden. Du bist mein -- mein für immer, und auf Händen will ich Dich tragen mein ganzes Leben lang!«
Er hatte noch seinen Arm um sie geschlungen, und preßte sie fest und leidenschaftlich an sich, und Elise duldete die Umarmung und lehnte ihr Haupt müde an seine Brust. Dann machte sie sich leise von ihm los und sagte, indem sie ihn mit einem rührenden Blick voll Liebe und Dankbarkeit ansah:
»So -- jetzt ist mir wohl -- ich habe _ein_mal an diesem treuen Herzen geruht, und die Erinnerung dieses Augenblicks wird mir ein Trost mein ganzes, langes Leben sein -- und jetzt, Bernard, laß uns scheiden.«
»Elise...«
»Rede mir nicht zu,« sagte das Mädchen, indem jetzt wieder Leichenblässe ihre Züge entfärbte -- »mein Entschluß steht fest -- unerschüttert fest -- ich kann und darf Dir nicht angehören -- ich kann und will das Opfer nicht von Dir annehmen, Dich an das Leben eines Verbrechers zu ketten. Aber das Kind gehört zum Vater, und wie mich Gott geschützt, daß ich den Augenblick überstanden, in dem ich Dir das gesagt -- wird er mich auch weiter schützen auf meiner langen, dornenvollen Bahn. Ja, Bernard,« fuhr sie wie verklärt fort, als er stumm vor Schmerz vor ihr stand -- »ich habe Dich geliebt mit meiner ganzen Seele -- mit jedem Athemzug, den ich gethan, mit jedem Schlage meines armen Herzens -- ich liebe Dich noch und werde Dich immer lieben, aber -- ich darf nicht Dein sein -- darf nicht -- kann es nicht. Leb' wohl! Möge Dir Gott den Frieden geben, welchen Dein reines Herz verdient -- mögen Dich dereinst wieder süße Bande fesseln, die nicht von Schuld und Sünde getrübt sind; _mein_ Segen begleite Dich auf allen Deinen Wegen, denn Du hast mir mehr gegeben, als die ganze Welt -- _einen_ glücklichen Augenblick an Deinem Herzen. Und nun leb' wohl, Bernard -- leb' ewig wohl -- Gott schütze Dich!« Und ihr Antlitz zu ihm hebend, bot sie ihm selber den Abschiedskuß -- aber ihre Lippen waren kalt und bleich, und wie sie sich von ihm wandte und die Thür ihres Zimmers hinter sich schloß, war es, als ob ein Geist aus einer andern Welt zu ihm gesprochen und vor seinen Augen in Duft und Nebel zerstoben sei.
12.
Verschiedene Interessen.
In dem Zimmer der Frau Gräfin stand Helene am Fenster, sah hinaus und trommelte dabei ungeduldig mit den Fingern an der Fensterscheibe.
Die Gräfin hatte noch nicht Toilette gemacht -- sie saß in ihrem Lehnstuhl, ein Buch in der Hand, ohne jedoch darin zu lesen, den rechten Fuß, von welchem der Pantoffel heruntergefallen war, über den linken geschlagen, in einem weißen, nicht frisch gewaschenen Morgengewand, auch die Haare noch nicht in Ordnung und außerdem nicht in der besten Laune.
Helene selber dagegen sah aus, wie der frische, junge Morgen da draußen vor den Fenstern. Die Wangen geröthet von einem Frühritt, den sie schon gemacht, ein paar duftende Orangenblüthen und eine Rose im Haar stand sie da, und selbst in den Augen, wie der funkelnde Thau da draußen noch auf den Blüthen lag, ein paar blitzende Tropfen, die aber mehr der Unmuth als der Schmerz ausgepreßt haben mußte und die sie zu stolz war wegzuwischen, damit die Mutter die Bewegung nicht etwa sah.
»Laß nur um Gottes willen das schreckliche Fenstertrommeln,« sagte die Mutter endlich -- »Du machst mich noch ganz nervös, und -- schicke mir dann die Dorothea herein, denn ich _muß_ mich jetzt anziehen -- es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei.«
Helene hörte allerdings mit ihrem Marsch auf der Fensterscheibe auf, aber sie rührte sich nicht von der Stelle und sagte endlich erregt:
»Du treibst mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner gränzenlosen Ruhe und Gleichgültigkeit.«
»Gleichgültigkeit?« fragte die Gräfin zurück -- »Du nennst das Gleichgültigkeit, was vorsichtige Überlegung und Berechnung ist -- und was _kannst_ Du überhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben ist ein anständiger, hübscher, junger Mensch aus guter und wohlhabender Familie er liebt Dich leidenschaftlich und ist in seinen Forderungen auch nicht unbescheiden. Er will ja gar nicht, daß die Hochzeit _gleich_ sein soll -- er will nur die feste Zusicherung Deiner Hand -- nur eine vorläufige Verlobung, weiter Nichts, und -- lieber Gott -- nachher könnt Ihr ja noch immer thun, was Ihr wollt. Es ist schon manche Verlobung rückgängig geworden, ohne daß beide Theile darüber gestorben sind.«
Helene drehte sich rasch und scharf nach der Mutter um.
»Und wenn ich mich weigere?« sagte sie, und der Blick, mit dem sie die Mutter dabei ansah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe.
»Es ist ganz vernünftig,« sagte die Gräfin ruhig, ohne jedoch zu ihr aufzusehen, »daß wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wissen dann Beide gleich besser, woran wir sind. Wenn Du Dich also weigerst, wird Herr von Pulteleben augenblicklich ausziehen und das Geschäft aufgeben -- das versteht sich von selbst. So wie _er_ aber aus dem Hause ist, kannst Du auch versichert sein, daß unsere Gläubiger wie ein Rabenschwarm über uns herfallen, und das Resultat ist dann sehr einfach: wir müssen ausziehen -- wohin? wirst Du vielleicht angeben können -- unsere Möbel und Sachen werden öffentlich verauctionirt und Deine Mutter verläßt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in dem sie bis jetzt wenigstens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich Recht oder nicht?«
»O wärest Du mir nur gefolgt!« rief Helene leidenschaftlich -- »hätten wir uns nur eingeschränkt wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem Wenigen, was wir hatten, Haus gehalten, es wäre nie und nimmer so weit gekommen!«
»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte die Gräfin ungeduldig mit dem Kopf schüttelnd, -- »wir mußten standesgemäß leben, oder die Leute hätten den Augenblick gemerkt, daß wir -- mit unserem Einkommen beschränkt sind. Es giebt gar kein mißtrauischeres Volk als diese Bauern.«
»Aber _kann_ es denn auf die Länge der Zeit verheimlicht bleiben?«
»Zeit gewonnen. Alles gewonnen,« ist ein altes, gutes Sprüchwort, und wir _haben_ Alles gewonnen, wenn Du nur, Deiner Mutter zu Liebe, nachgiebst und nicht mit dem alten Starrkopf Recht behalten willst.«
»Aber ich liebe den Mann nicht!« rief Helene, ihre Augenbrauen zogen sich dabei fest zusammen und ihre kleine Hand ballte sich.
»Liebe -- Liebe,« sagte die Frau Gräfin, sich hin und her wiegend -- »in unserem Stand wird selten eine Heirath aus _Liebe_ geschlossen. _Hast_ Du eine andere Wahl, so nenne sie -- hast Du sie nicht, so sei vernünftig.«
»Warum läßt Du mich nicht Stunden geben?« fragte Helene rasch -- »ich habe Dich so oft darum gebeten.«
»Damit könntest Du Dich _selber_ am Leben erhalten, und was wird dann aus _mir_, was aus Oskar? Aber thu' es -- thu' es nur -- was kümmerst Du Dich um Deine Mutter; die mag dann untergehen und verkümmern, wie sie will -- es ist ja nur die _Mutter_!«
Helene hatte sich auf den Stuhl an's Fenster gesetzt, stützte den Kopf auf ihre linke Hand und sah, von ihren Gedanken gequält, hinaus in's Leere. Endlich stand sie auf, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust, und sie sagte leise:
»Thu', was Du willst, Mutter -- _den_ Vorwurf sollst Du mir wenigstens nicht machen können.«
»Und morgen Abend haben wir die Gesellschaft?« fragte die Gräfin, und ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre Züge.
»Richte es ein wie Du willst,« wehrte Helene ab -- »ich sage Dir ja, ich füge mich Allem, aber -- quäle mich nicht weiter!« und mit raschen Schritten verließ sie das Zimmer, um ihre eigene Stube aufzusuchen. --
Herr von Pulteleben saß oben, eine Treppe höher, noch in seinem Morgenanzuge vor dem geöffneten Koffer und überzählte seinen Cassenbestand.
»Das weiß doch der Henker,« murmelte er dabei vor sich hin -- »ob ich mich um fünfzig Milreis verzählt habe, oder wo sie hingekommen sind -- die Frau Gräfin hat doch den Schlüssel gehabt und das Schloß war unbeschädigt -- na ja, das fehlte auch noch, daß das Geld auf _die_ Weise weggeht, es wird _so_ dünn genug, und wenn die versprochenen Wechsel jetzt nicht bald eintreffen, so sitzen wir hier Alle mit einander auf dem Trocknen. Verfluchte Geschichte mit der Cigarrenfabrik -- ganz verfluchte Geschichte, und ich will nur wünschen, daß die Leute bald anfangen sich um unsere Producte zu reißen, sonst steh' ich für Nichts.«
Er stützte seinen Ellbogen auf's Knie und schaute lange in tiefen Gedanken in den Koffer hinein. Endlich sagte er, diesen zuschließend und wieder aufstehend:
»Aber was thut's -- Thorheit! -- ich habe noch die alte Ängstlichkeit von Europa mitgebracht, welche sich erst hier in Brasilien verlieren muß. Eine kleine Weile hält's noch aus -- bis dahin kommen ebenfalls Gelder ein, und da meine gnädige Schwiegermutter #in spe# ihr Capital für das Rittergut mit dem nächsten fälligen Dampfer schon erwartet, so wär' ich ja ein wahrer Thor, wenn ich mir ganz unnöthiger Weise Sorgen machen wollte. Glück muß ein junger Mensch haben, und der Zufall -- oder vielmehr dieser verzweifelte Jeremias, der mir heute Morgen meine Kleider _noch_ nicht rein gemacht hat -- scheint mich in dieser Familie dem Glück mitten in den Schooß geworfen zu haben; daß ich das aber beim Schopf ergreife, versteht sich von selber.«
»Der Jeremias ist aber wirklich ein Lump,« fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, indem er seinen Rock hernahm und ihn selber ausbürstete -- »nicht der geringste Verlaß mehr auf den Menschen, und wenn ich ihm nicht wirklich so viel Dank schuldig wäre, ich jagte ihn heutigen Tages zum Teufel!«
Draußen an seiner Thür klopfte es an.
»Wer ist da?«
»Ich bin's,« sagte die Dorothea -- »ich bringe das zerrissene Zeug wieder -- der Schneider ist die Nacht nicht nach Haus gekommen -- er ist auf einen Ball über Land -- soll ich's zu einem Andern tragen?«
»Aber das versteht sich doch von selbst!« rief Herr von Pulteleben ärgerlich -- »so gescheidt hätten Sie doch gleich sein können.«
»Na, dann mag's auch unten liegen bleiben, bis der Jeremias kommt,« brummte die Alte leise vor sich hin, indem sie die Treppe wieder hinunter stieg -- »ich hätte Zeit, den ganzen Morgen in der Stadt herum zu laufen!«
»Schöne Wirthschaft das bei den Handwerkern,« dachte indessen Herr von Pulteleben, indem er seinen Rock anzog und dann in die noch ungewichsten Stiefel fuhr -- »muß ihnen doch hier verwünscht gut gehen, daß sie so übermüthig werden -- die Nacht auf einem Ball über Land -- es wird wahrhaftig alle Tage besser! --«
* * * * *
Es war Abend geworden -- die Sonne neigte sich schon den westlichen Gebirgen zu, und in seinem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Könnern bereits Stunden lang mit untergeschlagenen Armen auf und ab, jedesmal an's Fenster springend, wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Straße hörbar wurde. -- Und Günther kam noch immer nicht, trotzdem, daß er seit zehn Uhr Morgens fort war, und oft schon hatte der junge Mann selber in den Hof gewollt, um sein eigenes Pferd zu satteln und ihm entgegen zu reiten, jedoch immer wieder seine Ungeduld bezähmt. Jetzt litt es ihn nicht länger mehr; er griff seinen Hut auf und wollte eben fort, als die Thür aufging und der längst Ersehnte eintrat.
»Endlich, endlich!« rief Könnern ihm entgegen -- »wo sind Sie nur so lange geblieben -- und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehört?«
»Ich bin zu Fuß gekommen.«
»Zu Fuß? Und ist Alles geordnet?«
»Das war ein böser Nachmittag, Freund,« seufzte Günther, seinen Hut auf den Tisch werfend -- »und wär' es nicht _Ihnen_ zu Liebe gewesen, ich hätte mich dem im Leben nicht unterzogen. Aber welchem Fremden hätten wir es anvertrauen können, ohne den Klatsch augenblicklich durch die ganze Colonie getragen zu haben. Nun -- jetzt ist es Gott sei Dank überstanden und Sellbachs -- oder Meiers, wenn Sie wollen -- sind abgereist.«
»Abgereist?« rief Könnern, erschreckt seinen Arm fassend.
»Fort!« sagte Günther ruhig -- »und -- es war das Beste, was sie thun konnten. Wir bekamen heute außerdem die _Gewißheit_, daß sich die unglückliche Frau noch in der nämlichen Nacht in den Strom gestürzt, und ihrem Leben dadurch auf gewaltsame Weise ein Ende gemacht hat; die Leiche wird natürlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen Alligatoren darin machen das hoffnungslos.«
»Und Elise?« sagte Könnern leise und scheu.
»Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte,« fuhr Günther fort -- »Sie haben Recht, Könnern, das Mädchen ist ein Engel und jeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer fast unheimlichen Gewalt bezwang sie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich ihr erklärte, daß ich selber nicht den geringsten Auftrag, und für mich selber keineswegs die Absicht habe, gegen ihren Vater des Geschehenen wegen vorzugehen -- daß er selber, wenn er wolle, ein Abkommen mit seinen Gläubigern in Deutschland treffen möge, ja, daß ich ihm, wenn er dies wünsche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittlung bieten würde, wies sie Alles ruhig aber fest zurück. Sie behauptete dabei, daß sie im bestimmten Auftrage ihres Vaters handle, der seine Schuld allerdings nicht mehr ungeschehen machen könne, wie er aber die That bereue, so auch Alles thun wolle, was jetzt noch in seinen Kräften stehe, den erlittenen Verlust zu ersetzen. Er _könne_ freilich Nichts weiter thun, als Alles hergeben was er habe, und sie bäte mich daher, nicht allein Haus und Grundstück mit Allem was es enthielt, sondern auch noch eine sehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu übernehmen, welche sie mir einhändigte. Das Einzige, was sie bat mitnehmen zu dürfen, sei das Nothwendigste für sich und den Vater an Wäsche.
»Ich versuchte Alles, sie zu überreden, sich nicht von allen Mitteln zu entblößen -- ich stellte ihr vor, daß, wenn ich als Stellvertreter der Gläubiger hier handeln solle, um ihr Vermögen zu übernehmen, ich auch das Recht haben müsse, zurückzuweisen, was ich für überflüssig halte -- umsonst! Sie sei jung und kräftig, erwiederte sie mir, und könne und wolle arbeiten, und kein Milreis, auf dem ein Fluch hafte, solle in ihrem Besitze bleiben, um ein neues Leben damit zu beginnen. Das Einzige, was ich sie endlich anzunehmen vermochte -- und das auch nur nach stundenlanger Überredung und ihres Vaters wegen, der einen langen Marsch nicht ausgehalten hätte -- war mein eigenes Pferd -- und vor zwei Stunden etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bündel Gepäck hinter sich, die Jungfrau zu Fuß an seiner Seite -- so zogen die Unglücklichen in den Wald hinein.«
Könnern der, bleich wie ein Todter, die Augen von Thränen gefüllt, dem einfachen Bericht gelauscht, sank jetzt auf einen Stuhl, barg sein Gesicht in den Händen und saß lange stumm und regungslos. -- »Und darf ich sie ziehen, darf ich sie ihrem Schicksale _so_ überlassen?« stöhnte er endlich -- »es kann -- es kann nicht sein!«