Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Zweiter Band.

Chapter 13

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Bux versäumte aber auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntniß ließ Nichts zu wünschen übrig. Bald hatte er den einzeln stehenden Baum und die junge Palme gefunden; dicht darüber stand der Stein mit dem weißen Moosfleck, und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck auch immer, gehalten hatte. Hier aber war auch der Grund so steinig, daß er unter keinen Umständen gegraben haben konnte.

»Zum Henker auch!« brummte Justus, der sich überall umsah, »hier kann es doch nicht sein; Du mußt Dich im Platze versehen haben; ich glaube, es war weiter oben.«

»Dann such' Du weiter oben,« brummte Bux -- »wenn ich mir einmal einen Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber hier Etwas versteckt, so ist's nicht _vergraben_, sondern liegt unter einem Steine, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprünge kommen. Paß Du nur ein Bißchen auf, daß wir nicht etwa überrascht werden -- wir sind freilich unser Zwei, aber -- besser ist besser« -- und ungesäumt hob er einige der nächsten Steine auf, ohne jedoch das Geringste zu entdecken -- unter denen konnte Nichts verborgen sein.

»Teufel noch einmal!« brummte er endlich und richtete sich wieder auf -- »wenn hier wirklich 'was liegt, ist es verflucht schlau weggestaut, und weiß der Henker, wie er's gemacht hat, denn den großen Felsblock da hat er doch wahrhaftig nicht heben können. Das brächten _zwölf_ Menschen nicht zuwege.«

»Sieh 'mal hier,« sagte Justus, der etwas mehr seitwärts stand -- »da ist eine Spalte in dem Fels, aber so eng, daß man nicht einmal den Finger dazwischen bringen kann.«

Bux ging zu dem bezeichneten Platze, hatte ihn aber kaum ein paar Secunden betrachtet, als er sich zu der Platte niederbog und daran probirte.

»Bei Gott, die bewegt sich!« flüsterte er -- »und siehst Du, hier oben ist auch Etwas von dem Stein abgestoßen, als ob Jemand mit einem eisernen Instrument daran gewesen wäre.«

»Wenn man nur ein Messer dazwischen brächte.«

Bux hatte sein Taschenmesser schon heraus, und ohne die Klinge zu öffnen, drückte er es ganz hinein und schob daran, bis sich der Stein etwas ablöste und er die Finger dazwischen bringen konnte.

»Schieb Deinen Stock hinein, daß es mich nicht fängt.«

Justus gehorchte, und im nächsten Augenblick hob sich die Platte oben los und zeigte einen ganz eigenthümlich geformten hohlen Raum im Innern, der aber nur mit lockerm Gestein angefüllt schien. Es dämmerte außerdem schon, und sie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen.

»Halte die Platte -- so -- daß ich dahinter greife!« rief Bux -- »aber laß sie nicht fallen.« Justus hielt sie mit zitternden Händen fest, und Bux, der keine Rücksicht auf seine Kleider zu nehmen brauchte, zwängte sich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurück. Plötzlich stieß er einen leisen Jubelruf aus: »Ich hab's!«

»Was?« rief Justus -- »was ist's?«

»Zieh die Platte noch ein klein Wenig zu Dir -- so -- noch ein Bißchen -- so, jetzt geht's -- ein Sack -- ein Sack mit Geld -- hurrah, das war geglückt!« und aus dem Gestein zerrte er einen klingenden Leinwandsack heraus und hob ihn mit Mühe aus der Spalte mit einem Arme zu Tage.

»Jemine!« rief Justus und ließ die Platte los, die wieder in ihre alte Lage zurücksank und so vortrefflich paßte, daß man nur mit großer Aufmerksamkeit den Platz entdecken konnte.

»Esel!« schimpfte Bux -- »kannst Du denn den Stein nicht einmal halten, bis man Dir's sagt? Wenn nun noch mehr drin stäke -- Du bist doch zu gar Nichts zu gebrauchen.«

»Na, wie viel Säcke soll er denn haben,« lachte Justus -- »Junge, Junge, in dem Beutel stecken wenigstens ihre dreihundert Milreis, wenn auch nicht ein einziges Goldstück dazwischen wäre. Aber was machen wir jetzt damit?«

»Wir theilen,« brummte Bux, der indessen mit einiger Mühe die Schnur gelöst hatte, in den Sack griff, eine Hand voll Münzen herausnahm und in seine Westentasche steckte.

»Du, laß mich auch einmal kosten,« sagte Justus -- »schmeckst Du prächtig!«

»Komm hier fort!« sagte Bux, den Sack wieder zubindend -- hol's der Henker, der Teufel könnte doch noch sein Spiel haben -- dort drüben im Dickicht sind wir sicher.«

»Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden,« meinte Justus ängstlich.

»Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf,« brummte der Bauchredner -- »und hab' keine Angst -- _ich_ führe Dich sicher.« --

Jeremias, der einmal durch Zufall diesen wunderlichen Stein gefunden und -- weil er keinem Menschen sein mühsam erspartes Geld anvertrauen wollte -- zu seinem Depositorium benutzt hatte, war indessen wieder auf die andere Seite der Schlucht hinübergestiegen und wollte derselben eben thalabwärts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurückzukehren. Da entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche ziemlich frisch zu sein schienen, und er erschrak heftig darüber. War er etwa von Jemandem bei seiner letzten Arbeit beobachtet? War sein Versteck entdeckt worden? Doch das _konnte_ ja nicht sein. Die Fährten hier hatte jedenfalls einer der Colonisten eingedrückt, der sich auf der Jagd in der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten sie eben so gut mehrere Tage alt sein -- was brauchte er sich deshalb den Kopf zu zerbrechen. Außerdem brach auch die Nacht schon an, und er stieg rasch den Hang hinab, um die Colonie noch vor völliger Dunkelheit zu erreichen. Nichtsdestoweniger fühlte er sich heute Abend nicht so recht behaglich -- es drängte ihn sogar ein paar Mal, wieder umzukehren und sich selber zu überzeugen, ob Alles sicher sei -- wie aber konnte er glauben, daß irgend ein Mensch der Welt -- noch dazu in der Dunkelheit -- _die_ Stelle ausfinden sollte.

»Und ich wollte doch, ich hätte dem Director das Geld mit nach Rio gegeben,« brummte er endlich leise vor sich hin -- zum Kuckuck, _ich_ habe den Platz gefunden und ein Anderer könnte auch einmal darüber stolpern -- und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk überall herumschnüffelt und spionirt -- daß die braunen Bestien alle der Teufel hole!«

Er hatte den Weg jetzt erreicht und schlenderte langsam eine Strecke darauf hin. Die Sonne war unter und es dämmerte schon stark. Er blieb wieder stehen.

»Ist mir doch ganz curios heut zu Muthe,« murmelte er, indem er sich nach den Bergen umsah, »und ich gäb' was drum, wenn ich noch eine Weile da oben geblieben wäre -- es wurde nur gar so spät -- und in den alten Felsblöcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.«

Er horchte erschreckt empor -- war es ihm doch fast, als ob er in der Richtung nach seinem versteckten Schatz hin einen Ruf gehört hätte -- es war Alles todtenstill -- die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der See herüber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hören -- weiter keinen Laut.

»'s ist doch merkwürdig,« dachte Jeremias, »was mir heute nur Alles in den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menschen genug gäbe, die da herumstreifen könnten -- und außerdem hat's in drei Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den Gliedern und ich möchte die ganze Nacht hier sitzen, um nur morgen früh mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu sein. -- Dann nehm ich's aber mit -- keine Sonne soll je wieder auf den Stein scheinen mit meinem Geld darunter, so viel weiß ich, denn die Angst will ich nicht noch einmal ausstehen. -- Und was hindert mich denn, daß ich's _jetzt_ noch hole? -- aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg da allein gehen und alle die Soldaten um das Nest herum...?!«

Jeremias war vollkommen mit sich im Unklaren -- er wollte Etwas thun und wußte nicht was. Wie machte er's am Gescheutesten?

Gerade, wo er stand, war ein Baum quer über den Weg gefallen, von einem vorbeipassirenden Kärrner wahrscheinlich durchgehauen und eben nur nothdürftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, daß die Räder durchpassiren konnten -- wer die Passage breiter haben wollte, konnte sich selber helfen. Auf den Stamm setzte sich Jeremias, seinen Hut neben sich legend, und kratzte sich unter der rothen Perrücke in lauter Zweifel und Ungewißheit den Kopf; es war indessen vollständig dunkel und Nacht geworden.

Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. »Zum Schwerebrett!« brummte er, jetzt ist's Nacht geworden -- jetzt kriecht Niemand mehr da oben herum -- und ich auch nicht -- und morgen, eine Stunde vor Tag, steh' ich auf, und sprenge die Bank -- hol' mich Dieser und Jener wenn ich's nicht thue!«

Damit nahm er seine Perrücke ab, trocknete sich darunter mit einem baumwollenen Taschentuch den Schweiß, zog sie wieder fest, drückte sich den Hut darüber und wollte eben aufstehen und in die Stadt zurückkehren, als er rasche und schwere Schritte auf den Steinen hörte.

»Holla, wer ist das?« fuhr er erschreckt empor. Aber die Schritte kamen rasch näher -- es war Jemand, der aus Leibeskräften lief, und im nächsten Momente sah er eine dunkle Gestalt auf sich zuspringen, und zwar genau der Richtung folgend, welche die Straße selber nahm.

Das eine Ende des Baumes lag aber nach dort hinüber, da der umgestürzte Stamm am dünnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit seinem Wagen lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende schien den Stamm gar nicht gesehen zu haben, bis er dicht davor war -- er wollte einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehltritt und schlug der Länge nach über das Holz weg. In demselben Augenblick klirrte Etwas wie Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu dessen Füßen das Alles vorging, sprang in die Höhe und rief überrascht aus: »Holla! -- wen haben wir denn da?«

Der Gestürzte mußte keinesfalls die unmittelbare Nähe eines andern Menschen geahnt haben; kaum aber hörte er die Stimme neben sich, so stieß er einen Angstschrei aus, so hell und gellend, daß Jeremias selbst davor zurückschreckte, raffte sich aber auch in demselben Moment empor und war mit Einem Satze seitwärts im Dickicht verschwunden, wo er in wilder Flucht durch Dornen und Geröll hindurchbrach.

»Na ja,« sagte Jeremias und sah verblüfft hinter ihm drein -- was hat denn der ausgefressen, und wer war's eigentlich? -- Kam mir beinahe so vor, als ob's der Lump, der Bux -- alle Teufel!« unterbrach er sich selber und sprang der Stelle zu, aus der er das klirrende Geräusch gehört. Er brauchte auch nicht lange zu suchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler Gegenstand, während es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur seine Hand darauf legte.

Es war ein Sack mit Geld -- genau so ein Sack, wie _er_ ihn unter dem Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern darüber hingriff, konnte er nicht länger im Zweifel sein, daß er sein Eigenthum in Händen halte.

Was war geschehen -- wie hing das Alles zusammen? Die Gedanken jagten sich ihm wirr im Kopf und die Furcht überkam ihn jetzt, daß der blos erschreckte Räuber, vielleicht noch mit Genossen, zurückkehren und ihn überfallen könne.

In die Stadt! war jetzt sein einziger Gedanke -- zu Menschen, zwischen menschliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel fest unter den Arm drückend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg entlang, als ob ihn selber sein böses Gewissen treibe.

Selbst unterwegs aber überkam ihn die Angst, daß der Flüchtige schon umgedreht sein könne und hinter irgend einem Busche auf ihn lauere, und er brauchte jetzt die wunderlichsten Mittel, sich dagegen sicher zu stellen. Wenn Jener nämlich glauben mußte, daß er nicht allein sei, wagte er sicher nicht vorzubrechen, und Jeremias fing jetzt an zu rufen: »Hier ist er -- da hinter dem Busche! -- Spring' da herum, daß er nicht wieder durchbricht! -- Halt' ihn! -- Warte, Canaille, dieses Mal entgehst Du uns nicht!« Und dabei lief er so rasch ihn seine Füße trugen, bis er, endlich bei Justus' Haus angekommen, vor Erschöpfung und ausgestandener Todesangst fast in die Knie brach.

Hier begegneten ihm aber Menschen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die Straße hinauf -- ein Reiter kam die eine Querstraße herein. In den Häusern war Licht und in den Zimmern konnte er die Leute sitzen sehen. Vor der einen Thür saßen sogar noch ein paar junge Burschen und sangen, und Mädchen gingen über die Straße, um Wasser zu holen. -- Er war in Sicherheit.

11.

Könnern und Elise.

Am nächsten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden: bei Baulens war kein Pferd gefüttert und geputzt, der Baron schimpfte über Jeremias und seine schmutzigen Pfeifen, bei Bohlos sollte Wein abgezogen werden und keine Flasche war rein, beim Kaufmann Rohrland waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben, kurz, überall suchte man Jeremias, der noch im Leben nicht so nöthig gewesen schien als gerade heute, und gerade heute nicht gefunden werden konnte.

Und wo war Jeremias? -- In seinem Dachstübchen, aber fest eingeschlossen, das Schlüsselloch verstopft, so saß er auf seinem Bett, antwortete auf kein Klopfen, und brütete über seinem Geldsack, den er wohl verborgen unter der Matratze liegen hatte und sich nicht mehr getraute zu verlassen.

So war es bald Mittag geworden, und er saß noch immer da, als es plötzlich wieder, lauter als je, an seine Thür schlug. Er gab keine Antwort; aber der Klopfer ließ sich dieses Mal nicht abweisen, und rief, mit dem Mund an der Thür:

»Was, zum Teufel, treibst Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!« -- Keine Antwort -- »verstelle Dich nur nicht -- ich habe Dich ja eben nießen hören. Mach' auf, oder ich drücke wahrhaftig die Thür ein!«

Jeremias kannte die Stimme -- es war der Kaufmann Rohrland selber -- konnte ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias stand auf und schob den Riegel zurück.

»Aber, zum Teufel, was treibst Du denn nur hier oben?« rief ihm dieser entgegen, »überall wirst Du gesucht; der Bodenlos flucht und schimpft und der junge Graf wettert im ganzen Orte herum. Bist Du krank?«

»Zahnschmerzen,« sagte Jeremias, und hielt sich mit beiden Händen die Backe.

»So laß ihn herausreißen -- wer quält sich denn so lange mit einem kranken Knochen! Ist's denn jetzt besser?«

»Ja.«

»Kannst Du mir 'was besorgen?«

»Und was ist's?«

»Der neue Director war bei mir, und wollte für etwa ein Conto de Reis Silber; ich habe aber nur ein paar Hundert Milreis im Hause -- kannst Du einmal herumlaufen und sehen, wo Du sie auftreibst? -- Er giebt ganz gute Banknoten dafür, die eigentlich noch eine Prämie bekommen.«

»Ganz gute Banknoten?« fragte Jeremias aufmerksam werdend.

»So gut wie Silber, oder noch besser. Ich wechselte sie ihm gern ein, wenn ich es nur hätte.«

Jeremias sprang wie der Blitz in die Höhe und in seine Schuhe; da war Hülfe in der Noth.

»Sieh' zu, daß Du es bekommst, und wenn es nur wenigstens ein Theil ist, das Andere schaffen wir dann schon.«

»Ich bring' es hinüber,« sagte Jeremias, und meinte seinen Sack -- »also gute Banknoten?«

»Ich tausche sie zu jeder Stunde wieder um, wenn ich's nur selber habe. Kommst Du dann hinüber?«

»In einer Viertelstunde; ich -- muß mich nur erst waschen.«

»Gut,« sagte Rohrland -- »also, ich verlasse mich darauf. Hier hast Du erst einmal fünfhundert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben kannst, hol' Dir das Übrige -- siehst Du, es sind lauter gute Noten und noch alle neu.«

Er zählte sie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein, und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die Thür wieder hinter ihm fest verriegelte und in voller Hast seinen Schatz vorholte. -- Banknoten -- weshalb hatte er denn nicht an die schon lange gedacht, daß er sich immer mit dem schweren Silber herumgequält und die Angst ausgestanden hatte, es zu verlieren -- Banknoten -- die konnte er in seinen Rock oder in seine Weste nähen, und wer wußte nachher, daß er ein Vermögen auf dem Leibe trug? Aber zählen mußte er vorher, was er hatte, und mit vorsichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke, daß die Münzen nicht an einander schlugen. -- Und wie das hübsch aussah, als da Alles in einer Reihe vor ihm lag -- aber Banknoten waren besser -- die klimperten nicht und hatten kein Gewicht, und man brauchte nicht draußen in den Bergen herumzukriechen, um sie einzeln zu verstecken, und nachher alle auf einmal stehlen zu lassen. -- Wer nur der Dieb gestern gewesen war, und wie er ihn ausgefunden hatte? Wirklich der Bux? -- Aber wie konnte der wissen, daß er Geld im Walde versteckt gehalten? -- Es _mußte_ jemand Anders gewesen sein -- vielleicht der Schneider, der Justus, der ihn wie Gift haßte? -- Er hörte bei dem Gedanken ordentlich mit Zählen auf, und brummte leise vor sich hin: »So eine Canaille, -- dem traut' ich's zu.«

Jetzt war er fertig, aber wieder und wieder überzählte er die Summe -- vierhunderteinundzwanzig Stück, und _seiner_ Berechnung nach fehlten neunzehn daran -- ob die der Schuft herausgestohlen hatte? -- Es wurden aber nicht mehr, und er packte sie endlich wieder ein und trug sie fort.

Damit schien dem kleinen Burschen aber eine wahre Last von der Seele genommen zu sein. So wie er sein schweres Silber los war, nähte er sich die paar Banknoten sorgfältig in seine Weste ein, und ging dann an seine Arbeit, und pfiff und sang dabei, daß es eine wahre Lust und Freude war. -- --

* * * * *

Wir müssen jetzt noch einmal auf die Erlebnisse des vorigen Tages zurückspringen, und zwar zu dem Augenblick, wo Könnern und von Schwartzau in Begleitung Helenen's den Meier'schen Garten verließen.

Noch saß der alte Mann auf dem Stuhl, die Hände gefaltet und in sich zusammengebrochen, den Blick stier und glanzlos auf den Boden heftend. Neben ihm stand die Tochter, den linken Arm um seine Schulter geschlagen, ihre Stirn auf sein Haupt gelehnt, und mit der rechten Hand seinen Arm gefaßt, und flüsterte leise:

»Väterchen -- Väterchen -- was ist Dir? So fasse Dich doch -- sieh mich an -- ich bin ja bei Dir, Deine Elise, Dein Kind, und will Dich nie verlassen, wenn es Dir gar so schrecklich ist. Sprich nur mit mir -- hebe nur die Augen zu mir auf -- sage mir nur das Eine -- Eine Wort, daß Du mir nicht böse bist!«

»Sprich mit ihr,« flüsterte die Frau, die ihre ganze Fassung wieder gewonnen hatte, und ebenfalls zu dem Gatten getreten war -- »sprich mit ihr und sei ein _Mann_, Franz. -- Es ist Nichts, Kind, es wird gleich vorübergehen -- vor acht Tagen hatte er ja auch schon einmal einen solchen Anfall gehabt, nur daß wir es Dir damals verheimlichten, damit Du Dich nicht so sehr erschrecken solltest.«

Meier hob den stieren Blick langsam zu seiner Frau empor, und sah sie so scharf und durchdringend an, daß sie ihre Augen zu Boden schlagen mußte.

»Es ist _Nichts_ -- gar Nichts?« sagte er leise. -- »Und war er nicht hier -- hat er nicht...«

»Unsinn!« rief aber die Frau jetzt ärgerlich; »schwatze dem Kinde Nichts vor, daß es sich ängstigen muß.«

Noch immer haftete des alten Mannes Blick fest auf seiner Frau, und an dem Arm der Tochter hob er sich empor, bis er aufgerichtet vor ihr stand -- dann seine Hand auf Elisens Schulter legend, und sich zu ihr wendend, während nur noch ein scheuer Blick nach der Frau hinüberschweifte, flüsterte er:

»Glaub' ihr nicht, Elise, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat sie mich eingeschläfert und mein Gewissen erdrückt, daß es nicht ausbrechen konnte an freie Luft. Jetzt ist's vorbei, jetzt ist's vorbei! Er ist gekommen, der Rächer, und die Schuld muß gesühnt werden.«

»Vater!« rief Elise in furchtbarer Angst -- ist geschehen -- was hast Du?«

»Er spricht im Fieber,« rief die Mutter erbleichend -- »hör' nicht auf ihn -- lauf', Elise -- spring' hinaus und schick' das Mädchen nach einem Arzt!«

»Zurück!« rief der alte Mann, indem er Elisen's Arm jetzt krampfhaft hielt -- »zurück Versucher, Deine Zeit ist um. -- Länger ertrag' ich's nicht -- hat mir so schon das Herz fast abgedrückt die langen, langen Jahre über -- zurück!« Und das Mädchen wieder an sich ziehend, flüsterte er ihr rasch und ängstlich zu: »Komm mit auf mein Zimmer, Elise -- komm mit -- Du sollst Alles -- Alles wissen -- Dir will ich beichten -- in Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer ausschütten -- dann wird mir wohl -- dann wird mir wohl werden!«

»Franz,« rief die Frau, mit krampfhaft gefalteten Händen zu ihm aufschauend -- »um Gottes willen bedenke was Du thust! Willst Du das Kind vom Herzen der Mutter reißen?«

»Du _hast_ kein Herz!« stöhnte aber der alte Mann, die zitternde Hand gegen sie schüttelnd -- »geh' -- geh' -- geh'! Laß mich mit dem Kind allein, ich _muß_ sprechen -- muß endlich sprechen und für meine Seele Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen soll. Komm', Lieschen, komm -- ich _will_ reden,« und mit zitternder Hast zog er die Tochter in sein Zimmer. Die Frau aber wankte zum Sopha, warf sich darauf, barg ihr Gesicht fest, fest in den Händen und lag dort stumm und regungslos.

Das war ein trauriger Tag in dem Hause. Die Dienstleute gingen herum und wußten nicht, was mit der Herrschaft geschehen sei. Das Frühstück war schon unberührt auf dem Tisch stehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen, zum Mittagsessen wurde gar nicht gedeckt. Das Dienstmädchen ging ein paar Mal zur »Madame« hinein, um zu fragen ob Niemand Etwas verlange -- aber sie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem Sopha und regte kein Glied, und nur an dem schweren Athmen konnte man sehen, daß sie noch lebe, und Elise war, als sie den Vater verließ, auf ihr Zimmer gegangen, und hatte sich dort eingeschlossen.

So kam der Abend heran, und als es anfing zu dämmern, erhob sich die Frau langsam von ihrem Lager, stand auf, und verließ das Haus und den Garten, und schritt langsam den schmalen Weg zum Thal hinab. Karl sah sie gehen, und schüttelte den Kopf, denn wie selten war die Frau hinaus vor die Gartenthür gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden -- wo wollte sie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hinein gehen sollte und es dem Herrn sagen; aber der hatte seinen Riegel inwendig vorgeschoben, und das Fräulein war eben so wenig zu sprechen. Er ging dann selber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da draußen auszuschauen -- aber sie war nirgends zu sehen, und es fing an, ihm selber ganz unheimlich dabei zu werden.

Endlich kam Elise herunter, um ihre Mutter zu sprechen. -- Das Mädchen kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzählen, daß die Frau fort sei, und so gar schrecklich bleich ausgesehen habe, wie sie gegangen, und so gar große und glänzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch hatte sie mitgenommen, keinen Hut -- ruhig und langsam war sie hinausgeschritten auf die Straße und dort hinab.

Elise seufzte tief auf und faßte krampfhaft ihr armes, gequältes Herz -- die Ahnung von etwas Furchtbarem kam über sie; aber so viel war schon geschehen -- so Entsetzliches, daß der Eine Schlag nicht betäubender wirken konnte als der andere. Das Mädchen durfte auch nicht ahnen was geschehen -- wenigstens jetzt noch nicht, denn lange ließ es sich ja doch nicht mehr geheim halten.

»Wo ist der Karl?« fragte sie ruhig.

»Hier, Fräulein,« sagte der junge Bursche, der schüchtern an der Thür gestanden.

»Geh' hinunter in die Stadt und suche die Mutter -- sie ist krank -- benachrichtige auch zugleich den Arzt, daß sie in einem heftigen Fieberanfall das Haus verlassen habe. Wenn Du sie allein nicht gleich findest, so schick' andere Leute nach allen Richtungen aus -- Du wirst aber schon von ihr hören -- Menschen werden sie schon hier oder da gesehen haben -- lauf', Karl -- sei geschwind, und -- wenn Ihr sie gefunden habt, schick' mir rasch einen Boten voraus, daß ich Euch entgegen komme.«