Die Colonie: Brasilianisches Lebensbild. Dritter Band
Part 9
Beide hielten ihre Pferde an und horchten, und deutlich ließ sich jetzt, unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte die Stimme einer Frau.
»Das ist er!« flüsterte Rottack -- »gleich dort hinter der Palmengruppe muß er stecken.«
Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Carawane vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte. Rottack hielt sich dicht an seiner Seite.
Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem -- wie Könnern ganz richtig vermuthet hatte -- der unbehagliche Gedanke gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der Verdacht auf _ihn_ fallen sollte, wußte er freilich nicht, denn hatte er auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die Frage, wann das je einmal gefunden, und ob es überhaupt Jemand kennen würde, und bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht konnte aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher, sonst wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt hatte? -- er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte -- sagte ohnehin Nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar Wochen im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit abwarten, als sich, wie er bei sich dachte, »ewig den Kopf abzudrehen, ob Jemand hinter ihm her käme.«
So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch nicht ruhen lassen.
Als Könnern zuerst die kleine Carawane entdeckte, hielt sie still. Die Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte.
»Aber ich _kann_ ja nicht mehr, Bux,« sagte die Unglückliche -- »laß mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's schon wieder gehen.«
»Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem abscheulichen Fluch -- »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich krähen hören -- es _kann_ nicht mehr weit sein.«
»Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde, das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum -- »mach' mit mir was Du willst, schlag' mich todt oder laß mich liegen und hier umkommen, aber ich kann nicht weiter.«
»Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche, »warten thu' ich, Gott straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du Gottverdammte« -- er fuhr erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der Pferde im Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an.
Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster:
»Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib muß auch noch das schwere Kind schleppen -- 's ist doch wahrlich eine Schande!« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine Feldflasche, und zu der Frau tretend, fuhr er fort: »Da, trinkt einmal einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun -- Ihr seht aus, als ob Ihr's nöthig hättet.«
»Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau -- »und der mag's vergelten -- Ihr seid doch auch _Menschen_, Ihr werdet mich nicht hier im Walde allein liegen und mit dem Kinde verhungern lassen.«
»Hier in Brasilien kann Jeder thun was ihn freut,« sagte der Mann finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor sich auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den Mörder finster und ernst betrachtet hatte. Daß er dabei den Rechten vor sich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Die scheue, ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der unechte Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den letzten Beweis, wenn es dessen bedurft hätte.
»Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde -- »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr noch in Eurem Leben keinen Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserablen Frau gesehen hättet? Das glaub' ich! _Ihr_ könnt's aushalten auf Euren Pferden oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's Leben schinden -- na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?«
Könnern hatte kein Wort erwiedert und nur den Blick fest auf dem Mörder gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam:
»Ihr heißt Bux, nicht wahr?«
»Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell -- »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den Händen der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte jetzt einen Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können.
»Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern in französischer Sprache zu -- »die Frau und die Kinder werden ein Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollen wir nicht lieber warten, bis wir ihn allein haben?«
Ehe aber Könnern Etwas darauf erwiedern konnte, überhob sie Bux selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die beiden Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt Rettung -- Flucht!
»Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit _einem_ Satz in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen Hang mehr hinab stürzend, wie laufend.
Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß auszuweichen, der ihn noch leicht am Arm streifte, seinen Rock zerschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln und fiel auf den rauhen Boden, so daß der Flüchtling, ehe er sich wieder aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm hatte.
Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier dem Reiter Nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter mit einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos um seine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte Könnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück und wollte nicht vorwärts.
»Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und auch die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd zurück, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie Nichts zu befürchten hätte, griff er sein Gewehr auf und folgte der Jagd.
Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen Tagesmarsch und der ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern hatte auch, um seinen Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen getrunken, als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und unermüdet, mit kaltem Blut und frischen Kräften, mit denen er jede Öffnung in den Büschen benutzte, während der Fliehende rücksichtslos mitten hindurch brach und damit seine Kraft schwächte, sah bald, daß er dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und suchte ihm deshalb den Weg abzuschneiden.
Bux dagegen hatte gar kein bestimmtes Ziel! er wollte nur fort -- weiter -- aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinüber -- vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang jetzt hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte -- denn daß ihm hier ein Pferd nicht folgen konnte, wußte er --, sah er, daß er verloren war. Aber er ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand und lag -- vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die Rächer! -- Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor; er blieb mit seinem Rock in einem Dornbusch hangen; mit rasender Gewalt riß er sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen -- seine Mütze hatte er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig gekratzte Stirn -- vorwärts -- vorwärts -- bis seine Kräfte ermatteten und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach.
Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und zeigte es dem Freunde.
»Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem.
»Hier liegt er -- er ist sicher -- aber was haben Sie dort?«
»Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte, und sprang danach, da ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da liegt die Canaille -- ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen, der hat uns noch eine hübsche Hetze gemacht! -- Wenn ich nur meine Hunde hier gehabt hätte!«
Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht -- nur sein schweres, hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf die vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt.
»Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen, und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig als ihn auf ein Pferd zu binden.«
»Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn Mitleid verdient die Canaille nicht. -- Aber dort drüben ist ein Weg, Könnern, bei Gott -- und da hinten liegt das Haus -- wir sind dicht an der Chagra.«
»Desto besser,« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?«
»Es ist gar Nichts,« lachte der junge Mann -- »eben nur geritzt, nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen -- das ist wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann nicht hier liegen bleiben -- holla, Freund -- steh' auf, Deine Zeit ist um und Du mußt wieder wandern.«
»Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern -- »trauen Sie ihm nicht!«
»Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend und heftig schüttelnd. -- »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück, und wenn ich Dich auf meinem Rücken hineintragen sollte.«
Bux regte sich nicht.
»Willst Du nicht gehorchen? -- gut, dann darfst Du Dich auch nicht beklagen!« -- und mit den Worten hatte er ein dünnes aber starkes Seil aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm ergreifen, um beide zusammenzuziehen. Wie aber Bux die Fessel an der Hand fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor -- doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in demselben Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux wollte sich losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei Minuten später, während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch um Hülfe brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger.
»So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen Stamm schlug, »jetzt sein Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten Sie bei dem Burschen eine kurze Wacht, während ich hinunter in das Haus springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns Etwas nützen können.«
»Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?«
»Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken, daß wir den Hang nicht wieder hinaufbrauchen. Es ist jedenfalls besser, wir wissen erst wer hier unten wohnt.«
»Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht entwischt, dafür will ich schon sorgen.«
Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt rasch darauf hin dem Hause zu, als er von dorther einen Mann sich entgegenkommen sah.
»Habt _Ihr_ um Hülfe geschrieen?« fragte ihn dieser schon von Weitem in portugiesischer Sprache. »Was ist denn geschehen? Seid Ihr angefallen?«
»Gerade das Gegentheil, Senhor,« erwiederte Könnern -- »wir haben einen Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte. Könnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?«
»Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte -- »ich habe einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht verlassen.«
»Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört haben,« sagte der junge Mann theilnehmend, »Ihr habt Krankheit in Eurer Familie gehabt?«
»_Wir_, Gott sei Dank, nicht,« erwiederte der Brasilianer; »aber ein Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter zu uns kam, legte sich und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon krank, als er mein Haus betrat.«
»Ein Fremder? -- mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie ihm dabei das Blut in den Adern stockte.
»Ja, Senhor.«
»Ein Mann mit weißen Haaren?«
»Kennt Ihr ihn?«
»Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus -- »hier also -- hier -- aber da komm' ich doch noch vielleicht zur rechten Zeit! -- Laßt mich zum Hause gehen, Senhor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt die Straße hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.«
»Seid _Ihr_ ein Verwandter von dem Alten?«
»Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.«
»Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt -- und nun macht nur, daß Ihr hineinkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere will ich schon mit Eurem Freund besorgen.«
8.
Gefunden.
Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der hier ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viel Deutsche in diese Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen konnte, in einiger Zeit die Gränzen ihrer Niederlassungen zu sich herausgerückt zu sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land, ihnen gute Colonien zu verkaufen, und konnte nachher in kurzer Zeit ein reicher Mann sein. Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang allein und einsam in der Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht.
Natürlich hatte er für sich und seine Familie, wie für ein paar Sclaven, die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige Hütte gebaut, denn der Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine Arbeitskräfte in Anspruch. So beschränkt aber der Raum war, den er bewohnte, so willig theilte er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem Fremden -- war es nun ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte, oder eine wandernde Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten genug zu sehen bekam. Für die Frau -- denn der Mann konnte doch wenigstens manchmal fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein in ihrer Wildniß saß -- war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, und was die Küche wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht und aufgetischt.
Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem Kinde erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst gesunden Körper gearbeitet und gezehrt -- die furchtbare Zeit der Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie der ungewohnten Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die ihn bis dahin noch fast gewaltsam aufrecht gehalten.
Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger Stumpfsinn, der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend aufloderte.
Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war, so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb, waren aus seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den gräßlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für flüchtig vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn Elise zu beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld sowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beschwörungen des unglücklichen Vaters, wenn er sie bat, ihn nicht zu verlassen und der Polizei auszuliefern. Was sie körperlich dabei dulden mußte, schwand zu einem Nichts zusammen, und ihre Lage wurde erst dann wirklich gefährlich, als die wilden Phantasien dem Unglücklichen auf keinem gebahnten Weg mehr Ruhe ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den Verfolgern zu entgehen, die er fortwährend auf seiner Fährte glaubte.
Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß sie ihn kaum wieder einholen konnte, und in Todesangst indessen zu vergehen drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne einen Trunk Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst gegen Morgen zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen hatte, Hülfe in der schrecklichsten Noth.
Jetzt war Alles vorbei -- Alles überstanden. Wie sich der Körper des unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so schwach geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber heute zum ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das Fenster warf, und sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte, ob sie ihm irgend eine Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der fleischlosen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und sagte leise:
»Meine arme, arme Elise!«
»Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden Thränen -- »kennst Du mich denn?«
»Soll ich _Dich_ nicht kennen, meine treue Gefährtin in Jammer und in Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen Manne?«
»Mein guter Vater!«
»Gottes Segen über Dich -- Gottes reichsten Segen, und daß er die Schuld nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!«
»Vater -- _Vater_!«
»Stille, mein Kind -- stille -- weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen Jahren nicht gewesen ist. Nur _eine_ -- _eine_ Sorge liegt mir noch darauf, und das bist _Du_, mein Kind, das ich allein und hülflos in dem weiten, fremden Lande zurücklasse.«
»Vater, sprich nicht so -- Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen Kräften.«
»Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken folgte -- »und auch daran trage ich die Schuld -- auch daran, daß ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen, sündhaften Plänen folgend -- auch daran, und _das_ Gewicht muß ich jetzt mit mir hinab nehmen -- hinab in's Grab!«
Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch.
»Weine nicht, Elise,« sagte er leise -- »weine nicht -- wir sehen uns wieder -- wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir gehalten, so wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande -- nicht so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du doch Hülfe gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind -- sei stark, Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.«
»Du wirst _nicht_ sterben, Vater!« schluchzte das arme Kind und preßte ihre Stirn nur fester an seine Schulter -- »Du wirst leben, mir -- mir zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein spätes, spätes Alter hinein!«
»Du willst mir den Abschied recht schwer machen,« seufzte der alte Mann, »und ich habe doch keine Thränen mehr, die mir die Brust erleichtern könnten! -- Sieh, wie der Sonnenschein so warm durch's Fenster dringt,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die nur durch Elisens Schluchzen unterbrochen wurde -- »und draußen liegt in Licht und Glanz die Welt, der schöne Wald. -- Grüß' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn wiedersiehst -- die schattigen Bäume und den murmelnden Bach, und -- wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag der Gedanke Dich versöhnen, daß er im frischen, grünen Walde schläft und das Rauschen der ewigen Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt für den reuigen Sünder!«
»Vater!«
»Fasse Dich, mein Lieschen -- es _muß_ sein -- und nun noch Eins -- rufe mir unseren freundlichen Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles Liebe und Gute, das er uns erzeigt. Habe ich doch Nichts weiter auf der Welt, was ich ihm bieten könnte, wie meinen Dank! -- Er wird Dich auch nicht gleich verstoßen; seine Frau ist gut und freundlich -- war sie doch gut und freundlich gegen mich -- o, wenn ich _den_ Trost mit mir hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz verlassen wäre!«
Elise richtete sich gewaltsam empor -- sie durfte jetzt nicht zurückdenken -- nur _jetzt_ nicht -- oder das Herz hätte ihr brechen mögen in Jammer und Weh.
»Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise -- »nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.«
Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte er traurig.
»Ich bin gleich -- gleich wieder bei Dir, Vater. -- Er ist jedenfalls draußen -- ich höre schon seinen Schritt.«
Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür, als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand.
Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!«
»Elise -- Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend und sie in seine Arme schließend -- »o, nun ist Alles gut -- Alles, und Nichts im Leben soll uns wieder trennen!«
»Und bist Du's wirklich, Bernard? -- Ist es nicht Dein Geist, der nur gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?« hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich.
»Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt den Kopf der Thür zu.